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Leo Lania: Das junge Amerika

             Was an literarischen Werken in den letzten Jahrzehnten aus Amerika den Weg nach Europa gefunden hat, konnte gewiß nicht die Behauptung rechtfertigen, es gäbe so etwas wie eine nationale amerikanische Literatur. Andererseits ist es jedoch ganz klar: dieser einzigartige Assimilationsprozeß, der aus jedem in die glühende Esse des amerikanischen Lebens geratenen Engländer, Deutschen, Tschechen in wenigen Jahren den Amerikaner schweißte und hämmerte, mußte auch in der Literatur sein Abbild finden. Und so bezeichnet auch der allen modernen amerikanischen Schriftstellern eigene Wesenszug – ihre innige Verwachsenheit mit der journalistischen Reportage – mehr als etwas formales, äußerliches; er drückt sich in der Technik dieser Literatur ebenso aus wie in ihrem Stil und – nicht zuletzt – in der Problemstellung und den künstlerischen Absichten der Autoren.

             Mit dieser Feststellung soll gewiß kein Werturteil abgegeben werden. Für den deutschen Bürger, der von jeher aus der Not seiner politischen Unreife eine künstlerische Tugend gemacht hat, muß das ausdrücklich betont werden. In anderen Landen aber, wo die breiten Schichten des Volksganzen die künstlerischen Leistungen weniger genau zu registrieren und katalogisieren verstehen, sie dafür aber um so intensiver, zumindest unmittelbarer und innerlich freier empfinden, weist man den schaffenden Künstler keineswegs aus dem Kampfgetümmel der Parteien und sieht durchaus nicht seine Aufgabe darin, den Sorgen und Nöten seines Volkes entrückt, auf einem erhabenen Piedestall zu stehen, allwo er als Zierde der Nation dekorativ zu wirken berufen ist.

             So ist denn auch – nicht trotz seiner starken, einseitigen Tendenz, sondern über sie hinaus – der uns Europäern bisher noch nicht bekanntgewordene Amerikaner John dos Passos ein Dichter. Sicher, daß die Bedeutung seines vor kurzem in deutscher Uebersetzung erschienenen Romans („Die drei Soldaten“, Malik-Verla, Berlin-Halensee) nicht in der politisch-erzieherischen Tendenz des Buches allein liegt. Gerade in seiner Unausgeglichenheit, dadurch, daß es technisch nicht jene vollendete Geschlossenheit der Sinclairschen Romane aufweist, vermittelt dieses Werk sehr interessante Einblicke in die geistigen Strömungen der modernen amerikanischen Literatur und die Psyche des amerikanischen Menschen.

             „Die drei Soldaten“ ist ein Kriegsbuch. Unwillkürlich denkt man an Barbusses „Feuer“, mit dem es in der Gesinnung und im Aufbau sehr vieles gemeinsam hat. Aber der Vergleich zeigt auch ganz scharf die Grenze, die diese beiden Kriegsbücher scheidet und die in Wahrheit die Trennungslinie zwischen dem Empfinden, der Sinnesart des alten Europäers und des jungen Amerikaners ist. Sonderbar: der Krieg erscheint in diesem amerikanischen Kriegsbuch nicht als das Wesentliche. Nicht der Schützengraben, nicht die Schlacht, nicht das Töten und Getötetwerden gibt dos Passos den Vorwurf zu seinen unerhört plastischen Bildern und aufwühlenden Schilderungen – der Kasernendrill, der militärische Zwang, die Unterjochung der Persönlichkeit durch Leutnantsregiment und Kadavergehorsam, das erscheint dem Amerikaner als das wahre Problem. Oder wie es dos Passos einen jungen Soldaten ausdrücken läßt: „Der Krieg wäre vielleicht gar nicht so schlimm, wenn es nicht wegen des Militärs wäre!“ In der ganzen Primitivität dieses Ausrufes spiegelt sich der Geist und das Empfinden einer jungen unverbrauchten Rasse, die nicht die fein verästelten seelischen Hemmungen des Europäers kennt, deren Persönlichkeitsgefühl aber ebensowenig durch Generationen unterdrückt, verkümmert wurde. Und offenbar wird – für viele gewiß nicht überraschend –, daß auch dies eines jener aus dem Dünkel des Europäers abgeleiteten Märchen ist: je älter die Rasse, desto stärker und feiner ihre Sensibilität. Zumindest fehlt der Zusatz:  desto stärker auch die Widerstandsfähigkeit, der seelische Panzer.

