Else Feldmann: Der Mensch ist gut (1918)

Mein Freund Max Lesser in Berlin schrieb mir vor zwei Jahren — wir sind beide keine Briefschreiber und schreiben einander oft auch ein Jahr nicht, darum wissen wir doch, daß einer dem andern Besitz ist —, Max Lesser schickte mir also einen Zettel aus Berlin, darauf stand: Sie müssen die Ursache lesen von Leonhard Frank. Das ist ein großer Dichter, ein Nachkomme Dostojewskys, nicht ein Nachahmer; es ist, als ob er sein Bruder wäre.

Ich las damals die Ursache und ich las gleich darauf das frühere Buch von Frank Die Räuberbande. Ich war von den beiden Büchern wie hellsichtig geworden; ich konnte wochenlang an nichts anderes denken, von nichts anderem sprechen. Nie hat es einen Dichter gegeben, der so in die Seelen verwahrloster Kinder geblickt hätte. Seit Dostojewsky und Knut Hamsun gab es keinen, der die Seelen der Er­wachsenen so durchschaut hätte. Seit Viktor Hugos Les miserables, Dostojewskys Brüder Karamasow und Raskolnikow und Popper-Lynkeus Phantasien eines Realisten hat es keinen Dichter gegeben, dessen Werk so sehr Inkarnat der Menschenliebe gewesen wäre, wie das neue Buch vom Kriege Leonhard Franks: Der Mensch ist gut! Wie Jean Baljean und der junge Aljoscha Karamasow gleich dem ewigen Riesen „Moses“ von Michel Angelo über die Mensch­heit hinausragen, so werden die „Repräsentanten“: der Kellner, die Mutter, die Versicherungsagentenswitwe, das „Liebespaar“, der Philosoph und die Ladnerin, der Stabs­arzt, der Leichenwärter, aus dem Schauhause weit hinaus­ragen aus allem Weltgeschichtlichen, Zeitungsberichten, Frontberichten, Briefen und Aufzeichnungen. Denn hier hat ein Dichterherz — ein Menschenherz alles zusammengefaßt, was der Krieg an Unglück über die Welt brachte und mit dem allumfassenden Blick des Weisen überschaut und mit den Händen eines Künstlers und Gestalters geformt.

Ich weiß von dem Dichter Leonhard Frank nichts, als daß er dreißig Jahre alt, ein Deutscher ist und jetzt in der Schweiz, in Zürich lebt. Wie mag er aussehen? Ich habe kein Bild von ihm gesehen, keine Schilderung von ihm. Ich stelle ihn mir blond vor. Weiches, blondes Haar. Der Kopf schwer von Gedanken und klare, tiefe Augen. Eine unver­sehrte Jugend, trotz tiefsten Schauens. Ein Schlanker und Sehniger, der aufrecht schreitet wie ein Verkünder. Eine Seele und ein Körper ohne Hinfälligkeit; ohne Zorn, ohne Verachtung; eine Seele, die ganz Liebe und Schmerz geworden.

Oder vielleicht sieht er ganz anders aus; vielleicht ist er ein häßlicher kleiner Mensch, kurzsichtig, mit Brillen wie Schubert. Einer, der früher durch die Straßen Berlins ging, mit Zeitungsleuten in einem Kaffeehause unter den Linden gesessen hatte und die Erste des Metropoltheaters, die täglich auftrat in der „Revue“: Wie einst im Mai auf der Straße grüßte: Guten Tag, gnädiges Fräulein, während sie zu ihrem Freunde gewendet sagt: Der hat Bücher geschrieben; eines heißt: Der Mensch ist gut. Es soll ganz interessant sein!… Auch das könnte er sein! Warum nicht!

In dem Buch Leonhard Franks erleben wir den Welt­krieg. Das erste Mal sehen wir ihn mit eigenen Augen. Wir fühlen ihn, als stünde er greifbar vor uns. Während in dem Buche des Franzosen Barbusse: le feu oder in dem Lettres d’un soldat lebensechte Schilderungen von draußen, vom Felde gegeben werden, die das Blut erstarren machen, sehen wir in den Novellen von Frank die ganze Menschheit im Kriege.

Wir sehen den Kellner, den Trinkgeldmenschen, den ge­marterten Diener der Wünsche anderer. Wir sehen, wie dieser Kellner von einem Glück lebt und dieses eine Glück ist: sein Sohn. Wie er ihn mit seinen Trinkgeldern groß zieht, für die er hundertmal im Tag seinen Kopf beugen, dicken Müßiggängern in den Rock hineinhelfen muß, für die er hundert Ohrfeigen jeden Tag empfangen muß. Wir sehen, wie der Kellner seinen Sohn für diese Trink­gelder studieren läßt und wie der Sohn endlich vor Abschluß der Studien fällt— auf dem Felde der Ehre!

So hat noch nie kein Mensch gelitten, wie der Kellner leidet. Als er sich durch den Schmerz durchgerungen, bricht etwas neues in seinem Herzen auf: die Liebe zu den Menschen. Im dunkeln Gastzimmer, wo er, ein gesellschaft­lich Heruntergekommener nur noch die niedrigsten Dienste zu leisten hat, fängt er vor ein paar Herumlungerern seine Rede an — man hört sie auf der Straße, arme Frauen kommen herbei, Arbeiter, Taglöhner — die Menschen kommen von allen Straßen und Plätzen, der Kellner, der die Liebe erlebt hat, schreit in die Menge hinein: Wir wollen alle Brüder sein! Der Mensch ist gut!

Sie verstehen ihn nicht, denn sie haben nicht die Liebe in ihren Herzen erlebt…. Wir alle, Reiche und Arme, sind brutal wie Mörder und gierig wie harte Wucherer; wir alle sind Offiziere und Börsianer, auch wenn wir erfolg­lose Sklaven geblieben sind. — Glückliche, unendlich reiche Kinder könnten wir sein aus unserer unendlich reichen Erde und sind erfolggierige Geldmenschen, bedauernswerte, erlebnisarme Schurken, die zu staatlich sanktionierten Mördern wur­den. Der Krieg ist durch den Krieg nur sichtbarer geworden.

Der Versicherungsagentenswitwe war der Mann gefallen. Der arme Versicherungsagent, der von den Prozenten lebte, die er täglich in hundert Lügen aus den Leuten herausschwatzte, war auf dem Felde der Ehre gefallen. Die Frau erwartet ihr erstes Kind. Durch die Nacht des Wahnsinns, durch die sie gegangen, erwacht sie eines Morgens mit der Liebe zu den Menschen im Herzen; und fanatisiert schließt das Weib sich dem Kellner an….

Der Mutter ist der Sohn gefallen; sie bekommt seinen Brief — den Brief des toten Sohnes: Gesund bin ich wie noch nie; als die Mutter ihn las, hing der Sohn im Drahtverhau.

Der Philosoph und die Ladnerin lagen auf zwei Pritschen nebeneinander im Leichenschauhause; sie sind den Gastod gestorben. Dem Mädchen ist der Bräutigam gefallen. Der Wärter, der im Schauhause lebt und das Unglück der Menschen fühlt, wird vom Strahl der Liebe getroffen und schließt sich dem Kellner an. Der Kellner spricht jetzt schon zu einer ganzen Stadt. …

Bedeutet das nicht von allem Anfang an in der Lüge ertrunken sein, von Zivilisation zu. sprechen, solange noch durch jede Straße Europas Menschen gehen, die an der Seite Messer hängen haben, dafür bestimmt, in Menschenleiber hineingebohrt zu werden? Zivilisation!

Wir sehen das Lazarett, das im Tanzsaal hinter der Front untergebracht ist; den Kübel mit den Menschengliedern, der alle paar Stunden ausgeleert wird. Der Stabsarzt führt den Krüppelzug: die Amputierten, die Blinden, die Irren. Wir sehen Leid und Schmerzen, unerträgliches Leid, unerträgliche Schmerzen. Das „Phänomen“ ist ein Rumpf, dem alle Glieder fehlen; der nur noch Augen hat, um zu weinen Tag und Nacht, und einen Mund, um zu fragen: Was soll ich tun, Herr Stabsarzt? Was soll ich tun?

Da erwacht auch in dem Stabsarzt die Liebe, er bedeckt das Gesicht des „Phänomen“ mit seinen Küssen, küßt die elenden Reste eines Menschenkörpers und wird erlöst, wird ein Mensch. Er wird sich dem Kellner anschließen. Der Kellner aber spricht jetzt schon zu einem ganzen Lande: Wir wollen uns jetzt endlich besinnen. Wollen denken. Uns daran erinnern, daß der Mensch gut ist und unser Bruder ist. Wir wollen endlich herausreißen aus unserem Herzen: die Gewohnheit, die Lüge, die Gewinnsucht, die Bewunderung der Gewalt, Autorität und Macht, damit nicht auch der Same der noch ungeborenen Geschlechter den Keim in sich trage zu neuem Morde….

Dieses Buch, dieses glühendste Manifest der Liebe liegt vor mir. Wie ist es möglich, frage ich mich, nachdem einer die Wahrheit erkannt und sie den Menschen ins Gesicht schrie, wie ist es möglich, daß nach diesem Buch auch nur ein einziger Tag weiter Krieg sein kann?

In: Der Morgen, 15.7.1918, S. 5.

Franz Eichert: Die religiöse und vaterländische Mission unserer Künstler (1924)

Die l’art pour l’art-Theorie, die der vollständigen Erziehungs- und Tendenzlosigkeit aller Künste das Wort redete, ist heute in den Hintergrund gedrängt, hauptsächlich durch den – nun auch schon absterbenden – Expressionismus, der reiner Ausdruck des Geistes sein oder doch das Sinnliche in einer geistigen Auffassung, gebrochen durch das Prisma seelischer Gestaltungskraft darstellen will. Aber die Kunst der Zeit bleibt im Vergleiche mit den großen Kunstepochen der Vergangenheit, wenigstens ihrem Durchschnitte nach, arm und beschränkt, weil den meisten Künstlern der Gegenwart, auch wenn sie einen rein geistigen Ausdruck für ihren Kunstwillen suchen, die großen, ewigen Gedanken und Ideen in Verlust geraten sind, wenn ein wirklich großes Kunstwerk zustande kommen soll.

Die erste und notwendigste Aufgabe der katholischen Künstler der Gegenwart besteht darin, daß sie sich des Besitzes dieser ewigen Ideale bewußt werden, sich dieses Besitzes freuen und in der Ausübung ihrer Kunst davon Gebrauch machen. Sie müssen sich von der Überzeugung durchdringen lassen, daß, obwohl die künstlerische Form und Darstellung eine unerläßliche Bedingung ist, ohne die ein Kunstwerk überhaupt nicht zustande kommt, doch die Idee, der Stoff, der Inhalt das Primäre, die Form das Sekundäre jeder Kunstausübung ist. Es ist darum nicht einzusehen, mit welchem Rechte man dem katholischen Künstler, der die höchsten Ideale, die wir kennen, zu gestalten versucht, gewisse Unzulänglichkeiten in der Form viel höher angerechnet werden, als dem nichtkatholischen Künstler das Fehlen jedes über die Welt der Sinne hinausragenden Inhalts. Noch ernster und verantwortungsloser wird aber der Fehlgriff der Kritik, wenn sie Werken katholischer Künstler wegen Formmängeln jeden Kunstwerk abspricht, gleichzeitig aber den heute leider so zahlreichen Werken, die unsittliche oder antireligiöse Stoffe mit allem Zauber erlesenster Formen zu vergolden suchen, nur wegen dieses Formzaubers hohes Lob spendet.

Die zweite Aufgabe des katholischen Künstlers unserer Tage besteht also meines Erachtens darin, sich aus der so zerfahrenen und widerspruchsvollen Kritik und der von ihr gemachten öffentlichen Meinung nicht auf solche Wege führen zu lassen, sondern der inneren Stimme zu folgen, die ihn antreibt, vor allem das Tiefste und Innerlichste seiner Persönlichkeit, sein Verhältnis zu Gott und den ewigen Dingen, in Werken der Kunst ausströmen zu lassen. Die Kritik, auch die katholische, wird ihn dazu im allgemeinen nicht ermutigen. Sie wird in den meisten Fällen von der künstlerischen Darstellung und Versinnlichung der Übernatur und der göttlichen Dinge dieselbe realistische Schärfe der Wiedergabe verlangen, die der am Irdischen lebende Künstler mit viel größerer Leichtigkeit erzielt, weil er nur das Sichtbare, Fühlbare und Empfindbare in Spiegelbildern wiedergibt. Die Kritik wird selten darauf Rücksicht nehmen, daß die restlose Ausschöpfung und Versinnlichung des Unsichtbaren, nur in seltenen, visionären Steigerungen des inneren Schauens mehr Geahnten als fühlbar Empfundenen, eigentlich nur ganz großen, genial veranlagten Künstlernaturen ohne jede Hemmung gelingen kann, während kaum eine künstlerische Durchschnittsnatur erfordert wird, um das Sinnfällige sinnfällig nachzubilden. Dieses verschiedene Maß // trägt gewiß viel dazu bei, daß das theoretisch zwar abgeleierte Sprüchlein von der Inferiorität der katholischen Kunst doch immer wieder aus dem praktischen Verhalten so vieler Kritiker heraustönt. Freilich, säkulare Träger genialer Begabungen, die ganz neue Kunstperioden einleiten oder krönen, hat unsere Zeit in soweit wir es heute zu erkennen vermögen – im Reiche der katholischen Kunst nicht hervorgebracht; aber ebensowenig kann sich die nichtkatholische Welt solcher Kronenträger rühmen. […]

Es wird also vom katholischen Künstler viel Opfersinn erfordert, wenn er sich entschließen soll, den ihm vorgelegten leichten Kranz zu verschmähen und dafür jenem nachzuringen, der den meisten, die nach ihm greifen, in unnahbare Höhen zurückweicht. Aber schon das Ringen nach einem großen Ziele ist größer als das Lustwandeln auf ausgetretenen glatten Pfaden. Der katholische Künstler unserer Zeit muß sich dessen immer bewußt bleiben, daß die Hauptaufgabe der Sendung, die er von Gott empfängt, ein hohes Priestertum ist, ein Priestertum des Wahren, Guten und Schönen. In der Verklärung der Schönheit, Würde und Heiligkeit des katholischen Glaubens durch die Kunst besteht der erhabene Gottesdienst dieses Priestertums.

