Wissenschaftliche Weltauffassung

Aus: Arbeiter-Zeitung, 13.10.1929, S. 17

Titel eines Beitrags, den O. Neurath am 13. Oktober 1929 in der AZ veröffentlicht hat. Dieser Beitrag baut auf die zuvor, d.h. im August 1929, veröffentlichte Programmschrift des Vereins Ernst Mach (VEM) auf (gegr. im Nov. 1928) unter dem Titel Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis auf (ohne namentl. Verfassernennung, doch weitgehend von Neurath, R. Carnap u. H. Hahn stammend) und ist Moritz Schlick zum Dank gewidmet, der im selben Jahr einen Ruf an die Univ. Bonn abgelehnt u. seit 1922/24 einen informellen Diskussionskreis zu Aspekten des logischen Empirismus bzw. des Neopositivismus (Schlick-Zirkel) aufgebaut hat. Das Konzept der wiss. Weltanschauung wurde erstmals öffentlich am Prager Kongress für Erkenntnislehreim Sept. 1929 vorgestellt, der u.a. vom VEM mitorganisiert worden war.

Die ‚wissenschaftl. Weltauffassung‘ (WWA) wird in Teil II (305-308) dieser Programmschrift näher ausgeführt. Sie charakterisiere sich nicht so sehr durch eigene Thesen, „als vielmehr durch die grundsätzliche Einstellung“. Als Ziel wird eine „Einheitswissenschaft“ formuliert, d.h. die Herstellung von Beziehungen zwischen den „Leistungen dereinzelnen Forscher auf verschiedenen Wissenschaftsgebieten“, womit die „Kollektivarbeit“ betont wird, aber auch die Suche „nach einem neutralen Formelsystem, einer von den Schlacken der historischen Sprache befreiten Symbolik“. Klarheit versus Dunkelheit, Oberfläche versus unergründliche Tiefen, Analyse versus Intuition: „Die wissenschaftliche Weltauffassung kennt keine unlösbaren Rätsel“ (WWA, 305). Die Klärung von Aussagen bzw. Problemen ist die Grundlage philosophischen Arbeitens und zwar auf das Basis der logischen Analyse (mit Bezug auf B. Russel und L. Wittgenstein). Diese Methode der logischen Analyse unterscheide die WWA und ihren neuen empirischen Positivismus vonälteren, stärker biologisch-psychologisch ausgerichteten Formen. Metaphysik wird als Irrweg abgelehnt, ebensodie Vorstellung, Denken könne aus sich heraus, ohne Erfahrungsmaterial zu Erkenntnissen führen. Dagegen kenne die WWA nur „Erfahrungssätze über Gegenstände aller Art und die analytischen Sätze der Logik und Mathematik.“ (WWA, 307). Die wissenschaftl. Beschreibung von Fragestellungen habe sich daher auf die empirische Oberfläche zu konzentrieren und nicht auf ihr sog. „Wesen“ oder auf subjektiv erlebte Qualitäten; letztere sind „nur Erlebnisse, nicht Erkenntnisse“ (WWA, 308).

