Noch vor Kriegsende forderte Otto Flake im Sommer 1918 die Schaffung eines Bund der Geistigen, um die anstehende moralisch-politische Krise zu diskutieren. Im Gefolge der deutschen Niederlage und der Einrichtung von Räte-Institutionen in Berlin, München, aber auch in Wien trat zunächst Kurt Hiller, aus dem Aktivismus kommend, mit der Grd. eines Rat geistiger Arbeiter in Berlin hervor, dem auch S. Jacobson u. R. Leonhard angehörten u. über den auch in der österr. Presse berichtet wurde. Am 25.11.1918 fasste der Vollzugsausschuss der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin den Beschluss, „geistige Arbeiter“ in den Gesamtverband aufzunehmen, „sofern diese sich in seinen Rahmen einfügen“. H. Menkes kommentierte dies in seinem Beitr. im NJW als bedenkliche Entwicklung und Radikalisierung der (vorwiegend bürgerl.) Jugend. In Österreich hielt die Sozialistische Vereinigung geistiger Arbeiter noch vor ihrer offiz. Konstituierung als sozialdemokr. Organisation 1919 in Linz, eine erste öffentl. Versammlung am 13.11.1918 im Wiener Konzerthaus ab. Zur Jahreswende 1918-19 entspann sich eine lebhafte Disk. über den Begriff des ‚geistigen Arbeiters‘, der v.a. in der Linken, in Österreich, zwischen SDAPÖ und KPÖ, resp. in der AZ u. RF, mit unterschiedlichen Zuordnungen u. Perspektiven versehen war. K. Leuthner konstatierte z.B. in der AZ, dass die geistigen Arbeiter aufgr. ihrer Heterogenität sowie ihrer unterschiedl. Klassen- u. Interessenslagen ihren Platz noch nicht gefunden hätten, während in der RF darunter schlicht die ausgebild. techn. Arbeitskräfte bzw. Beamte u. Lehrer, darunter viele arbeitslos geworden, verstanden u. deren Einbindung in die Räteidee gesucht wurde. Auch Schriftsteller wie Fontana oder Kuh beteiligten sich in der Zs. Der Friede an dieser Debatte.

Im Lauf des Jahres 1919, u.a. nach den enttäuschenden Wahlergebnissen vom März, als geistige Arbeiter trotz hoher Arbeitslosigkeit u. schwieriger Ernährungslage zahlreich die Deutschvölkische Partei gewählt hatten, boten sowohl die SDAPÖ als auch die KPÖ Schulungen für ihre ‚geistigen‘ Arbeiter im Rahmen der Räteorganisationen an. 1919-20 bildeten sich im bürgerlichen Lager der Allgemeine Verband geistiger Arbeiter (16.4.1919) sowie der Bund geistiger Arbeiter heraus. Während ersterer gem. Statuten sich gegen jegliche parteipolit. Ausrichtung aussprach, trat letzterer, v.a. in Salzburg 1921-23, nicht nur durch Bekleidungsaktionen sowie Konzertveranstaltungen hervor, sondern auch durch politisch bürgerlich-konservative Positionen. 1924 bot er in Linz gemeins. mit dem Alldeutschen Verband Veranstaltungen an, womit die polit. Ausrichtung deutlich sichtbar wurde. Der Zentralverband geistiger Arbeiter setzte sich wiederum in Wien stark aus arbeitslosen Offizieren zusammen, die sich ab 1920-21 u.a. in der Siedlungsbewegung der Gemeinde Wien betätigten. Eine parteiübergreifende Organisation wie z.B. die am 12.2.1920 in Paris gegr. Confédération générale des traivalleurs intellectuels kam in Österreich zunächst nicht zustande, sondern erst 1921. Am 29.12. 1923 wurde der österr. Vertreter P. Zifferer auf einer Delegiertenversammlung jedoch zum ersten Präsidenten der Confédération gewählt. Im April 1926 fand in Wien die erste Delegiertentagung außerhalb von Paris statt. Weitere nennenswerte Aktivitäten sind nicht bekannt.


Quellen und Dokumente

Ankündigung der Versammlung der Vereinigung geistiger Arbeiter. In: Neues Wiener Abendblatt, 13.11.1918, S. 4, Hermann Menkes: Die revolutionäre Jugend. In: Neues Wiener Journal, 9.12.1918, S. 3, Karl Leuthner: Die geistigen Arbeiter. In: Arbeiter-Zeitung, 24.1.1919, S. 1f., David Josef Bach: Die Künstler und der Sozialismus. In: Arbeiter-Zeitung, 9.2.1919, S. 2f., Verhunzungen des Rätegedankens. In: Die Rote Fahne, 24.4.1919, S. 3f., Karl Leuthner: Intellektuelle und Arbeiter. In: Arbeiter-Zeitung, 30.11.1919, S. 1-3, Internationaler Verbandstag für geistige Arbeiter 1926 in Wien. In: Wiener Zeitung, 3.2.1926, S. 3.

(PHK)