geb. am 18.1.1871 in Wien – gest. am 10.7.1942 in New York; Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Satiriker, Herausgeber, Übersetzer, Librettist, Schauspieler

B., Sohn aus einer kathol. bäuerlichen Familie, absolvierte das Stiftsgymn. Melk und studierte danach in Zürich u. Genf, wo er zum Dr. phil. promoviert wurde. In den späten 1890er Jahren stand er im Kontakt zu V. Adler, lebte 1898-1900 in den USA, anschießend kurz in Paris, ab 1901 in München und 1911-14 vorwiegend in Berlin. Seit 1903 war B. mit A. Gide in Kontakt, übersetzte mehrere seiner Werke u. baute ein Netzwerk zur mod. französ. Lit. auf. 1906-7 gab er die Zeitschr. Der Amethyst u. Die Opale heraus, Zss., die aufgr. ihrer erot. Themen u. Illustrationen, u.a. von Beardsley u. Kubin, „nur für Subscribenten“ erhältlich waren, Zss. in denen aber auch Texte wie R. Musils Törleß besprochen wurden. Seit 1908 mit M. Brod befreundet knüpft B. Kontakte zum sog. Prager Kreis u. veröffentl. in deren Zs. wie z.B. in Hyperion. Den Ersten Weltkr. verbrachte er bis 1916 im Kriegspressequartier, im Auskunftsbüro des Roten Kreuz u. ab 1917 als Sekr. des Kriegsspekulanten Josef Kranz, der die finanz. Mittel für Zs.-Projekte bereitstellte. Zugleich brachte B. in Berlin sein kontrovers aufgenommenes Lustspiel Logik des Herzens zur Aufführung (EA in Wien: 1919), war in der express. u. kriegskrit. Zs. Die Aktion vertreten u. veranstaltete literar. Matinees in Wien, über die u.a. A. Kuh berichtete. Aufgrund einer Rede vor der Roten Garde im Nov. 1918 wurde B. im Neuen 8-Uhr-Blatt als Gründungsmitglied derselben tituliert, woraufhin er eine Verleumdungsklage einbrachte. Gemeins. mit A. P. Gütersloh gab er die Zs. Die Rettung heraus, die sich unter dem anarch. Motto ›Es lebe der Kommunismus und die katholische Kirche‹ utopist. Zeitdiagnostik widmete. Blei zählte 1919 auch zu den Unterzeichnern einer Petition gegen die Hinrichtung von Ernst Toller aufgr. seiner Rolle in der Münchener Räterepublik u. war im August 1919 für die Ballettauff. d. Burgtheaters im Schlosstheater Belvedere mitverantwortlich, an denen u.a. G. Wiesenthal mitwirkte. 1920 folgten das Libretto für das von Hindemith vertonte, 1931 überarbeitete  Nusch-Nuschi. Spiel für burmanische Marionetten, ferner mehrere Novellenbände u. die dt. Übersetzung der Intimen Tagebücher von Ch. Baudelaire, womit sich B. als vielseitiger und medial hochpräsenter Autor positionieren konnte. Den endgültigen Durchbruch erlebte B. mit seiner satir. Autorenzeichnung Das große Bestiarium der deutschen Literatur (1923), das auszugsweise im Neuen Wiener Journal  bereits im Sept. 1922 erschien. In diesem veröffentl. B. regelmäßig Kurzprosa, ferner auch in der Zs. Die Muskete. 1923 erschien bei Rowohlt die Slg. Ganymed, die u.a. J. Urzidil hoch geschätzt hat. 1924 positionierte er sich in der von H. Eulenberg losgetretenen Debatte über die für Autoren nachteiligen Verlagsbedingungen gegen die Autoren, denen er Talentlosigkeit vorwarf. Im selben Jahr begann er wieder erfolgreich das Thema der Erotica zu bespielen, u.a. mit dem Bd. Der buntfarbige Eros, den E.E. Kisch aus der Flut zeitgenöss. Publ. als „Kunstwerk“ hervorhob. 1925 firmierte B. neben F. Th. Csokor, O. M. Fontana, E. Friedell, R. Musil, L. Perutz, H. Kelsen, H. Scheu-Riesz, A.v. Webern u.a. als Unterzeichner einer im Arbeiterwille (Graz), in der AZ u. im Tagblatt (Linz) veröff. Petition gegen die Unterdrückung der Arbeiterbewegung im faschist. Ungarn, übernahm die Hg. der renom. Berliner Wochen Zs. Der Roland, verf. Einleitungen zu Casanova-Memoiren. sowie einer Baudelaire-Werkauswahl. 1926 trat er mit Pamela Wedekind im Wiener Kabarett Pavillon auf, beteiligte sich an der Debatte Operette vs. Revue-Theater in der Zs. Die Bühne, zu der u.a. auch B. Balázs u. F. Salten Stellung bezogen, u. gab bei Rikola die Slg. Der persische Dekameron heraus. 1927 spielte B. im Film Die Königin von Schottland von L. Jessner, zu dem A. Kuh das Drehbuch mitverf. neben F. Kortner u.a. mit, u. veröffentl. den Bd. Glanz und Elend berühmter Frauen bei Rowohlt. Im Sept. 1927 kam auf der Prager Kleinen Bühne die von ihm übertr. Komödie Bunbury von O. Wilde zur Auff. 1928-32 wird B. als regelm. Mitarb. der Zs. Die Bühne fassbar, v.a. mit Beitr. über die Ehe, Liebe u. Erotica, z.B. mit den Texten Flirt oder Das Erotische. 1929 folgte in B.s. Übersetzung der vielbeachtete psycholog. Roman Der jungfräuliche Mann von M. Prévost. Im Folgejahr 1930 erschienen gleich mehrere Bücher, darunter Die göttliche Garbo, Formen der Liebe und Männer und Masken, 1932 der Bd. Gefährtinnen und eine Talleyrand-Biographie. 1932 emigrierte B. nach Mallorca, kehrte 1936 wieder nach Wien zurück, wo er nicht mehr Fuß fassen kann, übersiedelt 1937 nach Italien u. 1938 nach Fürsprache von J. Giradoux in die Nähe von Nizza. Über die American Guild erhält er im Nov. 1940 ein Affidavit für die USA, kann aber erst im Juni 1941 via Lissabon New York erreichen, wo er in Hotels und Studentenheimen dank Unterstützung H. Broch u. A. Kolb bis zu seinem Tod lebt.


