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Otto Bauer: Die deutschösterreichische Republik.

             In den vier Tagen vom 28. bis zum31. Oktober hatte sich die Auflösung der Habsburgermonarchie vollendet. In diesen vier Tagen war die Armee an der Front zusammengebrochen, hatten sich die neuen nationalen Regierungen im Hinterlande der Regierungsgewalt bemächtigt. Es war eine nationale und eine demokratische Revolution, was sich da vollzog: statt der Dynastie, ihrer ‚übernationalen‘ Bürokratie, Generalität und Diplomatie übernahmen in Deutschösterreich wie in Tschechien, in Galizien wie im südslawischen Gebiet nationale Volksregierungen, aus den Wortführern der Parteien des Bürgertums, der Bauernschaft und der Arbeiterschaft zusammengesetzt, die Regierungsgewalt. Aber der Zusammenbruch der alten Mächte entfesselte zugleich auch die bisher von der Gewalt niedergehaltenen Arbeitermassen. In den täglichen stürmischen Soldatendemonstrationen, die in Wien mit der großen Massenkundgebung am 30. Oktober begonnen hatten, kündigte sich an, daß die national-demokratische Revolution zugleich  auch die soziale Revolution weckte, der Übergang der Regierungsgewalt von der Dynastie  auf die Völker zugleich auch den Klassenkampf innerhalb des Volkes, die Verschiebung der Machtverhältnisse  zwischen den Klassen innerhalb der Nation einleitete. Die Entfaltung dieses dreifachen revolutionären Prozesses der demokratischen, der nationalen und der sozialen Revolution ist die Geschichte des entstehenden deutschösterreichischen Staates vom 30. Oktober bis zum 12. November.

             Am 30. Oktober hatte die Provisorische Nationalversammlung den Staatsrat beauftragt, die Regierungsgewalt in Deutschösterreich zu übernehmen, und eine deutschösterreichische Regierung einzusetzen. Deutschösterreich war damit, ebenso wie alle anderen entstehenden Nationalstaaten in diesen Tagen, vor das Problem der Regierungsbildung gestellt. Es handelte sich nicht, wie sonst bei Regierungsbildungen, um den Übergang einer bestehenden Staatsgewalt aus den Händen einer Machtgruppe in die einer anderen, sondern um die Schaffung neuer Staaten, um die Organisierung noch nicht bestehender Staatsgewalten. Die Regierungen, die da gebildet wurden, verfügten zunächst über keinerlei materielle Machtmittel, weder über den Verwaltungsapparat noch über eine Militärmacht; sie konnten sich nur durch ihre moralische Autorität durchsetzen, nur durch ihre moralische Autorität sich die Verwaltungsmaschinerie der zerfallenden Monarchie unterordnen und sich eine nationale Wehrmacht schaffen. Sollte die moralische Autorität der neuen Regierung groß genug sein, diese Aufgabe zu bewältigen, sollte sie sich in der Großstadt wie im Dorfe, in den Industriegebieten wie im Landvolk, in den Ämtern wie in den Kasernen durchsetzen, dann mußten die neuen Regierungen aus Vertrauensmännern aller Volksschichten zusammengesetzt werden. So erklärt es sich, daß die neuen Regierungen in all den neuen Nationalstaaten damals aus den Vertretern aller großen politischen Parteien der sich konstituierenden Nationen zusammengesetzt werden mußten. Daß ‚Bürger,// Bauern und Arbeiter‘ gemeinsam die neue Regierung bilden mußten, war das Schlagwort jener Tage.

