Alfred Polgar: „Gas,“ erster und zweiter Teil. – Von Georg Kaiser (Raimundtheater) (1924)

„Gas“ ist ein herrlich knappes Wort, nach Ge­wicht und Umfang ein ideales Geschoß für die Schleuder der Lippen. Man begreift, daß Georg Kaiser, der Vater der Prägnanzen, sich in die Schnellkraft dieser Einsilbe „Gas!“ verlieben mußte. Auch als Wort hat „Gas“ die Eignung, leicht zu brennen und zu explodieren.

Im Schauspiel ist Gas die Kraft, die den seelen­zermalmenden Mechanismus der Welt treibt. Köpfe sind tätig, diese Kraft zu errechnen, Hände, sie zu erzeugen. Das Gas explodiert, nicht weil die Rechnung falsch war, sondern weil die Materie ((Satanskind, das sie ist) stets noch eine geheime Finte weiß, ihrer Bändiger zu spotten, und Formel, die sie zwingt zu sprengen. Daran wird sich m aller Ewigkeit nichts ändern: ein Winkel des Pentagramms, mit dem der Mensch den Teufel bannt, wird immer offen sein.

Also das Gas explodiert; dies nehmen die Hände dem Kopf (die Arbeiter dem Ingenieur) sehr übel und verlangen ihn. Aber im Herrn der Gas-Mache, im „Milliardärssohn“, hat die Explosion den Erlösergedanken hochgerissen. (Fast in jedem Kaiser-Stück vollzieht sich derlei Erweckung, erfährt einer den jähen Schlag aufs Herz der es ihm ganz und gar im Leibe umdreht.) Der Er­lösergedanke des Milliardärssohns ist: die Menschen aus Fluch-Bezirken des Tuns und Habens in die selige Zone des Seins zu führen. Keine Fabrik mehr, kein Gas, kein Krach, sondern das Idyll aus grüner Flur. Gegen solche Erlösung wehrt sich in geschlossener Reihe alles, was vom Gift der Arbeit, das heißt, vom Lust-Ertrag, den es wirkt: Gewinn und Macht, nicht lassen kann. Es wehren sich alle, die ihr Ich nur als Rädchen im Ge­triebe der Welt zu fühlen vermögen und es nicht fühlten, wenn dieses Getriebe zu sanftem Frieden sich beruhigte. Höchstes Glück der Erdenkinder ist nämlich, gleich nach der Persönlichkeit: die Funk­tion. Der Arbeiter will arbeiten, der Ingenieur rechnen, der Schreiber schreiben, der Dichter dichten. Alle, besonders der letzte, brauchen und machen Gas. Explosionen? Die sind Geschäftsspesen. Der neue Mensch, dessen Fach es wäre, Mensch zu sein, ist noch nicht erschienen. Des Milliardärssohns Tochter erklärt sich, zum Ende des ersten Teiles, willens, ihn zu gebären.

Im zweiten Teil ist er geboren, der Milliar­därsenkel. Krieg tobt, Gas gegen Gas. Die Gasisten auf unserer Seite sind des Kampfes über­drüssig, sie weigern die Produktion von Gas. In einer wirklich großen Szene — der poetische Gipfel des Werkes — steigt ihr Brudergefühl, ihr: Seid umschlungen, Millionen, heiß und strahlend hoch, donnernd wie Verheißung rollt die Kuppel aus, und durch die Halle, über der sie lastete, jauchzt der Licht-Jubel der lieben Sonne. In Prosa aus lyrischglänzendem Edelmetall ergießen Jüngling, Mann, Greis (und deren feminine Ergänzung) ihre Zuversicht, daß ihnen nun ein neuer, ein wahrer Morgen, Mittag, Abend beschieden sei, und dreimal, in immer gesteigerter Inbrunst, tönt der Liebe Schrei hinüber zum Feinde. Doch dreimal: „Ausbleibt Antwort!“, ruft der Rufer hinter der Szene. Er könnte auch, ohne daß ihm daraus ein Vorwurf zu machen wäre, sagen: „Keine Antwort!“, das kostete genau so viel, wie sein Telegramm, auch nur zwei Worte. Doch grollt in dem Verbum „ausbleibt“ immer­hin eine dramatische Bewegung, hat es eine Stoßkraft, die das schlichte „Keine“ nicht hat. Die Voransetzung des Prädikats aber vor das Subjekt scheint hier ganz in Ordnung, denn an jener Antwort ist das Wichtige, daß sie ausbleibt. Es ist der Schwerpunkt des Satzes und hat als solcher die Tendenz, Tiefstlage einzunehmen. (Eine Erwägung, die den Beurteilern Kaiser’scher Diktion überhaupt empfohlen sei.) Der Feind also gibt keine Antwort. Nicht nur das, er dringt ins Werk, nützt die gegnerische Friedenssehnsucht, wie wir die russische Revolution genützt haben, zur Verfolgung der eigenen Krieg- und Sieg­zwecke. Der Großingenieur weiß den Arbeitern ein Mittel zur Befreiung: Giftgas. Fällt der kleine Gasballon, den er da in Händen hält, in die Reihen der Belagerer, so sind sie in ihrer Totalität ausgerottet. Solchem Plan widersetzt sich der Milliardärsenkel mit allem Pathos christlicher Ideologie. Dulden und das innere Reich etablieren, lautet sein Rezept. Die Arbeiter wissen mit den Abstrakten des Milliardärsenkels — man kann das verstehen — nicht viel anzufangen, das schwammige Himmelsbrot, das er ihnen reicht, bekommt ihrer Seele nicht. So entscheiden sie für den Gasballon. Wer wirft ihn? Der Milliardärs­enkel will es tun. Und er wirft ihn auch aber nicht gegen den Feind, sondern gegen die Eigenen. Die Menschheit ist nicht zu retten, so mag sie ausgelöscht werden. Rauch, Flammen, Donner, Unter­gang. Einstürzt Welt, ausspeien Grüfte, und im Hintergrund des Raimund-Theaters heben ein paar Skelette das Klapperbein..: das jüngste Gedicht ist über uns hereingebrochen.

Und zwar in Form eines kubistischen Schau­spiels, aus breiten, scharfkantig abgesetzten Flächen ineinandergefügt. Die Arbeit eines exakten Schwärmers, der auch zur Hitze auf kaltem Wege kommt. Seine Phantasie fliegt vernunftbeladen: so fehlt es ihr, will sie höher, nicht an auszuwerfendem Ballast. Gas ist das Werk eines Dichters, der von der Verstrickung der Erdgeborenen ins Allzuirdische seine Vision hat, die Welt, wie er sie sieht, wenn auch nicht umzureißen, so doch zu umreißen, und das Stückchen Garn aus dem großen Knäuel, das ihm zwischen die Finger gerät, zum starken Gewebe zu verspinnen weiß.

Er hat die Gnade des Gesichts und die Kraft zur Gestaltung. Als Vorbeter einer neuen heiligen Menschenbrüderschaft fehlt es ihm wohl an der rechten, herzgeborenen Inbrunst. Seine Verzückung scheint ein Willensakt, und wenn er die Arme öffnet, um Brüder an die Brust zu ziehen, liegt in dieser Geste etwas Turnerisches. Auch riecht die Menschenliebe, die in das Werk hineingetan, ein wenig nach der literarischen Küche. Jedenfalls ist sie ein ausgezeichnetes Ferment, erwirkend dra­matische Gärung. In der Diktion, deren formale Kürzung auch gedankliche Verdichtung ist, verleug­net sich der Preuße nicht. Hier wird gemeines Deutsch im Stechschritt überrannt, und jeder Griff in’s volle Worte-Leben klappt wie Gewehrgriff. Das Rhapsodische der Sprache übt seinen Reiz. Wenn der Dichter von der Hand am Hebel spricht, folgt dem unweigerlich das gleiche Bild in einer Bearbeitung für den Fuß am Schaltblock und in einer für das Aug‘ am Sichtglas. Vor solcher Triplizität des Gedankens gibt es kein Entrinnen. Ein­zeln wird das Symbol nicht abgegeben. Das hat sein Quälendes, aber auch sein Schönes, atmet den großen Atem der großen musikalischen Phrase.

Herr Dr. Beer hat der Dichtung seine Theaterleidenschaft und beklemmende Arbeitsintensität gewidmet. Antaucht fast das ganze Personal der Bühne an dem Thespiskarren, der in einer Fuhr Gas I und Gas II zu schleppen hat. Erstaunlich rasch, in der Zeit von kaum zweieinhalb Stunden, sind sieben Akte vorüber. Die Szenenbilder bescheiden sich, mehr Rahmen als Bild zu sein, Rahmen um das Wort. Es sind, gewissermaßen, schematische Querschnitte durch die Situation. Dem Licht hingegen ist dramatische Aufgabe zugewiesen. Die technischen Probleme des Spiels löst der Spielleiter ver­nünftigerweise dadurch, daß er sie nicht löst, son­dern nur die optischen und phonetischen Begleiterscheinungen einer angenommenen Lösung gibt. Zu bemerken wäre hier, daß in der dünnen Luft solches Dramas, viele Meter überm Erdspiegel, in der alles sofort zum  Prinzipiellen gefriert, gerade das Glaubhafte des Unglaubhaften wird. Telegraphenstangen mit Porzellan-Isolatoren, Drähte, Lämpchen, Räder: ihre Sach­lichkeit wirkt nur störend im übersachlichen Be­zirk. Vortrefflich sind Herrn Dr. Beer die Mas­senszenen gelungen, das Ineinanderfließen der Individuen zum Kollektivum: Sehr hübsch, wie er im Konferenzakt, die fünf schwarzen Herren schon in Tracht und Haltung als Un-Menschen gegen den Menschen, den Milliardärssohn, absetzt. Zu großen schauspielerischen Leistungen gibt das Drama kaum Gelegenheit. Herr Zeissl spricht den Text des Milliardärssohns wirksam, nur hat sein Erlöserpathos eine Gutmütigkeit und Ofenwärme, die mehr für Familien- als für Menschheitsprobleme taugt. Herr Duschinsky, dieses Sohnes Sohn, trifft den Ton des Ekstatikers. Als Rednerinnen zum Volk halten die Damen Witzmann, Karoly, Loos mit ihrer Leidenschaft nicht zurück, und Fräulein Albert verkündet sehr schlicht ihre dankenswerte Bereitschaft, für den zweiten Teil ein Kind zu gebären.

