Renato Mordo: Die Radiobühne

             In der Pantomime und im Film vermag der Schauspieler dramatisches Geschehen durch Körper, Auge und Geste restlos zum Ausdruck zu bringen.

Das geschriebene oder gedruckte Drama vermag durch geistige Vision – die Lektüre – zu wirken.

Ist die Kraft, die Steigerung und der Konflikt eines Dramas in das Wort gelegt, dann ist die Reproduktion lediglich durch Ton, Sprache und Klang berechtigt. So kann ein Drama gleich einem Musikwerk unter Verzicht auf jede optische Darstellung zur künstlichen Gestaltung gebracht werden. Im Gegensatz zu Film und Pantomime.

Demnach ist die Radiobühne berechtigt.

Die Radiobühne hat ebensowenig mit dem Theater zu schaffen, wie etwa ein Sinfoniekonzert oder der Film mit dem Theater gemeinsam haben.

Zunächst bedarf man des Radiodramas. Das gibt es noch nicht. Die Künste vermochten mit der Rapidität technischer Entwicklung nicht Schritt zu halten.

So muß also das vorhandene Drama einer radiodramaturgischen Bearbeitung unterzogen werden.

Hierbei ist große Rigorosität am Platze. Alle Szenen, die lediglich durch einen optisch darzustellenden Vorgang verständlich sind, haben mitleidlos zu fallen. Ebenso Szenen, die durch eine verwirrende Anzahl handelnder Personen eine akustische Unterscheidung unmöglich machen. In solchen Fällen sei vielleicht auch die Eliminierung einzelner Figuren versucht. So muß der // phonetisch wirksame Extrakt des Dramas herausgeschält werden. Sollten durch die Bearbeitung Unklarheiten entstehen, so mag für die Entwicklungszeit der Radiobühne ein erläuternder Einführungstext gesprochen werden.

Die Darstellung eines Dramas auf der Radiobühne müßte durch ein Künstlerensemble erfolgen, wie es heute vielfach noch im Stadium der Entwicklung [ist]. Nicht Schauspieler – ,Hörsprecher‘.

Ein Erblindeter lernt nach Verlust seines Augenlichtes die ungeheure Vielfältigkeit von Ton und Ohr begreifen und so muß eine neue Sprechergeneration die Modulation von Sprache und Klang unterscheiden lernen.

Der Schauspieler ist verwöhnt. Körper, Geste, Maske, Auge, Dekoration, Licht und Farbe sind ihm Requisiten. Die Sprache nur ein Bestandteil seiner Wirksamkeit. Der Radiosprecher muß alle diese Hilfsmittel opfern, all ihre Wirkung seiner Sprache einverleiben. Dazu ist vorerst eine ganz grundlegende Schulung seines Ohres Erfordernis. Er muß neu beginnen: Hören lernen und sich hören lassen. Darauf erst kann die neue Technik von Sprache und Sprecher, von Tonführung und Tongebung aufgebaut werden. Und vor allem: Nur ein Künstler von feinster und präzisester Musikalität kann Radiosprecher sein. Ein Hilfsmittel von allem ist der Radiobühne erlaubt: die musikalische und akustische Untermalung (und nicht eine bloße Melodramatisierung). Ihr sei die Rolle zugeteilt, die im Theater die Beleuchtung inne hat.

Nebst Radiodrama und Radiosprecher ist von Hauptbedeutung der Zuhörer. Auch für diesen ist eine völlige Neueinstellung nötig, um ein lediglich phonetisch wiedergegebenes Drama erfassen und erleben zu können. Die bequeme Aufnahmearbeit des Auge im Theater muß hier durch die schöpferische Einstellung der Phantasie ersetzt werden. Dazu bedarf es einer geistigen Disziplin, die auch geschult sein muß. Aufgabe jeder Radiobühne muß es sein, diese Schule anregend und steigernd zu gestalten. Dann sind die Hauptaufgaben der Radiobühne lösbar: Die Anregung zu einer neuen Epoche des Wortdramas und die Wiedererschaffung einer Sprechkultur.

Die Wiener Radiobühne hat wohl in diesem Sinne schon einen weiten Weg zurückgelegt und darf ein reiches Maß an Fortschritt und Erfolg als ihr Besitztum buchen.

In: Radio Wien Nr. 41 (26.7.-1.8.) 1925, S. 6-7.

