geb. am 19.7.1863 in Linz – gest. am 15.1.1934 in München; Schriftsteller, Kritiker, Redakteur

Der Sohn eines Notars und Landtagsabg. besuchte in Linz die Volksschule und vier Jahre das Akademische Gymnasium. Von 1878 bis 1881 absolvierte er das Benediktiner-Gymnasium in Salzburg. Danach ging B. nach Wien zum Studium der klassischen Philologie, die er bald gegen Jus und Nationalökonomie eintauschte, wurde Mitglied einer Burschenschaft u. lernte u.a. Georg v. Schönerer kennen. In diese Zeit datieren auch die ersten feuilletonist. Beiträge in Ztg. wie Deutsche Hochschule, Deutsche Worte, Kyffhäuser Zeitung u. in den Salzburger Nachrichten. Aufgr. seiner Rede beim deutschnationalen Trauerkommers für Richard Wagner wurde er im März 1883 von der Univ. Wien relegiert, studierte danach kurz in Czernowitz und Graz und ab 1884 in Berlin, wo er Nationalökonomie u.a. bei Gustav von Schmoller hörte, aber auch in Kontakt zu Heinrich v. Treitschke, August Bebel, Arno Holz u. Henrik Ibsen kam. 1887 beendete er das Studium ohne Abschluss (seine Dissertation über K. Marx wurde nicht angenommen), kehrte nach Linz zurück, absolvierte den Militärdienst als Einjährig Freiwilliger und verbrachte 1888 ein Jahr in Paris. Dort widmete er sich vorwiegend der Literatur u. veröffentl. 1889 seine erste Essayslg. Zur Kritik der Moderne (ED 1890), die z.T. wegweisende Texte zur Literatur, zum Theater, zur Kunstgeschichte, Philosophie u. Nationalökonomie enthielt. 1890 kehrte Bahr nochmals nach Berlin zurück, in der Hoffnung, über die Mitarbeit an den Zss. Freie Bühne für modernes Leben, Moderne Dichtung, Berliner Tageblatt sowie durch die ersten Theaterstücke Die Mutter, Die gute Schule und Die neuen Menschen seinen literar.-publizist. Durchbruch zu schaffen, was jedoch nicht eintrat. Wieder in Wien entwickelte sich Bahr zu einem prononcierten Verfechter des ›Jungen Wien‹ u. seiner kosmopolit. Moderne-Konzeption. Er begriff sich dabei als „prophetischer Wanderer“, der sein Moderne-Credo mit religiös-ästhetischem Gestus einerseits (Müller-Funk 2016) u. einer produktiven Aneignung zeitgenöss. französ. u. engl. Moderne- bzw. Décadence- Referenzen vortrug bzw. parallel zu jenem Hugo von Hofmannsthals (Bourget, Barrès, Huysmans, Pater, Ruskin, Swinburg, Wilde, später erst Shaw; Arlaud, Benay, Daigger 2004) entwickelte u. ausdifferenzierte, so z.B. in Die Überwindung des Naturalismus (1891) sowie Zur Kritik der Moderne (1894). B.s. Gestus u. seine Rolle in der Jung-Wien-Gruppe provozierte K. Kraus zu anfangs iron., später polemisch-ätzenden Verrissen, z.B. in Die demolirte Literatur (1897), u. zu rund 400 meist negativen Nennungen in der Fackel. 1892-94 war B. Kulturredakteur u. kurzztg. MitHg. der Deutschen Zeitung. Im Zuge eines weiteren Paris-Aufenthalts traf Bahr 1893 mit Theodor Herzl zusammen, der gerade an seiner Schrift Der Judenstaat (1895) arbeitete u. Anfang der 1880er Jahre Mitglied in derselben Burschenschaft (Albia) war, der auch B. angehörte, aus der H. jedoch 1883 austrat. Die beiden blieben bis H.s. Tod (1904) in sporadischem Kontakt, sandten sich wechselseitig ihre Werke zu u. besprachen sie auch. 1894 wurde Bahr Mitbegr. (mit H. Kanner u. I. Singer) der Wochenschrift Die Zeit, die er auch der tschech. Moderne (J.S. Machar, F.X. Šalda u.a.) öffnete, woraus sich in der Folge ein intensiver intellekt. Austausch mit dem Regisseur, Übersetzer u. Kulturpolitiker Jaroslav Kvapil ergeben sollte. 1894 erschien auch B.s. Interviewsammlung Der Antisemitismus, die 41 Stellungnahmen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, England, Spanien u. Italien versammelte u. als Reaktion auf den insbes. im Dt. Reich ansteigenden Antisemitismus als polit. Bewegung (1893 mit 16 Abgeord. in den Reichstag gewählt) gedacht war. 1895 kam es zur Heirat mit der (jüd.) Schauspielerin Rosa Jokl; die Ehe wurde 1909 nach bereits erfolgter Trennung seit 1904 geschieden.