In: Der Tag, 9.3.1924, S. 10.

George Popoff: Eine Londoner Theatersensation (1932)

Max Reinhardts „Mirakel“.

London, im April.

Am gleichen Tage, da im Lyceum-Theater die Lon­doner Erstaufführung des von Reinhardt inszenierten Mirakel stattfand, wurde im Stadium zu Wembley ein sensationeller Fußballmatch England — Schottland ausgetragen. „40.000 Schotten überfluten London!“ verkünde­ten in Riesenschrift die Abendblätter. In der Tat sieht man überall ganze Rudel kurzgeschürzter Schotten mit den bunt karierten Mützen auf den Wuschelköpfen. Am dichtesten drängen -sie sich am Piccadilly und am Strand, den beiden Londoner Amüsierstraßen, überall stellen die obskuren Matrosenkneipen sperrangelweit offen. Harmonikagerassel und trunkenes Gegröhle dringt aus den dum­pfen, rauchgefüllten Räumen. Den Strand entlang saust, rast und donnert der Verkehr der Millionenstadt.

Und just hier, an dieser lauten, ordinären Straßen­kreuzung steht das Lyceum-Theater, in dem Max Rein­hardt und Charles B. Cochran das all erprobte Zugstück Mirakel — in völlig neuer Fassung — dem zahlungs­fähigeren Teil des Londoner Theaterpublikums „sich darzubieten beehren“.

***

Von außen ist das Lyceum-Theater nicht als goti­sche Kathedrale hergerichtet. Doch kaum, daß man die Schwelle des Zuschauerraumes überschritten hat, ist man dem Banne Reinhardtscher Regie verfallen. Es ist die Einrichtung und Aufmachung, die man in Budapest sah. Mir persönlich will es scheinen, daß dem ganzen etwas Kitschiges anhaftet. Die Kathedrale ist letzten Endes doch mehr Hollywood als Sevilla. Durch die gotischen Bogen der Kirchenfenster lugen hie und da vorlaut, die Jupiter­lampen hervor. Der schwere, goldstrotzende Altar ist schließlich doch nur aus Pappe. Und überhaupt— diese anfechtbare Verquickung von Theater und Religion …?

***

Das Spiel beginnt. Zuerst mimt die stille, weihevolle Kathedrale ganz allem. Sie ist unzweifelhaft der wir­kungsvollste Akteur von allen. Ein greiser, gekrümmter Kirchendiener geht in der weiten Einsamkeit des Gottes­hauses schlürfenden Schrittes auf und ab. Einige Nonnen kommen, steif und fromm, herein, beten flüsternd vor sich her „Santa Maria“. Als Letzte erscheint Sie, die // junge, reizende Novize. Es ist Fräulein Tiliy Losch aus Wien. Es klappt von Anfang an etwas nicht mit ihrer Frömmigkeit. Sie hat üppiges rotblondes Haar, strahlende blaue Augen und einen breiten, sinnlichen Rosenmund. Sie lacht der finsteren Äbtissin und den übrigen Nonnen mitten in die bleichen Asketengesichter. Vom ersten Augenblick, da dieses süße, weanerische Kind die düstere Kathedrale betritt, sind die himmlische und die irdische Liebe in offener Zwietracht miteinander.

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Ganz plötzlich verwandelt sich alles mit einem Schlage: draußen werden fröhliche Kinderstimmen laut; unartige Buben und Mädel laufen hin und her, spielen, tollen, rasen, ja stürzen in bunter, lärmender Schar in die heilige Einsamkeit und kühle Düsternis des Gotteshauses herein; es sind etwa zwanzig oder dreißig Kindlein, alle reizend bunt und licht gekleidet, rot, blau, weiß, rosa, gelb, grün mit Blumenkränzen im Haar, hell und froh vom Grau und Dunkel der Kathedrale abstechend; ein diabolisch verschmitzter Spielmann (Leonid Massin vom ehemaligen Diaghileff-Ballett) bläst ihnen zum Tanze auf; sie drehen sich in fröhlichem Ringelreihen (mitten in der ehrwürdigen Kathedrale!); und die junge Himmelsbraut kann dieser dyonisischen Lockung nicht wider­stehen; sie tanzt mit — froh, ausgelassen, wild — mitten hinein in die Arme der irdischen Liebe, die in Gestalt eines schmucken Junkers gerade im rechten psychologischen Moment auf der Bildfläche erscheint und die Pflichtver­gessene von dannen führt.

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Nun jagt ein Bild das andere, jedes stets prächtiger und verwirrender als das vorherige. Es sind antike Gobelins, klassische Gemälde, die Reinhardt vorüberziehen läßt. Man sieht zuerst die Nonne mit dem Junker in einem märchenhaften Sommernachtstraum-Walde, durch den eine malerische, mittelalterliche Jagd­gesellschaft tollt; dann – im asiatisch farbenreichen Ban­kettsaal der Raubritter, im Schlafgemach des Prinzen mitten in einem wüsten Bacchanal grotesk lüsterner Höflinge zur Seite des halb[b]löden greisen Königs auf dem Königsthron vorm Tribunal der Inquisition, zu Füßen des triumphierenden Spielmanns — eine wahre Odyssee der Liebe und der Leidenschaften — und zum Schluß wieder in der dunklen Kathedrale demütig kniend vor dem unveränderlich milde lächelnden Madonnen-Antlitz…

Die Madonna spielt „Diana Manners“. Hinter diesem Namen verbirgt sich Lady Diana Duff-Cooper, die Gattin des konservativen Abgeordneten für Westminister und be­rühmt als die schöne Frau Englands. Es mag für manche Zuschauer vielleicht etwas schwer sein, Lady Diana hier als himmlische Madonna bewundern zu müssen, wenn man kurz vorher mit ihr auf Cocktail-Parties zusammengetroffen ist, sich mit ihr über das englische Wetter unterhalten und aus der Nähe das Wetterwendische ihrer Schönheit bemerkt hat.

Doch in diesem Augenblick, unbeweglich im Heiligen­schrein thronend, ist sie wirklich überirdisch schön und, den Blick verzückt nach oben gerichtet, in der einen Hand das Christkindlein haltend, mit der anderen starr gen Himmel weisend, haftet ihr ganz die verklärte Ruhe eines antiken Heiligenbildes an.

***

Die Aufführung war ein Erfolg. Reinhardt erhielt nach der Vorstellung seine wohlverdiente Ovation. Das Mirakel wird in London sicher viele Monate laufen. Diese grandiose, kitschige „Show“ mit dem pseudo­religiösen Unterton ist gerade das, was den Engländern gefällt, was sie brauchen. Für die Engländer ist Theater seit den Zeiten Shakespeares, seit jeher in erster Linie eine Art Zirkus, eine „alter dinner show“, eine Unterhaltung nach dem Essen. Damen in großer Toilette, auf­fallend geschminkt und animiert, Herren in Frack und Zylinder, die rauchende Zigarre in der Hand, den schwe­ren Portwein im geröteten Gesicht, kommen gewöhnlich mitten während der Vorstellung, plaudernd und polternd herein, oft mitsamt ihren Mänteln, Stöcken und Schirmen, die umständlich unter den Sitzen verstaut werden. Un­geniert erzählen sie sich noch den letzten Witz. Und erst nachdem die entsprechende Lachsalve verklungen ist, richten sie ihre Blicke auf die Bühne, in Erwartung von dort mit etwas Amüsantem, Aufregendem, Sensationellem unterhalten zu werden.

Diesen spezifisch britischen Theaterforderungen ent­spricht nun das Mirakel. Die englischen Ladies und Gentlemen der „upper classes“, belastet im Magen mit viel zu viel Austern, Beef und Portwein und im Unterbe­wußtsein mit ein wenig schlechtem sozialen Gewissen, empfangen in der „Kathedrale“ des Lyceum-Theaters von Max Reinhardts Gnaden nicht nur restlose Absolution ge­gen alle kulinarischen und sonstigen Extravaganzen, son­dern auch noch eine Unterhaltung in vollendet künst­lerischer Form.

In: Pester Lloyd, 27.4.1932, S. 16-17.

Josef Redlich: Das europäische Problem (1920)

Professor Dr. Josef Redlich der Wiener Universität, der letzte k. k. Finanzminister des alten Österreich, gibt eben in Leipzig beim Verlag Dr. Peter Reinhold ein großes Geschichtswerk (Das österreichische Staats- und Reichsproblem) heraus, welches sich mit der Darstellung der inneren Politik der habsburgischen Monarchie von 1848 bis zum Untergang des Reiches beschäftigt. Der erste Band, der bis 1861 reicht, umfaßt allein über 1000 Seiten. Er zeigt die Gründlichkeit des Verfassers, der seine Arbeit natürlich schon lange vor dem Kriegsausbruch in Angriff genommen hat und in der Lage war, sie nach dem Umsturz durch bis dahin verschlossene Dokumente aus den Hof- und Ministertalarchiven zu belegen und zu ergänzen. Der Einleitung entnehmen wir nach­stehende Zeilen:

Das Habsburgische Reich ist erst zum Problem geworden durch die neuen, vornehmlich Ideellen Kräfte, die als Folgewirkungen der französischen Revolution und des napoleonischen Zeitalters den ganzen öffentlichen Geist der abendländischen Kulturwelt, die ganze psy­chische Verfassung des europäischen Menschen aufs tiefste verändert hatten. Diese Kräfte treten nun für die große Mehrheit der Zeitgenossen überraschend und gleichsam aus dem Untergrunde des dahinfließenden Stromes europäischen Kulturlebens hervordringend in der Revolution des Jahres 1848 mit großer Kraft zutage. Die nationale Idee muß notwendigerweise der rein dynastischen Reichs- und Staatsidee als dem geschichtlichen Ausdruck dauernder Friedensbewahrung über so viele und ungleiche Völker und Länder, wie sie alte Habsburgische Monarchie vorstellte, fortschreitend den Boden und die bis dahin den Völkern selbst anerkannte Daseinsberechtigung entziehen. Denn schließlich hier wie in den anderen aus mehreren Völkern gebildeten Großstaaten die Existenz des rein dynastisch zusammengehaltenen Reiches vollständig auf der politischen Passivität der Massen, ja selbst der großen Mehrheit der bürgerlichen Klasse: das moderne Nationalgefühl aber entbindet naturgemäß allerwärts den politischen Aktivismus, der dann innerhalb der Völker von oben nach unten unablässig vor­dringt, jeden einzelnen Volksgenossen aus der ererbten seelischen Verfassung naiver Untertanenschaft unter dem angestammten Herrscher loszulösen und als einen Bestandteil der einzelnen, politisch willensfähigen Volksgemeinschaft ausschließlich dieser einzugliedern strebt.

