Otto Stoessl: Die Bürger von Calais. (1930)

Zum ersten Male am Burgtheater aufgeführt am 28. Oktober 1930.

Rodins Gruppe vor der Stadt Calais hat Georg Kaiser zu diesem „Bühnenspiel“ angeregt: sechs Männer von verschiedenen Jahren, verschiedener Kraft und Haltung, aber alle von gleicher Strenge des Entschlusses stehen im Büßergewand und den Strick um den Hals, bereit zu ihrem Opfergang.

Der erste Akt entwickelt die Lage der Stadt. Calais hat sich durch einen mächtigen Hafen, einen schwierigen Steinbau, zu dem jeder Bürger das Seine beigetragen an Arbeitskraft und Vermögen, vor dem Meer geschützt und so gegenüber England eine gefährlich sichere, drohende Lage gewonnen. Darum wird es in dem zwischen England und Frankreich schwebenden Krieg von den Briten ein­geschlossen. Das französische Ersatzheer, worauf die Städter ihren Widerstand und alle Hoffnungen gründen, ist zersprengt. Calais empfängt diese Nach­richt zugleich mit der Forderung, sechs gewählte Bürger beim Grauen des nächsten Morgens „bar­häuptig und unbeschuht, mit dem Kittel des armen Sünders bekleidet und den Strick im Nacken“ zum König von England ins Lager zu schicken. Nur so wolle dieser den Schlüssel der Festung annehmen, sonst lasse er Sturm laufen und die Stadt „in ihren Hafen stürzen“. In dieser Forderung wird zwar nicht ausdrücklich gesagt, aber es versteht sich von selbst, daß die Sechs sich nicht nur als Büßer und Flehende so zu demütigen, sondern auch ihre Hinrichtung zu gewärtigen haben. Den Zustand der Stadt dürfen wir uns so denken, daß sie wohl noch für eine Weile einer Belagerung trotzen könnte.

Nun fragt es sich: sollen die Bürger dem Staat — Frankreich— zuliebe einen schließlich doch ver­geblichen Widerstand leisten oder der Stadt, ihrem eigensten Werk, dem Hafen zuliebe das schwere verlangte Opfer auf sich nehmen. Ihr bester Mann, ihr Führer Eustache de St. Pierre, lenkt ihre Meinung so, daß sie den Staat aufgeben und sich für die Stadt entscheiden. Nun müssen sich also sechs Bürger freiwillig melden. Das geschieht.

Damit wäre in knapper, spannungsvoller Fassung ein echtes Drama abgeschlossen in einem wirksamen, rasch gesteigerten und kaum mehr zu überbietenden Aufzug.

Der Autor will es aber weiterführen, und das tut er aus eigener Erfindung mittels eines Hand­lungskniffes. Dadurch entsteht eine neue Situation, also ein zweites Stück als Fortsetzung des ersten. Als sich nämlich Eustache und vier andere bereits gemeldet haben, treten zwei Brüder zugleich vor, und damit ist einer zu viel da. Drängt sich nicht ein parodistischer Vers auf? Die neue Situation ver­zögert nicht nur, sondern hebt die alte auf und wirkt wie jeder Zufall bei tragischen, also rationalen Schicksalen eben zufällig, nicht schlüssig. Man könnte mit gleichem Recht den andern, psychologisch gewiß ebenso zulässigen, freilich minder idealen und minder konventionellen Verlauf denken, daß sich statt sieben nur fünf Opferwillige gemeldet hätten, also einer zu wenig. Der Autor hätte es dann schwerer gehabt, den erforderlichen sechsten Mann zur Stelle zu bringen und den Handlungsfaden am Ende anzustückeln. Das „Bühnenspiel“ ist — ein Spiel des Zufalls.

Kaum ist also bei der fürchterlichen Aktion einer überflüssig, so fühlen sich alle unsicher. Wer wird freikommen? Statt des bisherigen Einmuts, der sie vor der Notwendigkeit des Opfers zusammenfaßt, drohen sie egoistisch auseinanderzufallen. Das Los soll den Überzähligen bestimmen und ausscheiden. In dieser Erwartung und Spannung und von ihr lebt der zweite Akt. Wir sehen die Opfer in ihrer Unsicherheit, wie sie, ohne eigentlich aus dem All­gemeinen ihrer heroischen Bürgerlichkeit heraus­zutreten, doch schon persönlichen Trieben zuneigen, der als Sohn, der als Gatte, der als planvoller Handelsherr, der als verzichtender Greis, der und der, die Brüder, als Jünglinge und Verlobte mit ihren Bräuten. Die Dialoge sind mit absichtlicher Undeutlichkeit in dem Schwebezustand des Ganzen gehalten. Die Spannung wächst bis zur Überreizung. Warum das eigentlich unbeteiligte übrige „Volk“ so zur Entscheidung drängt und droht, bleibt unklar. Fällt dem Dichter nichts Überzeugendes ein, so läßt er revolutionären Lärm einfallen. Der betäubt immer!

Als die Lose endlich gezogen werden, zeigt sich, daß Eustache, der Führer, lauter blaue Kugeln, also sieben Opferlose, hat herumreichen lassen. Bucklige Diener haben die Schale geboten. Was hat ihr dekorativer Buckel mit der Tragik zu tun? Es sei denn, daß schiefe Rücken zu einer schiefen Handlung // gehören. Also noch einmal das grausame Spiel in einer anderen, freilich witzigen Variante, damit die Entscheidung noch einmal für den dritten Akt hinausgeschoben wird. Nun ist sie erst recht wieder, wie im Anfang, jedem Beteiligten anheimgestellt. Wer zur Stunde des Auszugs, vor Morgengrauen zuletzt auf dem Markt antreten wird, gebietet Eustache, soll als überzählig freikommen. Man kann voraussetzen: keiner wird sich der übernommenen Pflicht entziehen. Bei Morgengrauen könnte sich sogar noch einmal ein edler Wettstreit um den vor­letzten Platz ergeben und noch eine Möglichkeit, das grausame Spiel fortzusetzen.

In der Tat erscheint einer nach dem andern recht­zeitig zur Stelle. Es wird erwartet, der Führer, der alles so gelenkt, Eustache, müsse der erste hier sein. Wieder gibt es eine geschickt ausgenützte Unsicherheit, da immer ein anderer ankommt, der wichtigste aber ausbleibt, bis die sechs ohne ihn versammelt sind. Schon schreien die Leute — das „Volk“: Verrat, be­schuldigen den Mann der Feigheit, der schlauen Be­rechnung, wollen sein Haus stürmen und ihn ge­schwind auf dem Marktplatz ihrer Rache opfern — eine recht theatralisch unwahre Wirksamkeit, denn auch der Dümmste müßte sich denken und sagen, daß der Führer, der sich so vorgewagt, unmöglich ohne den triftigsten Grund ausbleiben und solche mitbürgerliche Unannehmlichkeiten auf sich ziehen werde. Nur die äußerliche theatralische Konvention ver­langt und gibt diese Situation ohne zureichenden inneren Grund, ohne Wahrheit, um sie schließlich wiederum dekorativ opernhaft zu lösen: Eustache de St. Pierre wird auf der Bahre hergetragen, ge­leitet von seinem blinden Vater. Dieser muß aus den gleichen Gründen blind sein wie die Diener mit der Loschüssel bucklig — Poesie der Leibschäden.

Wenn der blinde Alte sich nun durch Abtasten der sechs Versammelten von ihrer Anwesenheit über­zeugt und dann in großartig dunkeln Reden dieAbsicht seines Sohnes erklärt, kann eine solche Opernszene die allgemeine Rührung nicht verfehlen. Eustache ging den Opferweg zuerst und tötete sich mit Gift, um die anderen in der Größe und Rein­heit ihres Entschlusses beisammenzuhalten — sie werden übrigens durch die zeitgerechte Verzeihung des Königs von England befreit — und so gibt in der Entscheidung für eine Menschengemeinschaft, für das Kollektive, Soziale und gegen das Individuelle endlich doch allein der Geist, die Persönlichkeit mit ihrer Kraft, ihrem Entschluß, ihrer erfinderischen Führerlust den Ausschlag. In diesem Abschluß der Situation, wie sie sich aus den beiden Anstückelungen ergeben hat, liegt ein schöner, richtiger, auch echt tragischer Gedanke. Nur daß ihn die Umwege schädigen, die er braucht und mit aller Berechnung sucht. Wer so spitzfindig die Effekte zusammenklaubt, tut es auch mit den Worten, die diese Wirkungen vermitteln müssen. Die Worte können dann auch nicht einfach und gerad, nicht tragisch naiv und knapp sein. Die gespreizte Prosa dieses ersten Dramas, das noch den alten Stil sucht, wirkt ebensowenig echt, wie der jetzige Reportertelegrammstil, dessen sich Kaiser bedient, mit den Sätzen, denen Subjekt oder Prädikat mit der Papierschere weggeschnitten sind. Ob man „streckt“ oder „kappt“, Stil kann man nicht machen, man muß ihn haben.

In der Aufführung stand, wie es nur recht ist, Aslan als Eustache in der Mitte, wie der Ge­opferte und der Auferstandene im Fries des goti­schen Giebelfeldes der Kathedrale, vor der sich die Sammlung und die Einheit der Sieben zuträgt. Es war eine der ruhigsten Leistungen dieses Darstel­lers, aus dem Geist der Rolle durch Wort und Gebärde lebendig, verständlich, selbstverständlich er­stellt. Er trug das Stück und schien dabei leicht und unbeschwert. Schon sein Zuhören, wenn die andern ringsum sprachen, erregt waren, die überlegene Stille des ganzen Wesens überzeugten von Anbe­ginn, und wenn er den Mund öffnete, so ordnete er nicht nur die Verwirrung ringsum, sondern auch die ihm  zugewiesenen vertrackten Sätze wie „disjecta membra“, so daß sie klar und einfach wirkten. Daß die Seelenheiterkeit des reifen Mannes sich zuweilen wie Ironie dartat, ist weniger seine Schuld als die der Sophistik der Handlung, die er gleichsam als eine Verschwörung zugunsten des Heils aller an­zettelt, ein Advocatus daemonii, nicht diaboli. Im übrigen war durch Heines Regie richtig die Ge­bärde, der Ausdruck der Gemütsbewegungen vor dem Wort und ohne Sprache als Wichtigstes heraus­gearbeitet. Namentlich Frau Elisabeth Kallinas stummes Spiel als Gattin eines der Sieben ergriff und rührte, wie das edle Jünglingsantlitz Lohners als Pierre de Wissant. Den englischen Gesandten spielte Herr Onno ritterlich.

Der äußere Erfolg war groß. Der Verfasser mußte nach jedem Aufzug oft vor dem Vorhang erscheinen.

In: Wiener Zeitung, 31.10.1930, S. 2-3.

N.N. [Toman/Koritschoner]: Die Wahrheit über den 15. Juni. Die Schuldigen am Blutbade. (1919)

Wahrheit gegen Lüge.

Schon wieder ist die Presse der Bourgeoisie am Werke, um ihr Gift der Lügen, Verleumdungen und wilden Beschimpfungen gegen die „Kommunisten“ auszuspritzen, um sich auf Kosten der Kommunisten von der

Blutschuld, die allein auf den gegenwärtigen Machthabern lastet,

reinzuwaschen, um die Augen des arbeitenden Volkes von den wahrhaft Schuldigen abzulenken und sie mit blindem Hasse gegen jene zu erfüllen, deren einziges Bestreben es ist, das Proletariat von den eisernen Fesseln der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu erlösen.

            Aber nicht die kapitalistische Presse, nicht das Bürgertum sind die Führer in diesem Lügenfeldzug, der nun gegen die Kommunisten unternommen wird, sondern

die sozialdemokratische Presse, voran die „Arbeiter-Zeitung“, und die sozialdemokratischen Parteiführer sind es,

welche mit allen Mitteln der tückischen und rohen Vergewaltigung der öffentlichen Meinung die Arbeiterschaft gegen ihre revolutionären Vertreter aufzuhetzen bestrebt sind, und welche das Bürgertum ermutigen mit den Argumenten Noskes, das ist mit Maschinengewehren und Handgranaten, die soziale Revolution zu verhindern, und zu hintertreiben

Der Zweck der Massenkundgebung am 15. Juni.

