meist F. C. Weiskopf, geboren am 3.4.1900 in Prag – gest. am 14.9.1955 in Berlin; Schriftsteller, Journalist, Übersetzer

Ps.: Pierre Buk, Petr Buk, F. W. L. Kovacs

Der Sohn eines deutsch-jüdischen Bankbeamten und einer Tschechin besuchte die deutsche Volksschule und das Altstädter Gymnasium in Prag und studierte nach dem Kriegsdienst 1919-23 Germanistik und Geschichte. An der Karlsuniversität engagierte sich W., ab 1919 Sozialdemokrat, u.a. in der Freien Vereinigung sozialistischer Akademiker und trat neben Otto Heller im Oktober 1921 im Zuge des Gründungsparteitags der KPČ bei. Nach frühen dramatischen Versuchen legte W. seinen literarischen Schwerpunkt zunächst auf Lyrik und veröffentlichte 1923 mit Es geht eine Trommel eine erste Gedichtsammlung. Nach dem Austritt aus der Armee 1923/24 musste sich W. wegen „literarischen Hochverrats“ vor Gericht verantworten. 1925 publizierte er für die von Julius Fučík hg. Prager Zs. Avantgarda und betätigte sich als Übersetzer aus dem Tschechischen. Neben einer im Malik-Verlag veröffentlichten Sammlung Tschechische Lieder übersetzte W. ausgewählte Werke des marxistischen Schriftstellers Jiří Wolkers (1900-1924). Ein Band mit drei eigenen Novellen erschien 1926 im Wiener Agis-Verlag, die Erzählungen Die Flucht nach Frankreich und Soldat der Revolution wurden 1929 in Die Rote Fahne in Wien als Fortsetzungen abgedruckt.

1926 bereiste W. erstmals die Sowjetunion und konnte sich in der Folge mit seinen bei Malik veröffentlichen Berichten Umsteigen ins 21. Jahrhundert (1927) und Zukunft im Rohbau (1932) neben Egon Erwin Kisch, Lili Körber und Ludwig Renn als bedeutender Russland-Reporter einreihen. Zugleich positionierte sich W., ab 1926 Präsidiumsmitglied des Internationalen Büros für revolutionäre Literatur (IBRL), als bedeutender Vermittler in der kommunistischen Literaturszene. 1927 und 1930 nahm er an den Kongressen der Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller in Moskau und Charkow teil. 1928 übersiedelte W. nach Berlin, wo er die Salzburgerin Margarete Bernheim, die als Alex Wedding v.a. als Kinder- und Jugendbuchautorin bekannt wurde (u.a. Ede und Unku 1931, Das Eismeer ruft 1936), heiratete. W. schloss sich dem Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Deutschlands, wo er u.a. mit Anna Seghers an der Expressionismus-Debatte teilnahm, sowie dem Schutzverband deutscher Schriftsteller an, verfasste Beiträge für die Zs. Die Front und den von Kurt Kläber hrsg. und Johannes R. Becher eingeleiteten Band Der Krieg. Das erste Volksbuch vom großen Krieg. Im März 1929 referierte W. auf Einladung des Bundes der Freunde der Sowjetunion im Volksheim Wien-Ottakring über die Entwicklung Russlands und veröffentlichte 1931 mit Ernst Glaeser und Alfred Kurella die Schrift Der Staat ohne Arbeitslose zum sowjetischen Fünfjahresplan.

1929-33 stand er in der von Willi Münzenberg finanzierten, redaktionell von Bruno Frei geleiteten Boulevardzeitung Berlin am Morgen der Feuilletonredaktion vor und berichtete u.a. vom „Blutsonntag“ am 1. Mai 1929 in Berlin. Seine linksbürgerliche Orientierung ermöglichte W. die Aufnahme ins Programm des Verlags Kiepenheuer. In Hermann Kestens Sammlung 24 Neue deutsche Erzähler, die auch Texte von Ödön von Horváth, Erich Kästner, Joseph Roth, Ernst Toller und Anna Seghers umfasste, erschien die Erzählung Cimbura. 1931 publizierte W. mit Das Slawenlied. Roman aus den letzten Tagen Österreichs und den ersten Jahren der Tschechoslowakei seinen ersten Roman, der formal durch die Verbindung subjektiver Erlebnisse und politischer Proklamationen und Darstellungen auf den Diskurs um die Krise des traditionellen Romans reagierte.