             Die Fabel des Buches: mager und eigentlich auch nebensächlich. Ausbildungslager in Amerika – Einschiffung – Truppentransport nach Frankreich – Etappendienst hinter der Front. – Auf dem Vormarsch zur Stellung wird der eine der drei Soldaten, ein junger Musiker, verwundet, leicht verwundet, er kommt ins Spital – sein Anteil am Kriege ist eigentlich erschöpft, er wird nach Paris auf Studienurlaub entlassen – da ist auch schon der Waffenstillstand unterzeichnet. Nun wahrlich, glimpflicher hätte nicht bald einer davonkommen können, denk man unwillkürlich. Aber auch die anderen Helden des Buches haben ein glückliches Los gezogen – stets reichliche Verpflegung, immer in der Etappe, immer unter Dach und Fach… aber just da setzt für Passos den Amerikaner das tragische Motiv ein: der Zwang. Gibt es, kann es etwas Unmenschlicheres, Widernatürlicheres, Furchtbareres geben als diesen? Daß der junge Musiker verhaftet wird, weil er von einer Patrouille ohne Paß betroffen wird, daß man ihn ohne Verhör strafweise in eine Arbeitskompagnie einreiht – daß so etwas möglich ist, erscheint Passos als Höhepunkt der Tragik. Der Musiker desertiert – er könnte um Entlassung einreichen, würde sie ohneweiters nach kurzer Zeit erhalten – er tut das nicht. Wieder eine Uniform anziehen? Wieder stramm stehen vor jedem Vorgesetzten? Wieder Soldat, Automat werden? Nein, nicht einmal für Stunden. So geht er zugrunde.

             Wir Europäer, Deutsche, Franzosen, Italiener, Russen, wir haben in den letzten Jahren so unerhört vieles, so schreckliches – nein, nicht erlebt – über uns hinwegbrausen lassen, daß es wahrlich kein Wunder ist, wenn wir heute einfach nicht fähig sind, das zu empfinden, was Maeterlinck einst „die Tragik des Alltags“ genannt hat. Hätten wir es im Kriege gekonnt, das Erleben hätte uns das Leben gekostet. Das Buch, von dos Passos zeigt uns Europäern, wie viel wir auszuhalten vermochten – und vermögen.

             Der deutsche Militarismus ist auf den weiten blutgedüngten Schlachtfelder Frankreichs zusammengebrochen – sein Geist aber hat in einem nie geahnten Triumphzug Frankreich und die Tschechoslowakei, zwei Drittel von Europa und den wahren Sieger im Völkergemetzel, Amerika, erobert. Daß dieser junge amerikanische Militarismus nicht nur in seinem inneren Wesen, sondern in allen seinen Formen und Aeußerlichkeiten nur ein Abklatsch des kontinentalen Leutnantsregiments mit allen seinen Brutalitäten, Scheußlichkeiten, Borniertheiten ist, das hat uns und vor allem den Amerikanern zuerst Sinclair gezeigt. Dos Passos ist – ich möchte beinahe sagen – nicht so jung, so unbekümmert, so absolut wie Sinclair – das macht, daß wir uns ihm verwandter fühlen als jenem. Und umso stärker beim Lesen dieses Buches von dem Entsetzen gepackt: „Tua res agitur“ (Es geht um dich!). Auch wir sind dieser Hölle noch nicht entronnen.

In: Arbeiter-Zeitung, 30.8.1923, S. 5.

Max Brod: Ausschaltung der Frau?

             Die neueste Literatur bekommt mehr und mehr einen harten, kalten, männlichen Zug. Ganz ebenso wie die moderne Musik antiromantisch, antisentimental klingt. Von Liebe darf weder geredet noch gesungen werden. Das verträgt sich nicht mit der „Sachlichkeit“, dem obersten Postulat der Zeit. Die merkwürdige Schwenkung besteht eigentlich in folgendem: Hart und maschinenmäßig formt sich die Zeit seit Beginn des 19. Jahrhunderts, seit damals jedenfalls in immer deutlicherem Ausdruck – die Dichtung nahm jedoch eine Proteststellung ein, Flaubert erkannte wohl den erbarmungslos nüchternen Mechanismus unserer Epoche, seine Helden aber (die Bovary wie der sentimentale Frederick) zerreiben sich, weil sie sich diesem Mechanismus nicht anpassen können. Dies war im wesentlichen durch Dezennien die Grundhaltung des Dichters. Im Geheimen blieb er Feind der Zeitentwicklung, Feind des Amerikanismus. Das Problem taucht auf: Haben die neuen Dichter submittiert, haben sie ihren Kampf im Namen des Geistes aufgegeben, hat die nüchterne Zeit jetzt endgültig über alle Proteste weg gesiegt?

             Liebe, Liebessehnsucht galt ehedem als Einblick in den tieferen Sinn des Daseins, Leidenschaft für eine Frau erhellte zauberhaft jene Zusammenhänge, die sich in den bloß egoistischen Beziehungen zwischen Menschen des Alltags den stumpferen Sinnen entziehen. (Was hier von Liebe gesagt wird, gilt von jeder über den Alltag hinausschlagenden adeligen Herzenswallung.) –  Die junge Generation hat aus dem Krieg ein sehr berechtigtes Mißtrauen gegen allen, was Herzenswallung ist, mitgebracht. Hinter wie vielem, was edle Leidenschaft schien, hinter wie schönen Farben von Patriotismus, Ver sacrum, nationalem und erotischem Aufschwung lag nichts als Phrase, lag Aergeres als Phrase: niedrigstes Interesse von Kriegsverdienern, politisierenden Kapitalisten! Da ist es zunächst höchst richtig und gesund, wenn eine Generation von Desillusionierten heranwächst. Wenn man mit Remarque und Glaeser erlebt hat, wie alles sich auf den einfachen Nenner der Todesangst und eines Gänsebratens bringen läßt – wenn man solche Not und nie zu vergessende Erniedrigung der Menschenkreatur erlebt hat, dann hat man das gute Recht, alles für Schwindel zu halten – mit einziger Ausnahme des Triebes, derartige Greuelzeiten in Hinkunft von der Menschheit abzuwehren.