             Auch der deutschösterreichische Staat war im Grunde aus einem Contrat social, einem staatsbegründenden Vertrage der durch die politischen Parteien vertretenen Klassen des deutschösterreichischen Volkes hervorgegangen. Die Gesamtheit der deutschösterreichischen Abgeordneten hatte sich auf Grund von Vereinbarungen zwischen den Parteien als Provisorische Nationalversammlung proklamiert. Nur diese Gesamtheit konnte jetzt die Regierungsgewalt übernehmen. Der von der Provisorischen Nationalversammlung nach dem Verhältniswahlrecht gewählte, also aus Vertretern aller Parteien zusammengesetzte Staatsrat bildete die eigentliche Regierung. Nur als seine Beauftragten übernahmen die vom Staatsrat ernannten Staatssekretäre die Leitung der einzelnen Staatsämter; nicht ihnen, sondern dem Staatsrat selbst teilte die provisorische Verfassung vom 30. Oktober die Verordnungsgewalt zu. Wie der Staatsrat selbst aus allen in der Provisorischen Nationalversammlung vertretenen Parteien zusammengesetzt war, so wurden auch die von ihm bestellten Staatssekretäre allen Parteien entnommen. […] Dr. Karl Renner wurde zum Leiter der Kanzlei des Staatsrates bestellt. Dem christlichsozialen Staatssekretär für Inneres gaben wir Sozialdemokraten Otto Glöckel, dem deutschnationalen Staatssekretär für Heerwesen den Sozialdemokraten Dr. Julius Deutsch als Unterstaatssekretäre bei. Erst die Ereignisse der folgenden Tage, die die nationale Revolution zur sozialen vorwärtstrieben, verstärkten unser Gewicht in der Regierung. Erst sie machten den Leiter der Staatskanzlei zum Staatskanzler. Erst sie ließen in den beiden wichtigsten Staatsämtern, im Staatsamt des Innern, das über die innere Verwaltung, über Polizei und Gendarmerie verfügte, und im Staatsamt für Heerwesen, das die Demobilisierung zu leiten und eine neue Wehrmacht aufzustellen hatte, die bürgerlichen Staatssekretäre weit hinter die sozialdemokratischen Unterstaatssekretäre zurücktreten. Es war eine Machtverschiebung, die sich durch die Ereignisse selbst vollzog, in der sich der Fortgang der Revolution ausdrückte.

             Aus dem Krieg entstanden, ist die soziale Revolution nicht so sehr von der Fabrik als vielmehr von der Kaserne ausgegangen. Als an der Massenkundgebung des 30. Oktober auch Soldaten und Offiziere in großer Zahl teilnahmen; als an diesem Tage auf den Soldatenklappen die roten, auf den Offizierskappen die schwarzrotgoldenen Kokarden aufzutauchen begannen;// als am Abend des 30. Oktober Soldatenhaufen den Offizieren auf der Straße die Rosetten mit den kaiserlichen Initialen von den Kappen rissen, war es klar, daß die militärische Disziplin in den Wiener Kasernen vollends zusammengebrochen war.  Die furchtbare Allmacht, die die militärische Organisation im Kriege dem Offizierskorps gegeben hatte, schlug mit einem Schlage in völlige Ohnmacht um; vierjährige Unterdrückung der Menschenwürde des Soldaten rächte sich nun in wild aufloderndem Haß des Mannes gegen den Offizier. Wo bisher der stumme Gehorsam gewaltet hatte, setzte nun die elementare, instinktive, anarchische revolutionäre Bewegung ein. Soldatenhaufen, von Heimkehrern aus Rußland geführt, versammelten sich nächst der Roßauer Kaserne und berauschten sich an wilden Reden. Sie versuchten die Bildung einer „Roten Garde“, sie zogen bewaffnet durch die Stadt, sie „expropriierten“ Kraftwagen und „beschlagnahmten“ Lebensmittelvorräte. Die Offiziere selbst wurden von der Bewegung erfaßt, Reserveoffiziere aus den Reihen der Intelligenz beteiligten sich, von der Revolutionsromantik des Bolschewismus mitgerissen, an der Bildung der Roten Garde, während sich deutschnationale Offiziere im Parlamentsgebäude als „Soldatenräte“ auftaten. Die überwiegende Mehrheit der Soldaten aber packte unwiderstehlicher Drang, nach Hause, zu Weib und Kind zurückzukehren. Die slawischen Soldaten eilten ungeordnet nach Hause, sobald sie von der Bildung der Nationalstaaten in ihrer Heimat erfuhren; ihr Beispiel verbreitete die Desertionsbewegung sofort auch auf die deutschen Soldaten. Niemand tat mehr Dienst, die Kader lichteten sich, die Wachen liefen davon, die wichtigsten Depots und Magazine waren unbewacht. Kriegsverwilderung, Hunger, Verbrechertum nützten diese Selbstauflösung der Garnisonen aus: Plünderungen begannen begannen […] Nur die Aufstellung einer neuen bewaffneten Macht konnte die volle Anarchie verhindern.

