geb. am 3.2.1896 in Prag – gest. am 2.11.1970 in Rom; Schriftsteller, Kritiker, Übersetzer, Kulturhistoriker, Exilant

Ps.: Hans Elmar

Urzidil, Sohn eines kathol. deutschsprach. Eisenbahningenieurs u. einer urspr. jüdischen, zum Katholizismus konvertierten Mutter (geb. Metzeles, verwitw. Steinitz) wuchs seit seinem vierten Lebensjahr aufgr. neuerl. Verehelichung seines Vaters mit einer sprach- u. nationalbewussten Tschechin zweisprachig auf, was sein späteres Werk und Wirken wesentl. prägen sollte. Bereits 1913 veröffentl. U. (unter seinem Pseud.) Gedichte im Prager TbBl., befreundete sich mit M. Brod, F. Kafka, P. Kornfeld, F. Werfel u.a. und frequentierte das Café Arco. Ebenfalls früh schloss er Freundschaften zu tschech. Schriftstellern wie den Brüdern Čapek, P. Bezruč u.a. und übersetzte Gedichte von O. Březina. Von 1914 bis 1918 studierte U. an der deutschen Karlsuniversität Prag Germanistik, Slawistik u. Kunstgeschichte, wurde 1916 kurz zum Militärdienst eingezogen, aber bald freigestellt.

Seit Nov. 1918 arbeitete U. als Übersetzer für die Deutsche Botschaft und war auch Korrespondent des Prager TgBl., ab 1921 auch noch für den Berliner Börsen Courier u. in der Folge für weitere Zeitungen. 1919 erscheint im Verlag K. Wolff sein erster Ged.Bd. Sturz der Verdammten, der in die Reihe ›Der jüngste Tag‹ aufgenommen wurde. 1922 ehelicht Urzidil Getrude Thieberger (1898-1977), Tochter des bekannten Prager Rabbiners Karl Thieberger, die ab den 1930er Jahren auch als Lyrikerin tätig ist. Im Februarheft 1922 der Neuen Rundschau ersch. sein Beitrag Deutsche und Tschechen; U. tritt ab März dess. Jahres wiederholt in der Lesungsreihe ›Abend der Zwölf‹ auf, einem Kreis, dem u.a. die Schriftsteller Friedrich Adler, Oskar Baum, Max Brod, Paul Leppin, Hugo Salus, Ludwig Winder u.a. angehören. Neben seiner Tätigkeit als Pressebeirat der Deutschen Botschaft ist Urzidil gelegentl. auch als Kritiker oder Feuilletonist tätig. Anlässl. der Trauerfeier für F. Kafka in der Prager ›Kleinen Bühne‹ am 19.11.1924 sprachen Brod u. Urzidil Worte des Gedenkens (M. Brod, Streitbares Leben). 1925 wird er zum Geschäftsführer des ›Schutzverband deutscher Schriftsteller‹ in der Tschechoslowakei gewählt (PTBl. 8.5.1925). 1926 verf. U. einen neuen Text zu Beethovens Die Ruinen von Athen, die im Nov. dess. Jahres am Neuen Deutschen Theater in Prag unter der Leitung von A. Zemlinsky uraufgeführt u. von der Universal Edition in ihr Programm aufgenommen werden. Im Mai 1929 widmet Radio Prag erstmals Urzidil Aufmerksamkeit, als im deutschsprach. Programm seine Novelle Schicksal im Walde gelesen wird; noch im selben u. im darauffolgenden Jahr kam es zu weitere Lesungen u. Vorträge, u.a. auch zu kunstgeschichtl. Themen. 1930 wurde U. in seiner Funktion als Geschäftsführer des Schutzverbandes, dessen Präsident F. Adler  war, bestätigt. 1930 erscheint auch sein zweiter Ged.bd. Die Stimme. Anlässl. der Goethefeiern 1932 in Marienbad hielt U. die Festrede u. legte die erste Fassung seiner Studie Goethe in Böhmen vor. Am 28.2. 1932 war U. erstmals auch in Radio Wien mit einem Vortrag über Goethe, Beethoven, Mozart, Kleist und andere zu hören.

