N.N. [E. M. Benedikt]: Nach vorwärts schauen! Gedanken über Oesterreich anläßlich der Republikfeier. (1928)
Wien, 11. November.
Österreich sollte diesen Gedenktag im Geiste des Mutes und des Willens zum Leben feiern. Ach ja, wir wissen es, die unsterbliche Schlaffheit unserer Wesensart gebietet uns, alle Trümpfe des Pessimismus auf den Tisch zu schlagen. Es ist ein Schützengrabenkrieg, den wir gegen uns selber führen; gegen unsere Leistungen, ja selbst gegen unsere Leiden, denn auch sie müssen schließlich den tieferen Wert verlieren, wenn sie nicht den Willen erwecken, sich von ihnen zu erlösen; wenn wir sie betrachten mit der Zärtelei des Blutarmen, der unfähig geworden ist eines stürmischen Impulses, unfähig, durch frohes Selbstbewußtsein seine eigene Tat zu adeln. Wagen wir es, diesem Österreich eine Hymne zu
singen, trotz der Erkenntnis dessen, was ihm mangelt, in Klarheit über manche Verfehlungen im Sittlichen, über manche Abweichungen vom geraden Wege. Aber eines wird man diesem vielverachteten, diesem so oft beiseite geschobenen Lande nicht absprechen: Es hat das infamste Verbrechen über sich ergehen lassen, das jemals im modernen Völkerleben geschehen ist, es hat etwas noch nie Dagewesenes ertragen, ohne übermäßige Erschütterung, ohne einen Wüterich, der Nutzen gezogen hätte aus der allgemeinen
Verzweiflung. Diese Infamie, dieses Ungeheuerliche, war der Bruch der vierzehn Punkte durch Wilson selber, das war die Zersetzung eines durch Jahrhunderte aufgebauten Werkes, nicht in politischer Beziehung, denn da war das Ende unvermeidlich, wohl aber in den Angelegenheiten der Wirtschaft und des ökonomischen Daseins. Man muß sich nur einen Augenblick lang vorstellen, was das für eine Tollheit war, von einem Tag auf den anderen die alten Zusammenhänge übers Knie zu brechen, Gemeinschaften restlos wegzuwischen, als wären sie Kreidestriche auf einer Schiefertafel! Wertlos unsere Kulturarbeit zur Industrialisierung, wertlos die Anhäufung kaufmännischer und finanzieller Erfahrungen, wertlos alle Erfolge im nationalen Ausgleich! Ja, für die baltischen, für die skandinavischen
und iberischen Staaten, für die Teile des britischen Imperiums, für solche Länder konnte die Formel gefunden werden, die bei voller staatlicher Freiheit irgendeine Bevorzugung gestattet, irgendeine Ausnahme in en Zolltarifen, irgendeinen Rest von Nebeneinander und Miteinander. Wir Österreicher haben das radikale Nichts als Wiegengabe unserer Entstehung bekommen, uns wurden wirklich, wie man während des Krieges sagte, nur die Augen gelassen, damit wir mit ihnen weinen, und die Hände, damit wir mit ihnen roboten. Wäre es ein Wunder gewesen, wenn dieses Österreich getan hätte, was Ungarn und Bayern getan haben, wenn es als König Lear unter den Völkern, verlassen von seinen treulosen Töchtern, hingestürmt wäre in den Irrsinn, in die völlige Umnachtung, in den Selbstmord?…
Österreich hat nicht den König Lear gespielt; es hat keine Wahnsinnsgebärde zur Schau getragen, es hat niemals die Welt das Pathos seiner Verlassenheit mit ganzer Kraft
empfinden lassen. Mit Ausnahme einiger Narren hat niemand von all den Hunderttausenden, die von den Schlachtfeldern zurückkehrten, hat niemand seinen Hunger, seinen Frost, seine Verarmung an diesem Staate selbst gerächt. Niemand hat die Vergewaltigung mit einer Tat begleitet, die den Ruin unserer Existenz besiegelt und alle Möglichkeiten der Erholung zerrüttet hätte. Sind das keine Verdienste, aus die wir stolz sein
dürfen? Ist nicht dieser ganze Kalvarienberg zehnjähriger Schmerzen doch auch ein Sinnbild unserer Fähigkeit, wieder zur Höhe zu gelangen? Denn wir haben ja nicht nur die Schrecken der Abtrennung gekostet, die Epoche der hermetischen Isolierung, die Torturen der Inflation, das Abwelken unseres Nationalvermögens, die Verschleuderung alles dessen, was unserer Seele teuer war. Mehr als das. Eine Stabilisierungskrise ist über uns verwüstend hinweggegangen, furchtbarer, dauernder als vielleicht irgendeine in der Erinnerung aller Völker. Bis auf den heutigen Tag büßen wir die Sünden der Vergangenheit. Und trotzdem,
Schritt für Schritt, langsam und zögernd, haben wir den Wiederaufbau eingeleitet; ohne den Segen einer begeistern-//den Persönlichkeit, ohne den warmen Anhauch eines politischen Frühlings. Wir können dennoch feststellen, der Zusammenbruch ist vermieden, aus dem Trommelfeuer dieser zehn Jahre sind wir, zwar schwer verwundet, aber doch lebendig herausgekommen, mit allgemach wachsender produktiver Fähigkeit, mit einer Agrikultur, deren glänzende Erfolge eine unerwartete Freude bedeuten, mit einer Industrie, die sich den schwierigsten Verhältnissen anzupassen beginnt durch Formung größerer Gemeinschaften, durch technische Veredlung durch das zäheste Anspannen aller Nerven und Muskeln.
Wer hat uns bei diesem Werke geholfen? Wahrlich, viel mehr wir selber, als irgend jemand anderer auf der Welt. Denn, abgesehen vom ersten Sanierungskredit, wo ist das
kleinste, Zugeständnis, das unserem Elend von den Fremden gemacht worden ist, wer hat sich die Mühe genommen, österreichisches Wesen zu begreifen, unsere Sehnsucht nach Vereinigung mit den anderen Gliedern des deutschen Volkes, unser Verdursten nach ein wenig Erfolg, nach ein wenig Liebe und Anerkennung? Ist eine herbere Quälerei im Bereiche des Denkbaren als die Sabotage einer Anleihe, die wie ein Pferd beim Wettlauf erst vierfache Hürden überspringen muß, um endlich, endlich zum Ziele zu gelangen? Nein, das Ausland müßte schamrot sein eigenes Verschulden gegenüber Österreich gestehen, es müßte dessen inne werden, daß es wirklich nur der Lammsgeduld, der tiefen Vernunft des einfachen Menschen von der Gasse zu danken ist, wenn hier nicht Zustände zum Vorschein kamen, nur zu vergleichen mit jener Epoche, da die wilden Horden Wien belagerten, um die Standarte der westlichen Kultur vom Stephansdom herabzureißen. Das Ausland hat gänzlich versagt, aber Aufrichtigkeit gebietet an diesem Tage das Urteil: Auch wir selber haben nicht genug
getan, wir selber als Gesamtheit haben dem elementaren Drange nicht gehorcht um jeden Preis das Ringen des Einzelnen zu erleichtern. Die Führenden haben manche Gelegenheit versäumt, um das Unkraut auszujäten und die Abbürdung der Lasten, die einfach nicht mehr ertragen werden können, zu beschleunigen. Nein, der Österreicher kann wirklich von sich behaupten, was Schiller von dem deutschen Dichter gesungen hat: Kein augustisch Alter hat uns geblüht, keine Güte eines Mediceers hat uns gefördert., Selbst hat er sich das bißchen Wert geschaffen, selbst sich durchgefressen durch alle Not und Zwietracht, selbst hat er den Rückweg gefunden zu neuem Gedeihen, selbst führt er jetzt noch die Fahne des Willens um Leben gegen alle Mächte, die sich verschworen haben, ihm das Dasein zu verbittern. Was dieser Einzelne vermag, ist geradezu phantastisch. Ein Land, das begonnen hat ohne ein Stückchen Kohle, hat jetzt Gelegenheit, seine eigenen Bodenschätze auszuwerten, ein Staat ohne Aktiven hat heute eine gesicherte Zahlungsbilanz mit goldstrotzender Nationalbank mit nur allzu guter Versorgung von Bund und Gemeinde. Ist das gar nichts, dessen wir uns rühmen dürfen, kann niemals der Gebeugte sein Haupt erheben, kann nicht in dieser Feierstunde ein wenig Genugtuung unsere Pfade erleuchten? Noch bleibt Unendliches zu
schaffen. Der Abbau des Uebersozialismus ist unvermeidlich, der Abbau aller öffentlichen Bosheit, die Rückkehr zur echten Fortschrittlichkeit, die Wendung zu einer Finanzpolitik der
Schonung, das sind Ziele, aufs innigste zu wünschen. Wir leugnen nicht die schweren Verfehlungen, aber wenn wir einmal, wie wir alle hoffen, dereinst den Brüdern im Reiche
unsere Arme entgegenstrecken können zur vollen Einigung, dann werden wir wenigstens imstande sein, die ehrlichen Wundmale zu weisen, welche die Ketten des Schmerzes in uns
gebrannt haben, wir werden Zeugnis ablegen von unsagbaren Entbehrungen, aber auch von dem Märtyrergeist, der stärker ist als alle Peinigung.
Am Festta e unserer Republik, zehn Jahre seit ihrer Gründung, bekennen wir uns zu ihr als zu der großen Notwendigkeit historischer Entwicklung, als zu dem Hort der Demokratie, als zu der einzigen politischen Wesensform, die uns geblieben ist. Möge sie die nächsten zehn Jahre auf weicheren Pfaden gehen, möge mehr Glück ihr zuteil werden, mehr Daseinsfreude und Stetigkeit. Möge sie das Wort, das Staatskanzler Renner an ihrem ersten Tage gesprochen hat, wahrmachen: der Zusammenschluß dieser Bevölkerung, geboren aus der Stunde der Not, aufgezwungen durch die Furcht vor einer Katastrophe, er kann nicht anders bestehen und erhalten bleiben, als auf dem Boden der Rechtsgleichung. Die Republik muß die letzten Schlacken der Revolte entfernen, die Republik muß sich würdig erweisen des tragischen Geschickes, das ihr geworden ist als ein Denkmal dessen, was Menschen erdulden, was Menschen überdauern können. Nach vorwärts schauen möge Österreich mit Mut und Willen zum Leben! Das ist unser Wunsch am heutigen Tage.
In: Neue Freie Presse, 11.11.1928, S. 1-2.
N.N.: Das kommunistische Fiasko
N.N.: Das kommunistische Fiasko (1919)
Zwölf Tote, siebzig Verwundete — das ist die vorläufige Bilanz des gestrigen Tages. Knaben und junge Burschen, Lehrlinge und Gymnasiasten stehen auf der Liste der Opfer. In Strömen ist das Blut Wiener Kinder geflossen, weil hundert armselige Narren, denen Wien nichts ist und von denen Wien nichts wissen will, unserer Stadt eine Politik des Wahnsinns aufzwingen wollen.
