Der AM gilt vielfach zwar als nicht exakt umrissener Begriff, zugleich aber als anerkanntes und kennzeichnendes politisch-theoretisches Gebäude des Marxismus mit Schulcharakter, das namhafte Denker und politische Repräsentanten der österr. Sozialdemokratie (SDPÖ) seit etwa 1904-05 entwickelt haben. In dieses Jahr fiel der Beginn der unregelmäßig erscheinenden Reihe ›Marx-Studien‹ (Bd. 1 bis Bd. 5.1, 1923), die von Max Adler und Rudolf Hilferding eingerichtet, geleitet und von Karl Kautsky kritisch begleitet und rasch über Österreich hinaus, auch durch spätere Revolutionäre und Kritiker wie Lenin und Trotzki, rezipiert wurde. Nach 1919 stellte sich jedoch angesichts des Drucks durch die Russische Oktoberrevolution und weitere revolut. Bewegungen in Deutschland (Spartakus, Münchner Räterepublik) sowie in Ungarn einerseits und des zunehmend reformistischen und antirevolutionär-autoritären Kurses der deutschen Sozialdemokratie andererseits für die SDPÖ die Frage einer eigenständigen Positionierung zwischen diesen Frontlinien. Das Bestreben war dabei, sowohl revolutionäre, dem klassischen Marxismus verpflichtete als auch reformistische Programmatik und Projekte, die aus dem ethischen Anspruch des AM nach Erziehbarkeit des Menschen rührten, zu einer Synthese zu führen. Eine Umgestaltung der Gesellschaft hin zu einer sozialistischen lautet zwar das zentrale Fernziel; diese müsse jedoch auf legalem Weg gemäß der These der prinzipiellen Vereinbarkeit von Sozialismus und Demokratie erfolgen. In der Praxis führte dies dazu, dass der AM revolutionäre Positionen proklamierte, diese aber in der Umsetzung insofern modifizierte, oder, je nach Standpunkt, verriet. Letzteres war z.B. die Ansicht der meisten kommunistischen Kritiker, weil der AM vor dem Mittel der Gewalt zurückschreckte und daher zu Konzessionen bzw. Aushandlungsprozessen mit der Bourgeoisie gezwungen war. Die erste Nagelprobe stellte sich mit der Aufforderung Bela Kuns, auch in Österreich 1919 eine Räterepublik auszurufen und somit die ungarische wie die Münchner Revolution zu stärken, zumal bereits ein funktionsfähiges Netz von Arbeiter- und Soldatenräten existierte, was jedoch vom sozialdemokr. Parteivorstand abgelehnt wurde. O. Bauer begründete diese Absage in einer Artikelserie in der AZ mit der Abhängigkeit von Lebensmittellieferungen und drohendem ökonomischen Embargo in einer ohnehin schwierigen Lage, ähnlich argumentierte auch F. Adler in einem (Absage)Brief an Trotzki.

Da sich im Zuge der Nationalratswahl von 1920 mittelfristig keine Aussicht auf eine Umgestaltung Österreichs zu einer sozialistischen Gesellschaft abzeichnete, konzentrierten sich die Parteiführung wie die Theoretiker und Praktiker des AM darauf, dies in den realen Einflussbereichen der SDPÖ, insbesondere in Wien, alternativ zur konservativen, christlichsozialen Politik, umzusetzen, woraus das Projekt ›Rotes Wien‹ entstand. Für die KPÖ bot dies bereits Ende 1919 den Anlass, in eine Dauerpolemik gegen die SDPÖ einzutreten und den AM als „Theorie der Anpassung an jede Schweinerei“ (Rote Fahne, 12.12.1919, 3) plakativ zu denunzieren, die danach auch durch die bürgerliche Presse, z.B. am 23.6.1923 im NWJ, aufgegriffen wurde. Das Dilemma brachte der deutsche KP-Politiker und Nachlassverwalter Rosa Luxemburgs, Paul Frölich, in einer 1924 vorgelegten Schrift wie folgt auf den Punkt: „…daß ihr Radikalismus stets genau bis zu dem Punkt geht, wo er sich in revolutionäre Tat umsetzen müßte. Dort macht er mit geschicktem Sophismus eine Wendung, durch die jede reformistische Schweinerei gerechtfertigt wird (RF,13.8.1924). Die meisten dieser Kritiker übersahen dabei, dass die Denker des AM sich vor die Herausforderung gestellt sahen, dass die klassische, von Marx und Engels (mit Blick auf die Verhältnisse um 1850-60) entwickelte Theorie des dialektischen Materialismus als „philosophische Theorie von der Materialität der Welt, vom Verhältnis von Materie und Bewußtsein“ (Marx.-leninisit. Wörterbuch, 1972) den Anforderungen der Moderne, den Erkenntnissen moderner Wissenschaften (z.B. dem Mach’schen Empiriebegriff) und den polit. Erfahrungen seit 1914 bzw. 1918 nur mehr bedingt korrespondierten. Max Adler hat daraus bereits 1908 im ›Kampf‹ mit expliziter Bezugnahme auf Marx u. Engels die dialekt. Methode als Basis der materialist. Geschichtsauffassung in Richtung eines Eingreifmodells für „menschliche Praxis“ auszuweiten versucht und dieses mit neukantian. Ethik-Vorstellungen verknüpft. Seine, aber auch Bauers, Renners und Kautskys Beiträge zum AM haben in den frühen 1920er Jahren eine Reihe von Intellektuellen unterschiedlichster Provenienz angeregt, sich mit dem (später als ›Dritten Weg‹ bezeichneten) AM und seinen durchaus pluralistischen Ansätzen auseinanderzusetzen, man denke nur an H. Brochs Besprechung von Adlers Schrift Marx als Denker, Engels als Denker (1922) oder G. Lukács‘ Erstfassung von Geschichte und Klassenbewußtsein (1923), die in Wien entstanden ist, wo er übrigens auch wieder auf Sigmund Kunfi, zuvor Minister der ungar. Räterepublik und dann Mitarbeiter am ›Kampf‹ getroffen ist. Auch das Marx gewidmete H. 3/1923 der Zs. Kampf dokumentiert, in welcher Weise der AM einerseits dessen Gedanken und Utopien verbunden blieb, andererseits diese produktiv auf die Zeitbedingungen auszuweiten suchte.