Franz Theodor Csokor: Ballade von der Stadt. Eine Vorbemerkung

Der Versuch, ein kollektiv gedachtes Drama ins Hörspielmäßige zu formen, wird hier gewagt. Gerade das kollektive Drama wäre ja wie kaum ein anderes zum Hörspiel vorbestimmt, da es ja auch durch das gewaltigste Kollektivmittel, den Sender, verbreitet wird. Doch erhebt seine Gestaltung in solchem Sinne besondere Ansprüche, die sich von einer bühnenmäßigen Interpretation scharf scheiden. Die Urelemente eines Hörspiels: Verwiesenheit auf das Wort, Bestimmung des Schauplatzes durch akustische Mittel, Übertragung der optischen Räumlichkeit in eine akustische, zu der das Ohr als als räumlich denkendes Organ erzogen werden müßte, architektonische Stufung der Vorgänge durch musikalische Cäsuren, die zugleich den Vorhang des Theaters ersetzen [‚Tonvorhang‘], Verflechtung psychologischer Rezitative und Leitmotive zur Verdeutlichung der Geschehnisse, und Lösung der notwendigen Geräusche vom zufällig Naturalistischen ins stilhaft Schicksälige, all das fordert, daß dem Text eine Art Partitur1 beigegeben sei, die ihm Satz um Satz begleite. Für die Wahrnehmung des Schauplatzes hier herrscht Einheit des Ortes, der nur seine Züge in dem mehr als ein Jahrtausend umfassenden Ablauf des Werkes vollendet, – griff der Verfasser zu der Figur des „Ansagers“, wie er auch im Kollektivdrama der Mysterienspiele, im Hans-Sachs-Stück und als „aboyeur“ der „Beller“ bei der französischen Komödie heimisch war. Mit einer der Dichtung angeglichenen gebundenen Strophe gibt er jeweilig die erforderlichen Erläuterungen über Szene und Vorgang in einer geistigen Synthese aus beiden.

             Nun zu den Vorgängen: Ursprung, Wuchs, Blüte, Gipfel, Verfall und Untergang einer Riesenstadt über dem Giftkeim des Goldes, also ein von Gier nach Macht und Besitz gestacheltes Werden, ausgedrückt durch die an dem Goldschacht aufwachsende Stadtmauer über dem bleibenden Schauplatz des Werkes, ist das Motiv der in balladesker Verkürzung geschürzten Handlung. Den Gegenspieler macht der Uralte, das ruhige, für alles Lebende gerechte und gleichmäßige Sein der Erde, die Frucht und Freude für jedermann hätte, wäre nicht Wahn und Hast jenes Werdens mit seinem wuchernden Kampf um das Gold. Der Uralte, – er ist die Erde selbst, die in sich Kraft und Willen hätte zu einem künftigen Paradies, das nicht erst jenseits des Lebens liegt, würde der Mensch sie nicht nur als Wert und Besitz begreifen wollen.

             Eine Art Calderonsches Welttheater also ist // dieses Stück, nur ohne eigentlichen ‚deus ex machina‘; die Lösung heißt hier; der höhere Mensch! Mensch in Gemeinschaft und Arbeit so streng gegen sich, als drohten noch alle Höllenstrafen, aber aus sich so, um des Menschen willen, stets inne der heiligen Einmaligkeit des irdischen Lebens, das befreit sein muß von aller Zweckversklavung zugunsten Einzelner. Das ist das Ziel, wie es das letzte Bild dieses Werkes aufreißt; es steht damit in Antithese zu dem Beginn.

             Im Anfang fährt das Gold im Blitze zur Erde nieder und weckt den Uralten als Wächter. Aber das Unheil muß ausreifen, wie alles. Ein Menschenpaar in bäuerisch mythischer Urzeit findet das Gold und umarmt sich über ihm, der Wurzel der Stadt, die von da ihren Ursprung nimmt. Doch beide, die nun mit dem Mauerbau beginnen, erfreuen sich nicht lange ihrer Macht; von ihren Knechten werden sie getötet. An der Mauer geraten die beiden Mörder in Streit; der eine erschlägt den andern und wirft sich zum Despoten auf. Er möchte die Mauer bis an den Himmel heben und über die ganze Erde herrschen kraft seines Goldes. Als er die ihm von der Natur gesetzten und durch den Uralten verkündeten Grenzen seiner Macht erkennt, will er sich auch ihrer Zeichen begeben, –  aber die Menge, die er sich selbst zu Sklaven gezüchtet hat, zerreißt ihn im gleichen Augenblick, da er die Geißel über sie zerbricht. Die früheste Äußerung der Massenherrschaft, die über ihn gesiegt hat, wird, ehe sie sich ihrer bewußt ist, von den eben so einfachen Urformen des Unternehmertumes, den Herren der Elemente, mit dem Symbol des geheiligten Königtums gebändigt. Das Bündnis von Krone und Gold erweckt den Krieg, und durch ihn gerät mit dem Sturz des Königtums der alte noch im Ständewesen fußende Reichtum in eine Krise. Die Revolution gärt auf, befehdet von der Gegenrevolution, – es ist eine Revolution, die noch um die Macht in der Stadt geht, nicht um die Befreiung des Menschen; sie, die auf dem verdorbenen Grunde des Goldes sich entzündet hat, führt mit unabweislicher Notwendigkeit die nackte Plutokratie herbei, die Herrschaft des Händlers. Die Menschheit der Stadt, nun selbst zur ruhelosen Maschine geworden, erliegt der Despotie ihrer Mittel.

