geb. am 1.10.1873 in Wien – gest. am 24.6.1958 in Wien; Musikkritiker und -schriftsteller, Professor, Kolumnist, Exilant

Max Graf war ein Musikkritiker und -schriftsteller, dessen Interessensgebiet vor allem die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts umfasste. Lebhaft, geistreich und subjektiv trat er hierbei für die Komponisten der Moderne (Berg, Mahler, Schönberg) ein und forderte – besonders in seinen Werken der 1940er Jahre – zur Pflege der klassisch-romantischen Tradition auf. Max Graf war nicht nur ein Bewunderer Wagners, sondern auch Gustav Mahlers, dennoch scheute er nicht davor,  manche seiner Leistungen auch kritisch zu würdigen. So bezeichnete er Mahlers Figaro-Interpretation des Mozart-Zyklus als “nervös überspitzt” (WO,1955, 82). Als Graf die Aufführung von Mahlers 1. Symphonie im November 1900 nicht, wie offenbar von Mahler erwartet, lobte, brach der Kontakt seitens Mahler vollständig ab. In seinen Glossen über Kunst und Kultur, die von 1920-1922 meistens sonntäglich im Neuen Wiener Journal erschienen sind, äußerte er sich pointiert zu Ereignissen aus Musik und Literatur, bezog aber auch Stellung zu politischen und gesellschaftlichen Themen.

Max Graf wurde am 1.10.1873 in Wien geboren. Sein Vater Josef Graf ­­­­– ein jüdischer Schriftsteller und Redakteur – stammte aus Böhmen und war einige Jahre als Pressechef des dortigen Stadthalters tätig. Die Familie besaß im 1. Wiener Gemeindebezirk eine Druckerei. Nach Besuch der Gymnasien in Prag und Wien, inskribierte sich Graf 1891 an der Juridischen Fakultät der Universität Wien und interessierte sich nebenbei für theoretische, praktische und historische Musikstudien. Er besuchte unter anderem Vorlesungen für Musikgeschichte und Musiktheorie bei Eduard Hanslick sowie bei Anton Bruckner. Nach seiner Promotion arbeitete er als Musikkritiker und -schriftsteller. Er veröffentlichte seine Kritiken unter anderem im Neuen Wiener Journal (1900-1938), im Musikalischen Kurier (1919-1922 Chefredakteur) und in der Weimarer Allgemeinen Zeitung (1903-1920). Außerdem schrieb er für die Tagesblätter und Zeitschriften Die Zukunft, Berliner Tageblatt, Vossische Zeitung, Prager Tagblatt, Der Tag, New York Times, Musical America, Musical Courier, Boston Transcript und die Weltpresse. 1909 war Max Graf als Korrespondent der Frankfurter Zeitung in Paris tätig und übersetzte Bücher der französischen Schriftsteller und Musikkritiker Romain Rolland und Alfred Bruneau ins Deutsche. Während dieser Zeit pflegte Graf Kontakt mit dem französischen Komponisten Claude Debussy. Immer wieder nahm er an den Treffen der Wiener Autorengruppe Jung-Wien teil, die im bekannten Künstlerlokal Café Griensteidl verkehrte. Außerdem war er Mitglied der Journal- und Schriftsteller-Vereinigung Concordia in Wien. 1904 kam Max Graf zur Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft von Siegmund Freud. Grafs Sohn Herbert war ein Patient Freuds und wurde als „Kleiner Hans“ aus dessen dokumentierten Patientengeschichten bekannt. Zwischen 1902 und 1938 lehrte Max Graf an der Akademie für Musik und darstellende Kunst Wien Musikgeschichte und Ästhetik der Tonkunst, im Jahr 1909 wurde er Professor in diesen Fächern. 1928 war er Mitorganisator der Schubert-Zentenarfeiern im Rahmen der Wiener Festwochen; von 1928 bis 1936 leitete er die Wiener Mai-Musikfeste und von 1930 bis 1935 war er Vortragender am Austro-American Institute of Vienna. Im Ersten Weltkrieg diente Graf in der Österreichisch-Ungarischen Armee, 1938 emigrierte er – zu dieser Zeit Redakteur und Musikreferent der Wiener Allgemeinen Zeitung – in die Vereinigten Staaten. In New York lehrte er bis 1947 an der New School of Social Research und initiierte dort Seminare für Musikkritik. Als Gastprofessor war er zudem auch am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh sowie an der Temple University in Philadelphia tätig. 1947 remigrierte Graf nach Österreich und lehrte am Salzburger Mozarteum. 1952 war er noch einmal als Gastlektor an der New School of Social Research  tätig. Max Graf war dreimal verheiratet; 1898 mit Olga Hoenig – aus dieser Ehe stammten auch die beiden Kinder Grafs Herbert (*1903, Opernregisseur) und Hanna (*1906) – 1920 mit Rosa Zentner und 1929 mit Polly Bastic. Graf starb am 24. Juni 1958 in Wien.


