eigentlich Theodor Tagger, geb. am 26.8.1891 in Sofia – gest. am 5.12.1958 in Berlin/West; Schriftsteller, Dramatiker, Kritiker, Theaterleiter, Übersetzer

Der Sohn des aus Wien stammenden Bankkaufmanns jüdischer Zugehörigkeit Ernst Tagger sowie seiner französ. Ehefrau Claire verbrachte die Kindheit in Wien, wo er die Volksschule besuchte. Nach der Scheidung der Eltern und kurzzeitigem Gymnasialbesuch in Graz übersiedelte er mit seinem Vater nach Berlin. 1909 bis 1912 fing er ein Musikstudium in Paris  und in Berlin an, u.a. absolvierte er Komposition bei F. Schreker. In diesen Jahren versuchte B. auch als Kritiker und Schriftsteller Fuß zu fassen, veröffentlichte Texte über Hugo Wolf, über Die französische Musik der Gegenwart (1909) sowie über die Wiener Moderne (1911). Im Berliner Tageblatt erschien am 16.8.1911 sein vermutl. erster literar. Text, Todtmoos, dem Gedichte, Buchbesprechungen, Feuilletons u.a.m. in z.T. renommierten Zeitungen u. Zeitschr. folgten wie in Die Gegenwart, NFP, Neue Rundschau, Österreichische Rundschau, Pester Lloyd, Weiße Blätter oder Frankfurter Zeitung. 1913-14 übernahm er Volontär- und Lektoratsarbeiten in Breslau und Berlin, 1915 musste er wegen eines Lungenleidens einen Kuraufenthalt absolvieren und trat im selben Jahr aus der Jüd. Glaubensgemeinschaft aus. Seine erste Buchveröffentlichung, der Essay Von der Verheißung des Krieges und den Forderungen an den Frieden. Morgenröte der Sozialität erschien ebf. noch 1915. Bereits 1917 folgten zwei weitere Buchpublikationen, Der Herr in den Nebeln und Die Vollendung eines Herzens, 1918 folgten weitere Bände Gedichte und Übertragungen. Zur selben Zeit trat B./T. auch als Hg. der exklus. Lit.Zs. Marsyas (1917-19) hervor, in der u.a. A. Döblin, K. Edschmid, P. Adler, M. Brod, F. Kafka, G. Landauer, R. Schickele, aber auch Maler u. Graphiker wie P. Klee, A. Kubin, M. Pechstein u.a. vertreten waren. 1919 kehrte B./T. kurz nach Wien zurück, übernahm Regiearbeiten an den Kammerspielen. 1920 Verehelichung mit Bettina Neuer in Berlin, zugleich Anerkennung des Anspruchs auf österr. Staatsbürgerschaft. 1920-21 sind auch literar. fruchtbare Jahre; es ersch. die Erz. Auf der Straße im engag. Verlag Ed. Strache sowie die Komödien Harry sowie Annette, welche im Dez. 1920 in Halle bzw. Wien uraufgef. werden. 1921 übersiedelt B./T. wieder nach Berlin u. übernimmt dort das Renaissance-Theater, auf dem er zunächst v.a. franz. Stücke u. Nachdichtungen, z.B. Esther Gobseck, aufführt.

Mit Krankheit der Jugend (1925), einem polarisierenden, neusachl. wie psychoanalyt. eingestuften Stück, das am 12.1.1927 in den Kammerspielen (Wien) seine österr. EA hatte, nimmt T. das Ps. F. Bruckner an, lässt die Öffentl. jahrelang über seine wahre Identität im Unklaren, publiz. fortan aber nur mehr unter diesem Namen. Seine Stücke erscheinen fortan im S. Fischer Verlag, auch das erfolgreiche Die Verbrecher (1928) oder Elisabeth von England (1929), das seine UA am Deutschen Theater sowie zeitgleich an fünf anderen Theatern erlebte und in bis 1933 in zwölf Sprachen übersetzt wurde; zugleich zieht sich T./B. von Leitungsarbeiten im Theater zurück, um sich auf das Schreiben zu konzentrieren. Im Zuge der Erstaufführung des Elisabeth-Stücks, für E. Lothar „eines der wichtigsten deutschen Schauspiele der letzten Jahre“, an der Dt. Volksbühne in Wien am 20.12.1930 gibt T./B. sein Inkognito auf. 1931 feiert B. mit Krankheit der Jugend an zwei Pariser Bühnen in rund 200 Aufführungen seinen internat. Durchbruch. Nach der Wiener EA der Kleist-Bearb. Die Marquise von O. am 2.3.1933 kehrte B. nicht mehr nach Berlin zurück. Über die Schweiz gelangt B. nach Paris, wo er sich sofort an das antiNS-Stück Die Rassen macht, das am 30.11.1933 in Zürich uraufgeführt wurde u. in Österr. im Kreis von F.Th. Csokor, Ö.v. Horvath u. L. Loos diskutiert und dessen Aufführung in manchen Städten wie z.B. Prag oder Buenos Aires nach massivem Druck der dt. Gesandtschaften abgesetzt wurde. Nur in Paris erlebte es rund 100 Auff. Anfang 1934 löst B. seinen Vertrag mit S. Fischer, weil dieser in Deutschland verblieben sei u. keine klare Anti-NS-Politik eingeschlagen habe; eine erste USA-Reise mit Filmplänen führt zu keinen nennenswerten Ergebnissen, auch die Verhandlungen mit A. Korda 1935 in London scheitern.

