Hugo Bettauer: Die verfluchte Stadt.

             Vorwurf für ein grotesk-phantastisches Drama, das Oskar Panizza hätte schreiben können: Gottvater, erzürnt, weil ihm sein Ebenbild so wenig gelungen ist, beschließt, die entartete Menschheit tüchtig zu bestrafen und wendet sich, wie immer in solchen Fällen, an Satan. Der faßt einen echt satanischen Plan. Die Menschheit soll aus den Ebenen und Bergen haufenweise zusammengetrieben werden und so genötigt sein, zu Zehntausenden und Millionen miteinander zu leben, auf daß sie ihre bösen Eigenschaften und Instinkte gegeneinander ausleben müssen und jede ihrer schlechten Taten zur vollen Geltung kommt. Auf diese Art sind die Städte entstanden, von denen aus sich alles Übel über den Erdball ausbreitet, denn Kriege und Pestilenz, Haß und Gemeinheit, Kapitalismus und Bolschewismus, verderbte Liebe und Wahnsinn, Brudermord und Kubismus – dies und alle anderen schrecklichen Dinge haben ihre Geburtsstätte und ihren Nährboden nur in der Stadt, werden dort zu Beulen, die, wenn sie platzen, ihren giftigen Eiter über die Länder spritzen.

             Heute ist die Welt mit solchen Sammelstätten des Verbrechens und Grauens ordentlich bespickt. Da aber die Menschen klug und zäh sind, haben sie aus ihren Großstadtnöten eine Tugend gemacht, Licht, das von selbst brennt, unter- und überirdische Bahnen, Fernsprecher, Automobil und Kanäle zur Beförderung ihres Unrates erfunden und, vergessend, daß alle diese Erfindungen eigentlich Verzweiflungsausbrüche sind, höhnen sie die noch nicht in die Stadt gepreßten, die das, was sie Komfort nennen, entbehren müssen, ja, dafür keine Verwendung haben. So sind die Millionenstädte zu riesigen Maschinerien geworden, in denen der einzelne von dem Tosen der Treibriemen und dem Surren der Räder so betäubt wird, daß er gar nicht zur Besinnung seiner selbst kommt, ja es sogar als herrlich empfindet, daß man auf das fünfte Stockwerk hinauffahren kann, als wenn es eine große Errungenschaft und kein Jammer wäre, überhaupt fünfte Stockwerke zu haben. Bis von Zeit zu Zeit irgend etwas an dieser Maschine in Unordnung gerät und sich dann die ganze Erbärmlichkeit einer auf Rädern, Treibriemen und Batterien aufgebauten Existenz erweist. Wir haben jetzt eine solche Woche hinter uns, in der es sich deutlich gezeigt hat, wie furchtbar das Leben in der Großstadt an sich ist, wenn der künstliche Mechanismus stillsteht. Nur zwei Tage dauerte der Streik der Eisenbahn, der Post, des Telephons und diese zwei Tage genügten, um zu erfahren, daß man in der Millionenstadt verlassener, einsamer, hilfloser lebt, als auf der höchsten Alm. Am schwersten wurde das Telephon entbehrt. Es hab zwar zum erstenmal in der Geschichte des Wiener Telephons keine falschen Verbindungen, aber auch keine richtigen. Das Leben war einfach wie erdrosselt. Ich weiß ganz sicher, daß, wenn ich meinen Verleger anrufe, ich ihn nicht erreichen werde, weil sich die Zentrale nicht melden wird oder die Beamtin ihren schlechten Tag hat und nicht will oder weil sie mir bis zum Zerspringen ihr monotones „Besetzt bitte, leider“ ins Ohr plärren wird. Aber immerhin – die Möglichkeit der Verbindung besteht, sie kann doch gelingen und wenn ich verzweifelt das Höhrrohr abhänge, tröstet mich das Bewußtsein, daß es vielleicht später gehen oder der Verleger mich anrufen wird. So aber lebte man ins Leere hinein, zitterte bei dem Gedanken, wer weiß was zu versäumen, hatte das Gefühl, stumm geworden zu sein und hilflos wie ein kleines Kind.

             Dann kam dieser überaus sympathische Streik der Straßenbahner und die Großstadt verwandelte sich mit einem Ruck in die Hölle, die sie auch sonst ist, ohne daß man es aber immer merkt. Man stelle sich vor: Eine Stadt mit zwei Millionen Menschen und einer Ausdehnung, wie keine zweite Stadt auf dem europäischen Kontinent, ohne irgend ein ernstlich in Betracht kommendes Verkehrsmittel! Es gibt ja ungefähr dreitausend Automobile in Wien und sie sind ohnedies wie verrückt durch die Straße gejagt, aber schließlich sind es doch nur zehntauend Menschen, die von ihnen Gebrauch machen können, und zwar mehrstenteils solche, die eigentlich im Interesse des Gesamtwohls besser zu Hause bleiben würden. Die anderen aber, die arbeiten müssen, die unter dem ehernen Zwang der Jagd nach blauen und braunen Fetzen stehen, die zwar nichts wert sind, aber doch vor dem Hunger schützen, diese anderen Million Menschen stand fassungslos mitten in einer Wüste von Hitze und Staub erfüllt und mußte auf verfluchten Granitwürfeln, deren Kanten die Sohlen zerschneiden, phantastische Entfernungen zurücklegen. Wie ein Strom wogte es durch die Straßen, in der Früh dem Zentrum zu, abends gegen die Peripherie, und alle diese Männer und Frauen, Mädeln und Burschen schienen mit erloschenen Augen, Falten um den Mund, grünlich-gelbe Wangen und Wut im Herzen zu haben. Und wenn ich die Blicke sah, mit denen die schreitende Schar den vorbeirasenden Automobilen folgte, so erschrak ich vor so viel dumpfen Haß, Neid und Verzweiflung, die, auf Millionen verteilt, ungefährlich, einmal gesammelt und konzentriert, furchtbar sein können.

             Die trostlose Abhängigkeit, in der wir Städter leben, mag wohl jedem in diesen Tagen gedämmert haben. Die Abhängigkeit vom guten und bösen Willen der anderen, von einem gerissenen Treibriemen, dem Bruch eines Wasserrohrs. Zehntausend Menschen wollen mehr Lohn, als man ihnen geben will, und zwei Millionen Menschen müssen mit keuchender Lunge sich die Fußsohlen wund laufen! Eine winzige Bleisicherung brennt durch und eine fröhliche Gesellschaft muß aus dem Dunkel des Hauses auf die Straße flüchten, die Übeltat einer organisierten Mörderbande und sechzig Millionen Deutsche stehen unter der Fuchtel des Ausnahmegesetzes, ein Schutz am Peter- und Paulstag und die ganze Welt stand in Flammen. Und der Streik, der Mord, der Schutz wird immer nur in der Stadt geboren.

             Gott hat die Menschen geschaffen und der Teufel die Städte…

In: Der Morgen, 3.7.1922, S. 5.