Zu diesen allgemeinen Aufgaben aller katholischen Künstler der Gegenwart gesellt sich noch die besondere des österreichischen Künstlertums, die in unserer heutigen Zeit mit gebieterischer Macht Erfüllung fordert. Der letzte und tiefste Grund der Zerschmetterung Altösterreichs, der freilich nur von der hohen Warte einer konsequenten Betrachtungsweise sub specie aeternitatis erkannt wird, ist gewiß die Nichterfüllung oder mangelhafte Erfüllung seiner göttlichen Bestimmung, das katholische Herz von Europa zu sein, ein fester Hort gegen die rings anstürmenden Mächte der Zerstörung, gegen die Verwüstung des Irr- und Unglaubens. So kann sich auch jede Hoffnung auf seine künftige Auferstehung nur auf neuere und bessere Möglichkeiten zur Erfüllung dieser Sendung gründen. Die Aufgabe, neben den kirchlichen Mitteln zur religiösen Erneuerung und neben der Kanzel einer starken (besonders im Grundsätzlichen starken) katholischen Presse zu einer solchen Wiedergeburt beizutragen, haben im hohen Maße die katholischen Künstler Österreichs zu erfüllen. Wir wissen an Beispielen aus der Vergangenheit und noch mehr aus der Gegenwart, wieviel Kunst und Literatur zur Verbreitung einer geistigen Atmosphäre beitragen können, aus der dann die Wetter aufsteigen, die gewaltige politische und soziale Umwälzungen herbeiführen. Fast alle Revolutionen der neueren Zeit, wie die große französische, die russische, die letzten Revolutionen in Deutschland und Österreich haben sich lange vorher in der Literatur angekündigt, und es ist müßig, darüber zu streiten, ob die Literatur der Revolution mit schon vorhandenen geistigen Zündstoffen ihre Glut nährte oder ob sie das verzehrende Feuer erst entzündet hat. Ohne Zweifel besteht eine rege Wechselwirkung zwischen der Literatur und dem Geiste der Revolution, wie auch im allgemeinen eine rege Wechselwirkung zu erkennen ist zwischen dem Geiste, der Sittlichkeit und dem Glauben eines Volkes und seiner Literatur. Jedes Volk hat die Literatur, die es verdient, aber die Literatur gibt die Kraft und Stärke der geistigen Strömungen, aus denen sie entsprang, mit zehnfacher Stärke wieder zurück. So kann sie zur Verführerin, aber auch zur Bildnerin herrlicher Tugenden werden, je nachdem ein zerstörender oder ein aufbauender Künstlergeist sie mit zerstörender oder aufbauenden Kräften erfüllt.

Wenn das Wort wahr ist: „Österreich wird entweder katholisch, oder nicht mehr Österreich sein“, so ergibt sich daraus für die österreichischen Künstler die Möglichkeit, einzig und allein durch die bloße Einstellung ihres künstlerischen Wirkens auf die katholische Weltanschauung aufbauend und erneuernd im patriotisch-österreichischem Sinn zu wirken, denn die Kraftströme des österreichischen Gedankens werden gespeist und genährt vom Urquell des lebendigen Katholizismus. Umgekehrt würde die Erneuerung und Stärkung des ur-österreichischen Fühlens und Denkens durch den Zauberstab der Kunst, der auch aus versteinerten Herzen noch Wasser des Lebens schlagen kann, auch zu einer gerechteren Beurteilung der katholischen Kräfte, die dieses Reich geschaffen haben, und namentlich zur Stärkung des katholischen Gemeinschaftsgefühls beitragen, das durch die Ereignisse des Weltkrieges, nicht zuletzt durch die Zertrümmerung Österreichs einen schlimmen Stoß erhalten hat. Wenn aber ein Künstler in seinem Wirken sich von den ewigen Gedanken göttlicher Weltführung im Sinne der von Christus gestifteten Kirche, aber von flammender Begeisterung für die österreichische Idee leiten läßt, wie z.B. unsere große Dichterin Enrica von Handel-Mazzetti, so begrüßen wir in dieser Vereinigung von Katholizismus und Österreichertum die ideale Erfüllung der besonderen Aufgabe des österreichischen Künstlertums.

Die äußeren und inneren Feinde des großösterreichischen Gedankens wissen recht gut, was sie tun und wie wirksam sie ihre Zwecke befördern, wenn sie das Judaswerk der kleindeutschen-preußischen Geschichtsschreibung in zehnfach vergrößertem Maße fortsetzen und in der Besudelung und Herabsetzung der ruhmvollen Vergangenheit Österreichs kein Maß und kein Ziel kennen. Mit Richtigstellungen in der Presse und in der wissenschaftlichen Literatur ist dem aus Millionen Zungen redenden Lügenteufel schwer beizukommen, weil Parteileidenschaft blind und taub macht für klare Tatsachen und die Stimme der Vernunft. Aussichtsvoller wäre es gewiß, auf das vielfach noch unter der Asche schlummernde österreichische Gefühl einzuwirken. Wäre es nicht eine schöne herrliche Aufgabe für die österreichischen Künstler, die große Vergangenheit ihres Vaterlandes in Bild und Wort wieder zu erwecken, ins Leben zurückzurufen und mit all ihrem Reichtum und ihrer, wenn auch nicht immer ganz fleckenlosen Schönheit in unsere an Ruhm, Schönheit und Glück so arme Zeit hineinzustellen, so daß in jedem nicht ganz verdorbenen Gemüte ein heißes Sehnen erwachen müßte nach der versunkenen Größe und Herrlichkeit. So daß jedes Herz schneller schlagen müßte: So war es einst, so könnte es wieder sein! Denn es liegt nur an den Menschen, die Zeit zu gestalten. Wie Anastasius Grün sagt: „Lästert nicht die Zeit, die reine; schmäht ihr sie so schmäht ihr euch; denn es ist die Zeit, die reine Zeit dem weißen, unbeschrieb’nen Blatte gleich. Das Papier ist ohne Makel, doch die Schrift darauf seid ihr: Ist die nun nicht erbaulich, ei, was kann das Blatt dafür?“

Künstler Österreichs, schlägt euer katholisches, österreichisches, künstlerisches Herz nicht höher, ergriffen von der Größe eurer Sendung? Vor euch liegt wie ein blühender Garten, wie eine reiche Schatzkammer voll noch ungehobener Kostbarkeiten die ruhmvolle Vergangenheit Österreichs, ihr braucht nur hineinzugreifen; wo ihr’s packt, dieses machtvoll pulsierende Leben, da ist es interessant, ja mehr als das, groß, bedeutungsvoll, fast schon gestaltete Kunst! Auf welche seltsame, fernliegende, ja // abstoßende Stoffe verfallen heute viele Künstler auf der Jagd nach dem Neuen, Noch-nie-dagewesenen; wohlan, hier harrt Neues, unserer Zeit Unbekanntes der bildenden Künstlerhand, die dem halb schon fertigen Kunstwerk das Siegel der Vollendung und den Stempel unserer Zeit aufdrückt und es auf den Leuchter stellt, daß es leuchte den lebenden und kommenden Geschlechtern. Es wird dabei vom Künstler nicht verlangt, daß er die Vergangenheit, die ja auch von Menschen getragen und darum niemals ohne Makel war, idealisiere. Mag er sie nur nehmen, wie objektive Geschichtsschreibung sie uns zeigt; die großen Gedanken, die damals noch lebten und die in unserer Zeit so völlig erstorben scheinen, leuchten doch daraus hervor und solche Fackeln brauchen wir, um unsere kalten Herzen wieder zu entzünden.

Es ist allerdings zu bedenken, daß ein Hauptmittel dieser Belebung der österreichischen Vergangenheit durch die Kunst unsere Bühne wäre, die heute leider vielfach entgegengesetzten Kräften dienstbar ist und für eine von katholischen und österreichischen Idealen inspirierte Bühnenkunst erst wieder zu erobern wäre. Aber es sind doch heute schon kräftige Ansätze vorhanden, besonders im katholischen Vereinsleben, um die bisherige Alleinherrschaft des zersetzenden juden-christlichen Geistes auf unseren Bühnen nach und nach zu brechen. Hätten wir nur erst das große katholisch-österreichische Bühnenwerk – eine Bühne würde sich finden und auch das Publikum, das allerdings nicht das heutige Theaterpublikum sein dürfte, würde nicht fehlen.

Aber nicht bloß die Bühne, auch die Prosadichtung könnte zu wirksamer Belebung katholisch-österreichischer Gesinnung viel beitragen. Im Verhältnis zur Zahl der katholischen Schriftsteller in Österreich fehlt es uns – mit wenigen rühmlichen Ausnahmen – an vollwertigen Romanen, die aus der Tiefe katholischen und österreichischen Empfindens geboren und infolgedessen Träger und Verbreiter der vorerwähnten Ideale sind. Etwas reicher an solchen Werten ist unsere Lyrik, doch wäre es zu wünschen, daß die Fest- und Vereinsdichtung nach dem Beispiele R. v. Kraliks mehr als bisher gepflegt werde, denn sie bietet die Gewähr einer weitreichenden Resonanz, die sie bei festlichen Gelegenheiten in der gehobenen Stimmung der Zuhörer findet. Vermag sie die Herzen zu zünden, was fast immer der Fall ist, wenn Dichter von Beruf dem stummen Gefühl der Menge Worte leihen, so erzielt sie Massenwirkungen, die nicht zu unterschätzen sind. Sie muß nur zur rechten Zeit das rechte Wort finden.

Österreichs unsterblich, nach der Zerstörung ihres Körpers im heimlichen Kaisertum der Liebe ungezählter Herzen fortlebende Seele wird sich gewiß eine neue sichtbare Hülle bilden, auch wenn die Kunst ihr nicht die Flügel leiht, über Meere und Abgründe hinweg ein blühendes Neuland zu schaffen. Ebensowenig wie die katholische Kirche neben ihrem Priestertum noch ein Priestertum der Kunst braucht, um ihre göttliche Sendung zu erfüllen. Aber die Kunst nützt sich selbst, sie wird von den Ideen, die sie gestaltet, in sonst unerreichbare Höhen getragen.

In: Das Neue Reich, 27.9.1924, S. 1170-1172.

Eduard Goldscheider: Ein Geschlecht (1919)

Es war zur Zeit, da man es hierzulande noch begriff, wenn ein Dichter sein eigenes Leben niedriger einschätzte, als die Hoffnung, daß „unsere Fahnen auf Belgrad wehen“ werden. Da führte mich der Zufall mit einer Mutter zusammen, die vor wenigen Wochen ihren einzigen Sohn verloren hatte. Irgendwo weit draußen in der ukrainischen Steppe war er an einem Novembermorgen von einer rus­sischen Kanonenkugel zerfetzt worden. Sein heißes, junges Blut versickerte im Herbstschnee. Mit heldenhafter Würde trug es die Mutter.

Sie mag wohl auch, wie so viele andere, im Augenblicke ärgster Verzweiflung bei dem Gedanken Zuflucht gesucht haben, daß sie einen Helden geboren. Aber in einer stillen Stunde, da reinstes Menschentum über Sitte, Tradition und Vorurteil gesiegt hatte, entrang sich ihren Lippen der Seufzer: „Ich verfluche das Vaterland“ und wilder Haß blitzte in ihren Augen auf, die schon das Weinen verlernt hatten. De profundis… Als trotzige, unge­rechte Lästerung empfand ich damals jenen Aus­spruch, erst viel, viel später lernte ich ihn wirklich verstehen. Und ich begriff, daß nicht sie es war, die lästerte…

*

Gleichgewichtslos und unausgeglichen, wildbrausend und hemmungslos, schwül und von fahlen Blitzen durchzuckt, wie die Zeit, die es geboren, ist Fritz v. Unruh’s Tragödie: Ein Geschlecht. Alles andere wäre Fälschung gewesen, lächerlich überflüssiges Literaturspiel, nicht wert, den Tag oder auch nur einen Theaterabend zu überleben. Noch ist das Wort, das dem unsäglichen Jammer dieser Zeit -und dieses Geschlechtes nahekäme, nicht ge­sprochen. Vielleicht wird es schlicht und einfach ist in und von so offenbarender Größe wie das Wort der Bergpredigt. Vielleicht wird es nur eine Steigerung sein, nur ein Superlativ des wilden Aufschreies des Dichters, der jetzt zu uns spricht, noch mehr zügellose „Raserei“ und verwirrendes „Delirium“, als sie Unruh in seinem heiß umstrittenen Einakter eingefangen.

Vielleicht — aber wer darf es wagen, die Bah­nen künftiger Kunstentwicklung vorzuzeichnen, wenn man noch mitten in einer Zeit steht, die sich erst selbst überwinden muß, mitten in einem „Geschlecht des Überganges, zum Düngen be­stimmt, der Ernte nicht würdig“ (Walter Rathenau). Für den Augenblick mag uns ge­nügen, daß ein Dichter unter uns, der es zu künden verstand, was viele Seelen bewegt, der den Schmerz, die Enttäuschung, die Empörung, den Protest und die Sehnsucht dieses Geschlech­tes in alle Welt hinausschreit. Der den Mut der letzten Konsequenzen gefunden, zu dem sich ja so wenige aufschwingen können, der es versucht, uns ein Spiegelbild der durch den Krieg zermürbten Seelen vorzuhalten. Der nicht nach oftbewährtem Künstlermuster einfach die Flucht ergreift, weil ihm das, was er gesehen, das Herz zerbricht, um zur Erbauung der leidenden Menschheit in seelenlos glatten Reimen die Wunder einer besseren Welt zu preisen. Der die Augen weit aufreißt, um keine einzige Schandtat zu übersehen, die solange als Segnung gepriesen worden ist und keine Qual und keine Folter des Leibes und der Seele. Der alle Sinne schärft um zu erhorchen, was in den Seelen geistert und rebelliert. Der sich wildstürmend über all das sinnlos vergossene Opferblut und über alle Schmach der Gegenwart einen Weg zur Sonne bahnt, die er nicht erloschen weiß, nur vom schweren Pulverdampf verdunkelt.

*

Eben darum ist es schwer — vielleicht zum Teile sogar widersinnig — die üblichen Maßstäbe künstlerischer Kritik an diese Dichtung anzulegen. Sie will als Tat und Erlebnis gewertet sein. (Heute wohl nicht mehr als Offen­barung.) Wer damit anfängt, „Verständliches“ vom „Unverständlichen“ zu scheiden, der hat schon das Spiel verloren und mag wohl nicht den eigentlichen Rhythmus der Dichtung ver­nommen haben. Überdies: es ist ja gar nicht richtig, daß immer unverstanden bleiben muß, was im ersten Augenblick unverständlich scheint. Wer mit dem Dichter hadert, weil er so viel Schreckliches und Grausames und Atembeklemmendes und Unglaubwürdiges erschaut und zusammengetragen, der richte seine Anklage gegen die Zeit, die den Dichter geboren. Und wer sich nur abgestoßen fühlt und zerquält und zermar­tert durch all das Dunkle und Hoffnungslose dieser Dichtung, wer das Helle nicht sieht und den erfrischenden Odem jubelnder Zuversicht nicht verspürt — nun, mit dem ist eben nicht zu rechten und der begnüge sich damit, die tief­sinnige Frage zu untersuchen, ob es einen Sinn hat, derartige Werke auf dem Theater aufzuführen. Nur der wird sich mit Werk und Dichter wirklich auseinanderzusetzen verstehen, dem das Werk ein Gefühl der Dankbarkeit für den Dichter hinterläßt. Man muß das Pochen des Herzens vernommen haben, „das hinter aller Schöpfung schlägt“.

