geb. am 27.1.1902 in Wien – gest. am 3.11.1987 in Pressbaum; Schriftsteller, Verleger, Volksbildner

Z. studierte an der Universität Wien Germanistik und Anglistik und promovierte 1927. Bereits ab 1922 wirkte er im Volksbildungswesen des Roten Wien, bis 1942 als Sekretär des Vereins Wiener Volksheim; Z. leitete die Simmeringer Zweigstelle und trat vor allem ab 1930 u.a. zu literaturgeschichtlichen Fragestellungen als Vortragender in Erscheinung. Parallel dazu versuchte sich Z. selbst als Autor. Nach ersten Beiträgen in der Zs. Bildungsarbeit im Jahr 1923 erschien mit Ein Gedicht der Jugend 1927 ein Sprechchorwerk, 1928 zählte Z. neben David Josef BachElse FeldmannOskar Maurus Fontana, Paul A. Pisk und Otto Stoeßl zu den Beiträgern des von Luitpold Stern herausgegebenen Arbeiter-Jahrbuch. 1930/31 veröffentlichte Z. im Fiba-Verlag das Buch Wien. Heldenroman einer Stadt, das die Entwicklung Wiens nach 1918 nachzeichnet und das „neue rote Wien verherrlicht“ (Bildungsarbeit XVIII (1931), S. 89). Vereinzelt verfasste Z. auch Beiträge für das Feuilleton der Arbeiter-Zeitungsowie des Kleinen Blattes. Im Juni 1933 gestaltete er anlässlich der Bücherverbrennungen im nationalsozialistischen Deutschland eine Lesung mit dem Titel Bücher auf dem Scheiterhaufen.

Neben Z.s Engagement für die Wiener Sozialdemokratie trat er ab 1923 mit zahlreichen Arbeiten für den Alpinismus ein. Davon zeugen auch Texte in der Allgemeinen Bergsteiger-Zeitung, einschlägige Vorträge im Radio, an Volkshochschulen sowie für die Naturfreunde und eine Reihe von Buchpublikationen. 1936 erschien das mehrfach aufgelegte Werk Der Mensch und die Berge, dem Balmat oder Paccard. Ein Montblancromanvorangegangen war; dieser wurde auch von der Reichspostwohlwollend rezensiert.

Trotz des Verbots der Sozialdemokratie fand Z. in den Dreißigerjahren Publikationsmöglichkeiten, u.a. im Wiener Magazin, in dem  Vorarbeiten zum im Zeitalter des Biedermeier angesiedelten Wien-Romans Kyselak, 1940 veröffentlicht, abgedruckt wurden. Nach der Arbeit als Dolmetscher in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs engagierte sich Z. ab 1945 wieder im Bereich des Wiener Volksbildungswesens. Er übernahm die Aufgabe des Cheflektors des Europa-Verlags und wurde Direktor der Büchergilde Gutenberg, deren Ausbau er vorantrieb; als Autor publizierte er zahlreiche stadtgeschichtliche Werke und trat für das Werk Rudolf Brunngrabers ein. Für sein Wirken wurde Z. u.a. mit dem Preis der Stadt Wien für Volksbildung (1963) und dem Luitpold-Stern-Preis des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (1976) gewürdigt.


Weitere Werke

Unvergängliches Wien. Lebenskurve einer leidgeprüften Stadt (1947), Bilder und Beichten (1977), Ich war kein Held, aber ich hatte Glück (1977).

Quellen und Dokumente

Verständnis anstatt Kritik. In: Bildungsarbeit X (1923), H. 2/3, S. 15, Bilden im Wandern. In: Bildungsarbeit X (1923), H. 6, S. 48, Ohnmächtige. In: AZ, 5.7.1925, S. 19, Bau. In: AZ, 30.3.1927, S. 3f., Immerschnee. In: AZ, 23.12.1928, S. 17f., Licht in der Nacht. Die Volkshochschule. In: AZ, 26.2.1931, S. 6, Helden. In: AZ, 10.8.1931, S. 13, Kyselak vor dem Kaiser. In: Wiener Magazin 9 (1935), H. 5, S. 71-76, Der unbekannte Brunngraber. In: Die Zukunft 1971, H. 15/16, 52-56.

N.N.: Das Arbeiter-Jahrbuch 1928. In: Die Unzufriedene, 26.11.1927, S. 6f., Hans Maurer: K. Z.: Balmat oder Paccard. Ein Montblancroman. In: Reichspost, 12.1.1931, S. 7, hlk.: Karl Ziak. Wien. Heldenroman einer Stadt. In: Bücherschau. Beilage zur Bildungsarbeit XVIII (1931), S. 89, Wien. Heldenroman einer Stadt. In: Tagblatt, 28.8.1931, S. 10, smk.: Der Roman einer Stadt. In: Das Kleine Blatt, 13.4.1932, S. 14, Alfred Zohner: „Kyselak“. In: Das interessante Blatt, 12.3.1941, S. 22.

Literatur

Eintrag bei wien.gv.at, Eintrag im Nachlassverzeichnis der ONB.

(ME)

geb. am 8.3.1879 in Bistritz/Bystice pod Hostynem (heute Tschech. Rep.) – gest. am 15.2.1929 in Wien; Schriftsteller, Diplomat, Journalist

Der aus Mähren gebürtige Z. wuchs zunächst dort mit drei Geschwistern auf und kam im Zuge der Übersiedelung der Familie nach Wien. Einen Teil der Schulausbildung und des Studiums (Jus und Philosophie) absolvierte er in Paris. Nach seiner Rückkehr nach Wien schloss er sich den jungwiener Autoren an, insbesondere H.v. Hofmannsthal u. A. Schnitzler. Die erste deutschspr. literar. Arbeit war Das Märchen des Lebens, das als Feuilleton 1899 in der AZ erschien. 1902 folgte der novellenartige Roman Der kleine Gott der Welt, der im slawischsprachigen Umfeld der Karpathen angesiedelt ist und von M. Foges im Neuen Wiener Journal (NWJ) als eine Art Gemeindekind-Erzählung mit zwar anstrengenden, aber auch Talent anzeigenden Seiten gewürdigt wurde. 1905 trat Z. eine Advokaturkandidaten-Stelle in Wien an, aus der er 1906 wieder austrat. 1907 erschien von ihm eine Übertragung von Versen einer russischen Revolutionärin, die im Grazer Arbeiterwillen (1.1.1907) zum Abdruck kamen. Im April 1907 unternahm er seine erste Amerikareise, die Anlass zu Reisefeuilletons für das NWJboten. Einer dieser Beitr. liefert interessante statist. Daten zur Amerikaemigration aus Österreich-Ungarn. Z.s. Positionierung im umstrittenen Pariser Fall Steinheil (1909) in der NFP trug ihm wüste antisemit. Polemik ein, z.B. durch die Reichspost.

