Der Begriff Konservative Revolution (KR) selbst weist eine längere Geschichte auf, die in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreicht; F. Engels hat ihn als einer der ersten 1848 im Zshg. mit der politischen Einschätzung des polnischen Aufstandes verwendet. Seit den 1850er Jahren taucht er dann in verschiedenen Kontexten auf; ab 1880 gewinnt er als politisches Programm zunehmend an Schärfe und Präzision, zunächst in Frankreich. Charles Maurras verwendet ihn in seiner Enquête sur la monarchie (1900) als Triebkraft für autoritäre Umgestaltungen des Staates mit Unterstützung durch die Bürokratie und das Militär. In den publizistischen und später politischen Diskurs in Österreich gelangte der Begriff im Zuge der Krise des zaristischen Systems 1917, als z.B. die geplante Ernennung eines ehemaligen russ. Justizministers zum Präsidenten der Duma mit dem Plan eines Staatsstreichs bzw., so die NFP in einem Kommentar vom 16.1.1917, einer „konservativen Revolution“ in Zusammenhang gebracht wurde.

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg formierten sich sowohl in der Weimarer Republik als auch in Österreich konservative Kräfte, die sich explizit gegen die republikanisch-demokratische Verfassung stellten und diese intellektuell und z.T. auch mit Gewalt, etwa in Gestalt der Freikorps-Bewegung in Deutschland bzw. der Heimwehren in Österreich, bekämpften. Als einer der ersten Referenztexte dienten E. Jüngers Kriegstagebücher In Stahlgewittern (1920) sowie seine Schrift Kampf als inneres Erlebnis (1922), aber auch Der wahre Staat (1921) von Othmar Spann, die Volksgemeinschaftsidee von Oswald Spengler in Preußentum und Sozialismus (Vorläuferschrift zu: Der Untergang des Abendlandes) u.a.m.  Das Spektrum der ideologisch-gesellschaftlichen Positionierungen war dabei über den Grundkonsens der Ablehnung der parlamentarischen Demokratie weit gespannt: er reichte von stärker rechtsintellektuellem Konservatismus und Aktivismus (z.B. bei Carl Schmidt, der sich u.a. Ende der 1920er in Debatten mit H. Kelsen verstrickte) bis hin zu einer Gruppe von „Nationalbolschewiken“ (Sieferle), z.B. um K. O. Paetel oder der Nationalrevolutionäre (z.B. Freikorps-Anhänger wie E. v. Salomon, aber auch E. und F. G. Jünger) sowie zu jener der Völkischen, die bereits früh Kontakte zum Nationalsozialismus unterhielten und bald nahtlos in ihm aufgingen wie z.B. H. Frank, R. Heß oder A. Rosenberg.

In der österreichischen Literatur und Kulturkritik war der Zugang zunächst von H. Bahr geprägt, der seit etwa 1900 eine konservative Wende im Zeichen der Aufwertung der Klassiker (Goethe-Grillparzer-Stifter) vollzog, den Heimat-Begriff forcierte u. eine Annäherung an den Katholizismus suchte. Noch vor Hofmannsthals Rede Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation (1927), die für den mit dem NS sympathisierenden A. Mohler (unkritisch) als Auslöser für ein (inzwischen nicht mehr als gegeben angesehenes) konservativ-revolutionäres Sammelbecken angesehen wurde, hat Bahr den Begriff in einem Feuilleton für das NWJ (1923) verwendet. Es zeigt sich dabei, dass dieser spezif. österr. Zugang mit den meisten zuvor genannten deutschen Referenzideen und Referenztexten wenig gemein hat. Bahr stützt sich vielmehr auf einen auf Augustinus fußenden Ordo-Begriff, den er in der Schrift Das Mittelalter und wir (1923) von Paul L. Landsberg sowie in Texten von Max Scheler für die Gegenwart fruchtbar gemacht findet, indem er Ordo und Revolution zusammenspannt. Sprache und Form wiederum bildeten neben einer Absage an einen engen Heimat- und Nationsbegriff den Ausgangspunkt von Hofmannsthals Rede. Es sei die Sprachnorm, welche die Nation zusammenhalte, auch ein Suchen, das sich „in jedem Wort höherer geistiger Rede“ manifestiere und auf Bindung und Gemeinschaft abziele; am Ende dieses Prozesses, den H. als KR bezeichnet, stehe „Form, eine neue deutsche Wirklichkeit, an der die ganze Nation teilhaben könne“. Stärker an Bahr orientiert, aber wohl auch an Hofmannsthal adressiert war L.v. Andrians 1930 ersch. ausgreifende Studie Die Ständeordnung des Alls, die ebenso wie sein Buch Österreich im Prisma seiner Idee (1937) die Ständeidee mit jener der KR zu verknüpften trachtete.

Wie sehr Hofmannsthals Vorstellungen von denen der Protagonisten der ‚Deutschen Revolution‘ wie E.J. Jung differierten, zeigt ein in der Zeitung der Ktn. ‚Großdeutschen‘ abgedruckter Programmartikel von Jung aus dem Jahr 1932, in dem die KR als neuer Nationalismus, der zur Totalität dränge, definiert wird.


Quellen und Dokumente

Hermann Bahr: Tagebuch. In: Neues Wiener Journal, 23.12.1923, S. 9f., H. B.: Tagebuch. In: Neues Wiener Journal, 18.8.1929, S. 12f., Edgar J. Jung: Deutsche Revolution. In: Freie Stimme, 29.6.1932, S. 1f., Die Volkwerdung der Deutschen. In: Neues Wiener Tagblatt, 27.3.1938, S. 27.

Literatur

A. Mohler:Die konservative Revolution in Deutschland 1918–1932. Ein Handbuch. (1. Aufl. 1950, erweiterte 6. Auflage, hg. von K. Weißmann), Graz 2005;  U. Nicolaus: Souverän und Märtyrer. H.v. Hofmannsthals späte Trauerspieldichtung vor dem Hintergrund seines politischen und ästhetischen Denkens. Würzburg 1990; H. Dorowin: Retter des Abendlandes. Kulturkritik im Vorfeld des europäischen Faschismus. Stuttgart 1991; St. Breuer:Anatomie der Konservativen Revolution. [1993], 2. Durchges. und korrig. Auflage. Darmstadt 1995; R.-P. Sieferle: Die Konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen. Frankfurt/M. 1995;  l. Korotin, V. Eickhoff (Hgg.): Sehnsucht nach Schicksal und Tiefe. Der Geist der Konservativen Revolution, Wien 1997; U. und H. Nicolaus: Hofmannsthal, der Staat und die „konservative Revolution“ In: JB. Politisches Denken 1997, 141-174; F. Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland. Stuttgart 2005; M. Hornáček: Konservative Revolution. Ein Desiderat der Literatursoziologie? in: Lithes 2009; (Online verfügbar), W. Hemeker, C. Mitterer, D. Österle (Hgg): Tradition in der Wiener Moderne. Berlin-Boston 2017.

(PHK)