*

Es gibt gar manches, das zur Kritik herausfordert, vieles, das man nicht ohne Widerspruch hinnehmen möchte, wenn man sich entschließt, vom prinzipiellen Standpunkt, daß dieses Werk geschrieben werden mußte, abzusehen, und die Dichtung auf ihre Mängel zu prüfen. So be­deutet vom rein künstlerischen Standpunkt ge­wertet, die Tatsache, daß die Dichtung sofort mit Höchstspannungen einsetzt (nach der grauen­vollen Szene, in der ein Bruder gegen den andern die Axt zum tödlichen Streiche erhebt, sind Steigerungen kaum mehr denkbar), gewiß einen Fehler, der wahrscheinlich hätte vermieden werden können. Daß jedes einzelne Wort, das gesprochen wird, sich so bedeutungsvoll gibt, daß jeder Satz unter der Wucht der Worte und des Inhalts zusammenzustürzen droht, wäre an sich keine Veranlassung zu einer Ausstellung, wenn man die Überzeugung gewinnen könnte, daß wirklich kein einziges dieser Worte überflüssig. Doch, das sind so belanglose Mängel, daß ihre Betonung ebensowenig berechtigt ist, wie etwa der Vorwurf, der Dichter habe um jeden Preis den Glaubenssätzen des Expressionismus treu bleiben wollen. Jedenfalls muß aber festgestellt werden, daß bei alledem der große Aufbau der Dichtung m seiner zielbewußten Knappheit geradezu bewunderungswürdig, und daß der Vergleich mit altgriechischen Schicksalstragödien kein willkürlicher, sondern ein durchaus berech­tigter. Das Werk ist schön, stellenweise sogar überwältigend schön (man beachte zum Beispiel die prachtvolle Szene, da die Mutter die An­klagen der Kinder abwehrt: „Ich bin es müde, angeklagt zu stehen?“), wenn auch so furchtbar häßlich Vieles, das darin lebt und nach Erlösung ringt. Es ist gewiß nicht bloß eine rein ethische, es ist auch eine künstlerische Tat. Im Vorwurf, im Wort, in der Ausführung.

***

Es ruft der Sohn im wilden Trotz der Mutter entgegen:

„Ich ducke mich nicht länger unter Tempel,

Die Vaterland um unsre Ohnmacht baut…“

Henry Barbusse verzeichnet in seinem Roman: Die Hölle das nachstehende Gespräch zweier Ärzte:

Der Junge aber rief aus: An dem Ge­schwür des Weltalls ist nur eine große Grundursache Schuld. Sie haben sie genannt. Es ist die Sklaverei vor der Vergangenheit. Es ist das Vorurteil, das von den Jahr­hunderten geheiligt worden ist. Der Geist der Überlieferung durchseucht die Menschheit. Und der Name für diese beiden entsetzlichen Erscheinungen innerhalb der Menschheit, das ist —

Der Alte sprang vom Stuhle auf. Schon deutet er an, daß er protestieren und dem Sprechenden zuschreien wollte: Sprechen Sie den Namen nicht aus!

Doch der Junge konnte sein Wort nicht mehr zurückhalten. Er sagte: Der Name für die beiden Grundursachen, das ist: Das Vater­land und der Wille, ein Erbe zu sein

Barbusse und Unruh weisen beide den Weg zum Vaterland, das keine Götzendienste von seinen Kindern fordern wird. Zum Vaterland, das von keiner Mutter gehaßt werden soll.

*

Im stimmungsvollen Rahmen, den Alfred Roller geschaffen, zog auf der Bühne des Burgtheaters das düstere Nachtbild Unruhs, das ins Helle strebt, vor den Augen der Zuschauer vorbei. Von jenen, die nicht so klug gewesen waren, sich vorher mit dem Werke bekannt zu machen, natürlich nicht verstanden, denen die es lieben, trotz vieler Vorzüge der Aufführung nicht gerade den erwarteten Eindruck hinterlassend, von jenem Teil des Publikums, der stets das Neue haßt, entschieden abgelehnt. Aber alle sonder Ausnahme mögen die tragische Majestät, zu der die von Frau Bleibtreu verkörperte Mutter emporwuchs, bewundernd anerkannt haben. Fräulein Mayer, weniger überzeugend im rasenden Aufruhr der wild gewordenen Sinne wirkte erschütternd beim Ausklang ihrer Rolle.

Wie sie sich fortschlich, das schützende Dickicht zu suchen, wo sie vor der Gier der Soldaten geborgen verenden könnte, war wohl des Dichters beklemmende Vision restlos erfüllt. Herrn Schotts an sich meisterhafte Leistung wohl etwas zu grell und zu polternd in diesem Rahmen, der keine veristischen Ausflüge ge­stattet, so sehr hier das Leben stilisierte Kunst überschatten mag. Immerhin dürfte man das Haus mit dem Gefühl der Dankbarkeit, nicht bloß für den Dichter, sondern auch für alle Darsteller verlassen.

In: Wiener Allgemeine Zeitung, 22.9.1919, S. 5.

J.[osefine] W.[idmar]: Preisträger des Ungeistes. Thomas Mann und sein »Bekenntnis« (1933)

                                                                                                                              Wien, am 21. Februar

In den Berliner Krollsälen gab es letzten Samstag einen großen Skandal. Dort wurde unter lebhaftem Rummel von der Polizei eine Versammlung der sozialistischen Vereinigung „Das freie Wort“ aufgelöst. Vorher hatte im Rahmen dieser Versammlung der frühere preußische Kultusminister Grimme eine Zuschrift des gegenwärtig in Paris weilenden Schriftstellers und Nobelpreisträgers von 1929 Thomas Mann verlesen. Der Inhalt dieses Manifestes ging schon vorher durch die sozialistische Presse und lautet im Eingang also:

„— —Ich will das Bekenntnis erneuern, das ich schon vor zwei Jahren in einem schwierigen und kritischen Augenblick öffentlich, und seitdem noch das eine und andere Mal abgelegt habe: das Bekenntnis zur sozialistischen Republik und zur Überzeugung, daß der geistige Mensch bürgerlicher Herkunft an die Seite des Arbeiters und der Sozialdemokratie gehört.“

Sozialismus“, so führte dann Thomas Mann in seiner Zuschrift weiter aus, „ist nichts anderes als der pflichtgemäße Entschluß, den Kopf nicht mehr vor den dringendsten Anforderungen der Materie, des gesellschaftlichen Kollektivs, in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken, sondern sich auf die Seite derer zu schlagen, die der Erde einen Sinn geben wollen – einen Menschensinn.“

                „Die deutsche Republik“, so hieß es zum Schluß, „muß den Glauben an ihre Kraft und ihr Recht lernen. Sie soll wissen, wie stark sie im Grunde ist und welche moralischen und geistigen Kräfte ihr auch heute zur Seite stehen, wo scheinbar das ihr Feindliche triumphiert. Das ist Episode. Das demokratische und sozialistische Deutschland darf vertrauen, daß die gegenwärtige Konstellation vorübergehend ist, daß die Zukunft trotz allem ihm gehört. — —“

            Dieses Bekenntnis des Verfassers der Buddenbrooks und des Zauberberges zur sozialistischen Republik und zum sowjetrussischen Kollektivismus wird nicht verfehlen, in weitesten Kreisen Aufsehen zu erregen, auch in Schweden, wo, wie man hörte, seinerzeit viele Maßgebende mit der Preiszuerkennung der Stockholmer Akademie nicht durchaus einverstanden waren. Das Bekenntnis, an offizieller Stelle und weithin hörbar abgelegt, ist auch sonst sehr wertvoll. Es zieht zu einem Zeitpunkt, da so viele weittragende Entscheidungen vor der Türe stehen, auch eine reinliche Scheidung zwischen dem echten deutschen Geist und jener pseudodeutschen Ungeistigkeit, als deren typischen Vertreter sich Herr Mann durch seine Confessio in den Krollsälen für alle Zeiten manifestiert hat.

            Es war höchste Zeit, daß diese Scheidung nun endlich erfolgte. Wer in den letzten 10 oder 15 Jahren die Entwicklung der deutschen Literatur beobachtete – und das ist gerade bei uns in Österreich stets besonders aufmerksam und liebevoll geschehen –, der konnte nur mit tiefster Sorge das beständige Abgleiten eines Schrifttums feststellen, das durch die Namen Walters und Wolframs, Schillers und Goethes, Grillparzer und Raimunds und vieler anderer zur Unsterblichkeit erhöht worden war. Von diesem Erbe waren die Siedler auf dem deutschen Parnaß seit 1918 so weit wie nur irgend möglich abgefallen. Von den Wogen der deutschen Spießerrevolution emporgetragen, schwamm auf der Oberfläche der deutschen Kunst eine Clique von Literaten, die mit teilweise starker Begabung eine vollkommene innere Richtungs- und Hemmungslosigkeit verbanden. Wo Begabung nicht als metaphysische Begnadung empfunden und in Demut und Verantwortungsgefühl in den Dienst höherer Aufgaben gestellt wird, verwandelt sie sich leicht zum Wuchergeld in der Hand des ungetreuen Verwalters.

            Dafür bieten die Brüder Mann und ihre Schule ein typisches Beispiel. Was so viele dieser „Meister“ hervorbrachten, war nicht schöpferischer Dienst am Volksgeist und an der Volkskultur, sondern ein literarisches Dezernententum im Dunstkreis der Parteiklüngel. Die revolutionäre Geste lohnte sich reichlich, denn hinter den Papierbarrikaden, auf denen diese Stürmer und Dränger für eine längst schon verwirklichte und übertrumpfte Freiheit fochten, brachten sie ein bürgerlich recht wohlgenährtes und vollgestopftes Schäfchen ins Trockene. Die deutsche Dichtkunst aber, die diese Leute zu verwalten und zu vertreten sich anmaßten, zeigte der erschrockenen Welt ein wahres Medusenantlitz. Was die deutschen Verlage und Bühnen bis in die allerletzte Zeit beherrschte, was Massenauflagen und Massenaufführungen erzielte, ist mit wenigen Ausnahmen eine Kaschemmen- und Spelunkenliteratur. Das klingt hart und beleidigend, ist aber an den literarischen Tatsachen gemessen, eine traurige Wahrheit. Der erhabene Bau der deutschen Dichtung, den der Romantiker Novalis mit einem gotischen Dom verglich würde, wenn es so weiter ginge, zu einem Wirtshaus dritten Ranges herabsinken, einem internationalen „Alexanderplatz“, auf dem Volksverräter, Sprachverhunzer und Kaffeehausschmocks der Welt verkünden, daß es im „Westen nichts Neues gibt“.

            Daß es soweit kommen konnte, daran trägt auch ein Teil der deutschen Presse von Hamburg bis Wien leider ihr vollgerüttetes Maß an Schuld. In ihren radikalen Abschattierungen, nach Maßgabe größeren oder geringeren Intimität mit den revolutionären Parteizellen, hat sie dieses Literatentum genährt, großgezogen und seine abwegigsten Produkte mit allen Mitteln ihres Reklameapparates als „repräsentative Leistungen“ des neuen deutschen demokratischen Geistes dem Ausland vorgezeigt. Diese neue deutsche demokratische Geistigkeit hatte nun in Wahrheit mit echtem deutschen Geist und freiem deutschen Volkstum so wenig gemeinsam, wie etwa Fritz Reuters seinen berühmten „Swinsigel“ mit seiner „Nachtigall“ verwechselt wissen wollte. Immerhin hat diese Irreführung dem Ansehen der deutschen Kunst und der deutschen Literatur in der Welt unermeßlich geschadet. Gelegentliche internationale Anbiederungsversuche, die von diesen Kreisen versucht wurden, blieben für die Sache der Völkerversöhnung völlig wirkungslos und wurden von der anderen Seite gewöhnlich nur mit einem – Fußtritt quittiert. Ging einer von diesen literarischen Übermenschen auf Reisen, so wurde seine Domiziländerung von einem Stab publizistischer Trabanten begleitet, jede noch so belanglose Äußerung des Gefeierten in ungeheuren Interviews aufgemacht. Und so lange hämmerte die Reklametrommel auf das deutsche Publikum los, bis es, verwirrt und betäubt, seine sauer verdienten Groschen für Machwerke hinlegte, in denen es selbst, deutsche Art und deutsches Wesen, verhonigelt und lächerlich gemacht wurde, bis es seiner wirklichen Meister und damit seiner guten Geister vergaß und auch auf geistigem Gebiet zum Hiob unter den Völkern wurde.

            Es ist ein glückverheißendes Zeichen, daß heute ein Großteil des deutschen Volkes, vor allem die deutsche Jugend, gegen die literarische Verknechtung des deutschen Volksgeistes aufsteht. Wenn sie dabei mit ungeistigen Mitteln zu Werke geht, so ist dies in letzter Linie Schuld derjenigen, die ihren eigenen Ungeist dem Volke aufzuzwingen versuchten. Die deutsche Jugend will nicht länger dulden, daß ihre und ihrer Väter Blutopfer für das Vaterland als Mord verunglimpft werden, während die Greuel der bolschewikischen Henkersknechte unangefochten bleiben, sie will nicht länger deutsche Liebe, deutsche Treue, deutsche Frauenwürde zugunsten eines internationalen Prostituierten- und Gangstertums ausgespottet sehen. Sie will in dem Dichter, dem Künstler überhaupt, wieder den geistigen Führer der Nation erkennen, der ihr in Not und Wirrnis den Fahnenspruch göttlicher Berufung prägt, nicht den kühlschnauzigen Tantiemenverdiener oder gar den Beauftragten einer Parteifraktion. Echtes Weltbürgertum wächst auch in der Kunst stets nur aus der Liebe und Verbundenheit mit der eigenen Scholle und die Achtung fremder Nationen erwirbt in Wahrheit nur der Künstler, der sein eigenes Volkstum achtet und seine Würde hochhält. Solche Achtung und Würde hat natürlich mit der Unduldsamkeit gegen die geistigen Leistungen anderer Rassen nichts gemein. Sie ist gerade uns Österreichern und Katholiken immer ferne gelegen und mit der Idee der geistigen Gotteskindschaft unvereinbar. Wer innerhalb unseres Volkstums ehrliche Arbeit leistet, wer sich, wenn auch fremdrassig, aus innerer Überzeugung zu deutschem Geist und zu deutscher Seele bekennt, dessen Mitarbeit soll willkommen sein, weil auch von ihr, wie die Beispiele bedeutender Männer zeigen, wertvolle Impulse für das ganze Volkstum ausgehen können. Wer aber dieses Volkstum, seine großen geschichtlichen und heldischen Traditionen und die zartesten und reinsten Äußerungen seiner Seele als „Untertanentum“, als „Butzenscheibenlyrik“ und „Unrat“ verleugnet, der möge von allen Ehren und Würden dieses Volkes ausgeschlossen sein. Eine katholische Dichterin, die österreichische Meisterin Enrica v. Handel-Mazzetti, der der Deutsche Reichspräsident mit einem ehrenden Handschreiben die Medaille des Goethefahres zusandte, hat in einer Zeit der tiefsten Erniedrigung von der Donau her dem deutschen Volke ihren Weckruf zugesandt: „— — Laß das Morsche ruhen in Grüften, singe Deutschlands Morgenrot, sing die Kraft aus Hermanns Hüften —!“

            Und so mögen denn der Preisträger des deutschen Ungeistes, Herr Thomas Mann und sein Gefolge, die schon längst an der äußersten Peripherie des deutschen Wesens hausten, ihren Umzug auch völlig zur Tatsache machen. Mögen sie in letzter Konsequenz ihrer verschiedenen Bekenntnisse, sich gänzlich in jenen Gebieten ansiedeln, wo das „gesellschaftliche Kollektiv der Erde einen Sinn gibt“, nämlich den Sinn der Massenvernichtung, den Sinn der Tscheka. Mögen sie dort mit Gorki und Henri Barbusse die Zahl der Moskauer Hofdichter komplettieren. Das deutsche Volk in seiner überwiegenden Mehrheit wird ihnen gerne die Reisepässe ausstellen.

In: Reichspost, 22.2.1933, S. 4.

