eigentl. Hermann Lazar, geb. am 13.8.1896 in Charkow – gest. am 9.11. 1961 in München; Journalist, Schriftsteller

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L. kam nach dem Tod seines Vaters, der in Charkow Arzt war, 1903 mit seiner Mutter zu Verwandten nach Wien, wo er auch den Großteil seiner schulischen Ausbildung absolvierte. Seit 1915 arbeitete er unter dem Pseudonym Leo Lania an der Arbeiter-Zeitung (AZ) mit und meldete sich zugleich als Freiwilliger zum Militärdienst. Gegen Ende des Krieges wandelte sich L. zum Pazifisten und militanten Sozialisten, trat 1919 in die KPÖ ein und wurde Redakteur der Wiener KP-Zeitung Die Rote Fahne. Bis 1921 gehörte er dem Leitungsgremium der Partei an, konferierte in Berlin mit den Spitzen der KPD und befreundete sich mit Paul Levi. Da er die zunehmend von Moskau vorgegebene Linie nicht teilte, kam es im noch 1921 zum Bruch mit der Parteiführung. Lania übersiedelte im September 1921 nach Berlin, wo er über das Romanische Café zur Kunst- und Medienszene Zugang fand und in der dynamischen publizistischen Landschaft als Journalist und Kritiker Fuß fasste. Er gründete u.a. die Internationale Telegraphen Agentur (Intel) als Alternative zu bestehenden bürgerlich-konservativen Agenturen, wie Alfred Hugenbergs Tel-Union, eine Erfahrung, die er später im Roman Indeta aufarbeitete. 1922 lernte er Anita Berber, frühe Ikone des Nackttanzes, kennen und durch sie die die abgründigen Aspekte der von Spekulation und Sensationsgier geprägten Unterhaltungsindustrie. Zugleich machte er sich seit 1923 über politisch brisante Reportagen wie Die Totengräber Deutschlands oder Gewehre auf Reisen einen Namen. Letzteres, im Malik-Verlag erschienen, trug ihm einen Hochverratsprozess ein, in dem er freigesprochen wurde, aber auch die Sympathien zahlreicher Schriftstellerkollegen wie z.B. Kurt Tucholsky. Von Berlin aus knüpfte er wieder Kontakte zur Wiener AZ, wo er seit 1923 Feuilletons und Kritiken veröffentlichte, z.B. die bündige Erzählung Im Nebel. 1925 wurde er Mitarbeiter des Berliner Büros der Chicago Daily News, 1926 Redakteur im angesehenen Berliner Börsen Courier und publizierte darüber hinaus regelmäßig auch in anderen deutschen und österreichischen Zeitungen und Zeitschriften wie Berliner Morgenpost, Der Drache, Kunst und Volk, Prager Tagblatt, Weltbühne oder Das Tagebuch. Sein Themenspektrum war vielfältig und durchaus auf das jeweilige medial-publizistische Profil und potentielle Adressaten bezogen: von Genreskizzen, die Aspekte des habituellen Wandels in Berlin oder Technisierungsphänomene wie die Luftfahrt thematisierten bis hin zu programmatischen Positionierungen der Literatur im sozialen und politischen Kontext, insbesondere zur Reportage und zu sachlichen Schreibweisen, zur Funktion des Theaters im Umfeld der Piscator-Bühne, zur Rezeption der amerikanischen aber auch der russischen Literatur sowie zur boomenden Filmproduktion und zum Radio.

