eigentlich Franz Viktor Werfel, geb. am 10.9.1890 in Prag – gest. 26.8.1945 in Beverly Hills, USA; Schriftsteller, Dramatiker, Essayist, Exilant, Übersetzer

Der Sohn eines Handschuhfabrikanten besuchte das Dt. Gymnasium in Prag, wo er 1909 die Matura ablegte, um danach an der Univ. Prag Jus u. Philosophie zu inskribieren. 1911-12 leistete er sein Einjährig-Freiwilligen Jahr in Prag ab u. wurde danach bis 1915 Lektor beim Kurt Wolff Verlag in Leipzig. Schon 1911 gelang ihm mit dem Ged. Bd. Der Weltfreund der Durchbruch als moderner, dem Expressionismus nahestehender Lyriker, wobei sich M. Brod für den jungen Lyriker, u.a. in der Zs. Der Sturm, einsetzte. Seine Leipziger Zeit war hochproduktiv; er verfasste bis 1914 Die Versuchung (1913), Einander (1914) u. Die Troerinnen (1914). In diese Zeit fällt auch die Begegnung mit R. M. Rilke, der von ihm tief beeindruckt war. 1914 rückte W. zu einem Artillerieregiment ein, nahm 1915-17 an den Kämpfen im Osten teil u. verfasste dabei erste Anti-Kriegsgedichte wie z.B. Der Krieg oder Revolutionsaufruf. 1916 kam es, ausgelöst vom Vorwort zu den Troerinnen, zu Polemiken mit M. Brod, K. Hiller u. K. Kraus. Mit letzterem brach W. 1916, nachdem ihn Kraus bereits 1914 in der ›Fackel‹ als „Kindheitsvirtuosen“ verunglimpft hatte; von Hiller u. dem Aktivismus sagte sich W. ebf. los, als er einen offenen Brief unter dem Titel Die christliche Sendung publizierte, in der einen diffusen Anarchismus, verknüpft mit einem neuen Christentum, proklamierte, auf den Brod 1917 in der Zs. ›Der Jude‹ (Hg. von M. Buber) kritisch antwortete. Im Aug. 1917 wurde W. nach einer Intervention von Harry Graf Kessler, der mit H.v. Hofmannsthal befreundet war, ins Kriegspressequartier (KPQ) nach Wien versetzt, wo er bis Mitte Jänner 1918 bleiben konnte. Im Okt. 1917 trat W. im Zuge der von F. Blei mitveranstalteten Matinee ›Die jungen Dichter‹ in der Neuen Wr. Bühne auf, wurde dabei einerseits wie ein „Star“ begrüßt u. enttäuschte andererseits ob der ausbleibenden Literaturrevolution (NWJ, 9.10.1917). Im Auftrag des KPQ reiste W. im Jänner 1918 nach Zürich u. trat dort, entgegen den Erwartungen, mit pazifist. Aktivitäten in Erscheinung, u.a. mit einer Rede an die Arbeiter von Davos sowie mit mehreren Lesungen. Nach seiner Rückkehr nach Wien im Apr. 1918 verlor er seine Funktion im KPQ. In der Zwischenzeit hatte er in Wien die verwitwete Alma Mahler, in zweiter Ehe mit W. Gropius verheiratet, kennen u. lieben gelernt. Sie gebar ihm im Aug. 1918 einen Sohn, der aber schon 1919 verstarb. Unter dem Einfluss von E. E. Kisch stieß W. im November 1918 zur ›Roten Garde‹, was einiges Aufsehen erregte und u.a. eine Klage gegen den Verf. eines Artikels im ›Neuen 8 Uhr Blatt‹ durch F. Blei nach sich zog. W. selbst distanzierte sich bald davon, unterhielt aber noch im Dez. 1918 Kontakte zur ›Föderation Revolutionärer Sozialisten‹ u. arbeitete diese Erf. in seinem Roman Barbara oder die Frömmigkeit (1929) auf.

