Hebr.: גרטרוד קראוס, geb. am 5.5.1901 in Wien – gest. am 23.11.1973 in Tel Aviv; Choreographin, Tänzerin

Kraus wuchs in Wien in einer aus Böhmen zugewanderten jüdischen Familie auf und wandte sich früh der Musik zu. Sie erhielt die Möglichkeit, an der Akademie für Musik und darstellende Kunst Klavier zu studieren. Als Pianistin begleitete sie Stummfilme und den Tanzunterricht von Ellinor Tordis; durch Tordis hat sie das expressive Potenzial des Tanzens erkannt und schätzen gelernt. Nach ihrem Musikabschluss (1922) absolvierte Kraus zwei Jahre Modernen Tanz bei Gertrud Bodenwieser und arbeitete auch als Tänzerin in deren Tanzensemble, um sich dann aber selbständig zu machen. 1924 begann Gertrud Kraus zu choreographieren und zeigte bereits am 16. März 1924 erste Solokreationen mit einem deutlichen Russland-Bezug (Rachmaninow z.B.), welche sowohl in der Roten Fahne wie im Der Tag durch M. E[rmers] wortident als vielversprechende eingeschätzt wurden und den öffentlich aufmerksamen, auch kontrovers wahrgenommenen Beginn (nicht erst 1925 wie vielfach behauptet) ihrer Tanzkarriere markiert. Mit diesem Programm wirkte sie auch an den 1. Maifeiern der Wiener KPÖ im 2. Bezirk mit, was auch Rückschlüsse auf ihre politische Interessenslage erlaubt, die zunächst dort und in den darauffolgenden Jahren in der Sozialdemokratie ihre Verankerung fand. Im Nov. dess. Jahres trat sie dann mit „eigenen Tanzschöpfungen“ in den ›Künstlerspielen Café Capua‹ auf, im April 1925 schließlich, wieder mit russischen Tänzen, im Moulin Rouge, um im Oktober 1925 wieder ins Capua zurückzukehren. Bereits im März 1925 durfte sie Bodenwieser an der Akademie kurzzeitig vertreten und deren Tanzunterricht leiten. Im Mai 1925 trat sie erstmals außerhalb Wiens, und zwar in Prag, gem. mit G. Delt im Rahmen einer Tanzsoiree auf, angekündigt als eine der „hervorragenden Künstlerinnen“ in ihrem Metier (PTBl. 14.5.1925). Auch im ›Tag‹ wurde Kraus schon im März 1926 als eine der wichtigsten jüngeren Tänzerinnen im Zuge einer mehrstündigen Vorführung im Konzerthaus, die das Publikum „faszinierte“, ausführlich gewürdigt. An allem interessiert, was in Wien künstlerisch wie (gesellschafts)politisch von Belang war, wirkte sie andererseits an Schauplätzen mit, die ihr Verdienstmöglichkeiten offerierten. Beteiligte sie sich z.B. an aktivistischen MA-Abenden in der Schwarzwaldschule (Der Tag, 7.5.1926,8), u.a. auch zu Musik von D. Milhaud u. B. BartAZ tanzend (AZ, 2.6.1926, 9), so gab sie in den Sommern 1926-1928 zudem Kurse für rhythmische Gymnastik in der Villa Auguste am Wörthersee (Der Morgen, 30.8.1926, 4) und trat darüber hinaus auch im Kursalon (Stadtpark) mit einer eigenen Tanzgruppe auf, die 1927 in die Eröffnung eines Tanzstudios in der Mariahilfer Straße einmünden wird. Zuvor wirkte sie zudem sowohl an den sozialdemokrat. Republikfeiern im Nov. 1926 mit als auch, im Dez. 1926, am ›Revolutionären Kabarett‹ der KPÖ sowie an den Chanukka-Feiern des Jüd. Realgymnasiums (Wr. Morgenzeitung, 9.12.1926,4) und einem Konzertabend des jüdischen Arbeitervereins Hechaluz (u.a. an der Seite von Mirjam Hoeflich-Schnabel). Man kann daraus ablesen, dass Kraus schon ab 1926 zionistischen Ideen und dabei zugleich politisch linksorientierten Vereinigungen nahestand. Tanz und Volksbildung, so M. E[rmers] im Tag, gehörten auch zu den aktuellen Interessen der zeitgenössischen Massen, einschließlich der Arbeiterschaft und Getrud Kraus wird von ihm als Pionierin in dieser Richtung im Jänner 1927 vorgestellt. Es überrascht daher nicht, sie ab 1927 wiederholt in Programmen an den Volkshochschulen in Margareten und Ottakring zu finden, aber als Begleitung zu Veranstaltungen der ›Jüdischen Künstlerspiele‹ im Theater Reklame (NFP, 7.6.1928,14), wo sie mit ihrer Gruppe ihren Zyklus Jüdische Tänze zur Aufführung brachte bzw. auf der Rolandbühne (1928, Der Tag, 27.10.1928, 8). In einer weiteren Würdigung durch R. Götz werden ihr u.a. stupende Technik, Musikalität u. bildhafte Phantasie attestiert, die ihre Tänze in den Rang künstlerischer Einmaligkeit heben würden, sichtbar an Kreationen wie z.B. Der seltsame Gast, Knabe aus dem Ghetto, an ihren „Triebtänzen“ wie z.B. Wodka u.a.m.