Indem dies – zunächst nur in den Vorstellungen der geistig führenden Elemente — geschieht, vollzieht sich zugleich mit der Aufrollung des Problems, das die habsburgische Monarchie von nun ab für ganz Europa darstellt, die erste Phase der Ausbildung einer großen politischen Idee als der künftigen möglichen Lebensgrundlage für jene: der Gedanke  vom übernationalen Staat und Reich als der frei gewollten und frei beschlossenen Vereinigung und Vereinbarung gleichberechtigter mündiger Völker. Die Entfaltung des österreichischen Problems als Entfaltung des Nationalgefühls der europäischen Völker zum modernen Nationalismus und der trotz aller Stockungen immer wieder fortgesetzte Vorgang der Ausbildung einer neuen Idee von Österreich als einem Ganzen und seiner ökonomisch- politischen Notwendigkeit erscheinen von da ab dauernd als zwei in ihrer Kraft ungleiche, aber miteinander unlösbar an demselben Stoff und auf derselben Grundlage sich vollziehende Entwicklungsreihen geistig-politischer Natur.

Das geschichtliche Österreich als Staat und Reich ist durch die Endkatastrophe des Weltkrieges für immer beseitigt, das österreichische Problem in diesem engeren Sinne nicht gelöst, aber aus der Welt geschafft; jedoch die Idee, welche das Problem zu einer wirklichen aufbauenden Lösung hätte führen können, die Idee vom freien übernationalen Völkerreich, das Mittel- und Osteuropa miteinander organisch dauernd verknüpft, ist durch den Zusammenbruch der Zentralmächte von 1918 und deren unmittelbare Folge, durch die vollständige Auflösung der habsburgischen Monarchie keineswegs gelöst. Sie besteht fort: aber nicht mehr als österreichisches, sondern als europäisches Problem. Sie besteht fort in dem Sinne, daß die organische Verknüpfung der kleineren Völker und Volksstämme, welche ganz oder zum größten Teil das alte Habsburgerreich umschloß, als Ausdruck ihrer jahrhundertelangen ökonomischen und kulturellen Zusammenarbeit und als Basis dauernden Friedenszustandes noch immer ebenso ein Bedürfnis Europas, ja der ganzen Kulturwelt heute ist wie ehedem und heute – nach der Entfesselung der zerstörenden Kräfte des nationalen Imperialismus im Krieg und Frieden — mehr noch als je zuvor.

In: Prager Tagblatt, 23.11.1920, S. 1.

N.N.: Sitzung des Kreisarbeiterrates. Bericht der Untersuchungskommission. (1919)

Im Favoritener Arbeiterheim trat um 6 Uhr abends der Kreisarbeiterrat zusammen, um den Bericht der Untersuchungskommission über die blutigen Vorgänge vom Sonntag entgegenzunehmen. Der Besuch der Versammlung war in An­betracht der allgemeinen Spannung massenhaft. Der große Saal und hie Galerien waren dicht besetzt.

Friedrich Adler eröffnete die Versammlung mit einigen Worten des Gedenkens an die Proletarier, deren Blut am Sonntag geflossen ist. Die Versammlung erhebt sich von den Sitzen. Zum Vorsitzenden wurde Janecek gewählt. Den Bericht der Untersuchungskommission über die Ursachen der Ereignisse am 15. d. erstattete Friedrich Adler. Sein Referat nahm zweieinhalb Stunden in Anspruch. Es machte großen Eindruck und wurde ruhig angehört, nur selten durch einzelne Zwischenrufe unterbrochen. Aus seinen Ausführungen lassen wir einen Auszug folgen, der natürlich nur das Wesent­lichste enthalten kann.

Friedrich Adler:

Die Kommission soll nicht ein Urteil fällen, sondern Material liefern, damit der Kreisarbeiterrat selbst ein Urteil feststellen kann. Es war nicht leicht, Klarheit in die Dinge zu

bringen. Wir waren und sind entschlossen, die Wahrheit fest­zustellen, ohne Rücksicht auf Personen. Wir sind der Meinung, daß es in dieser schweren Situation keine Politik gibt,

sondern nur die Wahrheit festgestellt werden darf. Deshalb haben wir alle irgend wie in Betracht kommenden Personen einvernommen, auch den Staatssekretär Eldersch und den Präsidenten Seitz. Wir haben auch das Direktorium der Kommunisten eingeladen, aber die Kommunisten haben es abgelehnt, Aussagen zu machen. Doch liegt von dieser Seite eine Darstellung in dem kommunistischen Flugblatt über die Ereignisse vor. Wir wollten auch, daß ein Vertrauensmann der Kommunisten an der Versammlung teil­nehme, und ich war persönlich bei den Kommunisten und es wurde mir zugesagt, bis 9 Uhr abends uns einen Vertrauensmann zu nennen. Um 9 Uhr wurde uns aber mitgeteilt, daß die Kommunisten nicht wünschen, an dieser Kommission teilzunehmen.

Adler bespricht nun die Behauptung, daß angeblich Dumdumgeschosse verwendet wurden, wie es der Abend behauptet und durch die Abbildung der Aufschrift einer Hülse eines solchen Geschosses erhärten wollte. Wir haben die Sache mit diesen E-Hülsen genau untersucht und festgestellt, daß es sich um ein reines Mißverständnis handelt. Diese Hülsen sind

nicht Einschußhülsen, sondern Eisenhülsen,

die nicht so haltbar wie die Messinghülsen und deshalb mit E bezeichnet wurden. Wir hatten uns von der Stadtschutzwache solche Hülsen vorlegen lassen und hatten auch festgestellt, daß die Wache schon nach den Novemberereignissen die ganze Munition genau untersucht hat. Wenn wir uns die Situation vom- Sonntag vergegenwärtigen, so müssen wir zunächst feststellen, daß eine Versammlung unter Umständen einberufen war, die in jedermann das subjektive Gefühl hervorrufen mußte, daß eine

gewaltsame Aktion beabsichtigt

sei. Auch der Arbeiterrat war sich ja darüber klar und hat aus diesem Gefühl seine ernste Warnung erlassen. Daß eine gewalt­same Aktion in Aussicht stand, unterliegt keinem Zweifel. Auch die Kommunisten haben es ja nie abzuleugnen ver­sucht, daß sie bereit sind, mit Gewalt eine Änderung des herrschenden Systems herbeizuführen. Am 5. d. hat eine Demonstration gegen den Abbau der Volkswehr beim Votivpark stattgefunden, die in Ruhe verlief, aber es fiel damals von einem Führer der Kommunisten der Ruf: Diesmal noch in Ruhe, das nächste mal kommen wir mit den Waffen, wenn es beim Abbau bleiben sollte! Diese De­monstration war das Signal für die ganze Bevölkerung, daß mit Waffengewalt gedroht wurde. Mir war damals sofort klar, daß der 15. Juni, an dem der Abbau stattfinden sollte, der Stichtag sei, für den etwas geplant sei. Nun ist es ge­lungen, den Abbau abzuwehren, und ich dachte anfangs, daß damit die Gefahr vorbei sei. Aber in der Sitzung am Freitag mußten wir konstatieren, daß das eine Täuschung sei. Auf unsere Frage an die Kommunisten, was sie am Sonntag

beabsichtigen, erhielten wir die Antwort durch den Zwischenruf: „Das werdet ihr am 16. Juni sehen!“ und durch das Schweigen der anderen.

Der Zweifel, den man am Freitag noch haben konnte, war aber Samstag früh geschwunden, als Wien mit jenen Flugblättern und Plakaten überschwemmt wurde, deren

Inhalt ja ganz eindeutig war. Wie ernst es war, bewies nicht nur die ganze Aufmachung, sondern vor allem auch das Flugblatt, das die Volkswehrmänner auffordert, bewaffnet zu erscheinen.

Wir haben überdies festgestellt, daß sich die Absichten noch klarer aus Ereignissen in der Provinz beweisen lassen. Freitag war das Mitglied des Direktoriums Koritschoner in Ternitz und hat dort dem rasch zusammengetrommelten Arbeiterrat vorgeschlagen, es solle dort die Rätediktatur ausgerufen werden. Wenn er auch schließlich seinen Willen nicht durchsetzte, weil die Ternitzer das ohne die Wiener-Neustädter nicht machen wollten, so hat er dort doch ein klares, wenn auch romantisches Programm entwickelt, wie die Ausrufung der Räterepublik erfolgen sollte. Es sollte durch ein Höhenfeuer von einer Anhöhe bei Vöslau allen Genossen angezeigt werden, daß der Augenblick für die Ausrufung der Räterepublik gekommen sei. Auch in Stockerau hat eine Versammlung stattgefunden, in der ein Redner aus Wien, der sich für den Genossen Steiner aus dem Arsenal ausgab oder dafür ausgegeben wurde, erklärte,

Sonntag sei der Stichtag

und die Stockerauer sollten den Wienern zu Hilfe kommen. Die Wiener-Neustädter Gleichheit wurde Sonntag vom kommunistischen Blatte in Ödenburg angerufen und gefragt,

ob die Räterepublik schon ausgerufen sei, da man den Satz schon fertig habe, und als das verneint wurde, wurde, entsetzt gefragt: „Warum denn noch nicht?“ In Ungarn fand an diesem Tage der Rätekongreß statt, und man wünschte dort die Eroberung Wiens für die Räterepublik mit­zuteilen. Das alles beweist, daß dieser Termin sehr ernst gemeint war.