Von Beginn an wirkte W. auch an den exponierten Wiener Zs. Der Daimon u. Der Friede mit; 1919 erschien der Bd. Der Gerichtstag, dem A. Petzold in der Wr. Ztg. eine hymnische Bespr. widmete. Im Mai 1920 wurden am Burgtheater die Troerinnen mit Erfolg aufgeführt u. im Okt.-Dez. 1920 nochmals gegeben, anschl. auch in Prag. 1919-1922 traf sich W. mehrmals mit den Prager Dichtern im Café Arco, unterstützte A. Zemlinsky in Form eines Beitr. in den ›Musikblättern d. Anbruch‹ u. besuchte 1922 auch Kafka, den er sehr bewunderte. 1920 erschien die Erz. Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig, die H. Menkes im NJW mit „etwas wie Sklavenaufstand“ u. geprägt von Dostojewski würdigte, während P. Wertheimer dem „begabten Buch“ u. „heißem Rachegesang“ eher zwiespältig gegenübertrat (NFP, 27.8.1920). Mit dem Thema der Revolution u. ihrem animalisch-rebellisch-generationalen Potential befasste sich sein Drama Bocksgesang (1921, ab März 1922 im Raimundtheater von der Sozial. Bildungszentrale), das P. Friedländer in der Roten Fahne als „erstaunlichen Unfug“ u. Zumutung für ein Arbeiterpublikum verwarf, während L. Hirschfeld es als bloß lyrische Irritation empfand. Nur F. Th. Cskokor trat dem Chor der Zweifler mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für diese Tragödie entgegen, indem er das Grauenhafte wie Triviale, das Rebellische, Mörderische wie die Sehnsucht nach Liebe u. Erlösung als Archetopos des Menschlichen schlechthin zu würdigen versuchte. Auch die Wiener Auff. des 1920 fertiggestellten Dramas Spiegelmensch im April 1922, in das sich Werfel als Dichter programmat. einbrachte, u.a. mit erkennbaren Ausfällen gegen K. Kraus, führte bereits im Vorfeld zu heftigen Debatten sowie zur Streichung der provokanteren Passagen. 1923 ersch. der Ged. Bd. Beschwörungen, in dem W.s. Auseinandersetzung mit Bachofens Mutterrecht durchschimmert. Im selben Jahr löste W. die freundschaftl. Bez. mit dem Verlag K. Wolff, weil aufgr. der galoppierenden Inflation seine Einkünfte buchstäblich zerronnen. Er nahm das Angebot von Paul Zsolnay an, in dessen neuen Verlag gegen Valuta-Honorar den in Arbeit befindl. Verdi-Roman zu veröffentlichen, der 1924 erschien. In diesem verknüpfte W. das Kontrastpaar Verdi-Wagner mit der Frage nach den Wurzeln bzw. der Wurzellosigkeit schöpferischen Schaffens. 1927 verf. W. die deutsche Fassung für die Verdi-Oper La forza del destino/Die Macht des Schicksals, die am 8.3. auch von Radio Wien übertragen wurde. Unmittelbar im Anschluss an den Verdi-Roman schrieb W. in wenigen Monaten die dramat. Historie Juarez und Maximilian nieder, das in der Inszen. durch M. Reinhardt in Wien wie in Berlin zu einem durchschlag. Erfolg wurde. In der Figur des phys. abwesenden, das Geschehen jedoch bestimmenden indian. Gegenspielers Juarez im Vergleich zum verblendeten, seine Aussichtslosigkeit nicht erkennenden Maximilians wollte es, so Werfel selbst, eine Allegorie auf die habsburg. Fehlleistungen u. einer darin gründenden histor. Gerechtigkeit sein. F. Salten charakterisierte es in der NFP eindringlich aufgr. dieser trag. Dialektik als österr. Stück. Im Feb. 1925 unternimmt W. eine Palästina-Reise, die ihn an bibl. Orte bringt u. mit den Ideen des Zionismus konfrontiert. Im Tagebuch heißt es dazu u.a. „die Verwirrung des Auges […] und der Seele sind groß.“ Dieses Erlebnis inspir. ihn zum histor. Drama Paulus unter den Juden (1926), das der Frage nachgeht, warum sich Christentum u. Judentum voneinander gelöst haben. 1927 folgten die Erz. Der Tod des Kleinbürgers u. der Bd. Geheimnis eines Menschen, die beide Themen der Entfremdung wie auch des Auseinanderbrechens der k.k. Monarchie behandelten. Unter dem Eindruck von Gesprächen mit H. Sudermann an der ligur. Riviera entst. ebf. noch 1927 die Erz. Der Abituriententag; im selben Jahr erhielt W. den Schillerpreis sowie den Tschechoslowak. Staatspreis. Daneben verf. er eine Reihe von Aufsätzen, u.a. für die Deutsche Rundschau, u. gab versch. Interviews über die Wahl seiner Stoffe oder die Zukunft des Theaters, so z.B. auch im NWJ. Im Zuge eines Paris-Aufenthaltes skizzierte W. den Plan zu seinem Roman Barbara oder die Frömmigkeit, der Ende 1929 nach mehreren Unterbrechungen, u.a. durch die Heirat mit Alma, erschien: Für K. Edschmid ein „Buch von tolstoischem Atem“ (Frankf. Ztg. 3.11. 1929), ein Buch, das aber auch von der sozialdem. Bildungsarbeit in einer Sondernr. (1931) nachdrückl. zur Lektüre empfohlen wurde. Nach Fertigstellung des Romans besuchte Werfel mit Alma wiederum Palästina, Kairo, Beirut u. Damaskus. Dort fing W. an, sich für das Schicksal der vertriebenen Armenier zu interessieren u. arbeitete bis Mitte 1933 am großen Roman über den Genozid von 1915 Die vierzig Tage des Musa Dagh, der noch 1933 bei Zsolnay erschien u. weltweites Aufsehen erregte. Vorher, 1930, stellte er das bereits 1926 skizzierte histor. Drama Das Reich Gottes in Böhmen.Tragödie eines Führers fertig, ein Drama über die Hussitenkriege u. zugl. gedacht als Mahnung für die Gegenwart. Im Zuge der Wiener UA kam es zu heftigen Debatten über die ihm vorgeworfene Standpunktlosigkeit im Konflikt zw. den Hussiten u. dem päpstl. Katholizismus. W. entgegnete darauf im NWTagblatt vom 14.12.1930 mit dem Essay Historisches Drama und Gegenwart. Im Mai 1931 setzte W. mit einem Vortrag im Kulturbund (Realismus und Innerlichkeit) nach, der zuerst in der Berliner Zs. Querschnitt in Fs. zum Abdruck kam, bevor er als Separatdruck Ende 1931 erschien. Anlässl. einer Auff. des Grünen Kakadu auf der Volksbühne hielt W. im Nov. 1931 die Gedenkrede auf den zuvor verstorbenen A. Schnitzler.

