1881 als Sohn des wohlhabenden jüdischen Textilindustriellen Philipp Bauer in Wien geboren, setzte er sich bereits während seiner Gymnasialzeit mit den Schriften von Karl Marx auseinander und trat 1900 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAPÖ) bei. Nach Absolvierung eines einjährigen Militärdienstes studierte Bauer ab 1903 an der Universität Wien Rechtswissenschaften, Nationalökonomie, Soziologie und Geschichte und promovierte im Jahr 1906 zum Dr. iur. Parallel dazu engagierte er sich in der Freien Vereinigung sozialistischer Studenten und wurde Mitglied des Sozialwissenschaftlichen Bildungsvereins, wo er Kontakt zu Karl Renner, Rudolf Hilferding u. a. führenden Sozialdemokraten knüpfte. Mit ihnen gemeinsam gründete Bauer den Verein Zukunft, eine Schule für Wiener Arbeiter.

Nachdem die SDAPÖ aus den Reichratswahlen des Jahres 1907 mit 87 Mandaten als zweitstärkste Fraktion hervorgegangen war, nominierte ihn Parteivorsitzender Victor Adler zum Leiter des sozialdemokr. Parlamentsklubs. Im selben Jahr übernahm Bauer die Redaktionsleitung der neuen Monatsschrift Der Kampf; ab 1912 war er zudem Redaktionsmitglied des zentralen Parteiorgans, der Arbeiter-Zeitung.

Im Ersten Weltkrieg bereits Ende November 1914 an der russischen Front gefangengenommen, kehrte Bauer im September 1918 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach Wien zurück. Die Zeit im sibirischen Lager hatte er zum Verfassen der philosophischen Schrift Das Weltbild des Kapitalismus genutzt, deren Veröffentlichung  1924 erfolgte. Im selben Jahr erschien auch sein aufsehenerregendes Werk Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, das ihn schlagartig einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte.

Als engster politischer Vertrauter Victor Adlers übernahm Bauer nach dessen überraschenden Tod im November 1918 die provisorische Leitung des Außenamtes sowie den stellvertretenden Parteivorsitz unter Karl Seitz. Er trat in der Folge aus politisch-strategischen wie ökonomischen Gründen für einen Zusammenschluss Österreichs mit der deutschen Republik ein. Nachdem die Siegermächte, allen voran Frankreich, diesem in allen politischen Lagern populären Ansinnen mit den Friedensverträgen von St. Germain und Versailles eine Absage erteilt hatten und die Vorlage der Vertragsbedingungen verzögerten (NFP, 26.7.1919), legte Bauer Ende Juli 1919 seine Tätigkeit im Außenamt nieder. Der Regierung gehörte er noch bis Oktober 1919 als Staatssekretär für Sozialisierung an, die von ihm angestrebte Verstaatlichung zentraler Wirtschaftssektoren scheiterte aber am Widerstand des bürgerlichen Lagers. Bauer konzentrierte sich nun auf seine Rolle als Abgeordneter zum Nationalrat, wo er zum Fraktionsführer der SDAPÖ und ihrem wichtigsten parlamentarischen Sprecher avancierte. Daneben galt er bald als der bedeutsamste sozialdemokratische Theoretiker, unterrichtete an der 1926 eingerichteten Arbeiterhochschule, publizierte zahllose Schriften und Zeitungsartikel und trat als vehementer Verfechter des von ihm mitbegründeten Austromarxismus auf. Als solcher trug er maßgeblich zur Ausarbeitung des 1926 verabschiedeten „Linzer Programms“ bei, das sich zur Demokratie bekannte, die Aufhebung der „Klassenherrschaft“ bzw. die Überwindung des Klassenkampfes anstrebte, jedoch mit der Erwähnung der „Diktatur des Proletariats“ ebenso zur Verschärfung der innenpolitischen Gegensätze in der Ersten Republik beitrug wie Bauers beharrliche Ablehnung, eine Koalition mit den Christlichsozialen einzugehen. Eine gemeinsame Regierungsarbeit, so Bauers Argumentation, würde den angestrebten Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung nur hinauszögern anstatt ihn zu beschleunigen, weshalb Bauer im Juni 1931 eine Mitwirkung an der Regierung trotz entspr. Angebots auf einer Vertrauensmännerkonferenz auch nicht empfahl. Nichtsdestotrotz wurde Bauer v.a. von der KPÖ seit 1929/30 wiederholt der Kollaboration beschuldigt und als Exponent eines ‚Sozialfaschismus‘, z.B. in der Roten Fahne, denunziert.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Repressalien gegen die sozialdemokratische Bewegung und der Ausschaltung des Parlaments durch das Dollfuß-Regime 1933 warfen ihm seine Kritiker zunehmend seine defensive Strategie vor – dennoch behielt Bauer diese auch im Vorfeld der Februarkämpfe von 1934 bei, indem er sich bis zuletzt gegen ein bewaffnetes Vorgehen gegen die provokativ auftretende Heimwehr aussprach. Nach der Niederschlagung der Schutzbundtruppen trat er zusammen mit Julius Deutsch die Flucht in die Tschechoslowakei an und baute in Reaktion auf das Verbot der Sozialdemokratie das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten (ALÖS) in Brünn auf. Von dort aus organisierte er zudem die Fortführung der Arbeiter-Zeitung sowie der Zeitschrift Der Kampf sowie deren illegale Verbreitung in Österreich. Er zog die Konsequenzen aus der Kritik an seiner bisherigen Politik und gab bekannt, der Partei zwar als Publizist und Berater weiterhin zur Verfügung zu stehen, aber keine Führungsposition mehr übernehmen zu wollen.

Bauer floh im März 1938 nach Brüssel, wo er gemeinsam mit den Revolutionären Sozialisten um Joseph Buttinger das ALÖS in die nunmehrige Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten (AVOES) überführte. Nur wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verstarb er in Paris an den Folgen eines Herzinfarkts und wurde zunächst am Friedhof “Père Lachaise” beigesetzt. 1950 wurde seine Urne nach Wien überführt und in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet.


Werke (Auswahl):

Die Sozialisierungsaktion im ersten Jahre der Republik, 1919; Der Weg zum Sozialismus, 1919; Bolschewismus oder Sozialdemokratie, 1920; Die österreichische Revolution, 1923; Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, 1924; Das Weltbild des Kapitalismus, 1924; Der Kampf um Wald und Weide, 1925; Sozialdemokratische Agrarpolitik, 1926; Sozialdemokratie, Religion und Kirche, 1927; Kapitalismus und Sozialismus nach dem Weltkrieg, 1931; Der Aufstand der österreichischen Arbeiter. Seine Ursachen und seine Wirkungen, 1934/1974; Zwischen zwei Weltkriegen? Die Krise der Weltwirtschaft, der Demokratie und des Sozialismus, 1936; Die illegale Partei, 1939; Die Wahrheit über den Februar 1934, 1945; Faschismus und Kapitalismus, 1967; Austromarxismus. Texte zu “Ideologie und Klassenkampf”, 1970.

Quellen und Dokumente

Der Parteitag des Parteiprogramms. In: Arbeiter-Zeitung, 4.11.1926, S. 1–2, Der Rhythmus der Arbeiterbewegung. In: Arbeiter-Zeitung, 1.1.1925, S. 2–3; Deutschland und die deutschösterreichische Republik. In: Arbeiter-Zeitung, 14.11.1918, S. 3; Rücktritt des Staatssekretärs Bauer. In: Arbeiter-Zeitung, 26.7.1919, S. 1; Otto Bauer. In: Arbeiterwille, 2.9.1925, S. 6; Die Rede Otto Bauers auf dem Parteitag. In: Arbeiter-Zeitung, 31.10.1927, S. 1–2; Nach dem Kampf! In: Arbeiter-Zeitung, 25.2.1934, S. 1–4; Der Aufstand als – Fehler. In: Der Kampf, Jg. 1, Heft 6, S. 197–203, Otto Bauer, der Advokat des Sozialfaschismus. In: Die Rote Fahne, 11.5.1930, Bauers Absage an einer Regierungsmitwirkung in: Arbeiter-Zeitung, 23.6.1931, Karl H. Sailer, Die österreichischen Parteien und der Anschluss. Eine Übersicht. In: Austrian Labor Information H.35/1945, London.

Wahlrede von Otto Bauer für die Nationalratswahl vom 9. Oktober 1930 [Mitschnitt]. Text des Linzer Programms [Online verfügbar]

Literatur

Detlev Albers (Hg.), Otto Bauer und der „dritte“ Weg. Die Wiederentdeckung des Austromarxismus durch Linkssozialisten und Eurokommunisten, Frankfurt/Main 1979; Ders., Horst Heimann, Richard Saage (Hg.), Otto Bauer – Theorie und Politik, Berlin 1985; Hermann Böhm, Die Gesellschaftstheorien von Karl Renner und Otto Bauer. In: Anton Pelinka (Hg.), Zwischen Austromarxismus und Katholizismus. Festschrift für Norbert Leser, Wien 1993, S. 3-14; Ders., Die Tragödie des Austromarxismus am Beispiel von Otto Bauer. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Sozialismus (Wiener Arbeiten zur Philosophie, Reihe C: Beiträge zur Sozialphilosophie, Bd. 1), Frankfurt/Main, Wien u.a. 2000; Carsten Esbach, Nation und Nationalität im Werk von Karl Renner und Otto Bauer. In: Endre Kiss u.a. (Hg.), Nation und Nationenbildung in Österreich-Ungarn, 1848–1938. Prinzipien und Methoden, Berlin, Münster, Wien u.a. 2006, S. 73-86; Erich Fröschl (Hg.), Otto Bauer (1881-1938). Theorie und Praxis. Beiträge zum wissenschaftlichen Symposion des Dr.-Karl-Renner-Instituts abgehalten vom 20. bis 22. Oktober 1981 in Wien, Wien 1985; Hanns Haas, Otto Bauer als Außenpolitiker. In: Erich Fröschl (Hg.), Otto Bauer (1881-1938). Theorie und Praxis. Beiträge zum wissenschaftlichen Symposion des Dr.-Karl-Renner-Instituts abgehalten vom 20. bis 22. Oktober 1981 in Wien, Wien 1985, S. 127-144; Ders., Otto Bauer und der Anschluss. In: Helmut Konrad (Hg.), Sozialdemokratie und Anschluss. Historische Wurzeln – Anschluß 1918 und 1938 – Nachwirkungen. Eine Tagung des Dr.-Karl-Renner-Instituts, Wien, 1. März 1978 (Schriftenreihe des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 9), Wien u.a. 1978, S. 36-44; Ernst Hanisch, Otto Bauer. Der große Illusionist (1881-1938), Wien, Köln, Weimar 2011; Helene Maiman, Politik im Wartesaal. Österreichische Exilpolitik in Großbritannien, 1938-1945, Wien 1975.

