geb. am 25.4.1862 in Hochlieben/Liben Vysoká (nahe Prag) – gest. am 5.7.1931 in Wien; Journalist, Redakteur, Politiker

Aus einfachen Verhältnissen kommend war A. gezwungen, bereits früh seinen Lebensunterhalt zu verdienen, zunächst als Knecht und Lagerarbeiter, dann als Handelsgehilfe bei der Firma Gerngroß in Wien. Sein Bildungshunger und autodidakt. Wissenserwerb brachten ihn der Sozialdemokr. Partei nahe; im Zuge seines Einsatzes für verbesserte Arbeitsverhältnisse, z.B. für den Achtstunden-Tag, den A in publizist. Form über den von ihm gegr. Verein der Handlungsgehilfen entwickelte, wurde er von Viktor Adler entdeckt u. für die AZ gewonnen. Dort avancierte er nach wenigen Jahren zum Chefredakteur u. bestimmte maßgebl. das Profil der Zeitung. Nebenher war er auch Mitarb. des Wochenblattes der deutschen sozialdemokr. Partei Die Neue Zeit. Aufgrund seines Kampfes für Pressefreiheit gewann A. auch den Respekt von K. Kraus, dem A. vermutlich schon in den 1890er Jahren im Café Griensteidl begegnet war. 1914 bezog A. in der Julikrise zunächst eine kritisch-warnende Position, schwenkte dann aber mit dem Parteivorstand auf eine defensive, den Krieg hinnehmende Haltung ein, insbes. im Leitartikel Der Tag der deutschen Nation. Seit 1919 bis 1930 war A. Abgeordneter im österreichischen Parlament. In den 1920er Jahren galt er als Bindeglied zwischen der österr. Arbeiterbewegung und dem auf Distanz zu ihr gehenden K. Kraus; er widmete ihm 1924 einen ausführlichen Beitrag in der AZ zum 50. Geburtstag, nahm an der Kraus-Debatte in der sozialdemokr. Programmzeitschrift Der Kampf (seit 1923) teil u. unterstützte Kraus 1926 in der publizistisch u. juristisch geführten Kampagne u. Auseinandersetzung mit dem Journalisten u. Verleger Imre Békessy. Die Empörung über den Freispruch im Mordprozess von Schattendorf zählt zu den bedeutendsten polit. Leitartikeln der Ersten Republik u. gilt als mitauslösend für die Großdemonstration und die Eskalation vom 15. Juli 1927. In den ausklingenden 1920er Jahren widmete sich A. v.a. der schärfer werdenden Konfrontation mit der Christlichsozialen Partei unter Prälat Ignaz Seipel sowie mit den erstarkenden Heimwehren.


Quellen und Dokumente

Der Tag der deutschen Nation. In: Arbeiter-Zeitung, 5.8.1914, S. 1, Karl Kraus zu seinem 50. Geburtstag. In. Arbeiter-Zeitung, 27.4.1924, S. 3, Der wahre Kraus. In: Der Kampf, H.7/1926, 309-314; Die Mörder von Schattendorf freigesprochen. In: Arbeiter-Zeitung, 15.7.1927, S.1f., Seipels siebenter Oktober. In: Der Kampf, H. 11/1928, 532-538; Austerlitz spricht. Hg. von J. Braunthal. Wien 1931; K. Kraus: Zu der Tragödie Friedrich Austerlitz. In: Die Fackel 33 (1931), H. 857-863, S. 129-132, Friedrich Austerlitz, ein Retter der Bourgeoisie. In: Die Rote Fahne, 7.7.1931, S. 7.

Teilnachlass: Wien-Bibliothek.

Literatur (Auswahl)

Alfred Pfabigan: Karl Kraus und der Sozialismus. Eine politische Biographie, 225f. (1976), Harry Zohn: Karl Kraus and the Critics, 43 (1977).

Eintrag bei wien.gv.at.

(PHK)

geb. am 13.8.1874 in Lemberg (Lviv) – gest. am 30.1. 1947 in London; Kulturfunktionär, Journalist, Kritiker

Bach studierte an der Universität Wien Philosophie, u.a. bei Ernst Mach, und schloss 1897 mit einer Diss. über David Hume ab. Früh mit Arnold Schönberg und Alexander Zemlinski befreundet wendet sich B. der journalistischen Arbeit zu, zunächst in der Zs. Die Zeit, in der Neuen Freie Presse und wird ab 1904 Musikkritiker der Arbeiter-Zeitung (AZ), wo er sich, neben Paul A. Pisk, für die zeitgenössische ‚neue Musik’ einsetzt. 1905 begründet B. die Arbeitersymphonie-Konzerte, die in den 1920er Jahren fester Bestandteil der Kultur des Roten Wien waren, insbes. im Zusammenwirken mit Anton v. Webern. 1906-11 auch Mitglied der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft, die er im Zuge des Konflikts zwischen Alfred Adler und Sigmund Freud verlässt. Seit 1917 Feuilletonredakteur der AZ war er neben Otto Koenig auch für die Sparten Kultur und Literatur, Musik- und Theaterkritik, aber auch Film-Kultur (Rubrik: Kunst und Wissen) sowie für grundsätzliche Orientierungen, z.B. im Umfeld der Fragen Kunst und Sozialismus, Kunst und Klassencharakter zuständig. 1918-22 gab B. gemeinsam mit Julius Bittner die kulturkrit. Zs. Der Merker heraus, 1919 zählte er zu den Begründern der Sozialdemokratischen Kunststelle, der er bis 1934 als Präsident vorstand. 1924 war Bach maßgeblich in das Int. Musik- und Theaterfest der Stadt Wien eingebunden, in deren Rahmen z.B. Schönbergs Oper Die glückliche Hand uraufgeführt wurde, Fernand Léger sein ballett méchanique, Kurt Schwitters ein Modell der Merz-Bühne oder Friedrich Kiesler seine Raumbühne vorstellte. Er zählte darüber hinaus zum Bekanntenkreis von Arthur Schnitzler und setzte sich für Aufführungen seiner Stücke ein. 1926 übernahm B. auch die Hg. der sozialdemokratischen Kultur-Programm Zs. Kunst und Volk. 1928 verteidigte er die skandalumwitterte Aufführung der sog. (Jazz-)Oper Jonny spielt auf von Ernst Krenek, insbesondere gegen den NFP-Musikkritiker Julius Korngold, 1929 begrüßte er die Wiener Erstaufführung von Brechts Dreigroschenoper im Raimundtheater. 1933 legte er seine Funktion in der AZ zurück, 1939 emigrierte er nach Großbritannien, wo er u.a. Präsident der Union der österreichischen Journalisten in England war und am Kulturprogramm des Austrian Centre teilnahm.


Quellen und Dokumente

Die Künstler und der Sozialismus. Arbeiter-Zeitung, 9.2.1919, S. 2f., Alfons Petzold. In: Arbeiter-Zeitung, 27.1.1923, S. 4, Das Mysterium des Dichters. (“Die Schwester” von Hans Kaltneker. Uraufführung in der Renaissancebühne.). In: Arbeiter-Zeitung, 13.12.1923, S. 5.

Literatur

Bodil v. Thülen: Arnold Schönberg. Eine Kunstauslegung der Moderne. Würzburg 1996; Henriette Kotla-Werner: David Josef Bach. In: F. Stadler (Hg.): Vertriebene Vernunft. Bd. 2, Münster-Wien 2004; Edward Timms: Die Sammlung David Josef Bach. Eine Zeitkapsel aus den Zwanziger Jahren (unveröff. Typoskript, 2002; zur Verf. gestellt 2007); Klaus Dieter Paar: David Josef Bach. Austromarxistische Kunstpolitik am Beispiel der Musik. Dipl.Arb. Wien 2012 [Online verfügbar].