Mit ihrer Massenkundgebung am 15. Juni wollten die Kommunisten laut bezeugen, daß in dem Land, dessen Wirtschaft und Kultur durch die Schuld des Kapitalismus unter allen Ländern am meisten verrottet ist, dessen Proletariat so verelendet und verknechtet ist, wie nirgends auf der Welt, so daß es in dem bestehenden bürgerlichen Staate nicht mehr länger „durchhalten“ kann,

daß in diesem Deutschösterreich der soziale Umsturz überreif ist.

Ein lauter Aufschrei der proletarischen Massen gegen den Burgfrieden mit den Kapitalisten, der nur diesen zugute kommt, ein mächtiger Protest gegen jene Koalitionsregierung, durch die den Kapitalistn hüben und drüben zu neuen Triumphen verholfen wird, sollte alle jene aufrütteln und erschüttern, welche glaubten, das Proletariat noch weiter im Sumpf der gegenwärtigen „Ordnung“ versinken und ersticken lassen zu müssen. An diesem Sonntag sollte der revolutionäre Geist des Klassenkampfes gegenüber dem verderblichen reaktionären des Klassenpaktes zu einem weithin schallenden Ausdruck kommen. Eine Kundgebung sollte es sein gegen den Anschluß an die Staaten im Westen und im Norden wo die Reaktion neuerlich ihre blutigen Triumphe feiert, eine Kundgebung für den Anschluß an jene Staaten im Osten, in denen die Arbeiterschaft sich aus den Ketten der Versklavung befreit hat, in denen die kapitalistische Gesellschaftsordnung der kommunistischen zum Heil aller arbeitenden Menschen Platz gemacht hat. In Herz und Geist aller Proletarier sollte die Forderung Wurzel fassen, daß in Deutschösterreich, um des eigenen und des internationalen Proletariats willen die soziale Revolution so rasch als möglich nottut. Sonst wird es zu spät. Denn schon erhebt die Reaktion immer frecher ihr blutrünstiges Haupt. Darum muß in Deutschösterreich mit dem dem bankerotten bürgerlichen Staat ein Ende gemacht werden und an seine Stelle der Staat der gemeinsamen Arbeit, der gemeinsamen gleichmäßigen Verteilung alles Gutes ins Leben treten. Das Wenige, was vorhanden ist und war erarbeitet werden kann, muß dem Proletariat zugute kommen!

Dies sollte am 15. Juni kundgetan werden. Nicht aber, wie man es dem Proletariat mit allen Mitteln böswillig einrichten will, von oben her, mit Pulverdampf von einigen „Direktoren“ oder „Diktatoren“ durch einen Putsch eine neue Verfassung dem Proletariat vorgesetzt werden. Wer dies behauptet,

                                    lügt bewußt!

Die kommunistische Partei hat am Tage vor dem 15. Juni vor der breitesten Öffentlichkeit im „Abend“ bekanntgegeben, daß sie nichts anderes als eine würdige Demonstration für ihr Ziel, die Räterepublik Deutschösterreich in Ruhe und Ordnung durchzuführen beabsichtigt.

Wer hat den Putsch gewollt? Nicht die Kommunisten! Sondern all jene, welche die Kommunisten provozieren wollen! Die Schuldigen sind die, welche geflissentlich die Nachrichten von den Putschabsichten der Kommunisten verbreiteten. Die Bürgerlichen natürlich! Aber was noch viel verhängnisvoller war, der Vollzugsrat des Reichsarbeiterrates, die Hetzartikel in der „Arbeiter-Zeitung“, haben die Putschstimmung genährt. Alle jene, welche sich schon seit Wochen zu einem Schlag gegen das Proletariat rüsten!

überhaupt der Keim zu solch einer Empörung nicht gelegt worden wäre und sich alle Führer und Ordner am Platze befunden hätten, um die Haltung der demonstrierenden Masse zu bestimmen.

Durch all ihre Handlungen, durch die öffentliche Hetze gegen die Kommunisten von Seiten der Regierung und der politischen Parteien, insbesonders auch der sozialdemokratischen und schließlich durch die Verhaftung der Führer und Ordner jener Kundgebung haben die Regierung und ihre Organe sowie die gegnerischen politischen Führer alle Verantwortung auf sich geladen.

                                               Friedrich Adler

Und seine Genossen haben ihr Gewissen mit der Schuld beladen, die Polizei und die Stadtschutzwache mit dem Bewußtsein erfüllt zu haben, es sei ihre moralische, ja ihre proletarische Pflicht, in das demonstrierende Proletariat nach Herzenslust zu schießen und einzuschlagen.

Sie sind es, die den Willen der Kommunisten, eine edle und ruhige Demonstration zu veranstalten, zuschanden gemacht haben, indem sie diesen Willen einfach nicht beachteten und nur Blut- und Haßgedanken in die breite Öffentlichkeit ausgesät haben. Die Erklärungen des Kreisarbeiterrates, des provisorischen Vollzugsrates des Zentralarbeiterrates und des Vollzugsrates des Reichs-Soldatenrates waren, wie die darüber jubelnde bürgerliche Presse bewiesen hat, Wasser auf die Mühlen der Reaktion. Die Mühlen der Reaktion mahlen schnell.

Die Verhaftung der Führer und Ordner am Vorabend.

            Der weiße Putsch gegen die Führer und Ordner der kommunistischen Partei am Vorabend vor dem Sonntag hat das Verhalten der sozialdemokratischen Regierung gekrönt. Die hat das Maß ihrer Schuld vollgemacht.

Führer und Vertrauensleute aller Bezirksgruppen der kommunistischen Partei waren in einem Parteilokal in der Pulverturmgasse (schon der Name der Gasse riecht nach Verschwörung) versammelt, um den geordneten Verlauf der Versammlung zu organisieren. Es sollte jeder Ruhestörer, jeder Provokateur entfernt werden. […] Da plötzlich drang ein großer Trupp von Geheimpolizisten und Wachleuten mit vorgehaltenen Revolvern in den Saal und erklärte alle Anwesenden, etwa 150 an der Zahl, samt und sonders für verhaftet. Sie wurden per Lastautos in das Polizeigefangenhaus auf der Elisabethpromenade gebracht. Dort verlangen die führenden Kommunisten sofort Rechenschaft darüber, wer diese Verhaftung anbefohlen hat. Sie wollten den Staatssekretär Eldersch telephonisch auf den verderblichen Wahnsinn dieser Maßnahme hinweisen, welche die düstersten Aussichten für den nächsten Tag erwecken mußte, da zu erwarten war, daß die Masse an Haupt und Gliedern verstümmelt, ihrer Empörung Lauf lassen und sich dadurch wehrlos den Gewehrkugeln überantworten werde.

Die Auskunft, wer die Verhaftung veranlaßt hat, wurde glatt verweigert. Mag sie nun von dem sozialdemokratischen Staatssekretär Eldersch selbst ausgegangen sein oder mag sie von seinen Gehilfen, dem Polizeipräsidenten Schober selbständig verfügt worden sein, natürlich im Geiste seines Vorgesetzten und ermutigt durch die sozialdemokratische Hetze gegen die Kommunistenjedenfalls hat diese Maßnahme in öffentlicher Weise die kommunistischen Führer jeder Verantwortung entbunden und die Verantwortung auf jene Regierung und jene regierenden Parteien überladen, welche die verantwortliche Kommunisten verhaftet haben.

Wären die Führer und Ordner nicht verhaftet worden, wäre nicht dadurch künstlich eine wilde aufrührerische Stimmung in der Masse entfacht worden, so wäre es zu keiner Hinschlachtung von Proletariern gekommen. […] //

Sie sind die Schuldigen.

Ungeheures reaktionäres Wachaufgebot zum Schutze des bürgerlich demokratischen Staates!

Schon am frühesten Morgen des Sonntag waren umfassende Vorbereitungen getroffen worden, um die Ruhe und Sicherheit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu

sichern. Ein ungeheures Aufgebot von Polizei zu Pferde und zu Fuße und von  Stadtschutzwache hatte den Ring und die innere Stadt zu einer Festung gemacht. Besonders die Heiligtümer der kapitalistischen Demokratie, wie z. B. Parlament, Börse und Polizeipräsidium, waren von starkem Truppenaufgebot geschützt.

Aber welche Truppen hatte die sozialdemokratische Regierung aufgeboten? Sie hatte natürlich erklärt, daß es die glorreichen Errungenschaften der „Revolution“, daß es die gegenwärtig offenbar herrliche Lage des Proletariats zu behaupten gelte!

Hat sie aus dieser Erklärung ihre Schlüsse gezogen? Hat sie die proletarische Klassentruppe,

die Volkswehr, aufgeboten? Nein! Diese wurde vielmehr kaserniert. Polizei und Stadtschutzwache, also reaktionäre weiße Garden, die sich mit Kornblumen, ja sogar mit weißen Blumen zur Feier des Tages geschmückt hatten, wurden zu tausenden bereit gestellt, um das Proletariat auf ihre fürchterliche Weise zu empfangen. Dies muß für alle Ewigkeit festgenagelt werden. Wer sich reaktionärer Sicherheitstruppen bedient, derer er

sicher ist gegen das Proletariat, der ist selbst reaktionär, dem geht es nicht um die Arbeiterschaft, sondern um die Bürgerschaft, dem geht es um die Aufrechterhaltung des bürgerlich-kapitalistischen Staates. Die Sozialdemokraten haben ihre Maske fallen gelassen.

Diese zum Großteil neu angeworbenen Truppen waren, wie einige Zeugen ausdrücklich und ehrlich erklärt haben, in gehobener Laune und in einer Mordiostimmung gegenüber dem Proletariate. Sie waren in Gasthäusern mit Speisen und berauschenden Getränken zur Aufstachelung ihres Interesses an der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung verpflegt worden: Als eine drohende Gefahr für die unbewaffneten Proletarier standen sie bereit.

Die Versammlung vor dem Rathaus.

Die Massen sammelten ich um 10 Uhr vor dem. Rathaus. Mindestens zwanzigtaufend Personen füllten den Platz vor dem Rathaus und die umgebenden Plätze. Sie befanden sich in einer durchaus ruhigen Stimmung. Da wurde von der Rampe des Rathauses her verlautbart, daß die Kommunistenführer und Verbandsleute am Vorabend verhaftet worden waren. Sofort bemächtigte sich eine tiefe Erregung der Versammelten. Einige Genossen

hielten an mehreren Orten Ansprachen. Eine Deputation wurde gebildet, um sich zum Staatsekretär des Innern zu begeben und die sofortige Aufhebung dieser ganz unerhörten Gewaltmaßnahme zu erwirken. Eine andere Deputation begab sich später zu demselben Zwecke ins Polizeipräsidium. Aber die Menge ließ sich nicht beschwichtigen. Die Erregung wuchs. Viele befanden sich in der irrigen Annahme, die Verhafteten seien im Landesgericht interniert und gaben daher die Losung aus, zum Landesgericht zu ziehen und die Verhafteten zu befreien. Der Zug ordnete sich. Voran Invalide und Heimkehrer. Sämtliche Demonstranten waren unbewaffnet. Vor dem Landesgerichte machte der Zug halt. Dort wurde der Masse bekanntgegeben, daß sich die Verhafteten nicht im Gebäude befinden. Die Masse flutete geordnet weiter. Auf dem Votivplatze machte ein Teil halt, ein anderer Teil drängte weiter, um vor das Polizeigefangenhaus zu ziehen und dort die Freilassung der Verhafteten zu erwirken. In Ruhe und Ordnung rangierte sich der Zug, um durch die Hörlgasse zu marschieren. Die Gegend schien „rein“ zu sein. Aber als der Zug sich durch die etwas bergabgehende Hörlgasse wi von selbst hinabzuwälzen begann, stand plötzlich eine kompakte Masse von Bewaffneten da, um den Weiterzug zu verhindern. Nun kam es zum Zusammenstoß. Einige aus der ersten Reihe der Demonstranten versuchten mit den Schutztruppen zu verhandeln, um sie zur Freigabe des Weges zu veranlassen. Ver-

geblich. Die Menge drängte nach. Da gab ein Polizeioffizier den Beſehl: „Den Platz rämmen!“ Ein Schuß fiel! Nicht aus der Menge! Sondern aus einem Haus. Aus dem Maximiliangymnasium! Er traf einen Mann in die Schläfe, der tot hinfiel. Es folgten mehrere Schüsse. Der Masse bemächtigte sich eine Panik. Sie suchte sich zu retten. Sie stürmte in Todesangst vorwärts, rückwärts, seitwärts. Da folgte auf eine blinde Salve der Stadtschutzleute rasch hintereinander scharfe Salven von allen Seiten, von rechts, von links, von oben. Tote und Verwundete bedeckten den Platz.  Die Invaliden, die Frauen und Jugendlichen stürzten hin und verknäulten sich.

