1910 in Wien von Absolventinnen der “Kunstschule für Frauen und Mädchen” wie Olga Brand-Krieghammer, Louise Fraenkel-Hahn und Helene Krauß gegründet, verfolgte die VBKÖ das Ziel, eine Plattform für österreichische Künstlerinnen zu schaffen, um ihnen Ausstellungsräumlichkeiten zur Verfügung zu stellen und sie sowohl auf künstlerischer als auch ökonomischer Ebene unterstützen zu können. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass Frauen bis weit in die 1920er Jahre die ordentliche Mitgliedschaft in den männlich dominierten Künstlerbünden versagt war; lediglich der Hagenbund akzeptierte Frauen als außerordentliche bzw. korrespondierende Mitglieder, bot ihnen jedoch keine Möglichkeit, selbständig Ausstellungen zu organisieren. 

Quasi als Einstand organisierte die VBKÖ im Herbst ihres Gründungsjahres in der Wiener Secession die überaus erfolgreiche Ausstellung “Die Kunst der Frau”, die in knapp zwei Monaten rund 12.000 Besucher anlockte und in deren Verlauf zahlreiche Werke verkauft und ein beträchtlicher Erlös erzielt werden konnte. Gezeigt wurde Kunst aus vergangenen Jahrhunderten (z. B. von Rachel Ruysch, Rosalba Carriera und Angelika Kauffmann) ebenso wie Zeitgenössisches (u. a. von Berthe Morisot, Eva Gonzalez und Käthe Kollwitz). Zu diesem Zweck waren bereits im Sommer führende Mitglieder der Vereinigung, darunter auch die Präsidentin Brand-Krieghammer, durch ganz Europa gereist, um Werke aus bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen für die Schau zusammenzutragen. Als von Beginn an hilfreich für die Tätigkeit erwies sich die Tatsache, dass die VBKÖ eine bedeutende Zahl adeliger bzw. aus einflussreichen Familien des Großbürgertums stammender Mitglieder hatte; auf diese Weise konnte man rasch die Unterstützung der Hocharistokratie gewinnen, so u. a. von Erzherzog Rainer, der als Schirmherr für die erste Ausstellung fungierte und 6.000 Kronen aus den Mitteln des Ministeriums für Kultur und Unterricht zur Verfügung stellen ließ.

Im Herbst 1911 folgte eine Schau im Hagenbund, in deren Rahmen unter anderem zeitgenössische Werke ungarischer und französischer Künstlerinnen gezeigt wurden. 

Nach dem Bezug der eigenen Räumlichkeiten im ersten Bezirk, Maysedergasse 2 (Hotel Astoria), wurde 1912 die Vereinigung schwedischer Künstlerinnen eingeladen, ihr Schaffen zu präsentieren. Durch dieses Engagement gerade in den Anfangsjahren gelang es der VBKÖ, mehr und mehr zum Sammelpunkt für professionell ausgebildete Künstlerinnen und – mit stetig wachsender Mitgliederzahl – zu einer fixen Größe im Kulturbetrieb der Stadt Wien zu werden. 1913 trat die Vereinigung dem Bund österreichischer Frauenvereine bei.

Da der Erste Weltkrieg empfindliche Einschränkungen des Ausstellungsbetriebes mit sich brachte, stellte die VBKÖ ihre Räumlichkeiten in dieser Zeit vorwiegend für Wohltätigkeitsveranstaltungen zur Verfügung. Zur selben Zeit traten aber nach und nach erste künstlerische Differenzen der Mitglieder auf, die sich auch um die Frage drehten, ob man “Frauenkunst” künftig in klarer Abgrenzung zu männlicher Kunst positionieren oder vielmehr als integralen Bestandteil des gesamten Kunstschaffens – und damit jenseits geschlechtsspezifischer Grenzen – begreifen sollte. Die Kontroverse trug dazu bei, die VBKÖ, seit 1923 unter der Präsidentschaft von Luise Fraenkel-Hahn,  zu spalten: einerseits in einen konservativen Flügel rund um Helene Krauß und andererseits in einen progressiven, der Avantgarde und dem Expressionismus zugewandten Flügel, der sich um Fanny Harlfinger-Zackucka formierte und von dem sich Teile schließlich 1919 unter der Bezeichnung “Freie Vereinigung” von der VBKÖ lossagten. Dennoch blieb während der 1920er Jahre innerhalb der VBKÖ eine deutliche Lagerbildung zwischen den divergierenden künstlerischen Auffassungen bzw. einer konservativen und einer modernen Fraktion bestehen, die auch Kritikern wie dem Kunsthistoriker Hans Ankwicz-Kleehoven auffiel (WZ, 26.11.1923). 1926 kam es darum unter der Bezeichung “Wiener Frauenkunst” zu einer zweiten Abspaltung von der VBKÖ, der nun Künstlerinnen der inzwischen aufgelösten “Freien Vereinigung” sowie der “Wiener Werkstätte” beitraten.

Anlässlich ihres zwanzigjährigen Bestehens und der Tagung des internationalen Frauenkongresses in Wien organisierte die VBKÖ 1930 im Hagenbund eine retrospektive Ausstellung zum Thema Zwei Jahrhunderte Kunst der Frau in Österreich, der von der Kritik u. a. als “stattliches Dokument weiblicher Schaffenskraft” (WZ, 4.6.1930, 6) eingeordnet wurde. Sie zeige, dass “an ernsten Begabungen und starken Temperamenten […] kein Mangel” (SVB, 21.6.1930, 25) herrsche. Die Schau enthielt neben Graphiken aus verschiedenen Epochen (z. B. von Luise Thürheim, Angelika Kauffmann, Olga Wisinger-Florian Tina Blau-Lang) auch Plastiken und kunstgewerbliche Arbeiten von vorwiegend nationalen Künstlerinnen.

Zu den emanzipatorischen Errungenschaften der VBKÖ zählen diverse Preisverleihungen an Künstlerinnen, die Besetzung von Jurien mit weiblichen Mitgliedern sowie besonders der erfolgreiche Einsatz für den Zugang zur Akademie bildender Künste Wien auch für Frauen.

Im Gefolge der politischen Ereignisse des Jahres 1938 wurde der VBKÖ umbenannt in “Künstlerverband Wiener Frauen”.