(PHK)

geb. am 19.7.1863 in Linz – gest. am 15.1.1934 in München; Schriftsteller, Kritiker, Redakteur

Der Sohn eines Notars und Landtagsabg. besuchte in Linz die Volksschule und vier Jahre das Akademische Gymnasium. Von 1878 bis 1881 absolvierte er das Benediktiner-Gymnasium in Salzburg. Danach ging B. nach Wien zum Studium der klassischen Philologie, die er bald gegen Jus und Nationalökonomie eintauschte, wurde Mitglied einer Burschenschaft u. lernte u.a. Georg v. Schönerer kennen. In diese Zeit datieren auch die ersten feuilletonist. Beiträge in Ztg. wie Deutsche Hochschule, Deutsche Worte, Kyffhäuser Zeitung u. in den Salzburger Nachrichten. Aufgr. seiner Rede beim deutschnationalen Trauerkommers für Richard Wagner wurde er im März 1883 von der Univ. Wien relegiert, studierte danach kurz in Czernowitz und Graz und ab 1884 in Berlin, wo er Nationalökonomie u.a. bei Gustav von Schmoller hörte, aber auch in Kontakt zu Heinrich v. Treitschke, August Bebel, Arno Holz u. Henrik Ibsen kam. 1887 beendete er das Studium ohne Abschluss (seine Dissertation über K. Marx wurde nicht angenommen), kehrte nach Linz zurück, absolvierte den Militärdienst als Einjährig Freiwilliger und verbrachte 1888 ein Jahr in Paris. Dort widmete er sich vorwiegend der Literatur u. veröffentl. 1889 seine erste Essayslg. Zur Kritik der Moderne (ED 1890), die z.T. wegweisende Texte zur Literatur, zum Theater, zur Kunstgeschichte, Philosophie u. Nationalökonomie enthielt. 1890 kehrte Bahr nochmals nach Berlin zurück, in der Hoffnung, über die Mitarbeit an den Zss. Freie Bühne für modernes Leben, Moderne Dichtung, Berliner Tageblatt sowie durch die ersten Theaterstücke Die Mutter, Die gute Schule und Die neuen Menschen seinen literar.-publizist. Durchbruch zu schaffen, was jedoch nicht eintrat. Wieder in Wien entwickelte sich Bahr zu einem prononcierten Verfechter des ›Jungen Wien‹ u. seiner kosmopolit. Moderne-Konzeption. Er begriff sich dabei als „prophetischer Wanderer“, der sein Moderne-Credo mit religiös-ästhetischem Gestus einerseits (Müller-Funk 2016) u. einer produktiven Aneignung zeitgenöss. französ. u. engl. Moderne- bzw. Décadence- Referenzen vortrug bzw. parallel zu jenem Hugo von Hofmannsthals (Bourget, Barrès, Huysmans, Pater, Ruskin, Swinburg, Wilde, später erst Shaw; Arlaud, Benay, Daigger 2004) entwickelte u. ausdifferenzierte, so z.B. in Die Überwindung des Naturalismus (1891) sowie Zur Kritik der Moderne (1894). B.s. Gestus u. seine Rolle in der Jung-Wien-Gruppe provozierte K. Kraus zu anfangs iron., später polemisch-ätzenden Verrissen, z.B. in Die demolirte Literatur (1897), u. zu rund 400 meist negativen Nennungen in der Fackel. 1892-94 war B. Kulturredakteur u. kurzztg. MitHg. der Deutschen Zeitung. Im Zuge eines weiteren Paris-Aufenthalts traf Bahr 1893 mit Theodor Herzl zusammen, der gerade an seiner Schrift Der Judenstaat (1895) arbeitete u. Anfang der 1880er Jahre Mitglied in derselben Burschenschaft (Albia) war, der auch B. angehörte, aus der H. jedoch 1883 austrat. Die beiden blieben bis H.s. Tod (1904) in sporadischem Kontakt, sandten sich wechselseitig ihre Werke zu u. besprachen sie auch. 1894 wurde Bahr Mitbegr. (mit H. Kanner u. I. Singer) der Wochenschrift Die Zeit, die er auch der tschech. Moderne (J.S. Machar, F.X. Šalda u.a.) öffnete, woraus sich in der Folge ein intensiver intellekt. Austausch mit dem Regisseur, Übersetzer u. Kulturpolitiker Jaroslav Kvapil ergeben sollte. 1894 erschien auch B.s. Interviewsammlung Der Antisemitismus, die 41 Stellungnahmen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, England, Spanien u. Italien versammelte u. als Reaktion auf den insbes. im Dt. Reich ansteigenden Antisemitismus als polit. Bewegung (1893 mit 16 Abgeord. in den Reichstag gewählt) gedacht war. 1895 kam es zur Heirat mit der (jüd.) Schauspielerin Rosa Jokl; die Ehe wurde 1909 nach bereits erfolgter Trennung seit 1904 geschieden.

Seit der Grd. der Wiener Secession begl. B. auch diese publizist. u. kulturpolitisch, arbeitete an ihrer Programm Zs. Ver Sacrum (1898ff.) mit u. fasste seine Texte zur Publik. Secession (1900) zusammen. 1901-1903 setzte sich B. vehement für G. Klimt ein, der an der Innenausstattung seiner von J.-M. Olbrich geplanten Villa in Ober St. Veit mitwirkte. Nach Erkrankungen 1902-03 wandte sich B. stärker dem Katholizismus sowie dem Österreichischen zu, befördert auch durch die Beziehung zur Schauspielerin Anna Mildenburg (Verehelichung 1909) u. sichtbar im Essay Wien (1906), mit dem das Barock als österr. Stil, Lebens- u. Kulturform aufgewertet wird. Zwischen 1904 u. 1908 skizzierte B. Festspielpläne in Salzburg, die jedoch trotz Einbeziehung von M. Reinhardt nicht zustande kamen. 1909 legte B. zwei seiner erfolgreichsten liter. Texte vor, die Dalmatinische Reise sowie das Lustspiel Das Konzert (UA in der Regie von O. Brahm, Lessingtheater, Berlin). Die bereits in den 1890er Jahren bemerkbaren ambivalenten Zeit- u. Kulturdiagnosen verstärken sich in der unmittelbaren Vorkriegszeit, um neben einem, u.a. von Kraus kritisierten „unablässige Wandel“, (Rieckmann, 1986) tw. gegenläufige Positionen einzunehmen. Vor dem Krieg noch „aktiver“ Pazifist im Essay Friede (1912) wird B. nach 1914 in Kriegssegen (1915) zu einem der österr.-patriot. Kriegsapologeten, um davon erst langsam u. nur partiell 1917-18 abzurücken. Wichtig war ihm jedoch stets die Bühnenpräsenz, und diese war 1914-17 beeindruckend: mehrmals wurde Der Querulant aufgeführt, daneben noch die Komödien Der Star, Wienerinnen, Die Kinder, Der Augenblick, Das Konzert und der „Schwank aus der deutschen Mobilisierung“, d.h. Der muntere Seifensieder. 1916 ersch. neben der kunst- wie kulturtheoret. Schrift Der Expressionismus auch der Roman Himmelfahrt, eine Art „Naturgeschichte des österr. Katholizismus“, ferner der Essay Der Österreicher, in dem B. die plurinationale Komponente des Nationalen herauszustreichen versuchte. Die klerikale u. österr.- patriot. Wende fand 1917 mit dem R. v. Kralik gewidm. Bd. Schwarzgelb einen ihrer frühen Höhepunkte. Im Dez. 1917 veröffentl. B. einen TB-Text, in dem er im Kontext von Friedenskonzepten Österr. eine Mittlerrolle zusprach, d.h. indir. dafür plädierte, sich gegen die Idee „deutscher Weltbeglückung“ zu positionieren. Anlässl. des Ersch. des Rudigier (1918) bezeichnete Max Foges Bahr im Neuen Wiener Journal (NWJ) als „Schriftsteller in Mönchskutte“, d.h. in derselben Ztg., in der B. seine oft vielseitigen TB-Eintragungen (u.a. zu persönl. Begegnungen oder neuen Tendenzen Lit. u. anderen Künsten, z.B. über J.M. Hauers Über die Klangfarbe, 1.12. 1918) veröffentl. u. die breit über ihn berichtete. Ende Aug. 1918 wurde B. mit der interimist. Leitung des Burgtheaters beauftragt, er wirkte dort als Regisseur bis März 1919; den Zusammenbruch des alten Ö. u. die Errichtung der parlament. Republik kommentierte er tendenziell spöttisch, u.a. in einem Lustspiel, von dem ein Akt in der NFP abgedr. wurde. 1919 erschien der umstrittene wiewohl auch komplexe Roman Die Rotte Korahs, in dem B. (österr.) Facetten d. Antisemitismus wie des Zionismus thematisiert, wiewohl, so der Rez. im NWr.Tbl. in den Roman „ [ ] viel von der katholischen Luft der ‚Himmelfahrt‘ hinein [weht] u. B.s. Vorstellungen vom Zionismus von verdeckt antisemit. Grundierung und „katholischer Mystik“ (so M. Foges) überlagert erscheinen. An den 1919-20 wiederaufgen. Bemühungen zur Etabl. der Salzbg. Festspiele war B. zunächst nicht beteiligt; er wertete die erste Jedermann-Auff. J. Redlich gegenüber als „scheußlich“ ab, rühmte aber 1922 Reinhardts „barocke Theaterkunst“, nachdem sich er zuvor, für die Realisierung von Hofmannsthals Salzburger Große Welttheater beim Erzbischof eingesetzt hatte.

