geb. 29.5.1897 in Brünn (heute Brno, Tschech. Republik), gest. 29.11.1957 in Hollywood (USA); Komponist, Pianist, Dirigent, Arrangeur

Gemeinsam mit seiner Familie übersiedelte K. 1901 nach Wien, wohin der Vater Julius Korngold (1860–1945) als Musikreferent in die Feuilletonredaktion der Neuen Freien Presse berufen wurde. Bereits 1904 versuchte sich K. an ersten Kompositionen und erhielt dann auch im Alter von neun Jahren Unterricht in Kontrapunkt und Harmonielehre. 1907-10 unterwies das mit Mozart verglichene musikalische „Wunderkind“ auf Empfehlung G. Mahlers hin Alexander v. Zemlinksky in Musiktheorie, Komposition u. Klavierspiel. 1910 gelangte erstmals ein Werk K.s, das Ballett Der Schneemann, zur Aufführung: Nicht nur die Urheberschaft der Komposition (eingedenk des Alters des Tonsetzers), sondern auch die vermutete Einflussnahme des zum maßgebenden Wr. Musikkritiker avancierten Vaters auf Hofopern-Direktor Felix v. Weingartner wurden öffentlich diskutiert (vgl. Rachold). 1911 debütierte K. als Pianist (Berlin), 1917 als Dirigent (Wien). 1917/18 Militärdienst bei der Kapelle des k.k. Landwehrinfanterieregiments. Nach dem Erfolg der bereits 1916 komponierten u. 1920 zugleich in Köln (unter Otto Klemperer) u. Hamburg uraufgeführten Oper Die tote Stadt 1921 u.a. kurze Kapellmeistertätigkeit am Hamburger Stadttheater. 1924 Verehelichung mit der Sängerin, Schauspielerin, Pianistin u. Schriftstellerin Luise „Luzi“ v. Sonnenthal (1900–1962; zwei gemeinsame Kinder: Ernst Werner (1925–1996) u. Georg Wolfgang (1928–1987) Korngold). 1927 wurde der im Jahr 1926 mit dem Kunstpreis der Stadt Wien ausgezeichnete K. zum Professor (Prof. h.c.) an der Wiener Musik-Akademie ernannt, an der er ab 1931 auch eine Opernklasse leitete. In das Jahr 1927 datiert zudem die u.a. mit Lotte Lehmann u. Jan Kiepura als Premierenstars bestrittene Uraufführung von Das Wunder der Heliane: Gemessen an der Toten Stadt, die mit insg. 55 Inszenierungen bis 1933 unter den meist aufgeführten Stücken der Zwischenkriegszeit rangiert, war K.s viertes Musiktheaterwerk ein eher mäßiger Erfolg. Dafür reüssierte K. als Bearbeiter und Arrangeur von Operetten, eine Tätigkeit, die er auch im Streben um finanzielle Unabhängigkeit bereits 1923 (Bearbeitungen von Strauß-Operetten im Auftrag Richard Taubers v. Theater a.d. Wien) aufgenommen hatte, die jedoch seiner Reputation als „seriöser“ Komponist wenig zuträglich sein sollte (vgl. Stollberg 2003): 1929 arbeitete K. erstmals mit Max Reinhardt für eine Inszenierung der Strauß-Operette Die Fledermaus am Dt. Theater Berlin zusammen. Diese Fledermaus sowie die Bearbeitung der Offenbach‘schen Die schöne Helena wurden von diversen europ. Bühnen übernommen, im Exil dann u.d.T. Rosalinda (1942) bzw. Helen Goes To Troy (1944) erneut von K. u. Reinhardt an New Yorker Bühnen herausgebracht. Z.Zt. der Machtübernahme der Nazis arbeitete K. an der Oper Die Kathrin (1930-37), und das entgegen der Warnungen seines Musikverlags Schott, darin die dt.-franz. Versöhnung zu thematisieren; tatsächlich sollte das Werk erst 1939 in Stockholm zur Uraufführung gelangen. Noch während der Arbeit an Kathrin hatte K. ein – nach Wegfall des (reichs-)dt. Musikmarktes für den jüd. Komponisten zudem attraktives – Angebot von Warner Brothers aus Hollywood erreicht: die Schauspielmusik v. Felix Mendelssohn Bartholdy für Reinhardts Verfilmung v. Shakespeares A Midsummer Night’s Dream zu bearbeiten. Nach seinem ersten Aufenthalt in den USA 1934 pendelte K. für Filmproduktionen zwischen Wien und Kalifornien, das nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938, den er samt Familie schon in Hollywood erlebte, zu seinem Exilort wurde. „Im sogenannten ‚Klein-Weimar‘ in Los Angeles war er […] bei Alma Mahler und Franz Werfel, bei Thomas Mann und Wilhelm Dieterle ein gern gesehener Gast“ (Rachold), und als Komponist für die Filmgesellschaft Warner Bros. Compagny überaus erfolgreich. Bereits die Filmmusiken zu Anthony Adverse (1936) und The Adventures of Robin Hood (1938) waren mit dem „Oscar“ der Motion Picture Academy ausgezeichnet worden. Neben diesem „Brotberuf“ blieb K. aber bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs kompositorisch verstummt. Zwischen 1946-57 hielt K., nach Aberkennung der dt. (bis zum „Anschluss“ österr.) Staatsangehörigkeit (inkl. Beschlagnahmung seines Eigentums seitens der Gestapo Wien 1941) seit 1943 US-amerik. Staatsbürger, sich immer wieder in Europa auf. „In seiner österreichischen Heimat musste er allerdings erleben, dass er nicht mehr erwünscht war“, wovon u.a. die „Schwierigkeiten“ bei der Restitution des konfiszierten Eigentums zeugen (Rachold). 1957 erlag K. in Hollywood den Folgen einer Herzattacke.

