geb. am 16.10.1896 in Wien – gest. am 1.2.1970 in New York; Schriftsteller (Lyriker), Essayist, Exilant

W. wurde als ältester von drei Brüdern und einer Schwester in einer jüdischen Familie geboren, die aus dem ostgalizischen Drohobycz nach Wien zugewandert war u. ein Schuhgeschäft in Wien-Ottakring betrieb. Nach absolvierter Volksschule (Pfeilgasse in der Josefstadt) besuchte W. die Talmud Thora Schule in der Leopoldstadt u. anschließend das Gymnasium, wo er sich einer sozialdemokrat. Mittelschüelrgruppe anschloss. Nach abgelegter Matura meldete er sich als Freiwilliger, kam in den Kämpfen an der russischen Front zum Einsatz, wo er 1917 in Rumänien durch einen Granatsplitter schwer verwundet wurde. Nach längerem Klinikaufenthalt, wo er Walter Kauders, den späteren Leiter des Rikola-Verlags kennenlernte, begann er das Studium der Germanistik und Kunstgeschichte an der Univ. Wien, das er 1921 mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. 1922 trat er in den Allgemeinen Tarifanzeiger an, die dem Bruder von Sigmund Freud, Alexander F. gehörte u. wurde dort Beamter bis 1938. 1923 verheiratete er sich mit der Absolventin der Musikakademie Beatrice (Rosi) Winternitz, einer Nichte von S. Freud.

Bereits in den frühen 1920er Jahren hat W. zu schreiben begonnen und Freundschaften mit Theodor Kramer wie mit Josef Weinheber geknüpft; 1924 erscheint in der Zs. Die Wage sein erstes Ged. u. danach wird er wieder in einer Besprechung des Arbeiterkalender für 1927 im Grazer Arbeiterwillen bzw. der Salzburger Wacht im Okt. 1926 fassbar, wenn darin mit Bezug auf sein Großstadtgedicht Am Fenster von ihm als „Mann mit Zukunft“ gesprochen wird. Auch der amerikan. Schriftsteller Ludwig Lewinson, der 1926 Wien besuchte und W. traf, war von ihm beeindruckt u. berichtete darüber in der renomm. Zs. Nation. 1929 folgten erste Veröffentlichungen in der AZ mit  Die Wolgaschlepper bzw. Ode auf den Weltverkehr.  Anfang der 1930er Jahre schloss W. auch Freundschaft mit Elias Canetti, dessen Roman Die Blendung er 1936 in der Zs. Das Silberboot besprechen wird, Otto Stoessl, J.L. Stern, Leopold Liegler, Fritz Glueckselig (Bergammer), R. Brunngraber u. Hermann Broch. 1933 trat er in die Vereinigung sozialistischer Schriftsteller ein, wo er an zahlreichen Vortragsabenden aktiv mitwirkte u. wurde durch eine Radio-Lesung am 5.2.1933 erstmals breiteren Kreisen bekannt. Im Jänner war auch sein Ged. Fabrikstadt 1933 in der AZ erschienen. 1934 kam im Saturn-Verlag die erste Ausgabe unter dem Titel Die Kuppel zustande, die der Rez. im NWJ als formal anspruchsvoll, an George erinnernd, rühmte u. für den W. den J. Reich-Preis erhielt. In den Folgejahren widmete sich W. auch der Übertragung von Lyrik aus anderen Sprachen, u.a. übertrug er Endre Ady u. Louis Aragon, aber auch US-amerikan. Lyrik. Die Wertschätzung W.s. zeigt sich auch darin, dass ihn 1936 der Rezitator J. Ehrenkranz in sein Wiener Vortragsprogramm aufnahm. 1937 erschien sein zweiter Ged.Bd. Der Gemmenschneider, bald danach erkrankte er schwer u. musste sich einen Tumor entfernen lassen.