Quellen und Dokumente

Gründung der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs. In: Der Bund. Zentralblatt des Bundes österreichischer Frauenvereine, Heft 4 (1910), 19; Die Kunst der Frau. In: Prager Tagblatt, 2.12.1910, 1; Adalbert Franz Seligmann, Sezession. In: NFP, 5.11.1910, 12; Ausstellung der VBKÖ im Hagenbund. In: Sport und Salon, 16.9.1911, 10; Zweite Ausstellung der VBKÖ. In: AZ, 1.10.1911, 11; Die Frau in der bildenden Kunst. Ausstellung im Künsterhaus. In: Österreichische Illustrierte Zeitung, 1.2.1920, 11f; Jahresausstellung der VBKÖ im Künstlerhaus. In: WZ, 20.3.1921, 5; Hans Ankwicz-Kleehoven, Frauenkunst. In: WZ, 26.11.1923, 1f; Eröffnung der 13. Jahresausstellung der VBKÖ. In: Reichspost, 1.2.1926, 3; 15. Jahresaussstellung der VBKÖ im Burggarten. In: NFP, 1.10.1929, 13; Else Hoffmann, Jubiläumsausstellung der VBKÖ. In: Die Österreicherin, Nr. 6 (1930), 6f;Zwei Jahrhunderte Kunst der Frau in Österreich. In: WZ, 4.6.1930, 6; Frauenkunst. In: Salzburger Volksblatt, 21.6.1930, 25; Ausstellung im Hagenbund der VBKÖ. In: WZ, 11.10.1932, 5Website der VBKÖ

Literatur

Megan Marie Brandow-Faller, An Art of their own. Reinventing Frauenkunst in the female Academies and Artist Leagues of late-imperial and First Republic Austria, 1900-1930, Diss., Universität Washington 2010.[Online verfügbar]; Julie Marie Johnson: Schminke und Frauenkunst. Konstruktionen weiblicher Ästhetik um die Ausstellung „Die Kunst der Frau“, 1910. In: Lisa Fischer, Emil Brix (Hg.), Die Frauen der Wiener Moderne, München 1997, 167–178; Rudolfine Lackner (Hg.):,100 Jahre/Years VBKÖ Festschrift, Wien 2011; Eintrag bei fraueninbewegung.onb.ac.at;

(MK)

Die Vereinigung sozialistischer Schriftsteller (VsSÖ), gegründet am 22. Jänner 1933, wurde nach nur einem Jahr ihres Bestehens in Folge der Februarkämpfe von den Behörden am 2. März 1934 bereits wieder verboten.

Die Vereinigung, von sozialistischen Autoren gegründet, setzte sich zum Ziel: „alle Schriftsteller, deren Weltanschauung der Sozialismus ist, zur geistigen und materiellen Förderung ihrer Arbeit zu sammeln und die Zusammenarbeit mit gleichgearteten künstlerischen Vereinigungen herbeizuführen“ Voraussetzung zur Aufnahme war das Bekenntnis zur sozialistischen Weltanschauung, wobei die Mitgliedschaft in der sozialistischen Partei Österreichs nicht Bedingung, die Zugehörigkeit zu einer anderen Partei aber ein Ausschlussgrund war. Zu den Gründungsmitgliedern zählen: Josef Luitpold Stern (Obmann), Fritz Brügel (Stellvertreter), Theodor Kramer, Rudolf Brunngraber, Hedwig Rossi, Fritz Bartl, Ernst Fischer, Schiller Marmorek, Marianne Pollak, Käthe Leichter, Willy Miksch, Alfred Weintraub, Max Winter, Edwin Zellwenker, Else Feldmann, Marie Jahoda sowie Adolf Ungar.

Vereinsmitglieder sind: Lili Körber, Hermynia Zur Mühlen, Benedikt Fanta, Klara Blum, Anton Pariser, Ernst Waldinger, Hans Leifehlm, Adele Jellinek, Margarethe Petrides, Franz Trescher, Walter Lindenbaum, Inge Halberstam.

In der Zeit ihres Bestehens veranstaltet die Vereinigung sozialistischer Schriftsteller Österreichs insgesamt elf Autoren- und Diskussionsabende, bei denen Autorinnen und Autoren aus ihren Werken vorlasen oder Themen wie: „Stil und Marxismus“, „Formfragen in der Kunst“, „Dichter in der Revolution und Konterrevolution“, „Die Gestaltung der Masse im Roman“, „Sozialistische Presse, sozialistische Schriftsteller“ u. anderes diskutiert wurden.
Einleitend sprachen dazu entweder Mitglieder des Vereins selbst oder Gäste wie Wieland Herzfelde oder Vertreter des Schweizer Oprecht-Verlages.

Auf dem XI. Internationalen P.E.N.- Kongresses vom 25. bis 28. Mai in Ragusa/Dubrovnik trat die VSSÖ für verfolgte deutsche Autoren ein, wohingegen die offiziellen österreichischen Vertreter, angeführt von Grete von Urbanitzky und Felix Salten schwiegen, was in der nachfolgenden Generalversammlung am 28.6. 1933 in Wien aufgrund einer nachgereichten Resolution gegen die Unterdrückung des Individuums und des Geisteslebens in NS-Deutschland de facto zur Spaltung des österreichischen P.E.N. führte. Mehrere Mitglieder der VsSÖ wurden Opfer der NS-Konzentrationslager, so z.B. Else Feldmann, Käthe Leichter, Walter Lindenbaum und Heinrich Steinitz.


Quellen und Dokumente

Otto König: ohne Titel In: Arbeiter-Zeitung, 15.4.1933; A-r.: Rebellenworte In: Arbeiter-Zeitung, 16.4.1933; R.W.: Autorenabend In: Arbeiter-Zeitung, 24.5.1933; R. W.: Abend sozialistischer Autoren In: Arbeiter-Zeitung, 20.6.1933, S. 7; M-r.: Eigenvorlesungen In: Arbeiter-Zeitung, 9.1.1934, S. 5.

Literatur

Klaus Amann: P.E.N. Politik. Emigration. Nationalsozialismus. Ein österreichischer Schriftstellerclub. Wien 1984; Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser, Lexikon der österreichischen Exilliteratur. Wien 2000; Herbert Exenberger (Hrsg.). “Als stünd’ die Welt in Flammen”. Eine Anthologie ermordeter sozialistischer SchriftstellerInnen. Wien 2003; Verein sozialistischer Schriftsteller – Mappe in der Wienbibliothek im Rathaus.