Mit den nach 1945 entstandenen Opera (Symphonische Serenade für Streichorchester, Symphonie in Fis u.a.) blieb K. klangräumliche Präsenz auf den europ. Bühnen u. in den Konzertsälen verwehrt. Mit seinem scheinbar in den musikalischen Traditionen aufgehobenem Spätwerk wandte er sich einer in den 1950er Jahren als überkommen diffamierten Ton- und Formenwelt zu: K. galt als (zu) „konservativer Moderner“ (Vorzellner) – einmal mehr, denn ein Rückfall hinter die je neuesten musikalischen Entwicklungen war K. (spätestens) mit der während des Zeitopern-Booms der späten 1920er Jahre aufgeführten Mysterienoper Das Wunder der Heliane immer wieder angelastet worden (vgl. Stollberg 2003). Einer zw. Spätromantik u. Neuer Musik der 1920er Jahre vermittelnden „Übergangsgeneration“ (Pfannkuchen) zugehörig, war K. mit seinen Kompositionen von ästhet., stilist. Umwälzungen in der ersten Hälfte d. 20. Jh.s scheinbar unberührt geblieben: „Korngold composed in a late-Romantic idiom at a time when the world was gazing into the countenance of near annihilation. In the opinion of more sober colleagues, the Zeitgeist called for the abandonment of the comfort zone of tonality.“ (Haas o.D.) Den Erfolg der Toten Stadt im „Opernschaltjahr“ 1920, in dem auch F. Schrekers Der Schatzgräber zur Uraufführung gelangte, erklärt J.M. Fischer als Symptom der „Spätblüte“ einer durch den Ersten Weltkrieg „künstlich verlängert[en]“, indes überkommenen Musiktheaterepoche: Als lit. Vorlage diente K. mit dem Roman Das tote Brügge des Flamen Georges Rodenbach ein „Grundbuch der europäischen Dekadenz mit den entscheidenden Motiven des Fin de siècle“ (wie der „Aufhäufung der Vergänglichkeitsmotive“ etc.). Nach der unmittelbaren Nachkriegszeit, einer „Phase der absoluten Desorientierung“, sollte sich die (auch) musikal., szen. Orientierung an der Welt des Fin de siècle Mitte der 1920er dann aber sowohl für [no-lexicon]Schreker[/no-lexicon] als auch für den weitaus jüngeren K. als verhängnisvoll erweisen: Ihre Opern galten nunmehr als „nostalgisch-rückwärtsgewandt“ (Fischer, S. 250-255), was im Falle K.s etwa dessen produktive Auseinandersetzung mit dem neuen Medium Film bereits in Das Wunder der Heliane übersehen ließ (ebd. bzw. Haas o.D.). Und obgleich sich Die tote Stadt auf die Formel „Puccini seen through a lens of fin de siècle Vienna” bringen lässt, scheint das Werk „equally impossible to imagine […] without the shimmering harmonic curtains produced by Schreker, Zemlinsky, Strauss and indeed, Schoenberg” (Haas 2015), und somit von Vertretern der Avantgarde, die in dem Vater K.s einen ihrer erbittertsten Gegner gefunden hatten. Das Image (d.h. die musikkritischen Grabenkämpfe) des übermächtigen Kritiker-Vaters (Giger, S. 546 bzw. 557) und der K.s Karriere von Beginn an begleitende Vorwurf, der Vater nutze seinen Einfluss zugunsten des komponierenden Sohnes, haben die wechselvolle Rezeptionsgeschichte von K.s Oeuvre mitbestimmt. Tatsächlich war das Verhältnis der beiden spannungsgeladen: So missfielen J. Korngold z.B. K.s Ambitionen in Sachen Operetten- und Filmmusik (vgl. Stollberg 2007; Haas 2015). Mit letztgenanntem Betätigungsfeld nahm K. aber eine musikhistorische Vorreiterrolle ein: „Jene uns Nachgeborenen durchaus sinnvoll erscheinende Parallele zwischen Oper und Film ist nicht zuletzt auf Korngolds Wirken zurückzuführen. Bevor er in Hollywood tätig wurde, war die Filmmusik meist improvisiert oder collageartig zusammengestellt.“ (Vorzellner) Sein Mitwirken an rd. 20 Filmen in den Jahren 1934-46 hat K. den Ruf eines „father of the Hollywood Sound“ eingetragen; „he was the composer who made film music serious music“ (Haas 2015).