Ab 1910 erschienen regelmäßig feuilletonist. Texte in der NFP, oft mit französ. Bezügen. Zu diesen zählen auch Z.s. Übersetzungen, z.B. des Frühwerks von Flaubert, aber auch zu R. Auernheimer, dem er fortan freundschaftl. verbunden blieb oder zu den russ.-jüd. Erzählungen von Ossip Dymow sowie zu St. Zweig. Sein Nov.Bd. Das Kleid des Gauklers (1911) stieß auf Anerkennung, u.a. in der Jüdischen Volksstimme oder im Pester Lloyd; 1912 veröffentl. Z. in der NFP eine Besprechung  von A. Schnitzlers Novellenband Masken und Wunder, 1913 eine zu Th. Manns Der Tod in Venedig. Im März 1914 gelangten im Dt. Volkstheater sein dramat. Gedicht Die helle Nacht, gem. mit St. Zweigs Einakter Der verwandelte Komödiant zur Uraufführung. Zum Kriegsausbruch äußerte sich Z. kaum bzw. zurückhaltend, er nahm jedoch an Benefizveranstaltungen als Mitwirkender teil, bevor er nach Albanien als Kriegsberichterstatter entsandt wurde bzw. in Wien an verschiedenen Ativitäten der Kriegsfürsorge mitwirkte. Seine (wenigen) Kriegsfeuilletons erschienen ab 1915 vorwiegend in der NFP; ähnlich jenen Hofmannsthal, mit dem ihm seit 1910 ein beachtl. Korrespondenzaustausch verband, waren sie von österr.-patriot. Gesinnung geprägt, enthielten sich aber nationalistischer Töne u. Übersteigerung. 1916 erschien bei S. Fischer Z.s. in Mähren angesiedelter Roman Die fremde Frau, den auch H. Menkes im NWJ begrüßte u. der auch in dt. Ztg. auf positive Resonanz stieß. 1917 wird Z. als Herausgeber der von Hofmannsthal begründeten Zs. Revue d’Autriche tätig, die v.a. Richtung Frankreich kulturpoltisch-propagandist. wirken sollte.

Noch vor dem offiz. Ende d. Krieges war Z. im Okt. 1918 wieder in Paris u. zwar als Presseattaché der im Aufbau befindl. diplomat. Mission der Republik Österreich [!]; 1919 veröffentl. er die Erz. Das Feuerwerk, die seine Albanien-Erlebnisse zusammenfassen. Die Resonanz blieb diesmal unter den Erwartungen, ebenso im Zuge des 1923 ersch. Romans Die Kaiserstadt, den u.a. M. Scheyer im NWJ besprach. 1925 vertrat Z. den Zentralrat der geistigen Arbeiter Österreichs bei seinem Internat. Treffen in Paris, 1926 in Wien und ebf. im Juni 1926 bildete er, gemeins. mit R. Auernheimer u. F. Dörmann, die österr. Delegation auf dem Weltkongress der dramatischen Schriftsteller und Komponisten in Paris. Im März 1925 lud Z. Hofmannsthal zu einer Reise nach Marokko ein, die H. dann in seinen Bericht Reise im nördlichen Afrika (1925) einmünden ließ. 1927 brachte die NFP den wieder bei S. Fischer noch im selben Jahr ersch. Roman Der Sprung ins Ungewisse im Vorabdruck; ebf. 1927 wurde Z. der Titel eines Chevalier der Franz. Ehrenlegion verlieren; 1928 erkrankte er an Nierenkrebs, an dem er im Februar 1929 verstarb.


Weitere Werke

Pariser Cantilenen (1904); Die Geisterfalle (Übersetzung von Le Piège, Rachilde); König Davids Saitenspiel (1917); Hugo von HofmannsthalPaul Zifferer. Briefwechsel. Hg. von Hilde Burger (1983)

Quellen und Dokumente

Das Märchen des Lebens. In: Arbeiter-Zeitung, 10.12.1899, S. 11, Vor dem Tod. In: Arbeiterwille, 1.1.1907, S. 2, Die Amerikareise des Wiener Männergesangsvereines. New York – Philadelphia – Baltimore. In: Neues Wiener Journal, 24.5.1907, S. 5f., Madame Steinheil freigesprochen! In: Neue Freie Presse, 14.11.1909, S. 2, Die neuen Bücher Raoul Auernheimers. In: Neue Freie Presse, 12.6.1910, S. 32f., Das Tagebuch einer russischen Familie. In: Neue Freie Presse, 22.1.1911, S. 33, In Feindesland. In: Neue Freie Presse, 8.11.1912, S. 1-3, Das neue Buch von Arthur Schnitzler. In: Neue Freie Presse, 19.5.1912, S. 31f., Der Tod in Venedig. In: Neue Freie Presse, 6.8.1913, S. 31, Beim Vormarsch in den Karpathen. In: Neue Freie Presse, 4.2.1915, S. 1-4.

Toni Mark: Ein spannender Roman aus Mähren. [Rez. zu P. Z.: Die fremde Frau]. In: Mährisches Tagblatt, 7.8.1916, S. 2f., Karl Marilaun: Gespräch mit P. Z. In: Neues Wiener Journal, 14.10.1919, S. 5, Moriz Scheyer: Die Kaiserstadt [Rez.] In: Neues Wiener Tagblatt, 16.1.1924, S. 11.

Literatur

Eintrag bei Literarische Landkarte der deutschmährischen Autoren.