             Der Staatsrat versuchte zunächst die Reste der Garnisonen der alten Armee in seinen Dienst zu stellen. Sie wurden auf die provisorische Verfassung beeidigt. Und da die Wiederherstellung der Autorität der Offiziere zunächst aussichtslos erschien, forderte der Staatsrat selbst die Mannschaften auf, Soldatenräte aus ihrer Mitte zu wählen, die Ordnung und Disziplin in den Kasernen herstellen sollten. Aber diese ersten Bemühungen blieben erfolglos. Die Soldaten leisteten den Eid und liefen dennoch auseinander, zu Weib und Kind. Die Reservisten bei den Fahnen zurückzuhalten war unmöglich. Es gab nur einen Ausweg: gegen Sold Freiwillige anzuwerben und aus ihnen eine neue Wehrmacht zu formieren. So ordnete der Staatsrat am 3. November, dem Tage des Abschlusses des// Waffenstillstandes, die Werbung für die Volkswehr an.

In: Otto Bauer: Die österreichische Revolution. Wien 1923, S. 95-97.

N.N. (= Friedrich Austerlitz): Der Tag der Republik.

Sechshundertfünfzig Jahre lang hat das fluchbeladene Geschlecht der Habsburger Österreich beherrscht. Die Habsburger – das waren jene Ferdinande, die mit Schwert und Spieß, mit Rad und Galgen das lutherische deutsche Volk so gründlich katholisch gemacht, daß nach Jahrhunderten noch „Ich werde dich katholisch machen!“ als Drohung galt, die Zehntausende evangelischer Bürger um ihres Glaubens willen aus dem Lande gejagt, alle ständische Freiheit, alle städtische Selbstverwaltung, alles bäuerliche Recht in Strömen von Blut erstickt, die das einst blühende Österreich zur Wüste gemacht haben, um nur über die Wüste wenigstens schrankenlos herrschen zu können. Die Habsburger – das waren jene Leopold und Karl, die deutsches Gut und Blut hingeopfert, deutsches Land den Franzosen preisgegeben haben, um nur in Spanien, Italien, der Niederlande ihren Familienbeitz vergrößern zu können. Die Habsburger – das war jener Franz, der Österreich zum Schirmherrn der Reaktion in ganz Europa gemacht, der, wo immer ein Volk um seine Freiheit kämpfte, ob in Frankreich oder in Italien, in Spanien oder in Polen, in Deutschland oder in Ungarn, die junge Freiheit durch österreichische Bajonette morden hieß. Die Habsburger – das war endlich jener Franz Josef, der, ein Jüngling noch, mit Blutgerichten, mit Kerker und Galgen zehn freiheitshungrige Völker niederwarf und, ein fast sterbender Greis schon, die Welt in Flammen setzte, als er das fluchwürdige Ultimatum an Serbien unterschrieb.

Sechshundertfünfzig Jahre haben die Habsburger geherrscht. Ein gefügiges Riesenheer von Hunderttausenden Bajonetten hielt ihnen die Völker nieder. Und furchtbarer als alle äußeren Machtmittel hielt jahrhundertealter Gewohnheit furchtbare Macht zehn Nationen ihnen im Gehorsam. Aber wenn dieses Gebäude der Herrschaft und der Unterdrückung den Franz und den Metternich ausgehalten hat, den D a m p f hielt es nicht aus. Die Eisenbahnen, die Fabriken, die Druckerpresse trugen allmählich neues Denken in jedes Dorf. Die Völker begannen an dem Staatsungetüm zu rütteln, das keiner seiner Nationen die Verkörperung ihres Daseins, jeder nur ein Gefängnis war. Prag und Budapest, Krakau und Lemberg, Trient und Triest, Agram und Sarajevo lehnten sich immer leidenschaftlicher auf. Habsburg zitterte vor dem Freiheitsdrang der Völker. Verzweiflung trieb es zur letzten teuflischen Tat. Um seinen durch den Freiheitsdrang eines geknechteten, zerstückelten Volkes bedrohten südslavischen Besitz zu retten, warf Habsburg die Brandfackel ins europäische Pulverfaß. Um Habsburg willen verbluteten Millionen auf zahllosen Schlachtfeldern. Um Habsburgs willen ward der mit dem Schweiß von Jahrhunderten aufgebaute Wohlstand der Völker zerstört. Aber vergebens suchte Habsburg noch einmal seine Herrschaft zu retten. Der Krieg ward verloren. Ehrlos, wie es gelebt, starb der Habsburger Geschlecht: es war „nibelungentreu“, der Spießgeselle des ruchlosen deutschen Imperialismus geblieben, solange er die Freiheit der Völker mit Füßen trat; aber als Deutschland den Wahnwitz, des deutschen Volkes Schicksal an Habsburgs Sache zu ketten, mit furchtbarer Niederlage büßte, als Deutschland selbst in Not geriet, machte der letzte Habsburger noch einmal das Dichterwort: „Dank vom Hause Österreich!“ wahr. Vergebens! Tschechen, Polen, Südslaven jagten Habsburgs Büttel davon und begründeten ihre eigenen Staaten. In Deutschland rollten zweiundzwanzig Kronen in den Sand. Da stand auch Deutschösterreich auf. Habsburgs Reich ist zu Ende. Am 12. November 1918 wurde Deutschösterreich Republik.