(ED)

Gegründet durch Eduard Strache 1874 aus der (böhmischen) Warndorfer Druckerei und dem Verlag ›Abwehr‹, einem bescheidenen Kleinbetrieb, begann die eigentl. Verlagstätigkeit erst ab 1881. Durch kontinuierliche Auf- und Ausbauarbeit entwickelte sich die Druckerei in den 1890er Jahren zu den Grafischen Kunstanstalten Ed. Strache, die zur Jahrhundertwende zu einem angesehenen Betrieb mit etwa 180 Mitarbeitern aufstiegen. 1912 übernahm E. Straches Sohn Robert den Betrieb; er gründete 1917 in Wien eine Zweigniederlassung, welche den Anfang des österr. Strache-Verlagsbildete. Im Impressum führte der Verlage die Orte Wien-Prag-Leipzig an und bestand bis zu seiner Löschung aus dem Handelsregister im Jahr 1933. Die Wiener Verlagsaktivitäten begannen mit der Reihe der ›Flugschriften für Österreich-Ungarns Erwachen‹, setzten sich 1918 mit der Neuauflage des 1848 erstmals erschienenen Republikanisches Liederbuch von H. Rollett, der Anthologie Deutsche Revolutionslyrik von J. Bab, den Flugschriften zum Neuaufbau Deutschösterreichs und 1919 mit dem Lyrikband Anrufung von Max Roden fort. Der Durchbruch zum Verlag des späten Expressionismus gelang 1920 mit der Anthologie Die Botschaft, hg. von E. A. Rheinhardt. Verlagsleiter war zu jener Zeit Dr. Johann Pilz, als Lektoren wirkten u.a. G. Kulka, A. E. Rutra sowie A. Thom (= R. Csmarich).

Die Jahre 1919-21 können überhaupt als Höhepunkt in Bezug auf die literarische Produktion des Verlagsangesehen werden; allein 1920 legte der Verlag über 60 neue Titel vor. In diesem Jahr erschien auch eine Mappe Handzeichnungen von E. Schiele. 1920-22 folgten in der Reihe ›Die Erzählung‹ dreizehn etwa 30-40 seitige Hefte, die neben H.v. Hofmannsthals Reitergeschichte v.a. junge Autoren präsentierte wie z.B. H. Flesch mit Bürger Narr, A. J. Koenig mit Schibes oder Th. Tagger mit Auf der Straße.  Daneben führte der Verlag auch Zeitschriften wie Blätter des Burgtheaters (1919-20) oder Museion im Programm.  Ab 1922 schrumpfte die Produktion angesichtsder (Inflations)Krise drastisch zusammen, kam 1923 zwar nochmals auf etwa ein Dutzend Neuerscheinungen und stagnierte anschließend bei meist weniger als fünf in den Folgejahren, darunter häufiger musikgeschichtlichen (Bruckner u. Mozart) und kaum noch literarischen Neuerscheinungen, ausgenommen z.B. 1926 Jazz von F. Dörmann u. 1927 der Roman Das Städtchen von H. Adler. 1930 erschien das letzte Buch des Verlags.


Quellen und Dokumente

Grete Urbanitzky: Neue Romane und Novellen. In: Neues Wiener Tagblatt, 11.11.1923, S. 33, ab-: Hans Adler: Das Städtchen. In: Prager Tagblatt, 9.4.1927, S. 16.

Literatur

Eintrag bei boehmischeverlagsgeschichte.at, Murray G. Hall: Österreichische Verlagsgeschichte 1918-1938, Bd. 2: Belletristische Verlage der Ersten Republik; Wien u.a. 1995 (Online verfügbar).

(PHK)

Der Verlag für Literatur und Politik (VLP, teilweise auch abgekürzt Litpol) wurde am 6.8.1924 gleichzeitig mit dem Agis-Verlag vom KP-Mitglied Johannes Wertheim ins Wiener Handelsregister eingetragen. Der Schwerpunkt der Verlagsarbeit lag auf ideologischen Schriften und Lenin-Gedenkbüchern (u.a. von Lenin-Witwe Nadezda Krupskaja und Clara Zetkin), es kam aber auch zur Veröffentlichung literarischer Texte. Ab 1926/27 wurde ein von John Heartfield gestaltetes Verlagssignet, eine flatternde rote Fahne in einem Kreis, verwendet. Dies wurde 1933 vom Ring-Verlag und 1959 vom Dietz-Verlag übernommen. Bis zur Einstellung der Tätigkeit Ende 1933 und seinem Verbot am 30.6.1934 erschienen im VLP insgesamt 132 Titel und sowie mit Unter dem Banner das Marxismus (1925-1932), Das neue Rußland (1929-1932) und Agrar-Probleme (1932) drei Zeitschriften.

Programmatische Texte von u.a. Karl Marx, Friedrich Engels, Leo Trotzki, Josef Stalin, Nikolai Bucharin, Larissa Reissner und Grigorij Sinowjew wurden vor allem in den Reihen Arbeiter-Literatur (1924) und Marxistische Bibliothek (1926-1932) publiziert. Darüber hinaus veröffentlichten u.a. auch Fedor Panferow (Die Genossenschaft der Habenichtse, 1928), der jüdische KPÖ-Ideologe Otto Heller (Der Untergang des Judentums) und die Moskau-Korrespondentin der Roten Fahne Frida Rubiner (Der große Strom, beide 1931) im VLP. Im KPÖ-Organ Die Rote Fahne wurden u.a. der Revolutionsroman 10 Tage, die die Welt erschütterten von John Reed (1927), Der stille Don (Krieg und Revolution) von Michael Scholochow (1931) und Auszüge aus Zement sowie als Fortsetzungsroman Neue Erde von Fedor Gladkow (1927/28 bzw. 1932) abgedruckt. Besondere Bedeutung erhielt der VLP durch den Abdruck der ersten fünf Bände der Ausgewählten Werke der einzigen von Moskauer Lenin-Institut autorisierten Ausgabe der Schriften Lenins, später erschienen 14 von 26 Bänden der Sämtliche Werke Lenins und neun Hefte der Kleinen Lenin-Bibliothek (1931-1933) bei VLP. Eine bereits öffentlich angekündigte Publikation ausgewählter Lenin-Werke im Berliner Malik-Verlag im Juni 1924 wurde durch eine Intervention aus Moskau verhindert.

Umstritten ist die Eigenständigkeit des VLP. Einerseits versuchte es v.a. die DDR-Germanistik, den Verlag für die KPD zu vereinnahmen, andererseits bleibt neben Wertheims Verbindung zur Kommunistischen Internationale auch angesichts des Fehlens von Publikationen österreichischer Kommunisten aus der Nähe des BPRSÖ und der Roten Fahne und der Dominanz russischer AutorInnen unklar, wie stark die Verlagsarbeit (aller Wertheim-Verlage) von Moskau aus dominiert wurde.


