mit vollem Namen Hugo Laurenz Anton von Hofmannsthal geb. am 1.2.1874 in Wien – gest. 15.7.1929 in Rodaun bei Wien; Schriftsteller, Kritiker, Essayist

Ps.: Loris, Theophil Morren, Melikow

Aus einer böhmisch-jüdischen (urgroßväterlicherseits) bzw. kathol.- lombardischen Familie stammend wuchs H. aufgrund des Verlustes des Familienvermögens infolge des Börsenkrachs von 1873 in eher bescheidenen Verhältnissen auf. Er wurde trotzdem zunächst von Privatlehrern erzogen u. besuchte ab 1884 das Akadem. Gymnasium in Wien, wo er 1892 die Matura mit Auszeichnung absolvierte. Bereits als Schüler trat er unter dem Ps. Loris mit Gedichten hervor, dem auch Einakter u. Kurzprosa folgten, die ihn zu einem Gründungsmitgl. des sog. Jungen Wien werden ließ u. Freundschaften mit A. Schnitzler, H. Bahr, R. Beer-Hofmann oder St. George ab 1890-91 begründete. Nach der Matura begann H. auf Drängen des Vaters ein Studium der Rechtswissenschaften an der Univ. Wien, das er anfangs noch im „Zauber der Montur“ (Weinzierl), durch ein bald als bedrückend empfundenes Militärjahr unterbrach. Danach u. nach einer Venedig-Reise nahm er das Studium wieder auf, wechselte jedoch das Fach, d.h. in die Französische Philologie. In dieser Zeit schloss er auch Freundschaft mit L. von Andrian. Literar. ertragreich war v.a. der Sommer 1897, den H. in Varese verbrachte, mit Die Frau im Fenster u.a. dramat. Texten. 1898 schloss H. sein Studium mit einer Dissertation Über den Sprachgebrauch bei den Dichtern der Pléjade ab. 1899 verbrachte er einige Monate in Paris, wo er u.a. M. Maeterlinck u. A. Rodin kennenlernte u. mit R.M. Rilke u.a. in freundschaftl. Verbindung trat. Ins Jahr 1900 fiel schließl. die werkgeschichtl. u. privat wichtige Bekanntschaft u. Freundschaft mit Richard Strauss. 1901 reichte H. eine Habilitationsschrift über V. Hugo ein, die er wieder zurückzog u. heiratete Gertrud (Gerty) Schlesinger aus einer jüd.-wiener Bankiersfamilie u. jüngere Schwester seines Freundes Hannes S. nach ihrer Konversion zum Katholizismus. Zur selben Zt. durchlebte H. eine innere Krise, die sich trotz ansehnl. dramat. u. lyr. Produktion in den 1890er Jahren in einem Zweifel an der Ausdrucksfähigkeit der Sprache niederschlug u. im berühmten Manifest Ein Brief (bzw. sog. Chandos-Brief) Ausdruck fand. Eine Überwindung zeichnete sich durch Hinwendung zu performativen Künsten ab wie z.B. zur Pantomime u. zum Tanz sowie in neuen dramat. Arbeiten wie die Elektra (1909 auch in Opernfassung) u. wegweisenden Bekanntschaften wie mit M. Reinhardt, G. Wiesenthal u.a. sowie durch Brief- u. Seelenfreundschaften (Helene v. Nostiz, Ottilie v. Degenfeld, Carl Burckhardt u.a.). Aus der Pantomime Das fremde Mädchen (1909) entstand 1912-13 einer der ersten Literatur-Verfilmungen, die ebf. H.s. Interesse für das Performative u. in den 1920ern für den Film selbst andeuten.