(PHK)

geb. am 11.8.1891 in Wien – gest. am 11.3.1944 in Oakland (CAL/USA); Pädagoge, Philosoph, Soziologe, Volksbildner

in Vorbereitung

geb. am 20.5.1905 in Wien (Lemberg?) – gest. am 4.7.1994 in Berlin; Schriftstellerin, Kabarettistin, Regisseurin

Ps.: Elisabeth Frank, Hannchen Lobesam, Hedda

Z. wuchs als Tochter eines tschechoslowakischen Staatsbeamten in Wien auf, wo sie gegen den väterlichen Wunsch 1923-25 an der Schauspielakademie studierte und Elevin am Raimundtheater wurde. Nach ihrem Debüt in Wien folgten Engagements u.a. an der Stuttgarter Volksbühne, in Baden-Baden, Wilhelmshaven, Bunzlau und Zwickau, bei denen sie ihren späteren Ehemann, den Schriftsteller Fritz Erpenbeck, und den in der KPD aktiven Schriftsteller Ludwig Renn kennenlernte, der sie ideologisch nachhaltig beeinflusste. Z. ließ sich 1929 in Berlin nieder und schloss sich als Reaktion auf die Polizeigewalt gegen Menschenrechtsaktivisten der KPD, dem Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Deutschlands um Johannes R. Becher und der Arbeiterkorrespondenzbewegung an. Sie arbeitete als Reporterin für die Berliner Rote Fahne, die Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ), Welt am Abend, die Arbeiterstimme sowie für die Zs. Weg der Frau und Magazin für alle und veröffentlichte Erzählungen, Gedichte und Songs, die sie auf Arbeiterversammlungen selbst ebenso vortrug wie Texte des für sie prägend wirkenden Satirikers Erich Weinert. Neben Arbeiten über Verelendung und Massenarbeitslosigkeit vertrat Z. prononciert antifaschistische Positionen (z.B. Ballade vom großen TrommlerPG Äpfelchen). Eine Reihe von Texten erschien auch im Feuilleton der Wiener Roten Fahnesowie in der Illustrierten Roten Woche.

Nach der Machtübernahme Hitlers emigrierte Z. im März 1933 über Wien und Prag, wo ihr Mann als Herausgeber der AIZ im Exil fungierte. Z. publizierte nun unter dem Pseudonym Elisabeth Frank u.a. in der Neuen Weltbühne und baute in Prag ab Mai 1933 das politische Exilkabarett Studio 1934 auf, für das sie drei Programme verfasste und dem u.a. der Regisseur Hanuš Burger und Albin Stübs angehörten. 1935 übersiedelte sie mit ihrem Mann, der als Korrespondent weiter für die AIZ arbeitete, in die Sowjetunion, wo beide in Gustav von Wangenheims Exilfilm Kämpfer (1936) vor der Kamera standen. Im selben Jahr, in dem er auch die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, erschien mit Unter Dächern Z.s erster Gedichtband, dem 1939 mit Das ist geschehen ein zweiter folgte. Ebenfalls 1939 entstand ihr Dramendebüt Caféhaus Payer, das eine Wiener Familie nach dem „Anschluss“ zeigt. 1941 überarbeitet, wurde es im Juni 1945 in Rostock uraufgeführt.

Neben den literarischen Arbeiten betätigte sich Z. im Exil vorrangig als Redakteurin der Deutschen ZentralzeitungZwei Welten und Internationale Literatur sowie als Hörspielautorin und Sprecherin für den Moskauer Rundfunk, für den sie ab dem Herbst 1941 auch am Aufbau von illegal nach Deutschland sendenden Rundfunkstationen in der Stadt Ufa im Ural vorantrieb. Im Juni 1945 kehrte sie nach Berlin zurück, wo sie sich der SED anschloss, die Spielleitung im Haus des Rundfunks übernahm und u.a. Ernst Fischers Das Märchen von singenden Knöchlein sowie ihre zweite Gedichtsammlung Das ist geschehen, erschienen 1939, ebenso wie Anna Seghers‘ Das siebte Kreuz und Johannes R. Bechers Winterschlacht als Hörspiel realisierte. Als staatstreue und hochdekorierte Vertreterin der DDR-Literatur publizierte Z. bis zu ihrem Tod. Ihr Sohn ist der Physiker und Autor John Erpenbeck (*1942), dessen Tochter die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck (*1967).


Werke (Auswahl)

Alltag eines nicht alltäglichen Landes (1950), General Landt (1950/51 als Hörspiel, 1957 als Drama), Der Teufelskreis (1953), Nur eine Frau (1954), Ravensbrücker Ballade (1961), Ahnen und Erben (1968-73), Selbstbefragung. Erinnerungen (1986)

Quellen und Dokumente

Kunst- und Denkmalschutz. In: Die Rote Fahne, 3.8.1930, S. 5, Die streitbare Kirche. In: Die Rote Fahne, 24.8.1930, S. 7f, „… uff eenmal wie umjewandelt“. Interview der Genossin Hedda mit einer Siemens-Metallarbeiterin. In: Die Rote Fahne [Berlin], 23.11.1930, S. 12, Die Gräfin lächelte milde. In: Die Rote Fahne [Berlin], 29.11.1930, S. 11, Schämen sie sich nicht? In: Die Rote Fahne, 21.2.1932, S. 9, Frauen kämpfen. In: Illustrierte Rote Woche 1 (1932), H. 15, S. 12.

Literatur

Lexikon sozialistischer deutscher Literatur, 563-565 (1964), Killy Literaturlexikon Bd. 12, 688f (2011), Simone Barck: Z., H. In: S. B. (Hg.): Lexikon sozialistischer Literatur. Ihre Geschichte in Deutschland bis 1945, 517-519 (1994), Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft: 18. bis 20. Jahrhundert. Bd. 1, 1519 (2002), Bernd-Rainer Barth, Peter Erler: Zinner, Hedda. In: Wer war wer in der DDR? (2010) [Onlinefassung], Jana Rahders: Kann man sein Leben lang die Wahrheit verleugnen? Das sozialistische Weltbild der DDR-Autorin Hedda Zinner. In: Siegfried Lokatis (Hrsg.): Vom Autor zur Zensurakte. Abenteuer im Leseland DDR, 73-80 (2014).

Lilli Ruks: Hedda Zinner. Eintrag bei Traum und Trauma. Die Sowjetunion als Exilland für deutsche Schriftsteller (1933-45).

Sowjetzone. Der Anti-Teufelsgeneral [Rez. zu General Landt]. In: Der Spiegel 27 (1957), Die Schriftstellerin Hedda Zinner ist 89jährig gestorben. Von der Schauspielerin zur politischen Schriftstellerin. In: Berliner Zeitung, 5.7.1994, Hedda Zinner. Zu ihrem 20. Todestag. Die Linke online (2014).