Seit der Grd. der Wiener Secession begl. B. auch diese publizist. u. kulturpolitisch, arbeitete an ihrer Programm Zs. Ver Sacrum (1898ff.) mit u. fasste seine Texte zur Publik. Secession (1900) zusammen. 1901-1903 setzte sich B. vehement für G. Klimt ein, der an der Innenausstattung seiner von J.-M. Olbrich geplanten Villa in Ober St. Veit mitwirkte. Nach Erkrankungen 1902-03 wandte sich B. stärker dem Katholizismus sowie dem Österreichischen zu, befördert auch durch die Beziehung zur Schauspielerin Anna Mildenburg (Verehelichung 1909) u. sichtbar im Essay Wien (1906), mit dem das Barock als österr. Stil, Lebens- u. Kulturform aufgewertet wird. Zwischen 1904 u. 1908 skizzierte B. Festspielpläne in Salzburg, die jedoch trotz Einbeziehung von M. Reinhardt nicht zustande kamen. 1909 legte B. zwei seiner erfolgreichsten liter. Texte vor, die Dalmatinische Reise sowie das Lustspiel Das Konzert (UA in der Regie von O. Brahm, Lessingtheater, Berlin). Die bereits in den 1890er Jahren bemerkbaren ambivalenten Zeit- u. Kulturdiagnosen verstärken sich in der unmittelbaren Vorkriegszeit, um neben einem, u.a. von Kraus kritisierten „unablässige Wandel“, (Rieckmann, 1986) tw. gegenläufige Positionen einzunehmen. Vor dem Krieg noch „aktiver“ Pazifist im Essay Friede (1912) wird B. nach 1914 in Kriegssegen (1915) zu einem der österr.-patriot. Kriegsapologeten, um davon erst langsam u. nur partiell 1917-18 abzurücken. Wichtig war ihm jedoch stets die Bühnenpräsenz, und diese war 1914-17 beeindruckend: mehrmals wurde Der Querulant aufgeführt, daneben noch die Komödien Der Star, Wienerinnen, Die Kinder, Der Augenblick, Das Konzert und der „Schwank aus der deutschen Mobilisierung“, d.h. Der muntere Seifensieder. 1916 ersch. neben der kunst- wie kulturtheoret. Schrift Der Expressionismus auch der Roman Himmelfahrt, eine Art „Naturgeschichte des österr. Katholizismus“, ferner der Essay Der Österreicher, in dem B. die plurinationale Komponente des Nationalen herauszustreichen versuchte. Die klerikale u. österr.- patriot. Wende fand 1917 mit dem R. v. Kralik gewidm. Bd. Schwarzgelb einen ihrer frühen Höhepunkte. Im Dez. 1917 veröffentl. B. einen TB-Text, in dem er im Kontext von Friedenskonzepten Österr. eine Mittlerrolle zusprach, d.h. indir. dafür plädierte, sich gegen die Idee „deutscher Weltbeglückung“ zu positionieren. Anlässl. des Ersch. des Rudigier (1918) bezeichnete Max Foges Bahr im Neuen Wiener Journal (NWJ) als „Schriftsteller in Mönchskutte“, d.h. in derselben Ztg., in der B. seine oft vielseitigen TB-Eintragungen (u.a. zu persönl. Begegnungen oder neuen Tendenzen Lit. u. anderen Künsten, z.B. über J.M. Hauers Über die Klangfarbe, 1.12. 1918) veröffentl. u. die breit über ihn berichtete. Ende Aug. 1918 wurde B. mit der interimist. Leitung des Burgtheaters beauftragt, er wirkte dort als Regisseur bis März 1919; den Zusammenbruch des alten Ö. u. die Errichtung der parlament. Republik kommentierte er tendenziell spöttisch, u.a. in einem Lustspiel, von dem ein Akt in der NFP abgedr. wurde. 1919 erschien der umstrittene wiewohl auch komplexe Roman Die Rotte Korahs, in dem B. (österr.) Facetten d. Antisemitismus wie des Zionismus thematisiert, wiewohl, so der Rez. im NWr.Tbl. in den Roman „ [ ] viel von der katholischen Luft der ‚Himmelfahrt‘ hinein [weht] u. B.s. Vorstellungen vom Zionismus von verdeckt antisemit. Grundierung und „katholischer Mystik“ (so M. Foges) überlagert erscheinen. An den 1919-20 wiederaufgen. Bemühungen zur Etabl. der Salzbg. Festspiele war B. zunächst nicht beteiligt; er wertete die erste Jedermann-Auff. J. Redlich gegenüber als „scheußlich“ ab, rühmte aber 1922 Reinhardts „barocke Theaterkunst“, nachdem sich er zuvor, für die Realisierung von Hofmannsthals Salzburger Große Welttheater beim Erzbischof eingesetzt hatte.