Den Ersten Weltkrieg erlebte er anfangs als patriot. Aufbruch, nach der eigenen Einberufung aber als „ziemlich zuwider“ u. erwirkte nach wenigen Tagen eine Rückversetzung von Pisino/Pazin nach Wien in die Presseabt. des Kriegsfürsorgeamtes. Von dort aus und unter Einsatz seiner vielfält. Kontakte entfaltete H. eine reiche publizist. Aktivität, u.a. in Form von programmat. Aufsätzen für die NFP u. widmete sich zudem einlässlich der zeitgenöss. Kriegszielliteratur sowie der Herausgabe von propagandist. wie kulturpolit. Schriften, insbes. der Österreichischen Bibliothek (1915-17 in 26 Bdn.). Seit 1916 treten Differenzen zum deutschen Charaktertypus immer deutlicher zum Vorschein, u.a. im Zuge eines Aufenthalts im Dt. Generalkonsulat in Warschau, wo H. seinen Vortrag Österreich im Spiegel seiner Dichtung erstmals hielt und die zur Entwicklung seines ›Schemas‹ Preuße und Österreicher führte. 1917 befasste sich H. kurzzeitig, nach Kontakt mit J. Kvapil u. F. Šalda, auch mit der čechischen Frage, die Zweifel über den Fortbestand Ö.s. aufkommen ließen. In dasselbe Jahr fällt auch die Intensiv. des briefl. Austausches mit R. Pannwitz, dessen Die Krisis der europäischen Kultur ihn tief beeindr. u. die er im ebf. intensiven Austausch mit J. Redlich diesem sehr empfahl. Zugl. zog sich H. 1917 sichtbar aus den kulturpolit. Agenda zurück u. widmete sich verstärkt literar.ästhet. Fragestellungen wie z.B. dem modernen Roman, dem Projekt einer „Darstellung meines Lebens“, Maupassant, Molière u. Lessing sowie einem Bd. Die Bejahung Österreichs, das einzelne Kriegsessays (z.B. Geist der Karpathen) mit Kap. über Grillparzer, aber auch über Čech. Dichter zusammenführen sollte. Die Gegenwart von 1918 erschien H. als eine des „freche[n] Subiectivismus und Impressionismus“ (A, 753), vor dem er neuerl. in die Literatur flüchtet, Arnims Kronenwächter liest, ferner Stifter (Studien), Lermontoff, Turgenjew, Dostojewski, Calderon u. Goethe. Über Vermittlung von Andrian verpflichtet er sich, für das (Hof)Burgtheater 4-6 Theaterstücke Calderons zu übertragen u. im Dt. Volkstheater erlebte die Komöd. Christines Heimfahrt ihre Wiener UA. Seit 1917 arb. H. auch an seinem Stück Der Schwierige, das zunächst ab April 1920 im Vorabdr. in der NFP erschien, vom Burgtheater unter der Dir. von A. Wildgans abgelehnt u. 1921 im Residenztheater München erfolgreich aufgeführt wurde. Das Kriegsende u. den Zusammenbruch Österr.-Ungarns kommentierte H. weder in Aufzeichn. noch in seinem ausgedehnten Briefwechsel, ebenso wenig die Russ. Revolution oder das Entstehen der neuen (deutsch)österr. Republik im Nov. 1918. 1919-20, nach mehreren krisenhaften Phasen, bilden sich neue Freundschaften heraus, z.B. mit Carl J. Burckhardt, W. Brecht, P. Zifferer, M. Mell u. J. Nadler, später, ab etwa 1924, auch mit W. Benjamin. 1919-1920 trat auch die Zusammenarb. mit M. Reinhardt in eine neue, produktive Phase, als letzterer H.s. Jedermann für die Aufführung im Rahmen der erstmals stattfind. Salzburger Festspiele auf dem Domplatz inszenierte. 1921 wendete sich H. auch filmästhet. Überlegungen, etwa im Essay Der Ersatz für die Träume (NFP), zu; 1922 folgte das eigens für die Festspiele verf. Große Salzburger Welttheater, begleitet auch von Calderons Lustspiel Die Dame Kobold in der dt. Übers. durch H.v. H., womit er neben Reinhardt zur prägenden Gestalt des frühen Festspielprogramms avancierte.