1922 übersiedelt B. aus famil. Grd. nach München, nicht ohne die Bez. zu Salzbg. u. Wien aufzugeben, wie die Würdigungen zu seinem 60. Geburtstag 1923 zeigen. In diesem Jahr legte er auch sein autobiogr. Selbstbildnis vor, für Döblin im Prager TBl. (18.7.1923) das „Muster einer veralteten Lebensbeschreibung“. Die 1920er Jahre stehen schließlich unübersehbar im Zeichen einer Wende hin zum Propagator katholisch-kulturpolitischer Anliegen, sichtbar in der publizist. Mitwirkung an Ztg. wie Reichspost, Das neue Reich und Die schönere Zukunft, die nicht nur konservativ, sd. antidemokrat., tw. militant antisemit. u. kulturkämpferisch für kathol. Interessenslagen wie z.B. die Errichtung einer kathol. Universität in Salzburg auftraten. Beträge wie Katholische Musik (NR, 33/1920), Meinung und Glaube (NR, 39/1922), Christliche Wahrheit (RP, 27.10.1922), Das Reich Gottes (NR, 6/1923), Abendland (NR, 45/1924) bis hin zu Katholische Partei (SchöZuk, 16/1929) belegen diese Wende vom ›Mann von Übermorgen‹ hin zu einem in Predigermanier auftretenden, dogmatischen ›Mann von Gestern‹, wie dies auch die Dialogerz. Himmel auf Erden (1928) deutlich macht. Nichtsdestotrotz finden sich in B.s. regelmäß. TB-Texten im NWJ bis 1931 ungewöhnl., d.h. sowohl kathol.-konservat. Positionierungen als auch welthaltige aktuelle Einträge u. Leseerfahrungen (von B. Frank über H. Mann bis H. Zur Mühlen, W. Whitman u. M. Proust). Ungeachtet seiner kulturpolit. Volten behaupteten sich B.s. Stücke auf den Wiener Theatern bis Anfang der 1930er Jahre überaus gut, mitunter mit mehreren Aufführungen in einer Spielsaison wie z.B. 1928 mit Die Kinder, Der Querulant, Das Prinzip, Luftwechsel am Akademietheater sowie Der arme Herr als Radiospiel. 1927 wurde B. in die Sektion Dichtkunst der Preuß. Akademie der Künste aufgenommen, Anfang der 1930er Jahre erkrankte er, litt am Ende an Demenz u. brach zahlreiche Kontakte ab. Zu seinem 70.Geburtstag ersch. noch zahlr. Würdigungen, u.a. durch E. Buschbeck, M. Graf oder St. Zweig, verhalten auch durch O. Koenig, u. das Burgtheater führte im Sept. 1933 als Hommage B.s. Stück Der Meister auf.


Weitere Texte (Auswahl)

Erz./R.: Dora (1893); Theater (1897); Die Rahl (1908); Austriaca (1911); Österreich in Ewigkeit (1929);  Dr./Komödien: Das Tschapperl (1887); Ringelspiel (1907).

Quellen und Dokumente

Beiträge H. B.s.: Der Österreicher. In: Neues Wiener Journal, 9.1.1916, S. 6f., Tagebuch (erster Eintrag). In: Neues Wiener Journal, 24.12.1916, S. 7f., Tagebuch [zum Frieden]. In: Neues Wiener Journal, 8.12.1917, S. 4f.

Paul Kurmann: H. B.s Expressionismus. In: Neues Wiener Journal, 16.6.1916, S. 7, Reichskanzler Michaelis in Wien [zu Schwarzgelb]. In: Reichspost, 1.8.1917, S. 1f., Max Foges: H. B.s „Rudigier“. In: Neues Wiener Journal, 3.3.1918, S. 11f., H. Greinz: Die Rotte Korahs. In: Neues Wiener Tagblatt, 3.5.1919, S. 3f., Max Foges: Die Rotte Korahs. H. B.s neuester Roman. In: Neues Wiener Journal, 16.4.1919, S. 3f., Otto Koenig: H. B. (Zu seinem sechzigsten Geburtstag am 19. Juli 1923). In: Arbeiter-Zeitung, 19.7.1923, S. 3f., Raoul Auernheimer: Akademietheater. (Zum erstenmal: „Der Querulant“ von H. B.). In: Neue Freie Presse, 21.4.1925, S. 1f., R. A.: „Josephine“ im Akademietheater. In: Neue Freie Presse, 4.10.1930, S. 1-3, Max Graf: Der junge Hermann Bahr. In: Die Bühne (1933), H. 355, S. 26f., Erhard Buschbeck: H. B. Zum siebzigsten Geburtstag des Dichters. In: Radio Wien, 14.7.1933, S. 6f., Stefan Zweig: H. B. zum 70. Geburtstag. Der Don Juan der Erkenntnis. In: Neue Freie Presse, 19.7.1933, S. 8, N.N.: Gleichschaltung mit dem Wahnsinn. In: Arbeiter-Zeitung, 19.12.1933, S. 4.

Literatur (Auswahl)

D.G. Daviau: Der Mann von Übermorgen. H. Bahr 1863-1934 (1984); M. Dietrich (Hg.): Der Herr aus Linz. = H. Bahr Symposium 1984 (1987); R. Farkas: H. Bahr. Dynamik und Dilemma der Moderne (1989); H. Hogen: ‚Der Mann von Übermorgen‘? H. Bahr in seinen späten Schriften. In: ÖGL 1(1994); J. Lachinger (Hg.): H. Bahr – Mittler der europäischen Moderne. O= H. Bahr Symposium 1998 (2001); J. Benay, A. Pfabigan (Hgg.): H. Bahr – Für eine andere Moderne (2004); R. Urbach über H. Bahr. In: Literatur u. Kritik H. 489 (2014); T. Zelić (Hg.): Traditionsbrüche. Neue Forschungsansätze zu Hermann Bahr. = Wechselwirkungen Bd. 19 (2016).

Eintrag in: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 1, 1954), S. 44f.

Online verfügbar: Kritische Ausgabe, Korrespondenznachlass.

Primus-Heinz Kucher: Rez. zu: Kurt Ifkovits: Hermann Bahr – Jaroslav Kvapil. Online abrufbar bei literaturhaus.at, P.-H. K.: Rez. zu: Kurt Ifkovits (Hg): Hermann Bahr. Tagebuch aus dem Neuen Wiener Journal 1927-1931. Online abrufbar bei literaturhaus.at.

(PHK)

als Herbert Bauer geb. am 4.8.1884 in Szeged – gest. am 15.7.1949 in Budapest; Ästhetiker, Drehbuchautor, Filmkritiker, Regisseur, Librettist, Schriftsteller

Das Porträtmodul von Gustav Frank finden Sie hier.

Nach dem Studium der Philosophie in Budapest, u.a. bei Georg Simmel und Wilhelm Dilthey, und in Paris bei Henri Bergson wandte sich B. der Literatur zu  und begann Lyrik, Dramen, Märchen, Novellen und Libretti zu schreiben. Bekannt ist z.B. der Märchenzyklus Der Mantel der Träume. 1919 floh B., der u.a. mit György Lukács befreundet und kommunistisch orientiert war, nach der gewaltsamen Beendigung der Räterepublik unter Bela Kun nach Wien, wo er neben seiner schriftstellerischen und journalistisch-kritischen Tätigkeit in ungarischen Exilblättern wie Bécsi Magyar Ujság oder in der angesehenen Ztg. Der Tag, mit dem Film in Berührung kam. Im Tag verfasste er neben rund 200 Film- auch Theaterkritiken, z.B. zu Georg Kaisers Kolportage, Franz Werfels Der Spiegelmensch, Robert Musils Vinzenz, Arthur Schnitzlers Komödie der Verführung oder Hugo v. Hofmannsthals Der Schwierige. Mit seiner Schrift Der sichtbare Mensch (1924) legte B. einen Kerntext der modernen Filmtheorie und Filmästhetik vor, den sowohl Hofmannsthal wie Schnitzler aufmerksam registrierten. 1926 übersiedelte er nach Berlin, erzielte mit dem Film Narkose (1929, nach Stefan Zweigs Briefe einer Unbekannten) einen Achtungserfolg. Im Zuge des Ersten Internationalen Kongresses des unabhängigen Films in La Sarraz (Schweiz) traf er sich 1929 mit Sergej Eisenstein, mit dem er bereits seit Jahren in wechselseitiger kritischer Bezugnahme auf das jeweilige Werk stand. Kurz danach veröffentlichte B. sein zweites filmtheoretisches Werk Der Geist des Films (1930), um danach als Drehbuchautor zu arbeiten, aber auch seinen ersten (und einzigen) Roman Unmögliche Menschen (1930) vorzulegen. Für die Verfilmung von Brechts Dreigroschenoper (1931) durch W. G. Pabst, gegen die Brecht gerichtlich vorzugehen suchte, zeichnete B., gemeinsam mit Leo Lania und Ladislaus Vadja ebenso für das Drehbuch verantwortlich wie für Leni Riefenstahls Debüt Das blaue Licht (1932). 1931 folgte B. der Einladung einer sowjetischen Filmgesellschaft nach Moskau, wo er ab 1933 an der Filmhochschule wirkte. Daraus ging die 1937 fertig gestellte, aber erst 1945 veröffentlichte Schrift Isskustwo Kino (Filmkunst) hervor, die den ideologischen Zwängen Tribut zollte und unübersetzt blieb. 1946 kehrte Balázs nach Budapest zurück, um seine letzte Schrift Filmkultur 1948 fertig zu stellen.


Quellen und Dokumente

Die Geschichte von der Lógodygasse, vom Frühling, vom Tod und von der Ferne. In: Die Moderne Welt 5 (1923), H. 11, S. 11ff., Der Detektivroman. In: Die Rote Fahne, 16.5.1922, S. 4.

Fritz Rosenfeld: Die “Dreigroschenoper” im Film. In: AZ, 29.5.1931, S. 9.

