Bezieht sich vorwiegend auf Oswald Spenglers (1880-1936) Schrift Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte (UdA),die als sein kulturphilosophische Hauptwerk angesehen wird. Der erste Band Gestalt und Wirklichkeit erschien Ende 1918 im Wiener Verlag Braumüller. Er wurde mit großem Interesse aufgenommenund polarisierte von Beginn an, sodass seit 1919 neben zustimmenden Stimmen zahlreicheund z.T. sehr gewichtige Einwände gegen dieses Werk formuliert wurden, dessen Sprache und Anlage zugleich von Vielen als faszinierend-verführerisch anerkannt, aber auch als demagogisch gewertet worden ist.

Den Auftakt der österreichischen Debatte im literarisch-kulturhistorischen Umfeld machte der Schriftsteller u. Kritiker Otto Stoessl im Pester Lloyd noch im Dez. 1918. Er erblickte in Spenglers UdA „ein außerordentliches Werk, in einer unordentlichen Zeit und Welt erschienen“, begrüßte es als ersten umfassenden „Versuch einer Morphologie der Welthistorie“. Im Mittelpunkt seiner Besprechung steht der Vergleich von Antike und Abendland-Kultur, der an Nietzsche angelehnte Begriff des ‚appollinischen‘, zugleich des unhistorisch-statischen, dem das ‚faustische‘ gegenüberstehe. Doch so plausibel ihm dieser Zugang erscheint, über die Perspektiven am Ende des ersten Bandes formuliert O. S. doch Skepsis u. kann die Vision einer „sozialen Zivilisation“, die zwangsläufig in „Kunstformen der Zersetzung und unfruchtbarer Kombination“ übergehe und somit ihren Niedergang einläute, nicht teilen. Auf Stoessl folgte Hermann Bahr mit einer im NWJ veröffentlichten Tagebuch-Reflexion Anfang Jänner 1919. Auch Bahr zeigt sich von Spengler beeindruckt, attestiert ihm gar eine „Kraft des Goetheschen Zusammensehens von Vergangenheit und Gegenwart in Eins“ (NWJ, 12.1.1919). Er folgt ihm in seinerArgumentation, etwa in Bezug auf die These vom Umschlagen der Kultur in Zivilisation, welche ein Endstadium vor nachfolgendem Niedergang bedeute, ohne irgendeine Form von Kritik. Zustimmend reagierte auch b. m[olden] in der Wiener Zeitung vom 2.2.1919, wobei er u.a. auch dessen Imperialismus-Deutung, d.h. als„typisches Zeichen des Untergangs“, heraushob. Immerhin formulierte er am Schluss einen leisen Vorbehalt gegen Spenglers Kritik des Geschichtsverständnissesvon Thukydides als von willkürlichen Erfindungen gekennzeichnetes. Ein erster massiver Vorbehalt erschien in der Wiener klinischen Rundschau und stammte vom Laryngologen und Begründer der Logopädie Emil Fröschels. Zwar spricht ihm auch F. eine „hinreißende“ Sprache in Schopenhauerscher Manierzu sowie anregenden „Reichtum an Gedanken“; aufgrund der Vereinigung von„tiefer Mystik mit kulturhistorischer Betrachtung“ (S. 174); er warnt er jedoch vor wissenschaftsfeindlicher Verführung und Vermengung von kategorialen Begriffen wie Erleben und Erkenntnis: „Durch das ganze Buch zieht die den Leser quälende Unklarheit, ob denn Erkenntnis überhaupt von Spengler nicht geringschätzig abgelehnt werde, und er den Primat des Erlebens predige“ (S.165).

Seit Ende Okt. 1919 diskutierte auch R. Musil mit Efraim Frisch (1873-1942) das Vorhaben einer Buchbesprechung, aus der sich bald die Idee eines Essays herauskristallisiert, der dann 1921 im Neuen Merkur (vorangegangen war eine Spengler-Kritik durch Helmuth Plessner) unter dem Titel Geist und Erfahrung. Anmerkungen für Leser, welche dem Untergang des Abendlandes entronnen sind, erschienen ist. Es war Musils erster bed. Essay nach dem Weltkrieg u. begründete, wie später im Roman MoE ausgeführt, das Unabänderliche, dem ein Essay gerecht werden müsse. Für Musil ist Spengler jemand, der „die Begriffe mit falschen Namen belegen oder verwechseln will“ (GE, 1043), woraus er eine „Ohnmächtigkeit des Geistes“ (GE, 1057) ableitet, welche komplexe Phänomene, z.B. die Differenzen zwischen der – so Musil – „unfruchtbare[n] Streitfrage“ – Kultur und Zivilisation oder zw. Kausalität und Motivation durch Metaphysik oder einfache Ursachenketten zu deuten vorschlage. Spenglers histor. Verständnis bildet auch den Ausgangspkt. der Musilschen Kritik im Nachfolgeessay Das hilflose Europa oder Reise vom Hundertsten ins Tausendste (1922).