Werke

Deutsche Musik im 19. Jahrhundert. Berlin
1898; Wagner-Probleme und andere Studien. Wien 1900; Die Musik im
Zeitalter der Renaissance. Berlin 1905; Die innere Werkstatt des
Musikers. Stuttgart 1910; Richard Wagner im ‚Fliegenden Holländer’. Ein
Beitrag zur Psychologie des künstlerischen Schaffens. Schriften zur
angewandten Seelenkunde. Bd. 9, Leipzig 1911; Vier Gespräche über
deutsche Musik. Regensburg 1918; Frédéric Smetana vu par les étrangers.
Prag 1924; Vater und Söhne. Die Fackel. Juni 1924; Legend of a Musical
City. New York 1945; Modern Music. New York 1946; Composer and Critic.
New York 1946. Two Hundred Years of Musical Criticism. New York 1947;
From Beethoven to Shostakovich. New York 1947; Geschichte und Geist der
modernen Musik. Wien 1953; Die Wiener Oper. Wien 1955 (WO,1955); Jede Stunde war erfüllt. Ein halbes Jahrhundert Musik- und Theaterleben. Wien 1957.

Quellen und Dokumente

Glossen über Kunst und Kultur – Maria Jeritza. Richard Strauß über das Geheimnis des guten Dirigenten. Das neue Publikum. In: Neues Wiener Journal, 13.6.1920, S. 6; Glossen über Kunst und Kultur – Gustav Mahlers jüdische Melodien. Die Verwaltung der Wiener Staatstheater. In: Neues Wiener Journal, 20.6.1920, S. 8; Erlebnisse mit Gustav Mahler. V. Glossen über Kunst und Kultur. In: Neues Wiener Journal, 7.8.1921, S. 5f; Glossen über Kunst und Kultur – Heinrich Heine und die soziale Revolution. In: Neues Wiener Journal, 11.7.1920, S. 8; Wiener Musikkritik. Glossen über Kunst und Kultur. In: Neues Wiener Journal, 10.4.1921, S. 7f; Wiener Heiterkeit. Glossen über Kunst und Kultur. In: Neues Wiener Journal, 18.9.1921, S. 5; Opernabende in Prag. Glossen über Kunst und Kultur. In: Neues Wiener Journal, 6.11.1921, S. 5f; Leidenschaft. Glossen über Kunst und Kultur. In: Neues Wiener Journal, 25.12.1921 S. 8f; Bühne und Kunst – Von 600 bis 7000 Kronen. In: Prager Tagblatt, 5.1.1922 S. 6; Bühne und Kunst – Kammermusik in Salzburg. Die Wiener Matinee – Paul Hindemith. In: Prager Tagblatt, 15.8.1922 S. 6; Bühne und Kunst – Maxim Kopf – Th. Th. Heine. Rudolphinum-Ausstellung. In: Prager Tagblatt, 29.4.1923 S. 9;
Bühne und Kunst – Die glückliche Hand. Drama mit Musik von Arnold
Schönberg. Uraufführung in der Wiener Volksoper am 14. Oktober. In: Prager Tagblatt, 15.10.1924 S. 7.

Literatur

Helmut Brenner/Reinhold Kubik: Mahlers Menschen. Freunde
und Weggefährten(2014); Jens Malte Fischer: Gustav Mahler. Der fremde
Vertraute. München (2010); Max Graf: Die Wiener Oper (1955); Hermann
Clemens Kosel: Deutsch-österreichisches Künstler- und
Schriftsteller-Lexikon Bd. 1 (1902); Elke Mühlenleitner: Biographisches
Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der psychologischen
Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung
1902-1938 (1992); Werner Röder / Herbert A.Strauss: Biographical
Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945 Vol. II/Part 1 A-K (1983).

Othmar Wessely: G., M. In: Neue Deutsche Biographie [Online verfügbar].

(MP)