Der Kampf um das Gold geht in rücksichtslosester, durch keinerlei Traditionsehrfurcht mehr gehemmter Art weiter. In der Figur des Händlers ist der neue Reichtum erstanden, in dessen Anfang nicht einmal mehr die eigene Arbeit wirkt wie den früheren Herren der Elemente, sondern die mühelose geschickte Ausnützung und Vergleichung von Angebot und Nachfrage. Das führt zu noch tieferer Versklavung; die Mauer hinter dem Goldschacht wird schließlich zu einer riesigen Klagemauer, an der die rettungslos an das Gold verhaftete Menge sich wütend die Fäuste wund schlägt, um so, – sei es auch über den selbstmörderischen gemeinsamen Untergang, – ins Freie zu gelangen. Verkündiger solcher stets schicksalshafter begehrter Zerstörung wird ein Schreiber, dessen Berufung zum Dichter an der Stadt verdorrte, und ein im Goldbergwerk irrsinnig gewordener Roboter des Reichtums. Der Schreiber erkennt im Sehergeist seines verstümmelten Künstlertums den Uralten, der durch alle Geschehnisse gewandert ist, als den letzten über die Stadt: Die Erde selbst schaut er in ihm, die Erde, die nach langer Duldung üb er der verkrampften Unnatur einer unlösbar dem Gold verdingten Gemeinschaft zusammenschlägt, angerufen von jener Gemeinschaft selbst, die ihres Daseins überdrüssig geworden ist. Eine furchtbare Katastrophe schlagender Wetter, die sich der Irre entfesselt zu haben rühmt, zermalmt die Stadt und alles, was in ihr lebte, also zu schwach für wirkliches Leben wurde. Und die Stimmen aller, die an der Stadt gestorben sind, mengen sich in diesen Untergang. Und wieder wird Acker wie zu Beginn. Wieder steht ein Menschenpaar darauf, Mann und Weib, dieses Mal Pioniertypus des neuen Menschen, des tektonischen, der sich jetzt Glied einer höheren Gesamtheit fühlt als einer durch Gold und Stein verpflichteten. Wieder findet die Frau das Gold, aber sie wirft es von sich. „Euer Siegt!“ ruft es ihnen aus dem Dickicht zu; dort entdecken sie den Uralten, wie im Schlafe liegend. Sie berühren ihn und er zerfällt zur Erde, die er ist, denn sein Hüteramt ging jetzt zu Ende mit der Absage der beiden an das Gold. Die neue Stadt braucht nicht Stein noch Erz zu ihrem die Welt umspannenden Bau. Hände, die einander fassen, sind ihre Mauer; Herzen, die einander finden, sind ihre Gassen; Geist, der sich brüderlich erkennt, ist ihr Gold. Und die Dinge sind ihnen untertan, nicht zu Gewalt, Schlacht und Mord, – sondern zu wechselseitiger Hilfe.

             Dies der Sinn meiner Dichtung, die so um einen sozialethischen, also von welcher Weltanschauung immer: kollektiv gebotenen Ausklang bemüht ist.

In: Radio Wien, 15.2.1929, S. 328-329.

  1. Alle im Text kursiv ausgewiesenen Stellen sind im Original gesperrt gedruckt.

N.N.: Radio, Politik und Radiopolitik

Seit einiger Zeit hören wir, wenn wir Radio hören wollen, ein merkwürdiges Nebengeräusch. Es handelt sich um ein überaus schrilles und hartnäckiges Geräusch von scharf ausgeprägtem Charakter, den man nicht vergißt, wenn man ihn einmal begriffen hat. Nicht genug an der Straßenbahn, nicht genug am Fading-Effekt, jetzt tritt noch dieses Neue hinzu, jetzt bestürmt, jetzt verfolgt man uns von allen Seiten mit Politik.

So etwa könnte heute der reine Radioamateur, der Radioamateur an sich sprechen, dann nämlich, wenn dieses Wesen anders als in der Theorie vorstellbar wäre. Die Theorie würde obendrein falsch sein. Radio ist auch theoretisch unfähig, den Typ eines Radiosportfexen hervorzubringen, der für nichts als Radio Sinn hat und für alles auf der Welt, was nicht Radio heißt, verloren ist. Radio ist vielzu intim und legitim mit allen Kräften des Lebens verbunden, als daß seine besten, seine wirklichen Anhänger sich auch nur für die Zeit, da sie Radio treiben, aus dem Zusammenhange mit dem Lebendigen lösen könnten, namentlich aus jenem allerstärksten, der Politik heißt.

Nein, nein: für alle Radiofreunde – und je treuer sie in ihrer Freundschaft sind, desto mehr – gilt es, zur Kenntnis zu nehmen, daß das Radio Österreich in seiner politischen Periode angelangt ist. Radio marschiert durch einen gefährlichen Engpaß. Wachsamkeit ist nun erste Radiopflicht.

Man wird von uns, die wir unsere Einsicht in das politische Wesen des Radio niemals verborgen haben, nicht billig verlangen können, den politischen Streit, der es nun umtobt, der politischen Sphäre ganz entrückt zu betrachten. Wir geben zu, daß dieser Streit vom Standpunkt des Radio beklagenswert ist, wir behaupten, daß er nicht ganz unvermeidlich war. Wohl nicht für immer; eines Tages mußte er ausbrechen. Es steht nun sichtbar im Kräftespiel der Parteien. Man muß zusehen, wie jene Kräfte ihr Gleichgewicht in bezug auf Radio untereinander wieder herstellen. Wie es ohne sein Hinzutun Streitobjekt geworden ist, muß es gewärtig sein, Kompensationsobjekt zu werden. Die Parteien haben den Wert des Radio als Waffe schon zu gut begriffen, als daß sie es jemals halb oder ganz aus der Hand zu geben gesonnen wären. Die eine Partei gibt die Parole aus: „Wer an Gottesfrieden rührt, wird auf Granit beißen.“ Die andere Partei pflanzt ein Kampfpanier auf, darauf steht zu lesen die Parole: „Steuerbegünstigung für Radiokultur.“ Der Brief des Stadtrates Breitner besagt nicht mehr noch weniger, als daß die Gemeinde Wien ihre nicht unbeträchtlichen Kräfte zur Kontrolle Radio-Wiens einzusetzen entschlossen ist. Ihr formales Recht, eine Lustbarkeitssteuer aufs Radio zu legen, ist eine vielumstrittene juristische Frage. Mit ihrem moralischen Recht, das hier ganz wesentlich in Frage ist, steht es nach unserem Dafürhalten folgendermaßen: Die Gemeinde Wien hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, darauf einzuwirken, daß die Leistung des Wiener Senders die beste sei, denn sie ist die natürliche Vertreterin der allgemeinen Interessen der Wiener, zu denen auch der Ruf dieser Stadt gehört.