Im Unterschied zur eher synthetisch angelegten Auseinandersetzung Musils bemühte sich O. Neurath um eine stärker analytische Kritik Spenglers auf der Grundlage der von Spengler in seinem UdA einbezogenen Fachwissenschaften in seiner Studie Anti-Spengler (AS, 1921). Ausgehend vom Befund, dass die Bestimmung des Organismus einer Kultur generell schwer zu fassen sei und dazu klare Parameter Voraussetzungen wären, die „wir bei Spengler vergebens suchen“ (AS, 149), demontiert Neurath Spenglers Morphologie-Konzept, das an Goethes Urpflanze angelehnt sei als in analytischer Hinsicht völlig unzulänglich – „Der platte Pathos bricht unter jeder Analyse zusammen“ (AS, 194). Er führt vor, wie problematisch Spengler mit falschen Tatsachen (insbesondere im mathematischen und physikalischen Bereich), wie willkürlich mit den Begriffen ‚wahr‘ und ‚falsch‘ verfahren werde, womit seine Methode und in der Folge „seine Darlegung über Beweisführung“ (AS, 142) in die Irre gehe und gefährlich sei. Für Neurath war diese Abrechnung mit Spengler zugleich eine wichtige Vorarbeit für späteren Essays und die Profilierung eines Wissenschaftsbegriffs, wie er im Manifest Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis 1929 Ausdruck finden wird. In diesem wird Sp. auch von M. Schlick heftig kritisiert, während L. Wittgenstein in den 1930ern durchaus Sympathien für einzelne Aspekte aufgebracht hat. Eine wiederum andere Haltung bezog z.B. der Beitr. Kultur und Zivilisation in der Ztg. Salzburger Wacht (28.6.1921), in dem Spenglers Untergangsvision die Zukunftsutopie des Sozialismus gegenübergestellt wurde. Das Erscheinen des 2. Bd. des UdA löste in Österreich weniger polarisierende Debatten aus. Während die Reaktion im linken Spektrum zurückhaltend blieb, wurde dieser Bd. in der bürgerl. Presse u. in nationalen Kreisen enthusiastisch begrüßt, wie insbes. die Besprechungen im NWJ (31.7.1922, 3-4) und NWTBl. zeigen. Während im NWJ Spenglers Bd. als „heiß umstrittenes Werk“ und „Merkstein auf der Suche nach Wahrheit“ in eine Reihe mit durchaus emanzipator. literar. Leistungen (Rilke, Strindberg, Wedekind; freilich ohne dies irgendwie zu begründen) sowie an die Seite der Relativitätstheorie gestellt wurde, verstieg sich der auch politisch (großdeutsch, später nationalsozialistisch) tätige

Historiker W. Bauer im NWTbl. gar zur These, in O. Sp. „ist uns seit Hegel wieder der erste große Geschichtsphilosoph erstanden“ und dies obgleich sich seine Thesen nicht beweisen ließen sondern hauptsächlich auf der Kraft der Intuition gründeten,welche z.B. seine Abwertung der großstädtischen Kultur, in der „intellektuelle Nomaden“ seelisch entwurzelt würden, plausibel machen. Im Juni 1923 druckte die NFP den Beitrag des aus Bielsko-Biala (Galizien) gebürtigen Leipziger Philosophen Johannes Volkelt (1848-1930) Der Aufruhr gegen die Wissenschaft ab, in dem dieser Spengler als Produkt eines durch Weltkrieg und Revolutionen „umgewühlten völkerpsychologischen Hintergrund“ einschätzte und seine Thesen als letztlich wissenschaftsfeindlich, dem Okkultismus nahe einstufte.

1924 rückte Sp. neuerlich durch seinBuch Neubau des deutschen Volkes ins Zentrum vonDebatten. So setzten sich neben Th. Mann mit Spengler der deutschesozialdemokrat. Abgeordnete Kuttner anlässl. des Erscheinens dieser Schrift in einer öffentl. Briefpolemik auseinander, die auch von der AZ nachgedruckt, während sie vom NWJ mit Genugtuung aufgenommen wurde (in der Sp. auch einen Essay über die Schule zum Abdruck brachte). Auch J. Hannak legte im Grazer Arbeiterwillen sowieim Kampf eine polem. Spengler-Abrechnung vor. Dagegen bekannte sich der populäre deutsche Schriftsteller Oscar A.H. Schmitzin einem Vortrag im Kulturbund Ende Jänner 1924 zu Spengler, ausgenommen dessen pessimistischer Perspektive, worüber die NFP ausführlich berichtete. Und sie druckte am 16.5. 1924 unter dem Titel Industrialisierung und Arbeiterschaft das 7. Kap. des Buches auf der Leitartikelseite ab, in dem u.a. das Führerprinzip in der Arbeitswelt favorisiert wird, während die AZ dieses Buchunter dem ironischen Titel Arbeiterbefreiung einer scharfen Kritik unterzog. In den nächsten Jahren bis etwa 1927 figurierte O. Sp. zwar immer wieder als Stichwortgeber für verschiedenste Bereiche, u.a. häufig im Umfeld des ‚faustischen Impulses‘, aber neben seinen eigentl. Themenauch für alle denkbaren kulturvergleichenden Überlegungen (z.B. als Einleitung zum Sonderheft ›Geburtenrückgang‹ der Süddeutschen Monatshefte 1927) sowie als Referenzinstanz für die erstarkenden nationalen Kräfte und die sie begleitende Literatur (z.B. für den „schreibenden Junker“ Fritz Reck-Malleczewen; NWJ, 14.2.1927, 4). Außer E. Friedell fanden sich im intellektuell-literarischenösterrr. Feld jedoch kaum mehr nennenswerte Stimmen, die sich einlässlicher mit Sp. befassten. 1928 hielt der zu dieser Zeit von R. Kralik beeinflusste nationalkathol. Prof. für Philosophie der Univ. Wien u. spätere NS-Illegale Hans Eibl sechs Vorträge in der Urania, die O. Sp. gewidmet waren, und in der von I. Seipel mit dem Essay Die wahre Republik eingeleiteten Sondernr. der Wiener Zeitung vom 11.11.1928 zum 10jährigen Republikjubiläum nimmt in einer Bespr. neuerer histor. Literatur der Leiter des Archivrates Heinr. Kretschmayr (1938 auch bekennender NS) ebf. kurz auf Sp. Bezug.

