geb. als Paul Hirsch am 16.8.1892 in Wien – gest. am 9.11.1975 in Kew bei Melbourne; Schriftsteller, Kritiker, Literaturtheoretiker, Übersetzer

Den in Budapest aufgewachsenen Berufschemiker Paul Hatvani zog es bereits im Alter von 19 Jahren in die literarische Öffentlichkeit. Erste Veröffentlichungen in Der Sturm und im Brenner, dessen Herausgeber Ludwig von Ficker durch seine Kritik an H.’s Denken und Stil eine Art Mentorfunktion einnahm, bildeten eine Grundlage für den Sammelband Salto Mortale. Aphorismen, Essays, Skizzen (1913). H. hatte neben Bekanntschaften mit Fritz Lampl und Albert Ehrenstein Kontakt zu Hermann Broch, der ebenso wie H. in der Textilindustrie tätig gewesen ist.

H.’s intensive Auseinandersetzungen mit der Epoche des Expressionismus, die er als Literatur- und Kunstrevolution gegen die Tradition auffasste, fanden ihren Höhepunkt in seinem Werk Versuch über den Expressionismus, das 1917 in der Aktion publiziert wurde. Ab diesem Zeitpunkt ist er mit seiner vielfältigen Arbeit, durchgängig von Bezügen zu Karl Kraus, Altenberg und Heinrich Mann geprägt, im Prager Tagblatt, im Aufschwung, in Der Friede oder der Weltbühne vertreten. Ab 1921 ist H. zeitweise als Redakteur der Zeitschriften Moderne Welt. Almanach der Dame und Die Zone tätig und veröffentlicht auch in Zeitungen wie Der Kampf oder Die Waage. Ab Mitte/Ende der 1920er Jahre publizierte er jedoch nur noch gelegentlich. Einen repräsentativen Text der zwischen 1924 und 1933 entstandenen Erzählungen stellt noch Der Gast dar – Haltlosigkeit, Verdrängung und Verlust der Identität lassen die Gedanken des Ich im Wahn auf der Suche nach Antworten verschwimmen. Die Beunruhigungen jener Jahre werden hierbei deutlich spürbar.

1965 trat der Autor nach seinem Exil in Australien erneut in die literarische Öffentlichkeit – überlegt und distanziert blickt er auf seine anfänglichen Reflexionen zurück. H. hielt Vorträge an der Monash University und vor der australischen Goethe Society. Er publizierte bis zu seinem Tod Prosa, Kritiken und Aufsätze in verschiedenen Zeitschriften, darunter in Literatur und Kritik, das Neue Forum oder Akzente – hier erschien 1973 der autobiographische Essay Nicht da, nicht dort: Australien, eine rückblickende Zusammenfassung der Situation H.‘s während seiner Flucht ins Exil im Jahr 1939.


Weitere Werke (Auswahl)

Klassisches Fragment. (In: Die Aktion 7, 1917); Von und über Karl Kraus (In: Die Weltbühne 14, 1918, H.17); Wir haben keine Zeit! [Manifest] (In: Das Flugblatt 1, 1918, H.3); Prosaisches Weltbild (In: Die Neue Schaubühne 2, 1920, H.2); Dostojewski, Russland, Europa (In: VER! 3, 1921, H.35); Der russische Mensch (In: Die Waage, 4/1923), Auf Alfred Polgars Werk. [Gedicht-Apologie] (In: Die Weltbühne 22, 1926, H.33)

Quellen und Dokumente

Paul Hatvani: Über den Expressionismus. Vorspruch des Autors. In: Bulletin des Leo-Baeck-Instituts (Tel Aviv) 8, H. 31, 1965, S.177-179, Nachruf: Harry Zohn: Paul Hatvani (Hirsch) gestorben. In: Aufbau 41 (1975), H. 49, 5.12.1975, S. 21.

Literatur

Siglinde Bolbecher/Konstantin Kaiser: Lexikon der Österreichischen Exilliteratur (1999), Ernst Fischer (Hg.): Hirnwelten funkeln. Literatur des Expressionismus in Wien (1988), Wilhelm Haefs: „Der Expressionismus ist tot… Es lebe der Expressionismus.“ Paul Hatvani als Literaturkritiker und Literaturtheoretiker des Expressionismus. In: Klaus Amann/Armin Wallas (Hg.): Expressionismus in Österreich (1994), 453-485, Silke Hesse (Hg.): Nachwort. In: Paul Hatvani: Die Ameisen (1994), Walter Ruprechter:  Hatvani, Paul. In: Walter Killy (Hg.): Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Bd. 5 (1990), Armin A. Wallas: Texte des Expressionismus. Der Beitrag jüdischer Autoren zur österreichischen Avantgarde (1988), ders.: Hatvani, Paul. In: ders. Zeitschriften und Anthologien des Expressionismus in Österreich: analytische Bibliographie und Register. Bd. 1 (1995), 583 [Online verfügbar], Zawodny, Angelika: „[…] erbau ich täglich euch den allerjüngsten Tag.“ Spuren der Apokalypse in expressionistischer Lyrik. Dissertation (1999) [Online verfügbar]

Nachlass: Department of German Studies, Monash University, Clayton (Australien

(SK)