Geb. 30.11.1886 in Budapest (urspr. Familienname: Weinberger), gest. 6.10. 1948 in Budapest. Grafiker, Bildhauer, Plakatkünstler, Exilant

Biró, der einer ungarisch-jüdischen Kaufmannsfamilie entstammte, absolvierte in Budapest die Königliche ungar. Kunstgewerbeschule und begab sich danach bis 1912 auf Reisen bis nach Großbritannien. Seine erste Ausstellung hatte er 1912 im Budapester Künstlerhaus. Von 1914 bis 1917 nahm er am Ersten Weltkrieg teil, aus dem er aufgrund gesundheitlicher Probleme vorzeitig freigestellt wurde. Er engagierte sich früh für soziale Belange und entwarf gesellschaftskritische Plakate; 1919 nahm er wie viele zeitgenössische ungarische Intellektuelle und Künstler am Experiment der Räterepublik aktiv teil, weshalb er im Herbst 1919 zur Flucht nach Wien gezwungen war. Dort entstand auch die aufwühlend-anklagende Plakatserie Horthy, welche die Gewalt der Gegenrevolution zum Thema hatte und in so unterschiedlichen Organen wie der Wiener Morgenzeitung, der Vorarberger Wacht sowie der Roten Fahne auf zustimmende Resonanz traf. Für den Wahlkampf der Sozialdemokratischen Partei des Jahres 1920 (später auch für jenen des Jahres 1927) zeichnete Biró eine Reihe von expressiven Plakaten. Daneben fertigte er auch Gebrauchsplakate an, z.B. 1922 für die Wiener Messe. 1924 trat er in die Redaktion der Zs. Die Bühne ein, für die er als „künstlerischer Leiter“ figurierte (H. 2/1924, S.4) und illustrierte, vermittelt durch H. Liebstöckl, auch Fortsetzungsromane für die Ztg Die Stunde bis Ende 1927. Gelegentlich verfasste er auch ironische Kurzerzählungen wie z.B. Auch ich war einmal ein Schieber (Die Bühne, H. 31/1927, 18-20). 1928 übersiedelte Biró nach Berlin, verbunden mit der Hoffnung auf bessere Verdienstmöglichkeiten, kehrte dann aber noch vor dem Machtantritt der NSADP 1932 nach Wien zurück. Am 27.2. 1930 druckte die Ztg. Der Abend sechs Lithographien aus dem Horthy-Zyklus von 1920 wieder ab (hier), woraufhin diese vom Staatsanwalt beschlagnahmt wurde, was zu einem empörten Leitartikel führt, aber auch zu einem Prozess, in dem – ein Beispiel politisch motivierter Rechtssprechung – die verantwortlichen Redakteure des Abend wegen „Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit“ (in Anlehnung an den 1929 modifizierten sog. Schmutz- und Schund-Paragraphen des StGB, insbes. betr. die Zeichnung „Bestien“) – in allen Instanzen bis zum Obersten Gerichtshof (Urteilsbestätigung vom 23.10.1930) verurteilt wurden. Aufgrund seiner Sympathien für die Schutzbund-Kämpfer im Zuge des Bürgerkriegs vom Februar 1934 sah er sich zur Flucht in die Tschechoslowakei genötigt. Dort schlug er sich mit verschiedenen Gelegenheitsarbeiten durch, weil ihm die Horthy-Regierung die Einreise nach Ungarn, wo 1924 ein Prozess gegen ihn und anderen kulturell-künstlerischen Weggefährten der Räteregierung in Abwesenheit geführt wurde (mit Freispruch 1926 geendet), verweigerte. 1938 flüchtete Biró nach Paris, wo er die NS-Besatzung als Häftling in einem Spital überlebte, um 1947 wieder nach Budapest zurückzukehren.

Literatur und Materialien:

P. Noever, M. Diers (Hgg.): M. Biró. Pathos in Rot. (Ausstellungskatalog) Nürnberg (MAK- Studies 19) 2010; B. Denscher: Mihály Biro [2018]. (online verfügbar)

S.S.: M. Biró: Horthy. 20 Lithographien. In: Wiener Morgenzeitung, 1.8.1920, S. 8; N.N. M. Biró: Horthy (Anzeige) In: Rote Fahne, 12.11.1920, S. 4. Illustration zum FS-Roman Tod im Rennwagen von F.X. Kappus. In: Die Stunde, 10.3.1925, S. 11; Kuren ohne Kurtaxe. In: Die Bühne H. 37/1925, S. 11; F. Heller, M. Biró: Mama und Tochter gehen auf den Ball. In: Die Bühne H. 61/1926, S. 34; M.B.: Abenteuer eines frohen Festsängers in Wien. In: Die Bühne, H. 193/1928, S. 28-29; Die schamlose Konfiskation (Leitartikel). In: Der Abend, 28.2.1930, S. 1; Horthy führt Prozeß gegen den ‚Abend‘. In: Der Abend, 24.10.1930, S. 1. N.N.: Ein Grenzfall (Kommentar zum Urteil gegen den Abend); in: AZ, 25.10.1930, S. 5; Kommentar des Urteils in: NWJ, 25.10.1930, S. 13.

(PHK)