geb. am 9.7.1891 in Linz – gest. am 4.11.1974 in Thonex (Schweiz); Schriftstellerin, Redakteurin, Literaturagentin

Das Porträtmodul von Veronika Hofeneder finden Sie hier.

Nach dem Besuch eines Lyzeums in Linz und eines Gymnasiums in Zürich, beginnt U. ebendort Naturwissenschaften und Philosophie zu studieren. Ihr Universitätsstudium bricht U. jedoch ab, als sich erste schriftstellerische Erfolge einstellen, und sie übersiedelt 1909 nach Wien. In rascher Folge ist sie zweimal kurz verheiratet und bald wieder geschieden, mit der Schwester ihres zweiten Mannes, Mia (Maria) Passini, verbindet sie eine lebenslange Freundschafts- und Arbeitsbeziehung. Passini redigiert die Arbeiten der Freundin, begleitet U. auf deren Reisen und lebt bis zu ihrer eigenen Heirat im Jahr 1945 mit ihr zusammen.

1911 erscheint U.s erste Publikation, der Sammelband Sehnsucht, zwei Jahre später folgt dann der theoretisch-programmatisch ausgerichtete Band Wenn die Weiber Menschen werden… Gedanken einer Einsamen (1913), der in direkter Anlehnung an O. Weiningers Geschlechterdichotomie verschiedene Frauentypen konstruiert. Während des Ersten Weltkrieges und in den ersten Nachkriegsjahren publiziert sie zahlreiche Texte in Zeitungen und Zeitschriften vorwiegend deutschnationaler Ausrichtung, u.a. in der Ztg.  Freie Stimmen (Klagenfurt), in denen sie völkisch-nationales und rassistisches Gedankengut formuliert. U.s politische Einstellung ist stark durch ihr enges Verhältnis zu ihrem Vater geprägt, der Anhänger der deutsch-nationalen Bewegung Georg von Schönerers war. Dementsprechend ist sie dem völkisch-nationalen Lager dieser Zeit auch durch kulturpolitische Aktivitäten eng verbunden: Sie veranstaltet Lesungen im „Deutschen Schulverein“, einem Verband zum Schutz der deutschen Sprache, beteiligt sich an A. Trebitschs Anthologie Deutscher Geist aus Österreich (1920) und verfasst ihre völkisch-nationalen Romane Das andere Blut (GU 1920), Die Auswanderer (GU 1921) und Die goldene Peitsche (GU 1922).

Porträt Grete von Urbanitzky als Garçonne 1926, © Foto Fayer, Bildarchiv Austria.

Us. Rolle im Wien der Zwischenkriegszeit ist jedoch so ambivalent wie vielseitig, denn ihr Engagement geht über das völkisch-nationale Lager hinaus: So verfasst die umtriebige U. auch wirtschaftswissenschaftliche und finanzpolitische Artikel (z. B. für die Österreichisch-Ungarische Finanz-Presse), schreibt Gedichte, Lied- und Operettentexte und betätigt sich als Kabarettistin. 1923 gründet sie gemeinsam mit R. Auernheimer, A. Schnitzler, S. Trebitsch und dem Verleger E. P. Tal die österreichische Sektion des internationalen P.E.N-Clubs und wird dessen Generalsekretärin. In dieser Phase relativer Liberalisierung und Distanzierung von deutschnationalem Gedankengut entstehen auch ihre Romane Mirjams Sohn (1926) sowie Der wilde Garten (1927). Letzterer stellt das in den 1920er-Jahren provokative – und von U. selbst erlebte – Thema der lesbischen Liebe in den Mittelpunkt und begründet ihren Ruf als „unmoralische“ Schriftstellerin.

U.s Arbeitspensum ist bemerkenswert; neben ihrer beachtlichen belletristischen Produktivität (bis 1943 erscheinen 32 Romane von ihr, die in rascher Folge hohe Auflagen erleben) arbeitet sie als Pressechefin der Wiener Volksoper, betreibt eine eigene Literaturagentur und gibt die Zeitschrift Roman der Millionen heraus. Von 1925 bis 1928 ist sie Redakteurin für die linksliberale Tageszeitung Der Tag, außerdem ist sie Mitarbeiterin des antimarxistischen Neuen Wiener Journals. Privat pflegt sie sowohl Kontakte zum nationalen Lager wie z.B. zu A. Trebitsch oder R. Hohlbaum als auch Freundschaften mit liberalen, jüdischen und nichtjüdischen Schriftstellern wie z. B. mit R. Specht, H. Walden und F. Salten.