Es wurde weiter wie tollwütig in sie hineingeschossen. Fliehende wurden verfolgt und in sie hineingepulvert. Ein fürchterliches Jammern erhob sich am Platz. Die Wache tobte sich im Blutrausch aus. Die Berittenen ritten alle die Elenden nieder, die ihnen im Weg waren, und hieben mit gezügten Säbeln wie Besessene in sie ein. Auch auf dem Votivplaß, wo sich die Ärmsten der Armen hinter Büschen zu verstecken suchten, wurde noch drauf losgefeuert, sogar mit Maschinengewehren. […]

Ein Zug brach sich endlich bis zur Elisabethpromenade Bahn, wo er die inzwischen freigelassenen Genossen empfing, die dann beruhigend auf die Menge einwirkten. Später sprachen auch vor dem Rathause eine Anzahl der Freigelassenen, worauf die Masse vormittags auseinanderging.

Die Inhaftierten wurden freigelassen mit der ausdrücklichen Bitte der Polizei, die Massen zu besänftigen und zu zerstreuen! Dies spricht eine klare Sprache! Dies wo die Mörder sind!

[…]

Die Fortsetzung der Veröffentlichung der Zeugenaussagen erfolgt in der Hauptnummer.

In: Die Soziale Revolution (Die Rote Fahne, Extraausgabe), 17.6.1919, S. 1-2.

Hans Tabarelli: Filmträume. Ein neues Kapitel zur Kinoliteratur (1924)

Es gibt eine Unzahl von Büchern über das Kino, sträflich dilettantische, dumme, maßlos geschwätzige, reklametüchtige, kaum eines, das einer ernsthaften Betrachtung wert erschien, und so wurde eine gute, wirklich kritische, vor allem aber künstlerisch gedachte Monographie über den Film nachgerade zum Bedürfnis.

Das Kino ist nämlich aus der Welt nicht mehr hinaus­zudisputieren. Daran glaubte selbst schon der Ueberliterat und gewesene Führer des deutschen Expressionismus Kasimir Edschmid, der schließlich zur Erkenntnis kam: „Film sei zwar keine Kunst, aber er mache Vergnügen. Daher beschäftige sogar er sich mit ihm…“ Da der Film aber außerdem noch eine riesengroße Industrie aller westlichen und amerikanischen Völker darstellt und derzeit eine unerhörte Summe von Intelligenzen, Dichtern, Technikern, Baumeistern und die hervorragendsten Schauspieler Europas beschäftigt, muß der Kulturmensch, selbst wenn er zwanzig Jahre lang über das Kino geschimpft und gegen die flimmernde Leinwand gewettert hat, irgendwie versuchen, Stellung zu nehmen — nicht nur; weil es sich um ein Vergnügen handelt.

Bela Balazs, ein geschickter Feuilletonist und origineller, eigendenkender Kopf, befaßte sich in zahlreichen Aufsätzen mit dem Problem und veröffentlichte dieser Tage im deutschösterreichischen Verlag eine Broschüre über die Kultur des Films, betitelt Der sichtbare Mensch. Das Buch, das sich stellenweise wie ein Ideenroman oder ein Gedicht an die Zukunft liest, beginnt mit einer verblüffenden Voraussetzung: Die Erfindung der Buchdruckerkunst habe mit der Zeit das Gesicht des Menschen unleserlich gemacht. Sie haben so viel vom Papier lesen können, daß sie jede andere Mitteilungsform vernachlässigten. So wurde aus dem sichtbaren Geist ein lesbarer Geist und aus der visuellen Kultur eine begriffliche. Nach der Theorie des Autors vollziehe sich jedoch in unseren Tagen ein gewaltiger Umschwung unserer Kultureinstellung: Der Mensch wird wieder sichtbar — das heißt also nichts anderes, als das Zeitalter des gedruckten Wortes habe sich überlebt, sei im Aussterben, die Zukunft unserer geistigen Entwicklung liege im Kino, in Bildern, die das abstrakte, schon bald nichts mehr sagende Wortbild ersetzen werden.

Also: Buchstaben-, Bücher-, Zeitungsdämmerung!

Diese Idee ist so bestechend, so verlockend umstürzlerisch und romantisch, daß man sich ihr zu Liebe gern eine Stunde mit allen den Hypothesen, die sich daran schließen, beschäftigt.

Weltbewegende Konsequenzen tauchen alsbald in diesem Zu­sammenhänge auf und der Dichter (natürlich ist’s ein Dichter, der auf solche Dinge kommt) wittert im Werdegang des Kinos eine kommende schöne Moral, eine Art ganz moderner Menschheits­erlösung. Da heißt es unter anderem einmal: „Auf der Leinwand des Kinos aller Länder entwickelt sich jetzt die erste internationale Sprache, die der Mienen und Gebärden. Ist dieser Gedanke nicht ebenso erhaben wie der Traum allgemeiner Völkerversöhnung, der Wunsch nach dem Kommunismus der Geister?“

Und wie wahr, wie selbstverständlich einem die Überlegung plötzlich vorkommt! Poincaré ist zum Beispiel einer der meistgehaßtcn Menschen, soweit es sich wenigstens um die politische Branche handelt; kann er sich aber trotz seiner historischen Statur mit der Popularität seines Zeitgenossen des französischen Komikers Biskot messen? Das Mädel aus Ottakring kennt Biskot bis in das Innerste seiner Seele hinein und liebt ihn, ob sie etwas von Poincaré weiß, bleibt jedoch fraglich. Charlie Chaplin ist mehr als eine Mode, er bedeutet, und das sagt Balazs ein­dringlich und überzeugend, er ist Weltanschauung, ist der Träger eines den Armen und Niedrigen zum Heiligtum gewordener Mythos, „einen Kunstgärtner des lebendigen Lebens“ nennt ihn Balazs. Woodrow Wilson, Lenin bemühten sich in gigantischen Zügen um diese innerlichste Popularität. Wilson wurde ausgelacht, Lenin gefürchtet — Chaplin siegte über beide, denn die Menschen, die Kleinen und die Großen, vergöttern ihn, lieben ihn aus­nahmslos.

„Das Duell der Mienen ist aufregender als ein Wort­gefecht“, liest man dann wiederum, ein Gedanke, an den sich ein Dutzend neue Einfälle reihen. „Das Duell der Mienen“, das ist eine Vorstellung, die man sich aus den Romanen Dostojewskis holen könnte: Romane in den Falten des Gesichts, im wechselnden Ausdruck der Augen, des Mundes, der Mundwinkel, der Lippen, der Furchen entlang der Nase, dem Runzeln der Stirne und das im Widerspiel — im Wettkampf zweier Gesichter: ein herrliches Motiv zu stundenlanger Träumerei, zu den spannendsten Vor­stellungen. Da fällt mir ein, daß oftmal ein einziges Bild aus der Kilometerlänge eines Filmbandes allein haften bleibt, das nimmt man nämlich innerlich mit, behält es, das wirkt nach. Nehmen wir an, das Gesicht aus dem besten Film, der je gekurbelt wurde: Polikuschka — Polikuschka hat während des Schlafes ein Säckchen mit Geld verloren, anvertrautes Geld, er erwacht und entdeckt den Verlust. DaS ist der Augenblick, der unvergeßlich bleibt — das Gesicht des Suchenden. Man kann sich viele Stunden später, wenn man allein im Zimmer sitzt, dieses Gesichtes besinnen, man bekommt den Ausdruck nicht mehr los. Aus diesem Gesicht spinnen sich Tragödien, Probleme, Lösungen, Welträtsel, Ich-Träume: so entsteht der Ersatz, der wertvollere Ersatz für ein beliebiges, minder wertvolles Buch. Damit wären wir aber auch zum Anfang unserer Betrachtung zurückgekehrt. Bela Balázs hat recht, in uns revoltiert eine tiefe Umwälzung, wahrscheinlich, vielleicht nach dieser Richtung hin. Vielleicht werden wir (das heißt unsere Nachfahren) keiner Bücher mehr bedürfen, wenn wir durch die Kunst und das Schöne Einkehr in uns suchen. Wenn wir Korn für die leerlausende Mühle unserer Gedankengänge brauchen. Wenn wir Anregung wünschen, Trost, Erbauung, Stütze, Weltbilder, Erfahrung, Sinn. Vielleicht werden wir dann nicht lesen — sondern ins Kino gehen. Augenblicklich aber — denn so weit ist es ja noch lange nicht — bleibt’s immerhin, allerdings in vorsichtiger Auswahl — bei ersterem, den Büchern nämlich. Auch Bela Balazs Werk über die Kultur des Films mag dazu gehören…

In: Neues Wiener Journal, 10.4.1924, S. 6.

Helene Tuschak: „Passagier ohne Gepäck“. (1937)

Komödie von Jean Anouilh. – Deutsches Volkstheater.

Das Gepäck, das man auf der Lebensreise mit sich schleppt, ist die eigene Vergangenheit. Alle Unzuläng­lichkeiten, die man empfand, alle kleineren und größeren Charakterlosigkeiten, die man beging, alles Dunkle, das nahte, alles Bedrängende, das verwirrte — es gibt keine absolute Gegenwart.

Den jungen Franzosen Jean Anouilh, der schon zu Beginn der Zwanzig von sich reden machte, reizte das Problem: Wie wäre es, wenn ein Mensch, innerlich völlig unbeschwert, sein Leben von neuem beginnen könnte? Ein eigenartiger dramatischer Vorwurf, mit hundert Möglichkeiten geladen. Anouilh hat seinen Ernst, hat ein Stück Tragik des Menschentums immer wieder schwankhaft überblendet. Diese Stillosigkeit ist sein Stil, sehr originell, aber, sieht man genauer zu, doch an Wedekind anschließend, also ein literarischer Passagier, der mit Zugsverspätung einfährt. Dennoch ein starkes Talent, dessen stilistische Verworrenheit durch die pikanten Musiksilhouetten von Darius Milhaud – man kann dieses witzige, völlig unmotivierte Dazwischenfahren der Musik kaum anders nennen — noch// gesteigert wird. Milhaud, der Komponist des Pauvre Matelot, des „Armen Matrosen“, hat mit Hörspielen und auch diesem rein illustrativen Genre im Kammer­ton eine Art Blitzlichtmusik geschaffen.

Im Blitzlicht erhellt auch Anouilh den Seelen­zustand seines Heimkehrers, der im Krieg das Gedächt­nis, also das Gepäck der Vergangenheit, verlor. Er weiß nichts von sich, und viele Familien bewerben sich heftig um ihn, nicht um ihn allein, auch um sein Geld; Familien „von Familie“ stehen obenan. So wird er szenisch eingeführt. Ihm graut vor den Verwandten, die da erstehen, graut vor dem Vorkriegsschloß und den Vorkriegsansichten, graut am meisten vor dem, fauligen „Früchterl“ dieses Milieus, das er selbst einst war. Es graut ihm im Ernst und mit Recht. Tragik? Gewiß. Aber da grinst und spöttelt schon wieder der Schwank in die Ergriffenheit und dreht sie possenwärts — Angst vor dem Ernst.

