Beim Dybuk (auch Dibuk, Dibbuk) handelt es sich im jüdischen Volksglauben um einen Totengeist, der sich zeitweilig des Körpers eines Lebenden bemächtigt und bei diesem Symptome von Besessenheit verursacht. Der Dybuk (hebr.דיבוק,  „Anhaftung“), hervorgegangen aus einem in vorgerücktem Lebensalter verstorbenen Mann, „der zu Lebzeiten schwere Schuld auf sich geladen“ hat, umklammert die Seele des Betroffenen und übernimmt die Kontrolle über dessen Körper, der in der Folge zu Leistungen befähigt ist, die weit über den eigentlichen Fähigkeiten der Person liegen. Zumeist sind es Frauen, von denen ein Dybuk Besitz ergreift; Abhilfe kann lediglich der durch einen Rabbi vorgenommene Exorzismus schaffen. 

Volkstümliche Geschichten über den Dybuk, die sich bereits seit dem 13. Jahrhundert nachweisen lassen, verfolgten oftmals eine erzieherische Absicht:  So wird das Erscheinen eines Dybuk einem Fehlverhalten innerhalb der Gemeinschaft zugeschrieben und der Leser dazu angehalten, Buße zu tun. Den Höhepunkt ihrer Popularität erreichten die Dybuk-Erzählungen in der Neuzeit, in der innerhalb der jüdischen Welt eine intensive Auseinandersetzung mit Themen wie Seelenwanderung, Reinkarnation (gilgul) und „Wiederherstellung der Welt“ (tikkun) stattfand.

1914 verarbeitete Salomon An-Ski den Dybuk-Stoff in seinem Drama Zwischen zwei Welten, womit er „einen Meilenstein des jiddischen und hebräischen Theaters im 20. Jahrhundert“ schuf (EJG, S. 134). An-Ski, 1863 als Shloyme Zaynvl Rapoport in Tschaschniki (heute Weissrussland) geboren und streng nach jüdischer Tradition erzogen, wandte sich Mitte seit der 1880er sozialrevolutionären Ideen zu und begann, Erzählungen in russischer und jiddischer Sprache zu verfassen. Nach Aufenthalten in Paris und der Schweiz kehrte er 1905 nach Russland zurück, wo er drei Jahre später in St. Petersburg die Jüdische historisch-ethnographische Gesellschaft gründete. Gemeinsam mit einer Gruppe von Forschern begab er sich in wiederholt in den Ansiedlungsrayon, um das kulturelle Leben der dort ansässigen jüdischen Bevölkerung zu dokumentieren. Das Resultat war eine umfangreiche Sammlung von Liedern, Märchen, Sagen, Sprüchen, aber auch Alltagsobjekten aus der jüdischen Volkskultur. Die Ergebnisse seiner ethnographischen Studien flossen in sein Bühnenwerk, darunter auch in sein Dybuk-Drama ein, dessen Handlung in einem jüdischen Stetl im Ansiedlungsrayon spielt. Indem An-Ski diesen chassidischen Volksstoff in Form eines modernen Dramas umsetzte, „entwickelte er das Theater, das im traditionellen Judentum keinen Ort hatte, zum Terrain von Aushandlungen jüdischer Zugehörigkeit“ (EJG, 137).

Das erste Künstlertheater, das den Dybuk zur Aufführung brachte, war die Wilnaer Truppe. Die Uraufführung in jiddischer Sprache fand unter der Regie von David Hermann 30 Tage nach An-Skis Tod im November 1920 in Warschau statt und geriet sowohl beim Publikum als auch bei den Kritikern zu einem großen Erfolg. Bereits im ersten Aufführungsjahr verzeichnete das Stück 200.000 Besucher. Im Rahmen eines Gastspiels gastierte die Wilnaer Truppe ab Oktober 1922 auch in Wien, wo die Inszenierung im Roland-Theater als „ein Hinabtauchen in die Welt der Getto-Legende und des Aberglaubens“ aufgenommen wurde und besonders „die chassidisch-jüdisch Seele […] mit ihrer mystischen Gläubigkeit und ihren Ekstasen wie aus dem Mittelalter“ Eindruck hinterließ (NWJ, 17.10.1922, 8).