Nun ist es denkbar, daß beim Direktorium im letzten Moment am Samstag eine Meinungsänderung eingetreten ist. Samstag erschien ja der Aufruf des Kreisarbeiterrates in der Arbeiter-Zeitung und es ist möglich, daß sie sich entschlossen, die Sache zu vertagen, und die Kommunisten berufen sich auch darauf, daß sie schon am Samstag gesagt hätten, daß sie nur eine friedliche Demonstration wollten.

Wie schaut nun dieses Alibi aus?

Es ist im Abend eine Mitteilung erschienen, daß ein Redakteur dieses Blattes eine Unterredung mit einem hervor­ragenden Mitglied der Kommunistischen Partei hatte, das

erklärte, daß nichts geplant sei, und, Herr Colbert bemerkte dazu, er sei auch gegen die Räterepublik. (Heiterkeit.) Wir bekennen, wir haben nicht gewußt, als wir das lasen, daß der

Abend ein offizielles Publikationsorgan der Kommunistischen Partei ist. (Zustimmung und Heiterkeit.) Wir haben nicht ge­wußt, daß derartige Beziehungen bestehen, sondern wir haben bisher gewußt, daß der Abend ein Privatunter­nehmen ist, das auf Sensation spekuliert. (Beifall.) Wir haben ja vom Abend derartige Sensationsnachrichten oft erlebt,

daß wir dem nicht unbedingt Glauben beimessen mußten. Allerdings haben wir in der Untersuchung feststellen können, daß diesmal wirklich ein Mitglied der Kommunistischen Partei, Genosse Melcher, dem Redakteur Weiß diese Mitteilung gemacht hat. Aber wir meinen, wenn die Kommunisten im Ernst eine gewaltsame Demonstration ablehnen wollten, dann hätten sie nicht den Weg einer anonymen Darstellung zu wählen, mindestens hatten zusagen, daß die Erklärung vom Genossen Melcher stamme, der zwar nicht dem Direktorium angehört, aber doch gewisse Funktionen in der Kommunistischen Partei hat. Aber noch ehrlicher wäre es gewesen, wenn sie auch da wieder den Weg gegangen wären wie bei der Ankündigung der bewaffneten Kundgebung. Sie hätten sich vielleicht auch die Mühe geben müssen, ein paar Flugblätter und Plakate mit der Unterschrift der Partei hinauszugeben.

Auch die Absage hätte in denselben Formen erfolgen müssen wie die Ansage.

Sie begreifen also. daß man uns nicht zumuten kann, wenn sie es nicht offiziell erklären, ein Sensationsblatt als Publikationsorgan der Kommunisten anzuerkennen. Wir konnten das also auch nicht als Alibi anerkennen. Die Lage war also die, daß bis Samstag früh an der Absicht einer gewaltsamen Demon­stration nicht gezweifelt werden konnte und die Kommunisten daran offenbar auch nicht gezweifelt haben.

Dr. Adler bespricht nun das Verhalten der Polizei gegenüber der geplanten Demonstration. Die Untersuchungskommission hat die absolute Überzeugung gewonnen, daß die Polizei und der Staatssekretär des Innern Genosse Eldersch bei ihren Entschließungen, die wir keineswegs alle billigen, von dem Willen ausgegangen sind, daß keine Gefahr für das Leben von Menschen entstehe. Am Samstag sprach alles dafür, daß es arn Sonntag zu einem gewaltsamen Unter­nehmen kommen werde, wozu noch Nachrichten aus Ungarn kamen, wie von dort aus mit Geld gearbeitet wird. Auch kam die offizielle Mitteilung, daß tausend Rot­gardisten an der Grenze stehen, um am 15. Juni einzumarschieren und eventuell die Gendarmen zu entwaffnen. Ferner auch Nachrichten über gewisse Reisen kommunistischer Führer, die klar machten, daß etwas am Werke sei, und es war der Polizei bekanntgeworden, daß Maßnahmen großen Stils getroffen waren, um die Mitglieder der Regierung zu verhaften, und noch Samstag Mitternacht wurde es für durchaus möglich ge­halten, daß in der Nacht oder am frühen Morgen eine Ver­haftung der führenden Persönlichkeiten der Sozialdemokratie durch die Kommunisten erfolgen werde. Es steht einwandfrei fest, daß von Ungarn Summen von

hunderttausend Kronen für die Ablieferung sozialdemokratischer Staatssekretäre

geboten wurden. Die Frage war nun, wie man einem ge­waltsamen Aufstand begegnen und doch Opfer vermeiden könne. Da standen sich nun zwei Anschauungen gegenüber. Der Polizeipräsident meinte, das befte wäre, die Versammlung zu verbieten, die Bezirkszüge in den Bezirken zu zerstreuen und das Direktorium als Anstifter für die Zeit der Untersuchung in Gewahrsam zu bringen und ihm die Möglichkeit zu ent­ziehen, das Leben anderer Menschen in Gefahr zu bringen.

Nun sind wir gewiß für die Freiheit der Meinungs­äußerung, aber in diesem Falle handelte es sich nicht um die Meinungsfreiheit, sondern um ein gewaltsames Unter­nehmen und ich bekenne allerdings, daß ich den Kommunisten gewiß das Recht zuspreche, ihre Ziele, mit den Mitteln der Gewalt zu verwirklichen, wenn sie es als zweckmäßig ansehen, aber ich war immer auch auf dem Standpunkt daß wir nur dann das Recht haben, mit Gewalt vorzugehen, wenn die anderen die Gewalt begonnen haben. Diesen Standpunkt habe ich auch in der Zeit des Absolutismus eingenommen und ich war dazu berechtigt, weil damals statt Recht und Gesetz nur Gewalt herrschte. Sicher ist, daß, wer Gewalt übt, damit rechnen muß, daß ihm mit Gewalt geantwortet wird,

es kommt darauf an, wer mit der Gewalt beginnt.

In diesem, Falle ist es unzweifelhaft, daß die Initiative zur Gewalt von Ihnen ergriffen wurde, was die Flugblätter allein schon beweisen, und es gibt keine Staatsform, die es sich gefallen lassen kann, daß, wenn jemand zur Gewalt gegen sie greift, sie nicht ebenfalls dazu griffe — auch eine kommunistische Regierung in Moskau oder Budapest oder München nicht, und wenn Sie in Wien die Herrschaft hätten, auch Sie nicht.

Der Redner legt nun die Mißverständnisse bezüglich der Verhaftung dar. Wir dachten, durch die Ablehnung des Ver­sammlungsverbotes sei auch jede andere Idee fallen gelassen, Eldersch wieder meinte, daß das damit nichts zu tun habe, und stimmte damit der Polizei zu. Die Polizei wieder wollte bloß das Direktorium verhaften, und zwar in der Wohnung, erfuhr, daß zehn Leute eine Sitzung halten, es stellte sich aber heraus, daß es 115 waren. Von der Verhaftung erfuhr Seitz und ich erst am nächsten Tage. Die Soldatenräte allerdings noch bei Nacht, sie hielten sie für einen Fehler, wobei die Meinung nicht einheitlich darüber war, wann sie enthaftet werden sollen. Die Polizei stand auf dem Standpunkt, daß sie den Bettelheim kennenlernen wolle. Auch die Soldatenrül[rät]e wünschten die Durch­führung der Perlustrierung.

Die Kommunisten behaupten nun, daß die Verhafteten eben die Ordner waren, die die friedliche Art der Versammlung beweisen. Undenkbar wäre ja das nicht, daß sie wirklich im letzten Augenblick ihre Ansichten geändert hätten. Nur spricht dagegen, daß die einen von ihnen behaupten, es sei bereits beschlossen worden, die Demonstration friedlich durchzuführen, die anderen aber, es hätte erst beschlossen werden sollen. Noch weniger stimmt dazu, daß man

bei diesen Ordnern Revolver gefunden

hat, was eine Ausrüstung ist, die sich für Ordner gerade nicht empfiehlt und auch nicht üblich ist. Das Traurige an der Ver­haftung ist, daß die Demonstration jetzt plötzlich ein Objekt bekam. Wie sehr wir alle gegen die Verhaftungen waren, beweist der Umstand, daß, als ich davon erfuhr, ich sofort alles daran setzte, sie rückgängig zu machen, und daß als ich im Staatsamt deshalb intervenierte, ich mit zwei Genossen des Soldatenrates dort zusammenkam, die dasselbe wollten.

Was nun den blutigen Sonntag betrifft, so wissen wir ja alle, wie leicht jetzt Schüsse losgehen. Wenn uns jemand in dem kommunistischen Flugblatt vorwirft, es habe die Absicht bestanden, Blut zu vergießen, so enthalte ich mich jeder Bemerkung darüber, daß jemand meint, es könnte jemand, der Verantwortung für das Proletariat hat, daran denken, Proletarierblut zu vergießen. Das können nur Leute machen, die mit der Gewalt spekulieren. Wenn sich die Kommunisten angewöhnt haben, die Polizei und Stadtschutzwache als „Weiße Garde“ zu bezeichnen, so empfinde ich das als ungerechte Verdächtigung, weil ich weiß, daß das auch nur Proletarier sind und mancher von ihnen ein schon lange organisierter Proletarier. Allerdings müssen wir auch einsehen, daß es nicht Übermenschen sind, und dürfen nicht vergessen, daß doch ein gewisses Maß von Selbstüberwindung dazu gehört, sich nicht nur beschimpfen und bespucken, sondern auch mit Steinen und Eisenstücken bewerfen zu lassen. Man hat auf die gefährdeten Punkte nicht Polizei gestellt, sondern Volkswehr, gegen die eine ganz andere Stimmung besteht. Da hat nun aber ein Riegel versagt, er wurde durchbrochen und die Leute stießen plötzlich nicht auf Volkswehr, sondern auf Stadtschutzwache.