Am 1.3. 1938 leitete W. noch einen Leseabend von Martha Hofmann im Wiener Frauenclub ein; nach dem Anschluss vom März 1938 verlor W. seine Gemeindewohnung u. musste sich auf das Exil vorbereiten. Da seine Frau auch die US-Staatsbürgerschaft hatte, waren die Formalitäten leichter zu bewältigen. Über London, wo die Fam. nochmals S. Freud besuchte, u. Southampton gelangte W. Ende Sept. 1938 mit seiner Familie nach New York. Dort schlug er sich jahrelang mit verschiedenen Jobs durch, rezensierte auch recht häufig in literar. Zs., wohnte in Washington Heights, wurde 1939 Leiter einer Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft, traf H. Broch wieder u. knüpfte neue Kontakte u.a. zu Jakob Picard u. Albert Einstein. W. war seit 1939 durch Beitr. im Aufbau präsent u. arbeitete ab 1943 auch an der Austro American Tribune mit. Darüber hinaus war er 1944 neben B. Brecht, E. Bloch, F. Bruckner, L. Feuchtwanger, H. Mann, B. Viertel u.a. an der Grd. des Aurora Verlags namentl. beteiligt, in dem 1946 sein erster im Exil veröffentl. Gedichtbd. Die kühlen Bauernstuben erschien. Von New York aus war er auch an der Wiederbegr. der österr. Nachkriegsliteratur beteiligt. In Nr. 1 der Zs. Der Plan (Okt. 1945) erschien sein Beitr. Umgang mit Versen. 1947 gelang ihm schließlich eine berufl. angemessene Stabilisierung. W. nahm eine Stelle als Deutschlehrer, später Professor am Skidmore College in Saratoga Springs (N.Y.) an, die er bis zu seiner Pensionierung 1965 ausübte. Erst 1958, im Jahr des Erscheinens seines Auswahlbandes Zwischen Hudson und Donau kehrte W. wieder kurz auf Einladung des PEN u. des Bundespräs. A. Schärf im Zuge der Verleihung des Th. Körner-Preises nach Wien zurück und 1962 ein zweites Mal.


Werke

Musik für diese Zeit (1946); Die kühlen Bauernstuben (Lizenausg. 1947); Gesang vor dem Abgrund (1961); Ich kann mit meinem Menschenbruder sprechen (1965); Noch vor dem jüngsten Tag. (Ausgew. Ged. u. Essays, hg. von K.M. Gauß, 1990); Über Heimatkunst und Blut- und Bodenideologie. In: German life and letters (2/1957, Oxford) 106-119.

Quellen und Dokumente

Die Wolfgaschlepper. In: Arbeiter-Zeitung, 28.4.1929, S. 17, Fabrikstadt, Winter 1933. In: Tagblatt, 22.1.1933, S. 22, Die Vogelkirsche und Die Pappel. In: Wiener Magazin (1935) H. 70, S. 56.

Josef Weinheber: E. W. In: Radio Wien 9 (1933), H. 18, S. 3, Emil Arnold-Holm: Moderne Lyrik. In: Neues Wiener Journal, 17.5.1934, S. 13, Anzeige zu Das Werk. In: Wiener Magazin (1935), H. 3, S. 94, Jehuda Ehrenkranz. In: Die Stimme, 20.11.1936, S. 3, Autorenabend Dr. Martha Hofmann. In: Neues Wiener Abendblatt, 1.3.1938, S. 5,  Ein Solidaritätsaufruf. In: Nouvelles d’Autriche, 1939, H. 8, S. 262.

Literatur

Harry Zohn: Ernst Waldinger, Austro-American Poet. In: Jewish Quarterly 1 (1970), 35-37; Helmut Pfanner: Weinheber oder Waldinger: österreichische Lyrik im Licht und Schatten des Nationalsozialismus. In: J. Thunecke (Hg.): Deutschsprachige Exillyrik von 1933 bis zur Nachkriegszeit (1998), 67-82; Theodor Waldinger: Zwischen Ottakring und Chicago. Stationen (1993); John M. Spalek: Ernst Waldinger (1896-1970). In: John M. Spalek u.a. (Hg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Band 4: Bibliographien. Schriftsteller, Publizisten und Literaturwissenschaftler in den USA (1994); H. Zohn: The austro-american jewish poet Ernst Waldinger. In: H. Z.: Austriaca and Judaica. Essays and Translations. (1995)

Eintrag bei theodorkramer.at, Eintrag bei literaturhaus.at.

(PHK)