Wien will von dem Kommunismus der Couleur Bela Kun-Bettelheim-Friedländer wirklich nichts wissen. Das hat der gestrige Tag deutlich bewiesen. Seit vielen Monaten sind die neuen Propheten an der Arbeit und seit zehn Wochen verfügen sie über unbegrenzte Geldmittel, die ihnen eine Propaganda größten Stils gestatten. Sie sind wahrlich nicht wählerisch. Was sie geistigen Kampf nennen, ist nichts als der Appell an die niedrigsten Instinkte; ihre Opfer suchen sie sich unter den Arbeitslosen und den Invaliden, den Ärmsten der Armen, die am leichtesten tönenden Redensarten erliegen müssen. Und was haben sie erreicht? In Wien gibt es weit mehr als hunderttausend Arbeitslose und Zehntausende von Kriegskrüppeln, die der ärgsten Not preisgegeben sind. Aber nach einer Agitation von unerhörter Wucht haben sie gestern nicht mehr als dreitausend Menschen vor das Rathaus gebracht, nicht mehr als einen winzigen Bruchteil des Wiener Proletariats! Vergeblich waren alle Lockungen und alle Reizmittel einer ungezügelten Propaganda. Alles ist den Kommunisten zur Verfügung gestanden, was die Technik der politischen Agitation fordert, alles, und doch haben sie in der Zweimillionenstadt nicht mehr als dreitausend Menschen gefunden, die auch nur ihre Reden anhören wollten. So kläglich hat noch niemals eine große Kraftprobe geendet. Wien will von dieser Sorte Kommunismus, von diesen Führern, von
diesen Methoden nichts wissen. Wien hat es satt, sich von diesem Häuflein selbstgefälliger Schwätzer, eitler Narren und reiner Toren ärgern zu lassen. Wir sind bereit zu jedem wirklich geistigen Kampf. Aber wir wollen endlich Ruhe haben vor den lärmenden Drohungen, den großen Worten und den revolutionären Gebärden. Wien muß die Ruhe haben, die es braucht.
Auf die Kommunisten fällt die Verantwortung für das Blut, das gestern in den Straßen Wiens geflossen ist. Doch auch die Regierung ist nicht von jeder Schuld freizusprechen. Wir wünschen im politischen Kampf keine Maßregeln der Unterdrückung.
Auf das Recht des freien Wortes und der freien Rede steht den Kommunisten kein geringerer Anspruch zu, als jeder anderen Partei. Aber wir haben auch Anspruch darauf, daß die Regierung ihre oberste Aufgabe, die Bewahrung von Ruhe und Ordnung, mit ruhiger Festigkeit erfülle. Und das ist bisher nicht, ist auch gestern nicht geschehen. Die Regierung muß wissen, was sie will. Nichts ist ärger als die Politik des Schwankens und der Schwäche. Hat die Regierung erst seit gestern die Beweise dafür in der Hand, daß die kommunistische Propaganda in Wien von der ungarischen Regierung bezahlt wird? In Berlin ist man mit Herrn Joffe sehr rasch fertig geworden. Die Selbstachtung müsste unserer Regierung gebieten, dem ungarischen Gesandten die Pässe zuzustellen und ihre Vertreter aus Budapest abzuberufen. Die Wiener Kommunisten sollen reden und schreiben dürfen, was ihnen beliebt, solang sie die Gesetze nicht übertreten. Aber zu dulden, daß an dem Umsturz unseres Staates Agenten eines fremden Staates mitarbeiten, daß Millionen und Millionen von einer fremden Regierung aufgebracht werden, um unsere Regierung zu beseitigen — das ist doch eine zu arge Zumutung. Herr Bela Kungeb. am 20.2.1886 in Szilágycseh (dt.: Böhmischdorf, ehem. Transylvan. Siebenbürgen) als Béla Kohn - gest. am 29.8.1... ist nicht Diktator Deutschösterreichs. Er begnüge sich, das irdische Paradies in Ungarn zu verwirklichen. Das Nest in der Bankgasse Hätte längst gesäubert werden müssen.
Schwach und schwankend aber ist die Regierung nicht nur Ungarn gegenüber, Sie hat nach dem blutigen Gründonnerstag die Abhaltung von Versammlungen unter freiem Himmel verboten: Kümmert sie sich darum, datz dieses Verbot respektiert wird? Wenn sie sich einmal entschließt energisch zu sein, so verläßt sie schon nach vierundzwanzig Stunden der Mut. Man hat vorgestern die Führer der Kommunisten verhaftet und hat sie gestern freigelassen. Der eine oder der andere Schritt war ein schwerer Fehler. Man durfte die Leute nicht ohne triftigen Grund ihrer Freiheit berauben und so der Demonstration ein Ziel geben, dessen sie sonst entbehrt hatte: die gefangenen Führer zu befreien. Wenn aber Beweise dafür vorlagen, daß die Inhaftierung berechtigt sei, dann durfte man nicht die Schuldigen enthaften, weil die Demonstranten es forderten und der Vollzugsausschutz der Soldatenräte und die Exekutive der ArbeiterräteDie Initialzündung zu Arbeiterräten ging von der Russischen Revolution (1917) aus und fand in Teilen der österr. Arbe..., „um die Erregung zu begrenzen“, das gleiche Verlangen stellte. Verantwortlich sind schließlich nicht die Arbeiter- und Soldatenräte, und so sehr wir wünschen, daß der Tätigkeit der Räte möglichst freier Spielraum gelassen werde, geht es doch nicht an, daß die Regierung sich auf die Rolle des Exekutivorgans der Räte beschränkt.
Die ungeheure Mehrheit der Wiener Arbeiter hat gestern eine neue Probe politischer Einsicht und Disziplin geliefert. Sie hat niemanden überrascht, der die Wiener Arbeiter kennt. Auf die Bevölkerung kann sich die Regierung verlassen. Nun muß die Regierung zeigen, daß wir uns auf sie verlassen können.
In: Der neue Tag, 16.6.1919, S. 1.
E. M.Benedikt: Nach vorwärts schauen! Gedanken über Oesterreich anläßlich der Republikfeier
N.N. [E. M. Benedikt]: Nach vorwärts schauen! Gedanken über Oesterreich anläßlich der Republikfeier. (1928)
Wien, 11. November.
Österreich sollte diesen Gedenktag im Geiste des Mutes und des Willens zum Leben feiern. Ach ja, wir wissen es, die unsterbliche Schlaffheit unserer Wesensart gebietet uns, alle Trümpfe des Pessimismus auf den Tisch zu schlagen. Es ist ein Schützengrabenkrieg, den wir gegen uns selber führen; gegen unsere Leistungen, ja selbst gegen unsere Leiden, denn auch sie müssen schließlich den tieferen Wert verlieren, wenn sie nicht den Willen erwecken, sich von ihnen zu erlösen; wenn wir sie betrachten mit der Zärtelei des Blutarmen, der unfähig geworden ist eines stürmischen Impulses, unfähig, durch frohes Selbstbewußtsein seine eigene Tat zu adeln. Wagen wir es, diesem Österreich eine Hymne zu
singen, trotz der Erkenntnis dessen, was ihm mangelt, in Klarheit über manche Verfehlungen im Sittlichen, über manche Abweichungen vom geraden Wege. Aber eines wird man diesem vielverachteten, diesem so oft beiseite geschobenen Lande nicht absprechen: Es hat das infamste Verbrechen über sich ergehen lassen, das jemals im modernen Völkerleben geschehen ist, es hat etwas noch nie Dagewesenes ertragen, ohne übermäßige Erschütterung, ohne einen Wüterich, der Nutzen gezogen hätte aus der allgemeinen
Verzweiflung. Diese Infamie, dieses Ungeheuerliche, war der Bruch der vierzehn Punkte durch Wilson selber, das war die Zersetzung eines durch Jahrhunderte aufgebauten Werkes, nicht in politischer Beziehung, denn da war das Ende unvermeidlich, wohl aber in den Angelegenheiten der Wirtschaft und des ökonomischen Daseins. Man muß sich nur einen Augenblick lang vorstellen, was das für eine Tollheit war, von einem Tag auf den anderen die alten Zusammenhänge übers Knie zu brechen, Gemeinschaften restlos wegzuwischen, als wären sie Kreidestriche auf einer Schiefertafel! Wertlos unsere Kulturarbeit zur Industrialisierung, wertlos die Anhäufung kaufmännischer und finanzieller Erfahrungen, wertlos alle Erfolge im nationalen Ausgleich! Ja, für die baltischen, für die skandinavischen
und iberischen Staaten, für die Teile des britischen Imperiums, für solche Länder konnte die Formel gefunden werden, die bei voller staatlicher Freiheit irgendeine Bevorzugung gestattet, irgendeine Ausnahme in en Zolltarifen, irgendeinen Rest von Nebeneinander und Miteinander. Wir Österreicher haben das radikale Nichts als Wiegengabe unserer Entstehung bekommen, uns wurden wirklich, wie man während des Krieges sagte, nur die Augen gelassen, damit wir mit ihnen weinen, und die Hände, damit wir mit ihnen roboten. Wäre es ein Wunder gewesen, wenn dieses Österreich getan hätte, was Ungarn und Bayern getan haben, wenn es als König Lear unter den Völkern, verlassen von seinen treulosen Töchtern, hingestürmt wäre in den Irrsinn, in die völlige Umnachtung, in den Selbstmord?…
Österreich hat nicht den König Lear gespielt; es hat keine Wahnsinnsgebärde zur Schau getragen, es hat niemals die Welt das Pathos seiner Verlassenheit mit ganzer Kraft
empfinden lassen. Mit Ausnahme einiger Narren hat niemand von all den Hunderttausenden, die von den Schlachtfeldern zurückkehrten, hat niemand seinen Hunger, seinen Frost, seine Verarmung an diesem Staate selbst gerächt. Niemand hat die Vergewaltigung mit einer Tat begleitet, die den Ruin unserer Existenz besiegelt und alle Möglichkeiten der Erholung zerrüttet hätte. Sind das keine Verdienste, aus die wir stolz sein
dürfen? Ist nicht dieser ganze Kalvarienberg zehnjähriger Schmerzen doch auch ein Sinnbild unserer Fähigkeit, wieder zur Höhe zu gelangen? Denn wir haben ja nicht nur die Schrecken der Abtrennung gekostet, die Epoche der hermetischen Isolierung, die Torturen der Inflation, das Abwelken unseres Nationalvermögens, die Verschleuderung alles dessen, was unserer Seele teuer war. Mehr als das. Eine Stabilisierungskrise ist über uns verwüstend hinweggegangen, furchtbarer, dauernder als vielleicht irgendeine in der Erinnerung aller Völker. Bis auf den heutigen Tag büßen wir die Sünden der Vergangenheit. Und trotzdem,
Schritt für Schritt, langsam und zögernd, haben wir den Wiederaufbau eingeleitet; ohne den Segen einer begeistern-//den Persönlichkeit, ohne den warmen Anhauch eines politischen Frühlings. Wir können dennoch feststellen, der Zusammenbruch ist vermieden, aus dem Trommelfeuer dieser zehn Jahre sind wir, zwar schwer verwundet, aber doch lebendig herausgekommen, mit allgemach wachsender produktiver Fähigkeit, mit einer Agrikultur, deren glänzende Erfolge eine unerwartete Freude bedeuten, mit einer Industrie, die sich den schwierigsten Verhältnissen anzupassen beginnt durch Formung größerer Gemeinschaften, durch technische Veredlung durch das zäheste Anspannen aller Nerven und Muskeln.
