Der SDSOe wurde 1914 in Wien als Zweigstelle des 1909-10 in Berlin gegründeten Schutzverbandes deutscher Schriftsteller eingerichtet; allerdings kam aufgrund des Weltkrieges keine ordentliche Vereinsanmeldung zustande, sodass bis 1917-18 verschiedene lockere Organisationsformen nebeneinander und meist kurzfristig bestanden. Die ersten Propagatoren waren Karl H. Strobl (um 1914) und K. H. Ginzkey ab 1917), aber auch Engelbert Pernerstorfer 1915-18, sodass vorerst keine geregelte Vereinsarbeit und Vereinsstruktur entwickelt werden konnte. Früh engagierte sich auch Robert Musil für die Belange des SDSOe und zwar in bewusstem Kontrast zu Ginzkey. Anfang 1920 wurde eine Neukonstituierung versucht, die v.a. im Zeichen des Beitritts zahlreicher Autoren aus dem aktivistischen Umfeld um Robert Müller stand. 1921 wies der SDSOe zwar knapp über 200 Mitglieder auf, war aber extrem finanzschwach und konnte die geforderten Mittel an die Berliner Zentrale nicht abführen. Zudem war er auf die Unterstützung notleidender Mitglieder mit Alltagsartikeln ausgerichtet und konnte auch aufgrund fehlender gesetzl. Bestimmungen keine Funktion als Standesvertretung ausüben. 1922 ergriffen Müller und Musil die Initiative, um den Verein wieder neu zu begründen; es traten wohl eine Reihe als ‚oppositionell‘ (zu Ginzkey) eingestufte Schriftsteller bei wie z.B. B. Balázs, F. Th. Csokor, O.M. Fontana, R. Olden oder A. Thom, aber die konkrete Arbeit kam dennoch nicht voran. Erst ein neuer Kompromissvorschlag ermöglichte am 26.11.1923 eine wirkliche Neukonstituierung und einen funktionsfähigen Vorstand. Diesem standen H. v. Hofmannsthal als erster und R. Musil als zweiter Präsident vor; zu Vorstandsmitgliedern wurden ferner Fontana, Olden und Thom gewählt.

Im Juli 1924 trat der SDSOe mit einem Protest gegen die Absetzung des Stückes Die rote Straße von F. Th. Csokor neben Vorträgen zu Rechtsfragen an die Öffentlichkeit. 1925 brachen zwei Konflikte auf; einer davon betraf eine Ehrenerklärung des SDSOe für H. Bettauer, dessen Ermordung in der rechtsnationalen Presse geradezu gefeiert wurde, ein anderer war der Urheberrechtsstreit mit der Ravag betr. die Wiedergabe von Werken im neuen Medium ohne sich die Urheberschaft zu kümmern. Dieser Konflikt zog sich über mehrere Jahre hin, weil sich die Ravag weigerte, Honorare zu bezahlen, was O.M. Fontana zu einem Essay unter dem Titel Der ausgeschlossene Geist motivierte. Er eskalierte im November 1927, als H. Nüchtern die Ravag-Position in einer gut besuchten Protestversammlung Stimmung zu verteidigen suchte; das NWJ sprach von einem „Schriftstellerkrieg“ gegen die Ravag. Erst im Februar 1928 konnte eine Vereinbarung zugunsten der Forderungen des SDSOe erzielt werden, wonach für eine literar. Stunde 100 Schilling, eine halbe bzw. viertel Stunde jeweils 50 bzw. 25 Schilling Honorar bezahlt wurde. Auch der Vortrag kürzerer Texte wurde fortan abgegolten. Im Juni desselben Jahres nahmen Vertreter des SDSOe auch an der ›Enquete über Schmutz- und Schund‹ im Bundeskanzleramt teil, nachdem im April 1928 ein aus seiner Sicht problematischer Regierungsentwurf vorgelegt worden war. Im Nov. 1929 hat der SDSOe mit großer Irritation die entsprechenden Gesetzesregelungen zur Kenntnis genommen und scharfen Protest gegen den Ausschluss der Schriftsteller und Künstler in der Bewertung fragwürdiger Erzeugnisse eingelegt.