Nach der Machtübernahme Hitlers kehrte W. nach Prag zurück und gab u.a. mit B. Frei den Gegen-Angriff, die Arbeiter Illustrierte Zeitung und die Neuen Deutschen Blätter heraus. Parallel dazu begann W. einen Romanzyklus zur Geschichte der Tschechoslowakei. 1939 emigrierte er anlässlich eines Schriftstellerkongresses über Paris nach Amerika und engagierte sich für die Exilliteratur, u.a. in der Zs. Books abroad, wo er 1942 an der sog. Transplanted Writers-Debatte teilnahm. Mit Unter fremdem Himmel. Ein Abriß der deutschen Literatur im Exil 1933-1947 legte er 1947 die erste Darstellung zur deutschen Exilliteratur vor. Nach dem Krieg fungierte W. als tschechoslowakischer Diplomat in Washington, Stockholm und Peking und kehrte 1953 nach Berlin zurück, wo er mit Willi Bredel die Zs. Neue deutsche Literatur herausgab und u.a. Mitglied der Deutschen Akademie der Künste und Teil des Präsidiums des Deutschen Schriftstellerverbandes war.


Werke (Auswahl)

Der Wundertäter. Legende von Lenin (1924), Wer keine Wahl hat, hat die Qual (1928), Der Traum des Friseurs Cimbura (1930), Zola. Sein Leben, sein Werk, sein Kampf (als Herausgeber, 1932), Die Stärkeren. Episoden aus einem unterirdischen Krieg (1934), Vor einem neuen Tag (1944), Abschied vom Frieden (1950), Elend und Größe unserer Tage (1950), Verteidigung der deutschen Sprache (1955)

Quellen und Dokumente

Beiträge F. C. W.s.: Die Fackel der Revolution. In: Arbeiterwille, 6.11.1927, S. 9, Die Feuerreiter von Petrograd. In: Die Rote Fahne, 25.12.1926, S. 10, Die Feinde von Minsk. In: AZ, 11.9.1927, S. 19f., Die todgeweihten Rechenmaschinen. In: Arbeiterwille, 20.11.1927, S. 12, Soldat der Revolution. In: Die Rote Fahne, 27.2.1929, S. 6, Die Flucht nach Frankreich. In: Die Rote Fahne, 2.6.1929, S. 7, Autobuslinie in die ewige Seeligkeit. In: Die Linkskurve 1 (1929), 5, S. 25, Nach einem Volkslied. In: Die Rote Fahne [Berlin], 21.7.1929, S. 17, Unser und ihr Schiller. Zum 125. Todestag des Dichters. In: Die Rote Fahne, 11.5.1930, S. 11, „Was geht in Rußland vor?“. In: Die Rote Fahne, 2.12.1930, S. 6, In 5 Jahren zur Sowjet-Großstadt. Sib-Chik, das “Chikago Sibiriens”. In: Die Rote Fahne, 5.7.1932, S. 7, Der rote Fetzen. In: AZ, 30.11.1933, S. 4.

Max Barthel: Es geht eine Trommel um. Verse dreier Jahre. F. C. Weiskopf. In: Die Rote Fahne, 8.7.1924, S. 2, F. C. Weiskopf [Rez. zu Umsteigen ins 21. Jahrhundert]. In: Die Unzufriedene, 3.12.1927, S. 7Fritz Rosenfeld: F. C. Weiskopf: Wer keine Wahl hat, hat die Qual. In: Bücherschau. Beilage zur Bildungsarbeit XVI (1929), S. VIII, Ein Abend der Rußlandfreunde. F. C.Weiskopf spricht über Sowjetrußland. In: Die Rote Fahne, 3.3.1929, S. 3, L. F. Boross: F. C. W.: “Zukunft im Rohbau”. In: Die Rote Fahne, 20.12.1932, S. 7, J. S.: Ernst Glaeser und F. C.Weiskopf: Der Staat ohne Arbeitslose. In: Bildungsarbeit XX (1933), 2/3, S. 60.

Nachlass: Archiv der Akademie der Künste Berlin und Russisches Staatliches Militärarchiv Moskau.

Literatur (Auswahl)

Bernd-Rainer Barth, Jürgen Kaulfuß: Weiskopf, F. C. (Franz Carl). In: Wer war wer in der DDR? (2010) [Onlinefassung], Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur, S. 677f. (2000), Irmfried Hiebel: Weiskopf, Franz Carl. In: Simone Barck (Hg.): Lexikon sozialistischer Literatur. Ihre Geschichte in Deutschland bis 1945, 517-519 (1994), Hans Mayer: Weiskopf der Mittler. Anmerkung zu drei Büchern. In: Neue Deutsche Literatur 5 (1957), 9, 82-90, Lenka Reinerová: Es begann in der Melantrichgasse. Erinnerungen an Weiskopf, Kisch, Uhse und die Seghers (1985), Christine Zahl Romero: „Armer und lieber Sagetete“ – Anna Seghers und F.C. Weiskopf. In: Ian Wallace (Hg.): Anna Seghers in Perspektive (1998), 29-64, Tazuko Takebayashi: Zwischen den Kulturen. Deutsches, Tschechisches und Jüdisches in der deutschsprachigen Literatur aus Prag (2005), Ludvík Václavek: Franz Carl Weiskopf. Autorenlexikon des Adalbert-Stifter-Vereins (o. J.) [Onlinefassung].

(ME)