geb. als Marianne Springer am 29.7.1891 in Wien – gest. am 30.8.1963 in Wien; Journalistin, Politikerin

Nach Absolvierung der Bürger- und Handelsschule trat die aus kleinbürgerl. jüd. Verhältnissen stammende Tochter eines Handelsvertreters eine Ausbildung zur Sprachlehrerin (Englisch, Französisch) an, und war nach dem Abschluss  als Privatlehrerin tätig. Seit 1910 war Marianne Springer mit Oscar Pollak,  Sohn einer wohlhabenden jüd. Kaufmannsfamilie, bekannt, der nach dem Jus-Studium eine journalistische Karriere (als Redaktionssekretär bei der Zs. Der Kampf bzw. Sportredakteur bei der Arbeiter-Zeitung) einschlug. Durch ihn wurde sie mit sozialistischen Ideen vertraut, und noch in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg datiert der Beginn ihres polit. Engagements für die österr. Sozialdemokratie: M.P. war danach für die Kinderfreunde-Bewegung (als Mitbegründerin der Ortsgruppe Mariahilf bzw. im Reichsvorstand der „Kinderfreunde“) aktiv, da, so ihre Überzeugung, „die Vorbereitung zum Sozialismus beim Kinde beginnen (muß): nur das was das Kind erlebt, wird Weltanschauung“ [1921, zit. Schneider/Wolfsberger, S. 157].

Am 6.11.1915 wurden M. und Oscar Pollak nach jüd. Ritus getraut, 1918 traten sie gemeinsam aus der jüd. Gemeinde aus. Nach dem Ersten Weltkrieg unterrichtete P. an der 1919 installierten Schönbrunner Erzieherschule der Kinderfreunde; zum Kollegium zählten u.a. Alfred u. Max Adler, Josef L. Stern, Anton Tesarek, Karl Kautsky u. Wilhelm Jerusalem. Seit 1921 fungierte P. zudem als Sekretärin für Friedrich Adler in der „Internationalen Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Parteien“, einem Vorläufer der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI). 1923 wurde sie gemeinsam mit ihrem Gatten in das Londoner SAI-Sekretariat berufen, wo F. Adler den Aufbau der Sozialist. Arbeiter-Internationale betrieb. 1926 kehrten die Pollaks nach Verlegung des SAI-Büros nach Zürich nach Wien zurück, wo P. journalistisch tätig werden konnte: Nach frühen Beiträgen für die Zs. Kinderland. Mitteilungen des Arbeitervereins „Kinderfreunde“ für Niederösterreich (1915/16) brachte sie Reportagen über die polit., soz. u. wirtschaftl. Realität in England in der Arbeiter-Zeitung, als deren Chefredakteur Oscar P. fungierte, sowie den Zss. Arbeit und Wirtschaft, Der Sozialdemokrat, Die Unzufriedene u. Die Frau zur Veröffentlichung. 1927 wurde P. bei der neugegründeten soz.dem. Tageszeitung Das Kleine Blatt als Redakteurin angestellt: P. zeichnete v.a. für die „Frauenseiten“ verantwortlich, wie ihre journalist. Arbeiten überhaupt „Frauenthemen“ – Haushalt, Mode, Kindererziehung, Frauenarbeit, Soziales, Literatur, Kino, Theater – gewidmet waren. Mit ihren zahllosen Beiträgen zu diesen Themenfeldern gilt P. als eine der „wesentlichen ‚Meinungsführerinnen‘ innerhalb der ArbeiterInnenbewegung“ (Schneider/Wolfsberger,154); wichtig waren auch ihre Bemühungen, sozialist. (Kern-)Thesen populärwiss. verständlich zu machen, etwa in der 1933 ersch. Abhandlung Eine Frau studiert den Sozialismus.

Seit 1928 war P. Mitglied im einflussreichen Wiener Frauenkomitee, seit 1933 Mitglied im Vorstand der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. Z.Zt. des austrofaschist. Regimes war das der soz.dem. Parteielite zugehörige Ehepaar Pollak bes. exponiert: Bereits im März 1934 sahen die beiden sich zur Flucht nach Zürich gezwungen, kehrten aber im Sept. 1934 wieder nach Wien zurück, um im Untergrund am Aufbau der Revolutionären Sozialisten (RS) mitzuarbeiten; gem. mit Käthe u. Otto Leichter, Schiller Marmorek u. Jacques Hannak stellten M. u. O. Pollak das „Schattenkomitee“ der RS. Die neuerliche Flucht führte die Pollaks zuerst nach Paris (1935), dann nach Brüssel (1936), wo Oscar P. unter  F. Adler eine leitende Stelle im SAI-Büro einnahm. 1938 kehrte das Ehepaar nach Paris zurück, musste aber 1940 nach Südfrankreich fliehen. Mithilfe des internat. Sekretärs der Labour Party William Gillies erwirkten die Pollaks Einreisevisa für England und trafen im Okt. 1940 in London ein, wo sie vom sozialist. Journalisten H.N. Braislford aufgenommen wurden. Im Londoner Exil war P. für den Austrian Labour Club, das Exekutivkomitee der Anglo-Austrian Democratic Society (1944/45) und das 1941 durch O. P. gegründete Londoner Büro der österr. Sozialisten tätig.

