geb. am 27.5.1874 in Brünn/Brno – gest. am 10.10.1942 in Wien; Schriftsteller, Essayist, Übersetzer

Sch. entstammt einer väterlicherseits tschechischen, mütterlicherseits einer deutschspr. Kaufmannsfamilie, die in Brünn einen Drogerieladen betrieb. Während die Mutter seine frühe Begeisterung für die Lit. teilte u. förderte, blieb das Verhältnis zum Vater, für Sch. die Inkarnation aus Provinzialität u. Verachtung von Bildung, zeitlebens gespannt u. distanziert. Nach dem Besuch des humanist. Gymnasiums in Brünn stud. Sch. von 1892-1897 an der Univ. Wien Jus u. wurde 1898 zum Dr. iur. promoviert. Danach trat er in den Verwaltungsdienst in Brünn, anschl. in Mährisch-Weißkirchen (Hranice) ein, bevor er ab 1903 in Wien im Ministerratspräsidium Karriere machte. Bereits 1893 ersch. ein erster Bd. Gedichte, den u.a. K. Kraus besprach; mit den nachfolg. Bdn. Meine Gärten (1896) u. Tage und Träume (1899) erschrieb sich Sch. einen festen Platz in der zeitgenöss. impressionist. Fin de Siècle-Lyrik, die von französ. Vorbildern wie Gautier u. Verlaine beeinflusst war. Er schloß Bekanntschaft mit R. M. Rilke u.  H. v. Hofmannsthal, dem er bewundernd wie fallweise auch abschätzig ablehnend folgte. Um 1900 trat Sch. verstärkt mit Kurzprosa hervor wie z.B. den Skizzen Intérieurs aus dem Leben der Zwanzigjährigen (1901) oder die Novellen Eros-Thanatos (1906). Zudem betätigte er sich als Literaturkritiker, u. a. des Frühwerks von Th. Mann, der mit ihm bis 1905 auch im briefl. Austausch stand. Der wirkungsmächtigste Text aus jener Zeit war zweifellos der Bd. Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser (1907, letzte Neuaufl. 2013), in welchem sich Sch. als Verächter bürgerl. Normen u. Verfechter anarch.-aristokratischer, dandyhafter Freiheiten u. Gesten zeigte, indem er, auch satirisch u. mit Neigung zum Paradoxon, die ästhet. Oberfläche als existentielle Tiefe inszenierte. 1914-18 trat er mit propagand. Kriegslyrik u. Essays hervor u. stand ab 1918 der Republik von Beginn an skeptisch gegenüber. Noch vor Kriegsende nobilitiert, trat Sch. 1919 aus dem Staatsdienst aus u. zog sich als pensionierter Beamter u. Schriftsteller ins Privatleben zurück. Mit dem Novellenbd. Dinonys-bácsi (1922) bricht Sch.s. poet. Prosa ab; es folgen noch ein Bd. Ausgewählte Gedichte (1924) sowie mit Herbsthöhe ein abschließender (1933). Seit den 1920er Jahren widmet sich Sch. vorwiegend der essayist. Prouktion sowie Dichter-Biogr. (z.B. zu E.T.A. Hoffmann, A. Stifter, K. Kraus) u. Übers. aus dem Englischen u. Französischen, darunter zu Shakespeare, Flaubert u. Mallarmé. Zudem exponierte sich Sch. massiv gegen die Form der parlamentar. Demokratie, z.B. in Erkenntnisse und Betrachtungen (1934), wirkte ab 1933 an der Zs. Der Christliche Ständestaat mit u. veröffentl. in dezidiert kulturpolit. kathol. Ztg. u. Zs. wie Reichspost, Der Gral, Schönere Zukunft seit Ende der 1920er Jahre Essays u. Kritiken mit z.T. offenen antisemitischen Spitzen u. Argumentationen, die sich zwar vom Nationalsoz. nach außen hin abgrenzten, wie eine Polemik mit W. Vesper dokumentiert, aber de facto erhebliche strukturelle Gemeinsamkeiten aufwiesen. 1929 wurde in Wien durch seine Tochter die Schaukal-Gesellschaft gegründet.


Werke (Auswahl)

Mimi Lynx. Novelle (1904); Literatur. Drei Gespräche (1907); Schlehmile. Drei Novellen (1907); Zettelkasten eines Zeitgenossen (1913); Zeitgemäße deutsche Betrachtungen (1916); Das Buch Immergrün (1916); Jahresringe. Neue Gedichte (1922); Gedanken (1931); Beiträge zu einer Selbstdarstellung (1934); Einsame Gedankengänge (1934-1939; 1947)

Quellen und Dokumente

In der Mediathek: Richard von Schaukal: Studentenrecht und Judenfrage. Tatsachen und Grundsätzliches. In: Schönere Zukunft, Nr. 13, 27.12.1931, S. 303-304.

S.: Erlebte Gedanken. Aus einem neuen Aphorismenbuche R. S.s. In: Neues Wiener Journal, 6.9.1918, S. 3, Rudolf List: R. S. In: Radio Wien, 30.5.1930, S. 10, Josef Nadler: S.s lyrisches Werk. In: Wiener Zeitung, 26.5.1932, S. 1-4.

Nachlass: Wien-Bibliothek (155 Boxen).

Literatur

V. Suchy: Die „österreichische Idee“ als konservative Staatsidee bei Hugo von Hofmannsthal, Richard von Schaukal und Anton Wildgans. In: F. Aspetsberger (Hg.): Staat und Gesellschaft in der modernen österreichischen Literatur (1977), 21–43; J. Sonnleitner: »Eherne Sonette«. Richard von Schaukal und der Erste Weltkrieg. In: K. Amann, H. Lengauer (Hgg.): Österreich und der große Krieg. Die andere Seite der Geschichte (1989), 152-157; C. Girardi-Warum: Schwüle Leidenschaft. Richard Schaukal und der Simplicissimus. In: Literatur in Bayern; Sonderheft Simplicissimus, 1996, 67–69; D. Pietzcker: Richard v. Schaukal. Ein österreichischer Dichter der Jahrhundertwende (1997); A. Wicke: „Schaukal ist ein kurioser Kauz“. Zum Verhältnis Thomas Manns zu Richard Schaukal. In: Eros Thanatos. JB der Schaukal-Gesellschaft, 1 (1997), 105–113; F. Krobb: „denn Begriffe begraben das Leben der Erscheinungen“. Über Richard Schaukals „Andreas von Balthesser“ und die „Eindeutschung“ des Dandy. In: Eros Thanatos; 3/4 (1999/2000), 89–111; F. Zeder: ›Erlebtheit‹ versus ›Mache‹. Die Richard Schaukal-Thomas Mann-Kontroverse im Spannungsfeld zwischen ›Dichter‹ und ›Literat‹. In: Ebd., 51-70, Werner Frizen: 74 von 25 000 Briefen Thomas Manns [IASL online]; David Axmann: von Schaukal, Richard: Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten. In: Wiener Zeitung, 10.4.2014.

Eintrag bei wien.gv.at.

(PHK)