Im Zuge der Machtergreifung des Nationalsozialismus verlor Urzidil seine Stellung an der Deutschen Botschaft u. seine weiteren Verdienstmöglichkeiten bei deutschen Zeitungen und Radiosendern. In den Folgejahren widmete er sich vorwiegend kunstgeschichtl. Studien sowie Vortragstätigkeiten für Radio Prag. 1939 flüchtete Urzidil mit seiner Frau via Italien nach Großbritannien, wo er in Kontakt zur tschech. Exilregierung unter Präs. E. Beneš kam. 1941 emigrierten die Urzidils in die USA weiter, wo sie in bescheidenen Verhältnissen lebten u. U. selbst u.a. als Lederkunsthandwerker tätig wurde (und sein musste), was er später auch in Essays beschrieb. 1945 ersch. in New York die A. Stifter gewidmete Erz. Der Trauermantel.

Ab 1951 arbeitete U. für die Österreich-Abteilung des Senders ›Voice of America‹. Ab Ende der 1950er Jahre erscheinen schließlich eine Reihe von Erzählungen, Essays und Romane, darunter Die verlorene Geliebte (1956), Prager Triptychon (1960), in dem sich „Altes mit revolutionären Ausdrucksformen vermischte“ (Magris, 307)  oder Da geht Kafka (1965), die seinen Nachruhm als „Troubadour jenes für immer versunkenen Prag“ (M. Brod) begründet hat. Von Urzidil stammt auch die Selbsteinschätzung als „hinternational“.


Weitere Werke (Auswahl)

Wenceslaus Hollar. Der Kupferstecher des Barock (1936, engl. Ausg. 1942). Zeitgenössische Maler der Tschechen: Čapek, Filla, Justitz, Špála, Zrzávy (1936); Über das Handwerk (1954); HinterNational – Johannes Urzidil. Ein Lesebuch von Klaus Johann und Vera Schneider, m. Audio-CD (2019)

Quellen und Dokumente

Inserat zu Die Ruinen von Athen. In: Signale (1927), H. 4, S. 125, Berühmte Deutsche als Gäste. In: Radio Wien 8 (1932), H. 22, S. 12, Ein Weltmeister. In: Prager Tagblatt, 1.1.1937, S. 2.

Mediathek: „Hier spricht Johannes Urzidil aus New York“ (Online verfügbar)

Teilnachlass: Österreichischische Nationalbibliothek

Literatur

G. Trapp: Die Prosa Johannes Urzidils. Zum Verständnis eines literarischen Werdegangs vom Expressionismus zur Gegenwart. Franfkfurt/M.-Bern 1965; C. Magris: Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur. Salzburg 1966; J. Lachinger, A. Schiffkorn, W. Zettl (Hgg.): Johannes Urzidil und der Prager Kreis. Vorträge des röm. J. Urzidil-Symposiums 1984; Linz 1986; A. Schiffkorn: Böhmen ist überall. Int. J. Urzidil-Symosium in Prag; Linz 1999; K. Johann: Bibliographie der Sekundärliteratur zu Johannes Urzidil. In: Brücken. Germanistisches Jahrbuch Tschechien-Slowakei N.F 13/2005, 383-428; A. Bischof: Funktion und Bedeutung von Erinnerung im erzählerischen Werk Johannes Urzidils. Hamburg 2012; St. Höhne, K. Johann M. Nĕmec (Hgg.): Johannes Urzidil (1896-1970). Ein „hinternationaler“ Schriftsteller zwischen Böhmen und New York. Wien-Köln-Weimar 2013.

Eintrag zu Urzidil eines Projekts der Univ. Bonn.

Tschechische Website (mit Bibliographie)

(PHK)