Wer hat uns bei diesem Werke geholfen? Wahrlich, viel mehr wir selber, als irgend jemand anderer auf der Welt. Denn, abgesehen vom ersten Sanierungskredit, wo ist das
kleinste, Zugeständnis, das unserem Elend von den Fremden gemacht worden ist, wer hat sich die Mühe genommen, österreichisches Wesen zu begreifen, unsere Sehnsucht nach Vereinigung mit den anderen Gliedern des deutschen Volkes, unser Verdursten nach ein wenig Erfolg, nach ein wenig Liebe und Anerkennung? Ist eine herbere Quälerei im Bereiche des Denkbaren als die Sabotage einer Anleihe, die wie ein Pferd beim Wettlauf erst vierfache Hürden überspringen muß, um endlich, endlich zum Ziele zu gelangen? Nein, das Ausland müßte schamrot sein eigenes Verschulden gegenüber Österreich gestehen, es müßte dessen inne werden, daß es wirklich nur der Lammsgeduld, der tiefen Vernunft des einfachen Menschen von der Gasse zu danken ist, wenn hier nicht Zustände zum Vorschein kamen, nur zu vergleichen mit jener Epoche, da die wilden Horden Wien belagerten, um die Standarte der westlichen Kultur vom Stephansdom herabzureißen. Das Ausland hat gänzlich versagt, aber Aufrichtigkeit gebietet an diesem Tage das Urteil: Auch wir selber haben nicht genug
getan, wir selber als Gesamtheit haben dem elementaren Drange nicht gehorcht um jeden Preis das Ringen des Einzelnen zu erleichtern. Die Führenden haben manche Gelegenheit versäumt, um das Unkraut auszujäten und die Abbürdung der Lasten, die einfach nicht mehr ertragen werden können, zu beschleunigen. Nein, der Österreicher kann wirklich von sich behaupten, was Schiller von dem deutschen Dichter gesungen hat: Kein augustisch Alter hat uns geblüht, keine Güte eines Mediceers hat uns gefördert., Selbst hat er sich das bißchen Wert geschaffen, selbst sich durchgefressen durch alle Not und Zwietracht, selbst hat er den Rückweg gefunden zu neuem Gedeihen, selbst führt er jetzt noch die Fahne des Willens um Leben gegen alle Mächte, die sich verschworen haben, ihm das Dasein zu verbittern. Was dieser Einzelne vermag, ist geradezu phantastisch. Ein Land, das begonnen hat ohne ein Stückchen Kohle, hat jetzt Gelegenheit, seine eigenen Bodenschätze auszuwerten, ein Staat ohne Aktiven hat heute eine gesicherte Zahlungsbilanz mit goldstrotzender Nationalbank mit nur allzu guter Versorgung von Bund und Gemeinde. Ist das gar nichts, dessen wir uns rühmen dürfen, kann niemals der Gebeugte sein Haupt erheben, kann nicht in dieser Feierstunde ein wenig Genugtuung unsere Pfade erleuchten? Noch bleibt Unendliches zu
schaffen. Der Abbau des Uebersozialismus ist unvermeidlich, der Abbau aller öffentlichen Bosheit, die Rückkehr zur echten Fortschrittlichkeit, die Wendung zu einer Finanzpolitik der
Schonung, das sind Ziele, aufs innigste zu wünschen. Wir leugnen nicht die schweren Verfehlungen, aber wenn wir einmal, wie wir alle hoffen, dereinst den Brüdern im Reiche
unsere Arme entgegenstrecken können zur vollen Einigung, dann werden wir wenigstens imstande sein, die ehrlichen Wundmale zu weisen, welche die Ketten des Schmerzes in uns
gebrannt haben, wir werden Zeugnis ablegen von unsagbaren Entbehrungen, aber auch von dem Märtyrergeist, der stärker ist als alle Peinigung.
Am Festta e unserer Republik, zehn Jahre seit ihrer Gründung, bekennen wir uns zu ihr als zu der großen Notwendigkeit historischer Entwicklung, als zu dem Hort der Demokratie, als zu der einzigen politischen Wesensform, die uns geblieben ist. Möge sie die nächsten zehn Jahre auf weicheren Pfaden gehen, möge mehr Glück ihr zuteil werden, mehr Daseinsfreude und Stetigkeit. Möge sie das Wort, das Staatskanzler Renner an ihrem ersten Tage gesprochen hat, wahrmachen: der Zusammenschluß dieser Bevölkerung, geboren aus der Stunde der Not, aufgezwungen durch die Furcht vor einer Katastrophe, er kann nicht anders bestehen und erhalten bleiben, als auf dem Boden der Rechtsgleichung. Die Republik muß die letzten Schlacken der Revolte entfernen, die Republik muß sich würdig erweisen des tragischen Geschickes, das ihr geworden ist als ein Denkmal dessen, was Menschen erdulden, was Menschen überdauern können. Nach vorwärts schauen möge Österreich mit Mut und Willen zum Leben! Das ist unser Wunsch am heutigen Tage.
In: Neue Freie Presse, 11.11.1928, S. 1-2.
Rudolf List: Zeitpolitik im Drama
Rudolf List: Zeitpolitik im Drama. (1932)
Josef Wenter: Spiel um den Staat. In neun Bildern.
Der Dichter des Romanbuches Laikan gibt in diesem (im Reich bereits zur Uraufführung gelangten) Bühnenwerk einen dramatischen Querschnitt durch die politische Problematik von heute: Monarchie oder Republik, Diktatur oder kompromißlose Herrschaft der Masseninstinkte. Wenter will keineswegs eine Lösung, sondern im Grunde genommen nichts anderes denn ein möglichst vielseitiges Bild des Spiels der verschiedenartigen Kräfte zeigen, wenn er auch das Tragische des politischen Kampfes von der Warte einer irgendwie ironischen Sachlichkeit aus betrachtet, wenn er auch die Ewigkeitswerte (deren Wahrer und Vermittler hier der Kardinal vertritt) innerhalb des aktuellen Geschehens in ihrer Auswirkung auf die Machtverhältnisse zu zeichnen versucht. Es bleibt jedoch – vor allem in letzterem Falle – beim bloßen Versuch: gerade das Problem Staat-Kirche läßt sich nicht im Streiflicht einiger weniger Dialoge in wünschenswert eindeutiger Form zur Darstellung bringen. Mit großem Geschick ist die Gestalt des „Führers“ gezeichnet, der auf dem Wege über einen Militärputsch eine sich demokratisch gebärdende Diktatur unter (wenigstens zeitweiliger) Anerkennung des Königstums und in Respekt vor Symbol und Einfluß der Kirche einführt, des „Kerls von vorgestern“ (wie er sich selbst bezeichnet), der als „Abtrünniger“ von seinem besten Freund mit den Gewaltmethoden anarchistischer Opposition bekämpft wird, bis dieser einen gewaltsamen Tod findet, des „Führers“, der schließlich den König, weil er das Manifest der Kriegserklärung nicht unterzeichnet, des Landes verweist: aus gegenwärtiger Wirklichkeit und dichterischer Phantasie gleichermaßen geschaffenes Urbild des unbeirrt realpolitischen Diktators unserer diktatorenschwangeren Zeit. Es. ist seit alters ein Spiel der Männer, dieses ruhelose „Spiel um den Staat“; so mag das Wort, das die einzige Frau des Stückes zu dessen Abschluß spricht, seine Berechtigung haben: „Wenn ihr stillhalten könntet, Männer ihr, wär’s, friedlich auf der Welt.“
In: Reichspost, 11.7.1932, S. 8.
Leopold Jacobson: Kaisers „Oktobertag“. Komödie.
Es gibt einen Fall Georg Kaiser, der nicht zu Ende kommen will. So oft ihn einer zu lösen versucht hat, stieß er auf neue Rätsel. Es ist eine verflucht schwere Sache, mit einem Dichter fertig zu werden, auf den keine Formel paßt und der immer dann aus der Reihe springt, wenn man ihn schon zu haben glaubt. Was ist dieser Georg Kaiser nicht schon alles gewesen: Expressionist, Impressionist, Sozialkritiker, Bürgerschreck, Ethiker, Pathetiker, Moralist, Immoralist, Konstrukteur, Romantiker, Effekthascher, Possentreiber, Theatraliker, Sternheim, Sudermann, Hebbel, Fulda, Sardou, Wedekind und Tolstoi. Er war schon alles zusammen und niemals einer von diesen, schrieb seinen eigenen Stil und den Stil der andern, blieb Georg Kaiser und war doch nicht Georg Kaiser. Das Wort, da ihm Bernhard Diebold auf den Weg mitgegeben hat und mit dem seither viel gekrebst wird, heißt: Denkspieler. Es trifft ungefähr, aber auch mit dem Denken ist es so wie mit dem gewissen Satz von Kant, daß es dabei weniger auf die vernünftigen Antworten als auf die vernünftigen Fragen ankommt.
Georg Kaiser ist heute fünfzig. Die Gratulanten, die angetreten sind, haben das Phänomen noch einmal von allen Seiten beguckt und sind bei aller guten Absicht nicht warm geworden. Die junge Literatur, von Toller bis Brecht und von Brecht bis Bronnen bekennt sich zu ihm, aber weniger mit Liebe als mit ungeheurem Respekt. Es gibt keinen Georg-Kaiser-Komplex, nur er selbst hat einen. Es ist ein Jammer, wie der Fall immer verwickelter wird. Der stärkste Dichter und Erdichter des modernen Deutschland, der fabelhafteste Dramatiker der modernen Bühne, erregt das Hirn und die Nerven, aber es ist immer nur kalte Hitze, niemals brennende Flamme. Er wechselt zwischen Vision und Gestalt.
Vision, Denkspielerei, ist auch dieses Stück Oktobertag. Es ist, was man so mit dem Wort: gekonnt bezeichnet. Fabelhaft gekonnt. Drei schmale Akte, von denen zwei nur Gesprächsabwicklung über ein vorhergegangenes Geschehnis bringen, bedeuten die stärkste dramatische Konzentration, die theatermäßig aufzubringen ist. An sich wäre es nur ein Kunststück mehr, wenn der An- und Auftrieb nicht auch ans dem Gedanklichen käme und sich in mystische Gefühls- und Blutempfindungen verlöre. Ein junges, wohlbehütetes Mädchen, eine Tagträumerin, sieht einen jungen, unbekannten Leutnant, und ihre Phantasie wählt ihn als den Mann, mit dem sich ihr Blut vermählt. In der Nacht gibt sie sich einem brutalen Schlächtergesellen hin, der in ihrer Phantasie die Rolle des fremden Leutnants spielt, und als sie ein Kind gebärt, gibt sie diesen als den Vater aus, glaubt es und empfindet es so. In der Gestalt dieses scheuen Mädchens lebt fast die Legende von der unbefleckten Empfängnis wieder auf. Der Leutnant, von dem Onkel des Mädchens zur Rechenschaft gezogen, weiß nichts anderes zu sagen, als daß er sie nie gesehen und nie berührt hat. Aber als ihm das Mädchen entgegentritt, empfängt auch er den elektrischen Schlag in das Nervenzentrum und er fühlt sich ihr blutmäßig verbunden. Er bekennt sich zur Vaterschaft und tötet den Fleischergesellen, der aus dem Zufall jener verhängnisvollen Nacht eine kleine Gelderpressung herauszuschlagen versucht: kein Stück von Georg Kaiser, in dem nicht Geld eine Rolle spielt. Auch dieser Fleischergeselle, Symbol eines ewigen Mahners, dessen Abtötung schicksalsmäßig erfolgt, ist von einer Vision beherrscht, die aber nur um Geld kreist.
Das ist das Stück. Es ist weniger tief als hoch. Es ist erfüllt mit Zartheit, mit wundervoller Illusion, greift ans Gefühl und verliert sich trotzdem, wie immer bei Georg Kaiser, in eine Zone, wo Kühle weht. Der junge Direktor der Komödie, Rolf Jahn, künstlerisch und theatermäßig gleich stark ambitioniert, hält in der Aufführung das Niveau des Stückes fest. Es wird mit gedankenvoller Unterlage lebendig und erscheint als Kammerspiel instrumentiert. Jahn, der den Leutnant darstellt, zeichnet ihn mit ein paar edlen Tonlinien, und Herr Beregi, sonst mehr auf Bild, auf Pathetischen Ein- und Ausdruck gestellt, übt in der Onkelrolle eine seeliche Verhaltenheit, die sich gefühlsmäßig mitzu-// teilen weiß. Die junge Heilige ist Vera Spakova, die sich mit Intensität bemüht, in einer Welt zu wandeln, die nicht diesseitig ist und in der man auch leicht verloren gehen muß. Der Fleischergeselle des Herrn Daehn ist von irdischer Menschlichkeit und behauptet sich stark.