             In dieser auf elementare Defensive vereinfachten Situation hat in der Tat Liebe und Frau und Herz und Seele nichts zu suchen. Diese Jugend verteidigt sich nur; Erlebnisse des Herzens waren stets Eroberungszüge in unbekanntes Land – im Sinne der heutigen Autoren also Luxus, Distraktion von wesentlicherem Ziel.

             Die jungen Autoren sehen nur den Alltag, das Dokument, die Photographie, Reportage, Sachlichkeit, über die hinaus es nichts zu erobern, hinter der es keinen Sinn zu erschließen gilt. Religiöse Deutung irgendwelcher Art erschienen ihnen als Illusion. (Dies der deutliche Abstand der „neuen Sachlichkeit“ vom älteren Realismus etwa dem Gerhart Hauptmanns.) Die modernen Autoren haben vor nichts so sehr Angst wie vor Illusionen. Durch Illusionen wurden wir in den Krieg hineingezerrt. Den Alltag nicht etwa bejahen, ihn in seiner ganzen Scheußlichkeit, Chaotik, Unmoral sehen – das erscheint als Gesetz. Vom Alltag, der als das einzig Wirkliche betrachtet wird, hinter dem es nichts Wirklicheres, Gütigeres, Liebenderes (Frauenhafteres) gibt, kann man sich nur durch Witz und Ironie distanzieren. Demgemäß wird Ironie zum einzigen Kunstmittel der jüngsten Generation. In der Dichtung wie in der Musik.

                                                                                 *

             Die drei großen Erfolge der letzten Berliner Theatersaison zeigen genau in diese Richtung: „Dreigroschenoper“, „Verbrecher“, „Rivalen“. Die beiden ersten konnte man auch in Prag kontrollieren. „Rivalen“ gab es hier zunächst nur im Film. Von der „Ausschaltung der Liebe“ kann man keinen deutlicheren Begriff bekommen, als wenn man im „Theater der Königgrätzerstraße“ das amerikanische Kriegsstück in der Bearbeitung Zuckmeyers [!] über sich hinwegexplodieren läßt. Zwei Männer streiten in der Etappe um die Schenkwirtstochter. Geht der eine an die Front, gehört sie dem andern. Die Frau als Gebrauchsgegenstand, als ein Stück Wäme und Lust ohne den geringsten Schein innerer Bindung. Wie wertlos sie im Grunde den beiden Männern ist, zeigt die Schlußszene: beide müssen an die Front in demselben Augenblick ist ihnen die Frau ein Dreck, sie sehen sie gar nicht mehr, der Appell der Kameradschaftlichkeit siegt über alle Rivalität, Schulter an Schulter marschieren die beiden Männchen, wieder zu Männern geworden in den Schützengraben.

             Zwar sind im Akt zuvor alle Schrecken des Schützengrabens mit Piscatorscher Eindringlichkeit gezeigt worden (Nie zuvor hat sich Piscators Regiekunst zu solcher Einfachheit, Geschlossenheit der Wirkung erhoben; es ist als Regieleistung ein klassisches Werk.) Man hört Granaten heranpfeifen, Schallplatte und Megaphon, Lärmmusik aller Art überfällt dein Hirn, rhythmisch gegliederte Angst strebt Höhepunkten zu, die man kaum mehr für physisch erträglich hält, das Ineinandergreifen der Schreckensszenen steigert sich, Geschoßwind heult, die Deckungen flattern, die Latten biegen sich, rechts stürzt ein Unterstand ein, in der Mitte wimmert ein Sterbender, selbst der Kommandant schreit: „Nie wieder Krieg!“ – das alles ist von heilsamster Tendenz der Abschreckung. Nein, sinnlich erlebt, wirkt es so. Der Idee nach aber, die schließlich das längerhin Wirksame bleibt, …was erleben wir der Idee nach? Gar nichts. Zwei außerordentlich männliche Offiziere, die sich um ein Weibstück raufen, männlich, falls man unter „männlich“ Fluchen, Saufen, Kartenspielen, Fressen, Puffen, Stoßen, Boxen, Ohrfeigenausteilen versteht. Und ein Schimmer von Sympathie ruht auf den beiden ja doch erst, sobald sie die Frau um der Front willen aufgeben. Klingt aber nicht in diesem Moment (die Gegensätze berühren sich) eine alte, höchst verderbliche idealistische Rattensängerweise herein, etwa so – ganz von Ferne her – : „ Im Felde, da ist der Mann noch etwas wert… frischauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!?“