Eintrag zu Otto Bauer bei dasrotewien.at.

(MK)

eig. Hedwig Baum, geb. am 24.1.1888 in Wien – gest. am 29.8.1960 in Hollywood; Schriftstellerin

Ps.: Der alte Gärtner, Mix, Viki Prels, Viki Baum-Prels

Das Porträtmodul von Julia Bertschik finden Sie hier.

Auf Bestreben ihrer früh verstorbenen Mutter absolviert B. am Wiener Konservatorium ein Harfenstudium, in der Folge ist sie als Harfenistin im renommierten Wiener Concertverein engagiert und gibt Solokonzerte und Musikunterricht. Ihre ersten Publikationen erscheinen ab 1908 in den Wiener Magazinen Die Muskete und Erdgeist, hier veröffentlicht sie (z. T. auch unter Pseudonymen bzw. unter dem Namen ihres ersten Ehemanns, dem Journalisten und Schriftsteller Max Prels) zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten. Im September 1910 erhält sie für ihre Erzählung Alter Schloßpark bei einem Preisausschreiben der Münchner Satirezeitschrift Licht und Schatten den Preis für die „beste heitere Novelette“, als Jurymitgliedern firmieren u. a. Ludwig Thoma und Thomas Mann. Von 1912–1916 ist sie als Harfenistin am Hoftheater Darmstadt engagiert; gleichzeitig verfasst sie für zahlreiche deutsche und österreichische Zeitungen und Zeitschriften kleine Prosatexte. So erscheinen z. B. in der jüdischen Kulturzeitschrift Ost und West ihre Ghettogeschichten im Alten Haus und Rafael Gutmann, in der Münchner Zeitschrift Jugend ihre Novelle Die Bank und in der von Prels gegründeten Musikzeitschrift Ton und Wort Musikkritiken. 1914 kommt B.s erster Roman Frühe Schatten. Das Ende einer Kindheit im Berliner Verlag Erich Reiß heraus, zwei Jahre später heiratet sie den Dirigenten Richard Lert. B. gibt ihre musikalische Karriere auf und widmet sich in den folgenden Jahren vor allem der Betreuung ihrer beiden Söhne (Wolfgang *1917 und Peter *1921) sowie der Haushaltsführung, in den Kriegs- und Inflationsjahren keine leichte Aufgabe, zumal die Familie Lerts Engagements als Dirigent nach Kiel, Hannover und Mannheim folgt. Zu schreiben hört B. allerdings nicht auf: 1920 erscheint im Berliner Ullstein Verlagihr im Konversatoriumsmilieu angesiedelter Roman Der Eingang zur Bühne. Wegen des großen Erfolges schreibt B. auf Verlangen Ullsteins ein Jahr später den Künstlerroman Die Tänze der Ina Raffay; 1922 erscheint der Novellenband Die andern Tage, allerdings bei der Deutschen Verlagsanstalt, wie auch 1924 ihr Roman Ulle der Zwerg, der die Geschichte eines missgebildeten Jahrmarktclowns erzählt und den B. zeitlebens für ihr künstlerisch bestes Buch hielt. Der von B. in diesen Fällen vorgenommene Verlagswechsel erfolgte bewusst, damit wollte sie eine deutliche Trennung zwischen ihren kommerziellen und künstlerisch anspruchsvolleren Arbeiten etablieren.

Vicki Baum 1927

1925 gewinnt ihre Novelle Der Weg den Kurzgeschichtenwettbewerb der Kölnischen Zeitung. Ein Jahr später erhält ihr Ehemann ein Engagement an der Berliner Staatsoper und B. sieht die Chance gekommen, ihr schriftstellerisches Handwerk zu professionalisieren: Sie bewirbt sich bei Ullstein als Redakteurin und ist ab 1926 hauptverantwortlich für die Literaturbeilage Die Losen Blätter des mondänen Modemagazins Die Dame. Außerdem verfasst B. zahlreiche Kurzgeschichten und Artikel für weitere Ullstein-Medien, wie das kritisch-intellektuelle Zeitgeistmagazin Uhu, die Gartenzeitschrift Grüne Post sowie die auflagenstarke Berliner Illustrirte Zeitung. Hier erscheinen auch die Vorabdrucke ihrer Erfolgsromane stud. chem. Helene Willfüer (1928) und Menschen im Hotel. Ein Kolportageroman mit Hintergründen (1929), die werbewirksam von B.s Artikeln über Modetrends und Schönheitstipps sowie glamourösen Porträtaufnahmen der Starautorin illustriert werden. Neben diesen typischen Lifestyle-Themen, die auch ihre Romane aus dieser Zeit prägen, schreibt B. in ihren Feuilletons außerdem über ihre Reiseerfahrungen, pädagogische Fragen, aktuelle sozialpolitische Themen (wie z. B. die Gesetzeslage zum Schwangerschaftsabbruch), moderne Kunstformen sowie ihr poetologisches Selbstverständnis.

Inzwischen ist B. infolge des Erfolgs und Oscargewinns von Grand Hotel zur internationalen „Marke“ avanciert und fährt 1931 auf Einladung ihres amerikanischen Verlegers Nelson Doubleday in die USA. Von einer wahren Amerika-Begeisterung gepackt, verlängert sie ihren ursprünglich als Kurzaufenthalt geplanten Besuch auf ein halbes Jahr. 1932 emigriert sie mit ihrer Familie endgültig in die USA, die Gründe dafür sind freilich nicht nur karrieretechnischer und ökonomischer Natur, sondern auch politisch motiviert. B.s Familie ist jüdischer Abstammung und bereits 1933 werden ihre Bücher auf die „Schwarze Liste“ des NS-Regimes gesetzt. Ihre ersten in den USA verfassten Romane wie Das große Einmaleins (1935, NA Rendezvous in Paris), Die Karriere der Doris Hart (1936) und Liebe und Tod auf Bali (1937) erscheinen daher im Amsterdamer Exilverlag Querido.

Die erhoffte Karriere in Hollywood bleibt jedoch aus: B. ist zwar von 1932–1946 in verschiedenen Filmstudios beschäftigt, kann sich aber als selbstbewusste und an eigenständiges Arbeiten gewöhnte Schriftstellerin nicht mit der in der Filmbranche üblichen Praxis der Teamarbeit anfreunden. In ihren Romanen und Kurzgeschichten aus den frühen 1930er-Jahren, die wenig positiv verheißende Titel wie Unglücklich in Hollywood! oder Zwangsarbeit in Hollywood tragen, rechnet sie mit der „Traumfabrik“ ab und demontiert die dort geschaffenen Illusionen schonungslos.

Die Integration in Amerika hingegen fällt B. anders als vielen europäischen Emigranten leicht. Rasch erlernt sie die englische Sprache und verfasst ab den frühen 1940er-Jahren auch ihre Romane auf Englisch. 1938 wird sie amerikanische Staatsbürgerin und beendet ihren Roman Hotel Shanghai (1939), in dem sie das Erfolgskonzept ihres Hotelromans anhand von Emigrantenschicksalen wiederaufnimmt. Noch einmal bemüht sie es in Hotel Berlin ’43 (1944, dt. Hier stand ein Hotel bzw. Hotel Berlin), das im nationalsozialistischen Deutschland angesiedelt ist und in dem sie sich mit dem rassistischen Größenwahn ihrer ehemaligen Mitbürger auseinandersetzt. B.s Texte sind nun – nicht zuletzt auch dem Zeitgeist geschuldet – viel politischer als ihre früheren Romane. Erfolgreich bestückt sie auch den amerikanischen Zeitschriftenmarkt mit ihren Short Stories, in denen sie ihr Amerikabild einer kritischen Revision unterzieht und Bezüge zum aktuellen Weltgeschehen herstellt.

Zwischen 1945 und 1960 schreibt B. zwar noch sieben weitere Romane, darunter Erfolge wie The Weeping Wood (1943, dt. Kautschuk/Cahuchu. Strom der Tränen) sowie Theme for Ballet (1958, dt. Die goldenen Schuhe), doch sie hat mit zunehmendem Alter nicht nur mit Schreibschwierigkeiten, sondern auch ernsthaften gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die ihre Aktivität erheblich einschränken. Ihre Autobiographie Es war alles ganz anders (1962) muss postum erscheinen. Am 29.8.1960 stirbt B. in Hollywood an den Folgen ihrer Leukämieerkrankung.


Weitere Werke (Auswahl)

Makkaroni in der Dämmerung. Feuilletons. Hg. v. Veronika Hofeneder. Wien: Edition Atelier 2018; Pariser Platz 13. Eine Komödie aus dem Schönheitssalon und andere Texte über Kosmetik, Alter und Mode. Hg. v. Julia Bertschik. Berlin: AvivA 2006.