Am 18.11.1945 kehrte P. nach Wien zurück, wohin ihr Gatte bereits als Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung berufen worden war, und war auch in der Zweiten Republik als Journalistin, v.a. aber auch als Politikerin aktiv: P. wurde mit der Chefredaktion der meistgelesenen Frauenzeitschrift Österreichs (Die Frau , 1945-59) betraut, war Vorstandsmitglied der Journalistengewerkschaft, fungierte zw. 1945-59 als Nationalratsabgeordnete  und gehörte zw. 1957-59 der Beratenden Versammlung des Europarates an. Als Journalistin und Politikerin  machte sie sich v.a. für Frauenrechte (für das Recht auf Selbstbestimmung, auch durch Freigabe d. Abtreibung, für die Entlastung berufstätiger Mütter u.ä.m.) stark. 1950 zeichnete P. als eine der Organisatorinnen für die mit moderner Wohnkultur befasste Ausstellung Die Frau und ihre Wohnung mitverantwortlich, die  ob des großen Erfolgs zehn Jahre lang geöffnet blieb.

Im Alter von 69 Jahren wählte P., zwei Tage nach dem Tod ihres Mannes, den Freitod u. wurde in einem Oscar P. gewidmetem Ehrengrab beigesetzt. An die beiden erinnert eine Gedenktafel an einer seit 1966 als Marianne-und-Oscar-Pollak-Hof bezeichneten Wohnanlage in Floridsdorf.


Werke (Auswahl)

Irrfahrten. Aus dem Tagebuch eines suchenden Mädels. (1929); Aber schaun’S Fräul’n Marie… Liebesgeschichte einer Hausgehilfin. (1932). – Eine Frau studiert den Sozialismus. Hg. v. Parteivorstand d. Dt. sozialdem. Arbeiterpartei in der Tschechoslowak. Republik. o.J. [1933]; Die Frau in der Demokratie. Vortrag, gehalten am 23. April 1948 im Vortragssaal der Wiener E-Werke. Wien: Gewerkschaft der Gemeindebediensteten 1948. – Frauenmehrheit verpflichtet. Eine internationale Übersicht. o. J. [1948]. – Wir wollen den glücklichen Menschen. (1949 i.d.R. „Die Frau“, Bd. 2); Schluß mit dem Kleinmut! Vom positiven Pazifismus zu aktiver Friedensarbeit. (1951,= „Die Frau“, Bd. 6); Die Vermenschlichung der Gesellschaft (1952, =„Die Frau“, Bd. 9);  Frauenschicksal und Frauenaufgaben in unserer Zeit. (1957, =„Die Frau“, Bd. 12). – Die Frauen wurden wach (1959).

Quellen und Dokumente

Bei den Frauen des Elendsviertels. In: Arbeiter-Zeitung, 20.1.1924, S. 15, Die Frau im öffentlichen Leben Englands. In: Arbeiter-Zeitung, 4.5.1924, S. 10, Das proletarische Kind. Ein Besuch in der Ausstellung in Schönbrunn. In: Arbeiter-Zeitung, 2.3.1926, S. 7, Das Weib im Hermelin. Der Lebensroman Katharinas II. In: Arbeiter-Zeitung, 25.12.1928, S. 12, Die Frau in Sowjetrußland. Ein großartiges Projekt der Gleichberechtigung der Geschlechter. In: Arbeiter-Zeitung, 6.11.1932, S. 15.

Weitere Beiträge für die Arbeiter-Zeitung (Auswahl nach theodorkramer.at): Unter englischen Frauen (30.12.1923) – Von englischen Schulen und Schulreformen (23.5.1924) – Geburtenbeschränkung in England (1.1.1925) – Londons Fürsorge (1.2.1925)– Wie unsere Kinder anfangen, Menschen zu werden. Die Forderung nach dem Pflichtkindergarten (26.9.1926) – Vom Reifrock zum Bubikopf (9.11.1926) – Die tausend Teile des Telefons (2.9.1927) – Das Heim von heute (25.4.1928) – Zehn Jahre Frauenwahlrecht (17.2.1929) – Maria an der Maschine (1.5.1929) – Nur nicht verzichten. Das Recht auf gleiche Jugend für Mann und Weib (10.3.1930) – 150 Arbeiterinnen schreiben ein Buch (11.8.1930) – Baumeisterarbeit am kommenden Geschlecht (1.5.1931) – Wie ist die Frau Zeitungsleserin geworden? (22.2.1932) – Das goldene Wiener Herz – ist rot! (10.3.1932) –– Am Grabmal der unbekannten Frau (11.12.1932) – Die Internationale der sozialistischen Frauen (3.9.1933) – Was bringt Hitler den Frauen? (26.9.1933)

Der Nachlass Oscar und Marianne Pollak ist im Besitz des Vereins für die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (Online verfügbar).

Literatur

Bettina Hirsch: Marianne. Ein Frauenleben an der Zeiten Wende. Biographie von Marianne Pollak. Verlag Pichlers Witwe & Sohn, Wien 1970; Fritz Hausjell: Journalisten gegen Demokratie oder Faschismus. Teil 2. Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 1989; Brigitte Lehmann: Marianne und Oscar Pollak. Die Geschichte zweier Leben. Dokumentation 1&2/1996, Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung, Wien; Michaela Schneider/Margit Wolfsberger: Schreiben für den Neuen Menschen. In: Doris Ingrisch, Ilse Korotin, Charlotte Zwiauer (Hgg.): Die Revolutionierung des Alltags. Zur intellektuellen Kultur von Frauen im Wien der Zwischenkriegszeit. Frankfurt a.M. u.a: 2004, 151-192.

Eintrag bei wien.gv.at, bei dasrotewien.at, bei thedorkramer.at.

(RU/Red.)