(ME)

eigentl. Otto Friedländer-Zoff, geb. am 9.4.1890 in Prag – gest. am 14.12.1963 in München; Dramaturg, Schriftsteller, Feuilletonist, Bohèmien, Emigrant

Aus einer Beamtenfamilie kommend, die 1892 nach St. Pölten u. anschließend nach Hainfeld übersiedelte, absolvierte Z. seine schulische Laufbahn in Wien, wo er bereits 1906 das Studium der Kunst- u. Literaturgeschichte aufnahm u. 1914 promovierte. 1912 trat Z. in der Zs. Brenner mit Ged. u. Erzählungen, z.B. Dina (H.22/1912) hervor u. veröffentl. 1913 seinen ersten Roman Das Haus am Weg. Den Ersten Weltkrieg verbrachte er, journalistisch tätig, in Berlin, wo er u.a. für das Berliner Tageblatt, den Berliner Börsen-CourierMärz, die Neue RundschauBeitr. verfasste u. 1916-17 Lektor des S. Fischer Verlags war. Für die ›Österreich-Bibliothek‹ bei Insel war Z. auch als Hg. des patriot. Bändchens 1809. Dokumente aus Österreichs Krieg gegen Napoleon tätig. Seit 1917 arbeitete er als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, wo er ab 1919-23 die stv. Direktion innehatte. 1918-20 partizip. Z. an der express. Bewegung, u.a. mit dem Trauerspiel Kerker und Erlösung (1919). In den 1920er Jahren überwogen, z.T. sehr erfolgreich, dramat. Bearbeitungen literar.Vorlagen, z.B. 1923 Die Freier nach J.v. Eichendorff, Das Kaffeehaus nach C. Goldoni,  Die Andacht zum Kreuz (1925) nach Calderon oder Die ungöttliche Komödie nach Krasinski (1927). Sein Schauspiel Maria Orlowa (UA 1926), mit Max Ophüls in einer Rolle, wurde dagegen reserviert bis ablehnend, für A. Polgar im Morgen „peinliches Theater“,  aufgenommen. Seit 1926 wurden regelmäßig Texte von ihm auch in versch.  Radioprogrammen (Wien, Breslau, München) gesendet; Radiodramen wie z.B. die freie Nachdichtung von Calderons Die Locken des Absalon (1929), Hörspiele wie Revolution in China (1930) u. Prosa, die Z. als ›Mikrophon-Feuilletons‹ ( z.B. 1932  über Die Elevin) bezeichnete. 1929 erschien sein vielleicht wichtigster Roman, Die Liebenden, der recht kontrovers aufgenommen worden ist als ein Roman mit teils neusachlichen, teils reißerisch-konventionellen Zügen. Seit 1931 lebt Z. häufig in Italien, 1933 ehelicht er Liselotte Kalischer, mit der er, nachdem seine Bücher auf die Verbotsliste gekommen waren, nach Italien flüchtet. Dort trifft er sich oft mit Guido v. Kaschnitz u. versucht sich mit Glücksspiel durchzuschlagen, erhält aber ab 1936 wieder die Möglichkeit in deutschen Verlagen zu publizieren, z.B. 1937 seine histor. Darstellung Die Hugenotten. 1940 trifft sich Z. mit geflüchteten dt. Intellektuellen wie W. Benjamin an der Riviera u. versucht ein Visum für die USA zu erhalten. Dieses besorgt ihm der Ex-Gatte seiner Frau, der in New York lebt, sodass beide 1941 in die USA einreisen können. Obwohl Z. in New York Kontakte und Freundschaften wie zum Verleger K. Wolff, zu Hermann Kesten oder Bertolt Brecht (in erster Ehe mit einer Schwester Z.s. verh.) reaktivieren konnte, vermochte er literar. kaum mehr Fuß zu fassen. In der Nachkriegszeit nimmt Z. Korrespondentenarbeit für versch. deutsche Zeitungen an. Erst Ende der 1950er Jahre gelingen ihm mit Nachdichtungen, z.B. König Hirsch (1959), wieder gelegentliche Erfolge.


Weitere Werke

Der Schneesturm (Trauerspiel, 1919); Der Winterrock (Roman, 1919); Tizian (1922); Das Leben des Peter Paul Rubens (1923); Die Stegreifkomödie (1926); Rosen und Vergißmeinnicht (Komödie, 1933); Franz Schubert. Das wahre Gesicht seines Lebens (1939); Die Glocken von London (frei nach Ch. Dickens, 1960); Tagebücher aus der Emigration (1939-1944; 1968);

Quellen und Dokumente

Theaterreise durch Deutschland. In: Neues Wiener Journal, 1.5.1924, S. 8f,; Urias [Erzählung]. In: Österreichische Illustrierte Zeitung, 25.8.1929, S. 8-10,; Negersage. In: Wiener Bilder, 3.3.1935, S. 17f.

Hermann Menkes: Neue Erzählungen. E. v. Keyserling: „Feiertagskinder.“ – O. Z.: „Der Winterrock. In: Neues Wiener Journal, 1.8.1919, S. 3, -zel: [Rez. zur Aufführung von Die Freier in Klagenfurt]. In: Arbeiterwille, 17.2.1925, S. 12Hans Brecka: Akademietheater. „Maria Orlowa“. Ein Schauspiel von O. Z. In: Reichspost, 6.2.1926, S. 6Alfred Polgar: Theater. „Maria Orlowa“. In: Der Morgen, 8.2.1926, S. 4.

Nachlass: Literaturarchiv Marbach (15 Briefe); Zu weiteren Beständen: Kalliope.

Literatur

U. Keller: Otto Zoffs dramatische Werke: vom Theater zum Hörspiel (Diss. 1986 Wien, publiz. 1988); P. Engel: Repräsentant einer versunkenen Welt. Der Erzähler u. Dramatiker O. Zoff. In: H. Binder (Hg.): Brennpunkt Berlin (1995), 291-317.

Eintrag bei verbrannte-und-verbannte.de.