Als Georg Kaiser in Wien sein erstes Stück zum überhaupt erstenmal aufführen ließ, damals noch von niemandem gekannt, wurde er mit seiner seltsamen Geschichte vom Schüler Vegesack gründlich abgelehnt. Ich schrieb als ersten kritischen Satz: „Gestern fiel ein Dichter durch“, ein Dichter. Seither ist Georg Kaiser berühmt und wenn man nun zu seinem fünfzigsten Geburtstag hinschreibt: Gestern war es ein Erfolg, so freut man sich festzustellen, daß ein Dichter das Publikum doch bezwingen konnte.
In: Neues Wiener Journal, 29.11.1928, S. 13-14.
Rudolf Holzer: Alexander Tajroffs Theater
Rudolf Holzer: Alexander Tajroffs Theater (1925)
Mit einem absolut nicht zutreffenden Ausdruck sind die bühnenreformatorischen Bestrebungen des heute wohl berühmtesten Theatermannes der Welt Alexander Tajroff unter der Spitzmarke „Entfesseltes Theater“ in unseren Landen bekannt. Mit der Freiheit ist das aber eine eigentümliche Sache. Noch keine Bestrebung ist aus Fesselsprengung ausgegangen, wenn ihre Fesseln den tatsächlichen Naturgegebenheiten entsprochen haben, und kein Freiheitsdrang hat ein anderes Ziel, als die durch den Kern des inneren Wesens vorgeschriebenen Normen und Gesetze als selbstverständliche Fesseln anzulegen. In diesem Sinne verstehe man auch den Ausdruck „Entfesseltes TheaterAus: Der Tag, 1.11.1924, S. 2 Synthetische Fassung der Theaterkonzeption von Alexander Tairow, die dieser in seinem Band...“. Entfesselt von der Dienstbarkeit gegen das Wort, losgelöst von dem ewigen unvermeidlichen Seitenblick auf die Literatur, von der Unterordnung gegen den Dichter soll das Theater als Schau-, nicht als Sprech-bühne, der Theatermensch nicht als Sprech-, sondern als Schauspieler in des Wortes eigentlichem Sinne in seine Rechte eingesetzt werden.
Die Pantomime ist – so der Kern der von Alexander Tajroffs Mitarbeiter Marholm gestern mittags im Volkstheater gegebenen Aufschlüsse – die Urzelle und die bleibend belebende Kraft des Tajroffschen Bühnenstils. Rhythmus, Aktion und Dynamik im belebten wie im unbelebten Körper sind die Grundprinzipien der Stilrichtung. Erfüllt die Praxis das, was das theoretische Programm entwickelt – und die Illustrationen der Jubiläumsfestschrift vom Dezember v. J. sprechen sehr dafür – so wird man im Gegensatz zu vielerlei unerquicklicher intellektueller Bindung anderer Theaterreformatoren bei Tajroff ein wohltuendes Vorherrschen kräftiger, gesunder Sinnlichkeit, eine ausgesprochene und universelle Betonung des Visuellen erleben dürfen.
Der Landsmann Tajroffs, Pitojeff, der kürzlich durch sein Gastspiel so großen Erfolg errang, steht, wenn vielleicht auch nicht ganz so radikal, auf einem ähnlichen Standpunkt, daß sich jedes Kunstwerk selbst seinen Bühnenstil diktiert, und großzügige Zeitlosigkeit liegt auch um seine Inszenierungen. Tajroff verfolgt dieses Prinzip bis zum Ende seiner Konsequenzen. Sein Theater, dessen Repertoire von der Operette bis zur Tragödie, von Girofle-Girofla bis zu Salome und Romeo und Julia schlechthin alles umfaßt, was des Theaters ist, hüllt jedes Stück in eine geschlossene Stilatmosphäre, die gerade, weil sie mit der historischen nichts zu tun hat, gerade weil sie nie Wirklichkeit war, eben die richtige Atmosphäre der Kunst sein soll.
Darf man bei dem demnächst beginnenden Gastspiel Tajroffs auf eine Sensation gefaßt sein? Im Sinne ausgefallener exotischer Eigenart gewiß nicht. Es ist gesunde Entwicklung, was er verficht.— Aber sind wir denn nicht eigentlich schon dort angekommen, wo alles Gesunde unerwartet und darum Sensation ist?
In: Wiener Zeitung, 13.6.1925, S. 5.
Hugo v. Hofmannsthal: Eugene O’Neill
Hugo von Hofmannsthal: Eugene O’Neill (1923)
Dieser Aufsatz des österreichischen Dichters ist auf die Bitte der New-Yorker Revuesiehe: Ausstattungs-Revue bzw. Politisches Kabarett „The Freeman“ geschrieben worden, er erscheint hier zum ersten Mai in deutscher Sprache.
Als wir in diesem Sommer im Rahmen der Salzburger Festspiele ein Stück von mir in der Inszenierung von Max Reinhardtgeb. am 9.9.1873 in Baden/Niederösterreich – gest. am 30.10.1943 in New York (bis 1904 Namensschreibung: Max Goldmann... auf die BühneGegründet 1924 durch den umstrittenen Zeitungsunternehmer Emmerich Bekessy, erschien die Zs. ab 6.11.1924 als Wochenzei... brachten – genauer gesagt war es eine Kirche, die den Schauplatz unserer Aufführungen bildete: und das Stück war eine Art von Mysterium, ein Spiel mit einer sozusagen synthetischen oder symbolischen Handlung und Elementen von Allegorien – da war es, daß einige von den amerikanischen Zusehern, die wir hatten, mir zuerst den Namen von O’Neill nannten und mich sehr neugierig machten, indem sie mir den Inhalt von Emperor Jones und The hairy ape erzählten.
Ich habe später diese beiden Stücke gelesen, dann auch Anna Christie und The first man, aber natürlich nur für mich und ohne eine andere Absicht, als diese dramatischen Arbeiten kennen zu lernen, deren Erfindung stark genug gewesen war, daß sie in der eiligen Nacherzählung schon als echte dramatische Anekdoten in meiner Phantasie haften blieben, und an ihnen zu lernen: denn man lernt stets an der Arbeit eines Zeitgenossen, und wir laufen alle nach dem gleichen Ziel.
Ganz überraschend aber kam mir die Einladung, meinen Eindruck und meine Gedanken nach dieser Lektüre in einen Aufsatz zu formulieren der für amerikanische Leser bestimmt sein soll. Aber man soll nie einen Auftrag abweisen, der uns zwingt, über eine Frage unseres eigenen Handwerks in dem Maß von Klarheit vorzudringen, das eine öffentliche Äußerung verlangt.
Ich begreife vollkommen, daß diese Stücke und einige, die vorher kamen, Herrn O’Neill die Stellung des ersten unter den lebenden Dramatikern Amerikas gegeben haben. Alle diese Stücke sind durch und durch und von der Wurzel aus, Theater. Sie haben einen scharfen Umriß und eine solide Konstruktion auch in den Fällen, wo sie nicht, wie The Emperor Jones, auf einer neuen und frappierenden Erfindung beruhen. Ihre konstruktive Stärke und Durchsichtigkeit wird noch verstärkt durch gewisse Methoden, die zur Arbeitsweise dieses Autors (und ich darf vielleicht vermuten, zum Geschmack der amerikanischen Rasse) gehören: die rhythmische Wiederholung, sei es der Situation, sei es gewisser Worte oder Motive wie jenes Motiv des „belong“ in The hairy ape, das von Szene zu Szene stärker werdend, das Gefälle der geradlinigen Entwicklung so deutlich akzentuiert— dann die Vorliebe für eine starke eindrucksvolle Antithese wie jene zwischen dem Seeleben und dem Landleben in der Anna Christie oder die zwischen kleinbürgerliche Enge und freierer Moral im First man. Der Erfindung ist immer viel von dem visuellen Element beigemischt, das das Theater — und vielleicht besonders das moderne Theater— // verlangt… Der Dialog ist wirklich stark, manchmal sehr direkt, manchmal von einem gewissen brutalen und pittoreskem Lyrisme. Aber dies vorausgeschickt, scheint mir die Art, wie Herr O’Neill seinen Dialog handhabt, Anlaß zu einiger Reflexion ganz allgemeiner Art zu geben. Nämlich – die primäre Wichtigkeit der dramatischen Erfindung der Anekdote, des plot zugegeben – ist es doch der Dialog, an welchem das eigentlich Creative des dramatischen Autors zur Offenbarung kommt. Wenn ich dies sage, meine ich nicht die lyrische Qualität eines Dialoges noch seine rhethorische Stärke – keines dieser Elemente kann für sich allein den Wert eines dramatischen Dialoges entscheiden – noch seine Qualität als Literatur überhaupt (wofern wir uns auf diese Scheidung der Begriffe Literatur und Theater einlassen wollen), sondern den Dialog, der alle diese Elemente vereinigt und noch eines dazu, das vielleicht das Wichtigste von allen ist: das Mimische. Ein wahrhaft dramatischer Dialog enthält nämlich nicht nur die Motive, von denen eine Figur bewegt wird – und zwar sowohl diejenigen, welche die Figur zu enthüllen willig ist, als die, welche sie zu verschweigen strebt – sondern er enthält auch, und das Wie davon ist eben ein schöpferisches Geheimnis, die Suggestion der Erscheinung dieser Figur und zwar nicht nur den visuellen Teil ihrer Erscheinung, sondern auch den andern, gleichsam metaphysischen – das wodurch ein Mensch im Augenblick, da er ins Zimmer tritt, sympathisch oder Furcht einflößend, aufregend oder behaglich wind und wodurch er die Luft um uns trivialer oder feierlicher macht. Je stärker ein dramatischer Dialog ist, desto mehr von diesen Spannungen der Atmosphäre wird er mit sich tragen und desto weniger wird er den Bühnenanweisungen anvertrauen. Shakespeare – man soll aber vielleicht diesen gigantischen Schatten, der uns alle zu Pygmäen macht, nicht oft beschwören und höchstens für einen Augenblick – gibt fast nichts in den Bühnenanweisungen und alles im Dialog; und irgendwie gibt er darin das rein Visuelle – ohne es zu erwähnen: aber wir wissen, daß König Lear ein hagerer hochgewachsener, und daß Falstaff ein fetter aber nicht kleiner Mann ist.