Literatur

Hanno Loewy: Béla Balázs – Märchen, Ritual und Film (Berlin 2003); Bernhard Fetz: Schrift. Film. Leben. Der Schriftsteller und Filmtheoretiker B. Balázs; Amalia Kerekes: Béla vergisst die Ismen. Béla Balázs’ Wiener Schriften zur ungarischen Avantgarde. Beide in: Pál Dereky, Zoltán Kékesi, Pál Kelemen (Hgg.): Mitteleuropäische Avantagarden. (Frankfurt/M. 2006)

(PHK)

eigentlich Lajos Barta bzw. germanisiert Ludwig Barta, geb. 1907 in Kassa/Košice – gest. 1996 in Budapest; Schriftsteller

Ps.: Balla Béla

B. entstammte einer Schriftstellerfamilie. Das Stück Die Stunde Rußlands seines Vaters Lajos Barta sen., das Erwin Piscator 1920 in Berlin aufführen ließ, bildete eines der ersten Zeugnisse eines Agitationstheaters in der jungen Weimarer Republik, seine Mutter Maria Szucsich veröffentlichte mit Herymnia Zur Mühlen und Eugen Lewin-Dorsch zusammen die Sammlung Die Märchen der Armen im Malik-Verlag. Die Familie flüchtete 1919 nach der Niederschlagung der ungarischen Räterepublik wie andere Vertreter der ungarischen Elite, darunter Béla illes, Sándor Barta, Andor Gábor, Georg Lukács und Lajos Kossák, nach Wien. Dort publizierte B. zunächst unter seinem eingedeutschten bürgerlichen Namen Ludwig Barta in der Arbeiter-Zeitung ab 1926 mehrere Erzählungen, auch nach seinem Beitritt zur KPÖ im Jahr 1929. 1930 schloss er sich dem neugegründeten Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs an und veröffentlichte Arbeiten nunmehr in der Roten Fahne und der Illustrierten Roten Woche. Von 23. Juni bis zum Verbot des Blattes am 22. Juli 1933 erschien der von Elendsquartieren und enttäuschen Wohnbauträumen handelnde Roman Der Weg in die Zukunft in der Roten Fahne; er musste daher mit der 25. Folge abgebrochen werden. 1935 emigrierte B. in die Tschechoslowakei, 1938 nach England, wo er dem kommunistisch ausgerichteten  Austria Centre als Teil des Free Austrian Movement angehörte. Im selben Jahr veröffentlichte er in der Moskauer Exilzeitschrift Das Wort die Erzählung Februar, die inkonsequentes Vorgehen der Sozialdemokratie für das Schlittern Österreichs in die Februarkämpfe 1934 und den aufkommenden Austrofaschismus verantwortlich macht. In dieser Zeit entstand auch das Stück Der Führer, das als einziges abendfüllendes Theaterstück in der Tradition der proletarisch-revolutionären Literatur in Österreich gilt. Nachdem eine Aufführung 1938 in Österreich undenkbar war, scheiterte eine Realisierung auch im britischen Exil mehrfach. Das Unity Theatre des Worker’s Theatre Movement lehnte es als zu wenig revolutionär ab. Es blieb wie der vollständige Roman Weg in die Zukunft auch nach 1945 unveröffentlicht.


Quellen und Dokumente

Ballade. In: Arbeiter-Zeitung, 31.1.1926, S. 17, Leuchten über den Feldern. In: Arbeiter-Zeitung, 24.1.1929, S. 3f., Männer im Schnee. In: AZ, 26.2.1930, S. 7, Die Tänzerin. In: AZ, 3.8.1930, S. 13, Einer von den 5000. In: Die Rote Fahne, 20.9.1931, S. 9, „Meine Herren Gendarmen…“ In: Die Rote Fahne, 20.12.1931, S. 3, Kommt so der Sozialismus? In: Die Rote Fahne, 1.1.1932, S. 7, Der Weg in die Zukunft. In: Die Rote Fahne, 23.6.1933, S. 6, Februar (1934). In: Das Wort (Moskau), 2.2.1938. Neuerlich in: Erich Hackl, Evelyne Polt-Heinzl (Hrsg.): Im Kältefieber. Februargeschichten, 86-90 (2014).

Literatur

Gerald Musger: Der „Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs“. Eine Dokumentation. Diss., 83ff (1977), Wolfgang Gastager: Literatur als Waffe gegen den Klassenfeind. 2 Bde. Dipl.-Arb., 218-220 (1995).

(ME)

geb. am 7.10.1897 in Budapest – gest./hingerichtet am 3.6.1938 in Moskau; avantgardistischer Schriftsteller, Publizist, Emigrant

Der Sohn eines Flickschneiders jüd. Konfession wuchs in ärmlichen, ungesunden Verhältnissen auf u. erkrankte früh an Tuberkulose. 1917 lernte er L. Kassák kennen u. wurde sein Mitarbeiter in der von ihm hg. Zs. der ungar. Avantgarde Ma. Bereits in Heft 4 des ersten Jg. veröffentlichte  B. drei Gedichte, denen weitere, auch politisch engagierte, folgten, darunter in H. 11/1917 das Ged. Diszonancie, das eine betont konstruktivist. Form aufweist. B. sympathisierte 1919 mit der Räterepublik unter B. Kun, ohne offizielle Funktionen zu bekleiden. Mit Kassák u. a. ungar. Intellektuellen u. Künstlern flüchtete er im Herbst 1919 nach Wien. In Wien machte er Ende 1920 Bekanntschaft mit Yvan Goll, der später mehrere seiner Ged. ins Französ. übertrug. Das Sonderheft 1/1921 von Ma war Barta gewidmet, in den zwei deutschsprach. Sonderausgaben 1923-24 war er jedoch nicht mehr vertreten. B. gilt auch als Herätiker, d.h. als Dadaist im konstruktivist. Umfeld von Kassák, von dem er sich ab Mitte 1922 entfernte u. aus dem Ma-Mitarbeiterkreis austrat. Im Nov. 1922 gründete er eigene Zs. in Wien, Akasztott ember (Der Henker 1922-23), die aber nur in drei Heften erschien, sowie Ek (Keil), in denen sich  Barta als Surrealist avant lettre positionierte. Darin finden sich u.a. programmat. Texte über Sozialismus u. Proletkult, die 1923 auch durch visuelle Ged. wie Moskau bzw. einer Lenin-Hommage poet. Ausdruck finden sollten. Im Sommer 1925 übersiedelte er mit seiner Frau Erzsi Újvari (1899-1940), Schwester von L. Kassák u. ebf. schriftstellerisch tätig (ihren Ged. Bd. Prózák (ersch. als Ma-Sonderheft 3, 1921) hat G. Grosz illustriert (Link), nach Moskau u. wurde Mitglied der ungar. Sektion der Russischen Assoziation proletarischer Schriftsteller. In den 1930er Jahren geriet Barta zunehmend in Konflikt mit der stalinist. Literaturpolitik; am 14.3.1938 wurde er verhaftet u. am 22.5. 1938 zum Tod verurteilt.


Werke

Igen. Próza [Ja. Prosa]; Tisztelt Hullaház! Kiáltványok [Hohes Leichenhaus! Manifeste] beide: Wien, Ma 1921; Mese a trombitakezü diákról [Der Student mit der Trompetenhand. Märchen u. Novellen], Wien 1922; Eine wunderbare Geschichte oder Wie entdeckte William Cookendy, bürgerlicher Reporter, die Erde, auf der er lebt. Wien-Berlin 1925.

Neuauflage ausgewählter Gedichte unter dem Titel Ki Vangy? [Wer bist du?] durch Gyula Illyés, Budapest 1987.

Quellen und Dokumente

Sonderheft Ma 1/1921 [online verfügbar].

Literatur

P. Deréky (Hg.): Lesebuch der ungarischen Avantgarde-Dichter in Wien 1920-1926 (1996); L. Congdon: Exile and Social Thought. Hungarian Intellectuals in Germany and Austria 1919-1933. (1999); Sándor Barta, Tibor Déry, Gyula Illyés, Lajos Kassak: Destines Croisés de l’Avant-Garde Hongroise 1918-1928 (2002), 15-64; P. Déreky, Z. Kékesi, P. Kelemen (Hg.): Mitteleuropäische Avantgarden (2006). Z. Peter: Lajos Kassák, Wien und der Konstruktivismus 1920-1926. (2010) 155-156.

Darstellung auf modernistarchitecture.wordpress.com.