             Und das ist es, weshalb ich diese Bemerkungen schreibe. Der Stil der Sachlichkeit, der Herzlosigkeit hat seine Gefahrenzone erreicht. Er steht im Begriff, umzukippen, das Gegenteil von dem zu erzielen, was er angestrebt hat. Er steuert, allen Illusionen ausgewichen, einer neuen und viel schlimmeren Illusion zu: der Apotheose des rüden, rein animalischen Menschen. Das Herz und die Sehnsucht hat man ausgeschaltet. Was bleibt übrig: Animal! („Dreigroschenoper“ und „Verbrecher“ weisen, wenn auch nicht so kraß, auf das gleiche Endziel hin.) Nun wäre ernstlich die Frage aufzuwerfen: Wer hat die ärgere Schuld am Krieg, jener Menschentyp, der seine gemeine Gesinnung hinter gleißenden Illusionsphrasen von Gemeinschaft, neuer Zeit, Vaterlandsliebe (im Stil des alten romantischen Idealismus) verbarg und heute noch (teilweise auch vor sich selbst verbirgt oder jene frischfröhlichen Gesellen nach Art der Zuckmeyerschen „Rivalen“, die unter Ausstoßung herzhafter Dialektscherze Revolver zücken und ein Menschenopfer für das wohlfeilste aller Argumente halten? Man kann es auch anders formulieren: Ist der Krieg wirklich infolge eines Zuviel an Herz und Liebe entstanden, so daß man den Heranwachsenden diese romantischen Utensilien gewaltsam aus dem Kopf treiben muß –, wäre nicht vielmehr durch echte Liebe und Verbundenheit, deren Karikaturen allerdings im Nationalismusrausch aufs Gefährlichste kriegsfördernd wirkten, all die Scheußlichkeit nackter Interessenkämpfe, die man als Kampf um höhere Güter der Menschheit aufputzt, einzudämmen gewesen?

             Der überzeugte Ironiker von heute wird einwenden, daß es diese echte Liebe und Menschlichkeit, daß es die Frau, nach der man sich sehnt, in Wahrheit eben nicht gibt, daß sie romantische Illusion und als solche auszurotten ist – daß der Dichter nur die grauenvoll lieblose Wirklichkeit zu zeigen hat.

             Ich werde nicht mit einer Analogie des alten Bonmots antworten: Wenn es keinen Gott gäbe, so müßte man einen erfinden. Dieser gerühmte Satz ist mir nie sehr weise erschienen. Denn ein erfundener Gott ist keiner.

             Ich werde dem Ironiker vielmehr antworten: Seien Sie zynisch, so viel Ihnen behagt, aber seien Sie dabei nicht so sicher! Lassen Sie „Liebe“ zumindest als Problem offen. Mehr als ein schmerzliches, immer wieder schmerzlich erlebtes Problem ist sie ja auch mir nicht. Die Problemlosigkeit ist es recht eigentlich, die ich an den „sachlichen“ Autoren auszusetzen habe; nicht die „Sachlichkeit“, nicht die Wahrheitsliebe, die mir, einem Schüler Flauberts, als Methode und Substanz der Kunst lieb sein müssen. Was bei dieser Problemlosigkeit herauskommt, das zeigt gerade der Fall der „Rivalen“ mit erschreckender Eindeutigkeit. Man zeichnet die Kriegsrüpel objektiv, man zeichnet den Krieg sogar als das unmenschliche Grauen, das er ist, aber in dieser bewußt unmenschlichen, herzausschaltenden Darstellung erscheint mir einem dämonischen Ruck ganz zuletzt, den Autoren gewiß selbst unwillkommen und unheimlich, der Krieg als so etwas wie das verrucht angepriesene „reinigende Stahlbad“. Man hat die Romantik jeglicher (auch der tief berechtigten) Observanz so lange bekämpft, bis man vom äußersten Gegenpol ihrer bösesten Spielart zutaumelt. Wer andern eine Ideologie gräbt fällt selbst hinein.

In: Prager Tagblatt, 11.6.1929, S. 3

 Klara Mautner: Beim Wäscheflicken

Offen gesagt, habe ich niemals zu jenen Patenthausfrauen gehört, die nach einem einzigen Blick auf ein schadhaftes Taschentuch mit unfehlbarer Sicherheit sagen konnten, ob Stopfwolle 120 oder 116t/s das richtige Heilmittel sei und die beim Einsetzen von Flecken „Fäden zogen“, um die Naht nur ja gerade herauszubringen. Aber wenn mir auch die stürmische Begeisterung fehlte, so war das Flicken in der guten alten Zeit doch auch nicht jene kunstlose Beschäftigung, zu der es jetzt geworden ist.