Quellen und Dokumente

Nachlass im Vicki-Baum-Archiv im Archiv der Akademie der Künste in Berlin

Bestand V.B. im Tagblattarchiv der Wienbibliothek

Diskretion. In: Die Muskete 5, 121, 23.1.1908, S. 134, Rafael Gutmann. In: Ost und West 11, 1911, 1, Sp. 37–50; 2, Sp. 131–144, Die Bank. In: Jugend 5, 1920, S. 114–116, Die Göttinger Händel-Festspiele. In: Vossische Zeitung 13.7.1922 (Abend-Ausgabe), Das Postamt und der Schmetterling. In: Arbeiter-Zeitung 18.3.1923, S. 8f., Der schöne Hut. Eine Frauenfrage. In: Uhu 3, 12, September 1927, S. 74–80, Rez. zu Wilhelm Speyer: Charlott etwas verrückt. In: Uhu 3, 12, September 1927, S. 112, Erfahrungen mit der Verjüngung. Ein Rundgang durch die Laboratorien einer neuen Wissenschaft. In: Uhu 4, 3, Dezember 1927, S. 32–41, Wie denken Sie über die Herrenmode? In: Uhu 5, 9, Juni 1929, S. 20–28, Protest gegen die Mode. In: Vossische Zeitung 15.9.1929, Beilage: Das Unterhaltungsblatt, Lipppenstift und Spitzenwäsche in Rußland. In: Prager Tagblatt, 24.1.1931, S.3; Frau unter Frauen. [Vicki Baum in einem Artikel mit dem Politiker und Arzt Willy Hellpach „Wirtschaftsnot und Frauenqual. Frauen kämpfen um ihr Glück.“] In: Vossische Zeitung 5.4.1931, Vierte Beilage, Angst vor Kitsch. In: Uhu 7, 10, Juli 1931, S. 104, 106, Gut aussehen! In: Prager Tagblatt 9.8.1931, S. 2, Unglücklich in Hollywood! Das Leben der großen und kleinen Sterne. In: Uhu 8, 8, Mai 1932, S. 105–108.

Radio-Interview mit B. anlässlich ihres 70. Geburtstages, 4.3.1958 (Online verfügbar).

Literatur

Julia Bertschik: Porträtmodul zu V. B. (2016).

apropos Vicki Baum. Hg. v. Katharina von Ankum. Frankfurt/Main 1998; Susanne Blumesberger und Jana Mikota (Hgg.): Lifestyle – Mode – Unterhaltung oder doch etwas mehr? Die andere Seite der Schriftstellerin Vicki Baum (1888-1960). Wien 2013; Veronika Hofeneder: Vom Schreiben, Tanzen, Musizieren – Vicki Baums feuilletonistische Betrachtungen künstlerischer Ausdrucksformen. In: Hildegard Kernmayer und Simone Jung (Hgg.): Feuilleton. Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur. Bielefeld 2017, 217–236; Karin Kerb: Vicki Baum als Journalistin? Dipl. Wien 2007; Lynda J. King: Best-Sellers by Design. Vicki Baum and the House of Ullstein. Detroit 1988; Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Köln 2007; dies.: Strategien des Erfolges. Narratologische Analysen exemplarischer Romane Vicki Baums. Würzburg 2002; Madleen Podewski: Wie der Ullstein-Verlag ‚Werk‘ und ‚Autor‘ in Bewegung versetzt: Zu Vicki Baums „Menschen im Hotel“. In: David Oels und Ute Schneider (Hgg.): „Der ganze Verlag ist einfach eine Bonbonniere“. Ullstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Berlin u. a. 2015, 206–221; Rose Sillars: Vicki Baum’s Exile Novels. In: Charmian Brinson, und Andrea Hammel (Hgg.): Exile and Gender 1. Literature and the Press. Leiden und Boston 2016, 161–171; Lorena Silos Ribas: Selling the South Seas. Vicki Baum’s Liebe und Tod auf Bali. In: Bestseller – gestern und heute. Tübingen 2016, 172–183; Björn Sommersacher: Vicki Baum: Hotel Shanghai (1939). In: Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Hg. v. Bettina Bannasch und Gerhild Rochus. Berlin u. a. 2013, 226–233.

(VH)

geb. als Klara Amanda Anna Baur am 26.2.1895 in Weißenhorn (D) – gest. am 7.2.1984 in Bayern; Tänzerin, Tanzchoreographin

Die Tochter eines königl. Bayr. Notars u. seiner Frau interessierte sich schon als junges Mädchen für die Bühne u. nahm gegen den Willen ihrer Eltern in München zuerst Schauspielunterricht, dem 1913-15 eine Tanzausbildung bei Rudolf Bode folgte. Erste Auftritte nach dem Krieg stießen auf Resonanz, die Mitwirkung am Film Pán des ungar. Regisseurs Pál Fejös brachte ihr 1920 internat. Beachtung. Infolgedessen heiratete sie den ungar. Grafen I. Zichy, flüchtete aber schon nach wenigen Monaten aus dieser Ehe. In Wien trat B. erstmals am 6.10.1920 im Großen Konzerthaussaal gem. mit Cleo Darmora auf, musikal. Begleitet von Otto Schulhof. 1921 trat sie im Ensemble A. Eltzoff u.a. auch im Wiener Moulin Rouge auf, 1922 im Tanzvarietè-Programm des Lurion sowie in einem Tanzabend der Sezession, in der sie – so das NWJ am 26.11.1922 – hüllenlos durch eine „rhythmische Faszination“ begeistert: „Im Zuschauerraum saß Anita Berber und wunderte sich, daß jemand noch nackter tanzen könne als sie.“ In das Jahr 1922 datiert auch die Begegnung mit Hermann Broch, der ihr das Gedicht Die Tänzerin widmete u. nach einer kurzen Liaison weiterhin freundschaftlich verbunden blieb. Auch 1923 und 1924 trat B. mehrmals und vielbeachtet in Wien auf, so z.B. bei den Tanzfestspielen im Okt. 1923, gem. mit Sascha Leontjew (Moskau) und der Wiener Tänzerin Maria Ley, oder 1924 im Rahmen der Musikfestwochen, wo ihre Tanzdichtung Das Licht ruft die Uraufführung erlebte, „mimische Balladen“, wie B. Balázs hymnisch festhielt, vor der die Wiener Kritik verblasse. Auch an der von Karlheinz Martin verantworteten „sensationellen“ (so C. Zuckmayer) Inszenierung der Franziska von Wedekind ab 19.12. 1924, wirkte Bauroff mit und war mit der Tanzgruppe Getrude Bodenwieser maßgeblich am Erfolg dieses Stückes beteiligt. In einer Bespr. eines Tanzabends im Jänner 1925 in der NFP wurde ihr, die den Abend gem. mit Ellionor Tordis gestaltete, zugestanden, eine eigenständige Form entwickelt zu haben: den autonomen Ausdruckstanz. 1925 wurden in Berlin die von Fleischmann angefertigten Aktfotos, die eine ihrer Revuevorstellungen bewarben, beschlagnahmt, was zu heftigen Debatten führte.

1926 trat B. gem. mit den Tiller-Girls in der Revue Achtung Welle 505 im Wiener Apollotheater auf; Trude Fleischmanns Aktfoto erschien im Revue-Bericht der Zs. Die Bühne. Diese Auftritte zielten weniger auf Erotisierung des Tanzes, auf den Voyeurismus der Zuseher, als vielmehr auf eine eigenständige Weiterentwicklung der Bewegung des Ausdruckstanzes in der Linie von Émile J. Dalcroce u. Rudolf von Laban, aber auch Mary Wigman. Schon seit Anfang der 1920er Jahre diente sie daher nicht nur als Modell für photograph. Arbeiten sondern auch für zeitgenöss. Maler u. Zeichner wie z.B. Fred Dolbin oder Ottheinrich Strohmeyer-Platenius, die versuchten, die Dynamik ihrer Bewegung abzubilden, weshalb sie zu einer Ikone der Tanzphotographie avancierte. 1927 heiratete sie den jüd. Philosophiehistoriker

Paul Schrecker, den sie über Broch kennengelernt hatte. Im selben Jahr wirkte sie auch gem. mit anderen Tänzerinnen u. Tänzern am sog. Körperkulturfilm Wege zu Kraft und Schönheit mit, der vom österr. Regisseur Wilhelm Prager mit Zeitlupenaufnahmen in der Tanzschule Hellerau gedreht wurde. Im Sept. 1927 wirkte sie auch an dem von Fritz Grünbaum u. Armin Berg Revueprogramm Hallo, hier Grünbaum im neueröffneten Boulevardtheater mit einer, so die AZ, „erschütternden Tanzszene ‚Die Amazone‘“ mit. Seit 1928 trat sie in Österreich nicht mehr direkt auf; nur im Programm von Radio Wien war sie ab 1932 in der Rubrik Stunde der Frau einige Male vertreten sowie am 22.12.1934 mit dem von ihr bearb. Weihnachtsspiel Der Sterntaler an der Seite weiterer Weihnachtsspiele von Richard Billinger und Max Mell. 1933 trennte sie sich von P. Schrecker, der ins Exil nach Frankreich u. danach in die USA flüchtete. Sie verblieb in Deutschland u. arbeitete während der NS-Zeit als Tanzlehrerin u. zog sich schrittweise aus dem Licht der Öffentlichkeit zurück.


