geb. am 10.12.1882 in Wien – gest. am 22.12.1945 in Oxford; Ökonom, Wissenschaftstheoretiker, Sozialpolitiker, Museumspädagoge, Statistiker, Politiker

N. wurde als Sohn des Nationalökonomen Wilhelm N. 1882 in Wien geboren und studierte Mathematik, Geschichte, Ökonomie und Philosophie. 1906 promovierte er zum Thema Zur Anschauung der Antike über Handel, Gewerbe und Landwirtschaft bei Gustav Schmoller und Eduard Meyer, 1917 folgte die Habilitation in Politischer Ökonomie bei Max Weber an der Universität Heidelberg. Zwei Jahre darauf wurde N. vom Bayrischen Ministerrat zum Präsidenten des Zentralwirtschaftsamtes ernannt. Nach der Niederschlagung der beiden Münchner Räterepubliken wurde er wegen Beihilfe zum Hochverrat angeklagt und verhaftet, kam jedoch durch Intervention von Otto Bauer und Karl Renner nach 40 Tagen frei und wurde im Februar 1920 nach Österreich abgeschoben.

In Wien engagierte sich N. in der sozialdemokratischen Siedlungs-, Bildungs- und Gesellschaftspolitik. 1924 gründete er das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum(GWM), dessen Direktor er bis 1934 blieb. In den 1920ern war er mehrmals am Bauhaus, korrespondierte mit Franz Roh und stand im freundschaftlichen Kontakt mit El Lissitzky. Mit Rudolf Carnap und Hans Hahn verfasste er 1929 das Gründungsdokument Wissenschaftliche Weltauffassung und Wiener Kreis.  N. entwickelte die Wiener Methode der Bildstatistikdie später in Zusammenarbeit mit dem Grafiker Gerd Arntz modifiziert und in “International System of Typographic Picture Education” (Isotype) umbenannt wurdeDie nach dieser Methode erstellten Mengenbilder und Kartogramme wurden in Zeitschriften und Ausstellungen in Wien, Paris und Dresden publiziert. 1931/32 nahm N. maßgeblichen Einfluss auf die Überarbeitung und Endfassung von Rudolf Brunngrabers Roman Karl und das 20. Jahrhundert; 1934, unmittelbar nach einem Moskau-Besuch, flüchtete N. mit vier Mitarbeitern und seiner Frau Marie nach Den Haag, wohin auch ein Teil seiner Bild-Statistik-Exponate gelangte und in der International Foundation for Visual Education Aufnahme fand. 1936 erschien das Buch „International Picture Language“ in London und machte die Isotype-Technik im anglophonen Sprachraum bekannt. Es folgten Publikationen in der International Encyclopedia of Unified Science, sowie in Max Horkheimers Zeitschrift für Sozialforschung.

1940 emigrierte N. nach Großbritannien, wo er Vorlesungen über logischen Empirismus und Sozialwissenschaften an der renommierten Universität Oxford hielt. Zu dieser Zeit gründete er das Isoype-Institut, in dem er seine Forschungstätigkeiten auf diesem Gebiet fortsetzte. Isotype-Elemente wurden in der Folge etwa für Dokumentarfilme des Regisseurs Paul Rotha verwendet. 1945 verstarb N. in Oxford, 1946 erschien posthum das Buch „From Hieroglyphics to Isotype“ in London. 


Werke

Antike Wirtschaftsgeschichte (1909); Lesebuch für Volkswirtschaftslehre (1910); Wirtschaftsplan und Naturalrechnung. Von der sozialistischen Lebensordnung und vom kommenden Menschen (1925); Gesellschaft und Wirtschaft (1931); Empirische Soziologie. Der wissenschaftliche Gehalt der Geschichte und Nationalökonomie (1931); Bildstatistik nach Wiener Methode in der Schule (1933); International Picture Language (1936); Inventory of the Standard of Living in: Zeitschrift für Sozialforschung, hg. von Max Horkheimer, Jg. VI, (1937), 140-151; Unified Science as Encyclopedic Integration. In: International Encyclopedia of Unified Science, Vol. 1.1 (1938), 1-27; Modern Man in the Making, Knopf (1939).

Otto Neurath: Gesammelte philosophische und methodologische Schriften. Bd. 1-2. Hg. von Rudolf Haller u. Heiner Rutte (1981).

Nachlass

Literatur

Angélique Groß: Die Bilungspädagogik Otto Neuraths: Methodische Prinzipien der Darstellung von Wissen (2015); Frank Hartmann, Erwin K. Bauer (Hg.): Bildersprache. Otto Neuraths  Visualisierungen (2006); F. Hartmann (Hg.): Sachbild und Gesellschaftstechnik. Otto Neurath (2015); Elisabeth Nemeth, Friedrich Stadler (Hg.): Encyclopedia and Utopia. The Life and Work of Otto Neurath (2014);  Günther Sandner: Otto Neurath. Eine politische Biographie (2014); Friedrich Stadler: Der Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirken des Logischen Empirismus im Kontext (2015); F. Stadler (Hg.): Arbeiterbildung in der Zwischenkriegszeit: Otto Neurath und Gerd Arntz (1982); Thomas Uebel: Vernunftkritik und Wissenschaft. O. Neurath und der erste Wiener Kreis (2000); Nader Vossoughian: Otto Neurath: The Language of the Global Polis (2011).

Rudolf Haller: Neurath, Otto Karl Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), 179-182 [Onlinefassung], Karl Siegmund: Der Wiener Kreis – eine wissenschaftliche Weltauffassung. Bei: scienceblog.at.

Eintrag bei dasrotewien.at, bei britannica.com, bei medienphilosophie.net, bei Standord Encyclopedia of Philosphy.

(MA)