Nun gehen die Meinungen auseinander,

wer zuerst geschossen hat,

nämlich ob von den Demonstranten oder aus einem Gym­nasium, sicher aber ist, daß die Stadtschutzwache mit dem Schießen nicht angefangen hat. Es ist auch sicher, daß die Stadtschutzwache zunächst blind geschossen hat, daß auch eine Polizeiabteilung auf die geschossen wurde, nicht zurückschoß, sondern kehrt machte. Durch die Zeugen ist erwiesen, daß zunächst von Zivilisten geschossen wurde, dann die Stadtschutzwache eine blinde Salve abgab und als dann die Menge wieder vor­ stürmte, es zu dem traurigen Schießen kam.

Von allen Fragen, die hier auftauchten, ist die wichtigste die, ob die proletarischen Parteien die Arbeiterräte als die kompetente Instanz anerkennen, die die Entscheidungen in allen wichtigen politischen Fragen der Arbeiter zu treffen haben. Wenn das nicht der Fall sein sollte, würden wir zu Zuständen kommen, wie in Deutschland. Denn wenn der Arbeiterrat besteht, die Parteien sich aber an seine Beschlüsse nicht zu kehren brauchen, dann ist das die Zerklüftung der Arbeiterklasse

Es handelt sich auch um eine Frage der Existenz des Gedankens der Arbeiterräte. Wir sind bereit, mit Ihnen die Arbeiterräte zu verbessern, aber wenn sie drohen, die Arbeiterräte zu verlassen, so sprengen Sie diese Institution und machen es unmöglich, aus ihr ein Instrument des Klassenkampfes zu machen. (Lebhafter Beifall.)

Es sprachen dann Eichinger (Kommunist), Tomann (Kommunist), Dr: Frey, Koritschoner (Kom­munist), Kampichler und Eldersch. Danach wurde die Sitzung um ½ 1 Uhr nachts auf Samstag vertagt. Die Stunde wird noch bekanntgegeben werden.

In: Arbeiter-Zeitung, 18.6.1919, S. 2.

N.N. Macht und Ordnung (1919)

Nach dem, was sich am Sonntag in Wien zugetragen hat, haben alle vernünftigen Menschen in dieser Stadt nur das eine Bedürf­nis und den einen Wunsch: es muß alles geschehen, um einer Wiederholung solcher Schrecknisse vorzubeugen. Gewiß wird es notwendig sein, mit größter Sorgfalt zu unter­suchen, ob nicht ein frevelhaftes politisches Abenteurertum auf der einen Seite oder ver­kehrte Maßnahmen auf der anderen Seite, absichtlich oder unabsichtlich, dazu beigetragen haben, eine überflüssige Demonstration mit einem Blutbad enden zu lassen. War ein Putsch geplant? Oder hat es sich um eine Revolte aus dem Stegreif gehandelt? Und hätte sich die plötzliche Entzündung der Leidenschaften nicht durch klügere Vorkehrun­gen verhindern lassen? Das muß untersucht und klargestellt werden. Aber noch viel wichtiger und dringender als jede solche Untersuchung ist die planmäßige Verhütung neuen Unheils. Es ist ein unmöglicher Zustand, daß an jedem Sonn­tag ein blutiges Hasardspiel um die Ruhe dieser Stadt und um das Schicksal dieses Staates anhebt. Es kann nicht so fortgehen, daß jedes­mal die gesamte Polizei- und Militärmacht ausrücken muß, um etwaige Umsturzlaunen einiger tausend Versammlungsbesucher abzuwehren. Man muß kein Ordnungsfanatiker sein, um ein­zusehen, daß ein gewisses Maß gesetzlicher Ord­nung und Sicherheit zu den primitiven Voraus­setzungen jedes wie immer gearteten Staats­ und Gesellschaftslebens gehört. Wie immer wir regiert werden, sei es demokratisch, sei es sozialistisch, sei es auch kom­munistisch, die jeweiligen Machthaber werden immer die Pflicht haben, den Regierten die Wohltat inneren Friedens und die Möglichkeit zivilisierten Zusammenlebens zu verbürgen. Staatsform und Verfassung können nicht von einem Tag auf den anderen fortdauernden Zweifeln und Schwankungen preisgegeben sein. Dabei handelt es sich gar nicht um theoretische Verfassungsgrundlagen, sondern — wir wollen sehr bescheiden sein — nur um die tatsächlichen Recht- und Machtverhältnisse. Unsere Verfassung ist vorläufig keine sozialdemokratische, aber tatsächlich liegt in Wien die Regierungsgewalt und damit die Regierungsverantwortung für ganz Deutschösterreich in den Händen der Sozialdemokratie. Die Arbeiterpartei hat für sich mit der Errich­tung des Kreisarbeiterrates eine besondere Art von Parlament und Exekutive geschaffen. Angesichts der Verhältnisse, unter denen wir leben, ist es zwecklos, die konstitutionellen Eigentümlichkeiten dieses Zustandes rechts­kritisch zu erörtern. Wie es ist, so ist es, und der Kreisarbeiterrat hat nun einmal eine Macht in Händen, deren realer Bestand unan­fechtbar ist. Dann soll aber diese Macht auch in einer Weise gebraucht werden, die ihre eigene Sicherheit und mit dieser zugleich die Sicherheit der Stadt und des Staates auf feste Grundlagen stellt.

Es kann doch der großen, geschlossenen Mehrheit der sozialdemokratisch organisierten Arbeiterschaft nicht gleichgültig sein, daß eine verschwindende Minderheit ihrer eigenen Klasse sie jeden Augenblick in Gefahr bringt, die selbstgeschaffene Neuordnung unberechenbaren Zu­fällen preisgegeben zu sehen. Keine Gesellschaftsordnung, mag sie wie immer beschaffen sein, kann ihre Existenz täglich oder wöchentlich vom Ausgang improvisierter Straßenkämpfe abhängig machen. Deshalb muß die organisierte Arbeiterschaft den Sicherheitsdienst, der die politischen Wetterschwankungen ausschließt, selbst in die Hand nehmen und ihn mit ihrer bewährten Organisationskunst so einrichten, daß der Wille der Mehrheit sich ohne ständige Waffenbereitschaft durchsetzt. Wir wollen unsere Stadt nicht in ein Kriegslager verwandelt wissen, wir brauchen, während wir mit dem Ausland über den Frieden verhandeln, den inneren Frieden, den uns jene der verschaffen und verbürgen müssen, die dazu die Macht haben. Wir hoffen, daß dies gelingen wird und daß die Erfahrungen dieses blutigen Sonntags nicht ungenützt und unverstanden bleiben werden. Allerdings wird es dabei, notwendig sein, auch endlich mit den Zweideutigkeiten Schluß zu machen, die bisher unser Verhältnis zur ungarischen Nachbarrepublik auf verhängnisvolle Weise getrübt und verzerrt haben. Wenn die Mit­teilungen der Arbeiterzeitung über das politische Wirken der ungarischen Gesandtschaft in Wien richtig sind, dann wird man daraus dieselben Konsequenzen ziehen müssen, wie sie in Deutschland gezogen wurden, als dort der russische Gesandte Joffe die Künste bolschewistischer Diplomatie spielen ließ. Auch die deutschösterreichische Sozialdemokratie kann um ihrer selbst und um des Staates willen, dessen Zukunft ihr anvertraut ist, weder den ver­wegenen Putschversuchen inländischer Minori­täten noch den kecken Hebelgriffen ausländischer Agenten unbegrenzte Duldsamkeit entgegenbringen. Der Kreisarbeiterrat nimmt für sich das entscheidende Wort in Anspruch. Möge er also sprechen und handeln, wie es der bittere Ernst der Zeit erfordert.

In: Die Zeit, 17.6.1919, S. 1.

N.N.: Kreuzzug gegen Josephine Baker (1928)

Ein amtliches Nein stemmt sich dem beabsichtigten Gastspiel der Josephine Baker entgegen. Dem Tanz der göttlichen Josephine geht das Tänzchen um die Konzessionsverteilung voran. Die Musik, die den Amtsschimmelrhythmus festlegt, ist jazzfrei. Sie darf sich auf Tradition und Altösterreichertum berufen. Vormärzparagraphendeutsch teilt ihre Takte.

Aber warum fühlen sich führende Po­litiker durch das Gastspiel der Josephine Baker chokiert? Wie kam es, daß diese Frau in der politischen Arena Österreichs einen seit Monaten vergeblich ersehnten sensationellen Erfolg: die Koalition aller Parteien erzielen konnte? Eine noch nie erlebte Phalanx bezieht gegen Josephine Baker Kampfstellung. Die Beweggründe für diesen Kreuzzug des zwan­zigsten Jahrhunderts sind verschiedenster Art: Schutz der Geschäftsinteressen eines Theaterunternehmers, völkische Belange und, natürlich, die liebe Sittlichkeit. Also wieder das Horrido und Hussassa der „Jonny“-Demostranten und dazu, als aparte Neuheit, die überraschende Auf­fassung, daß schwarze Frauenbrüste eroti­scher und demoralisierender wirken als weiße.

All dies ergänzt durch eine unerträg­liche, mittelalterliche Bevormundung. Ist irgend jemand gezwungen, Josephine Baker zu sehen? Will aber einer so sünd­haft sein, die Katzenschönheit dieses welt­berühmten schwarzen Mädchens, dem Paris und Berlin monatelang nachgelaufen sind, zu bewundern, was kümmert das Anders­denkende oder Andersfühlende? Wien will Weltstadt bleiben, bettelt überall darum, als solche angesehen zu werden. In einer Weltstadt hat aber die hohe, die reine Kunst das gleiche Heimatrecht wie das Amüse­ment.

Um dieses — um nichts anderes— handelt es sich bei Josephine Baker. Ist Wien berechtigt, plötzlich die Führerrolle in Problemen des Rassenschutzes zu über­nehmen, wenn heute sogar schon die gewiß nicht negerfreundlichen Vereinigten Staaten bedeutende Geldsummen für Neger­musik (die nur von Negern geschrieben sein darf) auswerfen?