Werke (Auswahl)

Bühnenwerke: Der Schneemann. Ballettpantomime für Klavier (UA Hofoper Wien, 1910) – Der Ring des Polykrates. Heitere Oper in einem Akt op. 7. Text: Julius Korngold/Leo Feld (d.i. Leo Hirschfeld) nach Heinrich Teweles (UA Hofoper München, 1916) – Violanta. Oper in einem Akt op. 8. Text: Hans Müller (UA Hofoper München, 1916) – Die tote Stadt. Oper in drei Akten. Text: Paul Schott, d.i. Julius Korngold u. E.W.K., frei nach George Rodenbach (UA Stadttheater Hamburg u. Stadttheater Köln, 1920) – Das Wunder der Heliane. Oper in drei Akten op. 20. Text: Hans Müller nach Hans Kaltneker (UA Stadttheater Hamburg, 1927) – Die Kathrin. Oper in drei Akten op. 28. Text: Ernst Decsey (UA Königliche Oper Stockholm, 1939) – Die stumme Serenade. Komödie mit Musik in einer szenischen Ouvertüre und zwei Akten op. 36. Text: Raoul Auernheimer, Victor Clement, Rudolph Lothar, William Okie, Bert Reisfeld (UA konzertant Wien, 1951; szenisch Dortmund, 1954)

Bearbeitungen fremder Werke, u.a. von Joh. Strauß Sohn: Eine Nacht in Venedig (1923), Cagliostro in Wien (1927), Die Fledermaus (1929; engl. Rosalinda, 1942). Singspiele nach Werken v. Joh. Strauß Sohn: Walzer aus Wien (1930; engl. The Great Waltz, 1949), Das Lied der Liebe (1931)

Orchesterwerke, u.a. Sinfonietta in H-Dur op. 5 (1912), Sursum Corda. Symphonische Ouvertüre für großes Orchester op. 13 (1919), Baby-Serenade op. 24 (1929)