Nach dem Tod Hofmannsthals übernahm O.M. Fontana die Präsidentschaft des Verbandes, was u.a. das Verhältnis zwischen ihm und Musil deutlich abkühlen ließ (vgl. M.G. Hall). Die Mitgliederzahl stieg in jenen Jahren immerhin von 130 (1926) auf 215 (1929) an. 1930 war der SDSOe neben berufsständischen Fragen auch in zwei delikate Rechtsstreitigkeiten eingebunden, zum einen in einen Plagiatsvorwurf des Berliner Autors Karl Strecker gegen A. Lernet-Holenias Stück Die Attraktion sowie in der Verwendung des Namens Castiglioni für die Zeichnung eines skrupellosen Großindustriellen durch A. E. Rutra in seiner Komödie Werksspionage. Im Februar 1931 wurde gegen Ludwig Renn ein Einreiseverbot nach Österreich erlassen; im Unterschied zur KPÖ hielt sich in dieser Frage des SDSOe mit Protesten eher zurück; erst im analogen Fall von E.E. Kisch im Nov. 1932 legte der SDSOe scharfen Protest ein.  Im Nov. 1931 veranstaltete er, wie bereits 1929 im Fall Hofmannsthal, gemeinsam mit dem Burgtheater eine Gedenkfeier für A. Schnitzler; kurz darauf fand die Generalversammlung statt, bei der O.M. Fontana als erster, A. Thom als zweiter Präsident bestätigt wurden, ebenso die Geschäftsführer Sonka (H. Sonnenschein) und Franz Spunda sowie die Schriftführer Erhard Buschbeck und Emil Lucka. Dieser Vorstand wurde auch in der Generalversammlung 1932 wiedergewählt. Im Zuge der Machtergreifung der NSDAP in Deutschland und der systematischen Gleichschaltungspolitik wurde aus dem deutschen Dachverband des SDS der Reichsverband deutscher Schriftsteller, der zunächst auch österreichischen Schriftstellern eine Mitgliedschaft einräumte, so sie sich zur neuen ‚Ordnung‘ bekannten. Da der SDSOe diese Entwicklung nicht teilte und kritisch auf die Vorgänge im Dt. Reich reagierte, u.a. am 9.5. 1933 die österreichische Gesandtschaft in Berlin telegraphisch ersuchte, gegen die Bücherverbrennung Protest einzulegen, spalteten sich eine Reihe von Schriftstellern vom SDSOe ab und gründeten einen (illegalen) NS-Verband in Österreich unter maßgeblicher Beteiligung von Mirko Jelusich, Franz Spunda und Max Mell. Die Folge war die Verschärfung von Boykottmaßnahmen gegen den österreichischen Buchhandel, der im Herbst 1933 auch offen durch das Börsenblatt des deutschen Buchhandels mitgetragen wurde und gegen den die österreichische Presse (vergeblich) protestierten. Der Bewegungsraum für den SDSOe engte sich aber auch in Österreich zunehmend ein. Die Generalversammlung 1934 bestätigte zwar nochmals Fontana als Präsidenten, der diese Funktion bis 1938 weiter bekleidete, zeigte aber durch die engagierte Rede von R. Musil Der Dichter in dieser Zeit deutlich auf, wie sich die Verhältnisse auch in Österreich verändert hatten. Die Tätigkeit des Verbandes beschränkte sich in der Folge bis 1938 auf einige wenige Erinnerungs- und Leseabende, der letzte dieser Art fand Anfang März 1938 statt und war dem verstorbenen Ernst Lissauer gewidmet. Am 27. Juni 1939 wird der SDSOe von den NS-Behörden aufgelöst.


Quellen und Dokumente

Schutzverband deutscher Schriftsteller in Oesterreich. In: Der Tag, 2.12.1923, S. 11, Csokors „Die Rote Straße“ in Graz. In: Neues Wiener Tagblatt, 8.7.1924, S. 9, Leo Fischmann: Das Urheberrecht des Radio. Eine Erwiderung. In: Neue Freie Presse, 8.4.1925, S. 23, F. K-l.: Unterliegen Radiovorträge dem Urheberrecht? Der Schutzverband deutscher Schriftsteller gegen die Ravag. In: Neues Wiener Journal, 10.10.1926, S. 6, Alfred Polgar: Ein psychologisch verwickelter Fall. In: Der Tag, 23.1.1927, S. 3f., Der Schriftstellerkrieg gegen die RAVAG. In: Neues Wiener Journal, 18.11.1927, S. 5, Der Schriftstellerkrieg gegen die Ravag. Der Kampf um die Vortragstantiemen. – Eine bewegte Protestversammlung. In: Arbeiter-Zeitung, 18.11.1927, S. 5, Der Schriftstellerprozeß gegen die Ravag. In: Arbeiter-Zeitung, 19.11.1927, S. 7, „Schund und Schmutz“. Eine Enquete beim Bundeskanzler. In: Der Tag, 9.6.1928, S. 2, Gegen den Anschlag auf Schrifttum und Kunst. Eine Kundgebung des Verbandes schaffender Künstler Oesterreichs. In: Arbeiter-Zeitung, 24.11.1929, S. 3, Richard Götz: Gedenkfeier für Hofmannsthal. In: Der Morgen, 14.10.1929, S. 6, Karl Strecker: Antwort an Alexander Lernet-Holenia. Die Geschichte eines Plagiats. In: Neues Wiener Journal, 7.8.1930, S. 4, Verwahrung Kamillo Castiglionis gegen ein Theaterstücke. In: Neue Freie Presse, 21.5.1930, S. 6, Die Einreise des Genossen Renn verhindert. In: Die Rote Fahne, 6.2.1931, S. 3, o. st.: Schnitzler-Feier im Burgtheater. In: Wiener Zeitung, 17.11.1931, S. 5, Der Schriftsteller Kisch darf nicht nach Oesterreich. In: Arbeiter-Zeitung, 24.11.1932, S. 4, Zivio Hitler! In: Arbeiter-Zeitung, 28.4.1933, S. 5, Gegen den Boykott österreichischer Schriftsteller im Reich! In: Neues Wiener Journal, 10.12.1933, S. 5, Zwanzig Jahre Schriftsteller-Schutzverband. In: Die Stunde, 18.12.1934, S. 4.

Literatur

N. Bachleitner, F. Eybl, E. Fischer: Geschichte des Buchhandels in Österreich. Wiesbaden 2000, 283-84, E. Fischer: Der Schutzverband deutscher Schriftsteller 1909-1933. Frankfurt/M. 1980 (zur dt. Verbandsgeschichte), M. G. Hall: Robert Musil und der Schutzverband deutscher Schriftsteller in Österreich. [Erstdruck in ÖGL 4/1977] (Online verfügbar).

(PHK)