(PHK)

geb. am 15.10.1853 in Györ/Raab – gest. am 11.6.1941 in Wien; Journalist, Schriftsteller, Librettist

Ps.: Sebastian Brant der Jüngere

B. wuchs als Sohn eines Regenschirmmachers und einer Näherin in einfachen Verhältnissen auf und verfasste als Gymnasiast erste journalistische Beiträge und Kritiken. 1873 kam er als Medizinstudent nach Wien, betätigte sich jedoch schon bald als Redakteur und Feuilletonist u.a. bei der Österreichischen Bürgerzeitung, der Tages-Presse und den Zs. Kikeriki, Kladderadatsch und Der Floh. 1879 schloss er sich der Redaktion des Illustrirten Wiener Extrablatts an, für das er zunächst als Gerichtsreporter tätig war, später leitete er bis zu seiner Pensionierung 1928 dessen Theaterreferat. Mit seinen Kritiken stieg B. um die Jahrhundertwende zu einem der bedeutendsten Wiener Rezensenten auf, Karl Kraus polemisierte bereits in der ersten Ausgabe der Fackel 1899 unter dem Titel Die Vertreibung aus dem Paradiese als Ausgangspunkt seiner anhaltenden Feuilletonkritik harsch gegen ihn. B. verkehrte wie auch Raoul Auernheimer, Paul Goldmann, Julius Korngold sowie Erich Wolfgang Korngold sowie Felix Salten im Kreis der Kunstmäzenin Jenny Mautner.

Neben seiner Tätigkeit als Kritiker trat B. ab Mitte der 1880er als Librettist und satirischer Autor in Erscheinung. Vor allem am Theater an der Wien verfasste er mit Hugo Wittmann Libretti für Franz Lehár (Die Juxheirat, Rosenstock und Edelweiß, Der Mann mit den drei Frauen), Carl Millöcker (u.a. Der arme Jonathan, Das Sonntagskind), Adolf Müller jun. (Der Hofnarr), Johann Strauß (Sohn) (Fürstin Ninetta) und Carl Weinberger (Adam und Eva). Anfang Dezember 1918 wurde die Aufführung von Paul Ottenheimers populärer Operette Der Kongreß tanzt mit dem Libretto von B. und Wittmann im Neuen Wiener Stadttheater u.a. von Aktivisten der Roten Garde gestört und in der Folge abgesetzt. B. selbst verfasste die Possen Zur Hebung des Fremdenverkehrs (1883) und Die Wienerstadt in Wort und Bild (1887), Burlesken und Revuen. Sammlungen seiner humoristischen Gedichte, die vor allem als Wiener Spazierreime in der Neuen Freien Presse erschienen, wurden jahrelang als sogenannte Damenspende beim Ball des Schriftstellervereins Concordia veröffentlicht. Für die Concordia, deren Ehrenmitglied er 1928 wurde, war er auch Jurymitglied beim Grillparzer-Preis 1926 an Franz Werfel. 1928 nahm B. u.a. mit Julius Bittner, Richard Beer-Hofmann, Oskar Maurus Fontana, Ernst Lothar, Richard Kralik, Arthur Schnitzler, Karl Hans Strobl und Friedrich Schreyvogel an einem Treffen mit Kanzler Ignaz Seipel „zur Bekämpfung von Schmutz und Schund“ in der Sittlichkeitdebatte u.a. infolge des sogenannten Jonnyskandals teil. Für das Burgtheater modernisierte er Werke des Altwiener Volksstücks, etwa 1928 Ferdinand Raimund Der Diamant des Geisterkönigs mit Bühnenbildern von Oskar Strnad und 1931 Johann Nestroys Das Mädel aus der Vorstadt.


Weitere Werke

Das neue Narrenschiff (1911), 50 Konkordiabälle. Eine Faschingsrevue (1914), Liebesg’schichten und Heiratssachen (Revue, 1916), Burleske. Mit musikalischen Übergängen aus Motiven Richard (Georg) Strauß’scher Werke von Karl Alwin (1924), Wiener Köpfe in der Karikatur (1928), Wiener Spazierreime aus Vergangenheit und Gegenwart (1930), Großes Raritäten- und Wachsfigurenkabinett (1931)

Quellen und Dokumente

Die Damenspende. In: Neues Wiener Journal, 17.2.1914, S. 5, Spazierreime aus Ischl. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 23.8.1920, S. 5, Wiener Spazierreime. Mein Silvesterrausch. In: Neue Freie Presse, 3.1.1926, S. 16, W. S. Abraham a Santa Clara spricht. Zur bevorstehenden Enthüllung seines Denkmals. In: Neue Freie Presse, 1.5.1926, S. 12f., W. S. Die Jeritza-Zigarre. In: Neue Freie Presse, 13.6.1926, S. 12, W. S. Das süße Nichtstun. In: Neue Freie Presse, 19.9.1926, S. 12, W. S. Was gibt es Neues auf den Planeten? Erste Station: Mars. In: Neue Freie Presse, 13.4.1930, S. 12f.

Karl Kraus: Die Vertreibung aus dem Paradiese. In: Die Fackel 1 (1899), 1, S. 12-23, Der Kampf gegen den Operettengeist. In: Arbeiter-Zeitung, 5.12.1918, S. 7, Fünfzig Jahre „Extrablatt“. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 27.3.1922, S. 4, Fritz Rosenfeld: Kunst und Wissen [Rez. zu Der arme Jonathan]. In: Arbeiter-Zeitung, 22.12.1925, S. 9, Hans Liebstoeckl: Theater. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 28.2.1927, S. 3f., Zur Bekämpfung von Schmutz und Schund. In: Wiener Zeitung, 10.6.1928, S. 4-6, Eine Ehrung J. B.s. In: Wiener Zeitung, 6.12.1928, S. 3, Hans Brecka: „Das Haus der Temperamente.“ Nestroy-Posse im Burgtheater. In: Reichspost, 17.6.1932, S. 2f., Felix Salten: Nestroy und Goethe. Burg- und Akademietheater. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 20.6.1932, S. 4.

Eintrag im Nachlassverzeichnis.

Literatur

Deutsches Schriftstellerlexikon 1830-1880, Bd. 1, Sp. 717, Ruth Esterhammer: Kraus über Heine. Mechanismen des literaturkritischen Diskurses im 19. und 20. Jahrhundert (2005), 184-188, Hans Eberhard Goldschmidt: Satirenanthologie und Caféhausbeleidigung. Zwei Briefe an J. B. In: Kraus-Hefte 8 (1978), 2-4, Uwe Harten: B., J. Eintrag im Musiklexikon der ÖAW, Eintrag bei wien.gv.at, Reinhard Müller: B., J. (2014). In: ÖBL online. Ders.: Eintrag bei Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich (2008), E. Ms.: B., J. In: The Jewish Encyclopedia, Vol. 2. (1965), 600 [Online verfügbar].

(ME)

1881 als Sohn des wohlhabenden jüdischen Textilindustriellen Philipp Bauer in Wien geboren, setzte er sich bereits während seiner Gymnasialzeit mit den Schriften von Karl Marx auseinander und trat 1900 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAPÖ) bei. Nach Absolvierung eines einjährigen Militärdienstes studierte Bauer ab 1903 an der Universität Wien Rechtswissenschaften, Nationalökonomie, Soziologie und Geschichte und promovierte im Jahr 1906 zum Dr. iur. Parallel dazu engagierte er sich in der Freien Vereinigung sozialistischer Studenten und wurde Mitglied des Sozialwissenschaftlichen Bildungsvereins, wo er Kontakt zu Karl Renner, Rudolf Hilferding u. a. führenden Sozialdemokraten knüpfte. Mit ihnen gemeinsam gründete Bauer den Verein Zukunft, eine Schule für Wiener Arbeiter.

Nachdem die SDAPÖ aus den Reichratswahlen des Jahres 1907 mit 87 Mandaten als zweitstärkste Fraktion hervorgegangen war, nominierte ihn Parteivorsitzender Victor Adler zum Leiter des sozialdemokr. Parlamentsklubs. Im selben Jahr übernahm Bauer die Redaktionsleitung der neuen Monatsschrift Der Kampf; ab 1912 war er zudem Redaktionsmitglied des zentralen Parteiorgans, der Arbeiter-Zeitung.

Im Ersten Weltkrieg bereits Ende November 1914 an der russischen Front gefangengenommen, kehrte Bauer im September 1918 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach Wien zurück. Die Zeit im sibirischen Lager hatte er zum Verfassen der philosophischen Schrift Das Weltbild des Kapitalismus genutzt, deren Veröffentlichung  1924 erfolgte. Im selben Jahr erschien auch sein aufsehenerregendes Werk Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, das ihn schlagartig einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte.

