Geb. 5.1.1893 in Uście-Zielone (Ostgalizien, k.k. Österreich-Ungarn, heute: Ustja-Selene, Ukr.), gest. 10.4. 1948 (vermutl. in New York). Feuilletonist, Schriftsteller, Exilant

Bereits im sechsten Lebensjahr übersiedelte Fingermann 1898 mit seiner Familie jüdischer Herkunft nach Wien, wo er seine Schulausbildung bis zur Matura absolvierte. Zwischen 1911 und 1913 reiste er vorwiegend quer durch Europa (Berlin, Antwerpen, London, Paris) u. veröffentlichte ab 1912 Reisefeuilletons in der Allgem. Zeitung des Judentums. Während des Ersten Weltkrieges diente er als k.k. österr. Soldat vorwiegend am östlichen Kriegsschauplatz und war längere Zeit in Lublin stationiert. Nach Kriegsende kehrte er wieder nach Wien zurück und wurde dort ab 1918 journalistisch und schriftstellerisch tätig, insbes. in der Wiener Morgenzeitung (WMZ).

1919 erscheint im Wiener Löwit-Verlag seine erste Buchpublikation, der aus zwei Texten bestehende Novellenband Die Flucht aus Jerusalem (Titelnovelle bereits 1918 in der AZdJ in zwei Teilen erschienen). Für Willy Cohn „[legen] die beiden Novellen [ ] Zeugnis von großer dichterischer Gestaltungskraft“ (AZdJ, H.49/1919, 564); 1920 folgt sein erster Israel Zangwill zugeeigneter Roman Menschen im Abgrund (wieder im Löwit-Verlag), der die von Armut, aber auch von Korruption u. moralisch fragwürdigen Haltungen geprägten innerjüdischen und jüdisch-polnisch-österreichischen Beziehungen in der von den österr. Truppen besetzten poln. Stadt Lublin gegen Ende des Ersten Weltkriegs thematisiert. I. Zangwill besprach diesen Roman in der Wr. Morgenzeitung u. attestierte dem Verf. die „fast unfaßbare Tragödie menschlicher Degeneration“ in Russisch-Polen mit Charakteren „welche in der Ghettoliteratur neu sind“ ebenso erfasst wie am Ende mit großer Wärme berührende Szenen, z.B. die Liebesgeschichte zwischen einem armen jüd. Fabrikmädchen u. einem Handwerker sowie die zwischen einem armen Pächter u. einem jüd. Offizier gezeichnet zu haben. Auch das Salzburger Volksblatt würdigte die, „lebensvolle, spannend geschriebene Schilderung des Elends“, – eine kurze Besprechung, in der u.a. Fingermanns Engagement für seine „Glaubensgenossen“ geschätzt wurde, auch seine Fähigkeit, „nicht fremd für deren Fehler zu sein“ (22.8.1920, 5), ähnlich wie das Neue Wr. Tagblatt (21.6.1921,24). Mit der Erzählung Chaswin war Fingermann auch im Jüdischen Nationalkalender auf das Jahr 5682 (1921-22) vertreten; ferner veröffentl. er in der WMZ 1922 eine Essay über die Tragödie des armenischen Volkes. Ab 12.1.bis 6.3. 1928 erschien in der BoulevardZtg. Die Stunde sein Fs.Roman Der goldene Käfig in 43 Folgen (der dann 1934 nochmals in einer Buchausgabe neu aufgelegt wurde).

In den folgenden Jahren schlägt sich Fingermann mit Feuilletons für dieselbe Zeitung u. Almanache durch, wobei er sich ab 1930-31 auch dem Thema der Wirtschaftskrise zuwendet, z.B. in Geld liegt auf der Straße. In H. 11/1932 des Magazins Mocca veröffentlicht er ein längeres New York-Feuilleton unter dem Titel New York – Paradies der Magier, das im Feb. 1938 auch nochmals in der Zs. Die Muskete abgedruckt wurde. 1934-35 veröffentlichte er schließlich Feuilletons und kurze Erzählungen nicht nur in der Stunde sondern auch in der Ztg. Der Tag.

1938 flüchtete er zwar noch rechtzeitig aus Österreich und zwar nach Großbritannien und von dort, ungewissen Datums, in die USA.


Literatur

Renate Heuer: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. München 1999, Bd. 7, S. 97-99.

Quellen und Dokumente

I. Zangwill: Das polnische Judentum am Abgrund. In: Wr. Morgenzeitung, 22.8.1920, S. 3-4; St. g[rossmann] über J. Fingermanns Menschen im Abgrund. In: NFP, 22.20.1920, S.9; Annonce zu Menschen im Abgrund. In: Wr. Morgenzeitung, 3.7.1921, S. 9; J. Fingermann: Die Tragödie des armenischen Volkes. In: Wr Morgenzeitung, 15.1.1922, S. 2; Ankündigung des Fortsetzungsromans Der goldene Käfig. In: Die Stunde, 10.1.1928, S. 7; J. F.: Der goldene Käfig, 1. Folge. In: Die Stunde, 12.1.1928, S. 7; J. Fingermann: Geld auf der Straße. In: Die Stunde, 12.12.1931, S. 5; J. Fingermann: Der Schneider als Frühlingsbote. In: Die Stunde, 1.4.1932, S. 5; J. Fingermann: New York – Paradies der Magier. In: Mocca, H. 11/1932, S. 67-69; J. Fingermann: Sergej der Dieb. In: Die Stunde, 2.12.1932, S. 7; J. Fingermann: New York. In: Die Muskete, 3.2.1938, S. 16-17.

(PHK)