Stefan Zweig: Das Feuer (1917)

Dem Erfolg der Stunde, dem höchst zufälligen, zu vertrauen, bedeutet Gefahr, aber Gefahr auch, ihn zu miß­achten. Jede Wirkung hat zumindest den Wert, ihre Ur­sache erkenntlich zu machen, und so drückt immer ein sensationeller Erfolg schon durch seine bloße Existenz eine immaterielle Tatsache aus: irgend ein seelisches Bedürfnis, das er erfüllt, eine ungesprochene Frage, die er beantwortet, eine nationale Stimmung, die er formuliert. Als sichtbare sinnliche Symptome der seelischen Verwandlungen sind die großen Erfolge darum für die Diagnose der Zeitpsychologie unschätzbar und besser als aus allen Dokumenten und Be­richten werden spätere Generationen aus den Auflagen­ziffern und Jahreszahlen der Erfolgsbücher einmal die Bluttemperatur Europas und alle ihre Schwankungen in den drei Kriegsjahren ablesen können. Aber schon heute wird es für die Erkenntnis der Stunde, ja selbst als politischer Behelf, uns nicht ganz gleichgültig sein dürfen, wie das Erfolgsbuch seelisch beschaffen ist, das jetzt in Frankreich gleichsam im Sturm alle anderen Kriegsbücher überrannt hat, denn aus den repräsentativen Männern einer Nation erkennen wir am besten ein Land, aus den Er­folgen einer Zeit sie selber, die Zeit. So wie in Rousseaus Contrat social die Revolution, in Goethes Werther die Romantik, in Turgenjews Väter und Söhne der Nihilis­mus in prophetischem Vorgefühl zusammengeballt war — so verkündet uns Henri Barbusses Le feu die französische Besinnung von heute und vielleicht die europäische Verbrüderung von morgen. Es kann, es darf bei uns die Tatsache nicht übersehen werden, daß der stärkste Erfolg eines Kriegsbuches in Frankreich heute der eines leidenschaftlichen Friedensbuches geworden ist.

Henri Barbusse — der Gebildete muß sich nicht schämen, diesen Namen bislang nie gehört zu haben, auch derjenige nicht einmal, der in französischer Literatur recht bewandert zu sein vermeinte. Man kannte den jungen Dichter in der engsten Pariser Gesellschaft als den Schwiegersohn Catulle Mendès, kannte ihn auch ein wenig durch Verse und einen Roman L‘enfer, der Talent verriet, aber Talent, wie kleingemünzt und abgegriffen ist heute das Wort geworden, das einst in Rom und Griechenland als Goldbarren zugewogen wurde! Hätte eine deutsche Granate den Infan­teristen Barbusse bei Crouy oder Sonchez statt seines Neben­mannes zerschmettert, so wäre das kleine Bläschen seines Ruhmes rasch vertrocknet. Die Kameraden im Felde hätten ein paar Erdschollen über seinen Körper, die Zeitungen ein paar Zeilen über sein Gedächtnis geschüttet, und einer der stärksten Verkünder unserer Zeit wäre (wie so viele, deren Namen, deren Werke wir nicht ahnen) spurlos im riesigen Mörser der Vernichtung zerstampft worden. Heute aber, kaum ein halbes Jahr nach seinem Erscheinen, trägt dies Buch Le feu auf dem Umschlag schon den erstaunlichen// Vermerk „Hundertstes Tausend“. Und eine Jugend in Frankreich und weit darüber hinaus, eine ganze Welt sieht in Henri Barbusse den berufenen Verkünder ihres innersten Gefühls.

Dieses Welterfolgsbuch, das mit einer explosiven Kraft wie seit Nana kein französisches Werk sich in die Zeit ge­schleudert hat, ist es ein Roman? Fast wäre man geneigt, zu sagen: das Gegenteil eines Romans. Denn Roman meint doch eigentlich Erfindungswerk, Phantasieprodukt, ver­wandeltes, gesteigertes, umgestaltetes Leben — „fiction“ nennt der präzise englische Sprachgeist kurzweg alle schön­geistige Prosa — dieses Buches Wert dagegen ist in erster Linie seine Nichtbindung, seine nackte, unmittelbare Wahr­haftigkeit und Tatsächlichkeit. Barbusse versucht nicht das Blut rosenrot zu färben und den Krieg in ein bravouröses Jugendspiel umzulügen, er verschmäht patriotisches Pathos als Steigerung und den berühmten Schützengrabenhumor, von dem die im Hinterland so viel zu faseln wissen, als Milderung der tragischen Geschehnisse. Er dichtet nicht zu, er harmonisiert nicht den Widersinn, er schildert das Leben, und mehr noch als dies den Tod im Kriege, die Existenz des französischen Infanteristen in Dreck und Feuer, der teuf­lischen Sphäre, der irdischen Hölle.

Ein Tagebuch also aus dem Krieg, eines von Tausenden, das erste nicht und gewiß nicht das letzte aus unserer, in ein Hüben und Drüben zerrissenen Welt. Aber warum trifft gerade dieses so mitten ins allgemeine allmenschliche Gefühl, warum entlockt es, ähnlich einem antiken Drama, zugleich mit unendlichem Grauen auch jene geheimnisvolle schreckhaft-schöne Erregung der gepreßten Brust, die das Gräßliche zum Tragischen, das Sinnlose zum Symbol, das bloß Schmerz­hafte zur seelischen Erschütterung erhöht? Warum dies Buch von allen so sehr und für eine ganze Welt? Es ist immer schwer, bei einem großen Kunstwerk die einheitliche Norm seiner Wirkung zu finden, denn unendlich viele unterirdische Kräfte kristallisieren seine wirkende Kraft, aber ich glaube, hier beruht der unvergeßliche Wert des Werkes vor allem auf seiner einzigartigen Optik, seiner doppelten Per­spektive: daß es einerseits aus dem tiefsten menschlichen Abgrund des Leidens, aus der dumpfen Erdhöhle des Schützengrabens vom französischen Infanteristen Barbusse und

gleichzeitig aus freiester moralisch-menschlicher Höhe vom ‚allweltlichen Dichter Barbusse gesehen ist. Der Schauende, der Leidende ist als Atom in dem Chaos der Millionen verloren und doch gleichzeitig ihm entwunden durch seine geistige Freiheit, die selbst in dieser Hölle des Hasses und der befohlenen Zerfleischung die Fähigkeit der Liebe und Versöhnung nicht für einen Augenblick preisgibt. Darum zeigt dies sein Buch ebensoviel Meisterschaft der Kunst wie der Menschlichkeit.

Schon die rein literarische Technik ist in Le feu eine ganz erstmalige und persönliche. Nichts wird Eigenschicksal darin, alles nur kollektives Erlebnis. Nicht das Tagebuch eines einzigen Soldaten bietet er dar, sondern das Journal d‘une escouade, das Erlebnis einer Gruppe, das Schicksal seines Infanteriezuges. Zwischen den beiden bisherigen Möglichkeiten der dichterischen Darstellung, der von außen oder innen, der objektiven oder der subjektiven, hat Bar­busse hier die dritte gewählt: die kollektive. Der Krieg ist nicht wie bei Tolstoi mit allgegenwärtiger Eindringlichkeit in allen seinen Formen, aus allen seinen Stockwerken zu­gleich gesehen, in der Stube des Feldherrn, im Gemach des Kaisers, in der Seele des Bauern oder des Offiziers, unter dem unendlichen Horizont der Weltgeschichte; nicht aber auch wie bei Liliencron und Stendhal bloß aus der Optik des eigenen Auges, des persönlichen Gesichtsfeldes. Hier ist das erlebende, schauende Ich zu einer neuen Einheit verzehnfacht, hier spricht und schildert statt des einzelnen die Kameradschaft der siebzehn Mann, die in diesen hundert Wochen in der feurigen Esse gemeinsamen Leidens zu einer einzigen Einheit zusammengeschmolzen ist. Der Infanteriezug, die kleinste militärische Einheit des Weltkrieges, sie erzählt in dem Buche den gigantischen Krieg.

Barbusse, ihn selbst, den Dichter, ihn spürt man vorerst gar nicht. Er ist gleichsam nur Trichter des Grammophons, in den diese siebzehn Stimmen sprechen und stöhnen, der anonyme Horcher und Künder ihrer Leiden, er ist un­sichtbar wie der Maler vor dem Bilde, das er von außen mit dem Innersten seines Wesens füllt. Aufgelöst in brüderliche Gemeinschaft erlebt er nichts abgesondert und persönlich mehr, aber was er erlebt, lebt er mit siebzehn Seelen. Er ist der Horchende und darum der Schweigende, er läßt die Stimmen um sich aus dem Leben in sein Buch hineinsprechen, wie sie sprechen, und fälscht die Worte der Kameraden nicht um. Er läßt ihnen das Eckige und Brockige ihrer Bauernsprache und damit die Unmittelbar­keit des Ausdruckes, er poliert den rauhen Dialekt nicht ab und lackiert ihre Rede nicht mit Aphorismen und Reflexionen. Im Pariser Welsch, im Argot ist drei Viertel dieses Buches geschrieben und darum kaum für jene ver­ständlich, die ihr Französisch aus Grammatiken und von braven Gouvernanten lernten, aber selbst der seinen Sprachenschatz auf dem Montmartre ergänzte, stolpert über manches Wort, das die Akademie im Jahre 1914 noch nicht kannte und erst der Schützengraben gestanzt hat. Meisterhaft ist diese neue Technik der Gruppendarstellung und vor allem: sie ist mehr als Technik, weil sie nicht dem Kunstgriff eines geschmeidigen Literaten entwuchs, sondern einer menschlichen Notwendigkeit, dem treu-dankbaren Ge­fühl einer hundertwöchigen Gemeinschaft unter dem gleichen nächtlichen Zelt aus Segeltuch, und jenem anderen, feurig gesponnenen der deutschen Granaten. Losgerissen von der eigenen heimatlichen Welt, eingeschüttet in die unendliche des Krieges, wird diese Handvoll Menschen ihm seine Heimat, seine Familie, sein Volk. Was er lebt, lebt er mit ihnen und durch sie, sie haben ein Leben und einen Tod. Wie in der Barke des Odysseus vor Scylla und Charybdis die Ruderer sich zusammendrängen und wissen, daß in der nächsten Minute die unsichtbare grausame Hand in ihre Reihe greifen und zwei von ihnen schlingen wird, und keiner weiß es noch wen, so kauern diese siebzehn hier tagelang, nächtelang zusammen in ihrer Deckung, und die Urangst preßt ihnen die letzten Worte aus der Seele. Und diese Worte der Angst vor dem Tode und anderseits die dumpfen tierischen Schreie der ewigen Ekstase vor dem täglich neugeschenkten Leben — stärker als all die schönen Worte, mit denen die rückwärts heimischen Dichter und die Pariser Zeitungen den Krieg „verklären“ — sie sind die unbeschreib­lichen unvergeßlichen im Werke des Henri Barbusse, diese Gespräche im Dunkel des Lebens vor dem Dunkel des Todes.

Und der ganze Krieg, der unübersichtliche, breite, viel­fältige, massige, gigantische Krieg, er ist in diese Gespräche einfacher und eben in ihrer Schlichtheit ergreifender Menschen ganz klein zusammengeballt wie in einen winzigen Knäuel. Aber die Stunden, die langen unzählbaren Stunden des Wartens — Warten ist ja die Haupttätigkeit dieses Krieges, Warten auf Befehle, auf Entscheidungen, auf Ablösung, auf Urlaub, auf Tod, auf Frieden, auf Mensch­lichkeit — sie rollen ihn allmählich auf. Gleichsam mit kindlich spielender Hand lockern die Gespräche Masche um Masche dieses ungeheure stählerne Netz, mit dem Frankreich und unser ganzes tragisches Europa überspannt ist, sein ganzes phantastisches Nervengewebe wird deutlicher sichtbar in diesen bäurischen Bemerkungen als es jemals kalte er­klärende Darstellung zu veranschaulichen vermöchte. Ich will an Beispielen zu zeigen versuchen, wie diese Technik des Gespräches bei Barbusse im Spiel den ganzen Mechanismus des Krieges auseinanderlegt. Es ist Ruhe-//pause. Kameraden rüsten in müßiger Stunde ihre Ruck­säcke und schütten sie vergleichend aus. Stück um Stück sieht man darin das ganze befohlene Rüstzeug des In­fanteristen, seine militärische Notdurft und zugleich in dem heimlich zugepackten jedes Tornisters den individuellen Charakter jedes einzelnen. Der holt die Photographie seiner Frau mit den beiden Kindern heraus, der zweite ein An­denken, der dritte ein Kartenspiel, der vierte ein handliches Stoßmesser und sie betasten ihre kläglichen Kostbarkeiten gegenseitig Stück um Stück. Sie vergleichen, wie man praktischer anordnen könnte und packen gleichsam vor den Äugen des Lesers ihre Tornister aus, sie sprechen und ver­gleichen, sie erinnern sich an diesen winzigen Gegenständen an Vergessenes zu Hause und im Krieg und allmählich rollt die ganze Heimat, die ganze Ferne aus den geöffneten Ruck­säcken in das Buch hinein. Oder einer kommt zurück von der Heimat; eine „bonne blessure“, wie dort drüben die französischen Infanteristen zärtlich den Schuß nennen, der statt des Todes dem Glücksvogel ein paar Wochen Urlaub bringt, hat ihm Gelegenheit gegeben, sich rückwärts auf­zuhalten, und nun schildert er den Weg vom Spital zur Etappe, von der Etappe ins Hinterland, schildert die Vexationen der französischen Bureaukratie, den Hochmut der Offiziere, all die bitteren und süßen Erfahrungen mit den verschiedenen Samaritern. Die Kameraden mengen ihre Erfahrungen ein und aus Rede und Widerrede erwächst allmählich eine (wenig freundliche) Schilderung des fran­zösischen Hinterlandes. Mit ein paar losen Einzelbildern ist blitzschnell so die geschlossene Vision des komplizierten Gefüges sinnfällig gemacht, auf dem die vorderste kämpfende Front elastisch ruht. Oder eine rasche Lektion über Artillerie! Sie wachen auf vom Donner einer Kanonade und beschreiben gegenseitig nach den Tönen der Geschosse die Kaliber und ihre Wirkung. Wie der Jäger die Stimmen der Tiere, so erkennen diese Höllenbewohner am bloßen Geräusch die Geschosse, sie unterscheiden genau, bloß nach dem Schall, auf Zentimetergröße die schweren Granaten und agnoszieren mit ganz besonderem Grauen die zer­schmetternden österreichischen Mörsergeschosse, die sie vor Verdun zuerst kennengelernt. Sie schildern mit ihren Rufen und Schreien und Scherzen unbewußt die Flugbahn, die Wirkung, die Schnelligkeit der Geschosse und unmerklich wird aus dem bäuerisch und banal geführten Gespräch ein ungeheuer anschauliches Bild der fürchterlichsten Waffe dieses Krieges, der Artillerie.