Großer Erfolg war auch der leidenschaftlichen, hebräischsprachigen Dybuk-Inszenierung des jungen Moskauer Theaterensembles Habima beschieden, die im Rahmen ihrer mehrjährigen Tournee durch Europa, die USA und Palästina durch einen „wirklichkeitsnahe[n], reizvolle[n] Expressionismus“ (NFP, 30.5.1926, 19) bestach und in der internationalen Theaterwelt auf enorme Resonanz stieß. Als „eines der größten künstlerischen Ereignisse der modernen Bühne“ (NFP, 5.4.1924, 3) gefeiert, beeindruckte die Habima vor allem mit ihrem hohen künstlerischen Niveau und zog bei ihrem gefeierten Gastspiel im Wiener Carl-Theater u.a. Max Reinhardt und Arthur Schnitzler in ihren Bann.

1937 verfilmte der polnische Regisseur Michal Waszyński den Dybuk-Stoff mit jiddischen Dialogen.


Literatur

Michael Brenner, Jüdische Kultur in der Weimarer Republik, München 2000; G. Scholem, Dibbuk (Dybbuk).In: Encyclopaedia Judaica.Bd. 5, Detroit/New York u. a. 2007, 643–644; Shelly Zer-Zion, Dibbuk. In: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 2: Co-Ha, Stuttgart, Weimar 2012, 134-138; Dies., Habima. Eine hebräische Bühne in der Weimarer Republik, Paderborn 2016;  Shahar Arzy, Moshe Idel, Der Dibbuk im Gehirn. Kabbala und Neurowissenschaft, Berlin 2016; Eintrag in der Jewish Virtual Library [Online verfügbar]; Eintrag bei britannica.com [Online verfügbar];

Quellen und Dokumente

Salomon An-Ski, Der Dybuk. Dramatische Legende in vier Akten, Berlin 1921. S. Meifels, Was ist ein Dybuk? In: Neues Wiener Journal, 24.1.1923, S. 6; Otto Abeles, Die „Habima“ in Wien. Ihr Dybuk im Carl-Theater. In: Wiener Morgenzeitung, 30. Mai 1926, S. 3; Der Film „Dybuk“. In: Die Stimme, 4.3.1938, S. 5; Der Dybuk. Deutsche Uraufführung auf der Roland-Bühne. In: Die Stunde, 3.3.1925, S. 8; Der deutsche Dybuk. In: AZ, 4.3.1925, S. 9; Deutsche Urraufführung der Legende „Der Dybuk“ von An-Ski. In: WZ, 2.3.1925, S. 5; Das Moskauer hebräische Künstlertheater Habima in Wien. In: Die Bühne, Hft. 173, S. 28; Paul Wertheimer, Der Dybuk. In: NFP, 3.3.1925, S. 9f; Paul Goldmann, Berliner Theater: Der Dybuk von S. Anski. In: NFP, 20.12.1921, S. 1-3; B. Tschemerinski, Bei den Proben des „Dybuk“. In: AZ, 1.6.1926, S. 5Der Dybbuk. Polnischer Film in jiddischer Sprache (1937); Die Habima in Wien. In: Die Stimme, 11.2.1938, S. 5; Die Habima in Wien. Ihr „Dybuk“ im Carl-Theater. In: Wiener Morgenzeitung, 30.5.1926, S. 3; Rosa Nossig, Der Dybuk deutsch auf der Roland-Bühne. In: Die Bühne, Hft. 18, S. 30f; Gastspiel der Wilnaer Truppe. In: Neues Wiener Journal, 17.10.1922, S. 8; Felix Salten, Gaststpiel „Habima“. In: NFP, 3.6.1926, S. 10;

Film „Der Dybuk“ mit deutschen Untertiteln (1937);

(MK)