Die ganze Wiener Hatz gegen Jose­phine Baker entspringt doch nur der Großmannssucht und dem Bestreben, eine Affäre zu konstruieren, um dadurch weitumfassende Ohnmacht zu verschleiern. Gegen die Mächte, die das Deutschtum wirklich kne­beln und entrechten, ist ein Aufmucken ge­fährlich und darum nicht ratsam. So stürzt man sich an Werktagen auf die Juden, zur Abwechslung aber auch einmal auf eine fremdfarbige Tänzerin.

In: Wiener Allgemeine Zeitung, 5.2.1928, S. 1.

N.N [L. Ullmann]: Die nächste Pflicht (1919)

Die wahren Schuldigen, deren Werk und Wille dem blutigen Sonntag sein Ge­präge gegeben haben, kennt man nun. Man kann das ruhig behaupten, trotzdem das Ergebnis der Untersuchung durch den ein­gesetzten Ausschuß des Arbeiterrates erst heute Abend vorgelegt werden soll. Be­hörden wie Funktionäre legen sich bereits offiziell wie inoffiziell gleichfalls keine Zu­rückhaltung mehr auf, so klar und durch­sichtig ist der Tatbestand. Zu seiner Erhel­lung tragen in letzter Stunde versuchte un­geschickt-übereifrige Manöver, wie das von der ungarischen Gesandtschaft erlassene Communiqué nicht wenig bei. Dort wird in einem gut gespielten Brustton der Ent­rüstung erzählt, daß die Wiener Polizeidirektion Agents provocateurs auf die un­garische Gesandtschaft geschickt habe, die dort erkunden sollten, ob die ungarische politische Moral sich wohl dazu herbeilassen werde, den Sicherheitsbeamten eines fremden Staates Bestechungsanträge zu stellen. Die alt-ungarische Tugend habe aber natürlich gesiegt und beschämt seien die Sendlinge des Herrn Schober abgezogen.

Wer nur ein klein wenig Kenner der Wiener Psychologie ist und er braucht dabei nicht einmal Kenner der tatsächlichen lokalen Verhältnisse zu sein, wird schon voll und ganz die Unsinnigkeit und zugleich die Bös­willigkeit dieses Geschwätzes ermessen können. Ein Staat, der sich, und das ge­mäß dem individuellen Willen jedes ein­zelnen seiner Mitbürger wie gemäß bitteren Notwendigkeiten, seit Monaten um nichts anderes, als um die Aufrechterhaltung möglichst fester Beziehungen zu allen Ländern und Völkern bemüht, ja der nicht leben kann, ohne die werktätige Freund­schaft und zumindest ohne die Duldung seiner Nachbarn und der dabei diesen Sach­verhalt sehr genau kennt, der sollte auf so mutwillige Weise einen Konflikt vom Zaune brechen, einen Konflikt noch dazu mit einem Volke, von dem uns heute wohl die oder jene Differenz politischer Systemisierung trennen mag, das uns aber gleiche Not und gleich erlittenes Unrecht gerade in dieser Stunde eng verbündet. Die Methode des Herrn Czobel erinnert an das berüchtigte alte „Haltet den Dieb!“. Allerdings ist die Wiener Polizeibehörde in der, wie man eigentlich kaum sagen sollte, glücklichen Lage, sich nicht in eine weitere Diskussion mit den Herrschaften in der Bankgasse einlassen zu müssen. Denn ihr steht Material genug zur Verfügung, das die spezifisch ungarische Provenienz der einschlägigen Agi­tation kennzeichnet. Material, das aus Personen wie aus Akten, aus Verhafteten wie aus konfisziertem Geld, beschlag­nahmten Waffen und aufgestöberten Schriftstücken, Briefen und Dokumenten besteht. Das Beweisverfahren ist im wesentlichen bereits geschlossen, der Prozeß vor dem Forum der Zeitgeschichte vor dem Abschluß. Und das Urteil so gewiß wie seine Voll­streckung unaufschiebbar.

Die altgewohnte österreichische To­leranz im Befolgen und im Behüten der Gesetze hat hier einmal eine ungeheuerliche Katastrophe verschuldet. Unsere Regierung mußte seit beträchtlicher Zeit wissen, warum Herr Bela Kun seine Emissäre nach Wien schickt und daß es nicht lediglich geschieht, damit hier etwa der Straßenbahnverkehr oder der Wasserleitungsbetrieb genau studiert wird. Verschiedene ihrer Enunziationen, selbst einzelne schüchterne Ver­fügungen haben auch ihr Wissen um diese Tatsachen und deren Gefährlichkeit bereits verkündet. Vor kurzem bereits wurde die Ausweisung der hier nicht ansässigen Un­garn angekündigt, wie lax sie durchgeführt wurde, beweist aber schon der eine Umstand, daß Wien in der vorigen Woche von un­garischen Agitatoren direkt überflutet war. Gefälligkeit, Gemütlichkeit und Schlamperei ist die alte Trias, die Österreichs weltgeschichtliche Fehler immer wieder zu verant­worten hatte. Hoffentlich hat diesmal der eine bedauerliche Choc genügt, um den ver­antwortlichen Stellen beizubringen, daß man den ungarischen Bestrebungen nicht mit dogmatischer, sondern mit gesunder realpolitischer Bestimmtheit begegnen muß. Dis Kuns und Genossen etwa täuschen sich darüber keinen Augenblick, daß ihre Herrschaft zu Grunde gehen muß, wenn das ungarische Sowjetsystem von einem Kranz anders gearteter Staaten und Wirtschafts­komplexe umschlossen bleibt. Darum ist es für sie Interesse und Notwendigkeit, um jeden Preis und in jeder Minute, die gün­stig scheint, zu revolutionieren, was und wo sie nur können. Aber weil der Tiger zerreißen muß, um fressen und leben zu können, muß ich darum schwankend werden, ob ich mir den Tiger vom Leibe halten darf? Deutschösterreich ist heute wahrhaft in keiner weniger prekären Situation, als ein Wanderer im Urwald, des Weges un­kundig, von Hilfsmitteln entblößt, von Gefahren umgeben und einzig auf die Wachsamkeit seiner Angen und die Verläß­lichkeit seiner Nerven gestellt.

In: Wiener Allgemeine Zeitung, 17.6.1919, S. 2.

N.N. [Austerlitz]: Die Schuld der Putschisten. (1919)

Furchtbares hat uns dieser Sonntag gebracht, den, allen Mahnungen und Beschwörungen zum Trotz, jenes gewissenlose „Direktorium“ inszeniert hat. Soviel Leid und Kummer herrscht in dieser Stadt, die schlimmer als jede andere unter den Nachwirkungen des verruchten Krieges leidet, daß wohl die einfachste Menschenpflicht gebieten würde, es. leichtfertig nicht noch zu mehren. Not und Teuerung verheeren ohnedies die Bevölkerung, die rascher abstirbt, als sie sich ver­mehrt; ist es nicht verbrecherisch, die Möglichkeiten noch herbeizuführen, bei, denen Leben und Gesundheit der Menschen gewalttätig bedroht wird? Ununterbrochen betreiben die Kom­munisten – sich dabei der Erwägung der Tatsachen, die jeder sieht, hartnäckig verschließend – ein frevles Spiel mit dem Feuer; sie legen gleichsam immerwährend die Lunte an das Pulverfaß, und nun die Explosion so entsetzlich geschah, und schuldlose Menschen die Opfer ihrer verblendeten Politik geworden sind, möchten sie, wie schon immer vormals, nichts geplant haben, wollen sie dir Dinge so darstellen, als hätten sie nur eine landläufige Demonstration im Sinne gehabt, die man grundlos ernst genommen habe; möchten sie all die Tatsachen vergessen machen, aus denen ihre wahre Absicht überdeutlich hervorging und hervorgeht. Das öffentliche Gewissen wird sich aber von der Hauptfrage nicht abwenden, lassen, die diese und nur diese ist: was jenes „Direktorium“ beabsichtigt, gewollt, vorbereitet hatte, als es jene „Massenkundgebung“ ankündigte. Sie werden der Verantwortung für ihr Tun und Treiben nicht entweichen Wollen die Herren des Direktoriums etwa bestreiten, daß sie einen Putsch beabsichtigt und geplant hätten? Einen Putsch, das heißt den Vorsatz, die gegenwärtige, republikanische Verfassung aus den Angeln zu heben, Regierung und National­versammlung zu beseitigen und an ihre Stelle ihre Macht zu setzen; ihre diktatorische Gewalt, der fortan alles untertänig fern sollte! Da brauchte man wirklich nur ihre Flugblätter und Plakate zu lesen, aus denen die eigentliche und letzte Absicht der „Massenkundgebung“ deutlich hervortrat; die „Direk­tiven“ zu erwägen, die sie den Volkswehrmännern, von denen sie glauben, daß sie ihren Verlockungen erliegen könnten, suggerieren wollten; die Bemühungen sich vor Augen zu halten, die von Budapest aus unternommen wurden, wo man den Sturz unserer gegenwärtigen Verfassung für diesen Sonntag sozusagen schon als feststehende Tatsache betrachtete. Wer aber einen Putsch vorbereitet, in dem alles untergehen soll, was jetzt in unserer Republik feststeht, der hat den Bürgerkrieg in sein Bewußtsein aufgenommen, der hat mit dem Blutvergießen gerechnet, der wollte es, wenn er es schon nicht gradaus herbeizuführen suchte, sicherlich doch nicht vermeiden; der trägt darum für alles, was sich ereignet hat, die Verantwortung als wahrer Urheber. Der Schauplatz, der Augenblick, ja selbst der Anlaß der ist dann gleichsam ein Zufall: diejenigen, die den Gedanken des Putsches in die Massen tragen, ihn unausgesetzt propagieren, überdies mit Mitteln propagieren, bei denen jede Spur von Gewissenhaftigkeit verloren gegangen ist, ihn als Notwendigkeit und Erlösung zugleich ausschreien, die sind es, die Pulver­fässer zusammentragen und den Funken werfen, der den Brand hervorruft. Ob am Sonntag irgend etwas geschah, was nicht zweckdienlich, was verfehlt war, muß untersucht werden und wird untersucht; nicht minder muß festgestellt werden, ob nicht auch  Mangel an Geistesgegenwart das Unheil gemehrt hat. Aber man würde sich über die wahre Sachlage sehr täuschen, wenn man die Ursache des Schrecklichen in den zu­fälligen und äußerlichen Umständen erblicken wollte. Sie liegt ausschließlich in dem frevelhaften Spiel mit dem Putsche, in dem frevelhaften Spiel mit dem Feuer. Die Putschtisten sind es, die die Blutschuld dieses entsetzlichen Sonntags zu verantworten haben.