Aus solchen kleinen Darstellungen, Episoden und Anekdoten ist das ganze Buch gestaltet. Einzelne sind unvergeßlich in ihrer Schönheit oder ihrem Grauen. Da ist die des Fliegers, der Sonntag morgens über den Stellungen kreist und zu beiden Seiten der Schützenlinie je eine dunkle, viereckige, gleichartige Masse wahrnimmt. Er schraubt sich nieder, dies Seltsame zu erkunden, und sieht zur Rechten und zur Linken eine gleichzeitige Feldmesse, die deutsche und die französische. Von beiden Seiten tönt zu gleicher Stunde zum gleichen Himmel und zum gleichen Gott Gesang und Gebet zweier Sprachen, zweier Völker empor, aber ehe noch die frommen Warte zu ihm aufrauschen, splittern schon die Schrapnelle der Abwehrgeschütze um seinen Apparat. Oder jene andere Geschichte, die des Soldaten aus Souchez, der in der Wüstenei des früheren Ortes, im zerschmetterten Nichts des Heimatsortes wie ein Blinder umhertappt und sein eigenes Haus nicht mehr zu erkennen vermag, so gänzlich um und um ist seine Heimat verwüstet. Oder die des Soldaten, der die Leiche seines Bruders — des letzten von sechs — sucht und nicht weiß, daß sie eine Armspanne von seinem Lager hinter dem Erdwall liegt, und die Uhr, die er die ganze Nacht ticken hörte, die des Gesuchten ist, die mit ihrem kalten Mechanismus sein warmes junges Leben überdauert. Unvergeßlich durch Grauen, unvergeßlich durch Wirklichkeit, unvergeßlich durch Kunst der Darstellung sind diese Episoden, und doch, und doch: immer und immer stöhnt der einzelne der französischen Soldaten, klagt der Dichter aus ihnen verzweifelnd: „Qu ne peut pas se figurer!“ Man kann es sich nicht vorstellen: das wird der immerwährend wiederkehrende Rhythmus, das Leitmotiv des Werkes. Entsetzlichstes stellt Blatt um Blatt der Dichter dar und fühlt doch immer, er sagt nicht genug, nicht genug des Leidens, nicht genug der Qual. Denn selbst wenn er alle Höllen dieses Krieges schildert, das Grauen das entsetzliche, wie dies darstellen, die un­sichtbarste und grausamste aller seiner Qualen, seine Unendlichkeit, die Zeit, die langsame, allzu langsam fließende Zeit? Sekunden und Minuten, die kann man mitdenken, aber die Monate, die Jahre, wie sie fassen, diese Dauer, diese Monotonie, diese Ewigkeit? Sie verzweifeln, die französischen Infanteristen, und er verzweifelt mit ihnen, sie an der Welt, er an der Kunst. Das äußerste Leiden der Menschen wird hier zugleich zur höchsten Not, zur Ver­zweiflung des Künstlers.

Endlosigkeit. Zermürbung, Müdigkeit, Unabsehbarkeit dreier Jahre, diesen letzten Höllenkreis des französischen Infanteristen von heute, den Zola in seinem Débacle noch nicht kennen konnte, ihn schildert heute Barbusse seinen Landsleuten und der Welt. Als Drohung hält er den poli­tischen Patrioten und hinterländlerischen DurchHaltern diese letzte Qual ihrer Opfer entgegen, kein Leiden schildert er, der Soldat und Kämpfer war, ein makelloser Zeuge, so grausam als dieses der unermeßlichen Dauer, vor der es keine Rettung gibt. Denn auch die Pause, der Urlaub, die an­gebliche Rast, auch sie ist den Heloten des rasend gewordenen Nationalismus, den Infanteristen vergiftet, eine grausame Farce grinst sie aus diesem Buche der Qual. Barbusse schildert den ersten Besuch der Urlauber in Paris. Noch klebt der Schmutz des Erdloches an ihren Kleidern, noch gellen ihnen die Ohren vom Donner der Geschütze, noch krampft sich ihnen die Seele von den Bildern des Grauens. Und sie kommen über die Boulevards, die von Müßigen strotzen, die Automobile sausen geputzte Menschen hin, die Geschäfte funkeln Lockung, die Frauen mit den Blicken. Nichts, niemand weiß von Krieg, allen diesen Menschen ist er fern wie der strahlende Himmel über den Dächern. Aber doch: hier ist ein Zeichen. Vor einem Geschäft sammeln sich Leute und bestaunen hinter der Glasscheibe ein sonderbares Ding. Was ist es? Sie drängen sich mit und sehen die lebensgroße Wachsfigur eines deutschen Offiziers in echter deutscher Uniform mit dem eisernen Kreuz aus Pappe, die um Gnade kniend, ihre beiden Wachsarme bettelnd zu der eben­falls wächsernen Figur eines französischen Offiziers empor­hebt, dessen karminrote Kinderaugen und blöde Glas­augen verdreht auf ihn niederstarren. Unter dieser einfältigen Spielerei steht groß angeschrieben „Kamerad, das Spott­wort für die Deutschen. Die Soldaten sehen hin, Grauen und Ekel faßt sie an: so denken sich also hier diese Müßiggänger die Deutschen, so denken sie sich hier im Hinterlande den Krieg! Eine elegante Dame streift sie parfümiert an und fragt: „Nicht wahr, meine Herren, sie, die sie wirklich Soldaten sind, sie müssen das auch gesehen haben?“ Und die beiden, gewürgt von Ekel, stammeln ein furchtsames „Ja.. ja…“ und die anderen glänzten vor Freude. Sie gehen weiter in ein Cafe, Plauderer reihen sich ihnen an, rühmen sie als echte Soldaten, ein Herr erzählt, wie gern er, der Be­geisterte, in den Krieg gegangen wäre, aber das böse Mini­sterium gebe ihn nicht frei, ein anderer erklärt ihnen, daß er hier eben so wichtig für den Staat sei, als sie draußen. Wieder sagen sie: „Ja…, ja…, ja…“ gutwillig und scheu zu allem, aber sie spüren tief innen, zwischen ihnen und jenen ist eine Grenze, sie sprechen verschiedene Sprachen. Und sie irren wieder weiter, die Armen, namenlos vergessen fühlen sie sich in der Großstadt, in diesem Paris, das nur an sich selbst und// sein Vergnügen denkt, und Plötzlich sagte der eine: „Weißt du, es gibt kein Land heute mehr, sondern zwei Länder im Land, und die sind einander zu fremd. Dort draußen ist man zu unglücklich und hier ist man zu glücklich.“ Verloren fühlen sie sich in der Hauptstadt Frankreichs, die sie mit ihrem Blut in tausend Tagen verteidigten, und gesenkten Hauptes wandern sie aus der steinernen Fremde zurück in ihre andere, in die furchtbare Heimat, in ihre Schützengräben.

Sie sind wieder zu Haufe, sind wieder Familie, die „escouade“. Nun aber hebt der letzte Akt dieser menschlichen Tragödie an. Sie wachen nachts auf vom Alarm und werden aus dem Schlaf in den Sturm geschickt. Die Schilderung dieser Apokalypse unserer modernen Mensch­heit hat Barbusse so grausam, so entsetzlich lebendig — oder besser: so entsetzlich mörderisch — gestaltet, daß man sie nicht wieder erzählen vermag. Die Seele verbrennt einem, daß es solche Stunden auf unserer Erde gibt, und der Atem wird nicht mehr frei für das Wort, davon zu sprechen.

Dann kommt die Nacht nach dem Sturm, nach dem Gemetzel. Es ist vorbei. Die letzten Zwei von den einstmals Siebzehn der Escouade streifen über das von den Granaten zerhämmerte Feld. Sie suchen die Kameraden, die vor einer Stunde mit ihnen beim Kartenspiel saßen, und finden als zerfetzte Leichname die einzelnen Brüder, die sie ge­liebt, mit denen sie durch diese zwei Jahre verwachsen waren wie Muskel und Haut. Aber doch: in ihr mensch­liches Grauen, ihre brüderliche Trauer vermengt sich un­aufhaltsam die dämonische urweltliche Ekstase der eigenen Existenz, der rasende Triumph: „Ich lebe noch! ich lebe noch!“ Sie haben selber getötet, sie sehen den Tod um sich mit blutenden Schädeln und grinsenden Fratzen und wissen doch nur das eine, daß sie selbst noch leben. Sie irren weiter von Leiche zu Leiche. Immer wieder, immer verzweifelter klingt vor den furchtbaren Bildern des Grauens das Leit­motiv des Buches auf „on ne peut pas se figurer“, man kann es sich nicht vorstellen. Und sie verstummen, sie kriechen zurück mit ihren blutigen Händen durch den Stacheldraht und kauern sich wieder hin in ihre Winkel.

Und nun beginnt ganz leise Stimme um Stimme aus dem Dunkel zu sprechen. Ganz namenlos sind sie schon, diese Stimmen der Übriggebliebenen, und manchmal tönen sie dumpf, als sprächen die Toten, die neuen Zehntausend, die neuen Hunderttausend mit, die jetzt vor der deutschen Linie wertlos liegen wie Kot. Sie sprechen, die namenlosen Stimmen, vom Kriege und suchen seinen Sinn. Aber nicht von Elsaß-Lothringen reden die Infanteristen und von Marokko und Syrien wie ihre Minister, sondern nur von dem Leiden und seinem Ende. Einer wagt noch die Phrase, die angelesene, man müsse Deutschland zerstören, damit der Militarismus vernichtet sei. Aber die anderen glauben der Phrase nicht mehr. „Würde Deutschland auch geschlagen, so würde der Militarismus in einem anderen Lande neu erstehen,“ so sagen sie. Nicht Deutschland müsse im Kriege besiegt werden für immer, sondern er selber, der Krieg; nicht Deutschland ist der Feind des Volkes, sondern der Krieg. Zwei Armeen, die sich bekriegen, das ist ja eine einzige große Armee, die Selbstmord begeht!“ ruft einer aus und alle stimmen stürmisch ihm zu. Kein Wort des Hasses haben diese französischen Kämpfer für Deutschland, und die eben noch mit den Handgranaten in ihre Linie ge­stürmt waren und mit den Messern wie die Bestien gewütet, sie haben Mitleid mit den Opfern des Krieges und Haß nur gegen den Krieg und all diejenigen, die sie hineingetrieben. Nie dürfe ein solches Leiden mehr über die Menschheit kommen, so schreien sie aus ihrer Not, und nur wenn dies der letzte Krieg der Menschheit gewesen, könne ihr Leiden sinnvoll sein. Keine Provinzen könnten ihr Leiden bezahlen, nur dieser eine letzte Gedanke, daß vor diesem Übermaß ihres Leidens die Menschheit zurückschrecken würde, noch einmal das Kreuz des Krieges freiwillig auf sich zu nehmen. „Guerre à Ia guerre!“ gellt es aus den französischen Reihen über das Leichenfeld wie die Posaune des Gerichtes.

Und das ist Trost für sie, unendlicher Trost, daß sie alle als namenlose Heillande mit ihrer Qual die ganze Zukunft vom Kriege erlösen, daß dies Beispiel alle Generationen für immer ernüchtern wird. Aber nur eine Sekunde lang be­ruhigt sie dieses Idol. Denn wer, so fragen sie sich, wird dieses unser unermeßliches Leiden der Menschheit schildern, wer weiß es denn? Kein Dichter kann es sich von heim­wärts erdenken, und, die Kriegsberichterstatter, die „touristes des tranchées“, die Spazierreisenden des Schützengrabens, auch sie haben nur einen Teil ihres Leidens gesehen und nicht den fürchterlichsten gefühlt: den Zwang, die Dauer, die Unendlichkeit. Wer weiß es, wer kennt es, dies Schicksal des Infanteristen? „Wir! Wir allein!“ antworten die Stimmen. „Wir! Wir allein, die wir es erlebten!“ Aber wie ein Hammer fällt das Bedenken eines auf ihr Herz. „Auch wir nicht, auch wir nicht!“ schreit er auf. „Wir ver­gessen! Es ist zu viel. Man kann es nicht behalten: Auch wir, auch wir werden unser eigenes Leiden vergessen.“

Wie ein Feuerbrand fährt dieser Gedanke, der fürchter­lichste des fürchterlichen Buches, durch sie hin. „Ja, wir ver­gessen!“ schreit der eine. „Wenn ich nach Hause komme und die eigenen Briefe lese, die ich aus dem Felde geschrieben, so erkenne ich mich, so erinnere ich mich nicht mehr.“ Und ein anderer: „Es ist zu viel, um alles zu behalten. Man vergißt die Dauer dieser Nächte, die Qual der Entbehrung, nichts bleibt, als Orte und Namen wie im amtlichen Communiqué.“ O Durchlässigkeit des Gefühls, o Unbeständigkeit des Erinnerns, o Mattigkeit des Gedenkens! Wie Verzweifelte klagen sie sich selber an. „Wir sind „machines à oublier“, Maschinen des Vergessens. Der Mensch ist nur ein Wesen, das ein wenig denkt und viel vergißt.“ Auch sie, die einzigen wahrhaften Zeugen, werden stumm sein, vor dem Tribunal der Menschheit, auch sie nur stammeln können, statt zu sprechen! Als Helden wird man sie schildern, die sie sich als Märtyrer fühlen, als die maßlos schuldlos Leidenden, ihre Taten wird man kennen, die aneifernden, und nicht ihr Leiden, das allein die Generationen der Zukunft erlösen kann. Wozu dann diese Qual, dieses Leid? Verloren ist ihre Hoffnung: „Tout le malheur est perdu!“ Alles Leiden ist -vergeblich, wenn es die Menschheit nicht weiß, wenn niemand es wahrhaft bezeugt.

Dieser Zeuge, diese Stimme zu sein, die das Leiden des Infanteristen, des französischen, für alle Zeiten der Mensch­heit zur Warnung kündet, hat Henri Barbusse versucht. Wie ein gigantisches Grabdenkmal, gequadert aus Qual, gemörtelt mit Tränen und Blut, ist es über dem Gedächtnis seiner gefallenen Kameraden getürmt, wie ein Fanal der Warnung flammt die erhobene Flamme seiner Leidenschaft in die Zeit hinein. Es wird dauern als Schutzwall gegen die trübe Flut der Gedichte und Traktate der Maulhelden, die eilig aus der Enthobenheit ihrer Stellung eine Erhabenheit des Gefühls gemacht, als Warnung und ewiger Hohn der vorsichtigen Patrioten, die so beredt das große Stahlbad gerühmt und sich selbst gehütet, nur die Fersenspitze darin zu netzen – es wird dauern, weil sein Gefühl aus Erlebnis gestaltet ist und weil dies Gefühl keine Grenzen und Völker mehr kennt, nur seinen heiligen Ursprung: die Menschlich­keit. Inmitten der Kämpfe um Entscheidungen der Kraft und des Besitzes ist es schon ein Sieg, der einzige, der im letzten Sinne zählt: der Sieg des klaren Geistes über den Widersinn der Erscheinung, der Sieg der Wahrheit über die Phrase und ihren erbärmlichen Knecht: das Wort.

In: Neue Freie Presse, 8.7.1917, S. 1-3.

Grete Urbanitzky: Der wilde Garten (1927)

Als ich ein kleines Mädchen war und in das Lyzeum ging, damals, als ich mich weder gegen die Quälereien einer machtlüsternen Lehrerin noch gegen das so bitter empfundene Unverständnis der „Großen“ wehren konnte, damals, als ich in flüsternden, heimlichen Gesprächen mit Gleichaltrigen erfuhr, daß es keiner besser ging, damals, als jeder unsere eckigen Glieder, unseren unreinen Teint belächelte und keiner etwas mit uns an­zufangen wußte, da tat ich einen Schwur. Erinnert ihr euch noch daran, liebe, scheue Mitverschworene, mit denen ich damals in dem verstecktem Winkel von meines Vaters Garten saß? Erinnert ihr euch? Wir hatten ein Buch der Marlitt — oder war es die Eschstruth? vor uns liegen und waren wild empört über die Schilderungen junger Mädchen. So sind wir nicht! riefen wir durcheinander. Weiß denn niemand etwas von uns? Damals schwor ich euch, nicht zu vergessen wie alle anderen, nicht wie alle anderen, groß geworden und selbst zur Macht über Unerwachsene gelangt, unsre Wirr­nis und unsre Not an jenes verlegene Lächeln der Erwachsenen zu verraten: ach, damals waren wir töricht! Und damals schwor ich euch, einmal ein Buch zu schreiben, in dem dies alles gesagt würde, was die Bücher, die wir kannten, verschwiegen, was uns aber so sehr ver­wirrte und beschäftigte, von unserem Kampf gegen jene Großen, die uns allein ließen in jener Zeit, da diese Macht auf uns einstürmte, mit der auch die Erwachsenen nicht immer fertig werden: Eros.

