geb. am 28.6.1885 in Wien – gest. am 24.9.1953 in Wien; Schriftsteller, Kritiker, Dramaturg, Theater- und Filmregisseur

Der Sohn des aus Tarnow zugewanderten Möbelhändlers Schlomo V. und der Inhaberin eines Schirmgeschäfts begann nach seiner Schulausbildung am k.k. Gymnasium Mariahilf in Wien u. nach einem fluchtartigen Ausbruch nach Paris mit seinem Freund Karl Adler, einem Sohn von Viktor Adler, sowie 1903 in Zürich abgelegter Matura an der Univ. Wien das Studium der Philosophie, das er jedoch zugunsten einer Laufbahn als Regisseur und Schriftsteller 1910 abbrach. Im selben Jahr veröffentl. er sein erstes Gedicht in der Fackel von Karl Kraus, dem er bereits 1905 anlässl. der Erstaufführung von Frank Wedekinds Büchse der Pandora vorgestellt worden war. Er trat in den Kreis der von ihm geförderten jungen Autoren ein, befreundete sich mit Peter Altenberg u. Alfred Polgar u. inszenierte ab 1911 an der Freien Volksbühne Stücke von Goethe, Sternheim, Strindberg, Turgenjew sowie Fontana. Den Ersten Weltkrieg übersteht er als (Reserve)Offizier in einer Versorgungs- und Traineinheit in Galizien, wird Augenzeuge von Choleraepidemien, Überlebensprostitution und Hinrichtungen. Zugleich schreibt er für die Schaubühne und den Simplicissimus, heiratet im April 1918 die Schauspielerin Mea Steuermann, genannt Salka, erlebt die Rückkehr von Thomáš G. Masaryk nach Prag u. die Gründung des tschechoslowak. Staates als Augenzeuge ebenso mit wie die Proklamation der Räterepublik in München. Im Juni 1918 nimmt V. das Angebot zur Leitung des Hoftheaters in Dresden an, das im Nov. 1918 in das ›Sächsische Staatstheater‹ umbenannt und nach dem Rätemodell kollektiv geführt wird, u.a. auch von Kurt Wolff. Bis 1921 kommen dort unter seiner Regie achtzehn Ur- und Erstaufführungen zustande, insbes. von naturalist. und expressionist. Stücken, aber auch zeitgenössischen wie z.B. August Stramms Drama Die Haidebraut oder Friedrich Wolfs Das bist du. 1920 veröffentlicht V. mit Vom Regisseur aus gesehen einen programmat. Beitrag zur mod. Regiearbeit, legt mit Die Bahn seinen zweiten Gedichtband sowie 1921 die Kraus-Hommage Karl Kraus: Ein Charakter und Die Zeit vor. Im April 1922 übersiedelt V. nach Berlin, wo er schon im Jänner 1922 am ›Deutschen Theater‹ R. Rollands Die Wölfe und anschließend F. Hebbels Judith inszeniert hatte und danach an der ›Jungen Bühne‹ mit Vatermord von Arnolt Bronnen die Aufmerksamkeit der Kritik, „ein Ereignis, das nicht ohne Folgen bleiben kann“ (H. Ihering), wie von Max Reinhardt auf sich lenkt. 1922 hatte V. mit Nora auch sein (Stumm)Filmregie-Debut. Mit dem genossenschaftl. organisierten, 1923 aus der Berliner Theaterkrise hervorgegangenen Ensemble Die Truppe erlebte er nach wegweisenden Inszenierungen u. einer letzten grandiosen Ibsen-Aufführung am ›Staatstheater‹ finanziell herbe Rückschläge, die ihn 1926 ein Engagement am Düsseldorfer Schauspielhaus annehmen lassen.

1927 ergibt sich nach erster Zusammenarbeit mit Fox Europa, für die er den Film Die Abenteuer eines Zehnmarkscheins nach dem Drehbuch von Bela Bálazs inszeniert und mit Carl Mayerdas Drehbuch zu Friedrich W. Murnaus Four Devils verfasst hatte, die Möglichkeit, nach Hollywood zu gehen, um die Filmregiearbeit bei Fox, dann bei Paramount und zuletzt bei Warner Brothers weiter zu entwickeln, mit mäßigem Erfolg trotz neun realisierter Projekte, wie er in seiner Autobiographie festhält. Er erlebt dabei mit, wie das beinahe fertige Mexiko-Projekt von Sergej Eisenstein abgesetzt wird und welche Macht der Broadway auf die Regiepraxis ausübt. Im Juli 1932 kehrt V. nach der Trennung von Salka nach Europa zurück, zuerst nach Paris u. verhandelt dort mit Alexander Korda Filmprojekte, besucht anschließend seinen gelähmten Vater, bevor er wieder nach Berlin geht, um an der Verfilmung von Hans Falladas Kleiner Mann was nun? mitzuwirken u. diese Arbeit angesichts des erstarkenden NS-Drucks abbrechen zu müssen. Mitte Februar 1933 flieht Viertel über Prag nach Großbritannien, wo er 1934 mit Christopher Isherwood eines seiner bekanntesten Filmprojekte realisiert: Little friends.