Dokumente und Quellen

N.N.: „Das neue Russland“ – das Magazin der Arbeiter. In: Die Rote Fahne, 26.5.1927, S. 8, Fedor Panferow: Kampf um die Scholle. In: Die Rote Fahne, 25.12.1928, S. 8, Nadezda K. Kruspkaja: Wie ich Lenin suchte. In: Die Rote Fahne, 10.9.1929, S. 6, N.N.: Ein neuer Band der Lenin-Werke. In: Die Rote Fahne, 19.9.1929, S. 6, Das Werk der proletarischen Verlage. Zum Monat des proletarischen Buches vom 22. November bis 22. Dezember. In: Die Rote Fahne [Berlin], 28.11.1930, S. 8, Lenins Werk in die Massen. Eine neue billige Ausgabe der Werke Lenins. In: Die Rote Fahne, 7.8.1932, S. 8.

Einschaltung in Die Rote Fahne, 20.12.1928, S. 6.

Literatur

Ernst Fischer: Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933. Ein biographisches Handbuch (2011), 343f., E. F., Stephan Füssel (Hg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Die Weimarer Republik 1918-1933, Teil 2 (2012), 117f., Karl-Heinz Hädicke: Verlag für Literatur und Politik (VLP). In: Simone Barck (Hg.): Lexikon sozialistischer Literatur (1994), 484f., Germaine Stucki-Volz: Der Malik-Verlag und der Buchmarkt der Weimarer Republik (1993), 157-187, Georges Wertheim: Die Odyssee eines Verlegers. In memoriam Dr. Johannes Wertheim (1888-1942). In: DÖW-Jahrbuch 1996, 204-229 [mit einer Bibliographie der in von Wertheim geführten Verlagen erschienenen Titel].

(ME)

Gegründet 1919 von Anton (1865-1922) und Louise Kolm, beide auch als Regisseure tätig, als Nachfolgerin der Wiener Kunstfilm Industrie (gegr. 1910), die als erste bedeutende österreichische Filmproduktionsgesellschaft gilt. Sofort nach der Gründung wurde mit dem Bau der 1923 fertiggestellten Ateliers am Rosenhügel begonnen, nicht zuletzt in Konkurrenz zu Filmproduktionsgesellschaft Sascha-Film. Bereits seit 1922 wurden dort Monumentalfilme produziert, die sich aber nicht nur an US-Produktionen orientierten sondern verstärkt am französischen Film. So drehte z.B. der belgische Regisseur Jacques Feyder, einer der frühen realistischen Regiepersönlichkeiten auch am Rosenhügel 1924 Das Bildnis, das auf einer Vorlage von Jules Romains beruhte. Im selben Jahr jedoch ging die Vita Film aufgrund der turbulenten Inflations- und Spekulationshöhepunkte sowie der erdrückenden US-Konkurrenz in Konkurs. Louise Kolm, seit 1924 mit Jakob Fleck, langjähriger Co-Regisseur, verheiratet, übersiedelte nach Berlin und wirkte dort bis 1933 an zahlreichen Filmproduktionen, darunter 1927 an der Verfilmung von Arthur Schnitzlers Liebelei, mit. 1933 kehrten beide nach Wien zurück, verloren 1938 jedoch jegliche Arbeitsmöglichkeit und gingen 1940, nach Freilassung Flecks aus dem KZ Dachau ins Exil nach Shanghai. Die Studios am Rosenhügel wurden 1933 von der Sascha-Film übernommen.


Literatur

R.v. Dassanowsky: Austrian Cinema. A History (2005) S. 34f., Wikipedia-Eintrag zu Vita-Film, Bericht auf 1133.at.

Quellen und Dokumente:

Bericht über Erfolge und Expansion der Vita-Film 1924. In: Der Filmbote, 26.4.1924, S. 15.

(PHK)

1906 nach dem Vorbild der 1890 gegr. Berliner Volksbühne, die unter der Leitung von Otto Brahm u. Bruno Wille maßgeblich an der Durchsetzung des mod. naturalist. Theaters (G. Hauptmann, H. Ibsen) beteiligt war u. von der Deutschen Sozialdemokrat. Partei auf Vereinsbasis (1914: 70.000 Mitglieder) unterstützt wurde, von Stefan Großmann gegründet. Auch in Wien wurde die Volksbühne auf Vereinsbasis aufgebaut und von der SDAP, inbes. von Engelbert Pernerstorfer, Vorsitzender der sozialdemokr. Reichstagsfraktion, als einem ihrer Mitbegründer,  gefördert. Als Spielort fungierte ein Theatersaal in der Neubaugasse (7. Bezirk) mit rund 800 Sitzplätzen. Deklariertes Ziel war die Erreichung der Arbeiterschaft, um ihr Zugänge zum Theater, zum klassischen ebenso wie zum zeitgenössischen, zu eröffnen. Bereits 1910 hatte der Verein Freie Volksbühne rund 30.000 Abonnenten, 1911 wurde die die Theaterarbeit begleitende Zs. Der Strom begründet. Schauspieler wie Raoul Aslan u. Max Pallenberg traten in Stücken bereits vor 1914 auf, für Inszenierung und Regie waren u.a. Arthur Rundt aber auch Berthold Viertel zuständig. Uraufführungen von Stücken von Else Feldmann (Der Schrei, 1916) oder Oskar M. Fontana (Die Milchbrüder, 1913) wurden von ihnen verantwortet, an Bühnenbildgestaltungen wirkte u.a. Alfred Kubin mit. 1913 trat Großmann nach Meinungsverschiedenheiten mit der Parteileitung zurück, 1914 musste der Theaterbetrieb eingeschränkt, 1916 in einen anderen Saal verlegt werden. Nach 1918 blockierten zunächst Auffassungsdifferenzen über die Möglichkeiten sozialdemokrat. Theaterarbeit ein Wiederanknüpfen an die Volksbühne-Tradition; 1920 wurde der Verein neu gegründet und der Spielbetrieb in der Neubaugasse wieder aufgenommen, wobei die Spielstätte in Renaissancebühne umbenannt und in der Folge von der sozialdemokrat. Kunststelle mitalimentiert wurde. Neuerlich gelang es bedeutende SchauspielerInnen für einzelne Aufführungen zu verpflichten wie z.B. Hans Moser, Gisela Werbezirk oder Ida Roland, letztere 1923 für die UA von Hans Kaltnekers Die Schwester. 1925-31 lag die Theaterleitung bei Josef Jarno, ab 1932 blieb es bis 1938 weitgehend geschlossen.

Nach 1945 blieben die meisten Versuche, an die Volksbühne konzeptionell anzuschließen bzw. diese als modernes zeitgenöss. Theater zu führen trotz einzelner beachtl. Inszenierungen eher erfolglos, z.B. 1947 durch Fritz Habeck, 1948 durch Leon Epp, der die Bühne dem Unterhaltungstheater öffnete, sie aber 1949 an Paul Löwinger verpachten musste, der sie bis 1957 als sog. Löwinger-Bühne führte.  

