geb. am 12.12.1905 in Zablotów (Ostgalizien, heutige Ukraine) – gest. am 5.2.1984 in Paris; Schriftsteller, Psychologe, Lektor, Übersetzer.

Ps.: Taras Achim, C. L. Chauverau, C. L. Chauvraux, L. C. Chauvraux, C. A. Chauvreau, Jean Clémant, Paul Halland, A. J. Haller, P. Haller, Paul Haller, Jan Heger, N. A. Menlos.

Aus einer Kaufmannsfamilie stammend, verbringt S. seine ersten Lebenssjahre im ostgalizischen, chassidisch geprägten Schtetl Zablotów; 1916 flieht die Familie infolge des 1. Weltkrieges nach Wien. Hier muss die Familie zunächst in bitterer Armut leben, zusätzlich ist sie auch antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Über die jüdische Pfadfinderorganisation Haschomer Hazair kommt S. mit marxistischen und zionistischen Ideen in Kontakt. Als S. – vermutlich durch die Entbehrungen der Kriegsjahre bedingt – an Tuberkulose erkrankt, rät man ihm, Kurse und Vorlesungen Alfred Adlers an der Volkshochschule zu besuchen. Als er Adler 1921 persönlich begegnet, wird er sogleich ein begeisterter Anhänger dessen Lehre. An der Individualpsychologie fasziniert ihn besonders die soziale Orientierung, in der Folge wird S. einer der prominentesten Vertreter des linken Flügels der Individualpsychologie, der eine Verbindung von Individualpsychologie und Marxismus anstrebt. S. wird in Adlers engsten Kreis aufgenommen und hält dort Vorträge, bereits 1921 spricht er über „Die Psychologie des Revolutionärs“. In seinem 1926 veröffentlichtem Buch Alfred Adler, der Mensch und seine Lehre bezeichnet er Adler als „das soziale Genie unserer Zeit“.

1927 geht S. auf Anraten Adlers nach Berlin, um die dortige individualpsychologische Bewegung vor dem extrem konservativ-religiösen Einfluss des Berliner Ortsgruppenleiters Fritz Künkel zu bewahren. S. tritt der Kommunistischen Partei Deutschlands bei und lehrt an Künkels individualpsychologischen Institut. Ferner hält er Vorträge im Rahmen von Veranstaltungen sozialistischer Jugendorganisationen. Er lernt zahlreiche Angehörige der literarisch-politischen Avantgarde Deutschlands kennen, so etwa Egon Erwin Kisch, Arthur Koestler, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers und Bertolt Brecht.

Die Konflikte zwischen S. und Künkel, die marxistische und nicht-marxistische Positionen innerhalb der Berliner Gesellschaft für Individualpsychologie markieren, münden 1929 in eine Spaltung derselben, was sich in weiterer Folge auch auf die Internationale Vereinigung für Individualpsychologie auswirkt. S. hatte bereits 1927 eine marxistisch-individualpsychologische Arbeitsgemeinschaft gegründet und Alice Rühle-Gerstels Buch Der Weg zum Wir (1927), in dem sie eine Synthese marxistischer und individualpsychologischer Denkansätze versucht, zu deren Manifest erhoben. Weitere führende Kräfte der Fachgruppe für die dialektisch-materialistische Psychologie waren neben Otto Müller, ihrem Leiter, Alfred Appelt, Otto Kaus, Edith Cohn, Benno Stein und Henry Jacoby. 1932 gibt S. gemeinsam mit Rühle-Gerstel den Band Krise der Psychologie – Psychologie der Krise heraus, der eine kritische Auseinandersetzung mit Adler darstellt und für S. zum endgültigen Bruch mit seinem früheren Mentor führt. Bereits in ihrem Briefwechsel aus S.s. Berliner Zeit sind Spannungen zwischen den beiden fassbar und dokumentiert. Adler stößt sich vor allem an der politischen Ideologisierung seiner Ideen, die diese nicht nur, aber eben auch durch den überzeugten Marxisten S. erfahren hatten.

S. engagiert sich im Kampf gegen den Nationalsozialismus und wird 1933 von der SA inhaftiert. Nach einem fünfwöchigen Arrest flieht er über Österreich und Jugoslawien nach Paris, wo er in antifaschistischen Organisationen der Komintern arbeitet. 1937 bricht er unter dem Eindruck der Moskauer Schauprozesse mit der Kommunistischen Partei und nimmt seit dem Hitler-Stalin-Pakt öffentlich gegen das Sowjetregime Stellung. Seine Schrift Zur Analyse der Tyrannis (1939) ist der Versuch, autoritäre Systeme mit Hilfe individualpsychologischer Begriffe zu erklären, und zugleich eine Aufarbeitung seiner eigenen politischen Position.

