geb. am 25.10.1890 in Brünn (Brno) als Lothar Ernst Müller – gest. am 30.10.1974 in Wien; Schriftsteller, Kritiker, Theaterregisseur und -direktor

Das Porträtmodul von Dagmar Heißler finden Sie hier.

Vor seiner Übersiedelung nach Wien 1904/05 besuchte Ernst Lothar die Volks- und Bürgerschule für Knaben (1896-1900) und das Erste Deutsche Gymnasium (1900-04) in Brünn. Nach der Matura am Wiener Franz-Joseph-Gymnasium nahm er ein Studium an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien in Angriff (1908/09-1912). Schon während seiner Studentenzeit veröffentlichte er Gedichte und Novellen in Zeitschriften und Zeitungen, 1910 erschien sein erstes Buch, der Gedichtband Der ruhige Hain. 1914 promoviert, konvertierte Lothar nach Austritt aus dem mosaischen Glauben zum Katholizismus und trat in den Staatsdienst ein (1914-1925 Tätigkeit für die Staatsanwaltschaften Wels und Wien, für das Handelsmuseum und Handelsministerium). Im selben Jahr heiratete er Mary Helene Sachs des Renaudes, 1915 wurde die Tochter Agathe (†1933) geboren, 1918 Johanna (†1945).

1920 erhielt L. den Bauernfeldpreis für seinen Debütroman Der Feldherr (1918), 1922 wurde sein Drama Ich! am Wiener Raimund-Theater uraufgeführt. In den Jahren 1919-1921 war Lothar Feuilletonist beim Neuen Wiener Tagblatt, 1923-25 freier Mitarbeiter bei der Neuen Freien Presse. 1924 trat er der Freimaurerloge »Kosmos«, Großloge von Wien, bei (bis 1938), ein Jahr später ließ er sich als Hofrat pensionieren und beendete seine Beamtenkarriere. 1925-1933 war er als Redakteur und Theaterkritiker bei der Neuen Freien Presse beschäftigt, seine Aktivitäten in diversen Schriftstellerorganisationen (P.E.N.; Schutzverband Deutscher Schriftsteller in Österreich) brachten es mit sich, dass er zum Präsidenten des Gesamtverbandes schaffender Künstler Österreichs gewählt wurde (1927–1930; bis 1934 Ehrenmitglied). In dieser Funktion war er 1928 Juror für die Vergabe des Preises der Stadt Wien für Dichtkunst.

1931 wurde Lothar Mitglied des Prüfungssenats des Universellen Lehrinstituts für Tonfilmkunst, 1932-1935 war er mehrfach als Gastregisseur am Burgtheater verpflichtet. Nach der Scheidung seiner ersten Ehe 1933 heiratete er die Schauspielerin Adrienne Gessner (*23.7.1896 in Maria Schutz/Semmering, †23.6.1987 in Wien). 1935-1938 war er Direktor des Theaters in der Josefstadt und Lehrender am Max-Reinhardt-Seminar (Fächer »Dramatischer Unterricht« und »Inszenierungen«), 1937 Juror bei Vergabe des Österreichischen Staatspreises für Literatur.

Mitte der 1930er Jahre waren bereits einige seiner Bücher in Deutschland auf der Verbotsliste verzeichnet, 1938 standen seine sämtlichen Werke auf der »Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums«, 1941 wurde ihm die »deutsche Staatsbürgerschaft« aberkannt (Expatriation) und sein Vermögen beschlagnahmt.

Am 19. März 1938 floh Lothar vor den Nationalsozialisten aus Österreich, nach Aufenthalten in der Schweiz und in Frankreich erreichte er im April 1939 die USA. In New York gründete er 1940 das Austrian Theatre. Nachdem dieses Projekt einer deutschsprachigen Bühne bereits im Folgejahr aus finanziellen Gründen gescheitert war, übernahm Lothar Lehraufträge an amerikanischen Hochschulen (1941 Lecturer am Bard College; 1941-1943 Dozent für Dramaturgie und Theatergeschichte am Colorado College) und engagierte sich in den österreichischen Exilorganisationen (u. a. Austrian Action; 1942 Mitglied des Austrian National Committee, Bereich Kunst und Theater). 1944 wurde Lothar amerikanischer Staatsbürger, kehrte aber 1946 als Theatre and Music Officer im Dienst der US-Behörde ISB (Information Services Branch) nach Österreich zurück.

In den Jahren 1948-62 widmete er sich seinen Regiearbeiten (Wien, Salzburg, München, Dublin, Zürich). 1948 wurde er Vorstandsmitglied der österreichischen Hugo-von-Hofmannsthal-Gesellschaft, 1955 Vorstandsmitglied des Wiener P.E.N.-Clubs, 1958 Ehrenmitglied des Presseclubs Concordia. 1955 entschied sich Lothar erneut für die österreichische Staatsbürgerschaft.

1960 erschien anlässlich seines 70. Geburtstages die Autobiographie Das Wunder des Überlebens, auch wurde Lothar mit der Josef-Kainz-Medaille (beste Regieleistung an einer Wiener Bühne), der Goldenen Ehrenmedaille für besondere Verdienste um die Stadt Wien und dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichnet. Diesen Ehrungen folgten 1963 der Preis der Stadt Wien für Dichtkunst und die Ehrenmitgliedschaften des Burgtheaters und des P.E.N.-Clubs. 1963–1969 war Lothar Theaterkritiker für den Express.


Weitere Werke

Macht über alle Menschen. Bd. 1-3 (1921-1925); Bekenntnis eines Herzsklaven (1923; neu bearb. Ausg. 1930 unter dem Titel »Der Kampf um das Herz«); Drei Tage und eine Nacht (1927); Der Hellseher (1928); Kleine Freundin. Roman einer Zwölfjährigen (1931); Eine Frau wie viele oder Das Recht in der Ehe (1934); Beneath Another Sun. The Story of a Transplanted People (1943; Dt. Ausg.: Unter anderer Sonne. Roman des Südtiroler Schicksals; 1961); The Angel with the Trumpet (1944; Dt. Ausgabe: Der Engel mit der Posaune. Roman eines Hauses; 1946); Return to Vienna (1949; Dt. Ausgabe: Die Rückkehr; 1949)

Quellen und Dokumente

Der Nachlass Ernst Lothars befindet sich in der Handschriftensammlung der Wien­bibliothek im Rathaus (WBR, ZPH 922a). Ausführliche Beschreibung des Nachlasses online.

Literatur

Donald G. Daviau und Jorun B. Johns: Ernst Lothar. In: John M. Spalek und Joseph Strelka (Hg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Band 2: New York, Teil 1. Bern [u. a.]: Fancke 1989 (Studien zur deutschen Exilliteratur), S. 520–553, Susanne Maurer: Ernst Lothar. Leben und Werk. Diplomarbeit, Universität Wien 1995, Dagmar Heißler: Ernst Lothar – Schriftsteller, Kritiker, Theaterschaffender. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2016 [= gekürzte und überarbeitete Fassung der Dissertation aus dem Jahr 2013, online verfügbar].

Eva Menasse: Ernst Lothar: In einem einzigen Leben. In: Der Standard, 23.1.2016.

(DH)