Als engster politischer Vertrauter Victor Adlers übernahm Bauer nach dessen überraschenden Tod im November 1918 die provisorische Leitung des Außenamtes sowie den stellvertretenden Parteivorsitz unter Karl Seitz. Er trat in der Folge aus politisch-strategischen wie ökonomischen Gründen für einen Zusammenschluss Österreichs mit der deutschen Republik ein. Nachdem die Siegermächte diesem in allen politischen Lagern populären Ansinnen mit den Friedensverträgen von St. Germain und Versailles eine endgültige Absage erteilt hatten, legte Bauer Ende Juli 1919 seine Tätigkeit im Außenamt nieder. Der Regierung gehörte er noch bis Oktober 1919 als Staatssekretär für Sozialisierung an, die von ihm angestrebte Verstaatlichung zentraler Wirtschaftssektoren scheiterte aber am Widerstand des bürgerlichen Lagers. Bauer konzentrierte sich nun auf seine Rolle als Abgeordneter zum Nationalrat, wo er zum Fraktionsführer der SDAPÖ und ihrem wichtigsten parlamentarischen Sprecher avancierte. Daneben galt er bald als der bedeutsamste sozialdemokratische Theoretiker, unterrichtete an der 1926 eingerichteten Arbeiterhochschule, publizierte zahllose Schriften und Zeitungsartikel und trat als vehementer Verfechter des von ihm mitbegründeten Austromarxismus auf. Als solcher trug er maßgeblich zur Ausarbeitung des 1926 verabschiedeten „Linzer Programms“ bei, das sich zur Demokratie bekannte, die Aufhebung der „Klassenherrschaft“ bzw. die Überwindung des Klassenkampfes anstrebte, jedoch mit der Erwähnung der „Diktatur des Proletariats“ ebenso zur Verschärfung der innenpolitischen Gegensätze in der Ersten Republik beitrug wie Bauers beharrliche Ablehnung, eine Koalition mit den Christlichsozialen einzugehen. Eine gemeinsame Regierungsarbeit, so Bauers Argumentation, würde den angestrebten Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung nur hinauszögern anstatt ihn zu beschleunigen, weshalb Bauer im Juni 1931 eine Mitwirkung an der Regierung trotz entspr. Angebots auf einer Vertrauensmännerkonferenz auch nicht empfahl. Nichtsdestotrotz wurde Bauer v.a. von der KPÖ seit 1929/30 wiederholt der Kollaboration beschuldigt und als Exponent eines ‚Sozialfaschismus‘, z.B. in der Roten Fahne, denunziert.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Repressalien gegen die sozialdemokratische Bewegung und der Ausschaltung des Parlaments durch das Dollfuß-Regime 1933 warfen ihm seine Kritiker zunehmend seine defensive Strategie vor – dennoch behielt Bauer diese auch im Vorfeld der Februarkämpfe von 1934 bei, indem er sich bis zuletzt gegen ein bewaffnetes Vorgehen gegen die provokativ auftretende Heimwehr aussprach. Nach der Niederschlagung der Schutzbundtruppen trat er zusammen mit Julius Deutsch die Flucht in die Tschechoslowakei an und baute in Reaktion auf das Verbot der Sozialdemokratie das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten (ALÖS) in Brünn auf. Von dort aus organisierte er zudem die Fortführung der Arbeiter-Zeitung sowie der Zeitschrift Der Kampf sowie deren illegale Verbreitung in Österreich. Er zog die Konsequenzen aus der Kritik an seiner bisherigen Politik und gab bekannt, der Partei zwar als Publizist und Berater weiterhin zur Verfügung zu stehen, aber keine Führungsposition mehr übernehmen zu wollen.

Bauer floh im März 1938 nach Brüssel, wo er gemeinsam mit den Revolutionären Sozialisten um Joseph Buttinger das ALÖS in die nunmehrige Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten (AVOES) überführte. Nur wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verstarb er in Paris an den Folgen eines Herzinfarkts und wurde zunächst am Friedhof “Père Lachaise” beigesetzt. 1950 wurde seine Urne nach Wien überführt und in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet.


Werke (Auswahl):

Die Sozialisierungsaktion im ersten Jahre der Republik, 1919; Der Weg zum Sozialismus, 1919; Bolschewismus oder Sozialdemokratie, 1920; Die österreichische Revolution, 1923; Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, 1924; Das Weltbild des Kapitalismus, 1924; Der Kampf um Wald und Weide, 1925; Sozialdemokratische Agrarpolitik, 1926; Sozialdemokratie, Religion und Kirche, 1927; Kapitalismus und Sozialismus nach dem Weltkrieg, 1931; Der Aufstand der österreichischen Arbeiter. Seine Ursachen und seine Wirkungen, 1934/1974; Zwischen zwei Weltkriegen? Die Krise der Weltwirtschaft, der Demokratie und des Sozialismus, 1936; Die illegale Partei, 1939; Die Wahrheit über den Februar 1934, 1945; Faschismus und Kapitalismus, 1967; Austromarxismus. Texte zu “Ideologie und Klassenkampf”, 1970.

Quellen und Dokumente

Der Parteitag des Parteiprogramms. In: Arbeiter-Zeitung, 4.11.1926, S. 1–2, Der Rhythmus der Arbeiterbewegung. In: Arbeiter-Zeitung, 1.1.1925, S. 2–3; Deutschland und die deutschösterreichische Republik. In: Arbeiter-Zeitung, 14.11.1918, S. 3; Rücktritt des Staatssekretärs Bauer. In: Arbeiter-Zeitung, 26.7.1919, S. 1; Otto Bauer. In: Arbeiterwille, 2.9.1925, S. 6; Die Rede Otto Bauers auf dem Parteitag. In: Arbeiter-Zeitung, 31.10.1927, S. 1–2; Nach dem Kampf! In: Arbeiter-Zeitung, 25.2.1934, S. 1–4; Der Aufstand als – Fehler. In: Der Kampf, Jg. 1, Heft 6, S. 197–203, Otto Bauer, der Advokat des Sozialfaschismus. In: Die Rote Fahne, 11.5.1930, Bauers Absage an einer Regierungsmitwirkung in: Arbeiter-Zeitung, 23.6.1931, Karl H. Sailer, Die österreichischen Parteien und der Anschluss. Eine Übersicht. In: Austrian Labor Information H.35/1945, London.

Wahlrede von Otto Bauer für die Nationalratswahl vom 9. Oktober 1930 [Mitschnitt]. Text des Linzer Programms [Online verfügbar]

Literatur

Detlev Albers (Hg.), Otto Bauer und der „dritte“ Weg. Die Wiederentdeckung des Austromarxismus durch Linkssozialisten und Eurokommunisten, Frankfurt/Main 1979; Ders., Horst Heimann, Richard Saage (Hg.), Otto Bauer – Theorie und Politik, Berlin 1985; Hermann Böhm, Die Gesellschaftstheorien von Karl Renner und Otto Bauer. In: Anton Pelinka (Hg.), Zwischen Austromarxismus und Katholizismus. Festschrift für Norbert Leser, Wien 1993, S. 3-14; Ders., Die Tragödie des Austromarxismus am Beispiel von Otto Bauer. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Sozialismus (Wiener Arbeiten zur Philosophie, Reihe C: Beiträge zur Sozialphilosophie, Bd. 1), Frankfurt/Main, Wien u.a. 2000; Carsten Esbach, Nation und Nationalität im Werk von Karl Renner und Otto Bauer. In: Endre Kiss u.a. (Hg.), Nation und Nationenbildung in Österreich-Ungarn, 1848–1938. Prinzipien und Methoden, Berlin, Münster, Wien u.a. 2006, S. 73-86; Erich Fröschl (Hg.), Otto Bauer (1881-1938). Theorie und Praxis. Beiträge zum wissenschaftlichen Symposion des Dr.-Karl-Renner-Instituts abgehalten vom 20. bis 22. Oktober 1981 in Wien, Wien 1985; Hanns Haas, Otto Bauer als Außenpolitiker. In: Erich Fröschl (Hg.), Otto Bauer (1881-1938). Theorie und Praxis. Beiträge zum wissenschaftlichen Symposion des Dr.-Karl-Renner-Instituts abgehalten vom 20. bis 22. Oktober 1981 in Wien, Wien 1985, S. 127-144; Ders., Otto Bauer und der Anschluss. In: Helmut Konrad (Hg.), Sozialdemokratie und Anschluss. Historische Wurzeln – Anschluß 1918 und 1938 – Nachwirkungen. Eine Tagung des Dr.-Karl-Renner-Instituts, Wien, 1. März 1978 (Schriftenreihe des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 9), Wien u.a. 1978, S. 36-44; Ernst Hanisch, Otto Bauer. Der große Illusionist (1881-1938), Wien, Köln, Weimar 2011; Helene Maiman, Politik im Wartesaal. Österreichische Exilpolitik in Großbritannien, 1938-1945, Wien 1975.

Eintrag zu Otto Bauer bei dasrotewien.at.

(MK)

eig. Hedwig Baum, geb. am 24.1.1888 in Wien – gest. am 29.8.1960 in Hollywood; Schriftstellerin

Ps.: Der alte Gärtner, Mix, Viki Prels, Viki Baum-Prels

Das Porträtmodul von Julia Bertschik finden Sie hier.