Diese ideologische Ambivalenz manifestiert sich auch auf literarischer Ebene; ihre in den frühen 1930er-Jahren erschienenen Erfolgsromane Eine Frau erlebt die Welt (1931) und Karin und die Welt der Männer (1933) lassen sich politisch nicht eindeutig festlegen. Eine klare Parteinahme für den Nationalsozialismus erfolgt dann auf real-biographischer Ebene: Im Mai 1933 solidarisiert sich U. beim internationalen P.E.N.-Kongress in Ragusa (Dubrovnik) als österreichische Delegierte mit der gleichgeschalteten deutschen Delegation und verlässt mit dieser aus Protest den Saal, als der internationale P.E.N.-Kongress die Bücherverbrennungen in Deutschland verurteilen will. In Folge der daraus resultierenden Auflösung des von ihr begründeten Wiener P.E.N.-Clubs und der medialen Kritik an ihrer Solidarisierung mit der deutschen Delegation sowie aus Furcht, in Österreich wegen ihrer Mitgliedschaft (seit 1932) und ihres offenen Engagements für die verbotene NSDAP in Österreich strafrechtlich verfolgt zu werden, emigriert U. 1933 nach Berlin. Hier ruft sie in Zeitungsartikeln und Radiointerviews zum Boykott jüdischer und anderer liberaler österreichischer Schriftsteller auf und trägt damit wesentlich zu den von der NS-Kulturpropaganda verhängten Publikationsverboten auf dem deutschen Buchmarkt bei. Doch U. fällt auch in Deutschland bald in Ungnade: 1934 wird sie gemeinsam mit ihrer Freundin Passini von der Gestapo verhaftet, ihre Romane werden verboten und 1936 übersiedelt sie infolge einer anonymen Anzeige bei der Berliner Gestapo, die Gerüchte über die jüdische Herkunft ihrer Mutter aufgreift, nach Paris. Hier schreibt sie ihr nach Eigenaussage wichtigstes Buch, den historischen Roman Unsere Liebe Frau von Paris (1938). Bei Kriegsausbruch befindet sich U. mit Passini in der neutralen Schweiz, wo die Freundinnen eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung bekommen. Im Vergleich zu anderen exilierten SchriftstellerInnen kann U. zunächst noch unbehelligt publizieren und sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Erst 1941 wird anlässlich des Erscheinens ihres Romans Miliza, dem pazifistische Tendenzen vorgeworfen werden, ihr Gesamtwerk auf die „Schwarze Liste“ der Nationalsozialisten gesetzt.

Auf die zunehmenden Schwierigkeiten im Dritten Reich zu publizieren, reagiert U. nun mit bewusst „unpolitischen“ Unterhaltungsromanen, in denen sie sich zur Frankophilie, einer klaren Antikriegshaltung sowie einem internationalen Europäertum bekennt. Explizit gegen den Nationalsozialismus stellt sich U., der bis heute der Vorwurf des ideologischen Opportunismus anhaftet, jedoch erst, als die Publikation ihrer Werke in Deutschland endgültig unmöglich geworden ist: In Der große Traum (1942) sowie Der Mann Alexander (1943) distanziert sie sich immerhin von jeglicher Form totalitärer Herrschaft.

Nach 1945 blendet U. ihr eigenes nationalsozialistisches Engagement völlig aus und stilisiert sich mit der Berufung auf das Verbot ihrer Bücher und ihrer Emigration als Verfolgte und Opfer des NS-Regimes. Sie lebt nun in der Schweiz von den Einkünften ihrer wieder gegründeten Literaturagentur. An ihre schriftstellerischen Erfolge kann sie jedoch nicht mehr anknüpfen; geplante Buchprojekte im Desch Verlag scheitern aufgrund des Einspruchs von E. Castonier, die auf U.s nationalsozialistische Vergangenheit hinweist. Am 4.11.1974 stirbt U., alkoholkrank und fast blind, völlig vereinsamt in Thonex in der Schweiz.


Weitere Werke (Auswahl)

Des Kaisers junge Soldaten. Gedichte (1915); Das Jahr der Maria. Gedichte (1921); Masken der Liebe. Novellen (1922); Sekretärin Vera (1930); Durch Himmel und Hölle (1932); Ursula und der Kapitän (1934); Heimkehr zur Liebe (1935); Begegnung in Alassio (1937); Das Mädchen Alexa (1939); Es begann im September (1940).

Quellen und Dokumente

Nachlass in der Handschriftensammlung der Wienbibliothek.

Bestand G.U. im Tagblattarchiv der Wienbibliothek.

Volltext online von Der wilde Garten und Die goldene Peitsche.

Die Revolution gegen die Naturwissenschaften. In: Grazer Tagblatt, 27.7.1919, S. 1-3.

Ankündigung eines Urbanitzky-Abends im Konzerthaus. In: Neues Wiener Tagblatt, 3.12.1919, S. 6; Rezension von F. Salten über U.s Roman einer Frau sowie über seine Beziehung mit U.: Felix Salten: ,Roman einer Frau. In: Neue Freie Presse, 25.10.1931, S. 28f.

Literatur

Christa Gürtler/Sigrid Schmid-Bortenschlager: Grete von Urbanitzky. In: dies.: Erfolg und Verfolgung. Österreichische Schriftstellerinnen 1918-1945. Fünfzehn Porträts und Texte. Salzburg u. a. 2002, S. 135–144; Ursula Huber: Die Frau als „Künstlerin“. „Klugrednerei“? Fragen der weiblichen Identität und Macht in einigen Romanen Grete Urbanitzkys. In: Zeitgeschichte 16, 11/12, 1989, S. 387–395; dies.: „Frau und doch kein Weib“. Zu Grete Urbanitzky. Monographische Studie zur Frauenliteratur in der österreichischen Zwischenkriegszeit und im Nationalsozialismus. Diss. Wien 1990; dies.: Grete von Urbanitzky – ungeliebte Parteigängerin der Nationalsozialisten. In: L’Homme: Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 4, 1, Juni 1993, S. 74–88; Verena Humer: Das vergessene Werk der Grete von Urbanitzky. Eine (Ausnahme-)Frau zwischen Anpassung und Subversion. In: Aneta Jachimowicz (Hg.): Gegen den Kanon – Literatur der Zwischenkriegszeit in Österreich. Peter Lang 2017, S. 315–326; Michaela Lehner: Das Wort als Tat. Grete von Urbanitzky und Gertrud Fussenegger im Kontext völkisch-nationaler und nationalsozialistischer Literatur. In: „Kulturhauptstadt des Führers“. Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich. Weitra 2008, S. 185–196.

(VH)