Pseud.: P.W., geb. 4.2. 1874 in Wien, gest. 19.3.1937 in Wien. Schriftsteller, Feuilletonist, Literaturkritiker, Rechtsanwalt.

Der aus einer jüd. Kaufmannsfamilie gebürtige P.W. besuchte mit H. v. Hofmannsthal gemeins. das Wiener Akademische Gymnasium und studierte nach abgelegter Matura Rechtswissenschaft an den Universitäten Wien und Zürich, das er 1898 mit der Promotion abschloss. Schriftstellerisch gesehen begann er als Lyriker 1894 mit ersten Gedichten in der Zs. An der Schönen Blauen Donau sowie mit gemeins. Lesungen mit J.J. David, H.v. Hofmannsthal, Rudolf Lothar u. Bertha v. Suttner im März 1895 (NFP, 15.3.1895,7). 1896 erschien im Verlag Meyer in Leipzig sein erster Band Gedichte, der freundlich aufgenommen wurde. Im selben Jahr setzt auch seine feuilletonist. Arbeit für die NFP und das NWJ ein; auch in der Zs. Die Zeit (hg. von H. Bahr) erschien ein Essay über F. v. Saar als Lyriker (Nr.43/1896), in Ver sacrum 1899 einer über C.F. Meyer. Das Prager Tbl. brachte seit 1899 wiederholt Gedichte und führt ihn auch unter den Mitwirkenden einer Goethe-Festschrift der deutschen Prager Studenten an. Am 16.3.1900 kommt das Gedicht Empfängnis in der Vertonung durch A. v. Zemlinsky im Großen Musikvereinssaal zur Aufführung. 1901 stellte er sein erstes Theaterstück, den Einakter Edith fertig, in den Folgejahren widmete er sich v.a. der Lyrik und dem Aphorismus, u.a. in den Zss. Die Wage und ab 1906 in der Zs. Die Muskete. 1907 folgte sein in Indien angesiedeltes Drama Die Frau des Raja; 1908 die Komödie Wenn zwei dasselbe tun, die auch im Theater in der Josefstadt aufgeführt wurde.

Ab 1910 war W. auch in der Ztg. Der Morgen mit feuilletonist. Texten vertreten und auf die Residenzbühne kam sein Prolog als Vorspiel zu Dymows Schauspiel Treue im Okt.-Nov. zur Aufführung. 1911 erschien seine literaturkrit. Aufsatzsammlung Kritische Miniaturen; 1913 war auf der Residenzbühne sein Einakter Schwert und Spindel zu sehen. Für O. Straus‘ Singspiel Die himmelblaue Zeit (1914) verfasste er das Libretto. Während des Ersten Weltkrieges hielt sich Wertheimer vorwiegend in Wien auf, nahm an Benefizveranstaltungen oder Lesungen teil, ist aber auch gelegentlich als Korrespondent für die Frankfurter Ztg. tätig, für die er, in österr. Ztg. nachgedruckt, u.a. den militär. Durchbruch bei Stryi im Juni 1915 schilderte. 1919 wurde Wertheimer, gemeinsam mit Julius Bittner, Rudolf Holzer u. R. v. Schaukal der Bauernfeldpreis für das jeweilige Gesamtwerk zuerkannt; ab demselben Jahr erschienen auch regelm. Beiträge von ihm in der Zs. Moderne Welt. Im März 1920 kam seine nicht unumstrittene aber das Publikum anziehende Goethe-Komödie Die Frau Rat zur Aufführung, die im Okt. auch in Linz gegeben wurde sowie im Mai 1921 am Salzbg. Stadttheater und im Feber. 1925 am Grazer Schauspielhaus sowie im Lauf der 1920er mehrmals an weiteren Wiener Bühnen. 1921-22 widmete sich W. auch wieder verstärkt der Literaturkritik in der NFP, u.a. Texten von Felix Braun, Selma Lagerlöf oder dem Roman Gespenster im Sumpf von K.H. Strobl. Auch 1923 kann mit den beiden Lustspielen Das blaue Wunder (UA im März 1923, auch als Radiospiel in der Regie H. Nüchtern 24.8.1928) sowie Menschen von heute (ED in 20 Fortsetzungen in der NFP Sept.-Okt., UA im Feb. 1924 im Dt. Volkstheater) als ertragreiches Jahr angesehen werden. Als Kritiker hob er v.a. E. Lothar u. dessen Roman Bekenntnis eines Herzsklaven (NFP, 11.11.1923,32f.) hervor sowie 1925 Max Brod, dessen Schauspiel Prozeß Bunterbart (Renaissancetheater) W. als gelungene Verbindung aus Kriminalstück und psychologischer Studie würdigte (NFP, 21.1.1925, 9-10). Tief beeindruckt zeigte sich W. auch von der Auff. von Paul Raynals Das Grabmal des Unbekannten Soldaten in der Renaissancebühne im Aug. 1926.