Ab 1927 bis 1932 war L. regelmäßig auf deutschen Sendern wie z.B. Funkstunde Berlin mit Radiostücken oder Radiovorträgen zu hören, die, z.B. Maschine und Dichtung nach einem gleichnamigen Film, Emigranten und Der Mensch Nr. 17.381 lebhafte Reaktionen in der Radiokritik nach sich zogen. Großes Echo erzielten auch seine Filmprojekte, allen voran Hunger in Waldenburg (1929) sowie die Mitwirkung an Brechts Dreigroschenoper-Film in der Regie von Georg W. Papst, für das L. gemeinsam mit Lászlo Vajda und Béla Balázs das Drehbuch verfasste (1931).  Nach einer Reise in die Sowjetunion (1932) übersiedelte L. angesichts des aufkommenden Nationalsozialismus Ende 1932 nach Wien. Er blieb aber weiterhin für deutsche Medien tätig, u.a. verfasste unter dem Titel Wie lange? für die letzte freie Ausgabe des Tagebuch (H.8/25.2.1933) eine Abrechnung mit dem NS und hielt am 3.3.1933 eine vielbeachtete, von Krawallen begleitete Rede Wie lange noch Hitler? Während ihm z.B. Theodor Kramer einen Respekt bezeugenden Brief übermittelte, veröffentlichte der Völkische Beobachter einen programmatischen Warnartikel (17.3.1933): Der jüdische Krieg beginnt. Kurz darauf emigrierte Lania nach Frankreich, wo er in Paris für Organe des deutschsprachigen Exils publizistisch weiterwirkte, 1935 seinen Exilroman Wanderer ins Nichts (Erstabdruck im Pariser Tageblatt) Pilgrims without Shrines (engl. Buchausgabe) vorlegte, der bereits 1936/37 auf Tschechisch, Schwedisch und Holländisch erschien. Daneben befasste er sich in Zusammenarbeit mit Rudolf Bernauer mit verschiedenen Filmprojekten, die jedoch nicht realisiert werden konnten, u.a. unter dem Projekttitel Poet im Exil über Heine. Nach dem deutschen Angriff auf Frankreich wurde L. zunächst interniert; es gelang ihm jedoch die Flucht nach Südfrankreich und 1941 über Spanien jene in die USA. In den USA fasste L. aufgrund des großen Erfolgs seiner Frankreich-Aufarbeitung The Darkest Hour (1941) rasch Fuß, nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an und integrierte sich bestens über das Programm des American Lecture Bureaus (ab 1941) sowie des Joint Distribution Commitees (ab 1944). Neben diversen Filmprojekten konzentrierte sich L. nach 1945 auf journalistisch-politische und historisch-biographische Literatur u.a. über Jan Masaryk, Ernest Hemingway und Willy Brandt.

Aus: Arbeiter-Zeitung, 22.10.1927, S. 17

Weitere Werke

Gruben, Gräber, Dividenden (1925); Der Hitler-Ludendorff-Prozess (1925); Friedenskonferenz (1926, Komödie); Konjunktur (1927, Komödie); Der Tanz ins Dunkel. Anita Berben (1930); Gott, König, Vaterland (1930, Dr.); Land of Promise (1934, dt.: Land im Zwielicht, 1949); Today we are Brothers (1942; dt.: Welt im Umbruch, 1953, Autobiogr.); M.B. oder die ungehörte Melodie (1948); The Nine Lives of Europe (1950); The Foreign Minister (1956); Joseph Schildkraut. My Father and I as told to L.L. (1959); Mein Weg nach Berlin (1960); Hemingway. Eine Bildbiographie (1960).

Quellen und Dokumente

“Wiener Kinderelend”. Sensationsfilm in einem Akt. In: Die Rote Fahne, 1.2.1921, S. 5f., Das junge Amerika. In: Arbeiter-Zeitung, 30.8.1923, S. 5, Von der Schießbaumwolle zum Filmband. In: Prager Tagblatt, 31.3.1926, S. 2, Die Toten und die Lebenden. In: Arbeiter-Zeitung, 30.7.1926, S. 4.

Literatur

F.-H. Hackl: Leo Lania; in: J.M. Spalek/J. P. Strelka: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 2: New York, 1989, S. 491-508; J. P. Strelka: Österr. Exilliteratur seit 1938, 1999, S. 230-32; Lexikon deutsch-jüd. Autoren (R. Heuer, Archiv Bibl. Judaica) Bd. 15, 2007, S. 159-167; M.Uecker: Wirklichkeit und Literatur. Strategien dokumentar. Schreibens in der Weimarer Republik, 2007, S. 383-388; E. Polt-Heinzl: Österreichische Literatur zwischen den Kriegen. Plädoyer für eine Kanonrevision, 2012, S. 270.

(PHK)