Anlässlich des Erscheinens seiner Schrift Erlösung nimmt aus kathol. Sicht R. Kleine 1929 auf Spengler, derin offiz. Kreisen aufgr. seiner pantheist. Vorstellungen abgelehnt wurde, Bezugu. rehabilitiert de facto Spenglers UdA als „geheime Apokaypse“. Sein 50. Geburtstag wurde 1930 in der österr. Presse wohl angezeigt; namhafte Würdigungen erschienen jedoch keine. Mehr Aufmerksamkeit erregte 1931 sein Münchner Vortrag Der Untergang der weißen Rasse, der z.T. in die Schrift DerMensch und die Technik Eingang fand, welche überwiegend, bis auf die Ztg. Die freien Stimmen sowie das NWJ, auf Ablehnung stieß. In der NFP bezeichnete sie R. Charmatz als bedenkliche „Katastrophenphilosophie“, deren Faszinationgespeist sei aus „Trugschlüssen und geistvollen Betrachtungen“ u. brandmarkt die von O. Sp. verherrlichte Raubtiernatur ebenso wie die Irrtümer, die Sp. hinsichtlich der Technik u. der Organisierung der Arbeitswelt vorträgt. Die in dieser Schrift aufgewertete Idee der ›Führerarbeit‹ wird in sozialdemokr. Ztg. als Philosophie des Faschismus (Salzburger Wacht 1931, AZ, 1.5.1932) oder Philosophie des Bestialität u. des Nationalsozialismus (Kleines Blatt, 1932) wahrgenommen, ein Umstand, der sich 1933 nur z.T. bewahrheitete: so sehr O. Sp. sich als Verfechter antidemokrat. Denkens verstand, eine aktive Mitwirkung am NS lehnte er trotz heftigen Werbens um seine Person ab u. machte dies auch im Buch Jahre der Entscheidung (1933) öffentlich.


Quellen und Dokumente

Literatur

R. Musil: Geist und Erfahrung. Anmerkungen für Leser, welche dem Untergang des Abendlandes entronnen sind. In: Ders.: GW, Bd. 8, Hg. von A. Frisé, Reinbek/Hbg. 21981, 1042-1059; Musil-Handbuch. Hg. von B. Nübel, N. Ch. Wolf. Berlin u.a. 2016 (Essays, 362f.); O. Neurath: Anti-Spengler. München 1921 (auch in: Ders.: Gesammelte philosophische und methodologische Schriften. Hg. v. R. Haller, H. Rutte. Wien 1981, 139-196; Th. Mann: Über die Lehre Spenglers.In: Ders.: GW in 13 Bdn. Frankfurt/M., Bd. X, 172-180; M. Schroeter: Der Streit um Spengler. Kritik seiner Kritiker. München 1922; Th. Koebner: Oswald Spenglers Phantasien über Wesen und Werdegang der Kulturen. In: Kultur. Bestimmungen im 20. Jhd. Hg. von F. Brackert, F. Wefelmeyer. Frankfurt/M. 1990,111-131; P.H. Kucher: Die Auseinandersetzung mit Spenglers ‚Untergang des Abendlandes‘ bei R. Musil und O. Neurath. In: R. Musil – Literatur, Philosophie, Psychologie. Hg. von J. u. J. Strutz (Musil-Studien 12, 1984),124-142; Ch. Landerer: Wittgenstein und Spengler (Online verfügbar); P.M. Lützeler: Europäischer Kulturzerfall. Brochs ‚Schlafwandler‘ und Spenglers‚ Untergang des Abendlandes‘ . In: Ders.: Europäische Identität und Multikultur.Tübingen 1997, 87-105; B. Neymeyr: Utopie und Experiment. Zur Literaturtheorie, Anthropologie und Kulturkritik in Musils Essays. Heidelberg 2009 (zum Spengler-Essay Musils) 189-216.  

(PHK)