Der Heimkehrer fühlt den Alp dieser Familie und seiner Niedertracht von einst, in der es pathologisch irrlichtert, und stürzt davon, Hals über Kopf in ein ihm völlig fremdes, andres, familienloses Zufallsschicksal hinein. Er will nicht sein, der er war, er will, ge­wandelt durch den Krieg, als Erneuter ein neues Leben beginnen.

Wie Edouard Bourdet, so haßt Jean Anouilh die Familie, in der er nur Degeneriertes sieht: Ehebruch, Wechselfälschung, Lustmord an Tieren, Hochmut und ähnliche Lieblichkeiten, die in der Persiflage, in Milhauds Tanzschritten, noch abstoßender wirken als im Ernst. Und man begreift, daß der Spielführung Heinrich Schnitzlers dieser Ernst näher lag, daß er ihm wichtiger war als das satirische Geranke, das allerlei menschliche Gemeinheiten verhöhnt.

Nicht nur in politischer, auch in literarischer Be­ziehung — alles Zeitgeschehen ist innerlich verbunden — scheint Frankreich jetzt durchzumachen, was schon hinter uns liegt. Dennoch ist es interessant, diese Ent­wicklung zu verfolgen, zu deren dichterischen Exponenten der höchst beachtenswerte Anouilh gehört. Er hat in Berta Zuckerkandl-Szeps, der geistvollen Übersetzerin, einen ausgezeichneten Dolmetsch gefunden.

Auch die Darstellung hat seine Sache respektvoll ver­treten. Allen voran Hans Jaray der Heimkehrer und Dorian Gray des Krieges, der niemals künstlerische Maße überschreitet und diese Problemfigur in ihrem Zeitgeiste formte. Dann Egon v. Jordan mit er­greifender Ökonomie der Geste, die in ihrer Enge sym­bolischen Ausdruck gewinnt. Er ist in diesem Spiel Dar­steller der Güte, des verzichtenden Begreifens, während Sibylle Binder, Josef Rehberger Johanna Terrin, Elisabeth Markus Typen, sehr starke Typen stellen, an denen der ihnen Entwachsene zerbricht. Sie werden von Alfred Kunz in Drehbühnenbilder gefaßt, deren Ausdruckskraft mitbestimmend ist für die Milieuwirkung. In einer Knabenrolle wagte die blutjunge Elfriede Kuzmany den Sprung von der Klasse Schulbaur unter die Erwachsenen der Bühne, wagte und gewann durch ihre warmherzige Natürlichkeit.

Das Problem des erneuten Lebensbeginnes hat den Autor schon in dem Schauspiel Es war einmal ein Ge­fangener beschäftigt. Dort war es ein Bagnosträfling, der nach zwanzig Jahren aus Cayenne in die Heimat zurückkehrt. Anouilh, jetzt 29 Jahre alt, lebt in Paris, und die Pitoёff haben den Passagier ohne Gepäck eine ganze Saison hindurch gespielt. Nun hat er auch hier im Zeichen starker Spannung und ansehnlichen Erfolges Station gemacht.

In: Neues Wiener Tagblatt, 23.12.1937, S. 11-12.

Edwin Rollett: Das Grabmal des unbekannten Soldaten (1926)

Von Paul Raynal, deutsch von Hedwig Gerlach. [Renaissancebühne]

Ein Denkmal des Leides! „Ich wünschte, einer von uns könnte dies alles verkünden mit einer Stimme, die jedermann hörte. Er müßte sich nur erinnern an alles, was er gesehen hat. Dann brauchte er nur den Mund aufzutun und zu sprechen, und alle müßten ihn hören.“ Ungefähr mit diesen Worten, schlicht und um seiner Schlichtheit willen doppelt erschütternd, ist der Kern dieser großen Anklage ausgesprochen, der Anklage gegen das Leid des Krieges, das in allen Schichten, an allen Orten alle Herzen veröden läßt, das die ältere Generation, des lebendigen Empfindens beraubt, sich am Klang von Phrasen aufrechterhalten, als Unbeteiligte die Begeisterung der ersten Tage und Wochen konservieren und die gesellschaftlichen Normen einer ge­ruhigen, wohlgefestigten, vornehmen Schichte bis zur Grausamkeit verständnislos festhalten heißt, das die Frauen im Harren und Warten zermürbt, ihre Liebe in Nutzlosigkeit versiegen und auskühlen läßt, im Kampf gegen die Forderungen der Be­quemlichkeit, in der müden Drehung des Alltags qualvoll zerreibt. „Durfte denn in diesen schreck­lichen Jahren überhaupt ein Frühling sein, der uns zwang, das Werden und Aufblühen der Natur ein­zuatmen?“ Der Segen wird zum Fluch, das Glück zum unendlichen, grauen, lauwarmen Weh, die Treue zur Stumpfheit. Und er, der Soldat, den der Vater erst mit großtönenden Worten als Helden und Zierde des Vaterlandes begrüßt, um ihn später als pietät- und sittenlosen Landsknecht zu verdammen, er kennt nur Abscheu und Verachtung des Krieges. Solch ein Soldat muß deshalb aber noch lange kein Revolutionär und Meuterer sein. „Ich habe so lange die Rechte des Staates genossen, ich will mich auch meinen Pflichten nicht entziehen.“ Das war die Überzeugung der überwiegenden Mehrzahl, wenigstens einen großen Teil des Krieges hindurch, die Überzeugung der Autoritätsgläubigen, Pflichtbewußten. Ungenannten, deren Tragödie hier ge­schrieben ist. Inmitten des Stumpfsinnes und der Scheußlichkeit aber, als die sich dieser „herrliche“ Krieg entpuppte, hat im Soldaten, im Nächstbeteiligten, Sehnsucht die Gefühle wach erhalten, die Bilder der Heimat und des Friedens vergoldet. Die Nähe des Todes steigert die Schätzung der genos­senen, der geschenkten Minuten zu gigantischem Maß, das Lebensgefühl ist so überwältigend, daß alle Werte verändert sind, und angesichts der ständigen Drohung für eine einzige kurze Frist der Seligkeit, für ein bißchen Glück von wenigen Stun­den der sichere Tod kein zu hoher Preis wird. Nur die Scheinwerte sind vor seinen Augen zerflossen: Begeisterung — ein Schwindel, Konvention — ein Phantom, Heldentum — ein Märchen. Der Held ist ein Gemarterter. Nicht Held— Mensch sein, nicht Bewunderung — Liebe finden, ist Vollendung. Phrasenlos, menschlich, leid- und martervoll ist der Gang in den Tod.

Ein lyrisches Spiel in drei Akten zwischen drei Personen, voll stärksten Fühlens, voll edelster Kraft. Obwohl alle sozialen Gedanken und Überlegungen beiseite gelassen sind, ein Bekenntnis zu schlichtem, wahrem Menschentum, ein Notschrei, den man in die Ohren aller wünschen würde, die immer noch taub sind für das unendliche Leiden, fühllos für den grausamsten. Schmerz. Ein erschütterndes Drama von edler Proportion, das nicht nur einen persön­lichen Einzelfall aus dem entsetzlichen Krieg pro­blematisch zerlegt, sondern das Leiden aller in sich sammelt, über die Grenzen der Nationen und Staaten hinweg. „Gibt es denn einen Krieg, der nicht Bruderkrieg ist?“ Hatte denn die Völkerverwüstung dort und da nicht das gleiche Medusenantlitz, das Leiden nicht dieselbe düstere Finsternis? Dem Unbekannten, dem Namenlosen, dem, der alle Namen trägt, der alle Leiden litt, ist dieses Denkmal gepflanzt.

Wie fein empfindlich und treffsicher Josef Jarnos Inszenierungskunst sein kann, haben vielerlei Beispiel seiner Strindberg-Aufführungen bewiesen. Sie bewährt sich hier abermals außerordentlich im Zusammenfügen und Abstimmen der Töne, im Schaffen einer Atmosphäre von Schmerz und Verwesung. Dazu liegt die männliche Haupt­rolle in den Händen eines hochbegabten Schau­spielers, der Sprache und Geste zu völliger Stileinheit und Stilreinheit verflicht, die Kunst ver­steht, Ungesagtes eindringlich zu machen und unpathetisch (obwohl im Dialog manche Gefahr lauert) zu erschüttern. Leider nennt der Zettel Herrn Hans Schweikart nur Gast. Wäre er doch ein stän­diger Besitz unserer Bühne! Margarete Witzmann zeichnet die Frau mit weichen Konturen, die gleichwohl in die verwickelte Seelenstimmung schöne Deutlichkeit bringen. Wie ihr Partner, erreicht auch sie den Höhepunkt der Leistung im zweiten Akt, darin eine unwillkürlich erwachende Reminiszenz an Romeo und Julia erschauern machte. Den Vater spielte Josef Jarno mit schöner, spar­samer und doch kraftvoller Charakterisierung.

Wenn je ergriffener Beifall eines dankbaren Publikums berechtigt war, so diesmal, wo Mitte August, in der Zeit sonstigen Leerlaufes und ärgster Vernachlässigung aller Bühnen, ein so wertvolles Stück so vollendet zur Darstellung kam!

Als erstes Theater Wiens beginnt die Renaissance­bühne nach der kurzen Sommerpause ihre Tätig­keit wieder. Sie gibt eine hochwertige Leistung, er­ringt einen großen, reinen Erfolg. Möge dies ein gutes Omen für das ganze folgende Spieljahr sein!

In: Wiener Zeitung, 15.8.1926, S. 4.

Kurt Schuschnigg: Die Sendung des deutschen Volkes im christlichen Abendland. (1933)

„Es gibt im Menschenleben Augenblicke.
Wo man dem Weltgeist näher ist als sonst
Und eine Frage frei hat an das Schicksal.“
(Schiller, Wallensteins Tod.)

Das übergroße Erleben dieser seltenen und in Wirklichkeit einsamen Stunden ruft mit zwingender Gewalt die Menschenkinder zur Besinnung. Und bisweilen erwacht dann ein uralter Traum und eine Sehnsucht. Ein Traum, der manchem schon zur Tragik seines Lebens wurde: einmal aus der zeitbedingten Welt des Seins und seiner Unvollkommenheiten hinüberdürfen über jene Grenze, jenseits der die sonnige Unwirklichkeit des sündenlosen Sollens, die ideale Vollendung, das verklärte Zeitlose wohnt. Und das faustische Sehnen so alt wie die Menschheit: einmal die Schleier zerreißen zur heimlichen Einschau in die Werkstatt der Zukunft.

So schicken auch wir uns an, geblendet und umrauscht von Fluten Lichtes, das uns zutiefst in die Seelen dringt, die Schickalsfrage zu stellen. Wir dürfen das Wagnis beginnen aus dem Bewußtsein heraus, daß der, dem der Glaube an Pfingsten und an die Erlösung im Herzen brennt, an ihr nicht zerbrechen kann.

Allgemeiner Deutscher Katholikentag in Wien!

Doppelt umrahmt vom Säkulargedenken: ein halbes Jahrtausend Stephansturm, Symbol der Seele dieses Landes.

250 Jahre Erinnern des letzten großen Appells an die abendländische Gemeinschaft; Symbol der erdgebundenen Sendung unseres Volkstums. Aus diesem. Appell wuchs die Befreiung Wiens, die Errettung deutscher Kultur und somit eine Feuerprobe Mitteleuropas.

Aus diesem Erinnern an die letzte, vielleicht gewaltigste Leistung des Abendlandes, dessen Leuchtturm von der Kreuzblume zu St. Stephan gekrönt war, erwächst aber weiter riesengroß die Frage an die Gegenwart und Zukunft.

Gibt es noch ein christliches Abendland?

Oder sind dessen Trümmer angesichts einer neuen Welt – Amerika, Rußland, 450 Millionen Menschen in China – zum Sterben im Schatten verurteilt? Ist die Verbindung unseres Volkes mit dem Abendland auch heute noch lebendige Wirklichkeit oder nur tote Geschichte? Und letzten Endes und vor allem: können wir uns auch heute noch und für die Zukunft auf eine Sendung berufen?

