geb. am 12.9.1904 in Wien – gest. am 30.1.1987 in München; Erzählerin, Lyrikerin, Übersetzerin, Drehbuchautorin

Das Porträtmodul von Evelyne Polt-Heinzl finden Sie hier.

Die Kindheit L.s in wohlhabender Familie endete bereits 1915 mit dem Tod des erkrankten Vaters schlagartig. Eine Verarbeitung durch Idealisierung seiner Figur wird sich nicht zuletzt in ihrem Debütroman Das Mädchen George (Universitas,1928; Aufl. 150 000) finden, als gestaltungskräftiges Zeitdokument enthusiastisch von Frank Thieß oder Ernst Weiß gelobt. Sozial- und Gesellschaftskritik der oft als Unterhaltungsliteratin bezeichneten u. unterschätzten L. erreichten v.a. in Form von heftig diskutierten weiblichen Lebensentwürfen breitere LeserInnen-Schichten – u.a. als Identifikationspotenzial des häufig gezeichneten Porträts des Seelenlebens junger Frauen auf ihrer Suche nach Positionierung innerhalb der Gesellschaft, was L. die Durchsetzung im literarischen Betrieb erleichterte. Nach Ausbildung in der auch von Hilde Spiel und Vicki Baum besuchten Schule der emanzipierten Pädagogin Eugenie Schwarzwald sowie Schauspielunterricht zeichnen schon erste dichterische Versuche zeittypische Bilder, veröffentlicht in der skandalumwobenen, da sexualaufklärerischen Wochenschrift. Probleme des Lebens – in der Redaktion H. Bettauers und R. Oldens fand L. 1925 als Sprechstundenhilfe für Herzensangelegenheiten Anstellung.

Nach Beschäftigung als Privatsekretärin für Letzteren übernahm sie 1926 eben diese Tätigkeit für dessen Bruder Balder Olden, der trotz oder durch den Altersunterschied nicht nur anziehend, sondern auch literarisch anregend auf L. wirkte – genauso wie das Berlin der Zwischenkriegszeit, Handlungsort ihres mit Hans Albers verfilmten Drehbuches Drei Tage Liebe (1931) und Aufenthaltsort L.s zwischen 1926 und 1935, unterbrochen von vielen Reisen u.a. nach Italien oder Wien, vermutlicher Schauplatz ihres Romans Musik der Nacht (Universitas, 1930), den sie neben Arbeiten für den Rundfunk sowie Zeitungen und Zeitschriften wie dem Berliner Tageblatt, dem Uhu oder der Dame veröffentlichte. Die Eindrücke der durch Jazzklänge und Reklame berauschten Sinne, expressiv und oft montageartig zu einem bunten Fluss der Großstadt verschmolzen machen L.s auch sprachlich durch Intensität geprägtes Werk aus.

L. hielt häufig Lesungen neben Vicki Baum, E. E. Kisch oder E. Kästner, was Einnahmen und Lebensstandard 1928-33 beträchtlich ansteigen ließ. Ab 1933 wird es für L. jedoch schwierig bzw. unmöglich, ihren Lebensunterhalt weiterhin in Berlin zu verdienen; trotz jüd. Herkunft trat sie in die Reichsschrifttumskammer ein, zahlreiche ihrer Kurzgeschichten und Feuilletons für Zeitungen publizierte sie jedoch unter dem Namen eines unbek. befreund. „arischen“ Schriftstellers, bevor sie ins Exil nach Shanghai floh. Dortige Erfahrungen der Verlorenheit und Entfremdung verarbeitet L. im sozialkrit. China-Roman  Blatt im Wind (Zeitbild, 1936) oder Unruhe des Herzens ( 1956), nachdem sie das Heimweh tuberkulosekrank zurück nach Wien getrieben hatte. Trotz oft wechselnder Aufenthalte aus finanziellen Motiven stieg L.’s literarische Produktion Ende der 1930er Jahre erstaunlich an, bis sie schließlich, nach anfänglicher Fehleinschätzung des Nationalsozialismus und Distanz zu Exilverlagen von Positano/Italien aus um ein „domestic permit“ für London ansucht. Als Hausmädchen in einem durch Persönlichkeiten wie Hilde Spiel, Peter de Mendelssohn, Stéphane Roussel besuchten Industriellen-Haushalt tätig, publiziert sie in der Exilzeitung Die Zeitung Gedichte und Prosa, darunter ihre in Fortsetzungen erschienene Novelle Heimweh nach Steinklamm (1942; 1951 unter dem Titel ‚Sehnsucht nach Gestern’ erschienen), neben Autoren wie Th. Kramer, F. Werfel, H. Zur Mühlen oder R. Neumann. U.a. die zu Letzterem entstandene Freundschaft im PEN-Club bedeutete für die inzwischen englische Staatsbürgerin seit 1946 Unterstützung in Notlagen.