Es waren furchtbare Tage, in denen aus der Niederlage, in Not und Elend und furchtbarster Wehrlosigkeit die junge Republik Habsburgs entsetzliches Erbe antrat. Uns, die wir, den geschichtlichen Augenblick nützend, die Republik der Bourgeoisie aufgezwungen haben, doppelt schwere Tage. Am Tage vor der Verkündigung der Republik starb Viktor Adler. Der große Führer, der in den Achtzigerjahren die Arbeiterbewegung in unserem Lande recht eigentlich erst begründet, die kleinen, miteinander hadernden Arbeitergruppen in mühseliger Arbeit zusammengeführt, ans ihnen erst die Partei zusammengeschweißt hat, […]

Am 12. November ward nicht nur die Republik, ward zugleich auch Deutschösterreichs Heimkehr zum großen deutschen Mutterland verkündet. Der Kampf Habsburgs mit Hohenzollern um die Vorherrschaft in Deutschland hatte 1866 mit der Ausschließung Österreichs aus dem Deutschen Bunde geendet; nun, da Habsburg und Hohenzollern gefallen war, sollte die tausendjährige Gemeinschaft, die vor einem halben Jahrhundert zerrissen worden ist, wiederhergestellt werden. So verknüpfen sich am 12. November 1918 wieder die beiden Gedanken; die 1848 die Schergen Franz Josef Habsburgs im Blute der Wiener Oktoberkämpfe erstickt hatten: der Gedanke der deutschen Republik mit dem Gedanken der deutschen Einheit. Und wenn auch vorerst der Anschluß scheiterte am französischen Widerstand, der in heimischer schwarzgelber Verräterei ein willig Werkzeug fand, so hat doch die Erfahrung der zwei Jahre seither die unlösbare Verbindung der beiden Ideen des 12. November auch dem Blindesten offenbart. Denn auf sich selbst gestellt, bleibt Deutschösterreich in Not und Elend, die keine Staatskunst bannen kann; uns bleibt nur die Wahl: entweder die „Donauföderation“, die Wiedervereinigung mit Ungarn, Tschechen, Südslaven, die unser aller Unterwerfung unter Habsburgs Schwert voraussetzt, oder, wenn wir nicht wieder Habsburgs Knechte werden wollen, der Anschluß an Deutschland!

Der 12. November war das Werk der Arbeiterklasse. Die Furcht vor dem Proletariat allein hat den zitternden Lakaien Habsburgs die Republik, dem bebenden Schwarzgelben den Anschluß aufgezwungen. Aber so groß die Umwälzung des 12. November war: die Republik, vom Proletariat geschaffen, konnte noch nicht zur proletarischen Republik werden. Denn noch behauptet sich in ganz West- und Mitteleuropa der Kapitalismus gegen den Ansturm des Proletariats; mitten in dieser bürgerlichen Welt, von ihr abhängig, ihren Gesetzen untertan, mußte auch unsere Republik zur bürgerlichen Republik werden. So sitzt heute, zwei Jahre nach dem unvergeßlichen Tage, die Bourgeoisie auf dem Throne, von dem das Proletariat die Habsburger verjagt hat. Aber die Bourgeois-Republik ist hierzulande ein innerer Widerspruch. Denn unsere Bourgeoisie ist nicht republikanisch. In schwarzgelber Knechtschaft erzogen, davor zitternd, ihre Herrschaft über das Proletariat nicht mehr hinter Purpurmänteln und glänzenden Uniformen verbergen zu können, sehnt sie den Gebieter zurück, der ihre die Proletarier wieder unterwirft! Wie kühl, wie fremd, wie feindlich sie der Republik gegenübersteht, zeigt sie nie deutlicher als am gesetzlichen Staatsfeiertag der Republik; sie feiert keine republikanischen Feste, ihr ist der republikanische 12. November nicht minder fremd als der proletarische erste Mai. Der immanente Widerspruch der Bourgeois-Republik weist über sie hinaus: entweder zurück unter Habsburgs Joch oder vorwärts zur proletarischen, zur sozialistischen Republik!