Werk

Wandlung aber ist das Leben. Gedichte (2011)

Quellen und Dokumente

Anzeige zum Auftritt mit dem Russischen Hofballett. In: Wiener Montags-Journal, 5.12.1921, S. 5, B. Balázs: Noch einmal Claire Bauroff. In: Der Tag, 11.11.1924, S.7; F. Cl.: Tanzabende. In: Neue Freie Presse (a), 3.1.1925, S. 5, Die konfiszierte Claire Bauroff. In: Die Bühne 2 (1925), H. 47, S. 6, Die Revue der Schönheit. In: Die Bühne 3 (1926), H. 73, S. 22f., Wege zu Kraft und Schönheit II. Der sensationelle Körperkulturfilm der Oesterreichischen Kulturfilm-A.-G. In: Das Kino-Journal, 25.6.1927, S. 9f.,

Literatur

R. G. Czacpla: ‘nach Maß gearbeitet’. Hermann Brochs Gedichte für die Tänzerin Claire Bauroff. Mit einer Edition des Briefwechsels Bauroff – Broch und von Auszügen aus der Korrespondenz Bauroff – Burgmüller. In: Jahrbuch zur Kultur und Literatur der Weimarer Republik 12 (2008), S. 69-113;  O. Bentz: Choreographie der Nacktheit. In: Wiener Zeitung, 26.10.2012; R.G. Czapla: Die ungleichen Geschwister. Der Unternehmer Friedrich Baur und die Tänzerin Claire Bauroff. München 2015.

(PHK)

geb. am 11.7. 1866 in Wien – gest. am 26.9.1945 in New York; Schriftsteller, Dramatiker, Regisseur, Kritiker, Exilant

Beer-Hofmann wuchs in Brünn und Wien auf, wo er das Akademische Gymnasium besuchte. Nach Ablegung der Matura nahm er ein Jus-Studium auf, das er 1890 erfolgreich beendete. In dasselbe Jahr datiert die Begegnung mit H. Bahr, H. v. Hofmannsthal und A. Schnitzler, denen er freundschaftlich verbunden blieb und die den inneren Kreis der Gruppe ›Jung-Wien‹ bildete. In diesem Kreis legte er 1891/92 sein erstes Werk, das jedoch zu Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde, vor, die Pantomime Pierrot Hypnotiseur, die v.a. bei Hofmannsthal auf positive Resonanz traf (Werke, 1, 339). Materiell abgesichert, entschied er sich für eine freie Schriftstellerexistenz, die 1893 mit einem ersten Novellenband einsetzte, dem zahlreiche Gedichte folgten, darunter 1897 das Schlaflied für Mirjam, und 1900 mit der Erzählung Der Tod Georgs einen ersten Höhepunkt fand. 1904 stellte er das Trauerspiel Der Graf von Charolais fertig, das ihn als Bühnenautor bekannt machte und von M. Reinhardt zuerst in Berlin, sowie, im Zuge einer Gastinszenierung, im Mai 1905 in Wien (ur)aufgeführt wurde. Ihm folgte ab 1906 die Arbeit am unvollendet gebliebenen Dramenzyklus Die Historie von König David. In diesen Jahren fing Beer-Hofmann auch an, öffentlich für Anliegen der jüdischen Bevölkerung einzutreten und näherte sich dem Zionismus an. So trat er z.B. am 10.2.1907 gemeinsam mit Felix Salten, Arthur Schnitzler und Jakob Wassermann in einer Benefizlesung im renommierten Bösendorfer-Saal auf, deren Erlös für den Bau eines Waisenheimes für Kinder ermordeter russisch-jüdischer Familien in Palästina zu Gute kam (NWJ, 6.2.1907, 10). In den darauffolgenden Jahren zog er sich aus dem öffentlichen Leben deutlich zurück, nahm auch an keiner der vielen Weltkriegsveranstaltungen teil, sondern arbeitete seit 1906 (N. O. Eke, Werke 5, 537) an seinem König David-Projekt/Zyklus. Aber erst im Okt. 1917 vermeldete das NWJ den Abschluss des ersten Dramas: Jaákobs Traum, das Ende 1918 erschien und 1919 durch M. Reinhardt uraufgeführt wurde. Trotz seiner komplexen und zionistischen Ausrichtung stieß es auf interessierte Aufnahme in Wien, aber noch stärker in Prag und Berlin, wie P. Goldmann in einem NFP-Feuilleton (6.2.1920,1-3) berichtete. In der Zs. Der Jude besprach Hugo Bergmann das Drama unter einer doppelten, zwiespältigen Perspektive: einerseits als Zeugnis des „guten jüdischen Gottes“, andererseits aber auch als in „christelnder Auffassung befangen“, welche die „Mission des auserwählten Volkes nur negativ“ sehe . 1921 erhielt Beer-Hofmann für dieses Drama den Raimund-Preis, und es wurde im Mai desselben Jahres wieder ins Programm des Burgtheaters aufgenommen, wo es sich bis Ende Oktober hielt. Beide Stücke fanden sich auch 1923, 1924 und 1925, der Charolais u.a. mit A. Moissi in der Hauptrolle auch 1927, wieder auf dem Spielplan.

Für das Theater in der Josefstadt übersetzte Beer-Hofmann 1924 das Schauspiel Überfahrt von Sutton Vane und führte auch, durch die Inflation zu einem Einkommen gezwungen, bis Anfang der 1930er Jahre dort regelmäßig Regie. Im Zuge der Übernahme dieses Theaters durch M. Reinhardt wurde Beer-Hofmann künstlerischer Beirat desselben. 1925 trat er aber auch in der VHS Ottakring durch eine Lesung aus dem Charolais in Erscheinung (AZ, 16.4.1925,11). 1926 wurde Jaákobs Traum durch die Habima in Moskau aufgeführt, worüber A. Moissi im Tag berichtet sowie ab 1.6. 1926 als deren Gastspiel auch im Wiener Carl-Theater. Im selben Jahr wurde Beer-Hofmann auch zum Jurymitglied für den ›Kunstpreis der Stadt Wien‹ durch Bürgermeister Seitz ernannt (die Preise für Literatur gingen an F. Brügel, R. Michel und E. Scheibelreiter). 1927 wurde er erstmals in der Sendeleiste ›Dichterstunde‹ von Radio Wien vorgestellt und zwar durch Paul Wertheimer; zugleich wurde sein Schlaflied für Mirjam im S. Fischer Verlag neu aufgelegt. Zuvor schon kam es im Zuge der von ihm verantworteten Inszenierung des Fiesko von F. Schiller zu einer Diskussion mit Dir. Beer vom Dt. Volkstheater, die Beer-Hofmann zu einem offenen Brief motivierte, veröffentlicht im NWJ, in dem er die Frage der Lebendigkeit eines Klassikers und jene von (nötigen) Kürzungen thematisierte. Im Nov. 1927 beteiligte sich Beer-Hofmann an der Protestresolution gegen die Ravag und deren Umgang mit dem geistigen Eigentum von Schriftstellern, gegen die A. Schnitzler bei Gericht Klage eingebracht hatte. Eine „glanzvolle Vorstellung“, so F. Porges in seiner Filmzeitung (H. 124/1928) gelang Beer-Hofmann 1928 mit seiner Iphigenie-Aufführung in der Josefstadt, in der Helene Thimig die Hauptrolle spielte, eine Auff., die bei den Salzburger Festspielen erfolgreich wiederholt wurde. Im selben Jahr betätigte er sich auch an der Debatte über den Gesetzentwurf über ›Schmutz- und Schund‹ und nahm an der Aussprache der Schriftstellerverbände mit Bundeskanzler Seipel, der mit Schnitzler in eine heftige Diskussion geriet, und Unterrichtsminister Schmitz teil. Im Oktober 1928 las er in Berlin erstmals aus seinem Drama Der junge David vor; als Buchausgabe erschien es zu Jahresende 1933. Im Jänner 1929 wurde sein Schlaflied für Mirjam im Zuge einer Gedenkveranstaltung der Arbeitersymphonie-Konzerte für den verstorbenen Komponisten Karl Prohaska vertont und gespielt.

1931 übernahm Beer-Hofmann die Bühnenbearbeitung und Regie von Goethes Faust für das Burgtheater, die als vielbeachtete Goethe-Gedächtnisaufführung firmierte und das Goethejahr an der Burg im Februar 1932 einleitete, bis Ende Oktober im Repertoire blieb und in der Spielsaison 1933 ab September wieder in das Programm aufgenommen und ab Mai 1934 nochmals gespielt wurde. Im August 1936 wurde diese Inszenierung auch auf dem Prager Neuen Deutschen Theater gegeben. 1934 beteiligte sich Beer-Hofmann an der Anthologie Österreichische Lyrik der Gegenwart des (Wiener) Saturn-Verlags. Die Aufführung des Dramas Der junge David war für 1934-35 am Dt. Volkstheater geplant, kam aber nicht zustande. Am 15.1.1938 fand am Burgtheater nochmals die Faust-Festaufführung statt; nach dem Anschluss vom März 1938 musste Beer-Hofmann, seit Mai 1933 auf der Liste des unerwünschten Schrifttums, sich um seine Ausreise bzw. Flucht aus Österreich kümmern, die 1939 über die Schweiz, wo er seine Frau Paula verlor, gelang. Danach kam er über Genua am 23.11.1939 in die USA , wo er sich in New York niederließ und auf Unterstützung durch Freunde wie Otto Kallir, Ernst Lothar, Max Reinhardt, Herbert Steiner und den US-Anwalt Samuel Wachtell rechnen konnte. Er knüpfte auch Kontakte zu Hermann Broch und Thornton Wilder, war im Umkreis der ›Austrian American League‹ tätig, wurde 1941 in das Advisory Committee der Zeitschrift Aufbau aufgenommen und arbeitete an weiteren (Exil)Zeitschriften wie Austro-American Tribune, Menorah, The German Quarterly mit. 1944 hielt er noch Vorträge an renommierten US-Universitäten wie Columbia, Harvard und Yale, widmete sich seinem Erinnerungswerk und der Ordnung desselben.


Weitere Werke

Gedenkrede auf Wolfgang Amadeus Mozart. Berlin 1906; Große Richard Beer-Hofmann-Ausgabe in sechs Bänden. Hg. von M.M. Schardt u.a. Oldenbourg 1998-2002. K. Fliedl (Hg.): arthur schnitzler – richard beer-hofmann, briefwechsel 1891 – 1931. Wien u.a. 1992.