Und so habe ich denn dieses Buch ge­schrieben und mein Versprechen ge­halten. Ich habe das Buch Der wilde Garten genannt, weil jede Jugend ihm gleicht und jede der Freude und Liebe bedarf wie der Garten der Sonne. Und getreu meinem Schwur habe ich nichts verschwiegen und maskiert, woran sich Erwachsene sonst nicht immer gerne erinnern, von unseren törichten Träumen und Vorstellungen bis zu den Dingen, die wir einander nur im Dunkel er­zählten und beichteten. Und vieles noch ist in dem Buche aufgezeichnet, was die Reifen und Erwachsenen nicht wissen oder nicht wissen wollen und was mir manche anvertraut, die noch dem wilden Garten angehört. So soll dieses Buch Schwester sein jener Bücher, die Männer, groß und reif geworden, eines Tages über die Wirrnisse ihrer Knabenzeit schreiben, nicht nur zum Gedächtnis, sondern mehr noch für jene, denen als Eltern oder Erziehern Jugend anver­traut wurde. Und so habe auch ich meinen Schwur nicht nur für euch gehalten, liebe, kleine Mitverschworene von einst, die ihr aus dem wilden Garten sicherlich schon in Heirat und sicheres Sein gefunden habt und voll lächelnder Nachsicht der wirren Zeiten der Pubertät gedenkt, sondern für sie, denen heute Töchter heran­wachsen, die sich ebenso unverständlich rebellisch gegen manches geheiligte Gesetz der Sitte gebärden, wie wir es taten und wie es jede Jugend immer wieder tun wird. Die Erwachsenen ver­gessen so leicht, „wie es damals war“. Und doch sind auch wir nicht schlechter oder unmoralischer gewesen als die Altersgenossinnen unserer Mütter, die uns immer als leuchtendes Beispiel vorgehalten wurden. Nur anders. So wie jede Jugend eben anders ist…

In: Die Bühne, Nr. 159, 1927, S. 54.

Hans Tietze: Richtlinien für ein Kunstamt (1919)

Die „Richtlinien für ein Kunstamt“, die Adolf Loos in der letzten Nummer des Frieden veröffentlicht hat, sind weniger Gesetze als Gebote; sie erstreben keine erschöpfende Behandlung des großen Themas, aus dem nur einzelne Punkte zu aphoristischer Stellungnahme herausgerissen werden; sie kümmern sich nicht um die verwaltungstechnische, finanzielle oder politische Durchführbarkeit der aufgestellten Forderungen, sondern wollen dem verantwortlichen Leiter eines einstigen Kunstamtes, in welchem Rahmen immer dieses gebildet und von wem immer es verwaltet werde, den richtigen Weg weisen und noch mehr ihn hindern, von diesem Wege abzuweichen. Diese Richtlinien sollen ein Stacheldraht sein; eine erbitterte Kenntnis der uns umstrickenden kulturfeindlichen Kräfte spricht aus ihnen und verrät den mahngebenden Einfluß des Mannes, der ihnen die Fassung gab; das beste von ihnen ist mehr die Summe seiner Lebenserfahrungen als das Ergebnis der wochenlangen Erörterungen, zu denen er Gleichstrebende um sich versammelt hatte. Adolf Loos stellt sein Programm auf, das weniger als Grundlage einer Kunstreform denn als der in ästhetische Thesen formulierte Ausdruck einer Weltanschauung zu verstehen ist; auch der paradox oder scheinbar beiläufig hingesetzte Satz hat tieferreichende Wurzeln und dichte Verbindungsfäden zu allem Übrigen.

Darin liegt die Schwierigkeit, sich mit den die bildende Kunst allein betreffenden Teilen gesondert auseinanderzusetzen; immer ist es der ganze Loos, der einem gegenübersteht; sein Programm spiegelt alle Einseitigkeit und allen Widerspruch wieder, der das Merkmal einer menschlichen Persönlichkeit ist; es enthält aber auch Sätze, die man in der Tat im Amtszimmer des künftigen Kunstverwesers eingerahmt hängen sehen möchte. Vor allem müßte der Leitsatz: „Der Staat hat sich zu entscheiden, ob er den Künstlern helfen will oder der Kunst“ sein Morgen- und Abendgebet sein. Alles was bisher auf dem Gebiete der öffentlichen Kunstpflege getastet und geleistet worden ist, alles was zu ihrer Schlimmbesserung für die Zukunft gefordert und geplant wind, krankt an der unreinlichen Scheidung zweier möglichen Prinzipien; wie sehr auch mir gerade hier der Kern der ganzen Frage gelegen zu sein scheint, habe ich erst vorgestern an dieser Stelle — „Die Demokratie und die Künstler“ — darzulegen versucht. Aber ich glaubte auch andeuten zu sollen, wie eine Überleitung aus den jetzigen widersinnigen Verhältnissen zu einem gedeihlicheren Zustand angestrebt werden könnte; Loos‘ Richtlinien, die ja eine bewußte Zukunftskonstruktion sind, verzichten aus diesen Kompromiß.

Eine allgemeine Volkserziehung zur Empfänglichkeit für Kunst oder wenigstens gegen das Widerstreben gegen sie muß in der Schule beginnen; sie darf nicht darin bestehen, daß das Kind zur Kunstübung oder zum Kunstgenuß angeleitet wird, wodurch es nur einem neuen heuchlerischen Tyrannen ausgeliefert würde, sondern beschränkt sich auf eine Gewöhnung des jugendlichen Organismus an physische und psychische Natürlichkeit. Ob aber aus diesem vom wüsten Gestrüpp unserer jetzigen Schulerziehung gereinigten Boden eine gesunde Saat aufgehen wird, ist eine Frage in erster Linie sozialer Lebensreform; in den Paragraphen „Speisesäle“ will Loos wohl in dieser Richtung deuten, denn die sonst von ihm empfohlene Ausstattung der Schulräume mit Reproduktionen alter Kunst — was im Prinzip ja auch heute vielfach geübt wird — ist eine wertlose Maßregel, wenn sich die sonstige Existenz des Kindes in greulicher Kunstwidrigkeit abspielt.

Die Anregungen zur Ausgestaltung der Museen bewegen sich im wesentlichen auf den Bahnen, die auch die Fachleute seit Jahren zu schreiten begonnen haben; die Schwierigkeiten, auf die sie dabei stießen, sind durch die allgemeine Umwälzung zum Teil behoben, aber die wichtigste bleibt bestehen: das mangelnde Interesse eines breiteren Publikums, das nur sehr allmählich und vorsichtig gewonnen werden kann. Zu gleicher Skepsis verpflichtet die Erfahrung auch gegenüber der zur Kunstpflege und Kunstberatung gemachten Vorschläge; sie enthalten die Gefahr einer ästhetisierenden Bevormundung, für die weder eine Aufnahmsfähigkeit noch auch die richtigen Persönlichkeiten zur Vermittlung vorhanden sind. Auch für die Kunsthistoriker will ja der Staat nicht sorgen, sondern für die Kunst.

Die Erziehung zum Künstler zu regeln, ist eine der wenigen Formen, in denen der Staat dieses Ziel fördern kann. Hier begegnet sich Loos mit so vielen anderen, die ähnliche Reformen fordern, daß diese in künstlerischen Fragen so seltene Einmütigkeit vielleicht gerade in diesem Punkt eine baldige praktische Lösung erhoffen läßt; mit der  vorgeschlagenen Rückkehr zur handwerklichen Schulung allein ist aber nicht gedient, sondern hier muß man den Mut haben, was Loos auf dem ihm genauer bekannten Felde des Bauwesens fordert, auch auf die bildenden Künste zu übertragen. Wie der Anwärter auf die Ausbildung zum Architekten das Maurer-, Zimmermanns- oder Steinmetzgewerbe erlernt haben muß, so ist dem angehenden Maler oder Bildhauer eine solche Erziehung zu geben, die ihn befähigt, zu einem seiner künstlerischen Betätigung verwandten Handwerk — Zimmermaler oder Lithograph, Restaurator, Steinmetz, Drechsler, Ziseleur ecc. — übe[r]zugehen. Nicht daß die künstlerische Ausbildung ein bißchen gebessert wird — was für das Genie ganz ohne Belang ist — ist wesentlich, sondern daß der Durchschnitt der Kunstbegabten den Ausweg aus einer verbitternden Proletarisierung finden könne.

Konsequenter sind die Vorschläge über die Erziehung zum Handwerker und die Anmerkungen zur Denkmalpflege; auch hier wurde manches — und viel weitergehendes — in Fachkreisen längst gefordert, ist manches erst jetzt ins Bereich der Möglichkeit getreten. Anderes könnte ansehbar erscheinen; z. B. daß bei Industrialisierung der Wasserfälle dafür zu sorgen sei, daß zeitweilig der Wasserfall durch die Ausschaltung des Betriebes seine natürliche Gestalt erhält. Hier hat Loos den richtigen Standpunkt verlassen, den er in einem früheren Paragraphen gegen die künstliche Erhaltung alter Trachten und ähnliche Bestrebungen eingenommen hat; gewiß, der Bauer ist kein Spielzeug, aber auch die moderne Arbeit ist es nicht. Wenn ihre Stätten mit Ernst und Sachlichkeit — ohne Schielen nach künstlerischen Nebenwirkungen — geschaffen werden, werden sie sich der Landschaft schmerzlos einfügen Als Schaffender würde gerade Adolf Loos hier seinen Weg sicherer gehen denn als reformierender Theoretiker.

In: Der neue Tag, 30.3.1919, S. 9.

A. F. Seligmann: Kunst und Erotik (1922)

Vor einiger Zeit übergab mir ein bekannter Arzt, Leiter eines bedeutenden hiesigen orthopädischen Instituts, ein Mann von vielseitigen Interessen, der einer alten Wiener Künstlerfamilie entstammt, einen Aufsatz, um meine Ansicht darüber zu hören. (Er ist inzwischen als Feuilleton in der Kunstbeilage der Neuen Freien Presse vom 10. März erschienen.) Darin wurde auseinandergesetzt, der eigentliche „Zweck“ der Kunst, über den so viel philosophiert und geschrieben worden, sei „Psychotherapie“. Wenn auch Freud erst diesen Terminus technicus in Mode brachte, so haben, sagt der Verfasser, die Künstler auf Grund ihrer Intuition praktisch Psychotherapie getrieben, solange die Welt steht. „Zweck der Kunst ist nämlich die Entladung“, und ein begeisternder Künstler ist der, „dem es gelungen ist, solcherlei aus dem Dämmer klar an die Sonne zu bringen, das im Unterbewußtsein seiner nichtkünstlerischen Nebenmenschen wogt, ohne je von selber aus dem Chaos Schöpfung werden zu können“.— „Die untätig Reichen und die in ihrem Beruf Unbefriedigten, in deren Leben Bilder, Romane, Theaterstücke erst Lebensinhalt bringen, alle diese Unzähligen, die das große Kunstpublikum ausmachen, haben einen Anflug von Hysterie; was sie im Alltag erleben, genügt ihnen nicht, und sie hören daher umso lauter die Stimmen ihres eigenen Inneren; sie gleichen dem Menschen, der sich beide Ohren fest zuhält und nun das Rauschen des eigenen Blutes hört.“

Ein Dichter wird bei seinen Zeitgenossen um so mehr Erfolg haben, je besser es ihm gelingt, diese chaotischen Empfindungen, die der Weltanschauung und Lebensauffassung seiner Epoche entspringen, aber von den meisten nur im Unterbewußtsein, daher als Verstimmung, als Mißbehagen empfunden werden, gleichsam „als psychi­scher Athlet aus der Tiefe ans Tageslicht zu heben, so daß es sich zu Worten gestaltet, allgemein verständlich wird und bei seinen Lesern eine psychische Entladung ermöglicht“. Er spricht aus, was seinen Zeitgenossen — oder doch den meisten von ihnen — auf der Zunge liegt, er „schreibt ihnen aus der Seele“, wie man zu sagen pflegt, und verschafft ihnen dadurch ein Gefühl der Befreiung.

In diesen Auseinandersetzungen liegt ohne Zweifel viel Wahres. Indessen wird man gut tun, solche Befreiung oder Entladung nur insofern für den „Zweck“ der Kunst anzusehen, als es sich um die psychologische Wirkung der künstlerischen Darstellung han­delt, um den Effekt, den der Stoff, das Gegenständliche dieser Darstellung be­wirkt. Man kann sich sehr wohl den­ken, daß ein höchst bedeutendes Kunst­werk einen Gegenstand behandelt, der an sich gar keine Assoziationen der obigen Art hervorruft — z. B. der be­rühmte ausgeweidete Ochse, den Rembrandt gemalt hat, bloß weil ihn das Motiv als Komplex von Form und Farbe, Licht und Schatten interessierte. Umgekehrt kann auch irgendein künst­lerisch wertloses — ich meine als Form­gebilde wertloses, also dilettantisches oder kitschiges — Gemälde, Drama oder Musikstück den bewußten empfindlichen Punkt in der Seele des Beschauers oder Hörers treffen und die erwähnten Wirkungen im höchsten Maße hervor­bringen. Das ist ja das Geheimnis des Erfolges gewisser Modewerke, die den enthusiastischen Beifall des Publi­kums erwecken, aber sobald die aktuellen, in der Zeitgelegenen psychologischen Voraussetzungen nicht mehr vorhanden sind, abfallen und gar keinen Eindruck mehr hinterlassen.