Ab 1925 betätigte sich W. gelegentlich auch als Filmkritiker für die NFP (z.B. Don Carlos-Verfilmungen betr., zum Schinderhannes-Film, 15.6.1928,13 oder zum Danton-Film, 17.2.1931, 31 sowie zum Tannenberg-Film, 3.9.1932, 8). Unter den zahlr. Bespr. 1926-27 in der NFP sind weiters von Beachtung jene zu Schnitzlers Gang zum Weiher (21.3.1926), die J.J. David-Würdigung (21.11.1926, 34-35), R. Dehmels Bekenntnisse (24.10.1926, 31-32) oder das Rilke-Porträt (4.1.1927,9-10) sowie die Bespr. der Galsworthy-Auff. Flucht/Escape im Dt. Volkstheater (15.2.1927, 10-11) und wohl auch die UA von Hofmannsthals Der weiße Fächer im Akademietheater (8.5.1927, 14). Seit Februar 1926 trat W. darüber hinaus regelmäßig als Verf. von Kurzbeitr. für Radio Wien in Erscheinung, meist im Zsgh. mit Lyrik-Themen oder Lyrik-Lesungen. Dagegen fand die Sammlung erotischer Ged. unter dem Titel Triumphzug des Eros (1926) kein nennenswertes Echo in der zeitgenöss. Kritik. Als eines der „stärksten jüngeren […] Talente Rußlands“ begrüßte W. 1928 die von O. Halpern übertragene dt. Ausgabe des Romans Zement von F. Gladkow, die anzeigt, dass Wertheimer auch Texten, die sich der Russ. Revolution u. deren Folgen stellten, gerecht zu werden verstand. Auch die medial innovativen Elemente (z.B. Filmmontagen) des US-Schauspiels Ist Robert Parker schuldig? von E. Rice (dt. von A. Friedmann) stießen im Zuge der Auff. im Carltheater auf W.s. Interesse (NFP, 2.12.1928,20); ebenso die Komödie Grand Hotel Nevada von F. Langer (NFP, 10.4.1929, 8-9). 1930 kam sein Schauspiel Stadtpark zur Aufführung, das vom Kritiker der NFP freundlich aufgenommen, von O.M. Fontana im Tag hingegen als „Irreführung der Schauspieler und des Publikums“ vernichtet wurde. Neben Aufführungsbesprechungen, z.B. zu Hofmannsthals Frau ohne Schatten oder Lernet-Holenias „amoralische“ Komödie Lauter Achter und Neuner (24.12.1931,8) und Felix Brauns Tantalos-Drama (1.5.1932,15) widmete sich W. 1931-32 auch englischen u. französischen Werken wie z.B. A. Maurois‘ Roman Berhard Quesnay (1.2.1931,30)  sowie Goethe- und Nietzsche-Ausgaben und Würdigungen (z.B. G. Hauptmanns, 1.7.1932,10 bzw. 12.10.1932,8) in seinen Kritiken für die NFP bzw. in seinen Beiträgen für Radio Wien (z.B. über M. Brod im Jänner 1932). Ab 1933 verfasst W. deutlich weniger Kritiken für die NFP, z.B. 1934 eine zu K. Hamsuns Segen der Erde (9.8.1934), zu R. Michels Roman Burg der Frauen (9.9.1934) sowie eine M. Brod-Würdigung (7.6.1934) oder zu G. Hermanns im Exil ersch. späten Roman Rosenmil (29.9.1935, 29). In der Bühne (H.411, 2-5) erscheint 1935 schließlich noch eine ausgreifende Tolstoi-Würdigung.


Weitere Werke (Auswahl)

Neue Gedichte (1904); Im Lande der Torheit (Ged. 1910); Die Musterkinder (Schwank, 1911); Der Brand der Leidenschaften (Novellen, 1914), Der Sensationsprozeß (Komödie 1916, UA 1918); Das war mein Wien (1920); Alt-Wiener Theater (Hg., 1921); Plakate (1929); Respektlose Geschichten (Novellen 1930), Erinnerungen an Hofmannsthal (1930), Welt- und Weiberspiegel (1931)

Quellen und Dokumente

Die Kunst zu leben. In: Der Morgen, 20.2.1911, S. 1-3, Der Durchbruch bei Stryi. In: Grazer Volksblatt, 25.6.1915, S. 1, Die Frau Rat. In: Der neue Tag, 1.4.1920, S. 5, K.H.Strobl: Gespenster im Sumpf. In: NFP, 17.4.1921, S. 32-33, E. Lothar: Menschen von heute. In: NFP, 12.2.1924, S.1-3, Don Carlos im Film. In: NFP, 6.1.1925, S.14, A. Schnitzlers neues Drama: Der Gang zum Weiher. In: NFP, 21.3.1926, S. 27-28, Der Triumphzug des Eros. (Ankündigung) In: Moderne Welt. H.22, 1926, S. 29, Zement. Roman von F. Gladkow. In: NFP, 10.6.1928, S. 28, [Holze]r: Zur Uraufführung von P. Wertheimers „Der Stadtpark“. In: NFP, 25.2.1930, S. 14, o.m.f(ontana): Stadtpark. In: Der Tag, 25.2.1930, S. 7, Erinnerungen an Hofmannsthal. (Rez. R. Holzer) In: NFP, 24.12.1930, S. 7-8.

Literatur

J. Sonnleitner: Wertheimer, Paul. In: Killy Literaturlexikon. 2. Aufl. Bd. 12. Berlin-Boston 2011, 355.

(PHK)