Literatur

Ingrid Pötz: Zur Geschichte des Theaters in der Neubaugasse. Volksbühne – Renaissancebühne. Diplomarbeit an der Universität Wien (1986) (maschinschriftl.), Jürgen Doll: Theater im Roten Wien. Vom sozialdemokratischen Agitprop zum dialektischen Theater Jura Soyfers (1997).

Eintrag bei Das Rote Wien, Eintrag bei wien.gv.at.

(PHK)

Die dritte Nationalratswahl der Ersten Republik fand am 24. April 1927 statt. Die Wahlbeteiligung lag bei 89,3 %.

Im Bewusstsein, dass das veraltete Parteiprogramm für diese Wahlen erneuert werden müsse – vor allem, um die eigene Wählerbasis zu verbreitern –, hatte die Sozialdemokratische Partei auf Betreiben Bauers nach monatelanger intensiver Vorbereitung auf dem Linzer Parteitag im November 1926 ein neues Grundsatzprogramm ausgearbeitet und vorgestellt. Aus ideologischer Sicht handelte es sich beim Linzer Programm um einen Kompromiss zwischen dem gemäßigten rechten und dem radikal ausgerichteten linken Flügel der Partei. Auf inhaltlicher Ebene stand dem klaren Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie die wiederholte Verwendung des Begriffes „Diktatur“ gegenüber, was in der Folge nicht unwesentlich zur Verunsicherung des bürgerlichen Lagers beitrug und damit nachhaltige Auswirkungen auf die realpolitische Entwicklung innerhalb der Ersten Republik hatte. 

Auf christlichsozialer Seite förderte Bundeskanzler Ignaz Seipel im immer vehementer geführten Kampf gegen die Sozialdemokratie nicht nur die zunehmend antidemokratischen, paramilitärisch organisierten Heimwehreinheiten, sondern setzte auch Maßnahmen auf parteipolitischer Ebene: Gemeinsam mit der Großdeutschen Volkspartei, der nationalsozialistischen Riehl- und Schutzgruppe sowie anderen kleineren Gruppierungen schloss sich die Christlichsoziale Partei in Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen zu einer Einheitsliste mit klar antimarxistischer Stoßrichtung zusammen. Für Otto Bauer war es darum unumstritten, „daß diesen Wahlen entscheidender Charakter zukommt“, denn „Besitz und Arbeit, das sind die beiden Lager, die sich am 24. April gegenüberstehen.“ (Menschheitskämpfer, 13). Seipel seinerseits sprach von einer „Wegscheide“, an der Österreich stehe (Reichspost, 17.4.1927, 1). Tatsächlich war das Land politisch tief gespalten: Während die Bundeshauptstadt und die Industriezentren von der Sozialdemokratie dominiert wurden, befand sich der ländliche Raum vorwiegend im Lager der Christlichsozialen. 

Der aggressiv geführte Wahlkampf konzentrierte sich vorwiegend auf Wien, wo – wie im Burgenland und Kärnten – gleichzeitig auch Landtagswahlen stattfanden. Im Rahmen dessen war es rund 40 KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und WissenschaftlerInnen – darunter Sigmund Freud, Hans Kelsen, Alma Mahler und Robert Musil – ein Anliegen, in einer in der Arbeiterzeitung veröffentlichten Unterstützungserklärung „die große soziale und kulturelle Leistung der Wiener Stadtverwaltung“ zu betonen (AZ, 20.4.1927, 1). Seipel dagegen erklärte die Wahlkampfphase zum „Befreiungskrieg“ (Reichspost, 17.4.1927, 1) gegen den  „neunzigprozentigen Bolschewismus“ (Reichpost, 16.4.1927, 7), warnte vor einer Ausbreitung sozialdemokratischer Politik nach Wiener Vorbild auf die Bundesländer und betonte seine Überzeugung, „daß die Finanzpolitik der Gemeinde Wien den Arbeitern selbst auf die Dauer Schaden bringt, daß sie die normale Entwicklung der Wirtschaft hemmt [und] die Arbeitslosigkeit vermehrt“ (Reichspost, 17.4.1927, 1).  

Dennoch konnte die Arbeiterzeitung am 25. April 1927 einen „Freudentag für das arbeitende Volk“ (AZ, 25.4.1927, 1) ausrufen: Die Sozialdemokratie erzielte Zugewinne und erhielt  42,3 % der Stimmen, was 71 Mandaten entsprach und sie zum eigentlichen Wahlsieger machte. Die Einheitsliste dagegen hatte zwar eine „Stimmenzersplitterung diesmal vermieden“ (Wiener Montagsblatt, 25.4.1927, 1), blieb jedoch hinter ihren Erwartungen zurück; sie erzielte 48,2 % der Stimmen und erhielt 85 Mandate (73 CS, 12 Großdeutsche). Der Landbund, der in Wien nicht angetreten war, erreichte 6,3 % und 9 Mandate.  

Die bürgerliche Reichspost zeigte sich erleichtert, dass „[d]er anstürmende Feind, der alles zu überrennen drohte, […] zum Stehen gebracht worden“ sei (Reichspost, 25.4.1927, 1). Ähnlich platzierte sich die Neue Freie Presse, die vermeldete, dass trotz aller „Teufelskünste einer rasend gewordenen Agitation“ schlussendlich „die Hochwassermarke des roten Schreckens […] erreicht worden“ sei (NFP, 25.4.1927, 1). Doch auch kritische Stimmen wurden im Gefolge des Wahlergebnisses laut, die eine Verknöcherung und „Gleichförmigkeit“ der politischen Arbeit befürchteten: Zwar hätten die „Veteranen der Wahlschlacht  […] Bedeutendes geleistet“, doch könne dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass es besonders im bürgerlichen Lager sowohl an politischem Nachwuchs als auch an weiblichen Kräften mangele (NFP, 27.4.1927, 1).

Die ideologische Kluft zwischen den beiden großen politischen Lagern vertiefte sich in den Monaten nach der Wahl weiter. Die dem Schattendorfer Urteil am 15. und 16. Juli 1927 folgende Aufstandsbewegung, bei der durch den von Polizeipräsident Schober erteilten Schussbefehl auf Demonstranten letztlich min. 94 Tote und über 1600 Verletzte zu beklagen waren, gilt als Fanal der Ersten Republik und erster Schritt in Richtung der bürgerkriegsähnlichen Februarkämpfe des Jahres 1934.