Die heutigen „Verdrängungserscheinungen“ (d. h. Er­scheinungen, die darauf beruhen, daß gewisse Vorstellun­gen oder Vorstellungsreihen als störend empfunden und daher ins Unterbewußtsein „abgedrängt“ werden, wo sie mehr oder minder starkes Mißbehagen, ja gelegentlich schwere Erkrankungen des Seelenlebens hervorrufen können) sind, wie der Autor des zitierten Aufsatzes weiterhin bemerkt, zum großen Teil erotischer Natur, „denn dieses Gebiet ist dasjenige, auf welchem die Wolke des Unausgesprochenen, des Unfreien noch am meisten lastet“. Wir stehen tatsächlich diesen Erscheinungen nicht so unbefangen gegenüber, wie das in früheren Epochen der Fall war, in denen man dergleichen entweder als etwas ganz Natürliches betrachtete oder als derbkomisches Motiv behandelte, z. B. in der antiken Komödie, aber auch noch im christlichen Mittelalter (wie wir an den Canterbury tales, den Erzählungen der Königin von Navarra oder dem Decamerone sehen). Als tragisches Motiv wurden damals meist die rein seelischen Konflikte der Liebe, nicht selten sogar der unerwiderten, der platoni­schen, verwendet (Dantes Verhältnis zu Beatrice, die Fiametta des Boccaccio und zahllose andere Werke aus diesen, aber auch noch, aus späteren Jahrhunderten). Erst nach und nach machte die Zote der Pikanterie Platz, die Derbheit dem feineren Humor oder einer raffinierten Mischung von Sentimentalität und Lüsternheit. In der galanten Kunst des 18. Jahrhunderts ist in dieser Richtung wohl das Äußerste geleistet — aber immer noch mit dem Rest einer gewissen Naivität, die solche Dinge dem Leser und Beschauer vorführt, um ihm eingestandener­maßen Vergnügen zu bereiten. Die Stürmer und Dränger, die Shakespearomanen vom Ende des 18. wie die Romantiker vom Beginne des 19. Jahrhunderts haben dann solche Motive auch im tragischen Sinne verwendet (man denke an die berühmte Entkleidungsszene in Kleists Familie Schrof­fenstein). Inzwischen hatten sich die Ansichten von gesellschaftlichem An­stand immer strenger entwickelt, ja bis zur Prüderie gesteigert, der Begriff des Verbotenen, Unsittlichen heftete sich in der allgemeinen Meinung immer merk­licher an diese Dinge, und selbst heute, wo die Ansichten über das, was einem Publikum im Theater, in Kunstausstellungen u. dgl. in dieser Hinsicht ge­boten werden darf, weiß Gott, sehr liberale geworden sind, ist ein Rest dieses Gefühls geblieben, so daß man sich bewogen fühlt, solchen Schilde­rungen oder Darstellungen, wofern sie als echte Kunst gelten sollen, ein Mäntelchen umzuhängen, sie als geniale Kühnheit, als wissenschaftlich wertvollen Beitrag zur Seelenkunde oder gar als „moralisches“ Abschreckungsmittel zu drapieren, wodurch natürlich ihre „psy­chotherapeutische“ Wirkung nur gesteigert wird. Was früher mit breitem

zynischem Lachen oder mit verständnis-//vollem Augenzwinkern vorgebracht oder entgegengenommen wurde, genießt man heute mit ernster Miene, hochgezogenen Augenbrauen und gesenkten Mundwinkeln als „psychologisches Dokument“ und als „reine Kunstform“, ohne sich das Vergnügen an dem Sinnenkitzel eingestehen zu wollen. — Dies zeigt schon das erst seit neuerer Zeit so gebräuchlich gewordene Wort „Erotik“, ein höchst „wissenschaftlich“ klingender Ausdruck, der der Mythologie entnommen ist, während man früher dafür einen solchen zu verwenden pflegte, der aus der Zoologie geholt war. Es ist ein Eingeständnis der Hemmungen, die nach – oder trotz – den heutigen Anschauungen von Sittlichkeit und öffentlicher Moral mit der Behandlung solcher Themen noch immer verbunden sind, und aus diesen Hemmungen erklären sich auch die „Verdrängungserscheinungen“, von denen der Autor des erwähnten Aufsatzes spricht, und ihre starken seelischen Wirkungen.

Durch den Wegfall der Zensur und durch die Lockerung der gesellschaftlichen Anstandsbegriffe ist eine Situation geschaffen worden, die begreiflicherweise entsprechend ausgenutzt wird. Echte Künstlertemperamente, Reine, denen alles rein ist, die nur ihrem inneren Antrieb folgen, können nun manches frei von der Leber weg sagen, was ihre Seele belastet, können, ohne damit Anstoß zu erregen, manches vor die große Öffentlichkeit bringen, was sie bisher in ihrem Pult verschlossen oder in einem Winkel ihrer Werkstatt aufgestellt hatten. Daß anderseits auch findige Köpfe von dieser Konjunktur Gebrauch machen, indem sie auf die niedrigen Instinkte des Publikums spekulieren, ist selbstverständlich. Die Grenze zwischen diesen beiden Kategorien ist gar nicht leicht zu ziehen und, – so sonderbar es klingt – es wäre damit auch kein Kriterium des Kunstwertes gegeben. Es kommt schließlich nicht so sehr auf die Absicht an, die der Künstler seinem Publikum gegenüber hat, sondern darauf, ob das, was er bietet, ein wirkliches Kunstwerk ist oder nicht. Boucher und Fragonard haben, allerdings in vielen Fällen den Wünschen ihrer privaten Auftraggeber entsprechend, die alleranstößigsten Dinge gemalt, und zwar in einer Art, die das Sinnlichreizende der Darstellung absichtlich hervorhebt. Trotzdem gehören ihre

Werke, auch die geradezu pornographischen, zu den bedeutendsten Kunstleistungen ihrer Zeit und ihres Landes. Daß sie sich so ganz als graziöse Cochonnerien geben, daß sie die Tendenz, durch das Sujet im Beschauer psychologische, wo nicht gar physiologische Wirkungen zu erzielen, ganz unverhüllt zur Schau tragen, macht sie eher sympathisch! Viel weniger ist dies der Fall etwa bei den seinerzeit vielgelesenen und berühmten Romanen J. J. W. Heinses, in denen die nämlichen Absichten, nur schlecht maskiert, zutage treten: es wird darin die Philisterei bekämpft, die Rückkehr zur göttlichen Nacktheit der Antike gepredigt, und laszive Schilderungen erscheinen von mehr oder minder gelehrten Diatriben über Malerei, Musik u. dgl. unterbrochen, wie z. B. im Ardinghello […]

Daß diese Romane weniger wegen ihrer oft scharfsinnigen Kunstbetrachtungen gelesen wurden, als wegen der darin geschilderten pikanten Situationen, läßt sich denken.  […]

Im allgemeinen fasste die galante Kunst des Rokokos die Liebe als eine vergnügliche Sache auf. Das änderte sich im 19. Jahrhundert gründlich. Schon die Stürmer und Dränger hatten angefangen, erotische Darstellungen mit allerlei grausigen, ja perversen Elementen zu vermengen; die Romantiker setzten das fort; auch mit der Lupe der Wissenschaft wurden solche Dinge nun betrachtet; späte Repräsentanten dieser beiden Richtungen sind etwa Felicien Rops und Emile Zola. In der neueren Kunst hat sich das noch gesteigert, wie man etwa an Klimt und Schiele sieht, und in der Literatur sind die Beispiele so zahlreich und bekannt, daß wir gar keine Namen anzuführen brauchen. Indessen findet sich gelegentlich auch einmal einer, der sich der früheren Auffassung nähert; so bewegt sich z. B. Franz v. Bayros, von dem wir in dieser Nummer mehrere Blätter bringen, auf einer mittleren Linie zwischen den erwähnten Extremen.

Das Charakteristische erotischer Kunst liegt nun aber gar nicht so sehr im Sujet; die Beziehungen der Geschlechter waren immer ein ergiebiges Motiv für die Kunst, ohne daß man darum solche Darstellungen ohne weiteres erotische nennen dürfte. Vielmehr liegt es in der Art, wie diese Dinge gebracht werden. Man hat von den Frauengestalten Makarts gesagt, daß sie nicht nackt, sondern ausgezogen seien, und das ist ganz richtig. Auch Schwind oder Cornelius haben nackte Frauen gemalt, die aber durchaus unerotisch wirken, und es gibt anderseits Bilder von Klimt, die vollkommen gleichgültige Gegenstände behandeln und aus denen uns ein schwüler Hauch von lasterhafter Sinnlichkeit entgegenweht. In diesem Sinne ist ein Künstler, der vielfach als Erotiker gilt, Arthur Schnitzler, gar kein solcher. Die zahlreichen, dem Liebesleben entnommenen Motive, die er behandelt, sind ihm eigentlich nur Anregungen// für seine künstlerische Gestaltungskraft. In einigen seiner meisterlichsten Werke spielt die Liebe gar keine oder nur eine ganz nebensächliche Rolle, z. B. in Leutnant Gustl, in Professor Bernhardi, im Freiwild, in Literatur, in den Letzten Masken. Ja selbst der Reigen hat bei aller Gewagtheit des Themas seinen Schwerpunkt gar nicht im Erotischen — oder doch nur für diejenigen, die nichts von Kunst verstehen und die allerdings die kompakte Majorität ausmachen; vielmehr in der witzigen und kunstvollen Verflechtung und Führung der Motive, in der außerordentlichen Feinheit der psychologischen Beobachtung, in der sparsamen und dabei unglaublich frappanten Art, in der uns da Typen und Milieus vorgeführt werden. Es ist ja bezeichnend, daß der Autor das vor einem Vierteljahrhundert entstandene Werk damals als unverkäufliches Manuskript drucken ließ und an seine Freunde verschickte mit einer kurzen Vorrede, in der er sagte, er glaube, der Wert dieser Szenen liege „anderswo, als darin, daß ihr Inhalt den geltenden Begriffen nach die Veröffentlichung zu verbieten scheine“. Und er hat damit tausendmal recht! Die Kunst ist ihrem Wesen nach — wie die Natur— weder moralisch noch unmoralisch; sie ist amo­ralisch. Wenn die Wirkungen, die von dem Gegenstand einer Darstellung ausgehen, stärker sind als diejenigen, die lediglich vom Formalen dieser Dar­stellung ausgehen, so ist dies ein Be­weis dafür, daß entweder der Künstler nicht stark genug war, den Stoff zu be­wältigen, oder daß derjenige, der dieser Darstellung gegenübersteht, nicht im­stande ist, die künstlerischen Werte zu erfassen. Beide Fälle sind nichts Seltenes.

Trotzdem wäre es unrichtig, die psy­chologischen Wirkungen, die vom Stoff­lichen einer Darstellung ausgehen, als unkünstlerisch überhaupt abzulehnen (wie es seinerzeit die Impressionisten getan haben). Vielmehr wird sich der Künstler ihrer sehr wohl als Hilfe zu seinen künstlerischen Zwecken bedienen können. Und es ist sicher, daß die „psychotherapeutischen“ Wirkun­gen, von denen wir anfangs gesprochen haben, auch von den meisten großen und berühmt gewordenen Kunstwerken ausgehen, weil es eben für jeden großen Künstler, der zu­ gleich ein bedeutender Mensch ist, als charakteristisch gelten darf, daß er Gegenstände wählt, die von allgemei­nem menschlichem Interesse sind und bleiben.

In: Moderne Welt, H. 12/1922, S. 16-18.

A. F. S.[eligmann]: Die Kunststadt Wien (1919)

Hinunter muß der Erde Pracht
Zum düstern Grabeshügel!
Das Echte rettet aus der Nacht
Die Kunst auf ew‘gem Flügel.

Gustav Schwab

Wahrheiten können nicht oft genug gesagt werden; und so wollen wir uns denn auch nicht abhalten lassen, immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Stellung, welche die ehemalige Kaiserstadt in Zukunft einnehmen kann und wird, zum großen Teil, vielleicht sogar ausschließlich davon abhängen dürfte, in welcher Weise sie ihren alten Kunstbesitz erhält, verwaltet und ausbaut. Es ist ja beispielsweise möglich, daß Wien als Grenzstadt an der Donau sich zu einem Umschlagplatz, zu einem Knotenpunkt des Handels zwischen West- und Südosteuropa entwickelt; aber diese und auch andere Entwicklungsmöglichkeiten sind an Vorbedingungen geknüpft, die vorläufig noch nicht erfüllt sind und von denen es auch gar nicht sicher ist, daß sie jemals erfüllt werden. Was aber Wien nicht erst zu werden braucht, was es schon ist und durchdrei Jahrhunderte war: Sitz und Denkmal einer alten, feinen und ganz und gar eigenartigen Kultur, in einer wundervollen Landschaft gelegen, und dadurch ein Anziehungspunkt für Reisende und für solche, die in einer vom Duft vornehmer Vergangenheit durchwehten Umgebung angenehm und behaglich leben wollen — das kann es auch bleiben, wenn es die Quellen dieser bescheidenen, aber darum keineswegs minder wertvollen Existenz nicht selber verschüttet.

Als Residenz und Mittelpunkt eines großen Kaiserreiches hat sich Wien in den letzten 50 Jahren mit erstaunlicher Schnelligkeit sozusagen zur Großstadt entwickelt. Sozusagen; denn eine wirkliche ist es doch nicht geworden und hat dabei viel Wertvolles aus seiner früheren Zeit eingebüßt; prächtige Denkmäler alter Baukunst sind gefallen, die landschaftliche Umgebung ist vielfach entstellt worden. Hand in Hand damit ist aber auch ein Verfall der gesellschaftlichen Kultur gegangen. Durch das Anwachsens eines unsauberen Nachtlebens. durch protzige Geselligkeit und widerwärtigen Snobismus ist um die Reste des alten Wien eine Art von 27-Kreuzer-Newyork entstanden, das den Anschein einer Großstadt erweckt, aber den Sinn für edlere geistige Genüsse abgestumpft hat. Ein ungeheures Publikum ist jetzt vorhanden, das die Operettentheater, die Varietés und Kinos füllt; aber auch in die Schaustätten der klassischen Kunst, in- die vornehmen Konzertsäle und dergleichen eindringt, sich in modernen Kunstausstellungen breitmacht und die feiner organisierten Zuschauer, Hörer oder Betrachter zu einer kaum bemerkbaren Minderzahl herabdrückt. Wer sich erinnert, wie vor 40, 30, ja noch vor 20 Jahren das // Publikum des Burgtheaters, der Oper; der Philharmonischen Konzerte auf seine künstlerische Nuancen reagiert hat und damit dass Publikum von heute vergleicht, wird wissen, was wir meinen. Im übrigen will ich durchaus kein Lobredner des Vergangenen sein. Auch damals war nicht alles, was geboten wurde, gut; manches sogar herzlich schlecht. Auch damals standen Schauende und Hörende wertvollen neuen, aber fremdartigen Erscheinungen (wie etwa Feuerbach, Ibsen, Brahms, Bruckner, Wolf) oft genug verständnislos und feindselig gegenüber – wie das überall und zu allen Zeiten der Fall ist – allein für das Technische der Ausführung im Schauspielerischen wie im Musikalischen fand sich, ähnlich wie etwa beim italienischen Publikum für die Kunst des Gesangvortrags, immer der feinste Sinn. Eine diskrete Bewegung, ein mit halblauter Stimme gesprochener Satz, eine mit vollendetem Geschmack vorgetragene musikalische Phrase konnte jenes leises Murmeln des Beifalls erregen, das, wie der Wind über ein Kornfeld streicht, sich wellenartig durch Parterre und Ränge fortpflanzt und dem wahren Künstler mehr gilt als das laute Klatschen der Menge, die auch den bloßen Kulissenreißer, den brutalen Effekthascher leicht mit derartigen Ausbrüchen lohnt. Von diesem Verständnis für das wesentlich Künstlerische, von dieser, ich möchte sagen, instinktiven Kennerschaft sind heute im Wiener Publikum, namentlich im Publikum der ehemaligen Hoftheater, kaum mehr Spuren zu finden; Teilnahmslosigkeit wie Beifall sind zumeist gleich kompromittierend für das Auffassungsvermögen und den Standpunkt einer „kompakten Majorität“, neben der eine Minderzahl von wirklich kunstempfindenden Zuschauern und Hörern sich nicht zur Geltung bringen kann.