            Schon die Einleitung zur Arbeit ist niederdrückend. Man stellt beim Bügeln der Wäsche mit stiller Befriedigung fest, daß so ziemlich alle Flecken, die man das vorige Mal eingesetzt hat, wieder zerrissen sind. Es gibt zwar reizende Abwechslung dabei. Bei dem einen Wäschestück ist im Fleck selbst ein mächtiger Riß (kein Wunder, war doch besagter Flecke ein alter Hemdärmel), bei dem anderen befindet sich der mächtige Riß nicht nebenan. Eine gewisse sanfte Prüfung des Herrenhemdes ergibt, daß es noch „fast tadellos“ ist. Wenn ich den Rücken einsetzen, die Brust erneuern und den oberen sowie unteren Teil der Aermel frisch geben werden, wozu dann selbstverständlich eine Kragenleiste gehört, so ist es gar nicht ausgeschlossen, daß mein Mann das Prachtstück zwei Tage tragen kann, ohne daß seine Ellbogen fürwitzig ans Licht drängen oder sein Rücken die nähere Bekanntschaft des Rockfutters macht. Ein Ziel, des Schweißes Edlen wert. Also an die Arbeit. Der Fleckerlbinkel, Schatz jeder Hausfrau, trete in die Arena.

            Der Fleckerlbinkel erscheint. Er ist ein Schatten seiner selbst geworden, mager wie ein Kopfarbeiter, ausgeplündert wie die Wiener Kunstsammlungen. Ich wühle in dem rot-weiß gestreiften Polsterüberzug, der selbst eine wehmütige Erinnerung bedeutet, ist er doch der letzte von dem Dutzend der Ueberzüge fürs „Mädchenbett“. Er hatte elf leuchtende Schwestern – sie sind effektvolle Sommerkleider und ein Pyama geworden. Jetzt sind sie verschwunden wie die Hausgehilfin selbst und nur jene stolze Säule blieb. Der Inhalt des Fleckerlbinkels ist in ähnlichem Verhältnis zusammengeschmolzen. Außer ein paar Resten von Wiener Werkstättenkreton, etlichen bunt geblumten Bändern, einem Stück giftgrünen Satins und einer grün-gelb gestreiften Waschseide sind nur winzige Fleckchen der verschiedensten Kleidungsstücke vorhanden. An größeren Flecken gibt es sonst nur noch ausrangierte Wäschestücke, von denen der eine oder der andere Teil noch verwendbar ist. Man nimmt also aus einem Polsterüberzug ein Stück zum Hemdenflicken oder man setzt vom „Stock“ eines Hemdes einen „Spiegel“ ein. Beides ist ganz gleich aussichtsreich – es hält drei Tage. Und nun gar das Stopfen von Taschentüchern, Geschirrtüchern, die nichts als ein einziger Riß sind und nach Pensionierung schreien wie ein Hofrat mit vierzig Dienstjahren! Man weiß wahrhaftig nicht, wo man anfangen soll zu flicken, zu stopfen, zu bessern, denn eigentlich sollte sich von Rechts wegen der Fleck über das ganze Tuch erstrecken.

            Aber es ist auch ganz gleichgültig, wo man anfängt; aus der nächsten Wäsche kommt das Stück ja doch wieder als Invalide. Um so mehr als der Zwirn, den man jetzt um teures Geld kauft, einfach den Anforderungen der Zeit nicht gewachsen ist und jede zweite Naht aufreißt. Knöpfe, die man sorgsam annäht, hüpfen graziös davon, und zwischen Wäschebändchen und dem Zwirn, der sie festhält, herrscht ein edler Wettstreit: Wer der erste sein soll, den Dienst zu kündigen.

            Das aber macht das Wäscheflicken zu einer so trostlosen Beschäftigung, das läßt jede Arbeit zur Heilung der Wäscheschäden als übelste Zeitverschwendung erscheinen. Denn was hilft’s, daß ich die Löcher in den Socken mit „Strickstopf“ kunstgerecht und mühsam ausbessere. Morgen bringt sie mir mein Mann ja doch mit diesem anklagenden Blick und macht mit den Zehen „Bewegung in freier Luft“. Das ist vielleicht für die Zehen sehr erfreulich, für mich aber nicht, denn es bedeutet, daß die neue, sündhaft teure Stopfwolle auch nur eine schöne Illusion und – Papier ist.

            Und wenn ich so zwischen den Wäscheinvaliden sitze, bald dieses bald jenes unentbehrliche Stück in die Hand nehme, mich aber doch nicht zum Flicken entschließen kann, weil ich die Aussichtslosigkeit des Beginnens erkenne, dann überkommt mich das heiße Verlangen, meine gesamte Wäsche zusammenzupacken und – in den Fleckerlpack zu schieben. Denn dort gehört sie von Rechts wegen hin.

In: Neues Wiener Journal, 27.08.1921, S. 13.