1922 übersiedelt B. aus famil. Grd. nach München, nicht ohne die Bez. zu Salzbg. u. Wien aufzugeben, wie die Würdigungen zu seinem 60. Geburtstag 1923 zeigen. In diesem Jahr legte er auch sein autobiogr. Selbstbildnis vor, für Döblin im Prager TBl. (18.7.1923) das „Muster einer veralteten Lebensbeschreibung“. Die 1920er Jahre stehen schließlich unübersehbar im Zeichen einer Wende hin zum Propagator katholisch-kulturpolitischer Anliegen, sichtbar in der publizist. Mitwirkung an Ztg. wie Reichspost, Das neue Reich und Die schönere Zukunft, die nicht nur konservativ, sd. antidemokrat., tw. militant antisemit. u. kulturkämpferisch für kathol. Interessenslagen wie z.B. die Errichtung einer kathol. Universität in Salzburg auftraten. Beträge wie Katholische Musik (NR, 33/1920), Meinung und Glaube (NR, 39/1922), Christliche Wahrheit (RP, 27.10.1922), Das Reich Gottes (NR, 6/1923), Abendland (NR, 45/1924) bis hin zu Katholische Partei (SchöZuk, 16/1929) belegen diese Wende vom ›Mann von Übermorgen‹ hin zu einem in Predigermanier auftretenden, dogmatischen ›Mann von Gestern‹, wie dies auch die Dialogerz. Himmel auf Erden (1928) deutlich macht. Nichtsdestotrotz finden sich in B.s. regelmäß. TB-Texten im NWJ bis 1931 ungewöhnl., d.h. sowohl kathol.-konservat. Positionierungen als auch welthaltige aktuelle Einträge u. Leseerfahrungen (von B. Frank über H. Mann bis H. Zur Mühlen, W. Whitman u. M. Proust). Ungeachtet seiner kulturpolit. Volten behaupteten sich B.s. Stücke auf den Wiener Theatern bis Anfang der 1930er Jahre überaus gut, mitunter mit mehreren Aufführungen in einer Spielsaison wie z.B. 1928 mit Die Kinder, Der Querulant, Das Prinzip, Luftwechsel am Akademietheater sowie Der arme Herr als Radiospiel. 1927 wurde B. in die Sektion Dichtkunst der Preuß. Akademie der Künste aufgenommen, Anfang der 1930er Jahre erkrankte er, litt am Ende an Demenz u. brach zahlreiche Kontakte ab. Zu seinem 70.Geburtstag ersch. noch zahlr. Würdigungen, u.a. durch E. Buschbeck, M. Graf oder St. Zweig, verhalten auch durch O. Koenig, u. das Burgtheater führte im Sept. 1933 als Hommage B.s. Stück Der Meister auf.