In: Arbeiter-Zeitung, 12. November 1920, S.1.

N.N.: „Brülle China“. Neues Wiener Schauspielhaus.

             In der dumpfen schwülen Wüste des völlig geistlosen, bürgerlichen Wiener Theaters eine kleine Oase. Sie sticht umsomehr von der Umgebung ab. Sie kommt für die Arbeiterschaft gerade dieser Stadt umso überraschender und kann deshalb mit umso größerer Freude begrüßt werden, weil das Theater in Wien überhaupt aufgehört hat, auf die Arbeiterschaft, die zu neunzig Prozent die Bevölkerung Wiens bildet, irgendwie Rücksicht zu nehmen. In keiner anderen Stadt z. B. Deutschlands wäre es möglich, daß ein solcher Kurs in den Theatern eingeschlagen wird wie in Wien, wo nahezu sämtliche Theater völlig abhängig sind von der Sozialdemokratischen Kunststelle und der sozialdemokratischen Gemeindeverwaltung. Darüber wird noch zu sprechen sein.

             Aktuelles Theater. Ein Ausschnitt aus den Kämpfen, den brennendsten Kämpfen der Gegenwart. Das bedeutendste Ereignis des gegenwärtigen Weltgeschehens: der Befreiungskampf der unterdrückten Kolonialsklaven, die Flammenzeichen gegen die imperialistischen Unterdrücker. Ein Russe, Genosse Tretjakow, hat ein bewußtes Tendenzstück geschrieben, das von Meyerhold in einer Weise inszeniert wurde, die in der ganzen Welt Beifall und Aufsehen erregte. Beide, Tretjakow und Meyerhold, haben damit neuerlich den Beweis geliefert, daß ein wirkliches Kunstwerk, das imstande ist, die Massen zu erfassen und mitzureißen, nur entstehen kann aus dem kämpfenden Leben bei eindeutiger und klarer Stellungnahme. Das ist verpönte „Tendenz“, die das Bürgertum und mit ihm auch die Sozialdemokratie aufs tiefste haßt und ablehnt.

             Die Handlung, die der Wirklichkeit entnommen wurde: Ein amerikanischer Kaufmann kürzt den Kulis, die ihn Lasten schleppen, den kärglichen Hungerlohn. Er beginnt auch mit dem Schiffer, der ihn auf einem kleinen Boot vom englischen Kriegsschiff an Land bringt, Streit wegen des Fuhrlohns, versucht dem Chinesen das Ruder zu entreißen, um ihn damit zu schlagen. Er kommt aber dabei selbst zu Fall, stürzt, fällt über Bord und ertrinkt. Viele Zeugen haben vom Ufer aus den Vorfall beobachtet, auch die Offiziere. Dennoch verlangt der Kommandant des „Kanonenboots Seiner Majestät des Königs von England“ von der Stadt Wanshien Sühne für den „Mord“. Entweder sofortige Hinrichtung des Schiffers, in dessen Kahn der Kaufmann fuhr oder – da dieser von den Schiffern versteckt wird – Hinrichtung von zwei Mitgliedern der Schiffergilde. Falls diese Forderung bis zum nächsten Tag nicht erfüllt ist, wird die Stadt bombardiert. Der englische Journalist drahtet an die Weltpresse: „Schamlose Ueberfälle von Chinesen auf Europäer, drei Kaufleute ermordet, als Auftakt zu weiteren Morden.“ Ein Telegramm der chinesischen Behörden wird nicht befördert. Die Chinesen sagen: „Auch ein englischer Kapitän muß sich in seinen Forderungen mäßigen, wir werden uns beim sozialistischen Ministerpräsidenten von England beschweren“. „Ich kenne keinen solchen“, antwortet der Kapitän, „ich kenne nur einen Ministerpräsidenten Seiner Majestät, des Königs von England.“