Alle diese Fragen greifen wie ein Räderwerk ineinander. Wir standen im Endprozeß einer ungeheuren Säkularisierung. Da kam der Krieg. Und nun liegen fünfzehn Jahre bitteren Suchens hinter uns. Die alte Welt fiel wie ein Kartenhaus zusammen. Dichter sprachen vom angeblichen Denken in Kontinenten, in Wirklichkeit begann trotz aller Organisationsversuche eine fortschreitende Zerklüftung und Zerreißung der Gemeinschaft auf weite Gebiete. Der politische Umbruch mit seinen sozialen und ökonomischen Erschütterungen, begünstigt durch das Unvermögen derer, in deren Hand es gelegen war, die Karte Europas neu zu bestimmen, wirkliche Realitäten und Zusammenhänge zu sehen, dieser Umbruch brachte nicht, wie er versprochen hatte, das Paradies, die Freiheit, den Wohlstand, nicht einmal eine auch nur bescheidene Hebung des Lebensstandards derer, die man die „Enterbten“ nannte.

Dafür aber begann durch die Überspitzung staatsrechtlicher Theorien und den Versuch ihrer Verwirklichung, auf weite Strecken im Abendland eine Vergötzung der Masse. Diese politische Erscheinung ins rein Geistige übertragen, mündet zwangsläufig in die Entseelung der Kultur. Allerdings kann niemand die Welttriumphe stets fortschreitender technischer Wunder übersehen. Aber ihnen haftet die Kehrseite einer gesteigerten Mechanisierung des Lebens an und somit indirekt ein Anteil an der Proletarisierung immer weiterer Schichten. Das unsichtbare und häufig auch unfaßbare Spekulieren weniger Menschen, denen auf der anderen Seite wachsende Existenzunsicherheit der breiten Masse gegenübersteht.

Die nachwirkende Säkularisierung alles Geistigen hatte jede innere Bindung gelockert. Recht und Wissen schienen ausgehöhlt, weil kein bleibendes, unveränderliches Fundament die Basis war, die Verbindung mit den Begriffen natürliche Gerechtigkeit, zeitloses Ethos, Sturm des Gewissens vielfach verloren ging.

            Alles zusammen nur allzu häufig ein unstetes, schwankendes Hin und Her, angetrieben von der Sehnsucht nach irgendeinem nebelhaften Neuen, Anderen; kein ruhender Pol, keine Beharrlichkeit, keine weiteren klaren Zukunftsideen.

            Dem entgegen im Dämmern allerdings auch eine seelische Reaktion bei nicht wenig denkenden Menschen, Hasten nach Verinnerlichung und Vertiefung, Suchen nach Gottesnähe, bisweilen unbewußt, bisweilen abgeirrt im Aufwärtsstreben zu den Höhen der Metaphysik, verstrickt im Dickicht der Sekten. Aber doch unleugbares religiöses Erwachen: übervolle Kirchen, gut besuchte Prozessionen, vielfach Gottesdienst ganz neuen // Stils, Sonntagsaltar in den Bahnhöfen der Großstadt, Notkirchen in den verödeten Hallen stillgelegter Fabriken, Hausmissionen, Karitas, Heimkehr, allerdings nur einer Minderheit im Volke.

Durch die gärende Macht des Werdens zieht nun eine junge Generation und hat an ihren Lasten schwer zu tragen. Hat sie denn überhaupt Zeit gehabt, nach den Zusammenhängen zu suchen, zu überlegen; war ihr das Abendland in seiner Entwicklung und- Zukunft überhaupt Begriff geworden, da ihr die Gegenwart doch hassenswert erscheinen musste? Not treibt sie vorwärts; Not läßt manches verstehen und daher manches verzeihen. So stürmen viele junge Menschen dahin, ohne innerer Beziehung zum Gestern, ohne Interesse am Heute, auf der Suche nur nach dem Morgen, dem anderen, dem Neuen.

Wenn sie enttäuscht erwachen, sind sie vielleicht alt geworden und eine neue junge Generation sucht nach neuen Ideen, die jene von gestern vielleicht gerade noch bekämpfen.

Denen aber, die abseits gehen vom großen Strom, den Besinnlichen, denen mag in kummervollen Stunden die Verzagtheit drohend in die Seele fallen: Wohin geht unser Weg? Herr, es will Abend werden!

Doch was sind 15 Jahre im Räderwerk der Geschichte; was können schon selbst ein, zwei Menschenalter, selbst ein Jahrhundert bedeuten für den, der an die Sendung eines Volkes glaubt. Ihm muß jedes Geschehen sinnvoll erscheinen; für ihn gibt es keinen Zufall, sondern nur eine Führung; kein blindes Zerstörenwollen und keinen verblendeten Haß; sondern nur das Bewußtsein notwendiger Einordnung in einen göttlichen Weltplan; die Ehrfurcht vor ewigem, heiligem, unabänderlichem Recht,

Nur wer im Bewußtsein lebt, daß der Wille Gottes die Wege des einzelnen, seines Volkes und der Völkergemeinschaft bestimmt hat und der sich selbst ferne jeder Überheblichkeit als Diener am Werke fühlt, nur der kann von der Sendung seines Volkes sprechen.

Daher die erste große Frage des Gewissens vorab für jene, deren Aufgabe es ist, nach den schweren Erschütterungen unserer Zeit das Schicksal der Gemeinschaft zu gestalten. Deutsche junge Generation, vorab ihr jungen Deutschen in Österreich, soferne ihr den Gottesglauben, somit den Glauben an eine höhere Fügung und an einen planvollen Sinn der Geschichte im Herzen tragt:

Kennt ihr die Sendung eures Volkes?

Ihr habt vielleicht gelernt, daß es eine großdeutsche und eine kleindeutsche Richtung gab, daß der Gegensatz Österreich – Preußen das Geschichtsbild deutscher Entwicklung beherrsche; ihr habt von Partikularismus, föderativem System und zentraler Staatsgestaltung, von Freiheitskämpfen, Kongressen und Revolutionen, von dieser oder jener Episode, von dieser oder jener politisch-militärischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Leistung gehört.

Aber was ist dies alles zusammen gegen das ungeheuerliche, durch ein Jahrtausend fortwirkende Geschehen, als unter Blitz und Donner im erdaufwühlenden Strom des großen Völkerwanderns unser Volk zunächst ohne innere Geschlossenheit, aufgeteilt in seine Stämme, auf die Bühne des Weltgeschehens trat, geleitet ohne es zu ahnen von der zwingenden Hand des Führers, der über den Zeiten steht und nun die Vorhänge niederrauschen ließ über einer zusammenbrechender Welt, deren Aufgabe und Bestimmung erfüllt war. An den unverbrauchten deutschen Stämmen, deren jeder seine eigenen Weistümer und Stammesrechte mit sich führte, ging das Pfingstwunder in staunende Erfüllung.

Erst durch das Christentum ward die gemeinsame Basis geschaffen. Das Christentum fügt im Laufe der Jahrhunderte die deutschen Stämme zusammen zum deutschen Volke. Und aus dem Boden, der bereitet war von der Antike, beseelt und geeint von der Lehre des Erlösers, baut nun die Vorsehung den wundervollen Dom, den Augustinus als Civitas Dei prophetisch verkündet: Reich Gottes auf Erden, heiliges Reich, in seiner Idee dazu bestimmt, das christliche Abendland, die Welt zu umfassen, auf daß Gottes Friede sei und Wohlstand unter den Völkern!

So ging der Weg des Abendlandes von Karl dem Großen über Otto I., der 150 Jahre später die gewaltige politische Inkarnation des abendländischen Gedankens in Gestalt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verwirklicht, zu den weiteren Schmieden deutschen und abendländischen. Schicksals, den Kaisern aus dem Hause der Staufer, zu Rudolf von Habsburg, dem die Vorsehung vor allem die Aufgabe stellte, die größte Gefahr im deutschen Raum von damals, die Willkür des Faustrechtes zu brechen, über die lange Reihe der Kaiser aus dem Hause Oesterreich über Maximilian den letzten Ritter und Sänger des Theuerdank bis zu Karl V., in dessen Reich die Sonne nicht unterging und das christliche Abendland und damit das deutsche Volk zur Weltmacht gelangt war und weiter über Leopold, Ferdinand, Karl, deren deutsche Bedeutung nur der verkennen kann, dem der Gedanke des Abendlandes, das Gottesreich mit seinem jedem Nationalkirchentums fremden, typisch katholischen Grundgehalt verborgen blieb, hin zu Maria Theresia und weiter bis zum Abstieg und Ausklang einer der größten, wenn schon nicht immer macht- so doch kulturpolitischen Konzeptionen, die die neue Welt zu verzeichnen hat.

Gewiß ging die Entwicklung in steilen Wellenlinien über Berg und Tal und wir stehen beim Wandern durch die Jahrhunderte deutscher Geschichte immer wieder vor Zäsuren. Jeder solche historische Einschnitt, sei es nun der Anschlag der Thesen Martin Luthers an die Schloßkirche zu Wittenberg oder die Schlacht am Weißen Berge oder das Jahr 1688 oder die innerdeutschen Wechselfälle der Napoleonischen Aera mit dem Jahre 1806 als dem Niederlegen der römisch-deutschen Kaiserkrone durch Kaiser Franz I., bedeutet eine Schicksalswendung, von der Warte des christlichen Abendlandes aus gesehen und hat daher weit mehr als nur machtpolitische Bedeutung.

Wer sich der abendländischen Sendung an des deutschen Volkes bewußt bleibt, darf überhaupt nicht nur nach dem Ausmaß augenblicklicher, militär-politischer Erfolge messen, und er darf das Heilige Reich nicht werten nach dem Zufall staatlicher Grenzen, die das Schicksal irgend eines Jahrhunderts für eine oder vielleicht mehrere Generationen zieht. Er muß vielmehr wissen, daß es Aufgabe der Deutschen war, die Kulturfackel des Christentums dem Abendland zu entzünden und schon vermöge der Lagerung des deutschen Raumes, somit der geopolitischen Bedingungen, darüber zu wachen, daß das Heilige Feuer weiterbrenne, geschützt von den Ideenwelten, die von weit im Osten oder weit im Westen her den Gedanken des Reiches Gottes auf Erden bedrohen.

Das deutsche Volk hat trotz aller Zwischenfälle seiner Geschichte, die nie ewig währten, die ihm gestellte Aufgabe gelöst. Seine Leistung ist nicht wegzudenken aus dem Gesamtbild des christlichen Abendlandes.

Politisch, weil es der Träger des Gedankens vom Heiligen Reiche war, das in Dante seinen größten, unsterblichen Sänger fand. Die Feinde des Reiches und der Kaiseridee verdammte er ins tiefste Inferno.

Militärisch, weil es trotz allen Zwiespaltes nach innen, selbst nach der Erschütterung durch die Reformation, in den großen Stunden der Berufung immer wieder dem vernichtenden Einbruch in seinem Kulturkreis zu wehren verstand.

Kulturgestaltend, weil es in seiner Kunst und Dichtung, seinen Domen und Universitäten, seinen Dramen und Sinfonien, in der glücklichen Gottesgabe sowohl originären Schaffens, als auch der Aufnahme, Verschmelzung, Läuterung und Vollendung fremden Stils die ganze Menschheit beschenkte.

Rein geistig, weil es kaum eine große, zeitgestaltende, neue Idee gegeben hat, die nicht aus deutschem Raum heraus geboren wurde. Gewiß ein tragisches Geschenk, das manche Schuld und manches Verhängnis in sich schließt; wer mag ermessen; wie groß z. B. nur der Einfluß Hegelscher Gedankengänge und des wissenschaftlichen Materialismus auf die Gestaltung neueuropäischen Schicksals war! Wir sehen nur, daß die darauf gegründete Lehre von der Allmacht des Staates in allen Spielarten der Antipode, das Gegenteil des richtigen Reichsgedankens ist.