Ein meisterhafter dramatischer Dialog gleicht in seinen Wendungen den Bewegungen eines hochrassigen Pferdes: sie sind sparsam und zielbewußt, aber zugleich und ohne es zu wollen verraten sie einen solchen Reichtum von Leben im Blut, daß sie niemals wie die Ausführung einer Absicht, sondern immer wie die Verschwendung eines unerschöpflichen Überflusses erscheinen. Dies erreicht der Dialog von Strindberg in seinen besten Arbeiten, der von Ibsen in seltenen Momenten, der von Shakespeare freilich immer und mit der gleichen Gewalt in den Schrecken von Macbeths Mordanschlägen als inmitten der scheinbar albernsten Wechselreden seiner Clowns. Gemessen an diesem Ideal – und ich kritisiere nicht, sondern ich reflektiere – scheinen mir die Figuren in den Stücken von O’Neiil ein wenig zu direkt nur das zu sagen, was sie //gerade sagen wollen; sie scheinen mir zu fest in ihrer augenblicklichen Situation zu stecken; zu wenig umwittert von der eigenen Vergangenheit, die uns alle in der Form des Halbbewußtseins ständig umgibt wie ein feiner Nebel, und gerade darum, durch eines jener Paradoxa, welchen das geistige Schaffen unterliegt, auch wieder nicht fest genug in der Gegenwart. Manches, was sie sagen, erscheint mir gar zu aufrichtig und dabei nicht überraschend genug; denn die letzte Aufrichtigkeit, die aus einem Menschen herauskommt, ist immer sehr überraschend. Ihr Schweigen überzeugt mich nicht immer, und es ist mir oft nicht beredt genug, ihr Übergehen von einem Thema zum andern oder Zurückkommen auf das Hauptthema erscheint mir nicht genug absichtslos, mit ihren Ausrufungen und Flüchen gehen sie mir zu verschwenderisch um und machen mich dadurch ein wenig kälter gegen, das, was aus ihrem Mund kommt und in den Wiederholungen sehe ich jenes „Insistieren“, das – auch in der szenischen Erfindung –bis zu einer gewissen Grenze eine Stärke, von dieser Grenze an aber eine Schwäche des dramatischen Stiles bildet. Das Wesen des Dramatischen ist Bewegung, aber es ist gehemmte Bewegung. Ich würde nicht wagen, zu entscheiden, ob die motorischen oder retardierenden Elemente eines Dramas die wichtigeren sind, aber jedenfalls ist es erst die Durchdringung dieser beiden Elemente, welche den wahrhaft dramatischen Dialog schaffen. In Shakespeares Stücken ist keine Verszeile, welche nicht irgendwie dem Ablauf des Stückes diente: aber wenn wir den Text eines Stückes daraufhin durchgehen, so dienen sie dem Ablauf auf eine höchst indirekte Weise: indem sie sich zum Schein ihm entgegenstellen. Neun Zehnteile des Textes einer Tragödie oder Komödie von Shakespeare sind Abschweifung, Einschiebung, Brechung des direkten Strahles, kurz retardierende Motive jeder Art und sie sind es, durch welche die Plastizität des Geschehens hergestellt wird und durch welche der nackte Ablauf der Handlung in die Atmosphäre gehüllt wird, die das eigentlich Zusammenhaltende in diesen Dramen ist. Man versuche die Kette der Geschehnisse in Antonius und Kleopatra ablaufen zu lassen, indem man jene unsagbare Atmosphäre von Prunk und Trauer, erfülltem Geschick und vernichtetem Stolz, Orient und Okzident, Einsamkeit und Menschengedränge, die der Dialog gebiert, wegließe: Was übrig bleibt ist ein verworrener und inkoherenter Film. So sind Hauptmanns beste Stücke recht pedantisch und dabei ungenau charakterisiert, wenn man sie als Exempel des Naturalismus bezeichnet. Die dramatischen Ausgeburten des doktrinären Naturalismus, etwa die Dramatisierungen von Romanen der Goncourts, die man vor vierzig Jahren versucht hat, haben schulmäßig, ich meine für die Geschichte des Theaters, eine gewisse Bedeutung, aber sie haben keine Leben und hatten keines, als sie frisch waren: es fehlt ihnen völlig an der Luft, wogegen in Hauptmanns Stücken diese Lebensluft das Ganze zusammenhält,// die Lebensluft, die sich geheimnisvoll einstellt, sei es in einem Drama, sei es auf einer gemalten Leinwand durch den Reichtum genau richtiger und zueinander stimmenden Farbschwebungen, durch das was die Malerei le rapport des valeurs nennt. Und was Strindbergs Stücke zusammenhält, ist gleichfalls nicht die erzählbare Anekdote, sondern ihre Atmosphäre zwischen Wirklichkeit und Traum. Das europäische Theater ist eine alte Institution, und sie ist beladen mit den Erfahrungen und voller mißtrauischen Wachsamkeit eines alten, aber noch kräftigen Wesens. Wir wissen, daß das motorische Element des Dramas ein ehrgeiziges Element ist und immer wieder danach strebt, sich zu emanzipieren. Aber wir wissen auch, daß das höhere Drama im Ineinander des motorischen und statischen Elements seine Kraft hat und immer gehabt hat – von Äschylos an bis auf unsere Tage – und darum sind wir mißtrauisch gegen diese Emanzipationen. Das neunzehnte Jahrhundert hat ihrer mehrere gesehen, und sie haben jedes Mal das dramatische Hervorbringen erniedrigt und auf einen toten Punkt gebracht. Immer wieder besteht die Gefahr, daß das rein motorische Element – einmal verkleidet als Idee, als These, als Problem, ein anderes Mal unter der Bezeichnung Intrige oder ganz einfach als Virtuosität des Sceneariums – den Sieg davontrage über die zarte und schwierige, aber unerläßliche Vereinigung von Treibendem und Beharrendem, oder um es mit einem anderen Wort zu sagen, über das untrennbare Ineinander von Gestaltung und Handlung. Sardou, hierin der Erbe von Scribe, Sardou hat das Theater geschaffen, das in seinem absoluten Sieg des männlichen, des Handlungselementes über jenes andere Mildere gleichsam weibliche Element durch 20 Jahre alle europäischen Bühnen beherrschte – und in seinen Nachfolgern, einem Sudermann, einem Henri Bernstein, einem Pinero noch viel länger als 20 Jahre – das die Bewunderung der internationalen Bourgeoisie war und den wilden Haß der Künstler erregte. Es war ein Theater, in welchem richtig, aber ohne jeden irrationalen Überfluß gezeichnete Figuren den Ablauf eines scharfsinnig ausgedachten Scenariums mit mechanischer Präzision herbeiführten, und zwar in einem völlig luftleeren Raum. Sardou hatte für seinen Stil das Wort geprägt: la vie par le mouvement und ihm setzten die anderen das Schlagwort entgegen: le mouvement par la vie. Die anderen, das waren alle Künstler, denn es gehörte Zola dazu, ebenso wie Villiers de l’Isle-Adam, und zu ihren Ausläufern gehörte noch der junge Strindberg, aber ihr stärkster Repräsentant als Mann des Theaters war Antoine. Für einen Augenblick hat dann vielleicht das Pendel der europäischen Entwicklung zu sehr nach der andern Seite ausgeschwungen, und es mag dies der Grund sein, weshalb eines so starken Dramatikers wie Hauptmanns Stücken der Weg über die Bühnen außerhalb Deutschland versperrt bleibt. Denn im deutschen Publikum ist der Sinn für das statische Element sehr // groß und die Geduld für das retardierende Spiel der psychologischen, charakterisierenden und lyrischen Motive fast übermäßig entwickelt. – Hauptmanns Arbeiten sind in dieser Beziehung vielleicht das gerade Widerspiel der Stücke von O. Neill. Wo O. Neill sich ganz der Einheit seiner ersten Emotion anvertraut und der daraus entspringenden Kette von starken einprägsamen Bildern – die freilich gegenüber der Vielfalt der Welt einen fast balladenhaft vereinfachten Aspekt bieten – legt Hauptmann alles auf die Plastizität der Figuren an, die er aus einem tausendfach getönten Halblicht hervortreten läßt, durch ein ruhiges Nebeneinandersetzen kleiner und kleinster Lebenszüge, die aber alle wahre und zuweilen nie vorher gesehene valeurs sind. Seine Handlung kommt dabei nicht sehr stark vorwärts und seine Szenen sind auf den ersten Blick weder bildhafte noch motorische Einheiten, sondern fast konfus. Aber was sie stark macht und sie rythmisiert, ist eine durchgehende, niemals intermittierende Beseelung. Das ganze ähnelt der Methode von Rembrandts Radiernadel.
Aber indem er dieser Arbeitsweise treu bleibt und sich um den Zuseher so wenig bekümmert, daß er fast in Gefahr kommt, ihn zu verlieren, sammelt er einen solchen Reichtum von innerem Leben in seinen Figuren an, daß seine letzten Akte dann sehr stark sind, erfüllt von einer fast explosiven Gewalt ohne irgend einen Zusatz von maschinellen Spannungen; ein ähnliches Beispiel, auf einer ähnlichen Arbeitsweise begründet, bildet der letzte Akt der Wildente von Ibsen, dem Meister, von dem Hauptmann am meisten gelernt hat. Bei O. Neill dagegen scheinen mir die ersten Akte das Stärkste zu sein, während seine Stücke gegen den Schluß hin, ich will nicht sagen zusammenbrechen, aber unleugbar schwächer werden. Der Schluß von The hairy ape sowohl als der von Emperor Jones haben etwas allzu richtiges, allzu erwartetes; für unser complexeres europäisches Gefühl ist es ein wenig enttäuschend, daß der Pfeil so genau dorthin trifft, wohin wir ihn die ganze Zeit haben fliegen sehen und der Schluß von Anna Christie wieder ebenso wie der von The first man haben etwas Ausweichendes, ein wenig Unsicheres. Der Grund scheint mir eben darin zu liegen, daß in allen diesen Stücken der Dialog sich mit Lebensmotiven nicht so vollgesogen hat, daß der Dichter ihn zum Schluß wie einen vollen Schwamm einfach auszudrücken brauchte. Aber ich habe einem Autor vom Rang dieses Dramatikers keine Ratschläge zu geben, alles dieses ist mehr bei Gelegenheit von O. Neill gesagt als über ihn, nicht Kritik, sondern ganz allgemeine dramaturgische Reflexion, angeregt durch die Betrachtung seine Werke. Seine Qualitäten als Dramatiker sind heute schon sehr groß, aber er wird ohne Zweifel noch viel weiter vorwärts kommen, wenn sich im Laufe der Jahre bei ihm wie bei jedem schöpferischen Menschen eine noch größere Freiheit gegenüber seiner Materie, ja gegenüber dem eigenen Talent, einstellen wird.
In: Das Tagebuch, H. 25/1923, S. 888-892.
Franz Herterich: Regie von heute
Franz Herterich: Regie von heute (1936)
Das Theater war in den siebziger Jahren des XIX. Jahrhunderts zu einem bürgerlichen Unterhaltungsmetier geworden, ohne Problematik, ohne große Ideen, Oberflächenkunst ohne geistige Vertiefung. Von einer Regie in dem umfassenden Sinne, wie wir sie heute verstehen, konnte nicht die Rede sein. Für eine Uraufführung der Sappho standen z. B. am BurgtheaterMaterialien und Quellen: Johannes Sachslehner: Ein Mythos wird angeschlossen. Zur Machtübernahme der Nazis im Burgtheat... drei Proben zur Verfügung; eine erstmalige Julius Cäsar-Aufführung bewältigte Heinrich Laube, der Begründer der Wortregie, mit acht Proben. Das sind für unsere heutigen Regiebegriffe lächerlich geringe Zahlen. Drei bis vier Wochen sind das Mindeste, was heute ein großes Theater für eine Neuinszenierung benötigt, nicht zu sprechen von den 150 Proben, die man im heutigen Moskau einer neuen Aufführung zuwendet.
Der Naturalismus der Bühne, der Impressionismus in der bildenden Kunst, räumten nicht nur mit dem selbstherrlichen Dekorationskitsch auf, sondern auch mit dem süßlich-neckischen oder makartisch schwungvollen Kostümplunder und setzten an dessen Stelle die sinngemäße logische Notwendigkeit. Das falsche Pathos, die plastisch schöne Geste, die schwulstige konventionelle Konversationsästhetik mußten einem unerbittlichen Ernst, einer schlichten Wirklichkeitsnähe weichen, das verlogene Schönheitsideal einem fanatischen Wahrheitswillen.