E. Glaser hat in seiner Studie auch das breite Umfeld der verschiedenen Ansätze des AM sowie dessen Auswirkungen auf zeitgenöss. wissenschaftstheoret. Debatten u. Arbeiten, auf die Ausdifferenzierung der Psychoanalyse (A. Adler, S. Bernfeld, P. Federn, W. Reich u.a.), die Soziologie, Pädagogik, bei letzterer wiederum insbes. die Idee des ›Neuen Menschen‹ sowie die Frage der Volks- und Arbeiterbildung betr., schließlich auf die Kunst und Literatur (z.B. im Umfeld des Programms der Sozialistischen Bildungszentrale/Kunststelle), des Films und der Architektur dokumentiert.

In das Interessensfeld der linken wie der bürgerlich-konservativen Öffentlichkeit rückte der AM anlässlich der Diskussionen über das neue Parteiprogramm, dem sog. Linzer Programm (LP, verabschiedet im Nov. 1926), sowie im Zuge der Ereignisse vom Juli 1927. Das LP wurde von der SDPÖ explizit als konkrete Strategie zur Eroberung der Staatsmacht auf legalem Weg und somit als potenzielle Erfüllung der austromarx. Staatsvorstellung angesehen:  „…In der demokratischen Republik beruht die politische Herrschaft der Bourgeoisie nicht mehr auf politischen Privilegien, sondern darauf, daß sie mittels ihrer wirtschaftlichen Macht, mittels der Macht der Tradition, mittels der Presse, der Schule und der Kirche die Mehrheit des Volkes unter ihrem geistigen Einfluß zu erhalten vermag. Gelingt es der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, diesen Einfluß zu überwinden, die manuellen und die geistigen Arbeiter in Stadt und Land zu vereinigen und der Arbeiterklasse die ihr nahestehenden Schichten der Kleinbauernschaft, des Kleinbürgertums, der Intelligenz als Bundesgenossen zu gewinnen, so gewinnt die sozialdemokratische Arbeiterpartei die Mehrheit des Volkes. Sie erobert durch die Entscheidung des allgemeinen Wahlrechtes die Staatsmacht.“ (mehr hier) Im Vor- bzw. Umfeld des guten Wahlergebnisses für die SDPO Ende April 1927 (43% Stimmenanteil, stärkste Partei im Parlament) versuchte die KPOe, zumindest publizistisch, den Druck auf die Sozialdemokratie zu erhöhen, indem sie einerseits in Beiträgen, u.a. von J. Straßer, in der Roten Fahne den AM als reformistischen Kurs anprangerte, andererseits die sofortige Einlösung der Wahlversprechen und einen offensiveren Anspruch auf die Machtfrage verlangte. Auch auf bürgerlicher u. klerikaler Seite wurde der AM dämonisiert; z.B. forderte im Vorfeld der Wahlen vom April 1927 das ›Korrespondenzblatt für den katholischen Klerus‹ dazu auf, in Predigten den AM als den „Antichrist des zwanzigsten Jahrhunderts“ offensiv anzuprangern. Das NWJ brachte zudem am 20.4.1927 eine lange Glosse mit dem amerikan. Journalisten Ch. J. Freeeman, in der dieser den AM als Bewegung „moskauischer Färbung“ denunzierte und im Fall einer absolut. Stimmen- u. Mandatsmehrheit der SDPÖ Widerstand seitens der westl. ‚Kulturnationen‘ in Aussicht stellte. Die blutige Niederschlagung der Protestkundgebung vom 15. Juli besiegelte allerdings die Handlungsunfähigkeit der radikal-mächtigsten, wenngleich auch rational agierenden Sozialdemokratie Europas; sie schränkte in der Folge den Bewegungsspielraum im Roten Wien ein und höhlte damit die programmat. Wirkung des AM schrittweise aus, ungeachtet des Versuchs, diesen in einem klärenden AZ-Beitrag (3.11.1927) nach mehreren erlittenen polit. Demütigungen als erfolgversprechende Strategie nochmals zu positionieren. In zwar nachvollziehbaren, tw. auch luziden Analysen zum 15. Juli 1927 haben in der Zs. Der Kampf repräsentative Stimmen (S. Kunfi, O. Leichter, K. Heinz u.a.) das Dilemma, in das die SDPÖ geschlittert war, d.h. stärkste polit. Kraft auf legalem Weg geworden und doch nahezu ohnmächtig in der polit. Konfrontation zu sein, nachgezeichnet und analysiert. Einen Angelpunkt bildete dabei gerade das – aus bürgerl.