Aus: Kuckuck, 3.5.1931, S. 14

Sie choreografierte im Stil des expressionistischen, auch grotesk-komischen oder Freien Tanzes und etablierte sich ab 1926-27 als eine der führenden Ausdruckstänzerinnen Wiens, wobei sie wiederholt mit der damals bekannteren E. Tordis verglichen wurde, die zu jener Zeit ebf. auch in Volksbildungseinrichtungen tätig war. Am 1. Mai 1928 tanzte sie ferner zur Aufführung von Unser Glaube von Schalom Asch in den Jüdischen Künstlerspielen (Der Tag, 29.4.1928, 8), womit sie ihre Affinität zur Literatur und zum jüd. Theater deutlich machte. 1929 war sie als Assistentin von R. v. Laban für die Tanzchoreografie des Festzuges des Gewerbes im Rahmen der Wiener Festwochen ebenso verantwortlich wie kurz darauf an der durch Sprechchöre und Massenspiel getragenen, von Felix Kanitz verfassten Revolutionsfeier, einer „großen neuartigen Symphonie“ im Konzerthaus mitwirkend tätig. Im Rahmen der Festwochen gab sie im Juni auch noch einen eigenen Tanzabend in der Urania; im September den Zyklus Biblische Tänze in den Jüdischen Künstlerspielen, der im Jänner 1930 nochmals gegeben wurde. Auch einige Schülerinnen ihrer Tanzgruppe verzeichneten Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre erste Erfolge, z.B. Trude Godwyn mit einem Tanzabend in Würzburg (Der Tag, 8.1.1930, 7). 1930 nahm Kraus auch am internationalen Tanzkongress in München teil, bei dem internat. ProtagonistInnen des modernen Tanzes vertreten waren, darunter Laban und Mary Wigman und führte dabei mit ihrer Tanzgruppe den Zyklus Ghettolieder nach der Musik von Joseph Achron auf. Im Zuge des Gastspiels der Wilnaer Truppe in Wien (Okt. 1930) wurde sie für die Tanzregie eines Schalom Asch-Stückes verpflichtet (aufgeführt wurde jedoch Die verödete Schenke von Peretz Hirschbein; Der Tag, 29.10.1930,8), im November für das Lustspiel Weh dem der lügt! von F. Grillparzer. Im April bzw. Nov. 1930 gab sie zudem Tanzabende in Prag und leitete über Weihnachten Tanzseminare ebendort. Trotz dieser Anerkennungen kehrte Kraus 1931 immer wieder auch dorthin zurück, wo sie sich verankert fühlte: an die Volksbildungshäuser in Margareten und Ottakring, wo sie u.a. an dRevuezialen Revue Wach sein ist alles im Nov. 1931 mit Teilen ihrer Tanzgruppe mitwirkte, ferner an den Maifeiern sowie im jüdischen Kulturleben. Die Verbundenheit mit letzterem führte im Juni 1931 zu einer erfolgreichen Palästina- und Ägypten-Gasttournee. 1932 tanzte sie im Rahmen eines Gastspiels der Berliner jüd. Kleinkunstbühne ›Kaftan‹ in Wien jüdische Volkslieder, ferner die Urauff. einer Tanzsonate von Ernst Kanitz, wirkte im Rahmen der Volksbildungs-Angebote mit und gab dabei im Oktober einen größeren TanF. RosenfeldF. Rosenfeld in der AZ ausführlich würdigte. Im März 1933 kam ihr Tanzdrama Die Stadt wartet (nach Vorlage von M. Gorki, vertont von Marcel Rubin) im Zuge eines von mehreren Tanzabenden, u.a. aucG. Geertmit G. Geert, im Volksbildungshaus zur Uraufführung; am 1. Juni folgte noch der (obligate) Tanzabend im Burggarten; ab Sept. 1933 sind nur mehr zwei weiteren Auftritte, darunter eine Tanzmatinee in der Urania am 25.2.1934 sowie die Mitwirkung im Rahmen des Winterhilfe-Programms des Kabaretts ABC am 19.11.1934 vor ihrer Emigration nach Palästina, wo sie 1935 in Tel Aviv eintraf, belegt. Zwar berichtet das NWJ noch 1936 von einem Gesprächsabend mit Kraus über Das junge Palästina (NWJ, 7.8.1936), doch wird dieser in keiner der anderen jüd. Zeitungen (z.B. Die Stimme) erwähnt. Sie gründete dort die Modern Dance Company der Volksoper in Tel Aviv und wurde zu einer Pionierin der Tanzkunst im neugegründeten Staat Israel, und 1962 erste Leiterin der Tanzabteilung der Jerusalem Academy of Music and Dance.


