geb. als Martin Andersen am 26.6.1869 in Christianshavn, Kopenhagen – gest. am 1.6.1954 in Dresden; Lehrer, Journalist, Schriftsteller

M. A. wuchs als Sohn eines Steinhauers in Kopenhagen und später in Nexø auf Bornholm auf und kam als Maurergehilfe früh mit dem Sozialismus in Berührung. A. besuchte als Anhänger der Grundtvig-Bewegung die Volkshochschulen in Bornholm und später in Askov, um 1897 selbst Lehrer zu werden. Auf das geistige Erweckungserlebnis folgten erste publizistische und schriftstellerische Arbeiten als M. A. Nexø, 1894-1896 unternahm er nach einer Tuberkuloseerkrankung Erholungsreisen nach Italien und Spanien. Seit 1901 vertrat A. als freier Schriftsteller neben Johan Skjoldborg (1861-1936) und Jeppe Aakjær (1866-1930) die sozial-agitatorische dänische Heimatliteratur. 1906 bis 1910 erschien der dem späteren Nobelpreisträger Henrik Pontoppidan gewidmete vierbändige Roman Pelle Erobreren. Als einen Gegenentwurf verfasste A. unter dem Einfluss der russischen Revolution von 1917 mit dem fünfbändigen Ditte Menneskebarn einen weiteren Bildungsroman, der die Entwicklung der Frauenfigur Ditte zeigt. 1919 trat A. von der dänischen Socialistisk Arbejderparti zur Venstresocialistisk Parti über, die 1920 in der Danmarks Kommunistiske Parti aufging.

Nach einer ersten, von Willi Münzenberg organisierten Russlandreise zum Vierten Kongress der Kommunistischen Internationale 1922, die zum Bruch mit Reisebegleiter George Grosz führte, folgte die Übersiedlung nach Allensbach am Bodensee und Dresden (bis 1930). A. publizierte zunächst im Vorwärts-, später im Malik-Verlag und pflegte – auch als Mitglied des PEN-Clubs – Kontakt zum vorrangig gemäßigten und radikalen linken Spektrum des deutschsprachigen Geisteslebens, etwa zu Erwin Ackerknecht, Johannes R. Becher, Gregor Gog, Erich Grisar, Hans Ludwig Held, Erich Mühsam, Wilhelm Rudolph, Wieland Herzfelde und Bertolt Brecht, der ausgewählte Werke A.s übersetzte. Seit 1919 erschienen wiederholt Abdrucke in Die Rote Fahne in Wien, sein Reisebericht über Russland wurde als „vielleicht das erste wahrhaft große Buch über Sowjet-Rußland“ (Julius Epstein) rezensiert. Fritz Rosenfeld bezeichnete A. 1923 in Der Kampf als „den sozialen Dichter par excellence“, 1929 zierte A. anlässlich seines sechzigsten Geburtstags das Cover der Zs. Bildungsarbeit und las vor 500 Zuschauern in der Wiener Urania, das Kleine Blatt druckte den Roman Familie Frank. In der IVRS wirkte A. als Literarischer Beirat sowie 1931-35 im Redaktionsbeirat der Zeitschrift Internationale Literatur.

Im Zweiten Weltkrieg nach kurzzeitiger Internierung in Dänemark Ausreise über Schweden in die Sowjetunion, über Dänemark und Radebeul 1951/52 Rückkehr nach Dresden. In der DDR wurde A., 1950 vom dänischen PEN-Club für den Literaturnobelpreis nominiert und neben Hans Christian Andersen der meistübersetzte Schriftsteller Dänemarks, als Heimatschriftsteller verehrt und ausgezeichnet.


Weitere Werke (Auswahl)

Mod dagningen. Skildringer fra Rusland, 1923 (dt.: Dem jungen Morgen zu. Schilderungen von einer Russlandreise, 1923), Midt i en Jærntid, 1929 (dt.: Im Gottesland, 1929), Erindringer, 1932-39 (dt.: Erinnerungen, 1949), To verdener. Tanker og Indtryk fra en Ruslandsrejse, 1934 (dt.: Zwei Welten. Schilderungen von Reisen in die Sowjetunion, 1955), Morten hin Røde, 1945 (dt.: Morten der Rote, 1949)

Quellen und Dokumente

Von M. A. N.: Der Gott des leeren Zeremoniells. In: Arbeiter-Zeitung, 27.4.1919, S. 2, Eine Hinrichtung. In: Die Rote Fahne, 20.8.1922, S. 3, Das Proletariat und die Kunst. In: Die Rote Fahne, 14.12.1922, S. 2, Stine Menschenkind. In: Arbeiterwille, 19.10.1924, S. 5f. [als Fortsetzungsroman bis 4.4.1925], “Pelle der Eroberer” kein autobiographischer Roman?!. In: Die Rote Fahne, 30.7.1927, S. 6f., Familie Frank. In: Das Kleine Blatt, 23.6.1929, S. 15, Der graue Mann. In: AZ, 31.8.1930, S. 11f.

Josef Luitpold Stern: Stine Menschenkind. In: Der Kampf XII (1919), H. 11, S. 391f., Hermann Broch: M. A. N.: Die Familie Frank. In: Moderne Welt (1921/22), H. 2, S. 35f. Abgedruckt in: H. B.: Schriften zur Literatur I: Kritik (1975), 373f, Fritz Rosenfeld: M. A. N. In: Der Kampf XVI (1923), H. 11, S. 377-383, F. R.: M. A. N. Zu seinem 60. Geburtstag am 26. Juni 1929. In. Bücherschau. Beilage zu Bildungsarbeit XVI (1929), S. 43-45, Julius Epstein: Rez. zu: „Dem jungen Morgen zu.“ In: Die Rote Fahne, 26.3.1924, S. 2f., Leo Lania: Dichter für das revolutionäre Proletariat. In: Arbeiter-Zeitung, 20.4.1925, S. 5, N.N.: M. A. N. Zum sechzigsten Geburtstag des proletarischen Dichters. In: Die Rote Fahne, 29.6.1929, S. 4, N.N.: N.s erster Wiener Arbeitervortrag. In: Arbeiter-Zeitung, 17.11.1929, S. 11.

Literatur (Auswahl)

Bo Elbrønd-Bek: Martin Andersen Nexøs barndomstraume og
de politiske følgevirkninger (2012), Franz Hammer: Martin Andersen Nexö. Sein Leben in Bildern (1963), Aldo Keel: Martin Andersen Nexo – der trotzige Däne. Eine Biographie. (2004), Hanne Marie, Werner Svendsen:
Geschichte der dänischen Literatur, S.
395-407 (1964), Fritz Paul (Hg.): Grundzüge der neueren skandinavischen
Literatur, S. 219-221 (1982), Henrik Yde: Nexø, Martin Andersen [dänischer Lexikoneintrag]

(ME)