Vor den Deportationen des Vichy-Regimes flieht S. mit seiner zweiten Frau Zenija (Jenka) Zivçon nach Südfrankreich und im Herbst 1942 weiter in die Schweiz. 1945 kehren sie nach Paris zurück, eine Rückkehr nach Deutschland kommt für S. nach seinen Erfahrungen und Kenntnissen über den Holocaust nicht mehr in Frage. Auch die Politik ist für S. keine Option mehr sich zu engagieren, er widmet sich stattdessen vermehrt dem Schreiben von Texten mit aufklärerischem und erinnerndem Anspruch.

Nach Kriegsende fungiert S. als kulturpolitischer Berater der französischen Regierung in Paris und arbeitet als Lektor und Übersetzer beim Verlag Calmann-Lévy. Nun beginnt auch seine literarische Karriere, seine Romantrilogie Wie eine Träne im Ozean (bestehend aus 1949: Der verbrannte Dornbusch, 1950: Tiefer als der Abgrund, 1953: Die verlorene Bucht) und seine dreiteilige Autobiographie All das Vergangene (1974: Die Wasserträger Gottes, 1975: Die vergebliche Warnung, 1977: Bis man mir Scherben auf die Augen legt) entstehen. 1970 erscheint das bereits zwischen 1910 und 1937 entstandene Buch Alfred Adler und das Elend der Psychologie, in dem S. mit literarischem Anspruch die individualpsychologischen Konzepte Adlers erklärt, ergänzt und präzisiert sowie das Lehrer-Schüler-Verhältnis in der Psychotherapie anhand Adlers Bruch mit Freud und seines eigenen Konflikts mit Adler analysiert. Am 5.2.1984 stirbt der Georg Büchner-Preisträger (1975) und mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1983) ausgezeichnete S. in Paris und wird auf der Cimetière Montparnasse beigesetzt.


Weitere Werke (Auswahl)

Die Achillesferse. Essays (1960); Leben in dieser Zeit. Sieben Fragen zur Gewalt (1972); Individuum und Gemeinschaft. Versuch einer sozialen Charakterologie (1978); Churban oder Die unfaßbare Gewißheit (1975); Nur eine Brücke zwischen Gestern und Morgen (1980); Der schwarze Zaun (1986); Sokrates (1988); Charlatan und seine Zeit (2004).

Quellen und Dokumente

Nachlass im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Bestand M.S. im Tagblattarchiv der Wienbibliothek

unter Taras Achim: Zeitgeist und Jugend. In: Der Tag 4.3.1923, S. 11; unter Taras Achim: Zeitgeist und Jugend II. Romantik – Kunst – Hellas. In: Der Tag 18.3.1923, S. 11; unter Taras Achim: Zeitgeist und Jugend III. Soziale Frage – Tat der Gemeinschaft. In: Der Tag 29.4.1923, S. 12; unter Taras Achim: Wir sind so herrlich jung. In: Der Tag 13.5.1923, S. 11.

Radio-Interview mit S., 6.2.1970 (Online verfügbar).

S. liest aus Die vergebliche Warnung, 22.11.1975 (Online verfügbar) sowie aus Die Wasserträger Gottes, 22.11.1975 (Online verfügbar).

sowie weitere Tondokumente in der Österreichischen Mediathek.

Literatur

Anne-Marie Corbin, Jacques Le Rider und Wolfgang Müller-Funk (Hgg.): Der Wille zur Hoffnung. Manès Sperber – Ein Intellektueller im europäischen Kontext. Wien 2013; Wilhelm Hemecker (Hg.): Ein treuer Ketzer. Manès Sperber – der Schriftsteller als Ideologe. Wien 2000 (= Profile 3, 2000, 6); Rudolf Isler: Manès Sperber – Zeuge des 20. Jahrhunderts. Eine Lebensgeschichte. Aarau 2003; Alfred Lévy: Manès Sperber – oder von den Abenteuern, Leiden und Irrtümern eines politischen Individualpsychologen. In: ders. und Gerald Mackenthun (Hgg.): Gestalten um Alfred Adler. Pioniere der Individualpsychologie. Würzburg 2002, 251–269; Olivier Mannoni: Manès Sperber. L’espoir tragique. Paris 2004; Marcus G. Patka (Hg.): Manès Sperber – ein politischer Moralist. Wien 2006 (= Wiener Jahrbuch für jüdische Geschichte, Kultur & Museumswesen 7); Marcus G. Patka und Mirjana Stančić: Die Analyse der Tyrannis. Manès Sperber. Wien 2005 (= Begleitpublikation zur Ausstellung „Die Analyse der Tyrannis – Manès Sperber“ des Jüdischen Museums Wien in Kooperation mit dem Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek 18.1.–10.3.2006); Mirjana Stančić: Manès Sperber. Leben und Werk. Frankfurt/Main u. a. 2003.

(VH)