Konzerte, Kammermusik-, Klaviermusikwerke

Filmmusik: A Midsummer Night’s Dream. Regie: W. Dieterle/M. Reinhardt (USA 1935) – A Dream Comes True (1935) – Rose of Rancho (1935) – Captain Blood. Regie: Michael Curtiz, d.i. Mihály Kertész (USA 1935) – Give Us This Night. Regie: Alexander Hall. (USA 36) – Anthony Adverse. Regie: Mervyn LeRoy (USA 1936) – Hearts Divided. Regie: Frank Borzage. Musik: Al Dubin, Harry Warren, Bernhard Kaun, E.W.K., Heinz Roemheld (USA 1936) – The Green Pastures. Regie: Marc Conelly/William Keighley (USA 1936) – The Prince and the Pauper. Regie: William Keighley (USA 1937) – Another Dawn. Regie: Wilhelm Dieterle (USA 1937) – The Adventures of Robin Hood. Regie: Michael Curtiz/William Keighley (USA 1938) – Juarez. Regie: Wilhelm Dieterle (USA 1939) – The Private Lives of Elizabeth and Essex. Regie: Michael Curtiz (USA 1939) – The Sea Hawk. Regie: Michael Curtiz (USA 1940) – The Sea Wolf. Regie: Michael Curtiz. Musik: Joseph E. Howard/E.W.K. (USA 1941) – Kings Row. Regie: Sam Wood (USA 1942) – The Constant Nymph. Regie: Edmund Goulding (USA 1942) – Devotion. Regie: Curtis Bernhardt (d.i. Kurt Bernhardt) (USA 1943) – Between Two Worlds. Regie: Edward A. Blatt (USA 1944) – Of Human Bondage. Regie: Edmund Goulding (USA 1945) – Escape Me Never. Regie: Peter Godfrey. (USA 1946) – Deception. Regie: Irving Rapper (USA 1946) – Magic Fire. Regie: Wilhelm Dieterle/Rudolf Hartmann (USA 1955)

Quellen

Jens Malte Fischer: Richard Wagner und seine Wirkung. Wien: Paul Zsolnay 2013. – Andreas Giger: A Matter of Principle: The Consequences for Korngold’s Career. In: The Journal of Musicology 16 (1998), Nr. 4, S. 545-564. – Michael Haas: The False Myths and True Genius of Erich Wolfgang Korngold 1. Online auf: A BLOG BY FORBIDDEN MUSIC AUTHOR MICHAEL HAAS (Stand: Dez. 2015). – Ders.: Why Korngold? [o.D.] Online auf:  INTERNATIONAL ERICH W. KORNGOLD SOCIETY (Stand: Dez. 2015). – Holloway: The Beautiful and the Banned. What is decadence in music? And when is it simply degenerate? Robin Holloway explores operas by Korngold and Krenek. In: The Musical Times 134 (1993), Nr. 1805, S. 402-405. – N.N.: Korngold, Erich Wolfgang [Biogramm], online unter: http://austria-forum.org (Stand: Dez. 2015). – Wilhelm Pfannkuch: Korngold, Erich Wolfgang. In: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 592-593 [Onlinefassung] (Stand: Dez. 2015). – Bernd O. Rachold: Korngold, Erich Wolfgang [2007, aktualisiert am 11.11.2014], online unter: http://www.lexm.uni-hamburg.de (Stand: Dez. 2015). – Arne Stollberg: Korngold, Erich Wolfgang. In: Ludwig Finscher (Hg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik, begründet von Friedrich Blume. Zweite, neubearbeitete Ausgabe. 26 Bde. in zwei Teilen. Personenteil 10: Kem-Ler. Kassel, Stuttgart u.a.: Bärenreiter/Metzler 2003, Sp. 539-544. – Ders.: Erich Wolfgang Korngold und der „Musikkrieg“ des 20. Jahrhunderts. Im Pulverdampf. In: Österreichische Musikzeitspecial
7/2007 [Onlinefassung]. – Markus Vorzellner: Ein konservativer Moderner. In: Wiener Zeitung (24.11.2007) [Onlinefassung].

Auf der Homepage des Erich Wolfgang Korngold-Zentrum Brünn finden
sich detaillierte Angaben zu Literatur über K.s Leben und Werk,
zeitgenössischen Korrespondenzdokumenten, Kritiken, Studien, Artikeln
und Fotografien sowie eine K.-Diskografie. Der Webauftritt der International Erich Wolfgang Korngold Society unter
der Leitung von Gerold Gruber (Wien) bietet u.a. ein vollständiges
Werkverzeichnis und eine umfassende Fotogalerie. Der Blog von M. Haas
enthält ein eigenes K.-Panel (Text samt Bild- und Audiodateien), eine
laut Urheber “virtual exhibition”, basierend auf der Ausstellung Die Korngolds (Jüdisches Museum Wien, 28.11.2007-18.5.2008).

(RU)

  1. 7.2015