Dieser Zeitgeist war die eigentliche Geburtsstunde der Schauspielregie, denn Laube, der Herzog von Meiningen und einige andere waren nur einseitige Vorkämpfer. Nun aber war der Regisseur nicht nur der dramaturgische Kontrolleur des Dichtwerkes, nicht nur der Wortgestalter im Verein mit dem Darsteller, nicht nur der historisch getreue Gestalter der Szene, sondern der die Aufführung als einheitliches harmonisches Gesamtwerk aufbauende Geist. Weder der Darsteller noch der Bühnenmaler noch der Musiker konnten ihre bisher ziemlich willkürliche Auffassung ihres Anteils an der Aufführung weiter durchsetzen, alle mußten sich einer grundsätzlichen Auffassung, einem einheitlichen Regiegedanken unterordnen oder zumindest einordnen. Jede Aufführung mußte ihren Stil, ihre Eigenart, ihre Besonderheit, ihre Stimmung haben. Nicht mehr ein Potpourri von an sich vielleicht ausgezeichneten Einzelleistungen strebte man an, sondern das Richard Wagnersche Ideal eines Gesamtkunstwerkes, in dem nichts aus dem Rahmen fallen sollte, sondern trotz der Vielheit der mitgestaltenden Künstler eine geschlossene einheitliche Leistung bilden mußte. Um das zu erreichen, war der Regisseur berufen. Es ist verständlich, daß sich anfangs Autoren, Darsteller, Ausstattungskünstler und Komponisten gegen diese scheinbare Vergewaltigung auflehnten, besonders wenn eigenwillige Regisseure etwas abseitige Tendenzen durchsetzen wollten, aber es dauerte nur wenige Jahre, bis sich der Gedanke der notwendigen Subordination unter die prinzipielle Einheitlichkeit jeder Aufführung durchsetzte. Heute sind es gerade die ersten Künstler, die eine starke Hand des Regisseurs lieben und die sich am bereitwilligsten in eine gleichwertige Umwelt auf der Bühne einfügen, weil diese allein ihnen die Möglichkeit einer tiefen Resonanz des eigenen seelischen Erlebens gibt, eine Steigerung des eigenen Ich zur völligen Hingabe.
Diese völlige Hingabe, dieses Sichhineinsteigern, diese geistige Vertiefung zu ermöglichen und durch ein homogenes, unaufdringliches, nicht ablenkendes Bühnenbild, durch eine stimmungsvolle Beleuchtung zu umrahmen, das ist die wahrste, schwerste und höchste Aufgabe des Spielleiters. Es handelt sich also nicht, wie so viele Laien glauben, um die präpotente Eitelkeit eines selbstgefälligen skurillen Besserwissers, um die arrogante Spielerei eines Theaterfaiseurs und Auslagenarrangeurs, sondern um das uneigennützigste Einfühlungsvermögen in die Dichtung, in den Darsteller, in das Bühnenbild und nicht zuletzt in die Aufnahmsfähigkeit des jeweiligen Publikums.
Der Regisseur ist ein Diener am Werk, wie jeder an der Aufführung Beteiligte, ein Diener freilich, auf dem die ganze Verantwortung für das künstlerische und geschäftliche Gelingen einer Aufführung lastet.
Was hat der Dichter davon, wenn sein Werk ungestrichen und nach seinen Intentionen aufgeführt wird? Er ist ja nicht so mit allen Finessen des Theaters vertraut, kennt auch das jeweilige Theaterpublikum nicht. In dem unbedingten Glauben an sein Werk fehlt ihm naturgemäß die objektive Distanz zu diesem. Und so muß der Regisseur der Lotse sein, der das neu gebaute Schiff glücklich aus dem Hafen steuert.
Auch der Darsteller sieht das Stück nur von seiner Rolle aus, der Bühnenbildner nur von der visuellen Seite. So muß der Spielleiter der richtunggebende Geist sein, der die Grenzen und Möglichkeiten abschätzt und durch die eigene Phantasie belebt und erweitert.
Das sind die Aufgaben des heutigen Spielleiters, die zugleich das Niveau des jetzigen Theaters bestimmen. Wir leben in einer Zeit der Synthese, d. h. wir experimentieren nicht mehr wie in den Übergangsjahren nach dem Krieg, wir versuchen keine Inszenierungsprobleme, wie sie das Russische Theater vor die Rampe stellt, sondern wir wählen ganz einfach für jedes Stück die geeignetste Form, es lebendig werden zu lassen.
Im großen und ganzen geben uns auch die heutigen Dichter keine neuen besonderen Inszenierungsprobleme auf. Sie alle, Mell, Ortner, Wenter, Zuckmayer und ihre Zeitgenossen streben nach Vereinfachung, Verinnerlichung und nach geistiger Vertiefung. Ihre Sprache ist ebenso weit entfernt von einer künstlich-gewollten Pathetik wie von einer naturalistisch übertriebenen Wirklichkeitstreue oder einer pedantischen archäologisch historischen Stilechtheit. Eine gesunde, kraftvolle Sprache, eine von psychopathischen und krankhaften Elementen freie Handlung und eine uns, sei es historisch oder modern, vertraute Umwelt, das sind die Linien, die dem Spielleiter in die Hand gegeben werden.
Und wenn der Spielleiter auch eigene Regieexperimente durchführen wollte, beschneidet ihm schon die spartanische Sparsamkeitswelle hochfahrende Pläne, zwingt ihn die unerbittliche Theaterkasse auf den Boden der Wirklichkeit nieder.
Er weiß zudem am besten, daß der Existenzkampf des lebendigen Theaters gegen Film und Fernsehfunk einzig mit der Waffe geistiger Vertiefung geführt werden kann.
Ein Wettstreit in Hinsicht auf grandiose Ausstattung und Billigkeit der Eintrittspreise ist hoffnungslos, die Tochterkünste sind darin weit überlegen, aber nie werden sie die Unmittelbarkeit des Erlebens und die Tiefe geistiger Gestaltung erreichen. Diese Unmittelbarkeit und Geistigkeit immer intensiver zu gestalten, ist die wichtigste Zukunftsaufgabe des Regisseurs.
Nur bei festspielartigen Aufführungen, wie z. B. bei den Jedermann– und Faust-Aufführungen in Salzburg, ist ihm ein breiterer Raum gestattet, der Schaulust und Festesfreude entgegenzukommen. Aber auch bei solchen exzeptionellen Darbietungen sind Geist und
Seele die tieferen Elemente einer schöpferischen Regie.
In: Österreichische Kunst, Nr. 11/1936, S. 29.
Irene Harand: Was wir wollen
Irene Harand: Was wir wollen (1933)
Was sich heute in Deutschland abspielt, ist allgemein bekannt. Kein Zweifel: die überwiegende Mehrheit der Menschen mißbilligt die Schandtaten Hitlers. Ein großer Teil ist über seine Brutalitäten empört. Aber nur ein geringer Teil unserer Erdenbewohner erfüllt seine Pflicht. Als zu Beginn dieses Jahres Hitler die Macht in Deutschland ergriff und die ersten Rückwirkungen des Blutrausches sich in Deutschland deutlich zeigten, erachtete ich es als meine Pflicht als Christin und Mensch meine Stimme gegen den Antisemitismus zu erheben. Ich schrieb eine Broschüre gegen den Rassenhaß, die mir zwar Anerkennung aber auch Beschimpfungen einbrachte. Seither wurde das Hakenkreuz in Österreich stark zurückgedrängt. Es wühlt aber zweifellos im Verborgenen weiter. Und in der großen weiten Welt geschieht sehr wenig, um dem geschändeten Rechte Genugtuung zu verschaffen. Wohl hört man von Kongressen und von Komitees, die sich in allen Ländern bilden. Tapfere Männer schreiben geistreiche Zeitungsartikel, in Amerika ringt ein mutiger Anwalt um Gerechtigkeit für die Opfer Hitlers. Alle diese Aktionen haben sich bis heute noch nicht zu einer rettungbringenden Tat verdichtet. Ich kann es gar nicht fassen, daß die Menschheit sich mit dem heutigen Zustand in Deutschland abfindet. Es ist viel zu wenig, wenn verlangt wird, daß Hitler die Judenverfolgungen ein-//stelle. Wir dürfen nicht ruhen, bis wir nicht Deutschland gezwungen haben, Hitler und seine Helfershelfer zur Rechenschaft zu ziehen und allen Menschen, die an Leib oder Vermögen geschädigt wurden, vollen Schadenersatz zu leisten. Masaryk, der Präsident der tschechoslowakischen Republik, hat den Weg gezeigt, wie der Völkerbund eingreifen könnte. Die innere Politik Deutschlands führt dazu, daß ein Massenstrom von Flüchtlingen sich über Europa ergießt. Wie kommen die anderen Länder dazu, meinte Masaryk. die Lasten zu tragen, die die selbstverständliche Asylgewährung an die Unglücklichen mit sich bringt? Wenn es wirklich wahr ist, daß Deutschland zum Krieg rüstet, so ist es eine unglaubliche Leichtfertigkeit zu warten, bis es Hitler mit Hilfe seiner Giftgase und Mikroben gelingt, ganz Europa gleichzuschalten. Und wenn er keine Giftgase, sondern nur eine große Schnauze hat, so ist es doppelt verdammenswert zu dulden, daß im Herzen Europas das finsterste Mittelalter seine Auferstehung feiert, daß Menschen gefoltert, gedemütigt, „auf der Flucht erschossen„, und ihre Familien dem größten Elend preisgegeben werden. Es ist eine ausgesprochene Torheit zu glauben, daß der Fluch der Hitlerschen Politik auf Deutschland beschränkt bleiben kann. Nicht umsonst nennt man die Hitler-Bewegung die „braune Pest.“ Die Vorsehung hat uns eine Atempause gewährt. Wer ruhig sitzt und sich in Sicherheit wiegt, der ist ein Verräter an sich und seiner Familie. Vielleicht gelingt es uns doch, die Menschheit noch rechtzeitig aufzurütteln. Noch nie haben wir Christen eine so glänzende Gelegenheit gehabt, durch Taten unsere Nächstenliebe zu betätigen. Es ist nicht wahr, daß das Volk von Natur aus das Böse will. Die Massen sind gut. die Massen sind mitleidvoll. Sie nehmen immer für den Schwachen Partei. Wecken wir die schönen Instinkte in den Menschen! Machen wir das Gegenteil von dem was Hitler getan hat! Klären wir die Menschen auf! Beweisen wir ihnen, daß der Weg, den Hitler zeigt, über ein Meer von Tränen, Jammer und Elend führt und keineswegs die Menschheit zum Glücke, sondern zum Verderben führt. Als ich im Frühjahr dieses Jahres den Kampf gegen den Antisemitismus aufgenommen habe, wurde mein Unternehmen als kühn und lächerlich bezeichnet. Die Ereignisse haben mir recht gegeben. Ich will nicht aufhören zu kämpfen, bis der Glaube verschwunden ist, daß man sein eigenes Glück schmieden kann, wenn man seine Mitmenschen ins Unglück stürzt.
Zur Vermeidung von Mißverständnissen! Es handelt sich hier nicht um eine Zeitung im landläufigen Sinne. Ich und meine Freunde wollen uns nicht darauf beschränken Artikel zu schreiben und Einzelheiten über deutsche Greuel zu veröffentlichen. Wir wollen vielmehr die Welt zu Taten aneifern. Es bestehen Konventionen gegen den Rauschgifthandel, gegen die Sklaverei, gegen den Mädchenhandel. Die Greueltaten des Hakenkreuzes haben es notwendig gemacht, daß alle gesitteten Völker sich zu einer Menschenschutzkonvention vereinigen, um die Schande zu beseitigen, die das jetzige Regime in Deutschland verkörpert. Sie werden nicht nur den gepeinigten Menschen in den Kerkern und Konzentrationslagern die Erlösung, sondern dem ganzen deutschen Volke die Rettung bringen. In diesem Sinne soll unsere Zeitung wirken.