Soweit wäre die Sache in Ordnung. Wir behaupten, und zwar nicht leichtsinnig, daß eine Verständigung darüber, was gute Sendung, erreicht werden kann. Das Niveau Radio-Wiens muß gehoben werden. Darin sind Wiener Stadtverwaltung und Direktion der Ravag eines Sinnes.

Wer wagt es übrigens schon, mit einiger Genauigkeit anzugeben, was der Mehrzahl der Hörer recht ist? Wenn irgend ein Faktor Verlangen danach trägt, nicht ganz auf Vermutungen angewiesen zu sein, so steht ihm schon heute das vorläufige Material der Abstimmung der „Radiowelt“ zur Verfügung, das nicht Agitationsmaterial, sondern Studienmaterial ist. Wir wollen die Hauptsache verraten: Soweit sich heute das Ergebnis bereits ablesen läßt, schaut es etwa so aus: Keine Politik und keine Predigt. Wir sind überzeugt, daß die Richtung, die in diesen Worten ausgedrückt ist, sich noch stärker akzentuieren wird. Eine solche Stellungnahme des Publikums aber könnte, obschon sie nur negativ ist, das Übereinkommen über das große positive Programm Radio-Wiens, das wir Radioamateure sehnlich wünschen müssen, nicht unwesentlich erleichtern.

Vorläufig wird gekämpft und zum Kampfe gerüstet.

In: Radiowelt, 1925, H. 2.

Oskar Maurus Fontana: Radio-Kulturbeirat und Schriftsteller

Daß den Schriftstellern für ihre Arbeit ein Honorar, auch beim Rundfunk, gebührt, darüber besteht kein Zweifel mehr. Auch die Ravag hat nach der Protestversammlung der Schriftsteller sich zu den Verhandlungen bereit erklärt. Damit aber, daß einige Honorare bewilligt werden, kann die Grundforderung der Schriftsteller nicht erledigt werden, denn diese Grundforderung, die aus dem Verantwortungsbewußtsein der Schriftsteller gegenüber dem Geist kommt, sie lautet: Dem bisherigen administrativ-technischen Beirat der Ravag muß ein Radio-Kulturbeirat ehestens angeschlossen werden und in ihm muß der Schriftsteller Sitz und Stimme haben.

Diese Forderung wird nicht zum erstenmal erhoben und auch nicht von den Schriftstellern allein. Daß sie trotzdem noch immer nicht gehört wird, das ist zumindest merkwürdig. Man begreift nicht, wieso eine Zeit, eine Gesellschaft auf ihr bestes Wissen verzichten, warum jede Mitwirkung des schöpferischen Geistes schon im Keim erstickt wird. „Alle unsere Würde besteht im Gedanken. Richtig zu denken, ist das Prinzip der Moral“, hat Pascal gesagt. Und das heißt, daß mit dem Maß des richtigen Denkens auch das Maß der Sittlichkeit erhöht würde. Sollte die höhere Sittlichkeit, die das bessere Denken verbürgt, nicht gewünscht werden? Stören am Ende die besten Köpfe? Freilich, dem Geschäft tut das Dunkel des Nichtwissens, des halben Wissens, gut.

Aber das Radio ist so wenig nur ein Geschäft, wie es bloß eine technische Angelegenheit ist. Es ist ein Mittel des Geistes oder (für Pessimisten gesagt) es könnte eines sein. Ein solches Mittel des Geistes bloß auf die Berufsinteressen einzuschränken und jede Mitarbeit der geistig Schöpferischen auszuschließen, ist eine Unmöglichkeit. Trotzdem geschah sie, geschieht sie.

Als die Verordnung, die den Ausbau eines der wichtigsten geistigen Hilfsmittel unserer Zeit regeln sollte, in Österreich geschaffen wurde, arbeitete ein Bundesministerium mit, die Parteien wurden gehört, die verschiedensten Kammern – zum Schluß hatten sich alle placiert, nur den Geist hatte man vergessen, den hatte man ausgeschlossen.

Dieses Unrecht, das bei der Schaffung des Radiobeirats passierte, muß wieder gutgemacht werden. Man kann den Geist nicht ausschließen, er ist stärker als eine jede Macht, die ohne ihn auszukommen glaubt. Im heutigen Radiobeirat sitzt kein Schriftsteller, kein Musiker, kein Wissenschaftler. Solche Ausschaltung des Geistes ist, falls man aus ihr ein Prinzip zu machen gesonnen ist, beschämend nicht bloß für den Schriftsteller, sondern für die Kultur unseres Landes.