Quellen und Dokumente

Franz Servaes: Drei Romane In: Neue Freie Presse, 26.8.1900, S. 17-19, Ankündigung zu Jaakobs Traum. In: Österreichische Buchhändler-Correspondenz, 11.12.1918, S. 504, David Josef Bach: Das Drama des Juden. („Jaakobs Traum“ von Richard Beer-Hofmann). In: Arbeiter-Zeitung, 10.4.1919, S. 2, Richard A. Bermann: Jaakobs Traum. Richard Beer-Hofmanns Drama im Burgtheater. In: Der neue Tag, 6.4.1919, S. 9f., Ankündigung zu Der Graf von Charolais. In: Der Filmbote: 11.11.1922, S. 13, Tulo Rosenblatt: Alexander Moissi über die Habima. In: Wiener Morgenblatt, 27.5.1926, S. 3, Paul Stefan: Beer-Hofmann, der Sechziger. In: Die Bühne (1926), H. 89, S. 5, Die Striche im „Fiesko“. Ein Brief des Dichters Richard Beer-Hofmann. In: Neues Wiener Journal, 28.4.1927, S. 10, Paul Wertheimer: Richard Beer-Hofmann. In: Radio Wien, 4.7.1927, S. 1906, Der Schriftstellerprotest gegen die RAVAG. In: Die Stunde, 19.11.1927, S. 6, Seipels Kampf gegen Schmutz und Schund. Eine Aussprache mit den Vertretern der Schriftstellervereine. In: Arbeiter-Zeitung, 9.6.1928, S. 3, Der Kampf gegen Schmutz und Schund. Eine interessante Enquete im Bundeskanzleramt. In: Neues Wiener Journal, 9.6.1928, S. 2, Der erste Akt von Richard Beer-Hofmanns „Jungem David“. In: Neue Freie Presse, 27.10.1928, S. 11, Otto Stoessl: Festaufführung des „Faust“ am Burgtheater. In: Wiener Zeitung, 1.3.1932, S. 1f., Subskriptionseinladung zu Verse. In: Austria (1941), H. 6, S. 6.

Nachlass: Leo Baeck Institut, New York.

Literatur (Auswahl)

Th. Reik: Richard Beer-Hofmann. Leipzig 1912; N.O. Eke, G. Helmes (Hgg.): R. Beer-Hofmann. Studien zu seinem Werk. Würzburg 1993; St. Scherer: Richard Beer-Hofmann und die Wiener Moderne. Tübingen 1993, 22011; S. Eberhardt/Ch. Goer (Hgg.): Über Richard Beer-Hofmann. Rezeptionsdokumente aus 100 Jahren. Paderborn 1996; D. Borchmeyer (Hg.): Richard Beer-Hofmann: „Zwischen Ästhetizismus und Judentum“. Symposion Heidelberg 1995: Vorträge. Paderborn 1996, 22011; A. Gillman: Viennese Jewish Modernism: Freud, Hofmannsthal, Beer-Hofmann, and Schnitzler. Pennsylvania Univ. Press 2009; D. Niefanger: „Jisro-El“. Politische Kulturkritik in Richard Beer-Hofmanns Die Historie von König David. In: B. Beßlich, C. Fossaluzza (hg.): Kulturkritik der Wiener Moderne (1890-1938). = Beihefte zum Euphorion, H. 110. Heidelberg 2019, 281-296.

(PHK)

geb. am 13.7.1885 in Magdeburg – gest. am 22.8.1948 in Berlin; Architekt, Architekturtheoretiker, Publizist

Nach dem Architekturstudium u. der Promotion bei Adolph Goldschmidt stieß B. früh zum Deutschen Werkbund (gegr. 1907 in München, dem auch Adolf Loos angehörte) u. entwickelte Interessen für neue Formen des Bauens, einschließl. avantgardistischer Konzepte, die er im Umfeld des Blauen Reiters (W. Kandinsky, F. Marc, A. Macke) um 1912-13 kennenlernte. 1918 wurde er Mitbegr. des Arbeitsrates für Kunst in Berlin, dem auch Walter Gropius und Bruno Taut angehörten und der somit zu einem Impulsgeber für die Bauhaus-Bewegung wurde. In Österreich wurde zuerst die MA-Redaktion auf ihn aufmerksam, die bereits 1918 seinen Essay Zur neuen Kunst (ED in der Reihe Sturm-Bücher, Bd. VIII, 1917) auf ungar. ankündigte. Schon 1919 veröff. er bei K. Wolff den Bd. Die Wiederkehr der Kunst. 1922 wiesen sowohl der Grazer Arbeiterwille als auch das NWJ auf einen Beitrag Behnes in den Sozialistischen Monatsheften hin, in dem er sich mit revolut. typographischen Veränderungen  des italien. Futurismus, insbes. einschläg. Projekten von F. T. Marinetti befasste. 1923 erschien in H. 5 der avantgard. Zs. MA sein programm. Beitrag Architektur. 1925 besprach L. Lania sein Heinrich Zille-Buch in der AZ, 1926 schien B. als Unterzeichner mehrerer Petitionen, die in der Wiener Roten Fahne publik gemacht wurden, auf, u.a. gegen Inhaftierungen von Intellektuellen und Künstler aus dem Umfeld der verbotenen ungar. Sozialistischen Arbeiterpartei, oder, gem. mit A. Holitscher, A. Kerr, B. Kellermann, E. Piscator u.a., gegen den weißen Terror in Bulgarien (RF,16.10. 1926). Im selben Jahr wurde sein Konzept vom ‚Modernen Zweckbau‘ in der Wiener Zs. Bau- und Werkkunst lobend vorgestellt.

Seit 1928 war Behne auch in deutschen Radiosendern (Frankfurt, Königsberg u.a.) oft durch Vorträge vertreten. Seine Schrift Eine Stunde Architektur führte zu kontroversen Reaktionen in Österreich, wo die Reichspost seine „reine Sachlichkeit“ verwarf, die Bildungsarbeit diese hingegen als richtungsweisend hervorhob. Durchwegs freundlich wurde dagegen seine Schrift über die Wochenendgestaltung 1931-32 aufgenommen. Der exponiert linksliberale Architekturkritiker verlor zwar 1933 seine Anstellung an der Berliner Universität, auch sein Buch Der Sieg der Farben (1934) wurde verboten. Doch aufgr. von Konzessionen, z.B. im Umfeld der Olymp. Spiele in Berlin 1936, konnte er recht unbehelligt die NS-Zeit überstehen u. unverfängliche Kunst-Stilbücher verfassen, um 1945 wieder prononciert gegen den NS Stellung zu beziehen, v.a. in seiner letzten Schrift Entartete Kunst – eine Hitlerlüge (1947).


Weitere Werke

Die Überfahrt am Schreckenstein (1924); Wochenende und was man dazu braucht (1931), Adolf Behne. Essays zu seiner Kunst- und Architekturkritik, Hg. Magdalena Bushart (2000).

Quellen und Dokumente

Architektur. In: MA 8 (1923), H. 5, S. 8, Leo Lania: Dichter für das revolutionäre Proletariat. In: Arbeiter-Zeitung, 20.4.1925, S. 5, Hartwig Fischel: Neue Kunst- und Fachliteratur. In: Bau- und Werkkunst (1926), S. 70f., A. M.: A. B. Von Kunst und Gestaltung. In: Bildungsarbeit XIII (1926), Nr. 3, S. 58,

Literatur

Frederic J. Schwartz: Form Follows Fetish: Adolf Behne and the Problem of Sachlichkeit. In: Oxford Art Journal 21(2) 1998: 45-77; Kai Konstanty Gutschow: The culture of criticism: Adolf Behne and the development of modern architecture in Germany, 1910-1914. Ph.D., Columbia University 2005 [online verfügbar].

(PHK)

(eigentl. Rudolph, Josef, František B., geb. am 5.6.1884 in Mährisch Budwitz (Moravské Budejovice) – gest. 16. 10. 1957 in Zürich; Librettist, Komponist (Chansons, Operetten, Revue- und Filmmusik), Kabarettist, Regisseur, Exilant

Benatzy besuchte 1899-1904 zunächst die k.u.k. Kadettenanstalt in Wien und schlug als Ltn. d. Infanterie eine militär. Laufbahn ein. Aufgr. einer Erkrankung u. Beurlaubung fand diese nach Stationen in Prag und im galizischen Kolomea bereits 1907 ihr Ende. Danach studierte er an der Univ. Wien Germanistik u. Philosophie und promovierte 1910 zum Dr. phil. Seit 1908 komponierte er Chansons u. Wiener Lieder und wandte sich bald dem Kabarett zu. 1914 übernahm er z.B. die Co-Leitung der ›Bunten Bühne ›Rideamus‹ nach vorangegangener ähnl. Erfahrung in München. Nach erfolgter Trennung von seiner ersten Frau heiratet er noch im selben Jahr die erfolgreiche Chansonnière Josma Selim (eigentl. Hedwig Josma Fischer, 1884-1929), für die er sehr viele Chansons u.a. Lieder komponiert und mit der er auch an versch. europ. Bühnen gastiert. Benatzkys Chansons stellen eine spezif. Mischung aus Wienerlied und klass. französ. Chansons dar. 1916 feiert er mit seiner dritten (gem. mit Willy Prager verf.) Operette Liebe im Schnee nach Cherchez la femme (1911) seinen ersten großen Erfolg im Ronacher (100. Auff. im Febr. 1917), dem er länger verbunden bleiben wird. Im Dez. 1918 erlebte im Apollotheater die nächste von ihm komponierte Operette, d.h. Die tanzende Maske (Buch gem. mit A. Engel) ihre Aufführung.