Max Winter: Es gibt keine Not mehr in Wien

            So oft man jetzt mit Ausländern in Berührung kommt, äußern sie die allerstärksten Zweifel darüber, daß die Not in Wien noch eine solche wäre, daß wir ihrer nicht aus eigener Kraft Herr werden könnten. „Es gibt keine Not mehr in Wien,“ kann man immer wieder von den Menschen hören, für die der enge Umkreis um die Hotels Bristol, Imperial und Astoria Wien bedeutet – „wenigstens keine Not,“ wie die Wohlwollendsten hinzufügen, „die nicht auch bei uns zu Hause sichtbar wäre“. Gewiß, London und Paris, Mailand und Bern, Amsterdam und Stockholm, Kopenhagen und Christiania haben auch ihre Erscheinungen der Not, aber können mit diesen aus dem Wirken der kapitalistischen Wirtschaftsordnung dort wie überall erfließenden Erscheinungen der Not die besonderen Erscheinungen gleich gewertet werden, die in Wien zu schauen sind? Der Kenner wird diese Frage verneinen und jeder sozial Einsichtige wird ihm recht geben, wenn er selbst die Dinge in der Nähe betrachtet. Wir brauchen nur vom „Bristol“ weg zehn Minuten Straßenbahnfahrt nach Favoriten zu machen und dort ein wenig Umschau zu halten und wir werden Bilder einer Not schauen, die unseren Tagen und unserer Stadt förmlich „eigentümlich“ ist, die sich als Wirkung der Hungerjahre darstellt, die keiner Stadt der Welt so andauernd und so hart auferlegt wurden wie gerade Wien. Die Behauptung einiger englischer Freunde, daß die Not in Wien nicht mehr so hart in Erscheinung trete, gab dieser Tage wieder Anlaß zu solch einer Elendsreise durch Wien.

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Die Mahlzeiten eines tuberkulösen Kindes.

Um den hilfsbereiten Freunden nicht „gestellte“ Bilder zu zeigen, gehen wir in den Tramwayhäusern in Favoriten in die Tuberkulösenfürsorgestelle und erbitten uns dort die Adressen einiger Arbeiterfamilien mit vielen oder wenigen Kindern. Dabei läuft uns ein Kind über den Weg, das wir auch gleich um seine Lebensumstände befragen können. Die Fürsorgeleiterin zeigt uns die Einrichtung der Fürsorgestelle. Zu ihr gehört auch eine „künstliche Höhensonne“, eine Quarzlampe, unter deren gelbem Licht gerade so eine Kleine sitzt, der die Strahlen eben die Drüsen wegzaubern. Einige Minuten später und die kleine Rosa kommt von dem Vorhang hervor, kleidet sich an und stößt dann zu uns, da sie die Fürsorgeleiterin ruft. Der Vater ist tot, die Mutter ist Wäscherin. Außer Hause und im Hause, je nachdem es sich trifft. Wieviel die Mutter verdient, weiß die blasse Kleine nicht; aber was die Mutter mit diesem Verdienst leisten kann, das weiß das nett gekleidete Kind. Am Morgen bekommt die Kleine schwarzen Kaffee und Brot. Malzkaffee natürlich. Milch gibt es keine für dieses tuberkulöse Kind. Das war doch im Frieden ein wenig anders. Da konnte jedes solche Kind Milch haben, so viel es nur vertrug. Vormittags gibt es ein Stück Brot.

            „Und nichts dazu? Keine Butter, keine Marmelade?“ fragt der Wortführer der Engländer, ein Prediger der „Freien Kirche“, die Kleine. „Nein, nur Brot,“ lautet die Antwort der Kleinen. Mittags erhält die Kleine die „amerikanischer Ausspeisung“: Zehn Hektonem oder etwa ein Viertel dessen, was so ein stark unterernährtes, blutarmes Kind brauchen würde. Die Jause ist wie das Frühstück: Schwarzer Kaffee und Brot.

            „Machst du dir die Jause selbst, wenn die Mutter auswärts ist?“ – „Nein, eine Nachbarin wärmt mit den Kaffee auf.“ – „Den macht also die Mutter in der Früh?“ – „Ja!“ – „Und was gibt es abends?“ – „Erdäpfelsuppe oder Knofelsuppe. Brot oder manchmal ein Gemüse oder eine Mehlspeise.“ – „Und am Sonntag?“ – „Da kocht die Mutter zu Hause: eine Mehlspeise oder sonst etwas.“ – „Fleisch?“ – „Fast nie. Hie und da ein Stückerl.“

            „Warst du schon im Ausland?“ – „Ja, voriges Jahr im März in der Schweiz.“ – „Und seither nicht?“ – „Nein, seitdem nicht mehr.“ – „In welche Klasse gehst du?“ – „In die „dritte Bürger“ komme ich jetzt.“ – „Ja, wie alt bist du denn?“ fragen wir verwundert die Kleine, die das Aussehen einer höchstens Zehnjährigen hat, und die Antwort lautet: „Im September werde ich 13 Jahre.“ Wir gewinnen mit der Kleinen so die erste Kandidatin für ein Erholungsheim, das die englischen Freunde gleichsam als einen ersten Pfeiler für die Brücke von Volk zu Volk in Salzburg errichten wollen.

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Der Haushalt eines aufrechten Arbeiters.