Weil nun aber in diesem Reichsgedanken sich die Quelle der Kulturkraft unseres Volkstums birgt: weil es sinnlos wäre, diesen großen, in die Ferne wirkenden abendländischen Gedanken mit dem Flächenmaß und nach der Länge des augenblicklichen machtpolitischen Radius, nach der Gestalt seiner Grenzen zu messen; weil in seiner Erfüllung auch heute noch die Sendung unseres Volkes liegt: darum in brennender Leidenschaft katholischen Bekennens; und mit dem Fanatismus der unter der Parole „Gott-will es!“ in der Babenbergerzeit zu den Kreuzzügen rief, mit dem Abraham a Santa Clara zu Wien die Geister wachgerüttelt hat, der Marco d’Aviano dem Entsatzheer das Kreuzpanier vorantragen ließ, mit diesem lodernden, gläubigen Fanatismus darum auch heute – Österreich!

Denn genau im gleichen Maße, in dem die Leistung des gesamten deutschen Volkes mit der Geschichte des christlichen Abendlandes unlösbar verbunden ist genau so ausgeschlossen bleibt es, Österreich und seine Leistung wegzudenken aus dem Gesamtbild des deutschen Volkes und seiner Kultur: nicht wegzudenken auf politischem und auf militärischem Gebiet; in seinem Anteil am Ingenium deutschen Erfindens bis herauf in die neueste Zeit und schon gar nicht wegzudenken in seiner Gotik, seinem Barock, seiner Romantik und seiner Moderne, in der farbigen Fülle seiner Meisterpaletten und im unversiegten, unsterblichen Quell seiner Lieder.

Dies alles hat seinen tiefsten Grund darin, daß
der Gedanke des Heiligen Reiches in Österreich, das
bis zum heutigen Tage die Reichsymbole birgt, im
Laufe der Jahrhunderte das Heimatrecht erIangt hat.

Nicht die Körperlichkeit des jeweiligen Staates, sondern die große gestaltende Seele des abendländischen Gedankens vom hl. Reich, ich möchte ihn den erdgebannten Schatten des corpus mysticum der Kirche nennen, gibt unserer österreichischen Heimat auch heute noch ihren lebendigen unvergänglichen Sinn; angesichts des Zeugnisses der Geschichte, unserer räumlichen Lage im Herzen Mitteleuropas, unserer Grenzlandstellung im gesamtdeutschen Raum, der zum Teil an den Peripherien durchbrochen, zum Teil umkränzt ist von jungen, fremden Kulturen, deren Brennpunkt, Magnet und Brücke zu sein, steht denen zu, deren Aufgabe es war, durch ein Jahrtausend bis in die allerjüngste Zeit durch Schule und Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur, aber auch oft genug in der Verteidigung mit Blut und Eisen, Ostmarkwächter und Pioniere des deutschen Volkstums, damit des christlichen Abendlandes zu sein.

Daß dem so war, dankt Österreich in allererster Linie dem Katholizismus!

Man möge uns nicht mißverstehen. Wir wissen, daß es verderblich wäre, die brennende Wunde der Glaubensspaltung aufzureißen. Wir müssen mit den Tatsachen rechnen, wie sie gekommen und vielleicht kommen mußten.

Heute liegen die Dinge so, daß die positiven Kräfte beider deutschen christlichen Bekenntnisse einander stützend und ergänzend zusammenwirken müssen, um den neuen Gefahren zu begegnen, die unseren Kulturkreis bedrohe. Auch hier geht es nicht nur um ein deutsches, vielmehr um das abendländische Schicksal.

Groß genug, daß alle, denen die Zukunft der Kinder am Herzen liegt, weit über den deutschen Raum hinaus und gleichviel, welche Sprache sie sprechen, daran nicht vorübergehen können! Wer die Zusammenhänge schaut, wird dem katholischen Österreich seine besondere deutsche Aufgabe und Eignung in der Richtung eines Abbaues der Gegensätze und einer Befriedigung der Völker nicht abzusprechen vermögen.

Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Formen, deren sich der Lenker alles Geschehens bei ihrer Gestaltung bedient. Jede zeitgeschichtliche Entwicklung hat ihre große gemeinsame Linie. Auch unserer Zeit ist ein Ziel gesteckt im Umbau von Staat und Gesellschaft. Auf den Gesamtblick, die richtige Orientierung

kommt es an! Wir wissen genau und werden nicht müde, es zu betonen, daß die Schicksalsfrage des Deutschtums sich keineswegs um das sogenannte Nord-Südproblem dreht, im Gesamtbild diese Gegenüberstellung vielmehr keine Rolle spielen darf. Wir wissen ferner, daß ein ernster Kampf der Konfessionen heute ein Verhängnis wäre.

Wir wissen aber auch, daß der Einsatz der katholischen Kräfte Österreichs wie in der Vergangenheit so auch für die Zukunft nicht nur dem Interesse des eigenen Landes, sondern auf den die gesamtdeutschen Interessen und somit dem Abendlande dient, daß ohne dieses katholische Österreich die Erfüllung der Sendung des deutschen Volkes im christlichen Abendland die Wiedergeburt des wahren Heiligen Reiches und damit die Befriedung des aus taufend Wunden blutenden Mitteleuropas nicht möglich ist.

Der Katholizismus in Österreich darf seine deutsche und abendländische Mission nicht

vergessen. Er wuchs aus einem Lande, das bis zum letzten Zusammenbruch ein getreues Spiegelbild Europas war und dessen Zerreißung dem Europa von heute wiederum die symbolische Signatur gibt; dessen Wiederaufbau aber dazu bestimmt ist, der großen tragenden deutschen Idee vom christlichen Abendland die Wege zu ebnen.

So gewinnt denn auch z. B. der lange vor dem Kriege schon geborne Plan, am Sitz des Primas von Deutschland zu Salzburg eine gesamtdeutsche katholische Hohe Schule zu schaffen, ein Geisteszentrum katholischer Kultur für den gesamten deutschen Raum, ganz neue Beleuchtung. Mag auch die Zeit noch nicht reif sein, das Ziel scheint klar umrissen. Eine Stätte, nicht dem Spezialistentum und dem Studium eines begrenzten Faches, sondern der wahrhaft universellen Vertiefung und Schulung des Geistes gewidmet, aufgebaut auf dem Glauben an die vollendete Harmonie von Offenbarung und natürlicher Erkenntnis. Dieser Glaube // und aus ihm gewachsen deutsche Kultur und deutsches Recht sollen unserem Lande auch weiterhin ihr deutliches Gepräge geben.

Deutsches Recht, das seinen Anfang nahm aus der Ehrfurcht vor dem Weistum der Väter, das die klassische römische Form beseelte durch jene Synthese von Freiheit und zweckbestimmter, unerläßlicher Beschränkung, wie christliches Denken in Verbindung mit dem Erbgut unseres Volkes sie geschaffen hat; das Pflichten und Rechte des Einzelnen gegenüber Familie, Stand und staatlicher Gemeinschaft abgrenzt; das den Treubruch als Sünde wider den Volksgeist verfemte.

Deutsches Recht und deutsche Kultur, hineingestellt in das Bewußtsein katholischer Verantwortung und europäischer Verbundenheit, mögen unsere Heimat auf ihrem schweren, mühevollen Weg geleiten. Immer wieder fand der österreichische Troubadour des deutschen Volkes in Stunden des Kleinmuts einen Mahner, der die Müden und Verzagten emporriß mit den Worten, deren Zauberklang von Wien aus die Welt erobert hat: „Freunde, nicht diese bösen Töne, sondern laßt uns angenehmere anstimmen und freudenvollere…“

Aus dein Genius loci dieser Stadt und ihrer Sendung wuchs der berauschende Rhythmus zu den Sternen, der für immerwährende Zeiten Rhein und Donau, Wien und Weimar, Beethoven und Schiller verbindet:

„Ihr stürzt nieder Millionen
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Brüder, überm Sternenzelt
Muß ein guter Vater wohnen,
Such‘ ihn überm Sternenzelt…“

Österreich, deutsches Volk, christliches Abendland, such‘ ihn überm Sternenzelt!

Wir wollen ihn rufen in dieser gewaltigen Stunde: Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget werde dein Name; zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe, im Himmel also auch auf Erden. Amen!

In: Reichspost, 10.9.1933, S. 18-20.

Fritz Rosenfeld: Alle gegen einen. (Arnold Zweig: Der Streit um den Sergeanten Grischa) (1927)

Der Held dieses Romans ist ein russischer Kriegsgefangener, den im März 1917 die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind, aus dem Gefangenenlager ostwärts treibt gegen die Front, hinter der fern sein kleines Dorf liegt. Wie ein Jäger der Urzeit lebt Grischa im Walde, findet ein Weib, verläßt es, schlägt sich bis hinter die deutschen Linien durch und wird als vermeintlicher russischer Spion festgenommen. Wohl kann er beweisen, daß er nicht aus den russischen Schützengräben kommt, sondern tief aus dem Innern Deutschlands. Aber was gilt in einer Zeit, in der täglich Tausende hingeschlachtet werden, das Leben eines einzelnen, was gilt in einer Zeit, in der deutsche Regimenter weit ins russische Reich vorgedrungen sind und deutsche Militärs die Erfüllung imperialistischer Träume nahe wähnen, das Leben eines Russen, eines Feindes? Ein deutscher Major nimmt sich des Russen an; er verteidigt im Leben des russischen Sergeanten das Recht und die Menschlichkeit. Doch er verliert diesen Kampf. Recht und Menschlichkeit müssen in Kriegszeiten schweigen. Die Macht triumphiert über das Recht, die Forderung nach strenger Disziplin über die Menschlichkeit. Alle deutschen Soldaten lieben Grischa, den schlichten, gutmütigen russischen Bauern; sie sollen ihn nun niederschießen, weil ein „Exempel statuier“ werden muß, weil ein eigensinniger Karriere­macher taub ist für die Stimme des Mitleids. Die Soldaten, die monatelang mit Grischa lebten, weigern sich, ihn zu morden. Eine fremde Kompanie muß mit Alkohol aufgepeitscht werden, bis sie das Schandwerk vollbringt. Mit den Gewehren, die Grischa als Diener der deutschen Soldaten putzte, wird er niedergeknallt. In dem Sarge, den er als Gehilfe des Tischlers zimmerte, wird er in ein Grab gelegt, das er selber geschaufelt hat. Der Geist des Gehor­sams, das ist im Krieg der Geist des Mordes, triumphiert. Aber dieser Sieg ist einer seiner letzten. In den Mauern des Reiches rieselt es bedenklich. Ein paar Monate noch und der Sturm der Revolution zertrümmert dieses Reich, fegt die Männer weg, die es in den Blutrausch führten. Dann werden, während in einem kleinen Dorfe in der russischen Steppe ein junges Weib auf Grischa wartet. Deutsche und Russen einander als Brüder und Brüder die Hände reichen.

Arnold Zweig hat nicht nur das tragische Schicksal dieses Opfers des militärischen Systems und des Krieges erschütternd gestaltet, nicht nur den Zeithintergrund und eine Fülle von Figuren plastisch geschildert, er hat auch nach den sozialen Bedingtheiten der Geschehnisse geforscht und gefunden, daß der Krieg nur ein Kampf um die Erhaltung der Klassengesellschaft ist, der „Herrschaft der wenigen über die vielen“. Kapitalistische Herrschgelüste zeugen die nationalistischen Expansionsgelüste der im Frieden von der Profitordnung mißbrauchte und geschändete Mensch wird im Kriege vom Vaterland mißbraucht und geschändet.

Der Roman geht auf eine dramatische Bearbeitung eines tatsächlichen Ereignisses zurück; manche scharf dialektische Szene erinnert noch an diesen Ursprung. Der Schilderung des Hingangs der armen Menschenkreatur Grischa kann man in der neueren deutschen Erzählung wenig an die Seite stellen. Als großer Zeitroman analysiert der „Streit um den Sergeanten Grischa“ nicht, sondern gibt die Synthese. Die furchtbare Synthese des Krieges, die dichterische Synthese des Krieges die ein künstlerisches Dokument von bleibender Bedeutung wurde.