1919-20 trat Benatzky vor allem in gemeinsamen Chanson-Abenden mit seiner Frau Josma Selim (auch als „lustige Abende“ bezeichnet) auf u. komponierte die Musik zur Operette Yushi tanzt (Libretto von L. Jacobson u. R. Bodanzky), die, obwohl ein „Puccini-Japan aus zweiter Hand“, beim Publikum gut ankam (nicht zuletzt aufgr. der schauspieler. Leistung von Mizzi Günther u. der Tanzeinlagen von Robert Näst[e]lberger). Auf der Rolandbühne wurde 1920 auch seine einaktige Operette Graf Cheveau (unter Mitwirkung von G. Werbezirk) aufgeführt. 1921 war das Ehepaar Benatzky-Selim vorwiegend im Ausland mit Chanson- und Wienerlied-Programmen engagiert u. nur punktuell wieder in Wien zu Gastauftritten mit ihren bewährten Liedabenden, die auch 1922 (bis 1928) Fortsetzung fanden. 1923 verfasste er für die mit Sondergenehmigung freigegebene Bühnenfassung des in Österreich verbotenen Romans Der Garten der Qualen von Octave Mirabeau, das in drei Spätabendvorstellungen in den Kammerspielen lief, die Begleitmusik; diese fiel, so das NWJ (13.1.1923,9) pariserischer aus als die in Paris verwendete. Im selben Jahr erlebte auch die bereits 1922 gemeins. mit O. Friedmann u. T. Schwanau fertiggestellte Operette Ein Märchen aus Florenz im Joh. Straußtheater ihre Aufführung, und im Dezember begleitete er J. Selim im Programm des Kabaretts ›Die Hölle‹, an dem auch Farkas mitwirkte.

Aus: Die Stunde, 30.9.1924, S. 2

Im Dez. 1924 trat das Paar mit selbstkomponierten englischsprach. Chansons in London auf; zuvor komponierte er die Musik zur (ersten) Revue An Alle für das Berliner Schauspielhaus, die in der Folge zu einer intensiven Zusammenarbeit mit dem Regisseur Erik Charell führte und ab März 1925 auch im Ronacher zur Aufführung kam. 1925 tragen Benatzky-Selim in bewährter Manier zum Varietè-Kleinkunstprogramm des ›Pavillon‹ bei, das der Kritiker im Tag als Beispiel „ganz auserlesener Kleinkunst“ definierte, sowie zu den üblichen Vortragsabenden im Konzerthaus. Diese geradezu legendären u. ausverkauften Abende beflügelten selbst F. Dörmann zum Verfassen einer Feuilletonskizze. Ab 1926 intensivierte sich die Zusammenarbeit mit K. Farkas und F. Grünbaum im Revuebereich, z.B. 1927 für die Farkas-Revue Alles aus Liebe, und mit der Operette Adieu Mimi (Libretto A. Engel, J. Horst) gelingt ihm ein weiterer Erfolg, wobei auch die Elastizität des Genres ausgereizt wird. Für die Schubert-Zentenarfeiern 1928 legt er rechtzeitig das von ihm komponiertes Lied Schubert Franzl vor; zugleich werden die Lieder aus der Alles aus Liebe-Revue auch durch Jazzbands gespielt und in Radio Wien übertragen, z.B. der Blues Was sagt mein Mädel dazu (Text von K. Farkas, Der Tag, 30.1.1928, 4), und die Historien-Revue Casanova fertig komponiert. 1929 folgte mit Die Drei Musketiere eine weitere Revue als Auftragsarbeit für das Große Schauspielhaus in Berlin; Ende August verstarb überraschenderweise seine Frau und Partnerin in vielen gemeinsamen Auftritten.

Trotz dieser lebensgeschichtl. Zäsur wurde das Jahr 1930 zu einem der produktivsten u. erfolgreichsten in der Karriere Benatzkys: er verf. die Musik zum (quasi österr.) Ufa-Film Der unsterbliche Lump (Buch: F. Dörmann, Regie G. Ucicky) sowie zum pazifist. gefärbten Die letzte Kompagnie, die F. Porges für ihre packende „Düsterheit“ und „strenge künstlerische Form“ lobte (Der Tag, 10.4.1930, 7), vollendete die Revueoperette Der Wiener Kongreß, brachte gemeins. mit F. Grünbaum u. W. Stärk das Zirkusstück Intermezzo im Zirkus in Berlin u. in Wien zur Aufführung; v.a. aber komponierte er die Musik zur Revueoperette Im weißen Rößl (UA Berlin, 8.11.1930), einer von E. Charell, für R. Lothar ein „genialer Farbenmischer“, inszenierten Adaption des Salzkammergutschwankes von O. Blumenthal, zu der H. Müller den Text bearbeitete u. R. Stolz u. R. Gilbert Lieder verfassten. Das Besondere an dieser Revueoperette, insbes. in der Berliner Inszenierung (aber auch in der hocherfolgreichen Londoner mit rund 650 Aufff. en suite 1931) war das Nebeneinander von Volksmusik-, Wiener Schlager und Jazz-Elementen, während in Wien der Akzent stärker auf „Almgirls“ (Die Stunde) und Farkas-Couplet gelegt wurde; sie war dort ab 25.9. 1931 im Stadttheater in der Inszen. von H. Marischka zu sehen (erreichte bis Okt. 1932 500 Auff.). 1932 folgen weitere musikal. Lustspiele wie Flirt in Nizza, die Operette Zirkus Aimé (Buch K. Götz, UA 1933, Graz) und für die Rotter-Bühnen in Berlin die Vertonung von Das kleine Café (NWJ,23.8.1932; Buch H. Müller/T. Bernard, UA April 1934, Dt. Volkstheater). Im Mai 1933 gelangte am Dt. Volkstheater eine weitere Benatzky-Bearb. (Das kleine Schokoladenmädchen/La Petite chocolatière (1909) von P. Gavault) unter dem Titel Bezauberndes Fräulein in der Inszen. von Heinrich Schnitzler zur Auff., die zwei Monate lang von der Sozialdemokratischen Kunststelle in ihrem Programm geführt und Ende Sept. neuerlich ins Programm aufgenommen wurde. Im Dez. lief schließl. die zur Tonfilmrevue umgearb. Komödie Meine Schwester und Ich unter dem Titel Ihre Durchlaucht, die Verkäuferin in den Kinos an, eine Bearb. welche das NWJ akklamierte, der F. Rosenfeld hingegen wenig abgewinnen konnte; auch zur Verfilmung der P. Abraham-Operette Die Blume von Hawaii (1933) komponierte er die Musik. Seit 1932 lebte Benatzky, der ab 1930 in dritter Ehe mit der Tänzerin Mela(nie) Hoffmann verbunden war, vorwiegend in Thun am gleichnamigen See, wo er sich v.a. aufgr. des finanz. Erfolgs seiner Werke seit dem Weißen Rössl eine Villa kaufen konnte. Das Echo auf die UA von Das kleine Café war hymnisch, insbesondere der sog. Mehlspeisfoxtrott wurde als gelungene Melange aus Wiener Lebenshaltung und Jazzrhythmus herausgehoben. Ende August 1935 folgte die Filmfassung von Bezauberndes Fräulein mit der Wienerin Lizzi Holzschuh und Heinz Rühmann in den Hauptrollen, kurz darauf jene vom Weißen Rössl. Auch für den Spielfilm Wer wagt – gewinnt von Willy Wolff schrieb Benatzky die Musik, zum letzten Mal in NS-Deutschland, zu dem er seit Anfang an in offener Distanz stand. In der Scala lief gleichzeitig mit großem Erfolg (150 Auff. bis Sept.) seine Lustspieloperette Der König mit dem Regenschirm, die jedoch auch einen Plagiatsstreit mit B. Granichstädten nach sich zog. 1936 kam die Operette Axel an der Himmelstür in Wien zur Auff., mit der Zara Leander ihren internat. Durchbruch feierte. Darüber hinaus war Benatzky 1936-37 bei Filmproduktionen wie Die Puppenfee (u.a. mit Adele Sandrock, Paul Hörbiger u. Magda Schneider) Zu neuen Ufern (mit Z. Leander) sowie Das Mädchenpensionat (auch Drehbuch) beteiligt bzw. erfolgreich. Im August 1937 kam in der Josefstadt sein Lustspiel Pariserinnen; im Sept. die sog. Wintersportoperette Herzen im Schnee in der Volksoper zur Aufführung; 1938 war Benatzky, der nach dem Anschluss Österreichs aus der Schweiz in die USA emigrierte, nur noch mit Liedern im Radio zu hören.


Weitere (Operetten)Werke, Kompositionen (Vertonungen) und Revuen (Auswahl)

Der lachende Dreibund (1913), Pipsi (Schwank, 1922), Turandrotterl oder die Macht des Schickse (1926, mit Farkas u. Grünbaum); Meine Schwester und Ich (Musikal. Lustspiel, 1930); Morgen geht’s uns gut (Posse mit Gesang, mit H. Müller 1932); Die Prinzessin auf der Leiter (Operette, 1934, Neubearb. von Meine Schwester und Ich)

Literatur

H-D. Roser: R. Benatzky. In: OBL (2003, aktualis. 2011; online verfügbar: http://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_B/Benatzky_Ralph_1884_1957.xml?frames=yes

Ulrich Tadday (Hg.): Im weißen Rössl. Zwischen Kunst und Kommerz (= Musik-Konzepte; 133/134), München 2006, F. Hennenberg: Ralph Benatzky. Operette auf dem Weg zum Musical. Lebensbericht und Werkverzeichnis. Wien 2009.