             Die Masse der verhungernden Kulis, die um sich vor dem Hungertod zu retten, ihre Kinder und Frauen für ein paar armselige Münzen an Europäer verkaufen, beginnt zu rebellieren. Noch kennen sie nicht den Grund ihrer Unterdrückung, noch haben sie kein Klassenbewußtsein. Allmählich – und das bringen Autor und Regisseur meisterhaft zum Ausdruck – dringt die Erkenntnis durch, daß die Kulis ganz Chinas zusammenstehen und kämpfen müssen gegen die Unterdrücker. Die Kulis fragen nach Recht. „Für euch gibt es keins“, antwortet einer aus ihrer Mitte, „ihr werdet getreten, geschunden, geköpft, euch nimmt man euer Land, weil ihr arm seid.“ Die Chinesen gehen nochmals aufs Kanonenboot, um den Kapitän zu bitten, von dem Mord an den Schiffern abzulassen. Der chinesische Bürgermeister erniedrigt sich vor dem englischen Offizier, kniet vor ihm nieder. Aber je mehr sich die Chinesen erniedrigen, desto frecher werden die Bedrücker. (So ist es nicht nur in China!) Zwei Schiffer werden ausgelost, um dem imperialistischen Blutsauger als Opfer vorgeworfen zu werden. Die ganze Stadt würde sonst in wenigen Stunden in Flammen stehen. Ein Kuli stirbt für den andern! Das Klassenbewußtsein beginnt, feste Formen anzunehmen. „Sag mir einen von jenen, die sich gegen die Ausbeuter auflehnen und sie zusammenschlagen, sag mir einen, ich will mittun.“ Der andere Kuli, ein Wissenderer, antwortet: „Du, ich, er, wir alle!“

             Die beiden Schiffer werden zur Richtbank geschleppt, der Kapitän ist unerbittlich. „Hier stehe ich und keine Macht der Welt kann mich zwingen, diesen Platz zu verlassen.“ Es fehlt nicht der Millionär, der den Mord mitvorbereitet hat und nun Krokodilstränen vergißt, von den Chinesen aber schroff abgewiesen wird, es fehlt nicht die Wohltätigkeitsdame, die verspricht, den kleinen Sohn des ermordeten Schiffers in ein Waisenhaus zu bringen.

             Das Programm des Kapitäns ist erfüllt. Stolz und auf die Chinesen zynisch herabblickend, will er sich entfernen. Aber da geht auch die Geduld der Kulis zu Ende, der Sturm bricht los und unter den derben Fäusten der Proleten bricht der „Offizier Seiner Majestät, des Königs von England“ und Seiner Exzellenz, des sozialistischen Ministerpräsidenten Macdonald tot zusammen. Schon krachen auch die Salven vom Kanonenboot gegen die Stadt Wanshien, aber die Kulis sind zu einer eisernen Masse zusammengeschweißt, vorwärts, aufwärts geht es unter der Fahne Sunyaisens. Aufschreien die Kulis: „Brülle, China!“

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             Der Originaltext wurde an einigen Stellen geändert. So wurden alle Hinweise auf die Sowjetunion, die die Kulis im Kampfe gegen die imperialistischen Unterdrücker unterstützt und wegweisend voranschreitet, gestrichen. Der revolutionären Kraft des Stückes konnte aber dadurch nicht Abbruch getan werden.

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             So wirksam wie das Stück selbst ist die Regie Fritz Peter Buchs, die für Wien eine wahre Revolution bedeuten könnte, wenn wir nicht wüßten, daß nach dieser kleinen Oase wieder endlose schwüle geisttötende Wüste kommt. Auch die Darstellung steht durchaus auf dem gleichen künstlerischen Niveau.

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             Die Wiener Arbeiter haben es sich im Lauf der Jahre abgewöhnt, ins Theater zu gehen und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß die proletarischen Massen dieser Stadt nur sehr spärlich ins Schauspielhaus strömen. Bezeichnend für die sozialdemokratische Kunststelle ist es, daß sie wohl Operettentheater und Bühnen, die allen erdenklichen Mist und Schund aufführen, füllt, bisher aber nicht die Massen auf das wirklich revolutionär-proletarische Stück „Brülle, China!“ aufmerksam machte.

             Es ist zu hoffen, daß die Direktion des Schauspielhauses, die in Tretjakows Stück nichts als ein Kunstwerk sieht und glaubte, damit gute Geschäfte zu machen, auch den revolutionären Arbeiterorganisationen den Besuch von „Brülle, China!“ durch Abgabe von ermäßigten Karten ermöglicht. Kein Arbeiter soll die Möglichkeit, einmal in einem Wiener Theater ein aktuelles revolutionäres Stück, geschrieben von einem russischen Genossen, zu sehen, ungenützt vorübergehen lassen.

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             Die gesamte bürgerliche Presse brüllt auf. Skandal! Bolschewisierung des Theaters! Verbieten! – Wir erwähnen das als Bestätigung der Richtigkeit des von uns vorher Gesagten.

In: Die Rote Fahne, 7. Mai 1930, S. 5. Weitere Aufführungsdebatten finden Sie hier.