(PHK)

geb. am 24.8.1903 in Wien – gest. am 28.1.1985 in Wien; Journalist

Ps.: Franz Schilling, F. Schneider, Hugo Wiener

Der Sohn eines Uhrmachers absolvierte eine Lehre als Juwelier und später als Mechaniker in Wien und betätigte sich mit seinem Bruder Hugo (1900-1922) ab 1919 in der Kommunistischen Jugend (KJVÖ) um Richard Schüller und Oskar Grossmann. Z. publizierte in den Zs. Der Lehrling und Die Proletarierjugend und gab 1924 die kurzlebige Zs. Der junge Grubensklave heraus. Im Jungarbeiterverlag veröffentlichte er die Broschüre Drei Forderungen der werktätigen Jugend. Z. gehörte bis 1925 der Bundesleitung des KJVÖ an, engagierte sich für die Rote Hilfe und trat als Vertreter des Arbeitslosenkomitees 1925 am 8. Parteitag auf. Im selben Jahr wechselte Z. in die Redaktion des KPÖ-Organs Die Rote Fahne, in der er der Gruppe um Johann Koplenig angehörte und für die er auch als Korrespondent vom Streik der Grünbacher Bergarbeiter berichtete. Z. übernahm bis 1930 die Verantwortung für die redaktionelle Betreuung der Arbeiterkorrespondenzbewegung, deren mangelnde Durchschlagskraft er wiederholt kritisierte. 1928/29 zeitweilig als verantwortlicher Redakteur der Roten Fahne, wurde er im September 1928 nach der Veröffentlichung eines Aufrufs zum Protest gegen die Heimwehren unter dem Vorwurf des Hochverrats festgenommen und angeklagt, was auch von der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung scharf kritisiert wurde. In den Folgejahren musste sich Z. 29 Mal wegen Hochverrats verantworten. 1930/31 gehörte er der Leitung des Bundes der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichsum Ernst Fabri an.

In den Dreißigern wiederholt in Organen der Komintern publizistisch vertreten, übernahm Z. nach den Februarkämpfen 1934 die Leitung der Redaktion der seit Juli 1933 illegalen Roten Fahne und fungierte 1935-45 als Leiter der illegalen Parteipresse der KPÖ. So gab er ab 1935 aus dem tschechischen Exil die bis 2000 erscheinende Programmzeitschrift Weg und Ziel heraus. Nach dem Münchner Abkommen von 1938 übersiedelte Z. nach Paris, wo er die als Gegengewicht zur Österreichischen Post gegründete Exilzeitung Nouvelles d’Autriche führte. 1939 übersiedelte er über Istanbul nach Moskau, wo er mit Ernst Fischer, Friedl Fürnberg, Johann Koplenig und Hermann Köhler der Auslandsleitung der KPÖ angehört. Z. arbeitete als Redakteur der Presse- und Rundfunkabteilung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale und für den deutschsprachigen Sender Österreich. Im Mai 1945 kehrte Z. nach Wien zurück, übernahm die Chefredaktion der ab August erscheinenden Österreichischen Volkstimme und gründete mit Koplenig und Fürnberg den Globus-Verlag, dem er bis 1947 als Geschäftsführer vorstand. Z. bemühte sich um die Rückkehr kommunistischer Publizisten wie Bruno Frei. Wegen seines Engagements für den Oktoberstreik im Zuge der Verhandlungen zum Vierten Lohn-Preis-Abkommen 1950 wurde er aus der Journalistengewerkschaft ausgeschlossen, leitete aber bis zum Ausscheiden aus dem Politischen Büro der KPÖ 1957 die Redaktion der Volksstimme. Darüber hinaus war Z., bis 1965 Mitglied des KPÖ-Zentralkomitees, für die in Prag erscheinende Zs. Probleme des Friedens und des Sozialismus sowie als Chefredakteur des Informationsbulletins tätig. Seinem Weggefährten Koplenig widmete er 1971 eine Biographie.


Quellen und Dokumente

Die Bedeutung der Berichterstattung. In: Die Rote Fahne, 17.6.1927, S. 5, Aus der Geschichte der Schülerräte. In: Die Rote Fahne, 16.12.1928, S. 5, 9.

Er diente seiner Klasse. Eine Biographie (über Johann Koplenig, 1971), Hoch klang das Lied der Solidarität. In: Weg und Ziel 31 (1973), H. 4, S. 160ff., Vom Juli 1927 bis zum Parteiverbot im Mai 1933. In: Geschichte der Kommunistischen Partei Österreichs 1918-1955, 91-128 (1977).

Berichte über E. Z.: Der Staatsanwalt kommt den Heimwehren zu Hilfe. In: AZ, 14.9.1928, S. 3,  Komödienspiel zwischen Staatsanwalt und Kommunisten. Ein wechselvoller Preßprozeß. In: AZ, 31.10.1928, S. 9.

Literatur

Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Bd. 1,  851 (1980), Die deutschsprachige Presse: Ein biographisch-bibliographisches Handbuch. Bd. 1, 1175 (2005), Fritz Hausjell: Journalisten gegen Demokratie oder Faschismus. Bd. 2, 922f (1989), Christina Köstner: „Wie das Salz in der Suppe“. Zur Geschichte eines kommunistischen Verlages – Der Globus Verlag. Diplomarbeit (2001) [Online verfügbar], Hermann Weber, Jakov Drabkin, Bernhard H. Bayerlein (Hg.): Deutschland, Russland, Komintern. II. Dokumente (1918-1943), 1709 (2015).

(ME)

geb. am 12.12.1883 in Wien – gest. am 20.3.1951 in Radlett (GB); Schriftstellerin, Übersetzerin

Ps.: Franziska Maria Rautenberg, Traugott Lehmann, Lawrence H. Desberry

ZM. entstammte dem österr.-ungarischen Hochadel, wurde 1883 in Wien als Hermine Isabelle Marie Gräfin Folliot de Crenneville geboren und wuchs bei ihrer liberal gesinnten Großmutter in Gmunden auf. Ermöglicht durch die diplomatische Tätigkeit ihres Vaters genoss sie eine polyglotte, standesgemäße Erziehung, wuchs in verschiedenen Ländern Europas und Nordafrikas auf und bereiste früh auch weitere Länder, u.a. Vorderasiens.

Nach dem Ende ihrer kurzen 1908 geschlossenen (1918 geschiedenen) Ehe mit dem baltischen Baron Victor von Zur Mühlen, durch das sie ihre Mitgift verlor und sich von nun an selbst versorgen musste, begann Ihre literarische Karriere nach ihrer Übersiedelung nach Frankfurt/M. 1919 zunächst im Umfeld der Roten Fahne sowie im Malik-Verlag. Später trat sie dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller in Deutschland bei. Ab 1921 war sie als Übersetzerin (u.a. von Upton Sinclair) tätig und feierte mit dem in mehrere Sprachen übersetzten proletar. Kinder- und Jugendbuch Was Peterchens Freunde einander erzählen (1921) ihren ersten literarischen Erfolg. Politisches Engagement manifestierte sich einerseits in ihrer Mitgliedschaft in der KPD von 1919 bis 1927 und andererseits in gesellschaftskritischen Romanen und Erzählungen wie Der Tempel (1922), Der blaue Strahl (1922) oder Schupomann Karl Müller (1924), der ihr eine Klage wegen Hochverrats einbrachte, von der sie jedoch 1926 freigesprochen wurde.