Quellen und Dokumente

p.f.: Yushi tanzt. In: Der neue Tag, 4.4.1920, S. 17; F.H[eller]: Ein Märchen aus Florenz. In: Der Tag, 16.9.1923, S. 7; Plakat zum Abschiedsprogramm J. Selim -R. Benatzky, Cabaret Die Hölle; in: Die Stunde, 30.9.1924, S. 2; Varietè und Brettl. Selim-Benatzky-Programm im Pavillon. In: Der Tag, 8. 5.1925, S. 8; F. Dörmann: Soiree bei Kalmar. In: NWJ, 12.11.1925, S. 3; F.H.: Adieu Mimi! In: Der Tag, 10.6.1926, S. 8; Anzeige von Schubert Franzl. In: Österreichische Buchhändler-Correspondenz, 17.2.1928, S. 3; Dörmann/Benatzky: Der unsterbliche Lump (Tonfilm). In: Der Tag, 7.3.1930, S. 8;R. Lothar: Berliner Theater (UA Im weißen Rössl). In: NWJ, 12.11.1930, S. 25; [Bi]ron: Im weißen Rössl (Wiener Premiere). In: NWJ, 26.9.1931, S. 7; N.N. Der große Erfolg: Im weißen Rössl (Wiener Premiere). In: Die Stunde, 27.9.1931, S. 7; D.B[ach]: Musikalischer Rummel im Deutschen Volkstheater (zur UA von Bezauberndes Mädchen). In: AZ, 27.3.1933, S. 6; F. R[osenfeld]: Allerdurchlauchtigste Filmmarionetten (Zur Verfilmung von Meine Schwester und Ich); in: AZ, 8.12.1933, S. 8; N.N.: Mehlspeisfoxtrott. In: Die Bühne H. 375 (Mai) 1934, S. 24; N.N.: „Kleines Café“ im Deutschen Volkstheater. In: Die Stunde, 11.4.1934, S. 6; F. Fischer: Benatzky-Operette mit Max Hansen (Zu: Kleines Café). In: NWJ, 22.4.1934, S. 24-25;N.N.: Das „bezaubernde Fräulein“ filmt in Wien (Gespr. mit L. Holzschuh). In: Die Bühne, H. 505 (1935), S. 5; N.N.; Er griff an die Mütze. (Zum Plagiatsstreit mit Granichstaedten) In: NWJ, 16.7.1935, S. 11.

(PHK)

Geb. 12.12. 1878 in Wien, gest. 26.1.1961 in Wien. Journalistin, Schriftstellerin.

in Vorbereitung

geb. am 27.5.1892 in Wien – gest. am 11.1.1981 in Moskau; (Film)Architekt, Szenenbildner

Aus einer jüdischen Familie kommend, besuchte Berger zunächst die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt und ab 1911-15 die Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Dort hatte er u.a. Josef Hoffmann und Oskar Strnad als prägende Lehrer. Den Ersten Weltkrieg überstand er nach einem Einsatz an der Isonzofront (1915) vorwiegend in Belgrad. 1919 trat er aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus und begann sich, neben kleineren Architekturarbeiten, für den Film zu interessieren. So wirkte er 1918 im (Kriminal)Film Der Schatz der Berge als Schauspieler mit und stattete 1919 erstmals einen „Sensationsfilm“ der Sascha-Film, Die Jagd nach dem Glück (Regie: Fritz Freissler), innenarchitektonisch aus (Die Kinowoche H.10/1919,11), woraufhin er 1920 beruflich ganz zur Sascha-Film wechselte. Im selben Jahr fertigte er auch die Lithographien zu H. Sonnenscheins Die Legende vom weltverkommenen Sonka (E.P. Tal) an. 1921 folgten die Dekorationen für den Helios-Vita-Film Don Ramiro und im Okt. 1923 zeichnete er für die Kulissen der 1809 spielenden Medardus-Verfilmung (auf der Basis von Schnitzlers Bühnenstück Der junge Medardus) mitverantwortlich und arbeitete erstmals mit M. Kerstesz enger zusammen. Ebenfalls 1923 war er, gemeins. mit F. Lampl u.a. Mitbegründer der Glas-Keramik-Werkstätten Bimini.

1924 war Berger in drei großen Historienfilmen für die Ausstattung zuständig (tw. gemeins. mit Emil Stepanek und bzw. oder mit Julius v Borsody): Harun al Raschid, Die Sklavenkönigin und Salammbó. Ab 1925 verlagerte sich dies stärker auf die Ausstattung von Unterhaltungsfilmen, beginnend mit Das Spielzeug von Paris (engl.Vorlage : Red Heels von M. Lawrence), sowie für die Revuebühne im Apollo-Theater, 1926 ferner für jene in Die Pratermizzi sowie in der Lustspielverfilmung Das Kamel geht durch das Nadelöhr aber auch im Max Neufeld-Film Die Brandstifter Europas und 1927 für Café Elektric. 1925-26 war er auch für Wohnblöcke des Bauprogramms des ›Roten Wien‹, z.B. für jenen in der Schlachthausgasse vorgesehen (Der Tag, 7.5.1926,7), wo er mit seinem Bruder Josef zusammenarbeitete. Auch für Tanzabende und -matineen von G. Geert und H. Holger entwarf Berger wiederholt die Kostüme. Auch beim Tingel-Tangel-Film war Berger beteiligt.

In: Das Kino-Journal 20 (1927), Nr. 875, S. 19

1928 verf. er u.a. Essays wie z.B. über Die Luftschlösser des Films bzw. über Elementarkatastrophen im Filmatelier; im selben Jahr war Berger für die Interieur-Gestaltung der Verfilmung des Bettauer Romans Das Entfesselte Wien unter dem Titel Schwüle Stunden zuständig, welche von F. Rosenfeld in der AZ als vergebene Chance kritisch kommentiert wurde. 1929-30 waren ebenfalls sehr produktive Jahre für Berger; einerseits stattete er Filme wie C. Wienes Revolution der Jugend oder Revuen wie jene der sozialdem. Genossenschaften Ein Tanz um die Welt, die im Arbeiterheim Favoriten unter Mitwirkung der Tanzgruppe Geert ihre UA am 2.10.1929 hatte, sowie Flieg mit mir durch Österreich (1930), mit Bühnenaufbauten bzw. Kostümen aus, andererseits betätigte er sich verstärkt als Drehbuchautor, meist gemeinsam mit Siegfried Bernfeld, etwa für die Tonfilmrevue Apollo, Apollo oder für den Neufeld-Film Nachtlokal, ferner für die Sascha-British Internat. Pictures-Koproduktion Champagner (F. Porges bezeichnete in diesem Kontext Berger als einen „der besten Filmarchitekten“) sowie für eine österr.-tschech.-polnische Produktion unter dem Titel Karussell (Die Stunde, 11.9.1929,9). 1930 war er auch an der Verfilmung der Oberst Redl-Reportage von E. E. Kisch und an der Gründung der Gruppe ›Film der Jungen‹ (Der Tag, 27.3.1930, 8) beteiligt; 1931, wieder gemeins. mit Bernfeld, am Drehbuch für den unter der Regie von Otto L. Preminger gedrehten Film Die große Liebe, einem Mutter-Sohn-Nachkriegsdrama. 1932 legte Berger nicht nur den utopistischen Propagandafilm für die sozialdemokrat. Wahlbewegung Die vom 17er Haus vor (AZ, 2.4.1932, 5), sondern war an der Ausstattung bzw. am Bühnenbild von mehreren Filmen und Sketches beteiligt, so z.B. an dem von Neufeld inszenierten Sehnsucht 202, am Sascha-Film Hochzeit zu dritt, am Tonfilmsketch von Farkas Die Justizmaschine oder am René Claire-Film Es lebe die Freiheit. Zudem legte er den programmatischen, auch von Radio Wien ausgestrahlten Essay Aus der Werkstatt eines Filmarchitekten vor. 1933 zählte Berger zu den Mitbegründern eines Lehrinstituts für Tonfilmkunst in Wien; er initiierte zehn Kurzfilmprojekte, von denen aber nur zwei, Der Herr Scheidungsgrund und Das große Los realisiert wurden.

Insgesamt verschlechterte sich die Auftragslage deutlich, und Berger wirkte auch nur mehr an wenigen filmarchitektonischen Ausstattungen, z.B. an Großfürstin Alexandra (mit M. Jeritza, P. Hartmann u. L. Slezak in den Hauptrollen) sowie Abenteuer am Lido, mit. 1935 war das letzte erfolgreiche Jahr für Berger in Österreich: er stattet die Filme Heute ist der schönste Tag, Letzte Liebe, Bretter, die die Welt bedeuten und v.a. den Bashkirtzeff-Film Tagebuch der Geliebten, ein Tobis-Sascha „Großfilm“ (mit Lili Darvas, Hans Jaray u. Attila Hörbiger in den Hauptrollen) aus. 1936 kam wohl noch der von ihm ausgestattete u. von R. Oswald inszenierte Unterhaltungsfilm Heut‘ ist der schönste Tag in die Kinos, doch Berger, den das 1936 vom austrofaschist. Ständestaat ausgesprochene Arbeitsverbot für jüdische Bürger in der Filmbranche hart traf, entschloss sich über Prag nach Moskau zu emigrieren, wo er fortan blieb und auch als Filmarchitekt für Meschrabpom tätig sein konnte.


Weitere Ausstattungen und/oder Regietätigkeiten:

Die Kaiserjäger (1928); Liebe im Mai (1928); Luxus (1928); Parade der Liebesparade (Revue-Ausstattung 1930), Micky der Schießbube (1931); Lumpenkavaliere (1932); Karneval und Liebe (1934); Hoheit tanzt Walzer (1935).