-konservat. Sicht – Schreckgespenst des AM, der als Klassenkampfdrohung wahrgenommen u. z.T. bewusst missverstanden, missdeutet worden sei, indem man ihm und der Partei eine tendenziell antidemokrat. Perspektive zusprach. De facto war es aber die politische Praxis der Gegenwart, der Kurs des Roten Wien, im Besonderen dessen Sozialpolitik, die sog. Breitner-(Luxus)Steuern oder der Mieterschutz und der soziale Wohnbau, für Teile der bürgerl. Presse eine „Fürsorgeinflation“ (O. Leichter), welche die Entfremdung vertieft haben. Sichtbar wurde dies im Abbruch der fast schon ausverhandelten Schulreform. Das Konzept, wonach „Reform und Revolution nicht Gegensätze sind, die einander ausschließen“ sondern durch konkrete Praxis neue Perspektiven eröffneten (später als ‚Dritter Weg‘ Orientierung für eine unorthodoxe europ. Linke), war schlicht inakzeptabel und führte auf bürgerl. Seite zu einer massiven Abwehrfront unter zunächst verdeckter, dann direkter Einbindung der Heimwehren. Bei aller Luzidität der Analysen und der Kritik wurde an der grundsätzlichen Richtigkeit der strategischen Ausrichtung des AM festgehalten und v. a. im AZ-Leitartikel nach dem Wiener Parteitag (Oktober 1927) der Gedanke der Einheit als einer der zentralen Maximen mit großem Ernst, verteidigt, während die bürgerlichen Regierungskoalitionen alles daran setzten, den Bewegungsraum des AM und des Roten Wien sukzessive und  am Rande des Legalen einzuschränken. Der Heeresminister Vaugoin drängte z.B. sozialdemokr. Offiziere 1928 aus dem Bundesheer, was die RF mit Häme quittierte; F. Austerlitz veröffentlichte eine Artikelserie im Grazer Arbeiterwillen, in dem er die AM-feindliche Haltung des Bürgerblocks darlegte und anprangerte. Im bekannt SDPÖ-kritischen NWJ steigerte sich ab 1928-29 die polemische Ausrichtung; so wurde dem AM das ‚staatstragende‘ Verhalten der deutschen Sozialdemokragten in der umstrittenen Panzerkreuzerfrage vorgehalten und der AM als gefährliche „Extratour“ denunziert, der Ausgrenzung (durch den sog. Bürgerblock) verdiene; (NWJ, 4.10.1928, 1-2). Im Juni 1929 verunglimpfte das ehemalige KPÖ-Mitglied, dann altösterr. Lustspielautor (und bald, d.h. ab 1936, Mitglied der Reichsschrifttumskammer) Hanns Saßmann, ähnlich wie steirische Heimwehrredner, in einem Beitrag den AM als „Betrug“ bzw. bolschewistische Agitation; im Dez. desselben Jahres folgte eine Würdigung des für die Toten vom 15.Juli 1927 mitverantwortlichen ehem. Polizeipräsidenten u. späteren Bundeskanzler J. Schober gerade mit Bezug auf dessen Leistungen in der Unterdrückung des AM als „Filiale Moskaus“ (NWJ, 6.12.1929, 2). Am 15.7.1930 verstieg sich das NWJ sogar zur Behauptung, der AM sei für den Mob 1927 verantwortlich gewesen; dank der Allianz aus Schober und der Heimwehr hätte eine anstehende Diktatur abgewendet werden können. In diese Kampagne, die u.a. auch die Verfassungsreform von Ende 1929 als Erfolg gegen das Rote Wien feierte, reihte sich naturgemäß auch die Reichspost, Organ der Christlichsozialen Partei, ein.  Zu dieser Kritik von rechts gesellte sich jene der Roten Fahne, die den AM und die SDPÖ eine Komplizenschaft mit der von der Heimwehr gestützten Regierung Vaugoin unterstellte und die zeittypische Losung vom ›Sozialfaschismus‹ ausgab. So standen die Wahlen vom Nov. 1930 unter dem Vorzeichen einer versuchten weiteren Demütigung der SDPÖ und des AM und einer in Defensive geratenen Sozialdemokratie, wie die aufgeheizte polit. Rhetorik im Wahlkampf ungeschminkt zeigte. Zwar brachte die Wahl dann eine geringfügige Stärkung der SDPÖ in Wien (703.428 von 1.192.000 Stimmen), aber eine ebenso geringfügige Schwächung auf Bundesebene, zu der allerdings eine Stärkung der mit den Christlichsozialen verbündeten Heimwehr (sowie eine Erstarkung der NSDAPÖ) gegenüberstand. Anlässlich des Juligedenkens 1931 gestand die AZ schließlich ein, dass die Bewegung in den letzten Jahren vor dem Hintergrund des Anwachsens faschistischer Bewegungen u. Politik (in und außerhalb Österreichs), in die Defensive geraten sei und somit indirekt, dass der AM zu einem politisch nahezu wirkungslosen Instrument geworden war, obwohl man sich insofern weiter zu ihm bekenne als es gelte, die Errungenschaften des Roten Wien zu verteidigen. Aus der politischen Semantik verschwand der Begriff ab 1929-30 zunehmend, wie die Beiträge oder Stichwortregister der Programmzeitschrift Der Kampf belegen.