Auf Bestreben ihrer früh verstorbenen Mutter absolviert B. am Wiener Konservatorium ein Harfenstudium, in der Folge ist sie als Harfenistin im renommierten Wiener Concertverein engagiert und gibt Solokonzerte und Musikunterricht. Ihre ersten Publikationen erscheinen ab 1908 in den Wiener Magazinen Die Muskete und Erdgeist, hier veröffentlicht sie (z. T. auch unter Pseudonymen bzw. unter dem Namen ihres ersten Ehemanns, dem Journalisten und Schriftsteller Max Prels) zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten. Im September 1910 erhält sie für ihre Erzählung Alter Schloßpark bei einem Preisausschreiben der Münchner Satirezeitschrift Licht und Schatten den Preis für die „beste heitere Novelette“, als Jurymitgliedern firmieren u. a. Ludwig Thoma und Thomas Mann. Von 1912–1916 ist sie als Harfenistin am Hoftheater Darmstadt engagiert; gleichzeitig verfasst sie für zahlreiche deutsche und österreichische Zeitungen und Zeitschriften kleine Prosatexte. So erscheinen z. B. in der jüdischen Kulturzeitschrift Ost und West ihre Ghettogeschichten im Alten Haus und Rafael Gutmann, in der Münchner Zeitschrift Jugend ihre Novelle Die Bank und in der von Prels gegründeten Musikzeitschrift Ton und Wort Musikkritiken. 1914 kommt B.s erster Roman Frühe Schatten. Das Ende einer Kindheit im Berliner Verlag Erich Reiß heraus, zwei Jahre später heiratet sie den Dirigenten Richard Lert. B. gibt ihre musikalische Karriere auf und widmet sich in den folgenden Jahren vor allem der Betreuung ihrer beiden Söhne (Wolfgang *1917 und Peter *1921) sowie der Haushaltsführung, in den Kriegs- und Inflationsjahren keine leichte Aufgabe, zumal die Familie Lerts Engagements als Dirigent nach Kiel, Hannover und Mannheim folgt. Zu schreiben hört B. allerdings nicht auf: 1920 erscheint im Berliner Ullstein Verlagihr im Konversatoriumsmilieu angesiedelter Roman Der Eingang zur Bühne. Wegen des großen Erfolges schreibt B. auf Verlangen Ullsteins ein Jahr später den Künstlerroman Die Tänze der Ina Raffay; 1922 erscheint der Novellenband Die andern Tage, allerdings bei der Deutschen Verlagsanstalt, wie auch 1924 ihr Roman Ulle der Zwerg, der die Geschichte eines missgebildeten Jahrmarktclowns erzählt und den B. zeitlebens für ihr künstlerisch bestes Buch hielt. Der von B. in diesen Fällen vorgenommene Verlagswechsel erfolgte bewusst, damit wollte sie eine deutliche Trennung zwischen ihren kommerziellen und künstlerisch anspruchsvolleren Arbeiten etablieren.

Vicki Baum 1927

1925 gewinnt ihre Novelle Der Weg den Kurzgeschichtenwettbewerb der Kölnischen Zeitung. Ein Jahr später erhält ihr Ehemann ein Engagement an der Berliner Staatsoper und B. sieht die Chance gekommen, ihr schriftstellerisches Handwerk zu professionalisieren: Sie bewirbt sich bei Ullstein als Redakteurin und ist ab 1926 hauptverantwortlich für die Literaturbeilage Die Losen Blätter des mondänen Modemagazins Die Dame. Außerdem verfasst B. zahlreiche Kurzgeschichten und Artikel für weitere Ullstein-Medien, wie das kritisch-intellektuelle Zeitgeistmagazin Uhu, die Gartenzeitschrift Grüne Post sowie die auflagenstarke Berliner Illustrirte Zeitung. Hier erscheinen auch die Vorabdrucke ihrer Erfolgsromane stud. chem. Helene Willfüer (1928) und Menschen im Hotel. Ein Kolportageroman mit Hintergründen (1929), die werbewirksam von B.s Artikeln über Modetrends und Schönheitstipps sowie glamourösen Porträtaufnahmen der Starautorin illustriert werden. Neben diesen typischen Lifestyle-Themen, die auch ihre Romane aus dieser Zeit prägen, schreibt B. in ihren Feuilletons außerdem über ihre Reiseerfahrungen, pädagogische Fragen, aktuelle sozialpolitische Themen (wie z. B. die Gesetzeslage zum Schwangerschaftsabbruch), moderne Kunstformen sowie ihr poetologisches Selbstverständnis.

Inzwischen ist B. infolge des Erfolgs und Oscargewinns von Grand Hotel zur internationalen „Marke“ avanciert und fährt 1931 auf Einladung ihres amerikanischen Verlegers Nelson Doubleday in die USA. Von einer wahren Amerika-Begeisterung gepackt, verlängert sie ihren ursprünglich als Kurzaufenthalt geplanten Besuch auf ein halbes Jahr. 1932 emigriert sie mit ihrer Familie endgültig in die USA, die Gründe dafür sind freilich nicht nur karrieretechnischer und ökonomischer Natur, sondern auch politisch motiviert. B.s Familie ist jüdischer Abstammung und bereits 1933 werden ihre Bücher auf die „Schwarze Liste“ des NS-Regimes gesetzt. Ihre ersten in den USA verfassten Romane wie Das große Einmaleins (1935, NA Rendezvous in Paris), Die Karriere der Doris Hart (1936) und Liebe und Tod auf Bali (1937) erscheinen daher im Amsterdamer Exilverlag Querido.

Die erhoffte Karriere in Hollywood bleibt jedoch aus: B. ist zwar von 1932–1946 in verschiedenen Filmstudios beschäftigt, kann sich aber als selbstbewusste und an eigenständiges Arbeiten gewöhnte Schriftstellerin nicht mit der in der Filmbranche üblichen Praxis der Teamarbeit anfreunden. In ihren Romanen und Kurzgeschichten aus den frühen 1930er-Jahren, die wenig positiv verheißende Titel wie Unglücklich in Hollywood! oder Zwangsarbeit in Hollywood tragen, rechnet sie mit der „Traumfabrik“ ab und demontiert die dort geschaffenen Illusionen schonungslos.

Die Integration in Amerika hingegen fällt B. anders als vielen europäischen Emigranten leicht. Rasch erlernt sie die englische Sprache und verfasst ab den frühen 1940er-Jahren auch ihre Romane auf Englisch. 1938 wird sie amerikanische Staatsbürgerin und beendet ihren Roman Hotel Shanghai (1939), in dem sie das Erfolgskonzept ihres Hotelromans anhand von Emigrantenschicksalen wiederaufnimmt. Noch einmal bemüht sie es in Hotel Berlin ’43 (1944, dt. Hier stand ein Hotel bzw. Hotel Berlin), das im nationalsozialistischen Deutschland angesiedelt ist und in dem sie sich mit dem rassistischen Größenwahn ihrer ehemaligen Mitbürger auseinandersetzt. B.s Texte sind nun – nicht zuletzt auch dem Zeitgeist geschuldet – viel politischer als ihre früheren Romane. Erfolgreich bestückt sie auch den amerikanischen Zeitschriftenmarkt mit ihren Short Stories, in denen sie ihr Amerikabild einer kritischen Revision unterzieht und Bezüge zum aktuellen Weltgeschehen herstellt.

Zwischen 1945 und 1960 schreibt B. zwar noch sieben weitere Romane, darunter Erfolge wie The Weeping Wood (1943, dt. Kautschuk/Cahuchu. Strom der Tränen) sowie Theme for Ballet (1958, dt. Die goldenen Schuhe), doch sie hat mit zunehmendem Alter nicht nur mit Schreibschwierigkeiten, sondern auch ernsthaften gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die ihre Aktivität erheblich einschränken. Ihre Autobiographie Es war alles ganz anders (1962) muss postum erscheinen. Am 29.8.1960 stirbt B. in Hollywood an den Folgen ihrer Leukämieerkrankung.


Weitere Werke (Auswahl)

Makkaroni in der Dämmerung. Feuilletons. Hg. v. Veronika Hofeneder. Wien: Edition Atelier 2018; Pariser Platz 13. Eine Komödie aus dem Schönheitssalon und andere Texte über Kosmetik, Alter und Mode. Hg. v. Julia Bertschik. Berlin: AvivA 2006.

Quellen und Dokumente

Nachlass im Vicki-Baum-Archiv im Archiv der Akademie der Künste in Berlin

Bestand V.B. im Tagblattarchiv der Wienbibliothek

Diskretion. In: Die Muskete 5, 121, 23.1.1908, S. 134, Rafael Gutmann. In: Ost und West 11, 1911, 1, Sp. 37–50; 2, Sp. 131–144, Die Bank. In: Jugend 5, 1920, S. 114–116, Die Göttinger Händel-Festspiele. In: Vossische Zeitung 13.7.1922 (Abend-Ausgabe), Das Postamt und der Schmetterling. In: Arbeiter-Zeitung 18.3.1923, S. 8f., Der schöne Hut. Eine Frauenfrage. In: Uhu 3, 12, September 1927, S. 74–80, Rez. zu Wilhelm Speyer: Charlott etwas verrückt. In: Uhu 3, 12, September 1927, S. 112, Erfahrungen mit der Verjüngung. Ein Rundgang durch die Laboratorien einer neuen Wissenschaft. In: Uhu 4, 3, Dezember 1927, S. 32–41, Wie denken Sie über die Herrenmode? In: Uhu 5, 9, Juni 1929, S. 20–28, Protest gegen die Mode. In: Vossische Zeitung 15.9.1929, Beilage: Das Unterhaltungsblatt, Frau unter Frauen. [Vicki Baum in einem Artikel mit dem Politiker und Arzt Willy Hellpach „Wirtschaftsnot und Frauenqual. Frauen kämpfen um ihr Glück.“] In: Vossische Zeitung 5.4.1931, Vierte Beilage, Angst vor Kitsch. In: Uhu 7, 10, Juli 1931, S. 104, 106, Gut aussehen! In: Prager Tagblatt 9.8.1931, S. 2, Unglücklich in Hollywood! Das Leben der großen und kleinen Sterne. In: Uhu 8, 8, Mai 1932, S. 105–108.