Quellen und Dokumente

Otto Bauer, Klare Sicht. Bemerkungen zu den bevorstehenden Wahlen. In: Menschheitskämpfer. Monatsblatt der religiösen Sozialisten Österreichs, Jg. 1/4 (1927), 13-14; Nationalratswahlen 1919-1930(in absoluten Prozenten und Mandaten); Zusammensetzung des Nationalrates in Mandaten, 1919-1934; Ignaz Seipel, Ein Wort zu den Osterwahlen. In: Reichspost, 17.4.1927, 1; Der Wahlkampf – Ein Befreiungskrieg! In: Reichspost, 16.4.1927, 7; Eine Kundgebung des geistigen Wien. In: AZ, 20.4.1927, 1; Der glänzendste Sieg der Sozialdemokratie! In: AZ, 25.4.1927, 1; Wahlepilog. In: Wiener Montagsblatt, 25.4.1927, 1; Der sozialdemokratische Ansturm zurückgeschlagen! In: NFP, 25.4.1927, 1; Der Marxistensieg vereitelt! In: Reichspost, 25.4.1927, 1; Jugend vor! In: NFP, 27.4.1927, 1; Die Arbeitermörder freigesprochen! In: AZ, 15.7.1927, 1

Literatur

Ernst Hanisch, Der große Illusionist. Otto Bauer (1881-1938), Wien, Köln, Weimar 2011; Michael Dippelreiter, Demagogie und Manipulation bei den Landtagswahlen in Wien in der Ersten Republik. In: Herbert Dachs, Michael Dippelreiter, Franz Schausberger (Hg.), Radikale Phrase, Wahlbündnisse und Kontinuitäten. Landtagswahlkämpfe in Österreichs Bundesländern 1919 bis 1932 517-558; Herbert Dachs (Hg.), Handbuch des politischen Systems Österreichs. Erste Republik 1918-1933, Wien 1995; Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert (Österreichische Geschichte 1890-1990), Wien 22005; Robert Kriechbaumer, Die großen Erzählungen der Politik: Politische Kultur und Parteien in Österreich von der Jahrhundertwende bis 1945, Wien, Köln, Weimar 2001; Gernot Stimmer, Eliten in Österreich, 1848-1970  (Studien zur Politik und Verwaltung, Bd. 57), Wien, Köln, Graz 1995; Artikel „Justizpalastbrand“ bei rotbewegt.at;

(MK)

Nach dem Ende September 1930 erfolgten Rücktritt des parteilosen Johann Schober als Bundeskanzler und der Weigerung seiner beiden Koalitionspartner (Großdeutsche Volkspartei und Landbund), die Regierung ohne Neuwahlen unter Führung der Christlichsozialen fortzuführen, fanden am 9. November die letzten freien Nationalratswahlen der Ersten Republik statt. Die Wahlbeteiligung lag bei 90,2 % und erreichte damit einen Rekordwert.

Bereits ein Jahr zuvor, im Dezember 1929, hatte die Bundes-Verfassungsnovelle – das letzte große politische Kompromisswerk der Ersten Republik – neben einer Anhebung des aktiven Wahlalters auf 21 Jahre vor allem eine Machtverschiebung vom Parlament zum Bundespräsidenten und zur Bundesregierung mit sich gebracht. Dahinter stand nicht zuletzt die Absicht der Christlichsozialen Partei, den Einfluss der ohnehin geschwächten demokratischen Opposition – namentlich der Sozialdemokratie – zurückzudrängen; vordergründig lautete die Devise, die gegenseitige Blockadepolitik der beiden großen politischen Lager, die zu einer zunehmenden Lähmung des parlamentarischen Systems und einer Verschärfung des innenpolitischen Konflikts geführt hatte, zu unterbinden. Dieser Entwicklung zugrunde lag eine tiefgreifende „Legitimitätskrise der Ersten Republik“ (Hanisch, 307), die von drohendem ökonomischen Kollaps, mangelnder politischer Gesprächskultur und wachsender Gewaltbereitschaft geprägt war und die dazu führte, dass die parlamentarische Demokratie letztlich weder von der SDAP noch von den Anhängern des bürgerlichen Lagers als Regierungsform favorisiert wurde. Während erstere nach wie vor eine Verwirklichung der „sozialen Demokratie“ nach marxistischem Vorbild anstrebte, trat Ignaz Seipel für eine auf autoritärer Basis fußende „wahre Demokratie“ ein, die anstatt einer höheren BürgerInnenbeteiligung mehr Verantwortlichkeit der Regierungsspitze mit sich bringen sollte. Eine autoritäre Führerfigur forderten auch Teile des christlichsozialen Lagers und der sich zunehmend am faschistischen Vorbild Italiens orientierenden Heimwehr, allerdings an der Spitze eines berufsständisch organisierten Gesellschaftsmodells. Ihren öffentlichen Ausdruck fand diese Forderung im Korneuburger Eid, der im Mai 1930 im Rahmen der Generalversammlung des Heimatschutzverbandes Niederösterreich verlesen wurde und der sich explizit und offen „gegen den westlichen demokratischen Parlamentarismus und den Parteienstaat“ (zit. n. Hanisch, 290) wandte.

Nach einem hart geführten Wahlkampf, der auf allen Seiten darauf abzielte, den politischen Gegner in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken, wurde die SDAP mit 41,1 % und 72 Mandaten zur stärksten Partei, gefolgt von der CSP – die in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland „im Interesse der antimarxistischen Sache“ (NWJ, 11.10.1930, 1) gemeinsam mit den dortigen Heimwehrlandesorganisationen angetreten war – mit 66 Mandaten. Das dritte Lager konnte Zugewinne erzielen: Der Nationale Wirtschaftsblock und der Landbund als „Schober-Block“ erhielten 19 Mandate, der Heimatblock dagegen blieb mit 8 unter seinen Erwartungen zurück. Die Nationalsozialisten, die bei den eben erfolgten deutschen Reichstagswahlen bereits zweitstärkste Kraft geworden waren, erhielten in Österreich rund 99.300 Stimmen und damit kein Mandat.