Nach der NS-Machtergreifung kehrte M. mit ihrem zweiten Ehemann Stefan Isodor Klein nach Österreich zurück, wo sie versuchte, mit ihren Werken dem herrschenden gesellschaftspolitischen Klima entgegenzuwirken, etwa in dem in der AZ in 40 Folgen 1933 erschienenen Roman Die Vierzehn Nothelfer und v.a. mit dem Roman Unsere Töchter, die Nazinen (1935), gegen den die deutsche NS-Regierung durch ihren Gesandten Franz von Papen in Wien ein Verbot anstrengte. 1938 emigrierte sie zunächst in die Tschechoslowakei und dann nach Großbritannien, wo sie trotz unermüdlicher literarischer Produktivität mit prekären finanziellen Verhältnissen zu kämpfen hatte. Neben englischsprachigen Romanen, wie We poor shadows (1944) oder Came the stranger (1946) entstand unter dem Titel Kleine Geschichten von großen Dichtern eine Reihe von Prosaminiaturen über österreichische Schriftsteller, die entweder in Vergessenheit geraten oder vom NS ideologisch vereinnahmt wurden, wie Sauter, David, Grillparzer oder Stifter.

1951 verstarb M. verarmt und in Vergessenheit geraten, nachdem auch ihre 1947 aufgenommenen Bemühungen, über Viktor Matejka zumindest literarisch nach Österreich zurückzukehren, gescheitert waren, in Radlett, Hertfordshire.


Weitere Werke

Das Schloß der Wahrheit. Ein Märchenbuch, 1924; Der rote Heiland. Novellen, 1924 (Neuaufl. 1989), Die weiße Pest (unter Ps. T. Lehmann, 1926, Neuaufl. 1987); Ende und Anfang. Ein Lebensbuch, 1929; Das Riesenrad, 1932; Nora hat eine famose Idee, 1933; Ein Jahr im Schatten, 1935; Unsere Töchter, die Nazinen, 1935; We poor shadows, 1944; Little Allies. Fairy and Folk Tales. Forteen Nations, 1944; Came the Stranger, 1946; Guests in the House, 1947

Quellen und Dokumente

Beiträge Z. M.s: Müde. In: Die Rote Fahne, 14.1.1920, S. 3, Das Lied der Treppen. In: Die Rote Fahne, 29.1.1921, S. 3, Die Mauer. In: Die Rote Fahne, 27.1.1922, S. 2, Wer zahlt? In: Die Rote Fahne, 11.1.1924, S. 5, “Lina”. Erzählung aus dem Leben eines Dienstmädchens. In: Die Rote Fahne, 15.4.1926, S.6, Vierzehn Nothelfer. In: AZ, 16.7.1933, S. 18, als Lawrence H. Desberry: Das Martyrium des Zensors. In: Die Rote Fahne, 15.9.1926, S. 6, Abenteuer in Florenz. In: Die Rote Fahne, 1.1.1927, S. 8.

Otto Koenig: Lebenserinnerungen. (H. z. M.: Ende und Anfang, S. Fischer Verlag, Berlin). In: AZ, 12.8.1929, S. 3.

Literatur

Karl-Markus Gauß: Hermynia zur Mühlen oder Kein Weg zurück aus Hertfordshire. In: Ders.: Tinte ist bitter. Literarische Porträts aus Barbaropa. 2. Aufl. Klagenfurt-Salzburg: Wieser 1992, 160-173; Altner, Manfred: Hermynia Zur Mühlen: Eine Biographie. (1997); Dirk Wiemann: Exilliteratur in Großbritannien 1933-1945, 103-135 (1998); Upton Sinclair, Wieland Herzfelde, Hermynia Zur Mühlen: Werter Genosse, die Maliks haben beschlossen… Briefe 1919-1950 (2001); Primus-Heinz Kucher: Literarische Modernität – Hermynia Zur Mühlens Roman „Unsere Töchter die Nazinen“ (2001) [Online verfügbar]; Ders.: Engagement, Form und Experiment: Zur den frühen Exilromanen Die vierzehn Nothelfer und Unsere Töchter die Nazinen von Hermynia Zur Mühlen. In: TRANS 2004 [Online verfügbar]; Andrea Hammel: Every Day Life as Alternative Space in Exile Writing. The Novels of Anna Gmeyner, Selma Kahn, Hilde Spiel, Martina Wied and Hermynia Zur Mühlen, 39-72 (2008); Sabine Schmidt: von Revolution und Resignation, Licht und Dunkel, Individuum und Gemeinschaft. Hermynia Zur Mühlens ‚Propagandaerzählungen‘ Licht und Der Tempel (1922). In: U. Kittstein, R. Zeller (Hg.): „Friede, Freiheit, Brot!“ Romane zur deutschen Novemberrevolution, 103-137 (2009); Alisa Wallace: Hermynia Zur Mühlen: The Guises of Socialist Fiction (2010);

Werkausgabe:

Hermynia Zur Mühlen: Werke. Bd.1-4. Im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung, ausgewählt, kommentiert und mit einem Porträt von Ulrich Weinzierl. Mit einem Essay von Felicitas Hoppe. Wien: P. Zsolnay Verlag 2019.

Eintrag bei austria-forum.org, bei Exilarchiv.de, bei stifter-haus.at, bei theodorkramer.at, bei Penn Libraries.

