Am 20.5.1927 um 7:54 Uhr startet der US-amerik. Pilot Charles Augustus Lindbergh jr. (1902-1974) in der eigens dafür entwickelten Maschine Spirit of St. Louis am New Yorker Roosevelt Field zu seinem Nonstopflug nach Paris, wo er nach 33,5 Stunden Flugzeit am Flughafen Le Bourget empfangen wird.

Die erste Alleinüberquerung des Atlantiks wird auch in Österreich von ausführlicher Berichterstattung begleitet: Eine sportliche Höchstleistung und eine Großtat menschlichen Mutes titelt die Neue Freie Presse vom 22.5.: Der Leitartikel ist dem Lindbergh-Flug als Symptom für das begrüßenswerte Näherrücken von Alter und Neuer Welt gewidmet, von dem man sich eine Strahlkraft auch im (Welt-)Politischen erhofft: „Wie nahe sind Amerika und Europa einander gerückt! Es wäre unfaßbar, wenn die Generation, der solche Leistungen gelingen, nicht auch imstande wäre, den Aufstieg zu einem Rekord des Friedens zu wagen.“

Laut der Kleine Blatt-Redaktion hinwiederum lässt Lindberghs Reüssieren keinen Zweifel (mehr) an der Durchschlagkraft der vergleichbar ‚unfassbaren‘ sozialistischen Vision(en): Gleich Galileo Galileis Wirken künde Lindberghs Tat „den Trotz, der unausrottbar die Menschen beseelt und sie zu ihren Zielen vorwärtsbringt. Was heute etwas noch Einziges ist, […] wird etwas Gewöhnliches sein. So werden auch die Ideen, die jetzt noch als unverwirklichbar so vielen gelten, dann, wenn der Mut, der Trotz gesiegt haben, selbstverständlich sein.“

Über die Rückkehr des gefeierten Piloten wird am 3.7.1927 u.a. Ann Tizia Leitich aus New York berichten: Für Leitich, die dafür auf aus der Debatte über die Monotonisierung der Welt bekannte Motive zurückgreift, verkörpert Lindbergh prototypisch den amerikanischen Helden: „Er vermeidet das ominöse Wort ‚Ich‘. ‚We‘ sagt er statt dessen und meint sich und den Plan. […] Ist es nicht wunderbar – ein Held, an dessen Händen kein Blut klebt, hinter dem keine Tränen geweint, keine Gräber geschaufelt werden. Wer kann im Angesichte dieses Triumphes der Maschine und des Menschen noch sagen, unsere Zeit sei erbärmlich? […] [Z]u Columbus‘ Zeiten schien solche Tat noch zum Teil Hexerei. Heute aber ist Technik und der ungeheure Horizont, den sie erschließt, Gemeingut aller. [D]ieser Held der Maschine, dieser reine Typus eines neuen Menschen mußte aus Amerika kommen“.

Unter dem Titel We hat Lindbergh 1927 tatsächlich seine Erinnerungen an das Abenteuer Nonstopflug zur Veröffentlichung gebracht; Wir Zwei. Im Flugzeug über den Atlantik lautet der Titel der noch im gleichen Jahr besorgten dt. Übertragung, aus der etwa das Wr. Volksblatt für Stadt und Land seiner Leserschaft in der Weihnachtsbeilage einen Auszug präsentieren wird.

Auf We greift auch Bert Brecht für Der Lindbergh-Flug zurück, ein „musikalisches Hörbild“, das in der Vertonung von Kurt Weill (als „Kantate für Soli, Chor und Orchester“) am 5.12.1929 an der Berliner Krolloper uraufgeführt wird. Eine von Weill und Paul Hindemith in gleichen Teilen erarbeitete Fassung gelangt im selben Jahr im Rahmen des Baden-Badener Musikfests zur Aufführung.

Brecht überarbeitet den Ozeanflug schließlich zu einem „Radiolehrstück für Knaben und Mädchen” (Der Flug der Lindberghs, 1930). 1950 sieht er als Bedingung für eine Rundfunkaufführung die Abänderung des Titels zu Der Ozeanflug dafür vor: Laut neuem Prolog hat Lindbergh, ein Sympathisant des Nationalsozialismus, den „Hitler-Schlächtern” das „Fliegen mit tödlichen Bomben” gezeigt.


Quellen und Dokumente

N.N.: In: Neue Freie Presse (22.5.1927), S. 1, N.N.: In: Das Kleine Blatt (22.5.1927), S. 2, Ann Tizia Leitich: Der Held. In: Neue Freie Presse (3.7.1927), S. 11.

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