geb. am 19.1.1892 in Varaždin (damals österr.-ungar., heute: Kroatien) – gest. 14.3.1942 in Marseille; österreichische Journalistin und Schriftstellerin

Aufgewachsen in einer zweisprachigen jüd. Familie in Budapest, besuchte L. ebendort zw. 1902-10 die „Ungarische Königliche Höhere Mädchenschule“. Nach dem Studium der Kunstgeschichte in Wien und Berlin und Praktika in Galerie und Kunstverlag Paul Cassirer in Berlin, in dem u.a. die Zss. PAN-PRESS (1909-21), Jung Ungarn (1911) u. Die Weißen Blätter (1919/20) als Foren progressiver, linksliberaler AutorInnen erschienen (Schwarz, 2), war L. seit 1913 Mitarbeiterin bei der ungar. Boulevardzeitung Az Est („Der Abend“) in Budapest, während des Ersten Weltkriegs dann als Korrespondentin für div. Budapester Zeitungen in Stockholm (1917) tätig. Gleich ihren Brüdern Johann (János Lékai/John Lassen; Mitbegründer d. Kommunistischen Jugend-Internationale) und Max(imilian) (1927-31 Mitarbeiter der „Liga gegen Imperialismus und Krieg“ (Berlin), ab 1932 bei der Komintern in Moskau), war L. für den sozialistisch-pazifistisch ausgerichteten, von revolutionären Studenten u. jungen Literaten dominierten „Galilei-Zirkel“ (1909-19) aktiv und solidarisierte sich mit ihren Brüdern, die 1919 der Kommunistischen Partei Ungarns beitraten. Nach dem Fall der ungar. Räterepublik unter Béla Kun emigrierte L. via Wien nach Berlin, wo sie für den Verlag der kommunistischen Jugendinternationale u.a. als Übersetzerin tätig war (1920-23). 1920 reiste sie als Beobachterin für Ungarn von Wien aus zum 2. Kongress der Kommunistischen Jugend-Internationale in Moskau, 1925-28 beauftragt vom Ullstein Verlag als Reporterin in die USA, wo Leitner rd. 80 verschiedene Stellen annahm und somit authentisch (und sozialkritisch) über die US-amerikan. Arbeitsbedingungen berichten konnte. In den USA war sie zudem für die von John Lassen zw. 1922-25 redigierte kommunistische Tagesztg. Új Elöre tätig, in der 1923 bereits der von Leitner ins Ungarische übersetzte Roman Die eiserne Ferse v. Jack London in Fortsetzungen erschienen war. Zw. 1928-32 veröffentlichte sie in der Ullstein-Tageszeitung Tempo regelmäßig Beiträge über das Berlin z.Zt. der Wirtschaftskrise; 1931/32 begab sie sich zudem, alarmiert von den polit. Entwicklungen, auf „Entdeckungsfahrt durch Deutschland“. L. war Mitglied beim Schutzverband Deutscher Schriftsteller (SDS), trat 1930 dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS) bei und engagierte sich für die Internationale Arbeiter-Hilfe (IAH), insb. auch für Frauenrechte und somit u.a. gegen den Abtreibungsparagraphen §218 des Bürgerl. Gesetzbuches (vgl. Schwarz, 2). 1930 erschien L.s erster sozialkrit. Roman Hotel Amerika, 1932 die Reportagensammlg. Eine Frau reist durch die Welt. 1932/33, die in Auszügen 1933 auch in der Roten Fahne (Im Petroleumland), im Kleinen Blatt u. sogar in der Zs. Die Bühne zum Abdr. kam. Ebf. 1932 brachte sie unter dem Serientitel „Frauen im Sturm der Zeit“ Deutschland-spezifische Reportagen über faschistische Symptome in der Ztg. Welt am Abend zur Veröffentlichung, und in der Arbeiter Illustrierten Zeitung erschien der antikolonialist. Fortsetzungsroman Wehr dich, Akato. Nach der ns. Machtergreifung rangierten L.s Werke auf der „Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ der Reichsschrifttumskammer. 1934 Exilierung (via Prag, Wien, das Saarland nach Paris). Aktive Beteiligung im sog. Saarkampf 1934/35 (d.i. Volksentscheid über Zugehörigkeit des Saarlandes zu D oder F). Mitarbeiterin in der Redaktion von Westland bzw. Grenzland. L.s Beiträge der Jahre 1936-39 für die Moskauer Exilzss. Das Wort, die Pariser Tageszeitung und Die Neue Weltbühne (Prag) beweisen, dass sie wiederholt illegal Deutschland bereist hat und somit u.a. über geheim gehaltene Kriegsvorbereitungen berichten konnte. Ihr 1937 in der Pariser Tageszeitung in Fortsetzungen erschienener Roman Elisabeth, ein Hitlermädchen ist als „einer der ersten Versuche überhaupt, die Situation der Jugend in Nazi-Deutschland in einer Geschichte vom Alltag junger Menschen zu zeigen“ und somit als Gegenkonzeption zu dem NS-propagandistischen Roman Ulla, ein Hitlermädel v. Helga Knöpke-Joest einzuschätzen (vgl. Schwarz, 3). 1938 war L. kurzzeitig, vermutlich vermittelt von Anna Seghers, als Sekretärin v. Theodore Dreiser tätig, als der US-amerikanische Romancier auf Einladung der Association Internationale des Ecrivains pour la Défense de la Culture am Dritten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur – aus Anlass des Spanienkriegs – in Paris weilte (Schwarz,  5). Im Mai/Juni 1940 war L. gem. mit weiteren dt. Exilanten in dem Lager Camp de Gurs in den Pyrenäen interniert; Flucht via Toulouse nach Marseille. Ihre seit 1939/40 nachweisbaren Bemühungen um ein Visum für die USA (mit Unterstützung v. Hilfsorganisationen wie der American Guild for Cultural Freedom) blieben in letzter Konsequenz vergebens: L. verstarb 1942 aufgrund psych. u. phys. Erschöpfung.


Werke (Auswahl)

Hotel Amerika (Roman, 1930) – Eine Frau reist durch die Welt (Reportagen, 1932) – Elisabeth, ein Hitlermädchen (erstveröff. Pariser Tageszeitung, 1936)

Quellen und Dokumente

Als Kellnerin in Amerika. Die Ausbeutung im Dollarland [Vorabdruck]. In: Die Rote Fahne, 24.10.1925, S. 5, Als Scheuerfrau im größten Hotel der Welt. In: Die Bühne (1933), H. 346, S. 37, Petroleumland [Beginn des Fortsetzungsromans]. In: Die Rote Fahne, 8.1.1933, S. 10.

Marianne Pollak: Frauenschicksale [Rez. zu Hotel Amerika]. In: Das Kleine Blatt, 11.2.1931, S. 14.

Literatur

Julia Killet/Helga W. Schwarz (Hgg.): Maria Leitner oder: Im Sturm der Zeit. Berlin: Dietz 2013. – Helga W. Schwarz: Maria Leitner (1892-1942) – (k)eine Verschollene des Exils. Erinnerungen, Ergänzungen und Entdeckungen zu ihrer Biografie. 7 S. als PDF, online unter: http://www.exilforschung.de/_dateien/bibliographie/Maria%20Leitner.pdf – Maria Leitner: Besuch bei Heinrich Heine. In: Oliver Lubrich: Reisen ins Reich. 1933 bis 1945. Ausländische Autoren berichten aus Deutschland. München: btb 2009, S. 181-184 (s.u.) – Im Projekt Gutenberg-DE vorhanden: Eine Frau reist durch die Welt (Reportagen).

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