In: Gerechtigkeit, Nr. 1, 6.9.1933, S. 1.
Irene Harand: Judengesetze und deutsche Ehre
Irene Harand: Judengesetze und deutsche Ehre (1935)
In jedem Menschen stecken in verschiedenem Grade bestialische Instinkte. Der Kultur und der Zivilisation ist es bisher gelungen, sie im Zaume zu halten. Religion und Strafgesetz verhinderten ihre Entwicklung. Es gibt allerdings eine große Anzahl von Menschen, die aus Furcht vor der Hölle oder dem Kerker ihre bösen Triebe nicht zu meistern verstehen.
Bis zum Weltkriege standen an der Spitze der meisten Staaten Regierungen, die den ehrlichen Willen bekundeten, durch [Wahr]rung der Religion und Moral die Nächstenliebe und die Achtung vor dem Leben und der Ehre unserer Mitmenschen zu fördern. Nun kam der Weltkrieg. Er brachte eine furchtbare Umwälzung in der Denkweise der Welt. Die Religion wurde als Nebensache behandelt, ja sogar in manchen Staaten wie Rußland und Mexiko brutal unterdrückt. Die Strafgesetze wurden überall aufrechterhalten, doch vermochten sie nicht die Hemmungen zu ersetzen, die der Glaube aufrichtete, und Verbrechen zu verhindern. Nirgends aber — auch in Rußland nicht — wurde der Haß gegen den Nächsten zum Staatsprinzip erhoben, die Lüge als Erziehungsmethode zum Leitstern der Regierungsart gemacht.
Dem Hakenkreuz ist es vorbehalten worden, diese Ungeheuerlichkeit zu verwirklichen. Wer die Berichte über den Nürnberger Parteitag gelesen und die Reden, die die Führer Deutschlands dort gehalten haben, gehört hat, der konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, daß im Herzen Europas ein Staat existiert, der den schönsten Tugenden der Menschheit, der Wahrheit und der Nächstenliebe, den offenen Krieg erklärt hat. Schon einige Zeit vor dieser Tagung, die für ewige Zeiten das deutsche Volk und die deutsche Ehre mit Schmach beladen hat, konnte man in den Zeitungen lesen, daß es durch ein besonderes Gesetz den jüdischen Kindern unmöglich gemacht würde, deutsche Schulen zu besuchen. Es werden Judenschulen errichtet, damit Kinder von Juden und Judenstämmlingen eine abgesonderte Erziehung genießen. Die jüdische Menschengruppe soll dadurch diffamiert, gedemütigt, in ihrer Ehre und Menschenwürde getroffen werden. In das Herz des jüdischen Kindes soll das Gefühl der Minderwertigkeit eindringen, um ihm die wichtigen Waffen im Kampfe um das Dasein, das Selbstbewußtsein und den Lebensmut, zu rauben. Nur weil die Urheber dieser Schurkerei ihre tierischen Instinkte zur vollen Entfaltung brachten, war es ihnen möglich, eine solche Niedertracht gegen kleine, schwache und wehrlose Geschöpfe zu begehen, deren Schmerz über die ihnen zugefügte Zurücksetzung um so heftiger ist, als sie die Zusammenhänge nicht verstehen und nicht wissen, daß auch die Judenschulen, in die sie brutal hineingepreßt werden, nichts anderes sind als ein Akt der Gewalt einer mit Kanonen und Giftgasen, mit Kerker und Galgen ausgerüsteten Mehrheit gegen eine wehrlose Minderheit. Diese Kinder, deren Seele durch diese Demütigung schwer mißhandelt wird, wissen nicht, daß die Kulturwelt außerhalb Deutschlands mit Entrüstung und Abscheu auf die Gesellschaft hinblickt, der es gelungen ist, ein Regierungsprinzip zu verwirklichen, das den bösen Instinkten im Menschen freien Lauf läßt und den Sieg der Materie über den Geist als erstrebenswertes Ziel betrachtet.
Aber weder Hitler noch seine Kampfgenossen werden es verhindern, daß die genialen Anlagen, die in so manchem jüdischen Kinde genau so schlummern können wie im Geiste ihrer sogenannten arischen Schulgenossen, sich trotz Judenschulen und trotz Ghetto entwickeln und in späteren Zeiten bewirken werden, daß aus diesen Judenschulen Männer hervorkommen, die auf den verschiedensten Gebieten der Kultur sich als Wohltäter der ganzen Menschheit, auch der deutschen Menschen, betätigen können, in deren Namen ihnen das kindliche Lachen, die kindliche Freude, die Kindheit überhaupt gestohlen wurde.
Aber diese Judenschulen sind noch nichts im Verhältnis zu der Schurkerei, die am Nürnberger Parteitag gegen die Judenheit begangen wurde. Ich will die Frage des Verbotes der Mischehen nicht behandeln. Das tritt in den Schatten der Tatsache gegenüber, daß die Judengesetze „zur Verteidigung des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ geschaffen wurden. Auch das Verbot, Hausgehilfen unter einem bestimmten Alter zu halten, hatte den offensichtlichen Zweck, die Ehre der jüdischen Menschengruppe zu verletzen. Diese Gesetze haben von Staats wegen fast eine halbe Million Menschen ihrer Bürgerehre entkleidet und zu Menschen minderen Grades und minderer Rechte gestempelt. Die Wahrheit und die
Gerechtigkeit werden auf diese Weise von Männern geschändet, die berufen sind, ein Volk von 65 Millionen Menschen zu führen.
Ich habe oft genug zuletzt in meinem Buche „Sein Kampf — Antwort an Hitler“ nachgewiesen, daß die Behauptung des Hakenkreuzes, die jüdische Rasse wäre dem Blute nach minderwertig, eine infame Lüge sei. Ich wiederhole es heute, an dieser Stelle in meiner Eigenschaft als Christin, Deutsche und Mensch. Moses, Christus, die heilige Mutter Gottes, die Apostel, die der Menschheit die schönsten Tugenden beibrachten, waren jüdischen Blutes. Gelehrte wie Maimonides, Spinoza und Mendelssohn waren Juden. Wohltäter der Menschheit wie Ehrlich und Wassermann und hunderte anderer Ärzte und Erfinder gehörten dem Volke an, das das Hakenkreuz heute in so gemeiner Weise zu demütigen sucht. Juden wie Berliner, Markus und Schwarz haben die Menschheit vorwärts gebracht. Heine und hunderte anderer Schriftsteller, Künstler und Dichter jüdischen Blutes haben unseren Geist und unsere Seele erfreut und erfrischt.
Dieses seit 2000 Jahren verfolgte, gehetzte und gehaßte kleine Völkchen hat unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen Hervorragendes geleistet und der Menschheit gegenüber bei Gott seine Pflicht voll erfüllt. Weder zur Zeit als die Juden noch in ihrem eigenen Lande wohnten, noch in der späteren Zeit, als sie in fremden Ländern weilten, haben sie es an Tapferkeit, Opfermut, Barmherzigkeit und Nächstenliebe, Idealismus und höchster Sittlichkeit fehlen lassen. Die Fehler und Sünden, die ein Teil der jüdischen Menschengruppe während des Mittelalters und der Neuzeit begangen hat und noch heute begeht, belasten nicht ausschließlich diese Menschen, sondern auch uns Christen, weil wir Jahrhunderte hindurch den Juden die Möglichkeit genommen haben, einem ehrlichen Erwerb nachzugehen.
Wie können es Menschen, die an der Spitze eines Kulturstaates stehen, angesichts solcher Tatsachen, die zum ehernen Bestand der Weltgeschichte gehören, wagen, die Diskriminierung einer ihnen wehrlos ausgelieferten Menschengruppe durchzuführen und diese Missetat durch Gründe zu beschönigen, die im Widerspruch stehen zu historischen Wahrheiten, die kein gebildeter Mensch leugnen kann? Durch Lüge und durch die Entfachung der Haßinstinkte hat das Hakenkreuz die Macht ergreifen können, durch Lüge und Entfachung der Haßinstinkte klammert es sich weiter an die Macht. Das deutsche Volk wird nicht den geringsten Nutzen aus dem Verbot der Mischehen und aus der Demütigung der deutschen Juden ziehen. Dort, wo die Bestie nur geschlummert hat, wird sie bald geweckt werden. Dort, wo sie auf Betätigung lauerte, wird sie sich sehr rasch auf die Menschheit stürzen, und zwar nicht nur auf die Juden, die man ihnen zum Fraß hinwarf.
Welchen Vorteil hat das deutsche Volk aus der bisherigen Betätigung des Hakenkreuzes gezogen? Die Aufrüstung ist eine zweischneidige Sache. Wenn jetzt die Deutschen in einem Kriege unterliegen würden, haben sie keine Rücksicht und kein Erbarmen mehr zu erwarten. Hat doch das Hakenkreuz dem deutschen Volke den Stempel der Grausamkeit und der Erbarmungslosigkeit aufgedrückt. Die deutschen Massen haben aber noch nie so schwergelitten wie unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Die Führer des Hakenkreuzes haben unser Deutschtum durch die Märchen, die sie täglich auftischen und durch die Lügen, die sie verbreiten, in der ganzen Welt lächerlich gemacht und es ermöglicht, daß unsere Feinde den üblen Ruf, den sie über uns verbreiten, durch Tatsachen zu untermauern vermochten.
Gereicht es uns zur Ehre, daß man einen Einstein und einen Reinhardt, einen Ehrlich und einen Bruno Walter aus dem deutschen Kulturkreis ausschloß und der Welt einzureden versuchte, daß diese gottbegnadeten Menschenkinder schlechteres Blut haben als die Herren Göring und Goebbels, als Herr Streicher und seine schwachsinnigen Spießgesellen? Glaubt das Hakenkreuz wirklich, der Welt einreden zu können, daß alle die Mörder und Räuber, von denen einige in Deutschland hingerichtet werden, besseren Blutes sind als die Mehrheit der Juden, die redlich ihrem Erwerb nachgehen und nichts anderes verlangen, als daß man ihnen das Recht zum Leben einräume unter denselben Gesetzen und Bedingungen, die für ihre nichtjüdischen Mitmenschen in Geltung sind?
Nein, Sie irren, meine Herren. Diese Judengesetze treffen nicht nur die Juden. Sie treffen auch uns Deutsche, weil die gesittete Welt die lügenhafte Begründung dieser Scheußlichkeiten klar erkennt und genau weiß, daß die vielen Worte und Phrasen, die in Nürnberg zur Beschönigung der größten aller Gemeinheiten des Hakenkreuzes aufgewendet wurden, von denjenigen in erster Linie als Lüge und Verleumdung gewertet werden, die sie gegen die Juden zu verbreiten suchten. Wir Deutschen, die dem Machtbereich des Hakenkreuzes glücklicherw eise entrückt sind, legen schärfste Ver-//wahrung dagegen ein, daß man es wagt, solche Ungerechtigkeiten, ja, Verbrechen, im Namen der deutschen Ehre vorzubringen, die deutsche Ehre wird dadurch nur besudelt und beschmutzt. Es ist Pflicht aller Menschen, und in erster Linie die Pflicht der Deutschen, die deutschen Juden, die sich so tapfer im Frieden und während des Krieges gehalten und treu zur deutschen Heimat und zum deutschen Volke standen, aber auch die Judenheit der ganzen Welt, die das Hakenkreuz zu diffamieren suchte, um Verzeihung zu bitten für die Schande und den Schmerz, den ihnen irrsinnige und verbrecherische Menschen, geschützt durch Bajonette und Gewehre, zuzufügen sich erfrechten.
In: Gerechtigkeit, 19.9.1935, S. 1-2.