Sie möchten es jetzt so darstellen, daß sie wohl bis zum Freitag, vielleicht noch bis Samstag vormittag die Absicht hatten, am Sonntag einen Putsch auszuführen, und zu diesem Zwecke all die Vorbereitungen getroffen hatten, deren Zeugen ganz Wien war, daß sie es sich aber am Samstag abend überlegt hätten oder überlegen wollten, daß man aber von dem Umschwung ihrer Absichten nicht geziemend Kenntnis genommen, sie sogar bei der Umdrehung des Putsches zu einer gewöhnlichen Ver­sammlung unter freiem Himmel gestört habe. Als ob sich erstens die Menschen, die man mit dem Putschgedanken erfüllt und fanatisiert hat, so schnell umdrehen ließen, wie es die Diktatoren wünschen; zumal da man Plakate anschlägt, die den Putsch predigen, aber keine anschlägt, die das Aufgeben anzeigen. Aber davon abgesehen; wird das Verbrechen – nicht, gegen das Strafgesetz, daran denken wir natürlich nicht und reden nicht davon – wird das Verbrechen gegen die Interessen und Notwendigkeiten des Proletariats geringer, wenn es nur bis Samstag mittag in dem Plane der Diktatoren lag? Die Wiener Arbeiterschaft hatte durch das Votum des Kreisarbeiterrates ihren Willen doch klar und deutlich ausgesprochen; aber das hinderte die vier Gewaltigen des Direk­toriums natürlich nicht, bei ihrem Entschluß zu ver­bleiben, nach dem Beschluß des Arbeiterrates ihre Putschplakate anzuschlagen; wie werden sich auch die Diktatoren um den Willen der Arbeiterschaft zu kümmern brauchen! Sie haben doch die Bestätigung von Budapest, und der gegenüber ist ein Beschluß der Vertretung des Wiener Proletariats natürlich ein Nichts! Wohl die erstaunlichste Rechtfertigung, die da ersonnen wurde: daß nur am Freitag der Putsch organisiert würde, am Samstag aber die Diktatoren bereit gewesen darauf zu verzichten, auf den Wiener Straßen ein Blutbad zu veranstalten! Aber nicht etwa verzichtet, weil sie das Unheil scheuen, weil sie das Unfruchtbare und Verderbliche dieser Gewalttätigkeit um ihrer Willen, suchenden Politik eingesehen hätten, nein, weil nur die Gelegenheit noch nicht güstig war! Also wird das Wiener Proletariat weiter diesen Bruderkampf, der seine Kraft schwächt, seine Energien lähmt, der seine beste Waffe, die Volkswehr, in einen sinnlosen Parteistreit verflicht, zu tragen haben, weil die Diktatoren auch weiterhin Ausschau nach günstigen Gelegenheiten für den Putsch suchen, werden. Also das Wiener Proletariat muß weiter in Schach gehalten werden, weiter mit Unheil bedroht werden, weil die Diktatoren ihren Putsch nicht aufgeben wollen und nur vertagen, wenn die Gelegen­heit noch nicht genug günstig, erscheint! Und das soll eine Rechtfertigung sein!

Der Tag des Unheils mahnt die kommunistischen Arbeiter zur Einkehr. Sie können in ihrer Mehrheit diese Politik, deren Schädlichkeit so offenkundig ist, die sich schon zweimal mit schweren Blutopfern beladen hat, nicht dulden, nicht verant­worten, nicht mitmachen. Die Opfer vom Sonntag, furchtbare Opfer, entsetzliche Opfer, zeigen ihnen, wohin diese Politik führt, die ihre Beweggründe nicht aus dem Willen des Wiener Proletariats schöpft, sondern lediglich noch äußeren Direktiven folgt: ins Bodenlose! Denket an diesen Sonntag, da eine abenteuerlich gewissenlose Politik so viel Unheil ausgesäet hat, und gelobet, niemals mehr es zu dulden, daß Putsche vorbereitet werden, bei denen das Blutvergießen bedenkenlos in Rechnung gestellt wird! Diese Sühne ist jeder den Toten schuldig, um die wir weinen und klagen als Opfer fremder Schuld.

In: Arbeiter-Zeitung, 17.6.1919, S. 1.

A. M.[arkowitz]: Tairoffs Moskauer Kammertheater. Der Mann, der Donnerstag war. (1925)

Der Mann. der Donnerstag war, ist ein von Sigismund Krischanowsky nach einem Roman von Chesterton bearbeiteter Sketch in drei Aufzügen und siebenundzwanzig „Begebenheiten“. Die „Begebenheiten“ ereignen sich inmitten des modernen London. An der Spitze der Organisation der Anarchisten steht hier der Rat der Sieben. Dessen Präsident trägt den Namen Sonntag, die andern nennen sich nach den übrigen Tagen der Woche. Der Platz des „Donnerstag“ ist frei geworden. Der Dichter Gregori, ein fanatischer Anarchist, soll in einer Anarchistenversammlung zum „Donnerstag“ gewählt werden. Aber er hält eine merkwürdige Kandidatenrede. Er schildert darin die Anarchisten als demütige Christen und erregt dadurch die Empörung der Versammlung, die nicht ahnt, daß er nur so spricht, um seinen Bekannten Saim, der mit ihm in die Versammlung gekommen ist, und von dem er weiß, daß er Detektiv der Londoner Polizei ist, irre zu führen. Er hat Saim für den Anarchismus gewinnen wollen und ihn in dessen Geheimnisse eingeführt. Gerührt ob dieser Offenherzigkeit hat sich ihm Saim als Detektiv zu erkennen ge­geben. Beide haben aber geschworen, ihre Geheimnisse nicht zu verraten und einander nur mit den Waffen des Geistes zu bekämpfen. Saim pariert in der Versammlung die Finte Gregoris, indem er auf dessen demütige Rede mit einer radikalen anarchistischen Rede antwortet. Das hat zur Folge, daß man Gregori hinauswirft und Saim an seiner Stelle zum „Donnerstag“ wählt.

In der ersten Sitzung der sieben Tage wird ein Königs­mord beschlossen. Schon in dieser Sitzung wird einer der Sieben, „Dienstag“, als Detektiv entlarvt. Saim selbst wird nach der Sitzung von „Mittwoch“ verfolgt. Auch „Mittwoch“ ist Detektiv, und wie er Saim, der „Donnerstag“ war, als Anarchisten verhaften will. legitimiert sich dieser als seinen Kameraden. Nun geht es an die gemeinsame Jagd auf die andern der „Sieben“, um den Königsmord zu verhindern. Der „Witz“ des Stückes besteht nun darin, daß es sich nacheinander herausstellt, daß alle „Sieben“ Detektivs der Londoner Polizei sind, und vor allem in der Ironie des Schicksals, daß Gregor, auf eigene Faust den Königsmord be­gangen hat, während die „Sieben“ Jagd aufeinander gemacht haben.

Diese Ironie des Schicksals hätte sich packender als es in der Aufführung geschehen ist, herausarbeiten lasse. Aber auf solche literarische Pointen kommt es Tairoff nicht an. Er will Theater und nichts als Theater geben, Theater, das sich befreit hat von seiner dienenden Stellung der Literatur gegenüber, „entfesseltes Theater“, wie er daher seine Bühne selbst nennt. Darum ist ihm in der Regel das Stück, das er aufführt, als solches von nebensächlicher Bedeutung. Der Mann, der Donnerstag war, kommt aber seinen rein theatralischen Tendenzen in ganz besonders hohem Maße ent­gegen, und insofern ist gerade die Aufführung dieses „Sketch“ repräsentativ für seine Bühnenkunst.

Die Absichten, die Tairoff verfolgt, erinnern an den schon vor Jahrzehnten in der bildenden Kunst zum Leitmotiv gewordenen Grundsatz: L’art pour l‘art, die Kunst für die Kunst. Wie sich heute das Theater Tairoffs von der Literatur zu befreien strebt, so suchte damals die Malerei und Bildnerei von der Herrschaft des Gegenstandes loszukommen und das Schwergewicht lediglich auf die künstlerische Gestaltung des Gegenstandes mit den Mitteln der Malerei und Bildnerei zu legen. Was hier der Gegenstand ist, ist dort das Stück. Es ist für Tairoff gleichgültig, wie für den Maler oder den Bildhauer der Gegenstand. Ob er ein Drama des Sophokles oder einen Sketch Krischanowskys aufführt, ist für ihn ebenso belanglos, wie es etwa für den Maler belanglos ist, ob er einen Menschen oder einen Haufen Kartoffeln malt. Die Hauptsache ist für ihn die theatralische Gestaltung des Stückes, wie für den Maler die malerische Gestaltung des Gegenstandes.

In der bildenden Kunst har das l’Art-pour-I’art-Prinzip seinen Höhepunkt bereits überschritten. Man kommt nun doch schon wieder zur Ansicht, daß in einem Kunstwerk die Bedeutung des Gegenstandes nicht weniger schwer ins Gewicht fällt als dessen künstlerische Gestaltung, daß also bei gleicher malerischer Qualität ein gemalter Mensch doch mehr zu geben bat als ein gemalter Kartoffelhaufen. Nichtsdesto­weniger war das L’art-pour-l‘art-Prinzip eine notwendige Forderung der Zeit. Es war notwendig, weil die bildende Kunst in der Nachahmung von mehr oder weniger fesselnden Gegenständen unterzugehen drohte. Und so ist das entfesselte Theater auch ein notwendiges Gegengewicht gegen den unkünstlerischen Naturalismus der Bühnendarstellung.