            Wir haben eine ganze Reihe von Adressen erhalten. Eine, die nächste, greifen wir heraus. Es ist die eines Arbeiters, der am Ende der Leebgasse wohnt. Sieben Kinder sind da: 19, 18, 16 Jahre die älteren, 13, 9, 8 und 6 Jahre sind die schulpflichtigen alt. Der Vater ist Lackierergehilfe. Die neunzehnjährige Tochter steht in Behandlung der Tuberkulösenfürsorgestelle, die achtzehnjährige, sehr rachitisch, ist in den letzten Jahren „ausgewachsen“ und wird nun vom orthopädischen Spital in der Gassergasse behandelt. Zwei der Kleinen, dreizehn und neun Jahre alt, haben Spitzenkatarrh; beide waren mit Hilfe des städtischen Jugendamtes im letzten Winter in Südtirol. Es ist Samstag vormittag. Wir kommen gerade zurecht, um einen tiefen Blick in den Haushalt eines aufrechten Arbeiters tun zu können. Am Abend vorher hat der Vater seinen Wochenlohn erhalten. Nach Abrechnung der Abzüge für die Krankenkasse (12 Kronen), für die gewerkschaftliche und politische Organisation (5*60 Kronen) und eines Vorschusses von 100 Kronen hat der Vater 814 Kronen nach Hause gebracht und die sechzehnjährige, noch nicht kranke Tochter, die Schachtelmacherin in einer Apotheke ist, 200 Kronen. Zusammen standen der Mutter und Vorsteherin dieses Haushalts genau tausend Kronen zur Verfügung. 14 Kronen behält sich der Ernährer der Familie für seinen Tabak.

            „Und das ganze Geld is scho auf’gangen, seit gestern abend!“ sagt die Frau. – „Die ganzen tausend Kronen? Was haben Sie denn da eingekauft?“ – „Das können Sie genau sehen. Hier sind die Konsumzettel und was ich sonst gekauft habe.“

            Diese Wochenrechnung aufzustellen war nicht ganz so einfach. Wiederholt versagte das Gedächtnis der Frau, was die einzelnen Zahlenansätze auf den Zetteln bedeuteten, wofür sie noch Geld ausgegeben hatte. So gleich bei einer Konsumvereinspost von 12 Kronen, die für 10 Dekagramm Wurst ausgegeben wurden – am Freitag abend. (Jedes Kind bekam eine Scheibe Wurst.) Dazu bemerkt die Frau: „Wir haben oft vierzehn Tage kein Fleisch.“ Die zweiten 12 Kronen für 10 Dekagramm Wurst fallen der Frau auch nicht gleich ein. Sie sind für den Ernährer allein bestimmt. Er erhält den teuren „Leckerbissen“ entweder Samstag mittag oder abends, je nachdem die Mahlzeit aus der Ausspeisung ausfällt.

            „Und was gibt es am Sonntag?“ – „Vorigen Sonntag haben wir Zwetschkenknödel gemacht. Was ich morgen kochen werde, weiß ich noch nicht. „Gefüllte Paprika“ wären gut. Aber der Reis ist so teuer und ein halbes Kilogramm Fleisch brauchen wir noch dazu. Das wird diesmal nicht reichen.“

            Der englische Freund fragt einmal: „Und Ei kaufen Sie keines?“ – „Nein, wir haben eine Henn’. Unsere Klane hat s’ aus Ungarn mitbracht, wie sie vor zwei Jahren dort war. Die legt immer jeden zweiten Tag ein Ei. Sie wird täglich auf die Wiese geführt. Da muß einer aber aufpassen!“

            „Wie viel zahlen Sie Miete?“ Die Familie hat eine aus Zimmer, Kabinett und Küche bestehende Wohnung. – „Neununddreißig Kronen.“ – „Legen Sie in jeder Woche etwas zurück?“ – „Nein, der Zins muß vom letzten Wochenlohn im Monat zahlt werd’n.“ – „Da geht Ihnen dann aber der Betrag für andere Sachen ab?“ – „In so aner Wochen wird halt weniger Margarine kauft. Da müss’n die Kinder das Brot vormittag trocken essen.“ – „Auch die vier Kranken?“ – „Da kann ich leider keinen Unterschied machen. Die anderen sind ja auch nicht stark.“

            „Kaufen Sie kein Obst?“ fragte wieder der englische Pfarrer. – „Sehr wenig. Wenn ich ein Kilogramm kaufe oder zwei, was ist das für so viele Kinder?“

            „Und Käse?“ – „Kann ich gar nicht kaufen. Im Konsumverein haben sie schon oft einen gehabt. Ich habe aber nie einen kaufen können. Immer nur das Notwendigste.“

            „Und Tee?“ – „Nein, den kauf’ ich nie, auch nicht Kaffee. Nur Kakao. Den können die Kinder mit Wasser und bitter trinken, den Kaffee nicht.“

            „Und keine Marmelade?“ – „Nie.“

            „Und keine Butter?“ – „Nie. Dafür kaufe ich jede Woche ein Kilogramm Margarine. Wenn man das eine kauft, kann man das andere nicht kaufen. Für den Kleinen habe ich bisher vom englischem Hilfswerk immer noch Kondensmilch erhalten. Nun ist er aber auch sechs Jahre alt und jetzt ist es aus.“

In: Arbeiter Zeitung, 05.09.1920, S. 6.