In: Arbeiter-Zeitung, 10.12.1927, S. 3.

Ignaz Seipel: Die demokratische Verfassung. (1918)

Aus reichlicher Erfahrung wissen wir, wie schwer es ist, die Verfassung eines Staates zu ändern, wenn auch alle Beteiligten überzeugt sind, daß sie geändert werden muß. Seit dem Kaiserwort vom 31. Mai 1917 stand Österreich ausgesprochenermaßen unter dem Zeichen der Verfassungsform. Und was ist geschehen? Alle Termine, an denen durch entsprechend großmütige Zuge­ständnisse an die nach Befreiung ringenden Völker deren Vertrauen hätte wiedergewonnen werden können, wurden verpaßt. Die Hauptschuld daran tragen – reden wir offen! – neben der Schwäche und Ziellosigkeit der verschiedenen Regierungen und einer gewissen, wenig­stens uns Deutschen als solche erscheinenden Unaufrichtigkeit der nichtdeutschen Volksvertreter die deutschen Parteien. Befangen in zentralistischen Vorstellungen, ge­wöhnt an eine aus längst vergangenen Zeiten stammende Hegemonie, nicht fähig, an deren doch allen sichtbares Abbröckeln zu glauben, vertrödelten sie die Zeit mit klein­lichem Feilschen um Kreisgerichte und Bürgerschulen, schrien Zeter und Mordio, wenn jemand von einem böhmischen oder südslavischen Staatsrechte sprach und wären jetzt zu Tod froh, wenn man sie mit starker Hand zu rechtzeitigem Nachgeben gezwungen hätte, das sie aus Furcht vor überradikalen Schreiern nicht freiwillig gewähren wollten. Der ganze Zusammenbruch Österreichs hätte vermieden werden können, wenn in unserer Politik ein wahrhaft demokratischer Geist geweht hätte. Und jetzt? Kaum sind wir aus dem alten Nationalitäten­staat, um es euphemistisch zu sagen, „ausgetreten“, kaum sind wir Deutschösterreicher unter uns, so droht uns schon wieder Streit und Zersplitterung. Die Kronländer, die sich durch die Stimmungspolitik der provisorischen Nationalversammlung vor die Gefahr schwerer Gebiets­verluste gestellt sehen, nehmen das Selbstbestimmungsrecht auch für sich in Anspruch. Als die englischen Dominions ungeberdig wurden, beeilte sich das Mutterland, ihnen eine ausgiebige Vertretung in der Zentralregierung zuzu­sichern. Unser Staatsamt aber plant, wie wir gestern in den Zeitungen lasen, zur Abwehr der Los­lösungsbestrebungen in den Provinzen Staats­kommissäre zu den Landesregierungen zu ent­senden, die wohl je nach ihrem Temperament als Zwingherren oder als gütlich zuredende Schulmeister die Kronlandsautonomisten zum Zentralismus bekehren sollten. O unsterbliches Altösterreich!

Wir wollen uns nicht an großen Worten berauschen, aber in diesen Tagen können wir ohne Phrase sagen, daß wir an der Schwelle eines neuen Zeitalters stehen. Wehe uns, wenn wir in die neue Zeit mit einer Lüge eintreten, wenn wir unserem neuen Staate demokratische Namen und Formen geben, aber keine demokratische Verfassung! Wer von demokratischer Verfassung hört, denkt gewiß zunächst an ein möglichst breites, allgemeines und gleiches Wahlrecht. Dieses ist uns für die Zukunft wohl gesichert. Die Wahlen zur konstituierenden Nationalversammlung werden nach Artikel 9 des Gesetzes über die Staats- und Regierungsform von Deutschösterreich auf Grund des Proporzsystems und des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmrechtes aller Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechtes erfolgen. Und Artikel 10 desselben Gesetzes verfügt, daß nach den gleichen Grundsätzen auch das Wahlrecht und das Wahlverfahren der Landes-, Kreis-, Bezirks- und Gemeinde­vertretungen zu ordnen ist. Wir verhehlen uns auch in diesem Augenblick nicht, welch tiefgreifender Unterschied zwischen der organischen Staatsauffassung und der autonomistischen ist, aus der die Forderung des allgemeinen Wahlrechtes letzten Endes stammt. Wir betrachten im Gegensatz zu ihr noch immer den Staat für gesünder und besser geordnet, der nicht unmittelbar aus zusammenhang­losen Individuen, die in der Theorie alle gleich, in der Wirklichkeit aber doch recht ungleich sind, bestehen will, sondern seine Bürger auf dem Umweg über ihre Familien, Berufsstände und Klassen erfaßt. Wir würden demnach auch wünschen, daß jene Vertretungskörper, in denen die Zusammensetzung des Volkes, wie es tatsächlich ist, zum Ausdruck, aber auch zu Einfluß kommen sollte, nach einem anderen Schlüssel gewählt würden. Doch faktisch haben ja in den parlamentarischen Verhandlungen die politischen Interessen längst alle anderen, auch die wirtschaftlichen, in den Hintergrund gedrängt und für die Teilnahme an einem rein politischen Parlament bringt allerdings jeder Staatsbürger gleich viel Recht, mit. Früher oder später werden freilich neben diesem schon um es zu entlasten, andere berufen werden müssen, in denen die sozialen, kulturellen unv wirtschaftlichen Gruppen der Bevölkerung ihre Eigenangelegenheiten selbständig, nur unter einer gewissen Kontrolle der höchsten politischen Instanz ordnen können. Daher fällt es uns nicht ein, jemals wieder das politische Wahlrecht einengen zu wollen. Wir begrüßen es im Gegenteil als ganz dem gesellschaftlichen Tatbestande angemessen, daß nunmehr auch die Frauen zu den politischen Wahlen zugelassen werden. Wenn schon alle Männer hiezu berufen erscheinen, dann gibt es wirklich keinen Grund, so viele Frauen, die den Männern an Liebe zum Vaterlande, an sozialem Sinn und an Leistungen für ihre Mitmenschen gewiß nicht nachstehen, von dem gleichen Rechte auszuschließen. Daß die politische Betätigung der Frauen weder diese, noch die Familien und dadurch die Gesamtheit schädige, dafür müssen die Frauen selbst und jene, die deren moralische und politische Bildung lenken, sorgen. Gefährlich wird ja die Politik nur dann, wenn sie gleich der Spielleidenschaft den Menschen verwirrt und ihn die richtige Einschätzung seiner Güter und Pflichten verlieren läßt. Nur Kindern nimmt man die Messer weg, mit denen sie sich schneiden konnten; Erwachsene müssen Messer zu gebrauchen ver­stehen, ohne sich oder andere zu verletzen. So darf man auch in der demokratischen Gemeinde des politisch reifen Volkes die Gefahren, die ein allzuweit ausge­dehntes Wahlrecht immerhin in sich schließt, nicht durch Rechtsverkürzung, sondern nur durch Mahnung zur Vorsicht bekämpfen wollen.

Das allgemeine Wahlrecht ist aber noch nicht das Um und Aus der Demokratie. Es darf auch fachlich keine Schranken für die Einflußnahme des Volkes auf die Führung der Staatsangelegenheiten geben. Reservate militärischer oder diplomatischer Natur müssen daher von vorneherein ausgeschlossen sein. Nur ein augenblick­licher Notstand kann in Zukunft die regierenden Personen oder Körperschaften berechtigen, eine Verfügung, die nicht der sofortigen Kontrolle durch das Volk oder seine Vertretung unterworfen wäre, zu treffen. Aber auch in diesem Ausnahmsfalle werden sie verpflichtet sein müssen, nachträglich, und zwar so bald als möglich, Rechenschaft zu legen. Dies gilt sowohl für den Abschluß von Verträgen mit fremdem Mächten und die militärische Kommandoführung, als für die Besetzung aller Ämter des öffentlichen Dienstes ohne Ausnahme.

Hand in Hand mit der demokratischen Verfassung muß die demokratische Verwaltung gehen. Was nützt es dem Volke, wenn es sich die notwendigen Gesetze durch die von ihm gewählten Vertreter selbst gibt, wenn deren Anwendung und Durchführung aber nicht, so weit es möglich ist, von ihm selbst geübt wird? Zudem muß das Volk zur Demokratie erzogen werden, soll diese nicht bloß auf dem Papier stehen bleiben. Daher soll man die lokalen Ämter möglichst wenig mit Staatsbeamten, sondern mit Beauftragten des Volkes besetzen. Soweit die Beamtenstellen aber eine eigene Vorbildung bedingen, die bei den Volksbeauftragten nicht sicher vorausgesetzt werden kann, oder so, weit ihre Agenden die Hingabe des ganzen Menschen mit all seiner Arbeitskraft fordern, sollen sie in Unterordnung unter die lokalen Vertretungskörper oder aber in kollegialem Zusammenwirken mit ihnen ver­sehen werden. Dadurch wird vermieden, daß die Beamtenschaft das Vertrauen des Volkes und den Zu­sammenhang mit ihm verliert und infolgedessen entweder wirklich gegen seine wahren Interessen handelt oder doch leicht in den Verdacht kommt, es zu tun. Auf diesem Wege wird auch das vom alten Österreich ererbte Doppelgeleise der autonomen und staatlichen Verwaltung allmählich abgebaut werden können. Die Art der Ver­waltung soll nicht allzu gleichförmig von einer Zentral­stelle aus eingerichtet werden. Was immer möglich sollen die Vertretungskörper niedriger Ordnung selbst ordnen. Es genügt vollständig, wenn die obersten Staatsämter im Rahmen der von der Ver­fassung gezogenen Grenzen normieren und regulieren, was im Interesse des Ganzen und zur Wahrung des demokratischen Grundcharakters des Staates einheitlich gestaltet werden muß. Auch der Instanzenzug sowohl in // Gerichts- und Verwaltungsangelegenheiten soll nicht weiter geführt werden, als es zur Sicherung vor Fehlurteilen und rechtswidrigen Entscheidungen unbedingt nötig ist.

Noch eine wichtige demokratische Reform habe ich oben schon angedeutet. Es sind parallele Autonomien, die verhindern sollen, daß die so wichtigen kulturellen und wirtschaftlichen Fragen durch die politi­schen verdrängt oder selbst zu politischen gemacht werden. Unser altes österreichisches Parlament war deswegen so unfruchtbar, weil fast keine Gesetzesvorlage eingebracht werden konnte, die nicht Gegenstand des nationalen Zankes wurde. Dieselbe Gefahr droht dem künftigen Parlament vom Standpunkt der politischen Parteien. Bei den Wahlen scheiden sich die Parteien immer nach gewissen Fragen der Weltanschauung oder der politischen Doktrin von einander, die dann für die nächste Parlamentsperiode die Unterscheidungsmerkmale zwischen Regierung und Opposition oder zwischen den Gliedern einer Regierungskoalition abgeben müssen. Entsprechend dieser Gruppierung werden dann meist schon aus Parteidisziplin die Abstimmungen ausfallen, auch wenn die augenblicklich verhandelten Vorlagen weder mit dem einen noch mit dem anderen Parteiprogramm in einem inneren Zusammenhange stehen. Und doch gibt es viele Fragen des öffentlichen Lebens, die, vor einem andern Forum als dem politischen erörtert, mit einer ganz anderer Gruppierung der Stimmen entschieden würden. Zu deren Behandlung sollen nun von Anfang an andere Körperschaften auf gleich demokratischem Wege wie die politischen geschaffen werden. Bisher schon gab es neben dem Landtag einen Landesschulrat und einen Landes­kulturrat, gab es, selbst wo keine Bezirksver­tretungen existierten, Bezirksarmenräte und Bezirksstraßenausschüsse und dgl. Weiterhin hatten wir ein Netz von landwirtschaftlichen und gewerblichen Genossenschaften, denen zum Teil auch behördliche Befug­nisse und Aufgaben delegiert waren. Sie alle zogen das Volk zur Selbstbestimmung und Selbstverwaltung heran. Aber der ganze Apparat war nicht planmäßig ausgebaut. Es fehlte der einen Gattung von offiziellen Organisationen der Unter-, den andern der Oberbau, bei Dritten gab es beide, aber sie standen nicht in organischer Verbindung. Alle diese Elemente der Demokratie brauchten jetzt nur den Bedürfnissen der Zeit und des Ortes entsprechend zusammengefaßt, und ergänzt werden und bald würde sich zum Segen des Volkes er­weisen, daß die konsequent durchgeführte Demokratie das beste Gegenmittel gegen jede Art von Anarchie ist. Denn in diesen von den Interessenkreisen selbst beschickten und geleiteten Körperschaften könnten auch solche Fragen des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens eine autoritative Lösung finden, die der eigentlichen Politik am besten ganz entzogen blieben.

