eigentl. Hertha Strauch, verh. Lesser, ab 1941 A. Deutsch, geb. am 24.6.1897 in St. Avold/Mosel – gest. am 7.11.1980 in Wien; Schriftstellerin, Journalistin

Ps.: Erika Theobald

Die zweisprachig im Elsass aufgewachsene Tochter aus einer jüd. Kaufmannsfamilie (Vater: Isidor Strauch, Mutter: Anna Bernstein) besuchte in Metz das Lyzeum u. übersiedelte mit ihrer Fam. nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach Berlin. 1916 meldete sie sich freiw. als Rotkreuzhelferin u. wird dies später im erfolgreichen, vieldiskutierten Debüttext, dem Antikriegsroman Die Katrin wird Soldat (1930) verarbeiten. 1918 begann sie eine Tanzausbildung, die sie jedoch wieder abbrach. 1921 heiratete sie den Zahnarzt Arno Lesser u. lebte mit ihm in Magdeburg bis 1928, danach in Berlin, wo ihr Gatte 1930 verstarb. Ihr stark autobiogr. grundierte Katrin-Roman wurde auch in Österreich kontrovers besprochen; die nationale Presse verwarf ihn als „gehässige“ Stimme eines „Judenmädel“, die linke und liberale feierte ihn als eine der stärksten Anklagen gegen den Krieg („schmutzig und gehässig“ für die Kärntner Freie Stimmen 14.12.1930; .eine „aufrüttelnde Anklage“ so im Neuen Wr. Tagblatt, 20.2.1931); nach einer Untersuchung des Börsenvereins der deutschen Buchhändler aus dem Jahr 1931 platzierte sich der Roman hinter Remarque, Renn und Beumelsburg als viertverkaufter (mit 100.000 Ex. im ersten Jahr) und somit hocherfolgreicher. Bereits 1932 war er in 11 Sprachen übersetzt u. A. Thomas wurde zu einer nachgefragten Interviewpartnerin, u.a. auch von Seiten der Radiostationen. 1933 fand sie sich auf der ersten ›Schwarzen Liste‹ unerwünschter Bücher der Nazis und flüchtete aus Berlin, zunächst nach Lugano, wo sie zuvor ebf. schon einen Wohnsitz hatte, dann nach Lothringen, 1934 dann vorübergehend nach Österreich (Wien). Im Juli 1933 druckte die AZ eine Erklärung von Th. gegen den NS-Ungeist nach, der zuvor in der Bunten Woche, der Wochenausgabe der Ztg. Das kleine Blatt erschienen war, in der sie auch andere kleinere Texte unterbringen konnte.

1934 folgt ihr nächster Roman Dreiviertel Neugier; sie liest aus ihm auch in den inzwischen austrofaschistisch gewordenen Volkshochschulen, resp. Volksbildungsheimen Wiens. Auch ihr 1935 bei Allert de Lange ersch. Roman Katrin! Die Welt brennt! findet in Wien Resonanz, wie ein Beitrag im Morgen dokumentiert. Ihr darauffolgender Roman Die Vaterlandslosen (1936) wurde von Universal Picture zur Verfilmung erworben. 1938 erschien der Roman Viktoria, der auch in der Zs. Wiener Magazinauszugsweise zum Vorabdruck kam, 1939 noch Wettlauf mit dem Traum. Nach ihrer Flucht aus Österreich und Stationen in der Tschechoslowakei u. Frankreich wurde sie im Lager Gurs interniert, von wo aus sie mithilfe des Emergency Rescue Comittee von V. Fry in die USA emigrieren konnte. Im US-Exil lernte sie Julius Deutsch, den österr. Politiker, ehem. Minister, Spanienkämpfer u. Exilant kennen, dem sie 1947 nach Wien folgen u. 1951 in zweiter Ehe heiraten wird. 1949 trat sie dem österr. P.E.N. bei. Ihre Exilerfahrungen verarbeitete sie v.a. in den beiden Romanen Reisen Sie ab, Mademoiselle! (1944) u. Ein Fenster zum East River (1945).


Werke

Andrea. Erzählung von jungen Menschen (1936); Von Johanna zu Jane (1939); Da und dort (1950); Ein Hund ging verloren (1953); Markusplatz um vier (1955)

Nachlass: Institut für Zeitgeschichte München; Literaturhaus/Exilbibliothek, ÖLA [Verzeichnis online]

Quellen und Dokumente

Katrin! Die Welt brennt. In: Der Morgen, 23.12.1935, S. 8.

Erwin H. Rainalter: A. T. und ihr Roman. In: Radio Wien 8 (1931), H. 1, S. 8, D.: A. T.: Die Katrin wird Soldat. In: Neues Wiener Abendblatt, 20.2.1931, S. 4, Bilanz des Kriegsromans. Die Auflageziffern in der deutschen Literatur. In: Linzer Tages-Post, 19.5.1931, S. 2, Hans Rosenfeld: Bei der Katrin, die Soldat war. In: Neues Wiener Journal, 8.10.1932, S. 6f., A. T. gegen die Hitler-Barbarei. In: Arbeiter-Zeitung, 14.7.1933, S. 5.

Literatur

Erika E. Theobald: Adrienne Thomas. In: J.M. Spalek, J. Strelka (Hgg.): Deutschsprach. Exilliteratur, Bd. 2 (Bern 1989), 905-913; Helga Schreckenberger: „Über Erwarten grauenhaft“. Der 1. Weltkrieg aus weiblicher Sicht: Die Katrin wird Soldat (1930). In: Th. F. Schneider, H Wagener (Hgg.): Von Richthofen zu Remarque. Deutschsprachige Prosa zum Ersten Weltkrieg. Amsterd Beitr. zur Germ. Bd. 53, Atlanta-Amsterdam 2003, 387-398; Sabine Rohlf: “Zuhause war ich nur noch an irgend einem Schreibtisch.” Autobiografie, Exil und Autorschaft in Texten von Irmgard Keun und Adrienne Thomas, in Exilforschung. Ein Internationales Jahrbuch, Bd. 25, München 2005, 128–149; Ulrike Zitzlsberger: Kriegs- und Generationszeugen: Adrienne Thomas und Vera Brittain. In: Zagreber germ. Beitr. 25/2016, Zagreb, 161-178.

Eintrag bei biografiA.

(PHK)