Darum: Ohne jedes weitere Zögern muß der Radio-Kulturbeirat geschaffen werden. Das deutsche Beispiel muß befolgt werden. (Hätte man ihm schon früher gehorcht, solche unerquickliche Streitigkeiten über ein paar schäbige Honorare wären der Öffentlichkeit erspart geblieben!)

Dieser Radio Kulturbeirat soll keine Versammlung von Würdeträgern sein, sondern eine elastische Rückendeckung gegen das Leben, das sich immer ändert. Darum kann der Radio-Kulturbeirat keine Ernennungen auf Lebensdauer kennen, die Mandatsdauer der einzelnen Mitglieder muß begrenzt sein, sein äußeres Bild muß sich so ändern können, wie es dem Ablauf geistiger Bewegungen entspricht. Keine Erstarrung! Denn sie ist geistfeindlich. Kein Beamtentum! Denn das entfernt vom Leben.

Man sieht aus solchen Andeutungen, wie notwendig dem Rundfunk ein solcher Radio-Kulturbeirat sein müßte. Den Rundfunk nur auf die Arbeit seiner Angestellten beschränken, heißt, ihn zur Erstarrung, zur Lebensfremdheit verurteilen. Das Radio braucht die Mitarbeit des Geistes, wie das Ackerland Sonne und Regen.

In: Radiowelt, 1927, Nr. 49, S.8

N.N. (= Franz Anderle): Radiofreiheit

Über Nacht, wie das bei allem, was mit Radio zusammenhängt, schon zu sein pflegt, hat  unsere politische Einstellung zu ihm eine Wandlung erfahren: Seit ein paar Tagen stehen wir in Österreich im Vorstadium

des Kampfes um die Radiodemokratie,

eines Kampfes, der überall ausgefochten werden muß und der bei uns scharf zu werden verspricht.

Unser Standpunkt in diesem Kampfe ist bald gewählt: wir treten aus allgemeinen und aus besonderen Gründen als Menschen, als Österreicher und als Radiobeflissene

für die Radiodemokratie

ein. Wir wollen unsere besten Kräfte im Kampfe für sie einsetzen, denn wir wissen, daß hier Entscheidendes auf dem Spiel steht.

            Es wäre zu wenig gesagt, wenn man den Kampf für Radiofreiheit einen Teilkampf im großen Kampfe für Preßfreiheit nennen wollte. So verhalten sich die Dinge nicht. Der Kampf für Preßfreiheit, der sein Heldenzeitalter und seine Helden, seine Opfer und seine Verräter gehabt hat, war eine der Formen, in denen sich der Auftrieb, der Selbstbefreiungswille des Bürgertums bestätigt hatte. Er war eine typische Erscheinung des XIX. Jahrhunderts, die diesem ihren Stempel aufgedrückt hatte. Der Kampf um die Radiofreiheit ist echtestes XX. Jahrhundert [gesp. im Orig.], untrennbar von diesem und nur in dessen Rahmen verständlich. Es handelt sich vor allem um ein wesentlich

technisches Problem.

Das war die Preßfreiheit ja auch, ebenso wie auch die Radiofreiheit ihrerseits neben dem technischen Moment auch ein nicht zu übersehendes Machtmoment enthält. Aber das Verhältnis dieser beiden Momente verschiebt sich bei dem Problem der Radiofreiheit entscheidend zugunsten der technischen. Es handelt sich, wie bei allem, was mit Radio nur im entferntesten zusammenhängt, auch hier um ein Problem sui generis, das nach den eigenen Voraussetzungen betrachtet werden will.

Über das Ideal sind wir uns ja klar und hoffentlich sind wir darin mit den meisten unserer Leser einig:

Der ideale Zustand wäre der, daß jeder mit jedem auf dem Radiowege frei und ungehindert verkehren kann.

Ebenso klar müssen wir uns aber darüber sein, daß dieser Zustand heute unerreichbar ist. Heute liegen die Dinge vielmehr so, daß

wenn jeder frei funken könnte, unweigerlich ein Chaos entstehen müsste. 

Das Chaos im Äther ist gewiß nicht das, was wir wünschen. Wir wünschen vielmehr das Chaos zu organisieren, wir wünschen aus dem Chaos einen Kosmos zu machen.

Radio dürfe nicht das Monopol einzelner, auch nicht das Monopol einer Partei werden.

Gewiß: Radio muß allen gehören. Aber wie es einrichten, daß diese Erfindung, deren Wesen das Monopolisiertwerden auszuschließen scheint, wirklich allen ohne Unterschied zugute komme? Es ist schwer, hier einen umfassenden, praktischen, befriedigenden positiven Vorschlag zu erhalten.

            Es ist nun einmal so, daß einer praktischen Radiodemokratie im oben definierten utopischen Sinne von vornherein

natürliche Schranken

gezogen sind. Die hauptsächlichste liegt vielleicht nicht einmal in der Natur der Hertzschen Welle, sondern in der Beschaffenheit der menschlichen Seele hinsichtlich ihrer          Aufnahmefähigkeit  für das gesprochene Wort,

eine Tätigkeit, die nicht unbeschränkt ist. Wenn Mannigfaltigkeit der Preßprodukte, wenn eine Vielzahl der Zeitungen wesentlich für die praktische Wirkung der Preßfreiheit ist, so kann das aus dem Wesen der Radiofreiheit schon deshalb nicht als Forderung abgeleitet werden, weil man beim Hören schneller ermüdet als beim Lesen, weil man gedruckte Zeitungen durcheinander lesen, aber

            gesprochene Zeitungen nicht durcheinander hören kann,

zumindest heute noch nicht. Die Regelung des Radiowesens auf eine immerhin mögliche Anpassung unserer Sinnesorgane einzustellen, hätte aber keinen Sinn.