Radio-Interview mit B. anlässlich ihres 70. Geburtstages, 4.3.1958 (Online verfügbar).

Literatur

Julia Bertschik: Porträtmodul zu V. B. (2016).

apropos Vicki Baum. Hg. v. Katharina von Ankum. Frankfurt/Main 1998; Susanne Blumesberger und Jana Mikota (Hgg.): Lifestyle – Mode – Unterhaltung oder doch etwas mehr? Die andere Seite der Schriftstellerin Vicki Baum (1888-1960). Wien 2013; Veronika Hofeneder: Vom Schreiben, Tanzen, Musizieren – Vicki Baums feuilletonistische Betrachtungen künstlerischer Ausdrucksformen. In: Hildegard Kernmayer und Simone Jung (Hgg.): Feuilleton. Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur. Bielefeld 2017, 217–236; Karin Kerb: Vicki Baum als Journalistin? Dipl. Wien 2007; Lynda J. King: Best-Sellers by Design. Vicki Baum and the House of Ullstein. Detroit 1988; Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Köln 2007; dies.: Strategien des Erfolges. Narratologische Analysen exemplarischer Romane Vicki Baums. Würzburg 2002; Madleen Podewski: Wie der Ullstein-Verlag ‚Werk‘ und ‚Autor‘ in Bewegung versetzt: Zu Vicki Baums „Menschen im Hotel“. In: David Oels und Ute Schneider (Hgg.): „Der ganze Verlag ist einfach eine Bonbonniere“. Ullstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Berlin u. a. 2015, 206–221; Rose Sillars: Vicki Baum’s Exile Novels. In: Charmian Brinson, und Andrea Hammel (Hgg.): Exile and Gender 1. Literature and the Press. Leiden und Boston 2016, 161–171; Lorena Silos Ribas: Selling the South Seas. Vicki Baum’s Liebe und Tod auf Bali. In: Bestseller – gestern und heute. Tübingen 2016, 172–183; Björn Sommersacher: Vicki Baum: Hotel Shanghai (1939). In: Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Hg. v. Bettina Bannasch und Gerhild Rochus. Berlin u. a. 2013, 226–233.

(VH)

geb. als Klara Amanda Anna Baur am 26.2.1895 in Weißenhorn (D) – gest. am 7.2.1984 in Bayern; Tänzerin, Tanzchoreographin

Die Tochter eines königl. Bayr. Notars u. seiner Frau interessierte sich schon als junges Mädchen für die Bühne u. nahm gegen den Willen ihrer Eltern in München zuerst Schauspielunterricht, dem 1913-15 eine Tanzausbildung bei Rudolf Bode folgte. Erste Auftritte nach dem Krieg stießen auf Resonanz, die Mitwirkung am Film Pán des ungar. Regisseurs Pál Fejös brachte ihr 1920 internat. Beachtung. Infolgedessen heiratete sie den ungar. Grafen I. Zichy, flüchtete aber schon nach wenigen Monaten aus dieser Ehe. In Wien trat B. erstmals am 6.10.1920 im Großen Konzerthaussaal gem. mit Cleo Darmora auf, musikal. Begleitet von Otto Schulhof. 1921 trat sie im Ensemble A. Eltzoff u.a. auch im Wiener Moulin Rouge auf, 1922 im Tanzvarietè-Programm des Lurion sowie in einem Tanzabend der Sezession, in der sie – so das NWJ am 26.11.1922 – hüllenlos durch eine „rhythmische Faszination“ begeistert: „Im Zuschauerraum saß Anita Berber und wunderte sich, daß jemand noch nackter tanzen könne als sie.“ In das Jahr 1922 datiert auch die Begegnung mit Hermann Broch, der ihr das Gedicht Die Tänzerin widmete u. nach einer kurzen Liaison weiterhin freundschaftlich verbunden blieb. Auch 1923 und 1924 trat B. mehrmals und vielbeachtet in Wien auf, so z.B. bei den Tanzfestspielen im Okt. 1923, gem. mit Sascha Leontjew (Moskau) und der Wiener Tänzerin Maria Ley, oder 1924 im Rahmen der Musikfestwochen, wo ihre Tanzdichtung Das Licht ruft die Uraufführung erlebte, „mimische Balladen“, wie B. Balázs hymnisch festhielt, vor der die Wiener Kritik verblasse. Auch an der von Karlheinz Martin verantworteten „sensationellen“ (so C. Zuckmayer) Inszenierung der Franziska von Wedekind ab 19.12. 1924, wirkte Bauroff mit und war mit der Tanzgruppe Getrude Bodenwieser maßgeblich am Erfolg dieses Stückes beteiligt. In einer Bespr. eines Tanzabends im Jänner 1925 in der NFP wurde ihr, die den Abend gem. mit Ellionor Tordis gestaltete, zugestanden, eine eigenständige Form entwickelt zu haben: den autonomen Ausdruckstanz. 1925 wurden in Berlin die von Fleischmann angefertigten Aktfotos, die eine ihrer Revuevorstellungen bewarben, beschlagnahmt, was zu heftigen Debatten führte.

1926 trat B. gem. mit den Tiller-Girls in der Revue Achtung Welle 505 im Wiener Apollotheater auf; Trude Fleischmanns Aktfoto erschien im Revue-Bericht der Zs. Die Bühne. Diese Auftritte zielten weniger auf Erotisierung des Tanzes, auf den Voyeurismus der Zuseher, als vielmehr auf eine eigenständige Weiterentwicklung der Bewegung des Ausdruckstanzes in der Linie von Émile J. Dalcroce u. Rudolf von Laban, aber auch Mary Wigman. Schon seit Anfang der 1920er Jahre diente sie daher nicht nur als Modell für photograph. Arbeiten sondern auch für zeitgenöss. Maler u. Zeichner wie z.B. Fred Dolbin oder Ottheinrich Strohmeyer-Platenius, die versuchten, die Dynamik ihrer Bewegung abzubilden, weshalb sie zu einer Ikone der Tanzphotographie avancierte. 1927 heiratete sie den jüd. Philosophiehistoriker

Paul Schrecker, den sie über Broch kennengelernt hatte. Im selben Jahr wirkte sie auch gem. mit anderen Tänzerinnen u. Tänzern am sog. Körperkulturfilm Wege zu Kraft und Schönheit mit, der vom österr. Regisseur Wilhelm Prager mit Zeitlupenaufnahmen in der Tanzschule Hellerau gedreht wurde. Im Sept. 1927 wirkte sie auch an dem von Fritz Grünbaum u. Armin Berg Revueprogramm Hallo, hier Grünbaum im neueröffneten Boulevardtheater mit einer, so die AZ, „erschütternden Tanzszene ‚Die Amazone‘“ mit. Seit 1928 trat sie in Österreich nicht mehr direkt auf; nur im Programm von Radio Wien war sie ab 1932 in der Rubrik Stunde der Frau einige Male vertreten sowie am 22.12.1934 mit dem von ihr bearb. Weihnachtsspiel Der Sterntaler an der Seite weiterer Weihnachtsspiele von Richard Billinger und Max Mell. 1933 trennte sie sich von P. Schrecker, der ins Exil nach Frankreich u. danach in die USA flüchtete. Sie verblieb in Deutschland u. arbeitete während der NS-Zeit als Tanzlehrerin u. zog sich schrittweise aus dem Licht der Öffentlichkeit zurück.


Werk

Wandlung aber ist das Leben. Gedichte (2011)

Quellen und Dokumente

Anzeige zum Auftritt mit dem Russischen Hofballett. In: Wiener Montags-Journal, 5.12.1921, S. 5, B. Balázs: Noch einmal Claire Bauroff. In: Der Tag, 11.11.1924, S.7; F. Cl.: Tanzabende. In: Neue Freie Presse (a), 3.1.1925, S. 5, Die konfiszierte Claire Bauroff. In: Die Bühne 2 (1925), H. 47, S. 6, Die Revue der Schönheit. In: Die Bühne 3 (1926), H. 73, S. 22f., Wege zu Kraft und Schönheit II. Der sensationelle Körperkulturfilm der Oesterreichischen Kulturfilm-A.-G. In: Das Kino-Journal, 25.6.1927, S. 9f.,

Literatur

R. G. Czacpla: ‘nach Maß gearbeitet’. Hermann Brochs Gedichte für die Tänzerin Claire Bauroff. Mit einer Edition des Briefwechsels Bauroff – Broch und von Auszügen aus der Korrespondenz Bauroff – Burgmüller. In: Jahrbuch zur Kultur und Literatur der Weimarer Republik 12 (2008), S. 69-113;  O. Bentz: Choreographie der Nacktheit. In: Wiener Zeitung, 26.10.2012; R.G. Czapla: Die ungleichen Geschwister. Der Unternehmer Friedrich Baur und die Tänzerin Claire Bauroff. München 2015.

(PHK)