Irene Harand: Das echte Gesicht des Antisemitismus
Irene Harand: Das echte Gesicht des Antisemitismus (1933)
In der Schlußversammlung der Führertagung der katholischen Aktion in Österreich erstattete Univ.-Prof. Pater Dr. Wilhelm Schmidt das Referat über die Judenfrage, wobei er erklärte, daß man in Österreich „um die Regelung der Judenfrage nicht herumkommen kann, da sonst die Gefahr bestehe, daß sie später in gewaltsamer Weise gelöst werde, die weder dem österreichischen noch dem jüdischen Volke nützlich ist“. Dr. Schmidt begrüßte die Initiative des Dr. Czermak, dessen Ansicht nach auch auf der anderen Seite die Erkenntnis wachsen müsse, daß Zustände, wie sie bisher herrschen, nicht bleiben können. „Die Vormacht der Juden“, führte Dr. Schmidt aus, „kann nicht länger angehen. Das übermäßige Eindringen der Juden in den Lehr-, Arzt- und Advokatenberuf ist untragbar, weil unsere jungen Leute Brot brauchen. Die österreichische Jugend, selbst arbeitslos und oft willens, einen eigenen Hausstand zu gründen, findet viele Berufe in unverhältnismäßig hohem Maße von Juden besetzt und sieht das radikale Beispiel des Dritten Reiches in der Behandlung der Judenfrage vor Augen. Der jüdische Einfluß auf Kino, Theater und Presse ist im Verhältnis zur jüdischen Bevölkerungszahl übermäßig.“
Ich glaube, daß Herr Dr. Schmidt den Juden keinen besseren Dienst erweisen konnte, als durch diese offene Sprache. Es geht also wirklich nur um eine Magenfrage! Durch die grenzenlose Unfähigkeit unserer Politiker, aber auch der Staatsmänner der ganzen Welt, ist die Menschheit an den Rand des Abgrundes gebracht worden. Trotz der ungeheueren Fruchtbarkeit der Erde, trotz der märchenhaften Vervollkommnung der Technik und der dadurch bedingten Vermehrung der Lebensmittel und Bedarfsgegenstände gibt es Hunderte Millionen von Menschen, die hungern und Not leiden. Es gibt Dutzende Millionen von jungen Menschen, die gerne arbeiten würden, um ihren Unterhalt zu bestreiten. Diese Menschen finden aber keine Beschäftigung, sie fallen ihren Eltern zur Last, und wenn sie keine Stütze haben, gehen sie betteln oder werden zu Verbrechern. Es gibt Zehntausende von Akademikern, die sich keine Existenz und keinen Hausstand gründen können. Diese für die Menschheit beschämenden Tatsachen habe ich wiederholt in Versammlungen und in meinem Blatte angeprangert.
Wie will nun Herr Dr. Schmidt und wie wollen die Antisemiten überhaupt Abhilfe schaffen? Ihr Rezept ist einfach: Sie greifen eine Gruppe von Menschen, die heute noch arbeiten können oder eine wenn auch noch so kümmerliche Existenz haben, heraus, sie wollen diese Menschen aus dem Produktionsprozeß und aus dem Arbeitsprozeß ausschalten und so sie und ihre Familien dem Hunger, dem Elend preisgeben und zu Parias der Gesellschaft machen. Wer soll aber vom Arbeitsplatz entfernt und an wessen Stelle sollen die Arbeitslosen gesetzt werden? Nun, das ist doch eine sehr leichte Sache. Wer ist in diesem Staate wehrlos und schwach? Wer ist der Prügelknabe der Menschheit seit zweitausend Jahren? Wen kann man der Masse als Freibeute hinwerfen, wenn man in Verlegenheit ist? Wer kann zum Opfer der bösesten Instinkte gemacht werden? Der Jude. Zu diesem probaten Mittel hat man zu unserer Schande noch immer seine Zuflucht genommen — warum soll es heute anders sein? Wozu sollen die Herren Politiker und Volkswirte darüber nachdenken, wie man die Produktion steigert und den Absatz erhöht, ohne die Privatwirtschaft aufzuheben? Es ist doch bedeutend bequemer, eine bestimmte Menschengruppe brutal zu entrechten, sie brotlos zu machen und auf diese Weise leere Plätze für andere Menschengruppen schaffen, deren Anhängerschaft politisch für unsere Staatsmänner von Wichtigkeit ist.
Die österreichische Jugend will einen eigenen Hausstand gründen. Deshalb müssen jüdische Ärzte und Rechtsanwälte ihren Beruf aufgeben, ihre Frauen und Kinder müssen hungern und sie selbst den Wunderstab ergreifen! Ist das die Nächstenliebe, die unser Heiland gepredigt hat? Ist es nicht erschütternd, daß solche Gedankengänge im Namen der katholischen Religion und zu einer Zeit öffentlich geäußert werden, da im Deutschen Reich unseren katholischen Glaubensgenossen so bitteres Unrecht geschieht? Wo sollen wir den moralischen Mut hernehmen, gegen die Bestialitäten aufzutreten, die in Deutschland gegen die Katholiken begangen werden, wenn wir uns unseren jüdischen Mitbürgern gegenüber so deutlich, so offenkundig ins Unrecht setzen?
Soll ich noch einmal erklären, warum gewisse Berufe in so unverhältnismäßig hohem Maße von Juden besetz: sind? Der Jude konnte sich nicht der Landwirtschaft widmen, weil man die Bauern auf dem flachen Lande seit Jahrzehnten gegen die Juden durch alle möglichen Lügen und Verleumdungen aufgehetzt hat. Man hat den Juden die Ansiedlung auf dem Lande erschwert. Man läßt es nicht zu, daß ein Jude Grundstücke auf dem Lande erwirbt und den Bauernberuf ergreift. Man hat den Juden die Möglichkeit genommen, in den Staatsdienst zu treten. Selbst als Arbeiter oder als Handwerker kann der Jude nicht leicht fortkommen, weil die antisemitischen Vorurteile seiner Arbeitsgenossen ihm die Existenzmöglichkeit erschweren. Notgedrungen mußte also jeder jüdische Student nach Beendigung seiner Studien den Ärzteberuf oder den Advokatenberuf ergreifen.
Der jüdische Einfluß auf Kino, Theater und Presse ist, sagen wir es offen, eine Folge der Begabung und keineswegs der Bevorzugung. Jüdische Gelehrte müssen schon wirkliche Genies sein, damit sie sich durchsetzen. Und wenn ein Jude Universitätsprofessor in Österreich wird, so muß er schon Weltruf genießen. Und wie oft hat man sich mit kindischer Hartnäckigkeit geweigert, Männern von internationalem Rufe die Lehrkanzel zu übertragen, nur weil sie jüdischer Abstammung waren? Beim Theater und beim Kino findet jeder Platz, der Talent hat.
Oder hätte man einen Sonnenthal im BurgtheaterMaterialien und Quellen: Johannes Sachslehner: Ein Mythos wird angeschlossen. Zur Machtübernahme der Nazis im Burgtheat..., eine Selma Kurz in der Oper nicht wirken lassen sollen, weil sie Juden waren? Hat sich Hans Moser, hat sich Elisabeth Bergner, hat sich Kortner, hat sich Schmid, hat sich Franziska Gaal oder Richard Tauber, haben sich alle diese Menschen vorgedrängt oder sind sie durch ihre Talente und Fähigkeiten an die Oberfläche gekommen? Hat sich je ein Jude einem christlichen Künstler in den Weg gestellt, hat er ihn gehindert, Karriere zu machen? Wer hat den Slezak, wer hat die Lotte Lehmann, den Girardi, den Piccaver, die Jeritza, den Edthofer, den Bassermann, den Jannings, die Niese und die vielen, vielen gehindert, die höchsten Stufen der künstlerischen Laufbahn zu erklimmen?
Es ist direkt ekelerregend, jedesmal von dem „jüdischen Einfluß auf Kino, Theater und Presse“ zu hören, wenn man weiß, daß es sich hier nur um hohle Phrasen und um nichtssagende, oft widerlegte Gemeinplätze handelt. Man sage brutal heraus: Die Herren Politiker sind mit ihrem Latein zu Ende. Wenn einige Menschen nach einem Schiffbruch ziellos auf dem Meer in einem Boote herumschwimmen und dem Verhungern nahe sind, so schlachten sie in ihrer Verzweiflung einen Schicksalsgenossen, damit sie noch einige Tage durchhalten können. Gewöhnlich wählt man für diesen Hottentottenschmaus den Wehrlosen, den Schwachen. Während aber in letzterem Falle der Notstand als Entschuldigung gilt, handelt es sich bei der Abschlachtung der Juden um einen Akt der Roheit und der Bequemlichkeit, zu dem uns keineswegs der Notstand zwingt. Man fürchtet, daß unsere Jünglinge die deutschen Intellektuellen beneiden werden, die durch die Verdrängung der Juden zur Schüssel kommen. Wie dumm und irrig sind überhaupt diese Ideen! In Deutschland wird man kaum einigen tausend Menschen durch die Entrechtung der Juden helfen. Und bei uns ist der Aerzte- und Advokatenberuf derart überfüllt, daß selbst die Entfernung von einigen Hunderten unschuldiger Menschen aus ihrer Arbeitsstätte nicht die geringste Besserung bringen wird. Beim Film und beim Theater werden sich Talentlose, ohne Rücksich auf ihre Konfession, nie durchsetzen können. Sind sie aber begabt, werden sie ohnehin ihren Weg finden.
Man wird sich bald überzeugen, daß die Verdrängung der Juden unserer christlichen Jugend nichts nützt. Dann wird man auch vielleicht weiter gehen und Menschen mit tschechisch oder ungarisch klingendem Namen, vielleicht auch solche mit rotem Kopfhaar aus ihrem Beruf verdrängen. Vielleicht wird man dann eine bestimmte Form der Nase zum Anlaß nehmen, eine weitere Vermehrung der Arbeitsplätze zu erreichen. Traurig, sehr traurig, meine Herren! Es gibt viel sauberere Mittel, der Jugend Arbeit zu verschaffen. Reformen der Wirtschaft tun not; der Güterumsatz muß erhöht, der Geschäftsverkehr belebt, die Produktion gesteigert werden und dadurch wird die Existenzmöglichkeit für jeden Menschen, der arbeiten will und arbeiten kann, geschaffen werden. Es ist die Pflicht aller anständigen Menschen, ohne Unterschied der Konfession und der Rasse mitzuhelfen, daß diese neue Ära bald heranbreche und daß endlich boshafte gegen unsere jüdischen Mitbürger geschmiedete Pläne ihr Ende finden.
Wir stehen zweifellos an der Wende einer neuen Epoche der Weltgeschichte. Wir Österreicher dürfen uns nicht darauf verlassen, daß andere Nationen als Pioniere vorangehen. Wir können da auch mittun. Die Zollgrenzen sind heute eine Sünde und die Freiheit des Güterverkehrs wird immer dringender und drängender. Die Lösung wird und muß kommen, so wie es die Vernunft und die Gerechtigkeit erfordert. Darum sollen wir der Welt nicht mit Atrozitäten, sondern mit klugen, vernünftigen und gerechten Vorschlägen kommen, die uns und der ganzen Menschheit Hilfe bringen können, ohne andere Mitmenschen, die in der Minderheit sind und sich nicht wehren können, zu vergewaltigen. Lassen wir endlich die Judenfrage und behandeln wir das Wirtschaftsproblem als eine Frage der gesamten Menschheit und wir werden bald die Lösung finden, ohne unsere Fahne mit Lüge, Betrug, Unrecht und Gewalt zu beflecken.
In: Gerechtigkeit, 14.12.1933, S. 1.