(MA)

geb. am 28.11.1881 in Wien – gest. am 23.2.1942 in Petrópolis, Rio de Janeiro, Brasilien; Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker, Exilant

Stefan Zweig stammte aus einer wohlhabenden assimilierten jüdischen Familie (Vater Moriz war Textilfabrikant, Mutter Ida, geb. Brettauer, Tochter eines Geschäftsmanns) und wuchs im ersten Gemeindebezirk Wiens auf. Angeregt durch das kulturelle Milieu im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts (obwohl Zweig eine Generation jünger war, gibt es biographische und literarische Verbindungslinien zu den Protagonisten des Fin de Siècle) veröffentlichte Zweig schon im Alter von 15 Jahren unter dem Pseudonym Ewald Berger in der Münchner Zeitschrift Die Gesellschaft sein erstes Gedicht. Seit etwa 1897-98 widmete sich Zweig intensiv der Literatur und begann bereits als Schüler, eine Autographensammlung anzulegen (die später mehr als 1000 Autographen umfassen sollte, u. a. von Schiller, Lessing, Goethe Kleist, Büchner). Nach der Matura am Gymnasium in der Wasagasse belegte Zweig an der Universität Wien das Studium der Philosophie und Literaturgeschichte. Als Student verfasste Zweig Erzählungen (seine erste Novelle Vergessene Träume wird im Juli 1900 in der Berliner Illustrierten Zeitung veröffentlicht), Gedichte (sein erstes Buch Silberne Saiten erscheint im Verlag Schuster & Löffler, Berlin), veröffentlicht Rezensionen und übersetzt Lyrik vom Französischen ins Deutsche (von Paul Armand Silvestre, Charles Baudelaire und Paul Verlaine). Die frühen Veröffentlichungen Zweigs wurden meist vom Prager Illustrator und Kunstpädagogen Hugo Steiner (1880-1945), einem Schüler des Jugendstilmalers Franz v. Stuck graphisch gestaltet. 1902 erfolgte ein längerer Aufenthalt in Berlin, Zweig lernte zahlreiche Dichter kennen und verkehrte im Literatenkreis „Die Kommenden“. Auf Vermittlung von Theodor Herzl folgten die ersten Veröffentlichungen Zweigs in der Neuen Freien Presse. Im August 1902 kam es in Brüssel zum ersten Treffen mit Emile Verhaeren; Zweigs Übersetzungen ausgewählter Gedichte des belgischen Dichters sollten zwei Jahre später gleichfalls bei Schuster & Löffler in Berlin veröffentlicht werden. 1904 wurde Zweig mit einer Arbeit über Die Philosophie des Hippolyte Taine zum Doktor der Philosophie promoviert, ab Mitte Oktober hielt er sich für sechs Monate in Paris auf. Noch im selben Jahr erschien zudem der Erzählband Die Liebe der Erika Ewald. Ab 1905 erschienen die erste (Reise)Feuilletons in der NFK (Zweig unternahm Reisen nach Frankreich, Spanien, Algerien, Italien) und Dichterportraits in der Czernowitzer Allgemeinen Zeitung, wieder bei Schuster & Löffler wird Zweigs erste literarische Biographie Verlaine veröffentlicht. 1906 wird ihm, gemeinsam mit E. Handel-Mazzetti, H. Salus, F. K. Ginzkey u.a. der Bauernfeld-Preis (1000 Kr.) zugesprochen. Zweigs Gedichtsammlung Die frühen Kränze wurde als erste Publikation Zweigs im Insel Verlag in Leipzig veröffentlicht, der Pester Lloyd (PL) attestierte Zweigs Gedichten ein „schmerzlich weiche[s] Adagio“, feinen Sinn für „Wortmusik“ und eine „skeptische Distanz zum bewegten Leben (PL, 28.4.1907). 1907 wurde im Insel Verlag schließlich Zweigs erstes Theaterstück Tersites. Ein Trauerspiel in drei Aufzügen veröffentlicht. In den Folgejahren betätigte sich Zweig auch vermehrt als Literaturkritiker, u.a. für die NFP, beginnend mit einer Bilanz des Roman-Literaturjahres 1908, in dem er nicht nur die neuen Romane von A. Schnitzler, J. Wassermann, F.K. Ginzkey (der seinen Roman Jakobus und die Frauen Stefan Zweig gewidmet hat) u. E. Lucka, sondern vor allem den Roman Die Haindlkinder von R.H. Bartsch als einen „unbändigen, glühenden Hymnus auf Österreich“ auffällig hervorhebt, fortgesetzt mit einem Verhaeren-Porträt in der Zs. Der Merker 1909. Die ebenfalls 1909 abgeschlossene dreibändige Verhaeren-Ausgabe, der 1910 eine von ihm eingeleitete Dickens-Ausgabe folgte, festigte den Kontakt zu A. Kipperberg und dem Insel Verlag in Leipzig. 1911 kam Verhaerens lyrisch-dramatisches Gedicht Das Kloster in der Übertragung durch Zweig am Deutschen Volkstheater zur Aufführung. Im Februar 1911 traf Zweig in Paris erstmals Romain Rolland und veröffentlichte seinen zweiten Erzählband Erstes Erlebnis. Vier Geschichten aus Kinderland. 1912 unternahm Zweig Vortragsreisen durch Deutschland und Österreich, besuchte in Breslau die Uraufführung seines Einakters Der verwandelte Komödiant, der A. Ehrenstein im PL an Hofmannsthals Gestern erinnerte. Am 26. Oktober feierte Zweig mit Das Haus am Meer sein Burgtheaterdebut. H. Leoster kritisiert das Stück als „konstruiert“ und „mühselig“, auch Felix Salten konnte ihm nicht viel abgewinnen: Es habe zwar schöne Verse, sei jedoch eine Arbeit ohne „innere Notwendigkeit“, ein „Stück voll Handlung und dennoch leer“.