In: Reichspost, 21.11.1918, S. 1-2.

N.N. [Carl Colbert]: Suchet die Schuldigen! (1919)

Im vollen Bewußtsein unserer Verantwortung und nach eingehender Prüfung aller Tatsachen sagen wir: gestern ist das Blut Unschuldiger Menschen geflossen. Wenn die Stadt Wien sich ihre durch den beginnenden Aufstieg der arbeitenden Klassen errungene politische Ehre bewahren will, dann müssen die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden, ohne Ansehung der Person, ohne Rücksicht auf Parteiinteressen und die Arbeiterschaft, um deren Sache es geht, muß die Untersuchung führen und das Urteil fällen. Die Empörung nicht nur bei den Kommunisten, sondern bei einem großen Teile der Sozialdemokraten, ja selbst bei jenen Bürgern, die noch nicht alle Vernunft verloren haben, ist so groß, daß das Urteil ebenso streng wie ge­recht sein wird. Wie hoffen, daß kein hysterischer Angst- und Gewaltschrei, woher immer er kommen mag, im­stande sein wird, die öffentliche Meinung zu verwirren, weil die Ereignisse eine zu deutliche Sprache sprechen.

Die ganze Verantwortung für die gestrigen Vorfälle fällt auf die Schultern jenes Mannes, der Samstag abends den Befehl zur Verhaftung der kommunistischen Ordner gab. Dieser Mann – wir kennen noch nicht seinen Namen – ist wohl der kopfloseste unter allen Menschen, die je die Macht hatten, der Wiener Polizei einen Haftbefehl aufzutragen. Diese Ansicht ver­treten heute alle, die gestern der Versammlung vor dem Rathause beiwohnten. Die Kundgebung ging anfangs ruhig vor sich, obwohl die Menge die gewohnten Führer vermißte. Es traten ganz unbekannte Redner auf und hielten Ansprachen, wie sie Kommunisten halten. Aber selbst diese von niemandem Berufenen und nur durch das Dazwischentreten der Polizei zur Verantwortung von Versammlungsrednern gebrachten Leute sprachen davon, daß dieser Tag in Ordnung vorübergehen müsse. Plötzlich wurde –leider – bekannt, daß die Polizei am Tage vorher mehr als hundert Kommunisten verhaftet habe. Von diesem Augenblicke an hatte die Menge ein Ziel, von diesem Augenblicke an hatte die Versammlung aufgehört und der Demonstrationszug setzte sich erst zum Landesgerichte und von dort aus den verhängnisvollen Weg zur Elisabethpromenade in Bewegung.

Wir fragen: Wissen die Wiener Polizi­sten oder die Herren von der Regierung nicht, daß es nichts Herausfordernderes und Gefährlicheres gibt, als einer Massenkundgebung die Ordner zu ent­ziehen? In der Regierung sitzen ja auch Sozialdemokraten, und haben denn diese ganz den 17. September 1911 vergessen, den Tag, an dem die Sozialdemokraten die Beistellung eines Ordnerdienstes von vornherein ablehnten und der mit den Unruhen in Ottakring endete? Wir fragen die Polizei, ob sie nicht schon wiederholt wie mit den Sozialdemokraten auch mit den Kommunisten bei großen Kundgebungen über den Ordnerdienst verhandelte und ob nicht jedesmal ein ruhiger Verlauf gewährleistet war, wenn die Parteien selbst ihre Ordner bestellten? Wer war es also, der den unüberlegten Streich der Verhaf­tung der kommunistischen Ordner beging?

Es ist noch eines zu sagen: Am Lage vor der Kundgebung hat die kommunistische Parteileitung auf eine Anfrage des „Abend“ bekanntgegeben, daß sie für den ruhigen Verlauf des Sonntags selbst sorgen werde. Ja, die kommunistische Parteileitung ging noch weiter: sie erklärte selbst, daß sie Schädlinge, die nicht die Disziplin bewahren würden, beseitigen werde. Einzig und allein der Vollzugsausschuß der Soldatenräte der Volkswehr hatte Würde und Anstand genug, die Kommunisten beim Wort zu nehmen und ihr Versprechen in einem eigenen Aufrufe Sonntag früh weiter zu verbreiten. Warum war sonst niemand ehrlich und klug genug, ebenso zu handeln, und warum hat fast die gesamte Wiener Presse die Erklärung der Kommunisten unterschlagen?

Schließlich noch folgendes: Der von der Exekutive des Wiener Kreisarbeiterrates und für die Wiener Mit­glieder des Reichsvollzugsausschusses der Wiener Arbeiterräte gestern früh in der Arbeiter-Zeitung veröffentlichte Aufruf enthält folgenden Absatz: „Die morgige Veranstaltung ist also keine Versammlung in gewöhnlichem Sinne. Trotzdem wollen wir, daß von vornherein keine Gewaltmittel gegen den Putschversuch zur Anwendung ge­bracht werden. Es soll ganz deutlich werden, wen die Verantwortung trifft, wenn es zu Tätlichkeiten kommt.“ Es haben also die maßgebenden Stellen der Arbeiterräte sich auf den Standpunkt gestellt, daß von vornherein nichts gegen die kommunistische Kundgebung unter­nommen werden solle und daß alle weiteren Entschlüsse erst im Laufe des Sonntags zu fassen seien. Wenn nun die Arbeiterräte, gegen deren Willen unserer Meinung nach in Wien von keiner Seite etwas unternommen werden darf, eindeutig ihre Absichten ausgesprochen haben, wer durfte die Polizei Samstag abends veranlassen. die Kommunistenführer zu verhaften? Welches Gewicht können Kundgebungen des Arbeiterrates haben, wenn die Behörden sich an diese Entschlüsse nicht kehren?

Der Wiener Arbeiterrat hat heute in den Morgenblättern mitteilen lassen, daß er einen Untersuchungsausschuß eingesetzt habe und daß dieser Ausschuß schon morgen nachmittags Bericht erstatten wird. Wir er­warten nichts von einer Untersuchung durch die politischen Behörden, wir erwarten aber alles von der Untersuchung des Wiener Arbeiterrates. Er wird an den hier aufgeworfenen, so selbstverständlichen Fragen nicht vorbeigehen können. Er wird Stellung zu nehmen haben zu der Verhaftung der Kommunistenführer, er wird sich über das Verhalten der Polizei in der Hörlgasse aussprechen, er wird feststellen. wie beschaffen die Patronen waren, mit denen die Polizei und die Stadtschutzwache geschossen hat, er wird die Zeugen einvernehmen, die Greuel über Greuel berichten. Die Bevöl­kerung darf von ihm erwarten, daß er sich nur an die Tatsachen halten, daß er kein Parteigericht abhalten und nach bestem Wissen und Gewissen sein Urteil fällen wird.

In: Der Abend, 16.6.1919, S. 1.

Walter Pfrimer: Was will der Heimatschutz? (1927)

Der populäre, verdienstvolle Führer der stei­rischen Heimatschutzbewegung ergreift in folgen­den Ausführungen selbst das Wort, um die Hetze gegen den Heimatschutz zurückzuweisen. D. Schr[riftleitung].

Die Juliereignisse müssen wohl jedem einzelnen klar gemacht haben, daß unser Vaterland unmittelbar vor der Gefahr stand, ebenfalls eine Sowjetrepublik zu wer­den. Diese ständige Gefahr hat der Heimatschutzverband schon seit jeher erkannt und es sich zur ersten Ausgabe gemacht, sie zu bekämpfen. Diese Aufgabe will der Hei­matschutz durch Schaffung einer starken Wehr erfüllen und ganz besonders auch durch Aufklärung der deutschen Arbeiterschaft. Der Heimatschutz versucht es, die breiten Massen der Bevölkerung zur Erkenntnis zu bringen, daß nur das verständnisvolle Miteinander, und Zusammenarbeiten sämtlicher Stände unseres Volkes die Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung gewährleistet und die Gefahr einer Sowjetdiktatur bannen kann.

Der Heimatschutzverband will im weiteren Verfolge dieser Aufgabe in allen Bevölkerungskreisen die Heimatliebe, die Treue zum angestammten Volke fördern und gerade auch im deutschen Arbeiter die Erkenntnis wachrufen, daß auch er eine Heimat und ein Vaterland besitzt und Angehöriger des großen deutschen Volkes ist und daß er eine bessere soziale Stellung nur durch und in der Volksgemeinschaft erringen kann. Der Heimatschutzverband will insbesondere dem deutschen Arbeiter zeigen, daß gerade der Heimatschutzverband der wärmste Förderer der Interessen der Arbeiterschaft ist und daß die volksfremden Führer der Arbeiterschaft nie das wirkliche Wohl der Arbeiter im Auge haben.

Der Kampf unserer Bewegung richtet sich in erster Linie gegen die volksfremden Führer der Arbeiterschaft, die mit den Schlag-Worten Klassenkampf, Klassenhaß, Internationalist die Arbeiter gegen die eigenen Volks­angehörigen hetzen. Der Heimatschutzverband tritt aber auch gegen die Feigheit, Mutlosigkeit und Unentschlossenheit weiter bürgerlicher Kreise auf, weil er ge-//rade in diesen Fehlern eine der Hauptursachen erblickt, warum sich der Bolschewismus in unserem Staate so ausbreiten und eine solche Machtstellung einnehmen konnte. Diese Feigheit zeigt sich heute noch darin, daß weite Kreise es nicht wagen, sich offen zum Heimatschutz zu bekennen oder gar das Abzeichen desselben zu tragen.

Wie arg es um die Feigheit und Mutlosigkeit wei­tester bürgerlicher Kreise bestellt ist, zeigt der Umstand, daß man es auch nach den Juliereignissen noch nicht gewagt hat, die notwendigen Folgerungen zu ziehen und ganz energische Schritte gegen die volksverhetzende, klassenkämpferische, jüdische Presse einzuleiten. Bei den Verhandlungen in den Julitagen haben die Führer der Sozialdemokraten immer erklärt, Frieden predigen zu wollen und beruhigend auf die Masse einzuwirken, ihre Presse hat jedoch immer und bewußt zum Bürgerkrieg gehetzt. Es wäre nun Sache einer energischen, ziel­bewußten Vertretung der bürgerlichen Kreise gewesen, diesem Doppelspiel ein Ende zu machen. Dies ist nicht geschehen.

Der Heimatschutzverband will aber auch den Ge­danken der Mannhaftigkeit und Wehrhaftigkeit in die weitesten Kreise unseres Volkes, insbesondere aber der Jugend tragen, weil ohne die Wehrhaftigkeit ein Staat auf die Dauer nicht bestehen kann.

Wer sich also für die Heimatschutzbewegung einsetzt und irgendwie mittut, um die breiten Massen unseres Volkes für diese Ziele zu gewinnen, der tut Dienst am deutschen Volk! Wollen wir hoffen, daß alle jene Kreise, die heute noch der Bewegung fernstehen und die gerade nach ihrer Vorbildung berufen sind, Führer des Volkes zu sein, sich voll und ganz dieser Bewegung zur Verfügung stellen. Der lückenlose Ausbau unserer Heimatschutzbewegung ist das Gebot der Stunde, ist die einzige Möglichkeit, unser deutsches Volk und unseren Staat vor dem sicheren Untergang zu bewahren.

In: Neues Grazer Tagblatt, 18.9.1927, S. 1-2.