Man spricht schon seit langem von dem Rückgang unseres Theater- und Musikwesens. Das würde nicht viel beweisen; denn auch zu den Zeiten, wo dieses auf der Höhe stand, hat man gewöhnlich über die Gegenwart geklagt und die Vergangenheit herausgestrichen. Eins ist nun freilich richtig: die Zahl der großen Individualitäten hat sich erheblich vermindert; dafür hat sich das Durchschnittsniveau gehoben. Immerhin gibt es auch unter den jetzt wirkenden Wiener Musikern und Dirigenten, unter Schauspielern und Schauspielerinnen, Sängern und Sängerinnen genug starke Talente. Aber sie können sich unmöglich richtig entwickeln, wenn ein verständnisloses Publikum ihre Unarten großzieht,

ihren echt künstlerischen Qualitäten aber kühl gegenübersteht. Es hat wohl immer und überall ein solches Publikum gegeben, aber, daneben fand sich gerade in Wien stets ein angestammter Kreis feiner Genießer aus allen sozialen Schichten zusammen. Und dieser Kreis gab im großen und ganzen den Ton an; für ihn mühte sich der wahre Künstler, das Beste zu geben, und sein Beifall, für das geschulte Ohr sehr wohl von der Claque oder der der rauhen Menge zu unterscheiden, war ihm der schönste Lohn, Anfeuerung und Richtschnur für sein ferneres Streben und Schaffen. Dieser Kreis ist im Begriffe, zu verschwinden.

            Gleichwohl hat sich im Wiener Kunstleben noch eine gewisse Tradition erhalten; eine Tradition, die auf manchen Gebieten nicht nur als lokale Besonderheit wertvoll, sondern geradezu mustergültig ist. Noch ist in einzelnen Erscheinungen der Geist und Stil des alten Burgtheaters lebendig, der einst allen deutschen Bühnen Vorbild war, noch gibt es eine Überlieferung in der Musik – in der ausführenden meine ich – die von großen Lehrern in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts übernommen und gepflegt, bis auf die Klassiker, bis auf Beethoven, Schubert, ja Mozart und Haydn zurückgeht und darin einzigartig dasteht. Selbst in den bildenden Künsten, die hier immer nur auf einen recht kleinen Kreis von verständnisvollen Genießern zählen konnten, hat sich trotz der starken modernen Gegenströmungen manches von der Liebenswürdigkeit, Eleganz und Anmut der früheren Epochen erhalten, die jetzt, nachdem sie geraume Zeit unterschätzt worden sind, wieder zu hohen Ehren gelangten.

Diese Überlieferungen nicht erlöschen zu lassen, ist vor allem unsere Pflicht. Die Kunst ist heute doch schon so sehr mit der Lebensführung breiterer Schichten verbunden und bedeutet rein wirtschaftlich so viel, daß nicht nur einzelne bevorzugte Kreise, sondern ein großer Teil der Bevölkerung, vor allem der Staat selber, ein ebenso starkes Interesse an ihrem Bestande und ihrem Gedeihen hat, als an der Existenz von Betrieben, die den Bedürfnissen des alltäglichen Lebens dienen. Und gerade in den Wirkungskreis staatlicher Fürsorge fällt jene Art von Kunstförderung, durch welche die Überlieferung lebendig erhalten und auf die Nachwelt übergeleitet werden kann: die Verwaltung der zwei ehemaligen Hoftheater und der staatlichen Kunstschulen, ferner die Erhaltung und zweckmäßige Aufteilung des überkommenen Kunstbesitzes der Vergangenheit, der alten Paläste und Kirchen, der öffentlichen Sammlungen usw.

Wir sind arme Leute geworden und werden mit Wasser kochen müssen. Aber kochen werden wir doch! Und wer weiß, ob uns nicht die Wassersuppen gesünder sein werden als der – man verzeihe den wienerischen Ausdruck – Pantsch, den man aus schwindelhaften Surrogaten gebraut und unter französischen und englischen Namen aufgetischt hat.

[…]

Wie immer sich die Verhältnisse entwickeln mögen – so viel läßt sich nach menschlicher Voraussicht heute schon sagen, daß das deutschösterreichische Staatsamt für Kunstpflege in Zukunft gänzlich unpolitisch wird geführt werden können – und müssen, wenn es etwas leisten soll. Es wird so ziemlich das einzige Amt sein dem dies möglich ist; denn selbst die staatliche Pflege der Wissenschaft, die doch auch kein Politikum ist oder doch keines sein sollte, kann sich – man denke an das Mittelschul- und Universitätswesen – von politischen Einflüssen und Erwägungen kaum ganz freihallen. Das Amt für Kunstpflege könnte es; denn erstens ist die Anzahl der Künstler und Kunstschüler im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung eine so kleine, daß sie politisch keine Rolle spielt; dann aber ist der Wert dessen, was in der Kunst geleistet wird, vollkommen unabhängig von dem begrifflichen Inhalt des Werkes. Sollte es sich aber um eine dick aufgetragene, in irgendeiner Hinsicht für schädlich erachtete Tendenz handeln, so kann darüber nie das Kunstamt, sondern nur die — Polizei entscheiden, die ja auch im neuen Staat hie und da nötig sein wird. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich in der Theorie gegen jede Zensur bin, ob sie sich gegen den Fortschritt oder gegen den Rückschritt wendet (die schärfste Unterdrückung des Geistes dürfte gegenwärtig wohl im bolschewistischen Rußland zu finden sein!); aber wenn eine solche aus irgendwelchen Gründen geübt werden müßte; so fällt das eben nicht in den Machtbereich des Kunstamtes.

 In: Neue Freie Presse, 16.1.1919, S. 1-3.

Kurt Schuschnigg: Das Kulturprogramm der Vaterländischen Front (1935)

In einer vom Kulturreferat der Vater­ländischen Front veranstalteten Kundgebung hielt Bundeskanzler Dr. Schuschnigg vorgestern, nach einleitenden Worten des Kulturreferenten Dr. Rudolf Henz, einen Vor­trag über die kulturellen Aufgaben der Vaterländischen Front. Er führte zunächst aus, seine Darlegungen seien nicht der Polemik gewidmet und sagte dann u. a.:

Derjenige, der mit ganzem Herzen und mit Stolz und mit Freude sich als Österreicher bekennt, der läuft bisweilen Gefahr, in historischen Reminiszenzen stecken zu bleiben. Es ist meiner tiefsten Überzeugung nach mit eine Hauptwurzel des ungeheuren geistigen Elends und der geistigen Kümmerlichkeit, der man hierzulande manchmal begegnet, daß man an­derthalb Jahrzehnte lang aus Furcht, als Reaktionär verschrien zu werden, nicht den Mut hatte, dieses historische Gedankengut zu pflegen. Es war eine Sensation in Österreich, als der leider zu früh verstorbene Wild­gans in seiner großen berühmten Rede daran erinnerte, da wir das viele Große und Schöne, das wir besitzen und dessen wir uns rühmen, Erbgut der Vergangenheit ist, dessen wir mit Stolz und Dankbarkeit zu gedenken haben, und daß wir keine wie immer geartete Ursache haben, es zu verleugnen, und daß dessen volle und konsequente Pflege allein die Brücke schlagen kann in das Heute und Morgen.

Und doch, wer von uns wüßte nicht, daß es zu wenig wäre, nur dem nachzutrauern, was gestern war. Jeder geistige Mensch muß die innere Kraft haben, in aller Objektivität sich ein Urteil bilden zu können über Sinn und Bedeutung des heutigen Staates, des neuen Österreichs, wie er nun einmal ist, in den wir hineingeboren sind, der uns Heimat und Vaterland bedeutet.

Freilich, es ist gerade für den, der sich in seinem Bewußtsein die großen Werte der Bedeutung österreichischer Vergangenheit bewahrt hat, etwas ganz Besonderes um das Wissen der besonderen Bedeutung jenes deutschen Staates österreichischer Prägung, der das neue Vaterland sein will.

Es handelt sich einmal um die Auffassung vom Staat überhaupt:

Das neue Österreich, womit ich immer das Österreich der neuen Verfassung meine, lehnt durch diese Verfassung selbst, durch seine ganze Ideologie den Gedanken ab, daß der Staat der letzte und einzige, der höchste aller Werte sei.

Die Tatsache, daß es versucht, völlig neue Wege der staatlichen Gestaltung zu gehen, die ständische Gliederung — ein unerhört schwie­riges Gebiet, Neuland, von niemandem noch bis zu Ende durchgegangen, von niemandem noch zur Gänze gelöst — die ständische Glie­derung eben besagt, daß die Auffassung, alle Lasten und alle Verantwortung, die Fülle der Macht und des Rechtes und der Ordnung nur dem Staat aufzulasten, nicht unseren Gedankengängen entspricht, daß vielmehr die Auto­nomie der Stände dazu bestimmt sei, den Staat von der Fülle seiner Aufgaben zu entlasten und dort, wo dies möglich ist, die autoritäre Ordnung durch organisierte Stände zu ersetzen.

Man sage nicht, das sei vorläufig ein Pro­gramm! Gewiß, wer vermöchte im Ernst die Anschauung vertreten, daß dieses ganz große und tiefe Konzept, dessen Gewaltigkeit auch der Gegner anerkennen muß, etwa in einem Jahr praktisch zur Vollendung herangereift und durchgeführt sein könnte? Wir sind am Wege zum Ziel!

Die autoritäre Führung des neuen Staates trägt gleichfalls und soll typisch österreichische Züge tragen. Diese autoritäre Führung soll nach unserem festen Willen und unserer Meinung niemals verwechselt werden können mit Willkürherrschaft. Die autoritäre Führung soll immer einzig und allein bestimmt sein von der Notwendigkeit, von der jeweils zeitgebundenen Notwendigkeit, in ihrem Um­fange und ihrem Inhalte. Die autoritäre Führung kann darum auch niemals nach öster­reichischem Begriff zu jener Toleranz, die mit zum edelsten Verwaltungsgut österreichi­schen Denkens und österreichischen Lebens gehört, in Gegensatz gebracht werden. Die autoritäre Führung darf und soll niemals dazu mißbraucht werden, dort Freiheit zu mindern oder gar zu erschlagen, wo Freiheit möglich und mit den Interessen des Volkes, mit dem Gemeinwohl vereinbar ist. Es ist daher unserer festen Überzeugung nach etwas durchaus Zeitbedingtes und Elastisches, um diese Führung im Staate.

Eine Schranke muß allerdings gezogen sein: Die Toleranz, auf welchem Gebiete auch immer, auch auf dem Gebiete der Wissenschaft und Lehre, auch auf dem Gebiete der Kunst, kann nur so weit gehen, daß die Ge­meinschaft, das Gemeinwohl nicht Schaden leidet.

Die autoritäre Führung, und nur die autoritäre Führung vermag die Garantie dafür zu bieten, daß der Umbau des Staates, die Abkehr von gestern, zum Gelingen geführt wird.

Der deutsche Staat typisch österreichischer Prägung will und kann nicht anerkennen, daß Staats- und Kulturgrenzen gemeinsam seien.

Politische Formungen vergehen, aber der Geist bleibt. Hüter dieses Geistes zu sein, ist Österreichs Ausgabe. In diesem Geist sind die Kulturabkommen zu verstehen, die das neue Österreich teils geschlossen hat, teils zu schließen sich anschickt, deren letzter und tiefster Sinn es ist, daß unsere Kultur hinausgetragen und in ihrer Reichweite vergrößert wird, daß der Geist Goethes und Grillparzers auch andere erfaßt, auf daß sie in Ehrfurcht und Schauer zu ihm aufschauen und es erleben, was es heißt, Dante und Goethe in tiefster geistiger Beziehung — ich wage es zu sagen — vereint zu sehen im Geiste des Imperiums jenes Reiches, das Österreich vertreten hat und dessen letzte Stunde keineswegs geschlagen hat.

Wenn wir uns zum christlichen Staat bekennen, so meinen wir dies zunächst nicht konfessionell im engeren Sinne, sondern wir verlangen, daß, den Tatsachen der Realität Rechnung tragend, der christliche Geist, die christliche Grundauffassung von jedermann im Lande respektiert werde, und daß jeder, der noch Österreich kommt, von vornherein weiß, hier findet er ein Staatswesen, dessen äußeres Bild und inneres Denken nach den Gesetzen christlicher Weltanschauung geordnet ist.

Die christliche Grundanschauung, die der neue Staat seinem Werden zugrunde legt, bedingt zunächst die Anerkennung einer übernationalen Idee, die Anerkennung der Tatsache, daß diese übernationale Idee dem eigenen Volkstum nicht nur nicht schadet, sondern es unendlich befruchtet, und die Feststellung, daß es eine ungeheuerliche Verkehrung der wirklichen Lage wäre, aus dieser Anerkennung etwa auf Volksverrat oder auch nur aus ein minder intensives oder minder überzeugtes Betonen der Volkstumwerte schließen zu können.

All das bedingt die Anerkennung des Ethos, bedingt allerdings ober auch die Ablehnung einer Unterscheidung etwa von heroischer und duldender Moral. Diese Unterscheidung gibt es nicht. Es gibt vielmehr nur zwei Gruppen von Gesetzen, solche, die zeitgebunden sind, und solche, die jederzeit und überall in allen Kulturen gelten.

Die hohe Aufgabe des neuen Österreichs und der Vaterländischen Front im beson­deren ist es, die Ideologie, das Wissen um den tiefsten Grund des Werdens und des Kampfes, des so bitteren Kampfes und Opfers um das Vaterland zutiefst zu verankern und immer weiteren Kreisen zu­gänglich zu machen.

Die kulturelle Aufgabe des neuen Öster­reich ist es, dos kostbare Erbgut zu bewahren, aber nicht etwa sich damit zu begnügen, daß es einmal Generationen gegeben hat, die unerhörte geistige und künstlerische Werte schufen, von deren Ruhm wir zehren, sondern fortwirkend dafür zu sorgen, daß auch das neue Österreich auf dieser geistigen Bahn schreite und künstlerische Marke an sich trage. Es wird vielleicht mehr, als es bisher der Fall war, dafür zu sorgen sein, daß auch die geistige Fortbildung außerhalb des engen Schulbereiches Pflege finde, jene geistige Fortbildung, die verhütet, daß die der Schule Entwachsenen trotz der besten Schulbildung, die man ihnen geben konnte, ein Opfer der Propheten des Halbwissens und der Halb­bildung werden, jene Fortbildung, die es ermöglicht, eigene Meinung zu haben, die die Schulentwachsenen mehr, als es selbst im alten Österreich manchmal der Fall war, in innere Beziehungen zur Bedeutung der Be­griffe Vaterland und Volkstum im Vaterland bringt. Die Mittel, die hierfür aufgewendet werden — auch dazu braucht es der Privat­initiative und privaten Förderung — sind ge­wiß vom Gesichtspunkt des Gesamtösterreichertums nicht vergeblich ausgewendet. Es wird aller Mühe wert sein, zusammen mit denen, die um diese Dinge wissen und selbst schöpfende Künstler sind, nach Wegen zu suchen, um der modernen bildenden Kunst, lebender Musik in Österreich neue Lebensmöglichkeiten zu schaffen. Eine Voraussetzung allerdings ist, daß alle zusammen, jene, denen das Genie gegeben ist, und jene, die sich auf das Genießen beschränken müssen, sich ver­ständigen und verstehen, und daß es nicht zu lange braucht, daß wir uns auf die neue Kunst einstellen können.

Es kommt nur darauf an, ein bißchen Ehrfurcht vor dem Ewigen im Lande, Liebe zur Seele des Landes und Verantwortungs­gefühl gegenüber der Allgemeinheit zu haben. Die Vaterländische Front sei nicht nur ein Instrument der politischen Willensbildung, sondern auch Hüterin und Vorkämpferin österreichischer Kultur. Wir alle aber wollen deren Pioniere sein!

In: Der Tag, 25.5.1935, S. 4.