auch Dsiga Wertow, eigentl.: Dawid Abelewitsch Kaufmann; geb. am 21.12.1895 in Bialystock – gest. am 12.2.1954 in Moskau; sowjet. Filmemacher

Aufgewachsen als ältester Sohn eines Buchhändlers im multikulturellen, jedoch jüdisch-jiddisch dominierten Bialystock, das um 1900 zugleich als das ‚Manchester Russlands’ (N. Leskov) galt und bei rund 80.000 Einwohnern auch fünf Kinos und fünf Büchereien besaß, besuchte Vertov ab 1914 das Bechterev-Institut für Psychoneurologie in St. Petersburg. Seit Ausbruch der russisch- bolschewistischen Revolution 1917 wird V. aktiv im Bereich des neuen sowjetischen Kinos tätig, zunächst im Bereich der Wochenschau und des Agitations- und Propagandafilms (Kinopravda). V. vertrat dabei experimentelle Positionen und entwickelte die Montagetechnik als tragendes Prinzip seiner Filmästhetik. Als bedeutende, international wahrgenommene Produktionen gelten Kino-Auge (Kinoglaz, 1924) sowie vor allem Der Mann mit der Kamera (1929), in dem das Leben in einer sowjetischen Großstadt mit der Geschichte der Kameralinse parallelisiert wird. Überhaupt galt der Bewegung V.s. Aufmerksamkeit, wobei er seine zahlreiche Reisen ebenfalls als Material in die Filmarbeit integrierte und diese über mobile Kino-Züge (agit poezda) und transportable Projektoren auch an ein Publikum brachte, das keine Kinoinfrastruktur hatte. Daraus entwickelte V. das Genre der >Kino-Fahrt< (kino-probeg) und einen räumlich experimentellen, ambitionierten Film: Šestaja čast’ mira (1926, ein vergleichender Streifzug durch Sowjetrussland und einem Land des Kapitals). Im Zeichen der Bewegung steht auch der Film Entuziasm (1930) mit starken simultanen Einstellungen und Effekten. In mehreren z.T. nicht realisierten Projekten rückte V. die moderne sowjeitische Frau in den Vordergrund, z.B. im Filmprojekt über einen Non-Stop-Flug von Moskau in den Fernen Osten durch Pilotinnen. Weitere Filme waren: Die Donbaß-Sinfonie (1930), Drei Lieder über Lenin (1934) sowie sein letzter realisierter Film über Kasachstan Tebe, front! (1943). V. lehnte den Spielfilm strikt ab, geriet aber mit seiner Vorstellung von der Montagetechnik auch in Kollision mit der sich durchsetzenden Realismus-Konzeption und dem Stalinismus.

In Wien fielen die meisten Vertov-Filme der Zensur zum Opfer und damit auch ein geplanter Aufenthalt im Jahr 1930, während Vertov 1929 in Berlin und München Vorträge halten konnte. Erst 1932 gelang es Josef Szende, einem kommunistischen Aktivisten, Entuziasm unter dem Titel Das Lied vom Aufbau als „Wahlpropagandafilm“ durch die Zensur zur Aufführung zu bringen, die sofort eine scharfe Reaktion in der konservativen Presse (Reichspost, 21.5.1932) mit Aufrufen zur Störung der Filmvorführung zur Folge hatte.

Aus: Reichspost, 21.5.1932, S. 5

Quellen und Dokumente

N.N.: Der Sowjet-Tonfilm startet und übernimmt die Führung. Das bürgerliche “Berliner Tagblatt” zur Auslandspremiere des Tonfilmes “Enthusiasmus”. In: Die Rote Fahne, 30.8.1931, S. 8, N.N.: Enthusiasmus / Das Lied vom Aufbau. In: Die Rote Fahne, 15.5.1932, S. 9, N.N.: Gottlosenpropaganda in einem Wiener Kino. Ein aufreizender russischer Film / Verspottung des christlichen Glaubens. In: Reichspost, 21.5.1932, S. 5, Hans Maier: Aufbau – konfisziert. In: Die Rote Fahne, 5.6.1932, S. 8.

Literatur

Thomas Tode, Alaxandra Gramatke (Hg.): Dziga Vertov: Tagebücher/Arbeitshefte (2000), Wolfgang Beilenhoff (Hg.): Poetika Kino. Theorie und Praxis des Films im russischen Formalismus (2005), Klemens Gruber: Kinopravda Nr. 16. Serialität bei Vertov. In: Daniel Winkler, Martina Stemberger, Ingo Pohn-Lauggas (Hg.): Serialität und Moderne. Feuilleton, Stummfilm, Avantgarde, S. 193ff. (2018), Österr. Filmmuseum, Thomas Tode, Barbara Wurm (Hg.): Dziga Vertov. Die Vertov-Sammlung im Österreichischen Filmmuseum (2006)

(PHK)