Bis 1936 folgen weitere Filme, die es ermöglichen, in Europa zu bleiben, neue Freundschaften im Umfeld der jungen engl. Schriftstellergeneration des ›New Writing‹ (Isherwood, John Lehmann, W. H. Auden, Stephen Spender) zu schließen u. in maßgebl. Exilzeitschriften wie Das Neue Tagebuch oder Die Neue Weltbühne wichtige Essays zu den durch den Nationalsozialismus u. das Exil veränderten kulturell-künstlerischen Arbeitsbedingungen zu publizieren. In London, wo er mit L. Feuchtwanger, O. Kokoschka, H. Mann u. St. Zweig dem Präsidium des 1938 gegr. ›Freien Deutschen Kulturbundes‹ angehörte, inszen. V. bis 1939 auch engl. Stücke von Rosamund Lehmann oder Max Catto u. begann sich, knapp vor seiner Abreise in die USA, mit Brechts Furcht und Elend des Dritten Reiches zu befassen, das 1942 in New York auf Deutsch und 1945 bei Piscator auf Englisch aufgeführt wurde. In den USAarbeitet V. an wichtigen Exilzeitschriften wie Der Aufbau oder Austro- American Tribune mit u. stellt seine Kontakte, z.B. zu Charlie Chaplin, Greta Garbo, Arthur Miller, Upton Sinclair, Dorothy Thomson u.a. zur Rettung bedrohter Künstler aus Europa sowie zur Unterstützung von Exilprojekten zur Verfügung. 1944 war er mit Ernst Bloch, Ferdinand Bruckner, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Ernst Waldinger u.a. Mitbegründer des ›Aurora Verlags‹. 1947 wurde er von der BBC als Radioregisseur verpflichtet u. zu einer Reportagereise ins Ruhrgebiet geschickt. Zugleich bemühte sich die Burgtheaterdirektion um eine Rückkehr V.s., die unter schwierigen Rahmenbedingungen im Dez. 1948 zustande kam. 1949 heiratete V. die Schauspielerin Elisabeth Neumann; daneben musste er den ehemal. NS-Star Werner Krauß in einer Strindberg-Inszenierung beschäftigen, arbeitete mit Brecht am ›Berliner Ensemble‹ zusammen u. unterstützte das von (R)Emigranten und der KPÖ gegr. ›Neue Theater in der Scala‹ in Wien, was ihm mehrere Denunziationen eintrug u. die Wiedererlangung der österr. Staatsbürgerschaft erst nach persönl. Intervention durch Bundespräsident Theodor Körner möglich machte.


Werke

Das Gnadenbrot (Roman, 1927), Der Lebenslauf (Ged. 1946), Studienausgabe Bd. 1-4 (1989)

Quellen und Dokumente

Der Verführer. In: Die Muskete, 26.7.1917, S. 6, Das Geschenk. In: Prager Tagblatt, 23.5.1923, S. 3, Solidarität. In: Prager Tagblatt, 22.11.1924, S. 3. Zu den Filmen Nora (1922-23) und City Girl (1930). Edith Kramer: Porträt (1942). Nachlass: DLA Marbach.

Literatur

Salka Viertel: Das unbelehrbare Herz. Ein Leben in der Welt des Theaters, der Literatur und des Films. (1970); S. Bolbecher, K. Kaiser, P. Roessler (Hgg.): Traum von der Realität. Berthold Viertel. = Zwischenwelt Bd.5 (1998); J. Holzner: Berthold Viertels ‚Kalifornien‘-Gedichte. In: J. Thunecke (Hg.): Deutschsprachige Exillyrik 1933 bis zur Nachkriegszeit (1998), 171-180; N. Weiß (Hg.): Berthold Viertel zum Hundertzwanzigsten Geburtstag. = Signum Sonderheft 2005; P. Roessler, K. Kaiser: Berthold Viertels „Überwindung des Übermenschen“. In: K. Kaiser: Ohnmacht und Empörung. Schriften 1982-2006 (2008), 143-167; K. Prager: Berthold Viertel und die Möglichkeiten einer biographischen

Analyse österreichischer und deutscher kultureller Identität [Online verfügbar], Eintrag bei filmportal.de.

(PHK)