Während die Arbeiterzeitung darauf pochte, die Wahl habe „die Schwäche der Heimwehren enthüllt“ und das Volk sich „gegen Fascismus und Korruption“ ausgesprochen (AZ, 10.11.1930, 1), sah das Neue Wiener Journal einen „Wahlsieg des Antimarxismus“ sowie „[e]ine überwältigende antimarxistische Mehrheit in ganz Österreich“ (NWJ, 10.11.1930, 1). Die Reichspost sprach von einem „Sieg der Regierung“, denn die SDAP habe „den Kampf um die Macht verloren“ (RP, 10.11.1930, 1). Es gab aber durchaus auch differenziertere Stimmen: Der Morgen sah die Christlichsoziale Partei vom Wählerwillen abgestraft für den „mutwilligerweise zum Rücktritt gezwungen[en]“ Hans Schober, der sich „ihrem Parteidiktat nicht fügen wollte“ und prophezeite dem ehemaligen Bundeskanzler, künftig „als Haupt einer bürgerlichen Gruppe“ ein „wichtige[r] politische[r]  Faktor“ (Der Morgen, 10.11.1930, 3) in der österreichischen Innenpolitik zu sein. Ludwig Hirschfeld appellierte seinerseits in der Neuen Freien Presse an die verantwortlichen Politiker, vor dem Hintergrund der großen ökonomischen Herausforderungen „eine Verständigung unter den Bürgerlichen“ herbeizuführen und richtete darüber hinaus mahnende Worte an die Leserschaft: „Denken wir daran, daß mindestens dreihunderttausend Stimmen, nämlich Heimwehren und Nationalsozialisten, für den radikalen Umsturz von rechts abgegeben worden sind.“ (NFP, 10.11.1930, 1-2).

Am 4. Dezember 1930 wurde die christlichsozial geführte Regierung Ender, die mit dem Schoberblock koalierte, angelobt, die Sozialdemokratie ging einmal mehr in Opposition. Der notwendige breite politische Konsens blieb aber aus; im Gegenteil setzte in den folgenden Jahren eine weitere Spaltung sowie eine „tiefgreifende Militarisierung der Gesellschaft“ ein, an der Heimwehr und Schutzbund – die paramilitärischen Organisationen der CSP und der SDAP –, maßgeblichen Anteil hatten, indem sie Schritt für Schritt „dem Staat das Gewaltmonopol entzogen“ (Hanisch, 289) und damit den Weg für die Ausschaltung des Parlaments durch die Regierung Dollfuß freimachten.


Quellen und Dokumente

Statistische Narichten. Sonderheft zu den Nationalratswahlen vom 9. November 1930; Nationalratswahlen 1919-1930 (in absoluten Prozenten und Mandaten); Zusammensetzung des Nationalrates in Mandaten, 1919-1934; Abschied von Schober. In: NFP, 26.9.1930, 1-2; Auf jeden Fall eine entschlußfähige Regierung. In: RP, 30.9.1930, 2; Der Rücktritt der Bundesregierung. In: WZ, 27.9.1930, 1; Antimarxistischer Kampfbund. Einheitsfront der Christlichsozialen und des Heimatblocks in Wien und Niederösterreich. In: Neues Wiener Journal, 11.10.1930, 1; Die Sozialdemokraten die stärkste Partei! In: AZ, 10.11.1930, S. 1; Ludwig Hirschfeld, Wiener Wahlsonntag. In: NFP, 10.11.1930, 1-2; Wahlsieg des Antimarxismus. In: Neues Wiener Journal, 10.11.1930, 1; Sieg der Regierung! In: RP, 10.11.1930, 1; Großer Wahlsieg der Demokratie. In: Der Morgen. Wiener Montagsblatt, 10.11.1930, 1-4; Die neue Regierung Schober-Ender gebildet! In: Arbeiterwille, 4.12.1930, 1; Sieg der Mäßigung. In: NFP, 4.12.1930, 1;

Literatur

Herbert Dachs (Hg.), Handbuch des politischen Systems Österreichs. Erste Republik 1918-1933, Wien 1995; Thomas Pfaffenhuemer, Der Weg war kein Ziel. Die Entwicklung des modernen Wahlrechts in Österreich. In: Peter Filzmaier/Peter Plaikner/Karl A. Duffek (Hg.), Stichwort Wählen (Edition Politische Kommunikation, Bd. 2), Wien, Köln, Weimar 2009, 77-96; Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert (Österreichische Geschichte 1890-1990), Wien 22005; Robert Kriechbaumer, Die großen Erzählungen der Politik: Politische Kultur und Parteien in Österreich von der Jahrhundertwende bis 1945, Wien, Köln, Weimar 2001; Gernot Stimmer, Eliten in Österreich, 1848-1970  (Studien zur Politik und Verwaltung, Bd. 57), Wien, Köln, Graz 1995.

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Am 16. Februar 1919, rund drei Monate nach Ausrufung der Republik, fanden die  Wahlen zur konstituierenden Nationalversammlung für Deutsch-Österreich statt, aus der die Sozialdemokraten (SDAP) mit 72 Mandaten als stärkste Kraft hervorgingen. Bereits ein Monat später trat der neue Staatskanzler Karl Renner an die Spitze einer sozialdemokratisch-christlichsozialen Koalitionsregierung, die vor dem Hintergrund des politischen, sozialen und ökonomischen Umbruchs von 1918 bewusst die Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg in den Mittelpunkt stellte und sich dem „Primat der Ruhe und Ordnung“ verpflichtet sah (Hanisch, S. 269). 

Während innerhalb der sozialdemokratischen Partei der sozialreformerische Flügel dominierte, fand bei den Christlichsozialen nach und nach eine Machtverschiebung statt, in deren Verlauf sich der streitbare bürgerliche Flügel um Ignaz Seipel und Leopold Kunschak gegen die konsensbereiten bäuerlichen Kräfte um Jodok Fink durchzusetzte. Im Juni 1920 zerbrach die Koalition an den immer deutlicher hervortretenden ideologischen Gegensätzen zwischen den beiden Parteien; Auslöser war letzlich eine Anfrage der Großdeutschen im Zusammenhang mit dem Wehrmachtsgesetz. Dennoch gelang es den politischen Lagern, nach langwierigen Verhandlungen am 1. Oktober noch den Beschluss über die Bundesverfassung zu verabschieden.

Am 17. Oktober 1920 fanden die ersten Nationalratswahlen in Österreich statt. Die Christlichsozialen wurden mit 41,8 % der Stimmen zur stärksten Kraft, während die Sozialdemokraten mit 36 % auf Platz zwei landeten. Die Großdeutschen, ein Zusammenschluss aus vier Parteien, u. a. den Nationalsozialisten, konnten 17,3 % der Stimmen auf sich vereinen. 

Der Christlichsoziale Michael Mayr wurde am 20. November 1920 zum Bundeskanzler ernannt und übernahm vorübergehend auch die Führung des Staatsamtes für Äußeres. Das christlichsoziale Minderheitskabinett wurde in der Folge von den Großdeutschen gestützt, war bis 21. Juni 1921 im Amt und wurde anschließend von der Bundesregierung Schober I abgelöst. Die SDAP dagegen wechselte in die Opposition und sollte bis 1945 nicht mehr Regierungsmitglied sein.