Quellen und Dokumente

O. Bauer kontra O. Bauer. In: Rote Fahne (RF), 13.8.1924, S.1-2; Feier zu Ehren Kautskys. In: Arbeiterwille, 18.10. 1924, S.2-3; W. Schlamm: Der Weg zum Sozialismus. In: RF, 7.11.1925, S. 5; N.N.: Ein Jubiläum des Austromarxismus. In: AZ, 5.1.1927, S. 1-2;

Das roten Wien. online verfügbar unter http://www.dasrotewien.at/seite/austromarxismus

Literatur

N. Leser:  Zwischen Reformismus und Bolschewismus. Der Austromarxismus als Theorie und Praxis. Wien 1968, 21985; H.-J. Sandkühler, R. de la Vega (Hgg.): Austromarxismus. Texte zu ‚Ideologie und Klassenkampf‘ von Otto Bauer, Max Adler, Karl Renner, Sigmund Kunfi, Béla Fogarasi u. Julius Lengyel. Wien 1970; A. Pfoser: Literatur und Austromarxismus. Wien 1980; E. Glaser: Im Umfeld des Austromarxismus. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte des österr. Sozialismus. Wien-München-Zürich 1981; D. Albers: Versuch über Otto Bauer und Antonio Gramsci. Zur politischen Theorie des Marxismus, Berlin 1983; R. Löw/S. Mattl / A. Pfabigan: Der Austromarxismus. Eine Autopsie. Frankfurt 1986; Ch. Butterwege: Austromarxismus und Staat. Politiktheorie und Praxis der österreichischen Sozialdemokratie zwischen den beiden Weltkriegen. Marburg 1991; A. Pelinka (Hg.): Zwischen Austromarxismus und Katholizismus. Wien 1993; Peter Goller: Otto Bauer – Max Adler. Beiträge zur Geschichte des Austromarxismus (1904–1938). Wien (Schriften der A. Klahr Gesellschaft) 2008; W. Baier (Hg.): Otto Bauer und der Austromarxismus: Integraler Sozialismus und die heutige Linke (Schriften der Rosa-Luxemburg-Stiftung), Berlin 2008; K. Czernetz, E. Tomaselli (Hgg.): Kritik des Austromarxismus. Aufstand der Vernunft. Wien 2016.

(PHK)