Weitere Werke (Auswahl)

Romane Bring mich heim (1932); Blumen für Cornelia (1936); Ein einfaches Herz (1937); Sturz ins Dunkel (1957); Die törichte Jungfrau (1960); Von der Freundlichkeit der Menschen (1964); Tatmotiv Begierde. Der Fall Joseph Albert Guay und fünf weitere Kriminalfälle. Aufgezeichnet von Joe Lederer. (1967)

Übersetzungen Ich hab dich lieb, Mama  (1957); Yu Lan, fliegender Junge in China (1959)

Quellen und Dokumente (Auswahl)

Käthe Miethe: „Das Mädchen George.“ (Rez.). In: Die schöne Literatur 29, H.12, Dez. 1928, S.577f., Olga Gabrielli: „Das Mädchen George.“ (Rez.). In: Berliner Börsen-Courier, 16.12.1928, S.10, Arno Schirokauer: „Der Nachwuchs.“ In: Die Literarische Welt, Nr. 44, 1928, S. 6, Roussel Stéphane: „Das unberührbare Leben der J. L.“ In: Welt am Sonntag, 8. Februar 1987, „Blumen für Cornelia“. (Rez.). In: Österreichische Buchhändler-Correspondenz, 1937, „Das Mädchen George“. [Zitate Thieß und Weiß] In: Österreichische Buchhändler-Correspondenz, 1929, „Das Mädchen George“. [Zitat Bruno Frank] In: Österreichische Buchhändler-Correspondenz, 1928, „Musik der Nacht“. (Rez.). In: Arbeiter-Zeitung, 1930, Fritz Rosenfeld: „Filmromane.“ [Filmkritik zu „Drei Tage Liebe“] In: Arbeiter-Zeitung, 1931, Alfred Roudella (?): „J.L.: Drei Tage Liebe“ (Rez.). In: Reichspost, 1931, „J.L.: Bring mich heim.“ (Rez.). In: Tagblatt, 1932, Edwin Rollett: „Das Mädchen George.“ (Rez.). In: Wiener Zeitung, 1928, J. L.: „Brief vom Kaiser“. In: Prager Tagblatt, 1932, rm.p.: „Blumen um Cornelia“ (Rez.). In: Das interessante Blatt, 1937, Katharina Müller: „An die Universitas Deutsche Verlags-A.G.“. In: Weltbühne, 1928, Vilma Papst: „J.L.: Das Mädchen George“ (Rez.). In: Vossische Zeitung, 1928.

Nachlass: Wienbibliothek – 5 Archivboxen und 1 Großformat (Album im Schuber); Sign.: Z1009 (Manuskripte, private und geschäftliche Korrespondenz, Lebensdokumente, Vermögensdokumente)

Literatur (Auswahl)

Gregor Ackermann/Walter Delabar: Schreibende Frauen. Ein Schaubild im frühen 20. Jahrhundert, Heft 45/46 (=Magazin für Literatur und Politik, 2011), Kerstin Barndt: Zwischen Sentiment und Sachlichkeit. Der Roman der neuen Frau in der Weimarer Republik (=Literatur, Kultur, Geschlecht: Große Reihe; 19, 2003), Petra Budke: Schriftstellerinnen in Berlin 1871-1945: Ein Lexikon zu Leben und Werk (=Der andere Blick, 1995), Edith Dorfer: Die Schriftstellerin und ihr Erfolg am Ende der Weimarer Republik (2011) [Online verfügbar], Anja Gerigk: Glück paradox. Moderne Literatur und Medienkultur – theoretisch gelesen (2010), Gabriele Heidegger: Joe Lederer. Eine Monographie (1999), Gabriele Heidegger: „Zuflucht“ in der Heimat? Die kurze Rückkehr der Schriftstellerin Joe Lederer nach Wien. In: Ursula Seeber: Asyl wider Willen. Exil in Österreich 1933-1938 (2003), 50-55, Friedrich Markus Huebner: Die Frau von Morgen und wie wir sie wünschen (1929), Waltraud Kannonier-Finster: Zwischen Flucht und Selbstbehauptung. Frauen-Leben im Exil (=Sozialwissenschaftliche Materialien; 23, 1989), Robert Neumann: Vielleicht das Heitere. Aufzeichnungen aus einem anderen Jahr (1968), Balder Olden: Paradiese des Teufels. Biographisches und Autobiographisches. Schriften und Briefe aus dem Exil (1977), Evelyne Polt-Heinzl: Österreichisches Alphabet. J. L. (1904-1987). In: Literatur und Kritik 37 (2002), 105-110, Evelyne Polt-Heinzl: Von der Unfreundlichkeit des Lebens. J. L. (1904-1987). In: dies.: Zeitlos. Neun Porträts. (2005), 120-139, Hania Siebenpfeiffer: Liebe in Zeiten des Exils. In: Zwischen den Zeilen (2000), 97-115, Hartmut Vollmer: Nachwort. In: J. L.: Das Mädchen George (2008), Hartmut Vollmer: Liebes(ver)lust: Existenzsuche und Beziehungen von Männern und Frauen in deutschsprachigen Romanen der zwanziger Jahre (1998).

(SK)