Aufgrund der Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920, die über den Verbleib Südkärntens bei Österreich entschieden hatte, wurde die Nationalratswahl in Kärnten erst am 19. Juni 1921 nachgeholt. Das Burgenland, seit November 1921 Österreich zugehörig, wählte am 18. Juni 1922. In beiden Bundesländern konnten die Sozialdemokraten die meisten Stimmen erlangen.

Quellen und Dokumente

Zusammensetzung des Nationalrates in Mandaten, 1919-1934 [Online verfügbar]; Nationalratswahlen 1919-1930, in Prozenten und Mandaten [Online verfügbar]; Der Riss in der zweiten Koalition. In: Reichspost, 11.6.1920, 1-4; Demission der sozialdemokratischen Mitglieder der Regierung. In: AZ, 11.6.1920, 1; Die Regierungskrise. In: Reichspost, 14.6.1920, 1; Auswahl an Reaktionen auf den Ausgang der Nationalratswahlen 1920 in der österreichischen Presse [Online verfügbar]; Ergebnisse der nachgeholten Nationalratswahl in Kärnten. In: WZ, 20.6.1920, 1; Ergebnisse der nachgeholten Nationalratswahl im Burgenland. In: WZ, 21.6.1921, 6.

Literatur

Herbert Dachs (Hg.), Handbuch des politischen Systems Österreichs. Erste Republik 1918-1933, Wien 1995; Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert (Österreichische Geschichte 1890-1990), Wien 22005; Robert Kriechbaumer, Die großen Erzählungen der Politik: Politische Kultur und Parteien in Österreich von der Jahrhundertwende bis 1945, Wien, Köln, Weimar 2001. Hermann J. W. Kuprian, „Mayr, Michael“. In: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 565 f. [Online verfügbar]; Alfred Pfoser, Andreas Weigl, Die erste Stunde Null. Gründungsjahre der österreichischen Republik 1918-1922, Salzburg, Wien 2017; Gernot Stimmer, Eliten in Österreich, 1848-1970 (Studien zur Politik und Verwaltung, Bd. 57), Wien, Köln, Graz 1995; 

(MK)

Als private Kunstschule für Frauen und Mädchen wurde diese Bildungseinrichtung 1897 gegründet. Maßgebliche Initiatorinnen waren neben Rosa Mayreder die Malerinnen Tina Blau (1845-1916) und Olga Prager (1872-1930). A.F. Seligmann, bei dem Prager Privatunterricht nahm, wurde zum ersten Leiter bis 1908 gewählt; danach übte der Bildhauer Richard Kauffungen (1854-1942) bis 1926 die Direktionsfunktion aus. Von 1927 bis 1938 folgte ihm der Bildhauer Heinrich Zita (1882-1951) in diese Funktion nach.

Die WFA blühte rasch auf und bot nach 1918 auch drei akademische Klassen (Bildhauerei, Malerei, Graphik) an. In diesen lehrten u.a. Rudolf Jettmar, Josef Stoitzner und Ludwig Michalek. Die Hauptlehrer wurden um 1920 als Professoren in den Staatsdienst übernommen. 1926 wurde der Verein umbenannt in Wiener Frauenakademie und Schule für freie und angewandte Kunst; im selben Jahr fing die Stadt Wien an, einen oder zwei Freiplätze zu finanzieren, die öffent. Ausgeschrieben wurden. 1928 wurde das dreißigjährige Bestehen gefeiert, u.a. mit einer Ausstellung sowie mit Resonanz in allen Zeitungen und einem Radiovortrag, gestaltet von Richard Harlfinger, der seit 1917 selbst an der WFA als Lehrer tätig war. 1929 trat die WFA Mitglied dem ›Bund österreichischer Frauenvereine‹ bei. Die bis 1936 über verschiedene Lokale im 1. Bezirk verteilte und erst ab 1936 im 3. Bezirk (Siegelgasse 2–4) in einem renovierten Schulbau angesiedelte Schule zählte um 1930 rund 300 Schülerinnen und 17 Lehrkräfte. Sie wurde in zahlreichen Tageszeitungen beworben bzw. es wurde in Zeitungen von der AZ über die NFP, NWJ bis hin zu Der Tag und zur WrZtg. über ihr Angebot bzw. ihre Aktivitäten berichtet. Seit 1928 wurden regelmäßig Ausstellungen im ›Österreichischen Museum für Kunst und Industrie‹ eingerichtet. Mit der Wirtschaftskrise nach 1933 ging und der sog. 1000 Mark-Sperre 1933 ging auch die Zahl der Schülerinnen um rund 40% zurück. Nichtsdestotrotz konnte die WFA mit ihrer Ausstellung zur Mode im Wandel der Zeit (gemeins. mit der Zs. Moderne Welt und der Sezession) im April desselben Jahres beträchtliche Resonanz erzielen. Das vierzigjährige Bestandsjubiläum 1937 wurde nur mehr durch eine kleine Ausstellung und einen Radiobeitrag publik gemacht. Nach dem Anschluss wurde diese Einrichtung im Nov. 1938 der Gemeinde Wien übertragen (formell am 1.3.1939 übernommen) und Teil der NS-Kunstpropaganda.


Quellen und Dokumente

Jily Kjäer: Die Entwicklung der Wiener Frauenakademie. In: Wiener Frauenakademie (1928), H. 4, S. 4, Ina Frank: Ausstellung der Wiener Frauenakademie. In: Die Österreicherin (1928), H. 5, S. 6f., Ankündigung in: Radio Wien (1928), H. 26, S. 911, A. F. Seligmann: Mode im Wandel der Jahrhunderte. Eine Veranstaltung der Wiener Frauenakademie. In: Die Moderne Welt 14 (1933), H. 7, S. 10, Frauenakademie – „Kunstschule der Stadt Wien“. Uebernahme in die Obhut der Gemeinde. In: Kleine Volks-Zeitung, 1.3.1939, S. 5.

Literatur

S. Plakolm-Forsthuber: Vom Ende der Wiener Frauenakademie in der NS-Zeit. In: H. Seiger, M. Lunardi, P.J. Populorum (Hgg.): Die Wiener Akademie der bildenden Künste und die faschistische Kulturpolitik. Wien 1990, 217-246; P. Melichar: Der Wiener Kunstmarkt der Zwischenkriegszeit. In: ÖZG, 17/2006 (Online verfügbar); O. Stieglitz, G. Zeillinger (Hgg.): Der Bildhauer Richard Kauffungen (1854-1942). Zwischen Ringstraße, Künstlerhaus und Frauenkunstschule. = Europ. Hochschulschriften. Reihe XXVIII, Kunstgeschichte, Bd. 426. Frankfurt/M. u.a. 2008, 121-177.

(PHK)