Daß das Theater hierin der bildenden Kunst nachhinkt, hat seinen guten Grund. Maler und Bildhauer hat es immer gegeben, die lieber hungerten, als den (Geschmack des gegenständlich eingestellten Publikums zu dienen. Theater dagegen sind fast immer Geschäftsunternehmungen oder doch öffentliche Institute und daher vom Publikum abhängiger als die bildende Kunst. Es ist daher ein besonderes Verdienst Trairoffs, daß er das Prinzip „Die Kunst der Kunst“ unter dem Schlagwort „Das Theater dem Theater“ auch auf dem Gebiet der Bühnenkunst zum Siege geführt hat. Daß es verspätet geschehen ist, gewährt der neuen Theaterkunst den Vorteil, daß sie sich alles Neue, das inzwischen in andern Zweigen der Kunst geschaffen wurde, zu eigen machen konnte. Und so wurde das „entfesselte Theater“ zugleich zum „synthetischen Theater“. Es stellt eine Synthese von impressio­nistischen, kubistischen, futuristischen und expressionistischen Tendenzen dar. Impressionistisch ist das nur auf den augen­blicklichen Eindruck abzielende, im Grunde naturalistische Spiel, kubistisch die Entwicklung des Spiels im dreidimensionalen Raum statt wie bisher in der Fläche und höchstens noch in die Tiefe, futuristisch die starke Bewegung, die durch das Spiel hindurchgeht, expressionistisch die groteske Steigerung des Ausdrucks durch Maske und Kostüm. Alles das war allerdings schon irgendwo vorgebildet. Theater, Varietè, Zirkus, Schau­spieler, Akrobat und Clown haben ihre Eigenheiten herleihen müssen, um das synthetische Theater Tairoffs, das „Theater an sich“, das Theater, das nichts als Theater sein will, zu gestalten.

Das Bühnenbild, das „Der Mann, der Donnerstag war“ bietet, erinnert überdies an konstruktivistische Bilder. Gerüste türmen sich auf, Zugbrücken verbinden sie, Aufzüge bewegen sich in den Türmen auf und ab, da und dort schreiende, die moderne Großstadt versinnbildlichende Auf­schriften. Während des Spiels selbst, das sich in der Richtung aller drei Dimensionen und oft in drei Stockwerken zugleich entfaltet, leuchten Bogenlampen auf, Rollbalken werden auf­gezogen, Baldachine wölben sich vor, um einer Szene die augenblicklich erforderliche Umrahmung zu geben, Hupen­signale ertönen, Leben, Bewegung allenthalben.

Aber dieses Leben, diese Bewegung haben ihren eigenen, ihnen von einer meisterhaften Regiekunst verliehenen Rhythmus. Gleichwohl geht der einzelne Schauspieler nicht unter in dem Werke der Regie. Er unterscheidet sich nur insofern wesentlich von dem üblichen Typus, als er nicht nur durch die Modulation der Rede und das Mienenspiel wirkt, sondern in erhöhtem Maße auch durch die Gebärde; Seele und Körper, Geist und Leib sind in diesen Schauspielern wahrhaftig eins. Das synthetische Theater hat auch ihre synthetischen Schauspieler. Boris Ferdinandoff, Wladimir Sokoloff, Leo Fenin und Eugen Lensky sind insbesondere hervorzuheben.

Da Tairoffs Moskauer Kammertheater nichts als Theater sein will, erübrigt es sich, nach einer sozialen Tendenz des Stückes zu fragen. Soweit sie vorhanden ist, erschöpft sie sich, in der Satire auf die nach Anarchisten fahndende Polizei. ! Aber auch diele „Tire wird ebenso völlig überwuchert von // der allgemein menschlichen Komik, die aus den einzelnen Situationen hervorgeht, wie die Ironie des Schicksals, die der letzte Sinn des Stückes ist.

In: Arbeiter-Zeitung, 28.6.1925, S. 10-11.

N.N. [Colbert-Frei]: Die Heuchler (1919)

Die Zeitungen versuchen heute, die große Masse der Bevölkerung durch ein Trommelfeuer von Heuchelei, Lügen und Verdrehungen zu verwirren. Die Stadt Wien ist empört und will die Leute feststellen, die für das am 15. Juni vergossene Blut verantwortlich sind. Aber während in Wirklichkeit die Dinge so liegen, daß am 15. Juni niemand mehr an einen Putsch dachte und die Kundgebung vor dem Rathause ohne die Verhaftung der kommunistischen Führer sicherlich ruhig verlaufen wäre, wofür als sicherstes Zeichen die Haltung der Demonstranten selbst angeführt werden muß, sucht man dem verwirrten Zeitungsleser die Meinung beizubringen, daß all das nicht geschehen wäre, wenn es in Wien nicht einige Leute gäbe, die für die Errichtung der Räteherrschaft eintreten. Die bürgerliche Presse benützt die Aus­einandersetzung zwischen den Sozialdemokraten und den Kommunisten, um ihren Lesern einzureden, daß nur ein kleiner Haufe von Verworfenen von Unreifen, von Hitzköpfen die Räteverfassung für Deutschösterreich wünsche und führt als Beweis die Sitzung des Wiener Arbeiterrates vom vergangenen Freitag an, die sich gegen die Kommunisten wendete. Aber diese Zeitungen lenken die Aufmerksamkeit von dem wichtigsten Beschluß dieser Arbeiteratssitzung ab, der von dem Socialdemo­kraten Frey eingebracht und mit großer Mehrheit angenommen wurde. Dieser Beschluß lautet:

„Der Wiener Arbeiterrat erklärt, daß die Überführung der kapitalistischen Gesellschaft in die kommunistische nur durch die Übernahme der gesamten politischen und wirtschaftlichen Macht durch die Arbeiterräte erfolgen kann und daß die Frage, wann der hiezu ge­gebene Zeitpunkt sein wird, nicht von anonymen Komitees, sondern vom ge­samten Arbeiter- und Soldatenrat bestimmt wird.“

Haben die bürgerlichen Zeitnngsschrribsr darüber nachgedacht, was dieser Beschluß des von ihnen so gelobten Wiener Arbeiterrates bedeutet und wie die Übernahme aller politischen und wirtschaftlichen Macht vor sich gehen wird, wenn dieser Arbeiterrat den Zeitpunkt für ein Eingreifen gekommen erachtet?

Es besteht also zwischen der im Arbeiterrat ver­tretenen Mehrheit der Wiener Arbeiterschaft und den Kommunisten keine grundsätzliche Verschiedenheit, es besteht nur eine Verschiedenheit der Auffassung darin, ob die Rätediktatur jetzt oder später errichtet werden soll. Es wird daher ein vergebliches Beginnen sein, der Bevölkerung einreden zu wollen, daß die Wiener Arbeiterschaft von der Räteverfassung nichts wissen will und durch die Kommunisten angehetzt wird.

Was die Kommunisten selbst betrifft, so haben sie am Samstag ganz unzweideutig erklärt, daß der 15. Juni ruhig verlaufen werde, und wenn eine kleine Minderheit unter ihnen bis zu diesem Tag an einen Sonntagsputsch gedacht hat, so waren sie am Samstag alle einig, daß vorderhand nichts unternommen werden solle. Das mußten alle wissen, die guten Willens waren und es wissen wollten. Es geht also nicht an, die Schuldfrage zu verdrehen und jenem Schuldigen die Mauer zu machen, der am Samstag abends die Verhaftung der Kommunisten verfügt hat. Es geht nicht an und ist ein frevelhaftes Beginnen, ist Lüge und bewußte Täuschung, die Schuld den Vertretern des Rätegedankens beizumessen und die Aufmerksamkeit von der Verhaftung am Sams­tag und von dem Vorgehen der Polizei und der Stadtschutzwache in der Hörlgasse umlenken zu wollen. Selbst die Polizei wagt nicht die bestimmte Behauptung, daß die Demonstranten an­gegriffen hätten. Beteiligte und Unbeteiligte erklären dagegen, daß die Menge in der Hörlgasse sich nichts gar nichts zuschulden hatte kommen lassen und daß vor Abgabe der entsetzlichen Salven außer einigem durchaus nicht übertriebenem Lärm nichts vorgefallen sei, was die Wache in größere Erregung hätte bringen können. Es war hier im Abend nie üblich, gegen Polizeileute oder Stadtschutzmänner scharf zu machen. Wir haben uns immer nur gegen das System gewendet. Für uns war der Wachmann immer ein uniformierter Proletarier und wir dachten auch dann an seinen Hunger, wenn wir während des Krieges sahen, wie Wachleute vor den Kaufmannsluden angestellte Frauen schlecht behandelten, bei den Schiebereien der Kaufleute beide Augen zudrückten und durch die Hintertür armseligen Lohn in Form dürftiger Lebensmittelpakete abholten. Viele Stadtschutzleute haben uns auch vor dem 15. Juni versichert, daß sie ihre Aufgabe nicht darin sehen, gegen Arbeiter aus der Straße vorzugehen. Deshalb muß die Frage klargestellt werden, wer am Sonntag die Wache scharf gemacht hat, warum es gerade an diesem Tage geschehen konnte, daß sich die Bewaffneten wie die Berserker auf harmlose Demonstranten stürzen konnten. Es soll festgestellt werden.

In der Bevölkerung ist heute die Mei­nung verbreitet, daß die vor dem Sonntag von allen Seiten betriebene Kommunistenhetze auch die Stimmung der Wache böse beeinflußt habe. Es wird sehr lehrreich und für die Entwicklung der nächsten Zukunft nützlich sein, wenn die unparteiische Unter­suchung auch diese politische Seite der Sonntagsgreuel beleuchtet. Sie wird vielleicht bei dieser Frage und bei der Klarlegung der Samstag-Verhaftungen finden, daß es mit dem sozialdemokratischen Einfluß in der Regie­rung nicht weit her ist. Die Untersuchungskommission wird finden, daß eine Koalitionsregierung, wenn sie schon nichts schaffen kann, so doch wenigstens zu verhindern imstande sein muß, daß grundlos bei einer proletarischen Straßenkundgebung Blut vergossen wird.

In: Der Abend, 17.6.1919, S. 1.