            Aus diesem Sachverhalte geht für die Radiozeitung eigentlich eine überraschende Forderung hervor:

Sie sollte eine kurze, gedrängte, sich auf die möglichst gewissenhafte Meldung der Tatsachen beschränkende Zeitung sein: so objektiv wie keine der gedruckten Zeitungen ist.

Objektivität und Tatsachenfülle scheint uns der eigentliche Stil der Radiozeitung zu sein.

            Aber wir sehen voraus, daß diese Objektivität, so ehrlich sie auch angestrebt werden sollte, immer angezweifelt werden wird (und auch die Zweifler werden möglicherweise ehrlich sein), namentlich, wenn die Herausgeber jener objektiven Zeitung, der Radiozeitung, im Zusammenhang mit irgendeiner Partei, mit irgendeiner Richtung gebracht werden können. Ob diese Frage überhaupt zu denjenigen gehört, die der Radiogesetzgeber einmal gerecht wird lösen können, lassen wir dahingestellt.

[…]

Wer aber soll ordnend, gebietend, verbietend, strafend eingreifen? Wir glauben doch: der Staat. Die anderen Lösungen dürfen wir für den Augenblick außer Acht lassen. Nun gut also, der Staat. Aber welcher Staat?

In: Radiowelt, H. 3, 23.3.1924, S. 1.

Emil Reich: Die ungedruckte Zeitung

Die Radiotelephonie als Konkurrentin der Presse

            Vor wenigen Tagen waren es fünfundzwanzig Jahre, daß es zum erstenmal gelang, einen Buchstaben von einer Absendestation nach einer bloß wenige Meilen entfernten Empfangsstation ohne körperliche Verbindung zu übermitteln. Der 14. Mai 1897 war der Geburtstag des Funkspruches. Gerade jetzt leistet Shaw sich im dritten Akt seines neuen Dramas „Back to Methuselah“ eine Radiophantasie. Er läßt die Staatsmänner des britischen Weltreiches mit Hilfe eines Apparats konversieren, den man am besten ein Radio-Kino-Telephon nennen könnte. Der Premierminister Burge-Lubin kann sich sogar einen radioplatonischen Flirt mit einer Negerdame gestatten, die in einer Entfernung von zweihundert Meilen das Amt eines Ministers für Volksgesundheit versieht, und genießt das Vergnügen, durch eine unerwartete radio-kino-telephonische Verbindung die Angebetete in ihrem Schlafzimmer zu überraschen, in dem sie sich noch im tiefsten Negligee aufhält. Shaw glaubte, diese Entwicklung der Radiotelegraphie und Radiotelephonie erst für das Jahr 2170 prophezeien zu dürfen. Wir leben aber erst im Jahre 1922 und schon ist Shaws Phantasterei beinahe zur Wirklichkeit geworden. Ein Theatermann in Chicago hat eine Kombination zwischen dem Film und dem Radiotelephon erdacht. Zu einer bestimmten Stunde wird in mehreren Städten der Vereinigten Staaten in verschiedenen Lichtspieltheatern derselbe Film vorgeführt und in irgendeiner Radioabsendestation sprechen die Schauspieler, die bei der Herstellung des Films mitgewirkt haben, die Worte, die ihre Handlungen und Gesten auf der Leinwand begleiten. In zehn oder zwanzig Städten, in einigen hundert Kinos zugleich sehen und hören die Kinobesucher ihre Filmlieblinge.