Literatur

Ch. Dewald:  Artur Berger: Vom Architekten des „Roten Wien“ zum Filmausstatter der sowjetischen Mosfilm (2012).  online verfügbar unter: https://www.oeaw.ac.at/fileadmin/Institute/INZ/Bio_Archiv/bio_2012_05.htm

https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_B/Berger_Artur_1892_1981.xml

https://www.film.at/die_vom_17er_haus

Quellen und Dokumente

(Plakat:) Der Schatz im Berge. In: Neue Kino-Rundschau, 1.6.1918, S. 20; N.N: Die Sklavenkönigin. In: Wiener Morgenzeitung, 24.10.1924, S. 7; (Plakat:) Die Brandstifter Europas. In: Der Filmbote, 10.7.1926, S. 19; (Plakat:) Das Kamel geht durch das Nadelöhr. In: Der Filmbote, 9.10.1926, S. 11; (Plakat:) Schlagerfilm Tingl-Tangl. In: Das Kino-Journal, 7.5.1927, S. 19; A. Berger: Die Luftschlösser des Films. In: Mein Film, H. 113/1928, S. 13-14; A. Berger: Elementarkatastrrophen im Filmatelier. In: Mein Film, H. 114/1928, S. 7-8; F. Rosenfeld über Schwüle Stunden. In: AZ, 21.10.1928, S. 21; F. Porges über Champagner. In: Der Tag, 29.3.1929; S. 6; N.N.: Apollo, Apollo. In: Die Stunde, 30.11.1929, S. 8; F. Porges über Apollo, Apollo. In: Der Tag, 29.11.1929, S. 4; N.N.: Nachtlokal. In: Der Tag, 7.12.1929, S.6; F. Argus über Oberst Redl-Film. In: Mein Film. H. 260/1930, S. 10-11; N.N.: Kleine Szene aus der Großen Liebe. In: Mein Film, H. 302/1931, S. 10; A. Berger: Aus der Werkstatt eines Filmarchitekten. In: Mein Film. H. 349/1932, S. 9-10; N.N.: Ein Rückblick aus dem Jahre 2032 (Zu: Die vom 17er Haus). In: AZ, 2.4.1932, S. 5; A. Berger über Sehnsucht 202. In: Die Stunde, 22.8.1932, S. 4; N.N.: Wiener Kurzfilme. In: Mein Film, H. 370/1933, S. 10; L. Darvas über Bashkirtzeff-Film. In: Mein Film, H. 503/1935, S. 17-18.

(PHK)

geb. am 22. 8. 1897 in Drohobycz in Galizien, Österreich-Ungarn (heute Ukraine) – gest. am 12. 5. 1986 in London, Film- und Theaterschauspielerin.

Elisabeth Bergner, geb. Elisabeth Ettel, war die Tochter des jüdischen Kaufmanns Emil Ettel und seiner Frau Anna Rosa (geb. Wagner) und wuchs weitgehend in Wien auf. Mit einem Stipendium ausgestattet, absolvierte sie dort bereits in jungen Jahren ihre Schauspielausbildung am Konservatorium. Nach ersten Engagements u.a. in Innsbruck, München und Wien erlangte sie 1923 am Berliner Theater größere Bekanntheit in einer Shakespeare-Inszenierung („Wie es euch gefällt“) von M. Reinhardt, der die Rolle der Rosalinde mit ihr besetzte. Durch ihr knabenhaftes Aussehen – „großäugig, Bubikopf, naiv und kokett mit verführerisch singender Stimme, halb Elfe, halb Engel, kaum Frau“ (SPIEGEL) avancierte sie bald zu einer der „markantesten“ Darstellerinnen der deutschsprachigen Bühnen. Mit weiteren Rollen wie z.B. der „Heiligen Johanna“ in Berlin zum Star geworden, drehte sie bald auch Filme, vorrangig mit dem damals noch wenig bekannten Regisseur Paul Czinner, der es laut zeitgenössischer Presse verstand, „Rollen für sie zu schaffen, die ihr jede Entfaltung ermöglichen“ (MEIN FILM , 47/1926). Bereits ihre ersten Stummfilmrollen als unglückliche, junge Ehefrau Nju im gleichnamigen Film oder als Bürgerstochter in Der Geiger von Florenz (1926), wo sie an der Seite von Walter Rilla spielte, sowie in Fräulein Else (1929) erregten große Aufmerksamkeit, nicht zuletzt in Wien, wo die Kritik bereits 1924 die Bergner als „eine Schauspielerin von Ruf“ feierte, „die das Schicksal aller in Wien Verkannten (alle die hochbegabten Wiener Künstler, die man hier geringschätzig behandelt und ohne weiters ziehen läßt, kommen später ‚von draußen‘ als die gefeierten Gastspielgrößen zurück) teilte“ (Der Filmbote Nr. 34, 23.8. 1924, 9). Dabei lobte F. Porges ihre „reiche mimische Ausdruckskunst“, die sowohl auf Bühne als auch im Film von starker Wirkung sei, referiert wurde aber auch eine Bemerkung Czinners, dass Bergner „die Kunst der Bühne höher einschätzte, als die des Films“ (ebd.) und Spekulationen über die Gründe für diese Priorisierung angestellt (u.a. das naheliegende Argument, sie vermeine „auf das Ausdrucksmittel der Sprache nicht verzichten zu können“). Wegen der sich verschärfenden Diskriminierung von Juden sah sich Bergner zunehmend unter Druck und kehrte 1933 von einem Gastspiel in London nicht mehr auf die deutsche Bühne zurück – wohl auch, da man ihr geraten hatte, fortan nur mehr am jüdischen Theater zu spielen. Gegen diese Vermutung spricht ein angebliches „Arisierungsangebot, das die Nazis ihr nach London übermittelten, um sie zurückzulocken“ (DER SPIEGEL v. 19.05.1986), auf das sie jedoch nicht reagiert haben soll. In England spielte sie sowohl in Filmen wie in Escape me never (1935) – eine Leistung, für die sie 1936 sogar für den Oscar nominiert wurde – und Stolen life (1939) als auch auf der Bühne; „sie wurde der königlichen Familie vorgestellt und durfte sogar Shakespeare sprechen, obwohl man ihre Herkunft an ihrem Akzent erkannte“ (Die Weltpresse, 3.4. 1948, Nr. 79).

Nach Kriegsausbruch zog sie mit Czinner, den sie schon im Januar 1933 „sehr diskret, mit Ausschluß jeder Öffentlichkeit“ in London geheiratet hatte – im Übrigen nicht ohne „eine rasch inszenierte Verwechslungskomödie, in der die Bergner auf telephonische Anfragen hin angab, nicht die berühmte Elisabeth Bergner zu sein, sondern eine Privatperson, die ihre Ruhe haben möchte und Paul Czinner erklärte, er wolle wohl Fräulein Bergner heiraten, aber das Fräulein Bergner sei gar nicht die Bergner“ (Die Stunde v. 11.1.1933, S. 3) – in die USA. Die Gelegenheit ergab sich bei dem Dreh des englischen Propagandafilms Die neunundvierzigste Parallele, dessen Außenaufnahmen in Kanada gemacht wurden und bei dem Bergner für die weibliche Hauptrolle verpflichtet wurde: „[W]ährend man dort arbeitete, fuhr die Bergner über die Grenze nach den Vereinigten Staaten und kam nicht mehr zurück. Sie fuhr nach Hollywood. In den englischen Zeitungen erschien eine kleine Notiz, die besagte, man habe die Rolle der Bergner mit einer anderen Schauspielerin besetzt. In Wirklichkeit war jedoch dieser Zwischenfall eine größere Katastrophe, als man erkennen konnte, weil ja die Szenen, in denen die Bergner in England gespielt hatte, nochmals gedreht werden mußten“ (Weltpresse, 03.04. 1948, Nr. 79). Tatsächlich war sie in nur einer Hollywood-Produktion, dem Anti-Nazi-Film Paris Calling (1941) auf der Leinwand zu sehen; beachtliche Erfolge erzielte sie später am New Yorker Broadway, u.a. in dem Bühnenstück The two Mrs. Carolls (1943) von Martin Vale. Bergner engagierte sich in Exilantenkreisen und gehörte neben B. Brecht, E. Piscator und L. Feuchtwanger 1944 zu den Mitunterzeichnern der Charta des „Council for a Democratic Germany“. Nach Kriegsende ging sie 1951 zurück nach London, wo sie fortan ihren Lebensmittelpunkt fand, obwohl sie für gelegentliche Engagements auf die deutsche Bühne zurückkehrte. 1978 veröffentlichte sie ihre Unordentlichen Memoiren, die eher anekdotische denn ganz korrekte biographische Erinnerungen versammelten. Vielfach ausgezeichnet, nach den Kriegsjahren jedoch nicht mehr an ihre außerordentlichen Erfolge der 1920er und 1930er Jahre anknüpfend, starb sie im Alter von 88 Jahren in London.


Weitere wichtige Filmrollen

Ariane (1930); Der träumende Mund (1932); The Rise of Catherine the Great (1934)

Quellen und Dokumente

F. Porges: Elisabeth Bergner im Film. In: Der Filmbote, 23.8.1924, S. 9; N.N.: Der Geiger von Florenz. In: Mein Film, H. 47/1926, S. 2; N.N.: E. Bergner filmte in Wien (ad: Dreharbeiten zu Schnitzlers Fräulein Else). In: Mein Film, H.101/1927, S. 9; N.N.: E. Bergner hat geheiratet. In: Die Stunde, 11.1.1933, S. 3; [PEM]: Sollen Künstler eine Gesinnung haben. Der Fall Elisabeth Bergner. In: Die Weltpresse, 3.4.1948, S. 3; N.N.: Ein romantisches Kind. In: Der Spiegel, 27.11.1978, S. 257-262; N.N.: Gestorben. In: Der Spiegel, 19.5.1986, S. 252.

Literatur (Auswahl)

K. Völker: Elisabeth Bergner – Das Leben einer Schauspielerin. Ganz und doch immer unvollendet. (Beitr. zu Theater, Film und Fernsehen aus dem Institut für Theaterwissenschaften der Freien Universität Berlin 4), Berlin 1990; M. Heymann: Elisabeth Bergner – mehr als eine Schauspielerin. Vorwerk 8, Berlin 2008;     

Movie Legends (Bergner in Filmposituren). online verfügbar unter: Youtube. Elisabeth Bergner, verfügbar in: Künste im Exil online; ferner in: Steffi-online-Archiv

(VW)

siehe Arnold Höllriegel