Robert Neumann: Zum Problem der Reportage

Jede Zeit krankt an einer besonderen Art von Maßlosigkeit. War es vorgestern noch ein Überschuß an Formdrang, dem nicht genügend neuen Stoffgehaltes sich darbot – unsere heutige, unsere besondere Maßlosigkeit liegt im Stoff, der in seinem Überquellen nicht mehr gefasst und geformt werden kann. Niemals drang eine solch beklemmende Fülle rein stofflichen Geschehens rufend, winkend, // fordernd, gestikulierend, hämmernd mit Hämmern auf den einzelnen ein. Das tragisch groteske Megaphon dieser Stofflichkeit ist die Zeitung. Der sie macht, ist nicht Diener am Wort und nicht Diener am Geist – er ist Diener am Stoff.

Es geht also um das Problem der Stoff-Jagd. Wo das noch mit Telegraph, Telephon geschieht, wo die Nachricht durch Technik entmenschlicht und vervielfältigt wird, wo sie schon nicht mehr blutet, sondern schon Präparat ist, Sache = Sache, die man gewissermaßen in die Hand zu nehmen, zu schneiden, zu appretieren vermag, ist sie vergleichsweise schon gefahrlos geworden. Aber der, der die Zeitung macht, gibt sich mit dem Stoff nicht zufrieden, der auch einem andern Zeitungsmacher in gleicher Form auf den Schreibtisch fliegt. Und der, für den die Zeitung gemacht wird, der Tänzer, für den getanzt wird, der Treibende, für den sie es treiben, er, der den Stoff frisst, bis er von ihm gefressen wird: der Leser also gibt sich nicht zufrieden mit dem leergebluteten Stoff-Präparat. Hört er von einem Bergwerksunglück in Yorkshire – die Ziffer der Erschlagenen genügt ihm nicht mehr. Zucken muß er sie sehen. Und der ausgeschickt wird, diese Zuckungen zu belauschen, ist der Reporter.

Reportage ist also ein Sachbericht, der – umgekehrter Weg wie beim Kunstwerk – im Typischen das Besondere, im Eisenbahnunfall das Besondere d i e s e s Eisenbahnunfalls, das Speziale, das Einmalige sucht und darstellt. (Ihr publizistischer Gegenpol ist die ‚Schmucknotiz’, das Entrefilet, das bemüht ist, den einmaligen Vorgang zu verwischen, zu typisieren, ihn gewissermaßen zu paraphrasieren mit Weltanschauung.)

Nun aber: wenn früher gesagt wurde, die Reportage spüre der Sache nach, so ist das in einer tieferen Schicht nicht mehr richtig. Die Sache darzustellen, ist Sache des Kunstwerks (und war es immer trotz „neuer Sachlichkeit“). Sein Mittel ist das Bildhaft-Bedeutende, das Sinn-Bild, sein Weg ist Eklexis, Auswahl des Wesentlichen. Anders die Reportage. Sie operiert nicht eklektisch, ihr fällt kein Detail unter den Tisch – und so stößt sie zum Sach-Kern zunächst nicht durch. Sie rafft an Stofflichem auf, was am Wege liegt, Materie, Material, Tatsachen mit einem Wort, wie man ja ganz allgemein die Tatsache// als Surrogat der Sache bezeichnen könnte. Dem Reporter wie dem Reportagenleser setzt sich Sachlichkeitsfanatismus alsbald um in Tatsachenhunger. Und so erfährt man schließlich von Napoleon erst in zweiter Linie, daß er die Schlacht bei Waterloo geschlagen hat, und in erster, was er an jenem Tage zum Frühstück zu sich nahm.

Das sei hieher gesetzt, ohne daß damit eine Wertung verbunden wäre. Reportage ist also etwas Wesensanderes als Kunstproduktion – und muß es sein. Was wir vom Tatsachenbericht verlangen, ist nicht Welt, geläutert durch das Filter einer Persönlichkeit, sondern so etwas wie eine geschriebene Menschen-Landkarte. Und eine Landkarte schätzen wir um so höher, je mehr Details in ihr verzeichnet sind. Eine, die, den Grundtypus, die ‚große Linie‘ des Amazonas herauszuarbeiten, seine Nebenflüsse unterschlüge, fände nicht unseren Beifall.

Es geht also um eine Sachlichkeit in sehr oberflächlicher Schicht. Und wie die systematische Logik lehrt, daß der Abstraktionsakt der Begriffsbildung ersetzt werden kann durch eine enumeratio, eine planvolle und vollständige Aufzählung, so nähert sich die Reportage der Sach-Erfassung um so erfolgreicher, je mehr sie uns ‚aufzählt‘. Das wird in dem Maße gelingen, als Impressionismus, Subjektivismus, mit einem Wort: die Person des Berichtenden eliminiert werden kann. Damit umschreibt sich Sinn und Kern der Reportage als: unpersönlicher Tatsachenbericht von einem Sonderfall.

In: Die Literatur. Monatsschrift für Literaturfreunde. Begründet von Dr. Josef Ettinger. Hg. von Dr. Ernst Heilborn. 30. Jg. Okt. 1927-Okt. 1928, Stuttgart-Berlin, DVA, S. 3-6.