Bei Vortragsreisen in Deutschland wurde W. 1932 mehrmals von NS-Störtrupps angepöbelt u. am 5.3.1933 von der Preuß. Akademie der Dichtung ausgeschlossen. Den Musa Dagh-Roman begrüßte F. Rosenfeld aufgr. seiner „gleichnishaften, beispielhaften Kämpfen zwischen Mensch und Gewalt“ u. las ihn 1934 vor dem Hintergrund der NS-Judenverfolgung; allerdings positionierte sich W. im Bürgerkrieg vom Feb. 1934 auf der Seite des Austrofaschismus u. mutierte zu einem vehementen Unterstützer von Dollfuß. Ebf. 1934 kursierte jedoch auch die Idee zu einer Auftragsarbeit zu einem ›jüdischen‹ Faust (gem. mit M. Reinhardt). 1935-36, nach dem Tod von Almas Tochter Manon (Gropius), befasste sich W. einerseits mit Essays u. mit diversen kleineren Arbeiten, andererseits mit dem (bibl.) Dramenprojekt Der Weg der Verheißung, stellte dann aber1936 in kurzer Zeit den Roman Höret die Stimme. Jeremias fertig sowie kurz darauf das Schauspiel In einer Nacht (UA 1937). Auf der PEN-Tagung in Paris kam es 1937 zu polem. Konfrontationen, insbes. mit L. Feuchtwanger, der W.s. konservative Haltung öffentlich an den Pranger stellte. Den Anschluss Österreichs erlebte W. krankheitsbedingt auf der Rückreise von einem Urlaub in Mailand u. fuhr von dort mit Alma zunächst nach Zürich u. anschließend nach Paris weiter, wo er eine Reihe von Essays verf., den Roman Der veruntreute Himmel (1939) begann u. Skizzen zu Cella oder die Überwinder anfertigte. Nach einem überstandenen Herzinfarkt verbrachte er den Sommer 1938 in Sanary-sul-mer, wo er auf zahlr. andere Emigranten traf. 1939 arbeitete W. intensiv an essayist. Texten u. ab 1940 trotz der ihn beunruhigenden polit.-militär. Entwicklung an der Erz. Eine blaßblaue Frauenschrift (1941). Mit der Okkupation Frankreichs verschlimmerte sich die Lage zunehmend, doch Werfel gelang es stets, sich aus gefährlichen Situationen zu retten u. diesen mitunter literar. Ertrag abzuringen, so z.B. ersichtlich an der Kommödie Jacobowski und der Oberst, die freilich erst 1944 erschien, aber auch ein großer Theatererfolg in den USA wurde, die Werfel im Okt. 1940, gemeins. mit H. u. Th. Mann, A. Polgar u.a. von Lissabon aus erreichen konnte.


Weitere Werke

Die Mittagsgöttin (1919/1923), O. Březina. Winde von Mittag nach Mitternacht. In dt. Nachdichtungen (gem. mit E. Saudek, 1920), Der Schweiger (1922), Simone Boccanegra (Umdichtung, 1930), Die Geschwister von Neapel (1931), Das Geheimnis des Saverio (1933), Das Lied von Bernadette (1941), Stern der Ungeborenen (1946).

