geb. am 28.10.1892 in Prag – gest. am 23.10.1963 in Tucson (Arizona); Feuilletonredakteur, Schriftsteller, Literatur- und Theaterkritiker

Ps.: N.O. Kent, Zett, Ert, Norbert, H. Norbert, Hanuš N., H. Böhmer, H. Egge, Jean Natoné, Immanuel, H. Eff, Nek

N., Enkel des jüdischen, rabbinischen Gelehrten Joseph N., zog nach Abschluss der Prager Handelsakademie den Besuch von Vorlesungen in Wien und Berlin einer durch den Vater angedachten Tätigkeit im Versicherungs- oder Bankwesen vor.

Nach ersten Veröffentlichungen in der Wage und der Aktion 1913-14, aber auch in M. Bubers Zs. Der Jude, erschien in der Zs. Die neue Schaubühne trotz kaiserlicher Zensur N.s Tagebuch der Verzweiflung sowie 1916 der Essay Vom Geiste Europas – ein Bekenntnis des 24-jährigen zum Pazifismus. Neben regelmäßigen Texten u.a. in der Weltbühne und im Neuen Wiener Journal, boten sich N. nach seiner Übersiedelung nach Deutschland 1917 und Konversion zum Protestantismus Veröffentlichungsmöglichkeiten beim Leipziger Tageblatt, ab 1926 der Neuen Leipziger Zeitung angehörig. 1924 zum Feuilletonchef avanciert, besprach N. sowohl Inszenierungen der großen Theater in Wien, Berlin und Prag, als auch lokale Stücke. Seiner Arbeit verdankte N. die Freundschaft mit Joseph Roth, dessen Werke regelmäßiger Gegenstand der Literaturkritiken N.‘s waren, die neben Filmkritiken, Glossen oder Kurzgeschichten den Großteil seiner Tätigkeit ausmachten. Auch beteiligte er sich an zeitgenöss. Literaturdebatten, u.a. zur dokumentar. Literatur im Umfeld der Neuen Sachlichkeit. Zu seinen literarischen Entdeckungen zählen u.a. Bruno Apitz und Erich Kästner.

Begleitet von Roths Wertschätzung und Ratschlägen veröffentlichte N. ab 1929 bei Zsolnay seine ersten Romane, die u.a. von Max Brod und Heinrich Mann geschätzt wurden. Insbesondere der Roman Kinder einer Stadt (1931; Neudr. 1987), in dem das Aufkommen faschistischen Gedankenguts und die manipulative Macht der Massenmedien den Schwerpunkt bilden, fand große Anerkennung. Die kritische Auseinandersetzung mit der ethischen Dimension seines Berufes findet sich auch in N.s 1982 posthum erschienenen Roman Die Straße des Verrats; ein Spiegel der Situation N.s um 1933, dem jegliche weitere berufliche Perspektive durch Entlassung und ein zwei Jahre später folgendes Schreibverbot verwehrt wurde.

Ausgebürgert u. von seiner ersten Frau verlassen, kehrte N. 1933 nach Prag zurück u. schrieb u.a. für das Prager Tagblatt. Während er zu dieser Zeit aufgrund der beiden in Deutschland verbliebenen Kinder aus erster Ehe auf politische Beiträge eher verzichtete und Themen wie das der Heimatlosigkeit u. des jüd. Schicksals wichtig wurden, dienten Das Neue Tage-Buch und Die Neue Weltbühne im Zuge seiner weiteren Emigration nach Paris ab 1938 als Plattformen für scharfe und pointierte Beiträge.

N.s Flucht in die USA glückte 1941, wo er bis zu seinem Tod durch Leukämie in Tucson (Arizona) lebte.


Werke (Auswahl)

Heilige? Kranke? Schwindlerin? Kritik des Mirakels von Konnersreuth, 1927; Schminke und Alltag. Bunte Prosa, 1927; Der Mann, der nie genug hat, 1929; Geld regiert die Welt oder die Abenteuer des Gewissens, 1930; Der Schlemihl. Ein Roman vom Leben Adelberts von Chamisso 1936 (Neuausgabe: Der Mann ohne Schatten. Der Lebensroman des Dichters A. von Chamisso, 1958); In search of myself, 1943.

Quellen und Dokumente

Brod, Max: Literarische Notizen. Hans Natonek: „Der Mann, der nie genug hat“. In: Neue Freie Presse, 26.05.1929, S. 28. Hirschfeld, Ludwig: Literarische Notizen. Hans Natonek: „Kinder einer Stadt“. In: Neue Freie Presse, 06.11.1932, S. 30.

Literatur

Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Bd.17 (2009), Siglinde Bolbecher Konstantin Kaiser: Lexikon der Österreichischen Exilliteratur (1999), Steffi Böttger: Nachwort. In: Hans Natonek. Im Geräusch der Zeit. Gesammelte Publizistik 1914-1933 (2006), Dies.: Für immer fremd. Das Leben des jüdischen Schriftstellers Hans Natonek (2013), Christel Foerster: Wer war Hans Natonek? In: Neue Deutsche Literatur 31 (1983), H. 7, 154-158, Susanne Fritz: Die Entstehung des „Prager Textes“. Prager deutschsprachige Literatur von 1895 bis 1934 (2005), Eckart Früh (Hg.): Hans Natonek (= Spuren und Überbleibsel: Bio-bibliographische Blätter) (2004), Murray G. Hall: Der Paul Zsolnay Verlag. Von der Gründung bis zur Rückkehr aus dem Exil (1994), Ivana Galková: Natonek, Hans. In: Andreas B. Kilcher (Hg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart (2012), Ivana Galková, Armin A. Wallas: Hans Natonek (1892-1963). In: Literatur und Kritik (1995), H. 299/300, 103-108; Hans Giebisch, Gustav Gugitz: Bio-Bibliographisches Literaturlexikon Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (1964), Jürgen Serke: Böhmische Dörfer. Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft (1987).

Nachlass: State University of New York (Albany, NY), Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Signatur N 2208 [1921-1940]

Jäger, Susanne: Natonek, Hans. In: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 750 f. [Onlinefassung],Serke, Jürgen: Hans Natonek. Schriftsteller und Journalist. Exilarchiv.de, 2015.

(Projektarbeit): Der jüdische Schriftsteller und Journalist Hans Natonek. Sein Leben und sein Roman Die Straße des Verrats in wissenschaftlicher Betrachtung. Leipzig, 2014, Onlinepublikation.

(SK)