Zum Kriegsausbruch 1914 veröffentlichte Zweig in der NFP das bezeichnende Feuilleton Heimfahrt nach Österreich. Nach seiner Rückkehr aus Belgien am 30. Juli wurde Zweig zunächst dem k.u.k. Trainzeugsdepot in Klosterneuburg zugeteilt, ab 1. Dezember in das Kriegsarchiv in der Stiftskaserne Wien versetzt. Noch im selben Jahr erschien Zweigs Novelle Brennendes Geheimnis, Vorlage für die erste von zahlreichen Zweig-Verfilmungen (1923 unter der Regie von Rochus Gliese), als selbstständige Publikation im Insel Verlag. Ende 1917 wurde Zweig von seinem Dienst im Kriegsarchiv freigestellt und reiste danach in die Schweiz, wo er bis zum Frühjahr 1919 blieb und zahlreichen europäischen Intellektuellen und Dichtern wie Frank Wedekind, Iwan Goll oder James Joyce begegnete. Am 27. Februar 1918 kam Zweigs Jeremias, der in der Jüdischen Korrespondenz als „biblische Kriegsdichtung“ bezeichnet wurde, am Stadttheater Zürich zur Uraufführung. Obwohl Zweig 1919 nach Österreich zurückkehrte, um in Salzburg ein Haus am Kapuzinerberg zu beziehen, bildet der Erste Weltkrieg eine Zäsur in seiner Biographie, an der er sich bis zu seinem Lebensende abarbeiten sollte. Zweigs Glaube an Europa und den „habsburgischen Mythos“ (Magris) mag auch durch seine familiäre Herkunft begründet sein (seine Mutter entstammte einer jüdischen Vorarlberger Familie, war in Italien geboren und aufgewachsen, sein Vater stammte aus Mähren). Jedenfalls sollte Zweig gegen alle nationalistischen Tendenzen, die die europäischen Staaten erfassten, bis zuletzt für eine Einigung Europas plädieren (noch 1936 hält Zweig eine Rede mit dem Titel Die geistige Heimat Europas). Am 28. Januar 1920 heiratete Zweig Friderike von Winternitz, im selben Jahr erfolgte die Veröffentlichung des Essaybands Drei Meister. Balzac, Dickens, Dostojewski im Insel Verlag sowie die Biographie Romain Rolland. Der Mann und das Werk (im Verlag Rütten & Loening). Zweigs Biographie des französischen Nobelpreisträgers wurde unter anderem von der schwedischen Reformpädagogin Ellen Key rezensiert (Marie Franzos Übersetzung der Rezension von Key erschien in der NFP am 11. März 1923). Zweigs Beschäftigung sowohl mit zeitgenössischen als auch mit den großen Autoren des 19. Jahrhunderts steht in engem Zusammenhang mit seinem Interesse für den künstlerischen Prozess und Fragen nach künstlerischer Kreativität; das ›Geheimnis‹ der Produktivität ist eines der zentralen Themen im Oeuvre Zweigs (der Titel eines Vortrags, den er 1938 in Amerika halten wird, lautet: Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens). 1922 nahm Zweig in Paris an der Gründungsversammlung des ›Cercle littéraire‹ (später P.E.N.-Club) teil. Anlässlich der Veröffentlichung des Prosabands Amok bezeichnet Julian Sternberg Zweig in der Zeitschrift Moderne Welt im Februar 1923 (Jg 4, H. 9) als „den unstreitig bedeutendsten unter der jüngeren deutschen Dichtergeneration“. 1924 erschien im Insel Verlag unter dem Titel Die gesammelten Gedichte eine Auswahl von Zweigs lyrischem Werk. Am 6. November 1926 erfolgte die Uraufführung von Zweigs Volpone, einer Bearbeitung von Ben Johnsons Volpone, or The Fox (1605/1606) im Wiener Burgtheater; Hans Liebstöckl reagierte auf den Erfolg des Stücks in Die Bühne am 18. November 1926: „Das Burgtheater hat ein neues Kassenstück“. 1927 erschien der Bd. Sternstunden der Menschheit, der in der ersten Ausgabe fünf historische Miniaturen enthielt, in den weiteren Auflagen sukzessive erweitert wurde. Fritz Rosenfeld (Salzburger Wacht, 9.12.1927) klassifizierte das Buch als „eine Art poetische Geschichtsschreibung, dichterisch gesteigerter, aus dem Einmaligen das Allgemeingültige herausschälender Wirklichkeitsbericht“. 

In den folgenden Jahren veröffentlichte Zweig eine Reihe historischer Biographien, zunächst Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen (1929), Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters (1932) und 1934 Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. Am 19. Februar fand in der Villa am Kapuzinerberg eine polizeiliche Hausdurchsuchung statt, durch die sich Zweig gezwungen sah, Österreich zu verlassen. Zweig reiste im Februar 1934 über Paris zunächst nach London, von wo aus er in den folgenden Jahren Reisen unter anderem in die Schweiz, nach Frankreich, nach Brasilien, in die USA, nach Portugal und eine letzte Reise nach Österreich (November 37) unternehmen sollte. 1938 erfolgte die Scheidung von Friderike, Mitte Dezember desselben Jahres reiste Zweig mit Lotte Altmann (Hochzeit am 6. Sept. 1939) nach New York und begab sich bis März 1939 auf Vortragsreise durch die USA. Zweigs erster (und zu Lebzeiten einziger) Roman Ungeduld des Herzens erschien in Zusammenarbeit der beiden Exilverlage Bermann-Fischer und Allert de Lange in Stockholm und Amsterdam. Im März 1940 erhielten Lotte und Stefan Zweig die britische Staatsbürgerschaft, verließen das europäische Festland am 25. Juni mit der Abreise von Liverpool nach New York kurz darauf aber dennoch endgültig. Im Jahr 1941 erschien Brasilien. Ein Land der Zukunft in deutscher Sprache bei Bermann-Fischer, Zweig hielt sich mehrmals in den USA und Brasilien auf, ließ sich im September schließlich in Pétropolis nieder und versendete im November von dort aus das Manuskript von Die Welt von Gestern an mehrere Verlage. Am 22. Februar nahmen sich Stefan und Lotte Zweig mit einer Überdosis Veronal das Leben, die Sterbeurkunde weist als Todestag den 23. Februar aus; posthum erscheinen noch im selben Jahr Amerigo. Geschichte eines historischen Irrtums, Schachnovelle und Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers.


Quellen und Dokumente

Abendaquarelle aus Algier. In: Neue Freie Presse, 27.4.1905, S. 1f., „Die Haindlkinder“. In: Neue Freie Presse, 27.9.1908, S. 31f., Heimfahrt nach Oesterreich. In: Neue Freie Presse, 1.8.1914, S. 1f., Die schlaflose Welt. In: Neue Freie Presse, 18.8.1914, S. 1-3.

Hans Bergmann: Silberne Saiten. In: Montags-Revue aus Böhmen, 29.4.1901, S. 5, Hermann Leoster: Burgtheater. („Das Haus am Meer“. Ein Schauspiel in zwei Teilen von Stefan Zweig.) In: Der Morgen, 28.10.1912, S. 6, Felix Salten: Burgtheater. „Das Haus am Meer“, ein Schauspiel in drei Aufzügen von Stefan Zweig. In: Pester Lloyd, 27.10.1912, S. 1f., Albert Ehrenstein: Stefan Zweig: Der verwandelte Komödiant. In: Pester Lloyd, 12.10.1913, S. 21,

Literatur

Arturo Larcati, Klemens Renoldner, Martina Wörgötter (Hg.): Stefan-Zweig-Handbuch. Berlin, Boston: de Gruyter 2018.

(PK)