            Ein knappes Vierteljahrhundert ist seit dem ersten Funkspruch verstrichen und schon muß von einer wahren Radiomanie in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gesprochen werden. Jeder, der es bezahlen kann und von der Elektrizität genug weiß, um sich vor tödlichen Erschütterungen zu bewahren, vermag sich die Erlaubnis zu verschaffen, um eine radiotelephonische Absendestation einzurichten und in den Aether hineinzusprechen. Und jeder, der die Ausgabe von fünfzehn Dollar nicht spart, kann einen Empfangsapparat kaufen und ihn in seinem Schlafzimmer, auf seinem Automobil, in seinem Bureau, ja selbst in seiner Rocktasche montieren und aus der Luft abhören, was ihm zu hören beliebt. Schätzungsweise gibt es derzeit in den Vereinigten Staaten bereits 13.000 private Absendestationen und mindestens 600.000 Leute mit Empfangsapparaten, welche die Luft mit ihren Plaudereien für den Radiotelephondienst „unwegbar“ zu machen drohen. Diese Anarchie zwingt die Regierung zu Maßnahmen, und wenn man dem „Radio Digest“, einem funkelnagelneuen Blatt, das in Chicago erscheint, glauben darf, so wird für einen geordneten Radiotelephondienst in der Weise gesorgt werden, daß die Regierung den Privatverkehr nur bis zu einer bestimmten Wellenlänge zuläßt. Das Blatt „Radio Digest“ ist übrigens nicht das einzige Zeichen der Zeit. Die New-Yorker Abendblätter enthalten seit einiger Zeit eine Radiorubrik, in der technische Winke für Radioanfänger gegeben und den Fünfzehn-Dollar-Zuhörern das tägliche Programm, das der Aether bietet, mitgeteilt wird. Größere Absendestationen, die von Elektrizitätsgesellschaften zu Reklamezwecken betrieben werden, haben nämlich vollständige Programme zusammengestellt, die Orchesteraufführungen, Gesangvorträge, Reden von politischen Rednern und Predigern, Vorlesungen von Schauspielern und selbstverständlich auch Marktberichte und Schiffsnachrichten enthalten. Das Programm der Radiokorperation in New-York sieht zum Beispiel folgendermaßen aus: 11 Uhr vormittags Musik, Wetterbericht; 13 Uhr Musik, Marktbericht; 1 Uhr Musik; 2 Uhr Musik; 2 Uhr 5 Minuten Schiffsnachrichten; 3 Uhr Musik; 4 Uhr Musik; 7 Uhr Andersens Märchen, vorgelesen von Mr. Garton, der um 7 Uhr 25 Minuten einige Minuten zu den Eltern über Jugendbibliotheken und die Auswahl von Kinderbüchern spricht; 7 Uhr 30 Minuten Vorlesung des Kapitäns Frank Winch über indianische Tänze und das Leben in Wildwest; 8 Uhr bis 9 Uhr 30 Minuten Konzert; 9 Uhr 53 Minuten offizielles Zeitsignal und 10 Uhr Wettervoraussage.

            Den Spuren Nordamerikas folgt nun England. Postminister Kellaway hat im Unterhaus mitgeteilt, daß in acht Bezirken des Landes Stationen für drahtlose Telephonie errichtet werden sollen. Godfroy Isaaes, einer der Direktoren der Marconi-Company, erklärte, daß die gewöhnlichen Absendeapparate ungefähr sechs Pfund kosten und eine Tragweite von 25 bis 30 Meilen haben werden. Sie werden verkauft und nicht verpachtet werden. Die Apparate sind sehr einfach konstruiert und können im Eisenbahnzug oder im Automobil mitgenommen werden. Das Interessanteste an der Sache aber ist, daß die Marconi-Gesellschaft ihren Abonennten nicht bloß Darbietungen nach amerikanischem Muster gewähren will, sondern auch politische und lokale Neuigkeiten wie eine Zeitung. Nur Kurse und Marktberichte werden vorerst ausgeschlossen sein, weil nach den Verfügungen der Regierung die Arbeitsstunden des Personals außerhalb der Stunden des Geschäftslebens – von 5 Uhr nachmittags bis 11 Uhr nachts – fallen. Die Radiotelephonie schickt sich also an, den Zeitungen Konkurrenz zu machen. Es ist jedoch kaum anzunehmen, daß dieser Wettbewerb mit dem Sieg des drahtlosen Telephons enden wird. Die meisten Zeitungsleser haben ihr Leibblatt, aber selbst in diesem lesen sie nicht alles, was in ihm gedruckt ist, sondern jeder sucht den seiner Gedanken- und Geschmacksrichtung entsprechenden Inhalt heraus und überschlägt die übrigen Mitteilungen und Nachrichten. Auch sind die Bedürfnisse eines und desselben Lesers nicht an jedem Tage gleich. Heute interessiert ihn eine politische Debatte, weil er dem Gesellschafts- oder Geschäftskreis angehört, den das besprochene Thema betrifft, morgen jedoch hat er für die Politik nichts mehr übrig, aber er will über ein lokales oder Theaterereignis informiert sein, weil es sich um Bekannte oder einen von ihm sehr geschätzten Künstler handelt. Nur selten treten Ereignisse ein, welche die gesamte Bevölkerung ohne Unterschied der Gesellschaftsschichten und des Berufes interessieren. Und schließlich ist es ein besonderes Vergnügen, in einer oder mehreren Zeitugen zu blättern und das Auge über das Gedruckte hingleiten zu lassen.

            Dieser Psychologie des Zeitungslesers wird die Nachrichtenvermittlung durch das drahtlose Telephon nicht gerecht. Wer sich nur durch den Radioapparat über die Vorgänge in der Welt unterrichten lassen will, muß alles anhören, auch das, was ihn nicht interessiert. Er hört aber nicht bloß zu viel, sondern unter Umständen auch zu wenig, weil ja mitunter gerade Mitteilungen über Dinge fehlen, über die etwas zu erfahren er besonders erpicht ist. Er findet diese Neuigkeit vielleicht nicht in dem einen Blatt, sicher aber in einem anderen der vielen Zeitungen einer Großstadt, die er nur durchzublättern braucht. Und wenn er den Apparat zu spät einstellt und den Anfang einer hochinteressanten Nachricht oder den ganzen Bericht über einen wichtigen Vorfall versäumt? Ein Nachschlagen und ein Nachlesen gibt es nicht mehr. In entlegenen Orten, welche die Post nicht jeden Tag erreicht, wird der radiotelephonische Nachrichtendienst, der privaten Abonnenten direkt übermittelt wird, die Zeitung verdrängen können, aber in den Städten dürfte er kaum ein Konkurrent der Presse werden. Dort wird er sich darauf beschränken müssen, musikalische Aufführungen, Vorträge und etwa Wahlreden zu Gehör zu bringen, ohne daß die Zuhörer in den Konzertsaal oder in das Versammlungslokal gebeten werden müssen.