Quellen und Dokumente

Schalom Asch. Zum fünfzigsten Geburtstag. In: Neue Freie Presse, 2.12.1930, S. 12,

Anton Kuh: Matinee an deer “Neuen Wiener Bühne”. In: Neues Wiener Journal, 8.10.1917, S. 4, Georg Bittner: Die Wiener “Rote Garde”. Eine Gründung der Prager Kafffeehausliteraten. In: Neues 8-Uhr-Blatt, 16.11.1918, S. 1f., Alfons Petzold: Ein deutsches Gedichtwerk [Rez. zu Der Gerichtstag]. In: Wiener Zeitung, 14.4.1920, S. 4f., Hermann Menkes: Väter und Söhne. Bemerkungen zu einem Roman von Franz Werfel. In: Neues Wiener Journal, 25.7.1920, S. 6, David Josef Bach: Das Ich und Nochmals-Ich. (“Spiegelmensch” von Franz Werfel – Zur Aufführung des Burgtheaters.) In: Arbeiter-Zeitung, 30.4.1922, S. 8f., Ludwig Hirschfeld: Expressionistischer Nachwuchs. In: Moderne Welt 3 (1922), H. 12, S. 27, Franz Theodor Csokor: Franz Werfels “Bocksgesang”. Zur heutigen Uraufführung im Raimund-Theater. In: Arbeiter-Zeitung, 10.3.1922, S. 5Paul Friedländer: Arbeitervorstellungen im Raimund-Theater [Rez. zu Bocksgesang]. In: Die Rote Fahne, 18.5.1922, S. 5, Felix Salten: “Juarez und Maximilian.” Dramatische Historische von Franz Werfel. – Theater in der Josefstadt. In: Neue Freie Presse, 28.5.1925, S. 1-3, Leopold Jacobson: Burgtheater. Franz Werfels “Paulus unter den Juden”. In: Neues Wiener Journal, 5.5.1927, S. 3f., Max Frankenstein: Gespräch mit Franz Werfel. In: Neues Wiener Journal, 15.5.1927, S. 6, Max Lederer: Franz Werfel. Zur Eigenvorlesung am Dienstag, den 7. Jänner. In: Radio Wien (1930), H. 14, S. 7, Hanns Sassmann: Burgtheater. Uraufführung: Franz Werfel: “Das Reich Gottes in Böhmen.” Tragödie eines Führers. In: Neues Wiener Journal, 7.12.1930, S. 3f., Fritz Rosenfeld: Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh. In: Salzburger Wacht, 9.2.1934, S. 7, N.N.: Werfel schreibt, Reinhardt inszeniert jüdischen “Faust”. In: Neues Wiener Journal, 5.5.1934, S. 11.

Nachlass: University of California, Los Angeles (vgl. dazu L. B. Foltin, 1972, 1-2). Teilnachlässe: Literaturhaus Wien bzw. Österreichische Nationalbibliothek.

Literatur

Lore B. Foltin: Franz Werfel. Stuttgart 1972 (mit ausführl. Bibliogr. bis 1970); Lionel B. Steiman: Franz Werfel. The Faith of an Exile. From Prague to Beverly Hills (1985); Norbert Abels: Franz Werfel. Mit Bildzeugnissen u. Dokumenten. Reinbek 1990 Klaus Weissenberger: F. Werfels Prosa. Ihre Entwicklung vom sozialkritischen Pathos zum gemeinschaftlichen Ethos. In: Helga Schreckenberger (Hg.): Die Alchemie des Exils. Wien 2005, 191-215; A. A. Wallas: Erlösungssehnsucht, Utopiekritik und Vorausdeutung des Totalitarismus. Franz Werfels Dramenfragment ›Stockleinen‹ (1917). In: Ders.: Deutschssprachige jüdische Literatur im 20. Jahrhundert Bd. 2, Wuppertal 2008,163-195; Olga Koller: Judentum und Christentum in Leben und Werk Franz Werfels. Diss. phil. Wien 2009 [online verfügbar]; Hans Wagener, Wilhelm Hemecker (Hgg.): Judentum in Leben und Werk von Franz Werfel. Berlin-Boston 2011; Christian Wagenknecht: Karl Kraus – Franz Werfel. Eine Dokumentation. Göttingen 2011; Wolfgang Treitler: Über die Verzweiflung hinaus. Das Jahrhundert zwischen St. Zweig und A. Appelfeld. Göttingen 2015, (zu Werfel 87-126); Norbert Ch. Wolf: Revolution in Wien. Die literarische Intelligenz im politischen Umbruch 1918/19. Wien u.a. 2018.

(PHK)