Der Ausdruckstanz (AT) entstand als Gegenbewegung zum klassischen Ballett um 1900-1910 u. wurde maßgebl. von dem aus der k.k. Monarchie gebürtigen Rudolf von Laban, der seit 1913 in der Schweiz eine Künstlerkolonie leitete, dem Monte Verità-Kreis, beeinflusst sowie durch Isidora Duncan. Am Monte Verità-Kreis nahmen u.a. die Tanzpädagogin und Tänzerin Mary Wigman (eigentl. Karoline S. Marie Wiegmann) oder Suzanne Perottet teil bzw. wirkten aktiv mit. Parallel dazu entwickelte sich in Wien im Kreis der Schwestern Grete, Elsa und Bertha Wiesenthal sowie rund um Gertrude Bodenwieser, die eigene Tänze bzw. Tanzpantomimen schufen sowie in Theaterstücken der 1920er Jahre mitwirkten, eine österreichische Ausprägung dieser freirhythmischen Tanzform. Bereits 1915 wurde der Anteil Wiens an der mod. Tanzbewegung in der Zs. Sport & Salon (16.1.1915) ausdrücklich hervorgehoben. 1920 würdigte auch der Musikkritiker Julius Korngold das sog. Mimodrama La tarantella de la mort von Julius Bittner aufgrund der tänzerischen Leistung G. Wiesenthals, die „Kunst- und Ausdruckstanz verschmelzend“ (NFP, 8.5.1920,3) dieser Komposition zu einem beachtlichen Erfolg verhalf. Zu den erwähnten Tanzpionierinnen stieß Anfang der 1920er Jahre auch Maria Ley hinzu, die zuvor eine klass. Ballettausbildung genossen hatte, 1919 im Film Prinz und Tänzerin auf sich aufmerksam gemacht hatte u. im Februar 1920 im Großen Konzerthaussaal ihren ersten Tanzerfolg feiern konnte.

Ab 1924 fand der AT auch in die künstlerische Programmarbeit von Volksbildungskonzerten Eingang, z.B. mit eigenen Kursen in Linz. Die AZ propagierte den Ausdruckstanz 1926 gar als eine „Kulturpflicht jedes neuzeitlichen Mannes und Weibes“, in der Zs. Kunst und Volk wurde eine produktive Verbindung des AT mit der Sprechchor-Bewegung angedacht; 1927 waren sowohl Tanzabende mit internat. Besetzung als auch als Begleitung zu Theaterauff., z.B. zu M. Reinhardts Inszenierung des Sommernachttraums, erstmals prominent im Programm der Salzburger Festspiele vertreten, die sich in den Folgejahren etablierten, 1932 auch mit einem begleitenden AT-Programm zur Jedermann-Auff. 1928 verfilmte Robert Wiene das Theaterstück Die Tänzerin von Melchior Lengyel unter dem Titel Die Frau, die man begehrt, allerdings ohne die angestrebte Tanzwirkung realisieren zu können. Auch in Wedekind-Aufführungen (Lulu, Büchse der Pandora), z.B. 1929 in Graz, kam der AT zur Geltung.

Im April 1934 fand schließlich noch ein Internat. Tanzfest in Wien statt, doch der AT war seit Anfang der 1930er Jahre zunehmend von der Bewegung der rhythm. Gymnastik besetzt, litt am Abgang der großen Leitfiguren sowie an einer zunehmenden Kommerzialisierung in Wien, aber auch an der Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus als nationaler ‚Schönheitstanz‘, z.B. anlässl. der Eröffnung der Olymp. Spiele 1936 in Berlin.


Quellen und Dokumente

Tanzabend Maria (Loe) Ley. In: Der Morgen, 1.3.1920, S. 4, Hedda Wagner: Viertes Volksbildungskonzert: Die Entwicklung der klassischen Tanzmusik. In: Tagblatt, 10.1.1925, S. 6, Eugen Guido Lammer: Sport. In: Arbeiter-Zeitung, 11.7.1926, S. 17, Salzburger Festspiele 1927. Die Inszenierung des „Sommernachtstraum“. In: Neues Wiener Journal, 5.8.1927, S. 10, Wolfgang Schumann: Die Sprechchorbewegung. In: Salzburger Wacht, 3.9.1927, S. 6, Fritz Rosenfeld: Filme der Woche [Rez. zu Die Frau, die man begehrt]. In: Arbeiter-Zeitung, 18.3.1928, S. 21, dr. Wbr.: Grazer Theaterbrief. In: Neue Freie Presse, 22.11.1929, S. 14, Salzburg im Generalprobenfieber. Achtundvierzig Stunden vor Festspielbeginn. In: Neues Wiener Journal, 28.7.1932, S. 12, Karl Kobald: Der große Tanzwettbewerb in Wien. In: Neues Wiener Journal, 20.4.1934, S. 7.

Literatur

F. Böhme: Der Tanz der Zukunft (1926); G. Oberzaucher-Schüller (Hg.): Ausdruckstanz. Eine mitteleuropäische Bewegung der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts (1992).

Expressionismus im Tanz. Beitrag bei der-expressionismus.de.

(PHK)