Teil III der Programmschrift widmet sich den sog. ›Problemgebieten‹. Darunter werden folgende angeführt: 1. Die Grundlagen der Arithmetik, als in histor. Richtung wichtige Wissenschaft, die Anstöße zur Entwicklung der modernen Logik geliefert habe, aber einer Überprüfung ihrer Fundamente bedürfe, weil Widersprüche, die sog. ‚Paradoxien der Mengenlehre‘ aufgetreten seien. In diesem Zusammenhang wären auch die axiomatische Methode sowie die Aufstellung von Axiomensystemen für spezif. mathemat. Gebiete kontinuierlich zu überprüfen; 2. Grundlagen der Physik und dabei v.a. die Frage nach der „Bewältigung der Wirklichkeit durch wissenschaftliche Systeme, insbesondere durch Hypothesen- und Axiomensysteme“ (WWA, 310) u. verbunden mit einer weiteren Schärfung in der Begriffsbildung (betr. Raum, Zeit, Substanz, Kausalität u.a.), die durch die Fortschritte seit Helmholtz, Machu. Einstein den meisten anderen Wissenschaften bereits einen Schritt voraussei. Daran schließen 3. Grundlagen der Geometrie an, die sich insbes. mit Fragen einer nichteuklidischen Geometrie bzw. der seit Gauß entstandenen physikal. Geometrie befasst, welche dieeuklidische Geometrie von der mathematischen zunehmend geschieden u. axiomatisiert hat. Auch mit der Logik wurde sie in Beziehung gesetzt als eine„Theorie bestimmter Relationsstrukturen“ (WWA, 312), ferner 4. Grundlagen der Biologie und Psychologie. Dabei weist die Programmschrift auf die Versuche hin, beide Wissenschaftsgebiete metaphysisch besetzen zu wollen, einerseits durch den Vitalismus, andererseits durch sprachliche Praxen, die metaphysisch und durch das Konzept der Seele mitbestimmt sind, während behavioristische Ansätze grundlegend als der WWA „nahe“ eingestuft werden sowie 5. Grundlagen der Sozialwissenschaften. Auf diesem Feld sei noch mehr begriffliche Klärung nötig als in den zuvor genannten, z.B. in den Gebieten der Geschichte und der Nationalökonomie. Ein bündiger Abschnitt IV fasst Rück- und Ausblick zusammen, markiert nochmals die Differenzen zur herkömmlichenPhilosophie (Sätze aufstellen vs. Sätze erklären, Ablehnung des Begriffs der Idee) und forciert den der Erfahrung: „Es gibt keinen Weg zur inhaltlichenErkenntnis neben dem der Erfahrung“ Ebd., 314), weshalb die WWA auch als Erfahrungswissenschaft gelten könne, die dem Leben der Gegenwart nicht nur nahestehe, sondern ihm „dient“ (Ebd., 315). Der abschließende Teil besteht auseinem Literaturverzeichnis der Mitglieder des Wiener Kreis (Bergmann, Carnap, Feigl, Ph. Frank, Gödel, Hahn, Kraft, Menger, Natkin, Neurath, O. Hahn-Neurath, Radaković, Schlick, Waismann), unter deneneinige Schriften (insbes. betr. Carnap, Schlick) zusammengefasst u. erklärt werden, an das sich ein weiteres von dem Kreis nahestehender Wissenschaftler anschließt (Dubislav, J. Frank, Grelling, Härlen, Kaila, Loewy, Ramsey,Reichenbach, Reidemeister, Zilsel sowie Einstein, Russel und Wittgenstein.

Neuraths WWA-Beitr. in der AZ unterscheidet sich einerseits grundlegend von der Programmschrift, indem er das Konzept der WWA an eine politische wie ideologische Bewegung, jene der sozialdemokratisch organisierten Arbeiterschaft, heranzuführen unternimmt (und dabei eine historische und symbolische Sprache aufruft), andererseits relativiert er durch den systematischen Rekurs auf das Konzept von Einheits-und  Erfahrungswissenschaft, dem er auch den wissenschaftlichen Sozialismus zur Seite stellt, zugleich dessen traditionelle politische Rhetorik. Teilnahme an den modernen Entwicklungen über Integration der WWA in die Arbeiterbildung trage dazu bei, den Einfluss der kathol. Theologie zurückzudrängen, aber auch über die „altmodischen und unvollkommenen Werkzeuge des Materialismus“ der frühen Arbeiterbildungsbewegung hinauszugelangen.

Diese Position blieb verständlicherweise sowohl innerhalb des Wiener Kreises nicht unumstritten, so positionierte sich V. Kraft deutlich dagegen, als auch innerhalb des linken Flügels der SDAPÖ, dem Neurath sonst zugerechnet worden ist.


Quellen und Dokumente

Prager Kongreß für Erkenntnislehre. In: Prager Tagblatt, 27.9.1929, S. 7, Die Tagung der Wiener Freidenker. In: Arbeiter-Zeitung, 24.2.1931, S. 4, Felix Weltsch: Schöpfende und ordnende Philosophie. In: Prager Tagblatt, 4.11.1931, S. 4,

Literatur

O. Neurath: Gesammelte philosophische und methodologische Schriften. Bd. 1, hg. von R. Haller u. H. Rutte; V. Kraft: Der Wiener Kreis. Der Ursprung des Neopositivismus. Wien 1950, 31997; F. Stadler: Vom Positivismus zur wissenschaftlichen Weltauffassung. Wien 1982; Ders.: Studien zum Wiener Kreis. Wien 1997 (engl. 2001: The Vienna Circle); K. Sigmund: Sie nannten sich Wiener Kreis. Exaktes Denken am Rand des Untergangs. Wiesbaden 2015; Ch. Limbeck-Lilienau: Der Wiener Kreis: Texte und Bilder zum Logischen Empirismus. Wien-Münster 2015.

Eintrag bei wien.gv.at, bei anthrowiki.at, bei Universität Wien – Wiener Kreis, bei britannica.com sowie bei scienceblog.at.
Ferner (mit Audiodokumenten): Österreichische Mediathek: hier.

(PHK)