Im Folgejahr 1923 erlebte nach Auff. von Ariadne auf Naxos sowie Elektra auch sein Lustspiel Der Unbestechliche im Raimundtheater seine UA; ferner erscheinen sein Deutsches Lesebuch in der bibliophilen Bremer Presse sowie die Slg. Deutsche Epigramme (bis 1925), Die Antike der Deutschen, begleitet von weiteren editor. Projekten (z.B. zur phantast. Lit. die Blaue Bibliothek (1919-21) oder Dramaturgische Blätter (1922-24) u.a.m.) Seit 1924 arb. H. am Turm-Projekt; ab 1925 werden einzelne seiner frühen Stücke auch für das Radio bearb. u. ausgestrahlt, z.B. Der Tor und der Tod unter Spielleitung von H. Nüchtern. Die Grazer Auff. des Großen Welttheaters im März 1925 hat E. Fischer in einer bemerkenswerten Bespr. des Potentials dieses Stückes in mod. Inszenierung – Rheinhardt habe es „zu einer jüdischen und christlichen Sensation gemacht“ – festgehalten. Gem. mit P. Zifferer unternahm H. im März 1925 eine Marokko-Reise, deren Ertrag in drei feuilletonist. Reiseprosa-Stücke Eingang fand, unter denen jenes über Fez herausragt; seit Juli wurde in der Regie von R. Wiene an der Verfilmung des Rosenkavaliers gearb., dessen erste (geschlossene) Vorführung im Dez. 1925 in Prag (öffentl. Erstauff. in Wien am 30.3.1926) stattfand. 1926-27 stellt H. ein dramat. Projekt fertig, das ihn seit 1920 begleitet hat u. zw. 1923 u. 1925 in Teilabdr. In den Neuen Deutschen Beiträgen in Erstfassungen bereits veröffentlicht wurde: Der Turm, seine Auseinandersetzung mit Calderons La vida es sueño, die u.a. unter dem Einfluss von W. Benjamin u. M. Buber zustande kam. 1926 hielt er zudem auf Einladung des Rektors der Univ. München eine vielbeachtete Rede unter dem sperrigen Titel Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation (publ. 1927), in der der Figur des Suchenden tragende Bedeutung zukommt sowie der Primat der Form vor jeder gesellschaftl. Verpflichtung u. Verantwortung zu stehen kommt, womit diese Rede auch zu einem Schlüsseldok. des von ihm selbst verwendeten Terminus der ‚Konservativen Revolution‘ wurde. Im Nov. 1926 lehnte H. die Wahl zum Mitglied der Preuss. Akademie der Künste (Sektion Dichtkunst) ab, in die mit ihm zugl. auch G. Kolbenheyer, K. Schönherr, A. Schnitzler u. F. Werfel gewählt wurden. 1928 stellte H. ein weiteres seit 1919 gemeins. mit R. Strauss verfolgtes Projekt fertig, die mytholog. Oper Die ägyptische Helena, eine buchstäbl. Arbeit am Mythos mit sowohl antiken (Euripides) als auch modernen Aspekten (posttraumatisches Verdrängen und Erinnern, Gewalt, Orient-Okzident-Verschmelzungen, Identitätskonflikte). Im Mai 1929 unternimmt H. seine letzte Italienreise; nach der Rückkehr Anfang Juli stellt er einerseits noch das Arabella-Libretto fertig u. ordnet er andererseits Prosaarb. für die Hg. eines Auswahlbandes; mitten in diese Arbeit wird er am 13.7.1929 vom Freitod seines Sohnes Franz tief getroffen.


Weitere Werke

Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe. Veranstaltet vom Freien Deutschen Hochstift. Hg. von Rudolf Hirsch u.a. Frankfurt/M: S. Fischer, Bd. 1-40 (1984-2017)

Quellen und Dokumente

Der Schwierige. Lustspiel in drei Akten. In: Neue Freie Presse, 4.4.1920, S. 31, Zwei kleine Betrachtungen. In: Neue Freie Prsse, 27.3.1921, S. 31, Gotthold Ephraim Lessing. In: Neue Freie Presse, 20.1.1929, S. 2f.

“Jedermann” in Salzburg. In: Neue Freie Presse, 22.8.1920, S. 13, Ankündigung von Die Neue Rundschau in: Die Muskete, 1.6.1923, S. XIV, Ankündigung zu Der Tor und der Tod in Radio Wien, 1.2.1925, S. 5, Ernst Fischer: Das große Welttheater. In: Arbeiterwille, 1.3.1925, S. 3f., F. A.: Der “Rosenkavalier”-Film in Prag. In: Kino-Journal, 5.12.1925, S. 8f., Ankündigung zu Das Salzburger große Welttheater in Die Bühne (1925), H. 40, S. 6, Rudolf Holzer: Hofmannsthal. In: Wiener Zeitung, 17.6.1929, S. 1f.

Nachlass: Freies Deutsches Hochstift, Goethe-Haus Frankfurt

Literatur

Modernitè de Hofmannsthal. = Austriaca Nr. 37 (1993, hg. von J. Le Rider); Th. A. Kovach (ed.): A companion to the works of H. v. Hofmannsthal (2002); H. Hiebler: H. v. Hofmannsthal und die Medienkultur der Moderne (2003); U. Weinzierl: Hofmannsthal. Skizzen zu seinem Bild (2005); M.L. Wandruszka: Der Abenteurer und die Sängerin. Über H. v. Hofmannsthal (2005); E. Dangel-Pelloquin (Hg.): Hofmannsthal. Neue Wege der Forschung (2007); N.C. Wolf: Eine Triumphpforte der Kunst. H.v. Hofmannsthals Gündung der Salzburger Festspiele (2014); M. Mayer, J. Werlitz (Hg.): Hofmannsthal-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung (2016).

(PHK)