Weitere Werke (Auswahl)

Der Geist des Rokoko (1924); Frauen und Abenteurer (1927); Ungewöhnliche Menschen und Schicksale (1929); Das Lesebuch der Marquise (1931), Etwas über Rokoko (1934), Zeitgenössische Bildnisse (1940).

Quellen und Dokumente

Beiträge F. B.s: Das große Bestiarium der deutschen Literatur. Satirische Charakterbilder [Vorabdruck]. In: Neues Wiener Journal, 30.9.1922, S. 3, Das Geheimnis der Liebe. In: Die Bühne, 18.10.1928, S. 23, Flirt. In: Die Bühne, 25.10.1928, S. 42, Erotische Geschichten. In: Die Bühne, 15.11.1928, S. 52, “Das Erotische”. In: Die Bühne, 18.4.1929, S. 35.

N.N.: F. B. über das deutsche Theater [Vortrag in Leipzig]. In: Neues Wiener Journal, 6.10.1915, S. 8, Anton Kuh: Matinee an der “Neuen Wiener Bühne”. In: Der Morgen, 8.10.1917, S. 4, Johannes Urzidil: Eine Handvoll neuer Bücher [Rez. zu Ganymed]. In: Prager Tagblatt, 21.10.1923, S. 18, Egon Erwin Kisch: Über verbotene Bücher. In: Prager Tagblatt, 23.5.1925, S. 3, Fritz Rosenfeld: Filmbilderbücher [Rez. zu Die göttliche Garbo]. In: Arbeiter-Zeitung, 12.10.1930, S. 16, Walther Rode: Talleyrand und sein Plutarch. In: Prager Tagblatt, 3.11.1932, S. 3.

Literatur

E. Schönwiese: Franz Blei. Zwischen Orpheus und Don Juan.
(= Stiasny Bücherei 154, 1965); M. Hall: Der unbekannte Tausendsassa.
Franz Blei und der Etikettenschwindel 1918 [Online verfügbar],
Ders.: Franz Blei und der Etikettenschwindel. Ein
Ehrenbeleidigungsprozeß in der Umsturzzeit mit Adolf Loos als Zeugen.
In: Die Presse (Wien). Sa./So., 29. März 1981. Literaricum, S. V.; E.
Kiss: Franz Blei als Repräsentant der europ. Moderne. In: Trans 4/1999 [Online verfügbar], H. Mitterbauer: Die Netzwerke des Franz Blei. Kulturvermittlung im frühen 20. Jahrhundert. Tübingen-Basel 2003.

Joachim Kalka: Der Trüffelfisch [Rez. zur neuaufgelegten Autobiographie]. In: Der Spiegel, 28.9.2004.

(PHK)