In: Neues Wiener Journal, 29.5.1922, S. 4-5.

Es war vorauszusehen. Das Radio wird den Menschenkindern eine neue Kunstgattung. Denn eine neue Technik, die etwas auf sich hält, kann sich nicht damit begnügen, bescheiden der Verbreitung und Vermittlung alter Künste, so da sind Musik und ihre Rezitation, zu dienen. Sie will ihre eigene Muse ins Parlament auf dem Parnaß entsenden. Das gehört auch zum guten Ton. Wie ein neuer Reicher solange gesellschaftlich nicht ganz arriviert ist, bis in seinem Salon keine Literaten und Künstler verkehren, so wird auch einer neuen Technik nur die Verbindung mit einer eigenen Kunst die notwendige mondäne Eleganz verleihen.

Nun ist das Radio so weit. Es hat sich seine eigene, neue Spezialkunst erschaffen, die bald Mode und mit der Zeit sogar Volksbedürfnis werden kann, wie das Kino. Die Erfindung der Kinematographie brachte die Filmkunst; die Darstellung des Lebens nur fürs Auge. Das Radio bringt die neue, die nur hörbare Kunst: das akustische Drama. Die Darstellung des Lebens, nur für das Ohr. Wie in der Zeitschrift ‚Die Radiowelt’ zu lesen ist, hat eine Sendestation einen großen Preis für so eine ‚Tondichtung’ ausgeschrieben, die irgend eine Handlung, eine Geschichte mittels Tönen und Geräuschen deutlich und spannend darstellen soll. So wie sie ein Blinder erleben würde. Also keine gesprochene Beschreibung, in der etwa gesagt wird: „Sie kamen ans Meer. Da brach ein Sturm los.“ Sondern ein unmittelbares Drama, in dem bei dieser Stelle das Brausen der Wellen und das Pfeifen des Windes zu vernehmen ist.

Denn das Radio ist in der Lage, wie der Film, auch die Natur auf seine Art darzustellen. Die sichtbaren Kulissen der Bühne werden sozusagen ins Akustische übersetzt. Wir hören das Knarren einer Türe, das Rücken eines Stuhles, das Ticken einer Wanduhr und hören die intime Stimmung einer stillen Szene im Zimmer. Dann hören wir den Lärm der Straße einer Großstadt, der die Worte zerreißt. Dann hören wir die Dorfglocke läuten, den Hahn krähen, die Schafe blöken und wir sind auf dem Lande. Dann nähern sich Schritte durch den dumpf widerhallenden Korridor, ein Schlüsselbund klirrt, ein Schrei, ein Schuß und es wird still. 

Ja, es ist möglich. Das Radiodrama wird eine eigene Kunst werden und sich, wie der Film durch Kitsch, triviale Rohheit und Stumpfsinn, einmal zu hohen poetischen Möglichkeiten emporringen. Das Radiodrama muß sich zu einer bedeutenden Kunst entwickeln, weil es – wie der Film – aus technischen Gründen eine billige und allgemeine Volksunterhaltung werden kann. Es wäre schade, wenn die berufenen Anwärter der Kunst auch diesmal zu spät kämen. Denn die Technik geht voran. Die Kunst ist überhaupt nur eine Begleiterscheinung. Der Kinematograph wurde nicht erfunden, um der Asta Nielsen die Möglichkeit zu ihren mimischen Offenbarungen zu schaffen. Die Möglichkeiten werden erst im nachhinein erkannt und verwertet. Vielleicht wurde auch der Pinsel erst zu anderen Zwecken erfunden und dann kam man auf die Malerei. Bei der Kunst ist es eben so, sondern daß man die Suppe erfindet, weil es schon Löffel gibt, mit denen man sie essen kann.

Also nach dem Film, nach der Kunst für Taube, kommt das Radiodrama: Kunst für Blinde. Eigentlich ist das nichts Neues. Die Künste waren ja von jeher Krüppelperspektiven. Die Malerei ist nur für das Auge und die Musik nur für das Ohr. Kunst entsteht überhaupt nur durch das Ausschalten einiger Sinne, und jedes Mal war noch das Gesamkunstwerk ein dilettantisches, unerfreuliches Unternehmen. Die Welt ist irgendwie zu viel für den Menschen und leitet seine Empfindung in die Breite, wo sie verflacht. Man kann nicht in ein Gebäude durch fünf Tore auf einmal und nicht durch fünf Sinne auf einmal eingehen in die Welt. Für die Seele sind die Fünfe nur zur Auswahl da. Denn die Dinge sind zwar zu sehen und zu hören, zu riechen, zu tasten und zu schmecken. Aber – und das ist das Geheimnis – was wir hören und was wir sehen, ist nie dasselbe Ding. Doch dieses Geheimnis soll jetzt nicht gelüftet werden.

In: Radiowelt. Illustrierte Wochenschrift für Jedermann (Wien), Nr. 14, 1924, S. 14 (ED gem. Angabe der RW in der Ztg. Der Tag)