Weitere Texte (Auswahl)

Erz./R.: Dora (1893); Theater (1897); Die Rahl (1908); Austriaca (1911); Österreich in Ewigkeit (1929);  Dr./Komödien: Das Tschapperl (1887); Ringelspiel (1907).

Quellen und Dokumente

Beiträge H. B.s.: Der Österreicher. In: Neues Wiener Journal, 9.1.1916, S. 6f., Tagebuch (erster Eintrag). In: Neues Wiener Journal, 24.12.1916, S. 7f., Tagebuch [zum Frieden]. In: Neues Wiener Journal, 8.12.1917, S. 4f.

Paul Kurmann: H. B.s Expressionismus. In: Neues Wiener Journal, 16.6.1916, S. 7, Reichskanzler Michaelis in Wien [zu Schwarzgelb]. In: Reichspost, 1.8.1917, S. 1f., Max Foges: H. B.s „Rudigier“. In: Neues Wiener Journal, 3.3.1918, S. 11f., H. Greinz: Die Rotte Korahs. In: Neues Wiener Tagblatt, 3.5.1919, S. 3f., Max Foges: Die Rotte Korahs. H. B.s neuester Roman. In: Neues Wiener Journal, 16.4.1919, S. 3f., Otto Koenig: H. B. (Zu seinem sechzigsten Geburtstag am 19. Juli 1923). In: Arbeiter-Zeitung, 19.7.1923, S. 3f., Raoul Auernheimer: Akademietheater. (Zum erstenmal: „Der Querulant“ von H. B.). In: Neue Freie Presse, 21.4.1925, S. 1f., R. A.: „Josephine“ im Akademietheater. In: Neue Freie Presse, 4.10.1930, S. 1-3, Max Graf: Der junge Hermann Bahr. In: Die Bühne (1933), H. 355, S. 26f., Erhard Buschbeck: H. B. Zum siebzigsten Geburtstag des Dichters. In: Radio Wien, 14.7.1933, S. 6f., Stefan Zweig: H. B. zum 70. Geburtstag. Der Don Juan der Erkenntnis. In: Neue Freie Presse, 19.7.1933, S. 8, N.N.: Gleichschaltung mit dem Wahnsinn. In: Arbeiter-Zeitung, 19.12.1933, S. 4.

Literatur (Auswahl)

D.G. Daviau: Der Mann von Übermorgen. H. Bahr 1863-1934 (1984); M. Dietrich (Hg.): Der Herr aus Linz. = H. Bahr Symposium 1984 (1987); R. Farkas: H. Bahr. Dynamik und Dilemma der Moderne (1989); H. Hogen: ‚Der Mann von Übermorgen‘? H. Bahr in seinen späten Schriften. In: ÖGL 1(1994); J. Lachinger (Hg.): H. Bahr – Mittler der europäischen Moderne. O= H. Bahr Symposium 1998 (2001); J. Benay, A. Pfabigan (Hgg.): H. Bahr – Für eine andere Moderne (2004); R. Urbach über H. Bahr. In: Literatur u. Kritik H. 489 (2014); T. Zelić (Hg.): Traditionsbrüche. Neue Forschungsansätze zu Hermann Bahr. = Wechselwirkungen Bd. 19 (2016).

Eintrag in: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 1, 1954), S. 44f.

Online verfügbar: Kritische Ausgabe, Korrespondenznachlass.

Primus-Heinz Kucher: Rez. zu: Kurt Ifkovits: Hermann Bahr – Jaroslav Kvapil. Online abrufbar bei literaturhaus.at, P.-H. K.: Rez. zu: Kurt Ifkovits (Hg): Hermann Bahr. Tagebuch aus dem Neuen Wiener Journal 1927-1931. Online abrufbar bei literaturhaus.at.

(PHK)