Weitere Werke/Choreografien

Des Dichters Traum, Musik: Erster Satz aus F. Schuberts (unvollend.) Symphonie in h-Moll (1940); Shulamit (1948).

Quellen und Dokumente

M.E[rmers]: Tanzabend Gertrud Kraus. In: Der Tag, 19.3.1924, S. 6; A. Sandt über Tanzabend G. Kraus. In: Wiener Morgenzeitung, 20.3.1924, S. 6; Mitwirkung G. Kraus an ‚künstlerischer‘ Maifeier der KPÖ. In: Rote Fahne,1.5.1924, S. 3; Programmankündigung, Künstlerspiele Café Capua. In: Die Stunde, 5.11.1924, S. 8; Bodenwieser-Vertretung (mit Foto). In: Der Tag 25.3.1925, S. 3; G. Kraus‘ im Moulin Rouge (mit Foto). In: Neues 8-Uhr Blatt, 13.4.1925, S. 8; M. E.: Zwei Tänzerinnen. In: Der Tag, 9.3.1926, S. 8; pp[isk]: Bericht über MA-Mitwirkung. In: AZ, 2.6.1926, S. 9; G. Müller: Das Tanzheim am Wörthersee. In: Die Bühne, H. 92/1926, S. 35-36; Programmankündigung: Das revolutionäre Kabarett. In: Rote Fahne, 4.12.1926, S. 6; M.E.: Tanzabende inden Volksbildungshäusern. In: Der Tag, 21.1.1927, S. 7; R. Götz: Tanz. (Über Kraus u.a.) In: Der Tag, 17.4. 1927, S. 19-20; M.E.: Zwei Tanzabende (Über Kraus und Tordis). In: Der Tag, 18.1.1928, S. 5; Tanzabend mit ihrer Tanzgruppe in der Urania (mit Foto). In: Das interessante Blatt, 13.6.1929, S. 18; Revolutionsfeier. In: AZ, 13.7.1929, S. 4; Mitwirkung an Veranstaltungen zum Frauentag. In: AZ, 8.4.1930, S, 4; Mitwirkung an S. Asch‘-Stück der Wilnaer Truppe. In: Der Tag, 28.9.1930, S. 19; R.E.: Eine Tänzerin: G. Kraus (Porträt mit Fotos). In: Der Kuckuck, 3.5.1931, S.14; G. Kraus in Palästina. In: Der Tag, 20.6.1931, S. 9; F. R[osenfeld] über: Wach sein ist alles. In: AZ, 3.11.1931, S. 6; Tanzssonate v. E. Kanitz. In: AZ, 7.4.1932, S. 9; F. Rosenfeld: Das tanzende Wien. In: Salzburger Wacht, 6.8.1932, S. 10; Gastspiel Kaftan. In: AZ, 30.3.1932, S. 6; F. Rosenfeld über Tanzabend G. K. im Volksbildungshaus. In: AZ, 23.10.1932, S. 10; F.R. über Tanzdrama Die Stadt wartet. In: AZ, 10.3.1933, S. 10; Ankündigung Urania-Vortrag. In: NWJ, 7.8.1936, S. 10.

Literatur

Giora Manor: Gertrud Kraus. In: Jewish Women‘s Archive, online verfügbar unter: https://jwa.org/encyclopedia/article/kraus-gertrud; Andrea Amort: Die ganze Welt im Wanken. Die künstlerische und politische Wende im Modernen Tanz in Wien. In: A. Amort (Hg.in): Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne. Berlin 2019;  Anita Pollak: Brodelnder Tanz am Rande des Abgrunds (2019); online verfügbar: https://www.wina-magazin.at/brodelnder-tanz-am-rande-des-abgrunds/

(PHK)