1935 erscheint sein erster Roman, Mussia, beim Exilverlag Allert De Lange, 1936 übersiedelt B. mit seiner Familie zuerst nach Hollywood, um mit Paramount Filmprojekte zu realisieren, die allerdings scheitern, und wechselt 1937 nach New York, wo er u.a. am Brooklyn College Lehrtätigkeiten ausübt, u. 1938-40 den Vorsitz des Schutzverbandes deutsch-amerikanischer Schriftsteller übernimmt. Ab 1939 intensiv. B. seine dezidiert antifaschist. Essayistik u. Publizistik, tritt am PEN-Kongress 1939 in New York auf u. arbeitet mit E. Piscator ab 1940 an dessen Studio Theatre in New York zus., wo u.a. engl. Fassungen seiner Stücke, z.B. The Criminals, aufgeführt werden oder B. engl. Fassungen deutscher Klassiker erfolgreich auf die Bühne bringt wie z.B. 1942 Lessings Nathan der Weise/Nathan The Wise. B. wird zu einer maßgebl. Instanz in der Exilpublizistik u. Exilliteratur, z.B. mit Essays wie Patriotismus und Kultur (1944), ist in zahlr. Zs. präsent (Aufbau, Austro-American Tribune, Freies Deutschland u.a.), wirkt an zentr. Initiativen mit wie z.B. der Grd. des Exilverlags Aurora 1944 (N.Y-Mexiko) u. unterhält intens. Kontakte insbes. zu B. Brecht, W. Herzfelde, H. Mann, O.M. Graf, M. Rheinhardt, B. Viertel u. F.C. Weiskopf. Auch seine literar. Produktion ist beeindruckend, wenngleich nicht immer erfolgreich: neben Dramen wie Die Namenlosen von Lexington u. Simon Bolivar. Der Kampf mit dem Engel entst. auch Komödien, Schauspiele, z.B. Die Befreiten (1944/45), Fragment gebliebene Romane u.a.m. 1946 erhält B. die amerikan. Staatsbürgerschaft, 1947 kehrt er erstmals nach Europa zurück, 1948 auch nach Wien, wo die österr. EA von Fährten im Burgtheater gegeben wird, u. nach Berlin, um der ersten Nachkriegsinszen. von Die Rassen zu sehen. 1950 kommt es am Theater in der Josefstadt zur dt.sprach. EA von A. Millers Tod des Handlungsreisenden in der Übers. B.s., 1952-53 folgt die neuerl. Übersiedelung nach Berlin-West, wo B. v.a. am Schiller-Theater tätig ist u. intensiv an seinen letzten Stücken arbeitet. 1955 u. 1958 kehrt B. nochmals kurz nach Wien bzw. Salzburg zurück, um am PEN-Kongress teilzunehmen bzw. die Dramat. Werkstatt im Rahmen der Festspiele mit zu begründen.


Weitere Werke

als Theodor Tagger: Über einen Tod (1917);  Der zerstörte Tasso (Ged. 1918); Psalmen Davids (1918); als F. Bruckner: Die Kreatur (1930); Timon (1933); Die Marquise von O. (1933); Napoleon der Erste (1936); Die Kinder des Musah Dagh (1940); Früchte des Nichts (1951); Heroische Komödie (1955).

Quellen und Dokumente

Zusammenstellung ausgewählter Besprechungen zur Wiener Erstaufführung Krankheit der Jugend Anfang 1927.

Otto Koenig: Kammerspiele [zu Krankheit der Jugend]. In: Arbeiter-Zeitung, 14.1.1927, S. 7, Emil Kläger: „Krankheit der Jugend“ von F. B. Wiener Kammerspiele. In: Neue Freie Presse, 15.1.1927, S. 9, Felix Salten: Die Verbrecher. In: Neue Freie Presse, 19.4.1929, S. 1-3, Rudolf Holzer: „Die Verbrecher“. Schauspiel von F. B. Theater in der Josefstadt. In: Wiener Zeitung, 20.4.1929, S. 1-3, David J. Bach: Leben und Theater. („Die Verbrecher“ von F. B. im Theater in der Josefstadt.). In: Arbeiter-Zeitung, 20.4.1929, S. 8-9, E. Lothar: F. B.: „Elisabeth von England“. Deutsches Volkstheater. In: Neue Freie Presse, 21.12.1930, S. 1-4. Felix Salten: Theater und Film [zu Die Marquise von O.]. In: Neue Freie Presse, 4.3.1933, S. 8, Johannes Jacobi: Erstaufführungen in Braunschweig und Düsseldorf [Zu
Der Kampf mit dem Engel]. In: Die Zeit, 12.12.1957.

Zur Verfilmung von Krankheit der Jugend von 2007 von A. Mračnikar/M. Haneke: Link. Trailer der Verfilmung von Krankheit der Jugend 2010: YouTube.

Fotografie von der Erstaufführung von Elisabeth von England, 1931.

Literatur

Karin Hörner: Möglichkeiten und Grenzen der Simultandramatik. (1986, zugl. Diss. Univ. Kiel 1985); Peter Roessler, Konstantin Kaiser (Hgg.): Dramaturgie der Demokratie. Theaterkonzeptionen des österreichischen Exils. 1989; Bernhard Spies: F. Bruckners Exilkomödien. In: Ders.: Die Komödie in der deutschsprach. Exilliteratur; 1997, 84-99; J. P. Strelka: Des Odysseus Nachfahren. Österreichische Exilliteratur seit 1938; 1999, 199-200;

Carsten Jacobi: Der kleine Sieg über den Antisemitismus. 2005, 127-142; Ders.: F. Bruckner: Die Rassen. In: W. Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Bd. 7: Literatur, Film, Theater, Kunst. 2010, 399-400.

Eintrag bei literaturepochen.at.

(PHK)